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Archive for the ‘Humanitäre Hilfe / Rot-Kreuz-Zentrum’ Category


Die Leute, die sich rühmten, eine Revolution gemacht zu haben, haben noch immer am Tag darauf gesehen, daß die gemachte Revolution jener, die sie machen wollten, durchaus nicht ähnlich sah.

Friedrich Engels

Geschieht die Zertrümmerung des Staates durch revolutionäre Elemente, so wird der geschichtliche Kreislauf immer in verhältnismäßig kurzer Zeit zur Diktatur, zur Gewaltherrschaft, zum Absolutismus zurückführen, weil auch die Massen schließlich dem Ordnungsbedürfnis unterliegen.

Otto von Bismarck

Massenerschießungen sind ein legitimes Mittel der Revolution.

Wladimir Uljanow alias Lenin

Zum heutigen hundersten Jahrestag der „Oktoberrevolution“, die nichts anderes als ein Staatsstreich war, marschieren auch in Wladimir wieder alte und neue Kommunisten, die dem Dogma anhangen: „Lenin lebte, Lenin lebt, Lenin wird leben.“ Sie sollten lieber die Toten beklagen, die dessen „Diktatur des Proletariats“ auf dem blutroten Gewissen hat.

Als Kontrapunkt zum Schrecken der Geschichte heute eine Geschichte aus der Partnerschaft, die Menschlichkeit in diesen Gedenktag bringt:

Sascha, ein Waisenkind wie viele. Für mich aber ein besonderes. Er ist im selben Alter wie meine Tochter und begegnete mir bei meinem Praktikum in der Kinderpsychiatrie in Wladimir 2006. Mittlerweile ist er erwachsen, aber vielleicht auch schon nicht mehr am Leben. Wegen seiner unzähligen Ausbruchsversuche aus Waisenhäusern und Selbstmordversuche habe ich seine Spur verloren. Vergessen habe ich ihn nie.

Junge aus dem Waisenheim

Bei Besuchen in den russischen Heimen sah ich viele Kinder, deren Zukunft leider ebenso düster ausschaut. Seitdem hat sich aber schon viel getan. Es gibt viele Bemühungen von öffentlichen und privaten Stellen, die Situation der Kinder zu verändern. Ein Netzwerk aus ehrenamtlichen Helfern macht es möglich, Spenden auch aus der Partnerstadt Erlangen direkt den Waisenhäusern in Wladimir als Sachwert zukommen zu lassen.

Auf dem Spielplatz

Dem Karl-Liebknecht Waisenhaus konnte dieses Jahr wieder eine private Spende überbracht werden. Anläßlich des Todes meines Vaters im vergangenen Jahr spendeten Freunde und Familienmitglieder einen erfreulichen Betrag. Hiermit konnten Sitzmöglichkeiten für den Garten und ein Motoriktuch für die pädagogische Arbeit angeschafft werden.

Anastasia Blasch bei der Spendenübergabe im Karl-Liebknecht-Waisenheim

Ein sehr, sehr großes Dankeschön geht hier an Anastasia Blasch, Peter Steger, Jelena Borisowna und  viele andere, die den Austausch zwischen Erlangen und Wladimir möglich machen.

Die Gefangenschaft meiner Großeltern in Sibirien, die sich dort kennenlernten, und die Erlebnisse meines Vaters in der Kriegsgefangenschaft haben tiefe Wunden hinterlassen. Dennoch konnte ich meinem Vater durch meine Reisen nach Wladimir und die vielen wertvollen Freunde das Land wieder näher bringen. Er war offen für meine Freunde und all die Eindrücke die ich sammeln durfte. Den Berichten von meinen Reisen folgte er mit großem Interesse. Wenn er uns sehen kann, wird er dieser Spende sein Lächeln schenken. Da bin ich mir ganz sicher.

Mein Vater

Es ist übrigens gar nicht so schwer, die Waisenhäuser zu unterstützen. Einfache Artikel, die für uns nur eine Kleinigkeit bedeuten, können den Waisenhäusern eine große Hilfe sein. Haarbänder, Socken, Toilettenpapier und Windeln werden reichlich benötigt. Bei der nächsten Reise nach Wladimir gibt es bestimmt noch einen Platz im Koffer für eine kleine Spende?

Christine Hubrach

Wer mit einer Geldspende helfen möchte, überweise seinen Betrag auf: Stadtsparkasse Erlangen, BIC/SWIFT-Code: BYLADEM1ERH, IBAN DE79 7635 0000 0000 0000 31, Empfänger: Stadt Erlangen, Verwendungszweck: EIN-HILFEWLAD-17/0117537 Waisenheim

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Montag, 7. August, Flug LH 2162 aus München ist fast pünktlich. Peter Steger und ich holen unsere Gäste aus Wladimir am Albrecht Dürer Airport in Nürnberg ab. Der Vorstand des Roten Kreuzes in Wladimir kommt mit seiner Vorsitzenden, Olga Antropowa. und ihrem Stellvertreter, Wladimir Prosor. auf Einladung des Erlanger Fördervereins zur Unterstützung des Roten Kreuzes in Wladimir zu einem intensiven Informationsbesuch nach Erlangen. Gemeinsam suchen wir nach neuen Ideen und Wegen, um die unzureichende häusliche Versorgung schwerkranker Menschen in Wladimir zu verbessern.

Hans Ziegler, Melitta Schön, Wladimir Prosor, Olga Antropowa und Nadja Steger

Am Dienstagmorgen geht es schon um 7.30 Uhr los. Als Dolmetscherin begleitet uns Anastasia Blasch, eine Wladimirerin, die seit zwei Jahren in Erlangen lebt. Wir fahren zum Roncallistift, wo die Gäste nach kurzer Einführung durch Adelheid Seifert (Leitung Pflege und soziale Dienste) direkt beim Pflegerundgang im Bereich des betreuten Wohnens dabei sein können. In den Diskussionen werden alle Aspekte in Zusammenhang mit der Pflegeversicherung in Deutschland behandelt, eine gute Grundlage für die weiteren Gespräche in den folgenden Tagen. Bemerkenswert schon hier, die herzliche Aufnahme und die umfassende Information durch die Mitarbeiter des Stifts, ein Eindruck, der sich in allen Folgeveranstaltungen wiederholt hat!

Anastasia Blasch, Adelheid Seifert, Wolfram Howein, Olga Antropowa und Wladimir Prosor

Am späteren Vormittag besuchen wir SAPVPalliativa (Spezialisierte Ambulante Palliativversorgung), eine gemeinnützige GmbH, gegründet vom Hospizverein Erlangen e. V. und dem Hausärzteverein Erlangen und Umgebung e. V.. Die Ärztin Anette Christian informierte uns gemeinsam mit einem Team ausführlich über das Leistungsangebot. In der angeregten Diskussion bleibt keine der vielen Fragen unbeantwortet. Begleitet wird die Diskussion von Jürgen Binder, einem Freund der Partnerschaft und Gründer des Hausärztevereins Erlangen und Umgebung.

SAPVPalliativa-Team mit Anette Christian (Mitte), Olga Antropowa, Wladimir Prosor, Anstasia Blasch und Jürgen Binder (ganz rechts)

 

 

Nachmittags steht ein Besuch des Rot-Kreuz Altenheims in Etzelskirchen an. Sein Leiter, Jan Pyschny, gleichzeitig auch stellvertretender Geschäftsführer des BRK Erlangen-Höchstadt und Leiter der ambulanten Pflegedienste, erwartet uns. Auf der Terrasse am großen Garten seiner Einrichtung diskutieren wir Themen der stationären und ambulanten Pflege. Mit der „Dementen WG“ kommt eine für die Russen neue Idee aufs Tapet. Besonders beeindruckend ist für unsere Freude der Streichelzoo im Eingangsbereich des Hauses.

Anastasia Blasch, Wladimir Prosor, Jan Pyschny und Olga Antropowa

Über die Pflege und Betreuung demenzkranker Menschen erfahren wir am Mittwochvormittag. Unser Ziel ist der Förderverein zur Unterstützung der Tagespflege am Martin-Luther-Platz e.V. Die Leiterin, Kristin Kalden, erwarten uns, und wir erleben, wie Menschen, die wegen ihrer eingeschränkten Fähigkeiten Hilfe benötigen, liebevolle und kompetente Zuwendung erfahren. Die Besucher kommen an vorher vereinbarten Tagen, meistens für den ganzen Tag. Ein Bus des BRK sorgt für den Transport. Die Kosten können z. T. mit der Pflegeversicherung abgerechnet werden, der Verein braucht aber die Unterstützung seiner Mitglieder und anderer Spender. Wir erfreuen uns an der abwechslungsreichen und häuslichen Atmosphäre der behindertengerecht ausgestatteten großen Wohnung und bekommen umfassende Antworten auf unsere Fragen.

Danach gehen wir zum Verein Dreycedern e.V. am Altstädter Kirchenplatz. Brigitta Hildner, im Verein verantwortlich für den Betreuungsbereich, hat ihre Mittagspause für uns geopfert und informiert umfassend über das Konzept der fachlich geschulten „Betreuungspaten“, ehrenamtlich tätige Menschen, die die Familien mit dementen Angehörigen durch Aufklärung und Beratung sowie durch stundenweise Unterstützung und Aktivierung zuhause entlasten. Umfangreiche Schulungsangebote und Gesprächskreise im Haus des Vereins runden das Angebot ab.

Brigitta Hildner, Wladimir Prosor, Olga Antropowa und Anastasia Blasch

Der Nachmittag gehört dem Roten Kreuz in der Henri-Dunant-Straße in Erlangen. Mit dem Vorstand und Mitgliedern des Vorstandes des Fördervereins diskutieren wir die bisherigen Aktivitäten in Wladimir und die Ziele für die noch zu vereinbarende Weiterarbeit. In der Diskussion sind wir uns einig: Nachhaltigkeit und Eigenständigkeit der zukünftigen Aktivitäten sind die wichtigsten Voraussetzungen für die weitere Unterstützung durch den Förderverein.

Wolfram Howein, Olga Antropowa, Wladimir Prosor, Brüne Soltau, Melitta Schön, Jürgen Üblacker und Barbara Wittig

Ein Ergebnis der bisherigen Aktivitäten in Wladimir sind Pflegekurse für Angehörige schwerkranker Menschen. Olga Antropowa berichtet über daraus entstandene neue Kontakte:

Wir arbeiten jetzt erfolgreich mit dem Institut für Justiz zusammen, wo Fachkräfte für den Strafvollzug und die Rechtsprechung ausgebildet werden. Unsere Pflegekurse finden dort großen Anklang und helfen sicher, die Versorgung von Patienten in Gefängnissen oder in U-Haft zu verbessern. Von diesem guten Beispiel ausgehend, planen wir jetzt auch eine Zusammenarbeit mit Polizei, Feuerwehr, Katastrophenschutz und weiteren staatlichen und ehrenamtlichen Einrichtungen, die bisher alle nur eine Grundausbildung in Erster Hilfe erhalten. Ich denke, auch die Politik versteht zunehmend, wie wichtig unser Beitrag zum Gesundheitswesen ist.

Olga Antropowa, Melitta Schön und Wladimir Prosor

Abschließend gibt es einen Rundgang durch die Einrichtungen des Zentrums, dessen Umfang und technischer Stand tief beeindrucken.

Wladimir Prosor und Olga Antropowa auf dem Weg nach Jena

Das Regio-Ticket Franken-Thüringen bringt uns drei am Donnerstag ab 9 Uhr für nur 32 € nach Jena (hin und zurück), wo uns mittags am Bahnhof bereits Iwan Nisowzew, ein in Jena lebender Ingenieur aus Wladimir, und Robert Hebestreit, Pflegedirektion des Universitätsklinikums Jena, erwarten. Iwan wird die Rolle des Übersetzers übernehmen. Bei Pelmeni in einem russischen Bistro im Stadtzentrum kommt Peter Schreiber, der Vorsitzende des DRK-Kreisverband Jena-Eisenberg-Stadtroda e.V., hinzu. Mit ihm besuchen wir die Rettungsleitstelle Jena und die DRK-Rettungszentrale, wo unsere Gäste die neuesten technischen Einrichtungen der Notarztfahrzeuge bestaunen. Anschließend erfahren wir an der Schule Duolinga, wie das Rote Kreuz in Jena sogar eine zweisprachige Grundschule und insgesamt fünf Kindertagesstätten betreiben kann. Auf dem Parkplatz des DRK-Zentrums fallen die in Reih und Glied aufgestellten Kleinwagen des Pflegedienstes auf, in Wladimir müssen die Pflegekräfte bisher mit dem öffentlichen Personennahverkehr klarkommen! Peter Schreiber erläutert uns abschließend noch die Organisationsstrukturen seiner Einheit.

Peter Schreiber, Norbert Hebestreit, Olga Antropowa und Wladimir Prosor

In der abschließenden Diskussion mit Norbert Hebestreit und Iwan Nisowzew können noch Details der geplanten Folgebesuche und Kontakte mit dem Universitätsklinikum Jena geklärt werden, außerdem wird über mögliche Schulungen und Praktika russischer Pflegekräfte in deutschen Einrichtungen diskutiert. Dazu wären aber – wie bei der Zusammenarbeit mit der Wladimirer Psychiatrie – vorher Deutschkurse zu absolvieren. Voller Ideen und Eindrücke kommen wir gegen 21 Uhr wieder in Erlangen an.

Georg Meyer, Wolfgang Köstner, Melitta Schön, Olga Antropowa, Wladimir Prosor und Waldemar Wagner

Mit dem Freitagvormittag endet das Informationsprogramm. Wir fahren zum Hospizverein Eckental und Umgebung e.V., wo uns der Vereinsvorstand mit Georg Meyer, Melitta Schön und Wolfgang Köstner sowie die Koordinatorin Frieda Meier erwarten. Waldemar Wagner, wieder ein Wladimirer der in Franken seine neue Heimat gefunden hat, unterstützt uns als Dolmetscher. Es geht hier um die Begleitung sterbenskranker Menschen auf ihrem letzten Lebensabschnitt, nach Möglichkeit in häuslicher Umgebung. Ca. 40 ehrenamtliche, durch den Verein ausgebildete Hospizbegleiter haben in den letzten Jahren etwa 60 Patienten begleitet. Wir können uns ausführlich über die Arbeit des Vereins, der über eigene Räume verfügt, informieren. Ein Sonderthema ist die in der Russischen Föderation so nicht bekannte Patientenverfügung.

Zurück in Erlangen, erwartet uns ein Gespräch mit der Bürgermeisterin Susanne Lender- Cassens, die als gelernte Krankenschwester die Gelegenheit nutzen will, den Austausch bei ihrem Besuch im September fortzusetzen.

Wladimir Prosor, Wolfram Howein, Olga Antropowa und Susanne Lender-Cassens

Nachmittags ist Sightseeing angesagt. Wieder unterstützt durch Anastasia Blasch, fahren wir nach Bamberg und erkunden die Altstadt, natürlich darf eine Rauchbierprobe im Schlenkerla nicht fehlen. Die Smartphones leisten als Fotoapparate Schwerstarbeit, und im Rosengarten der Residenz stoßen die Akkus an ihre Grenzen, es reicht aber noch für eine abschließende Fotoserie bei den Fachwerkfassaden am Forchheimer Rathaus im strömenden Regen!

Der Samstag stand dann für unsere Freunde aus Wladimir zur freien Verfügung. Sie berichteten am Sonntag über den schönen Tag in Nürnberg, als Peter Steger und ich Sie morgens um 6 Uhr zum Flughafen bringen. Eine Woche mit intensiven und neuen Eindrücken geht zu Ende, von der Wladimir Prosor meint, sie sei ihm vorgekommen wie ein ganzer Monat.

Es bleibt mir ein herzliches Dankeschön an alle, die an den Treffen teilgenommen und mitgeholfen haben. Ein besonderer Dank gilt Anastasia, Iwan und Waldemar, die als Dolmetscher ihre Freizeit für diesen Besuch geopfert haben. Bleibt zu hoffen, aus dem Besuch entstehen im Laufe der Jahre noch neue Ideen für die Aktivitäten des Roten Kreuzes in Wladimir.

Wolfram Howein

Was Wolfram Howein sich selbst nicht aussprechen kann, sei hier nachgeholt: Danke und спасибо für die Vorbereitung des Programms und die Begleitung durch die intensiven Tage. Die glücklichen Gäste werden es ihm nicht vergessen!

 

 

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Beide sind sie zum ersten Mal in Erlangen, und doch verbindet beide Gäste aus Wladimir eine lange und ganz persönliche Geschichte mit der deutschen Partnerstadt. Olga Antropowa brachte ihren Sohn 1994 zur Welt, als die russische Wirtschaft, insbesondere auch das Gesundheitswesen, am Boden lagen und die Aktion „Hilfe für Wladimir“ noch auf Hochtouren lief. Nicht einmal der Großvater des Jungen, der heute selbst Arzt ist, konnte als Leiter eines Krankenhauses helfen: Es gab einfach nirgends Babynahrung im Fall, daß Mütter nicht stillen konnten. „Wenn damals nicht die Hilfslieferungen aus Erlangen und das Bayerische Rote Kreuz gewesen wären… Wer weiß, ob ich den Kleinen durchgebracht hätte. Noch heute läuft es mir heiß und kalt über den Rücken, wenn ich daran denke“, erinnert sich die stellvertretende Leiterin der Berufsfachschule für Krankenpflege und seit einem Jahr ehrenamtliche Vorsitzende des Roten Kreuzes Wladimir.

Wolfram Howein, Olga Antropowa, Wladimir Prochor, Brüne Soltau, Melitta Schön, Jürgen Üblacker und Barbara Wittig

Wladimir Prochor ist seit 1965 mit dem Roten Kreuz in Wladimir verbunden und hatte eine Vielzahl von Leitungsfunktionen im Gesundheitswesen, später auch in der regionalen Verwaltung, inne. In den 90er Jahren allerdings, während der intensivsten Zeit der humanitären Zusammenarbeit mit dem Kreisverband Erlangen-Höchstadt des BRK, war der gelernte Mediziner als stellvertretender Leiter des städtischen Gesundheitsamtes tätig und machte die ganzen Ausschreibungen für die Medikamente und Verbrauchsmaterialien, die vor Ort mit Spendenmitteln gekauft wurden, um sie dann an Wladimirer Krankenhäuser abzugeben. Seit fast zwanzig Jahren betreut Wladimir Prochor ehrenamtlich als Koordinator die Programme des Roten Kreuzes in der russischen Partnerstadt und steht nun Olga Antropowa als Stellvertreter zur Seite. Ein gutes Doppel, von dessen einwöchigen Arbeitsprogramm hier bald mehr zu lesen sein wird.

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Gestern begleiteten Verwandte, Angehörige und Freunde eine großartig den Menschen zugewandte Frau auf ihrem letzten Weg, ganz im Geiste des Psalms „Befiehl dem Herrn deine Wege, er wird’s wohl machen“, den sie noch selbst für ihre Trauerfeier – ebenso wie die Lieder – ausgewählt hatte. Dabei machte Lieselotte Rossa, mit 92 Jahren im Kreis der Familie verstorben, sicher vieles wohl im Leben – eher im stillen und verborgenen, dafür mit ungeteilter Aufmerksamkeit und behutsamem Feingefühl, stets unterstützt vom Serviceklub „Inner Wheel“, an dessen Gründung sie 1993 mitgewirkt hatte. Vielen kam dieses Wohl zugute, in Erlangen vor allem alten Menschen, in Wladimir vornehmlich alleinerziehenden Müttern.

Lieselotte Rossa

Es war 1999, als Lieselotte Rossa, mit 20 Jahren aus der Kleinstadt Johannisburg im ermländischen Masuren vor der Roten Armee geflohen, einen Kreis von etwa einem Dutzend Familien ins Leben rief, die monatlich einer jungen Familie in der Partnerstadt einen individuell festgelegten Betrag zukommen ließen. Um gegenseitige Abhängigkeiten und Verpflichtungen zu vermeiden, vereinbarte man Anonymität, die Verteilung der Spenden übernahm der Wladimirer Kinderschutzbund je nach Bedürftigkeit. Bis heute gibt es aus diesem Kreis Überweisungen für Wladimirer Mütter in Not. Auch über ihren Tod hinaus also wirkt nach, was Lieselotte Rossa zu ihren Lebzeiten wohl gemacht. Dennoch: Der Weggang dieser Wohltäterin schmerzt – auch weil die Verstorbene jener Generation angehörte, die Krieg, Flucht und Vertreibung am eigenen Leib erlebten und dennoch in sich die Kraft fanden, nicht im Zorn zurückzublicken, sondern die Verständigung mit dem einstigen Feind zu suchen, ihm die Hand zu reichen. Dieses Vorbild, Versöhnung zu leben, wird ebenso fehlen wie der Mensch Lieselotte Rossa. Wer sie kannte, wird ihr ein dankbares Gedächtnis bewahren.

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An der Spitze des Russischen-Rot-Kreuz-Ortsverbands Wladimir hat sich ein reibungsloser Wechsel vollzogen. Die bisherige Leiterin, Olga Dejewa, der das Rote Kreuz in der Partnerstadt einen überaus gelungenen Neustart verdankt, konnte ihr Amt als Vorsitzende nach der Wahl zur Oberbürgermeisterin im Herbst 2015 nicht länger wahrnehmen und übertrug diese ehrenamtlichen Aufgaben zunächst an ihre Stellvertreterin, Irina Sokolowa, die mittlerweile die Geschicke der Hilfsorganisation auf regionaler Ebene lenkt, nachdem nun in Olga Antropowa eine Nachfolgerin für die Geschäftsführung des Ortsverbandes gefunden ist. Mit der stellvertretenden Direktorin der mehr als einhundert Jahre alten Berufsfachschule für Krankenpflege mit mehr als eintausend Ausbildungsplätzen steht nun eine überaus erfolgreiche Frau an der Spitze des Wladimirer Roten Kreuzes, machen doch so gut wie alle Krankenschwestern, Hebammen und Kräfte in den Bereichen Zahntechnik sowie Pharmazeutik – jährlich mehr als eintausend – in der Partnerstadt ihren Abschluß an diesem Institut. Mehr noch: Auch 600 bis 800 Mediziner – alle fünf Jahre müssen sie eine Fortbildung machen – erhalten hier Jahr für Jahr ihre Zertifizierungen. Im vergangenen Jahr kam dann auch noch eine überregionale Anerkennung mit der Aufnahme in die Liste der besten einhundert Lehreinrichtungen landesweit. Seit mehr als zehn Jahren gibt es einen Austausch mit der Universität von Illinois (Wladimir ist Partnerstadt von Bloomington-Normal, unweit von Chicago gelegen), während die Zusammenarbeit mit der tschechischen Partnerstadt Aussig an der Elbe, Ústí nad Labem, leider zum Erliegen kam. Doch schon zeichnet sich eine neue Kooperation mit Jena ab, von der Ende des Monats zu berichten sein wird. Hier nur so viel: Die Vorarbeiten verlaufen ausgesprochen vielversprechend.

Olga Antropowa, Irina Chasowa und Olga Dejewa

Olga Antropowa, Irina Chasowa und Olga Dejewa

 

Am Mittwoch nun konnte Irina Chasowa, Direktorin des Erlangen-Hauses, im Beisein von Oberbürgermeisterin, Olga Dejewa, 600 Euro an Olga Antropowa übergeben, eine Spende des Fördervereins Rotes Kreuz Wladimir, bestimmt für die Versorgung der noch aus dem Vorjahr übernommenen Patienten des Programms „Häusliche Pflege“. Dieses bisherige „ambulante Hospiz“ soll nun seitens des Wladimirer Roten Kreuzes eine neue Stufe erreichen, indem Angehörige von schwerkranken Menschen eine Grundausbildung in der Pflege erhalten, handwerklich wie psychologisch. Wie das gelingen kann? Dazu gibt es schon viele Vorstellungen, etwa mit der Gründung eines Vereins „Pflegeschule“, wo auch Freiwillige aus der Berufsfachschule oder angehende Mediziner Praktika ableisten können und ihre Kenntnisse an die pflegenden Angehörigen weitergeben. Olga Antropowa hat sich darüber hinaus schon der Unterstützung durch die deutsche Hartmann-Gruppe versichert, die auch in Wladimir mit ihren Produkten für Medizin und Pflege vertreten ist. Noch läuft die Werbung von Mitgliedern für den Verein über die Medien, ab März dann gibt es monatlich bis Jahresende Fachvorträge und Schulungen zu Themen der Pflege. Wenn so viel Gutes getan wird, kann auch die Stadtverwaltung Wladimir nicht umhin, Unterstützung zu geben – in Form eines Zuschusses in Höhe von 50.000 Rubel, der Übernahme der Miet- und Nebenkosten für Räumlichkeiten sowie der Anschaffung des notwendigen medizinischen Geräts. Bei all dieser Selbsthilfe wird es sicher auch aus Erlangen noch weitere Unterstützung über die 600 Euro hinaus geben, sei es, um den Lehrkräften eine Anerkennung zukommen zu lassen, sei es, um weiteres Unterrichtsmaterial anschaffen zu können oder Fortbildungen zu übernehmen, vielleicht auch – in besonders schweren Fällen – Patenschaften für Familien. Es gibt jedenfalls noch viel Gutes zu tun – gemeinsam.

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Valeria und Stella haben sich bestens präpariert: Im Wechselgesang tragen sie in makellosem Russisch vor, wie die Klasse 4c der Heinrich-Kirchner-Schule im Advent mit dem Pausenverkauf von Leckereien und Kuchen richtig viel Geld für das Kinderkrankenhaus in Wladimir eingenommen hat: insgesamt 210 Euro.

Valeria und Stella mit der Spende

Valeria und Stella mit der Spende

Die Schüleraktion, von Klassenlehrerin Christine Delfs im Jahr 2000 ins Leben gerufen, gehört immer zu den bewegendsten Momenten in Diensten der Städtepartnerschaft. So auch gestern gleich in der ersten Unterrichtsstunde, wenn die Kinder, noch ganz frisch und aufgeweckt, es gar nicht erwarten können, mit ihren von Jahr zu Jahr und von Klasse zu Klasse immer wieder anderen und neuen Fragen zu Wladimir und dem dortigen Kinderkrankenhaus vom „Gastlehrer“ aus dem Rathaus aufgerufen zu werden.

Christine Delfs mit ihrer 4c

Christine Delfs mit ihrer 4c

Unerwartet dieses Mal das große Interesse am Schüleraustausch, für den die Jahrgangsstufe natürlich noch zu jung ist, und die Frage, ob es ähnliche Aktionen denn auch an anderen Erlanger Schulen gebe. Schön wäre es ja, allerdings ist davon dem Chronisten bisher nichts bekannt. Aber, wer weiß, vielleicht nimmt sich ja einmal noch jemand ein Beispiel an der großartigen Spendenaktion der Klasse von Christine Delfs, von der hier mehr zu lesen ist: https://is.gd/pC5y28

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1907 erschienen in Jena Lew Tolstojs „Gedanken über die Volksbildung“ in deutscher Sprache, ohne allerdings zunächst größeren Einfluß auf die westliche Pädagogik zu gewinnen. Reformschulen freilich machten sich die Überlegungen des großen russischen Dichters und Denkers durchaus zueigen:

Alle sind sich darüber einig, daß die Schulen unvollkommen sind (ich bin sogar überzeugt, daß sie schädlich sind). Alle sind sich einig, daß sie noch sehr der Verbesserung bedürfen, und daß diese Verbesserungen darin bestehen müssen, den Schülern das Lernen zu erleichtern. Jeder gibt zu, daß man zu diesem Zwecke die Bedürfnisse der Kinder im Alter der Schulpflicht studieren muß, sowie überhaupt die Bedürfnisse eines jeglichen Standes im besonderen. Was geschieht aber, um dieses schwere und komplizierte Studium zu ermöglichen? Schon seit vielen Jahrhunderten wird eine jede neue Schule nach dem Muster aller bisherigen Schulen eingerichtet, die ihrerseits wiederum nach dem Muster noch früherer Schulen eingerichtet waren, und in jeder dieser Schulen ist das höchste Gesetz: die Disziplin; es ist den Schülern verboten zu reden, zu fragen, sich den einen oder den andern Lehrgegenstand selbständig zu wählen – mit einem Wort, es sind alle Maßregeln getroffen, damit der Lehrer sich keinen Begriff von den besonderen Bedürfnissen der einzelnen Schüler bilden kann.

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Die auf dem Prinzip des Zwanges beruhende Einrichtung der Schule schließt jede Möglichkeit eines Fortschritts aus; und wenn man denkt, wieviel Jahrhunderte schon hingegangen sind, seit man sich bemüht, den Kindern Fragen zu beantworten, die sie niemals stellen, und wie weit unser heutiges Geschlecht von der alten Form der Bildung entfernt ist, die man heute noch der Jugend eintrichtert, so kann man kaum begreifen, wie sich unsere Schulen überhaupt noch halten können. Die Schule sollte doch ein Mittel zur Bildung und zugleich eine Stätte sein, die uns neue Erfahrungen über unsere Jugend vermittelt, und zu neuen Erkenntnissen über sie hinleitet. Erst wenn die Erfahrung zur Grundlage der Schule gemacht werden wird, erst wenn die Schule sozusagen ein pädagogisches Laboratorium geworden ist, dann erst wird die Schule nicht hinter dem allgemeinen Fortschritt zurückbleiben und dann wird auch die Beobachtung imstande sein, feste Grundlagen für die Wissenschaft der Erziehung zu schaffen.

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Was der Autor von „Krieg und Frieden“ oder „Anna Karenina“ als Ziel der Schulbildung begriff, kann man erfahren, wenn man – wie am vergangenen Dienstag – den Pausenverkauf in der Heinrich-Kirchner-Schule für das Kinderkrankenhaus Wladimir miterlebt. Die Schulkinder gestalten selbst eine Aktion, schaffen sich ihr eigenes „Laboratorium“, wo sie all die Elemente zusammenmischen, die sie und wir alle einmal für den „allgemeinen Fortschritt“ benötigen, sie bilden einen Raum des Miteinander, des Mitwirkens – und das im Rahmen eines Marktes, dessen Gesetze nicht auf Verdrängung und Gewinnmaximierung gerichtet sind, sondern das Gemeinwohl im Auge haben, wo jeder nach seinen besonderen Bedürfnissen und Fähigkeit aktiv ist und als willkommene Nebenwirkung auch noch etwas Gutes tun kann.

Christine Delfs mit ihren

Christine Delfs mit ihren „Pausenkindern“

Es ist Christine Delfs wieder einmal zu danken, wenn diese Hilfsaktion für kranke Kinder in Wladimir auch in diesem Advent fortgesetzt wird, eine wohltätige Initiative der Lehrerin, die früh dazu erzieht, auch die Bedürfnisse anderer im Auge zu haben und über die Grenzen des eigenen engeren Umfeldes hinaus zu handeln. Man kann es nicht oft genug sagen: besonders wichtig gerade in unseren Zeiten der fortschreitend regressiven nationalen wie individuellen Selbstbegrenzung.

Bilder: Doris Hinderer

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