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Archive for the ‘Gesichter’ Category


In der vorvergangenen Nacht verabschiedete sich Fritz Wittmann für immer von seiner Frau Elisabeth und Tochter Johanna. Seinen 92. Geburtstag, den er am kommenden Sonntag noch einmal richtig groß hatte feiern wollen, erlebte der Weltkriegsveteran nicht mehr, mit dessen Tod das vielleicht bemerkenswerteste Kapitel der Städtepartnerschaft Erlangen-Wladimir zu Ende geht. Der ehemalige Leiter der Volksschule Möhrendorf schrieb nämlich Geschichte mit seinem Leben für die Versöhnung zwischen Deutschen und Russen. Dabei hatte alles, wie den Stationen seiner Autobiographie zu entnehmen, ganz anders begonnen:

Fritz und Elisabeth Wittmann

Als Hitler an die Macht kam, war ich sechs Jahre alt. Ich kam in die Schule und lernte „deutsch zu fühlen und deutsch zu denken“. Als ich 23 geworden war, kehrte ich aus russischer Kriegsgefangenschaft zurück. Als Kind hatte ich teil an der Illusion der Mehrheit aller Deutschen, der Führer werde Deutschland in eine neue Zukunft führen. Wir sangen schon bald „Deutschland, heiliges Wort“ und von den „Fahnen, die wir fliegen lassen sollten in das große Morgenrot, das uns zu neuen Siegen leuchten sollte oder brennen uns zum Tod“. Daß letzteres so furchtbar wahr werden sollte für Millionen, das dachten wir nicht. Als ich 1944, fünf Tage nach dem Attentat auf Hitler, Soldat wurde, war die Illusion, den Krieg siegreich zu beenden, längst dahin. Daneben blieb aber unvorstellbar, daß wir den Krieg verlieren. Auf dem Weg zur Front an der Oder sagte uns ein Soldat, der von Anfang an an der Ostfront gekämpft hatte: „Wenn wir den Krieg verlieren, dann Gnade uns Gott.“ Zu jener Zeit waren die meisten meiner Kameraden, wie auch ich, überzeugt, daß wir sowieso die Niederlage Deutschlands nicht überleben würden. Zu oft hatten wir gehört, daß es besser sei, „in Ehren zu sterben, als in Schande zu leben“. Anfang Februar 1945 kam ich an die Oderfront. Dort warteten wir bis Anfang März auf den Beginn der russischen Offensive. Nach deren Beginn waren wir drei Tage später in Küstrin-Neustadt schon eingeschlossen. Am Morgen des 11. März wurde mir die erste „Feindberührung“ zu einem Erlebnis, das für mein weiteres Leben von entscheidender Bedeutung wurde. Ich habe diese „menschliche Feindberührung“ in „Der Russe lebt“ 40 Jahre später zu Papier gebracht. In der stundenlangen Nähe dieses Meinesgleichen von der anderen Seite gab ich meiner Mutter das Versprechen, mich auf keinen Fall selbst zu erschießen. (Nach meiner Rückkehr aus der Gefangenschaft erfuhr ich, daß mein Bruder Hans zu dieser Stunde in der Nähe von Danzig gefallen war.) Von da an beschäftigte mich die Vorstellung an ein Leben in Gefangenschaft. Ich fand im Gedanken, daß dort, wo Soldaten herkommen, auch Mütter sind, einen Ausweg in meiner ausweglosen Lage. Wie sehr mir von dieser Mütterlichkeit später Hilfe und Rettung werden würde, ahnte ich damals nicht. Als wir dann in der folgenden Nacht die russische Umzingelung durchbrachen und ich zehn Tage lang mit einer Gruppe von zwölf Mann im bereits von der Sowjetarmee besetzten Westpommern herumirrte, wurde mir klar, daß die Hingabe meines Lebens ein sinnloses Opfer wäre. Als wir am Morgen des 21. März von einer russischen Streife umzingelt waren, ergaben wir uns, ohne Widerstand zu leisten.

1990 verdichtete sich die erste Feindberührung so:

Der Russe lebt

Am 11. März 1945 / rückten wir in unsere Stellung ein / im Waldfriedhof von Küstrin. / Da lag, / das Gesicht mit Tannenreis bedeckt, / ein toter russischer Soldat. / Nur wenige Meter / von unserem Schützengraben entfernt, / ließ er mir keine Ruhe. / Stunde um Stunde kam er mir / in meinen Gedanken näher. / In einer Feuerpause der russischen Granatwerfer / zog es mich zu ihm hin. / Ich hob das Reis und erschrak / über das junge Gesicht. / Ich dachte an seine Mutter und an meine. / Diese Gedanken haben den mir anerzogenen Haß / tödlich verwundet. / Sie retteten mir das Leben. // Nun sind diese erste tote russische Soldat und / seine mir unbekannte Mutter / in meinen Gedanken und Träumen. / Solange ich lebe.

Erlanger und Wladimirer Veteranen, Juni 1995

Aktenkundig ist die Verbindung von Fritz Wittmann zur Städtepartnerschaft seit 1987, als in den Erlanger Nachrichten ein Leserbrief erschien, in dem der im mittelfränkischen Rohr geborene und nun im oberfränkischen Baiersdorf lebende Pensionär Oberbürgermeister Dietmar Hahlweg zu dem mutigen Schritt gratulierte, diesen Kontakt aufzunehmen und davon sprach, Russisch lernen zu wollen, um selbst bei diesen Beziehungen eine aktivere Rolle spielen zu können. Als regelmäßiger Gasthörer im Arbeitskreis Wladimir der Volkshochschule lernte er bald alle entscheidenden Akteure des Austausches kennen und half immer mehr selbst, Begegnungen zu organisieren. Stellvertretend dafür steht das Konzert des Kammerchors Elegie 1990 in Baiersdorf und die Sammlung von Spenden für dessen Mitglieder. Dann, ein Jahr später, der große Schritt, die erste Reise nach Wladimir, zusammen mit der zehnköpfigen ersten Erlanger Veteranendelegation anläßlich des 50. Jahrestages des Überfalls der Wehrmacht auf die Sowjetunion. Bleibend sein Eindruck damals, zum Ausdruck gebracht vom Vorsitzenden des Wladimirer Veteranenverband, Jakow Moskwitin: „Wir wollen uns gegenseitig die Schuld nicht vorhalten.“ Hier, wo er in Nikolaj Schtschelkonogow, der, wie sich herausstellte, dem SS-Mann 1945 in Küstrin unbekannterweise gegenübergelegen hatte, einen zum Freund gewordenen einstigen Feind fand, hier auf dem Platz des Sieges am 22. Juni 1991 in der Partnerstadt muß es wohl gewesen sein, daß Fritz Wittmann seine Friedensmission als persönliche Berufung annahm, gespeist von einer tiefen Spiritualität und einem lebensfrohen Glauben.

Es folgte 1992 der Gegenbesuch der Wladimirer Veteranen, ein Jahr später die Gastspielreise des Veteranenchors mit einem Auftritt in Rohr wie in Baiersdorf, immer umsorgt von Fritz Wittmann, der es verstand, einen ganzen Freundeskreis aufzubauen und einen Kreis „Liebe – Friede – Leben“ zu entwerfen, der in Wladimir gestickt wurde. Wladimir sollte ihn nicht mehr loslassen. Reise auf Reise folgte mit Vorträgen, Gesprächen, immer neuen Freundschaften – und schließlich die Idee, seine vier Jahre währende Gefangenschaft, die ihn bis die Kohlenschächte des Ural führte, ohne je geschlagen worden zu sein, niederzuschreiben und in das 2001 erschienene Buch „Rose für Tamara“ auch die Erfahrungen anderer Wehrmachtssoldaten aufzunehmen, nachdem der Autor bereits 1986 und 1990 Teil 1 und 2 seines aphoristischen Werks „Lachen und Weinen unter dem Apfelbäumchen“ und 1999 zusammen mit seinem jüdischen Freund, Percy Gurwitz, in Wladimir seine „Gereimten Kommentare“ publiziert hatte.

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Oberbürgermeister Florian Janik bei der Überreichung des Friedenskreises an Wladimirer Veteranen mit Jelena Owtschinnikowa, Sergej Sacharow, Peter Steger und Birgitt Aßmus im Erlangen-Haus

„Rose für Tamara“, 2003 in der Übersetzung von Nadeschda Jewrassowa auch in Wladimir herausgegeben, erhielt im Jahr 2002 aus den Händen von Bundespräsident Johannes Rau den „1. Preis für bürgerschaftliches Engagement in Rußland“ und erlebte als Wegbereiter des Erinnerungsbandes „Komm wieder, aber ohne Waffen!“ von Peter Steger vor zehn Jahren eine Neuauflage. 2010 schließlich erfuhr Fritz Wittmann auch in Erlangen die verdiente Auszeichnung mit dem Ehrenbrief für Verdienste auf dem Gebiet der Städtepartnerschaften.

Peter Steger, Alexandra Gräfin von Lambsdorff, Fritz Wittmann, Brüne Soltau, Johannes Rau und Jürgen Ganzmann bei der Preisverleihung 2002 in Berlin

„Land meiner zweiten Geburt“ nannte der Verstorbene Rußland, dessen Schicksal ihn bis in seine letzten Tage beschäftigte und wo man in einer Umarmung „selbst zur Winterszeit noch durch die dickste Wattejacke die Herzlichkeit spürt“. Er teilte diese Erfahrungen mit dem Veteranenkreis um Friedhelm Kröger, trug diese Botschaft aber auch stets auf den Lippen, etwa mit den Zeilen, die er gern rezitierte:

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Fritz Wittmann, Bürgermeisterin Elisabeth Preuß und Oberbürgermeister Siegfried Balleis bei der Verleihung des Ehrenbriefes 2010

Im Krieg begruben wir / auf beiden Seiten unsere Toten. / Nun gedenken wir ihrer gemeinsam / und reichen uns, Deutsche und Russen, / die Hand zum Frieden.

Thomas Rex, Peter Steger, Fritz Wittmann und Nikolaj Schtschelkonogow mit den Friedensspaten, 2008 in Erlangen

Diese „Hand zum Frieden“ ist nun erkaltet. Es ist an uns, einander, Deutsche wie Russen, Herzen und Hände im Geist von Fritz Wittmann zu wärmen und im seinen Sinne darauf zu trinken, daß es nur noch Veteranen des Friedens geben möge. Wie und daß das geht, hat er uns vorgelebt wie kein zweiter.

Der Veteranenkreis um Friedhelm Kröger mit Fritz und Elisabeth Wittmann beim Empfang mit Bürgermeisterin Susanne Lender-Cassens, 2017

P.S.: Ziemlich genau vor zwei Jahren schrieb Tatjana Parilowa, Mitglied des eingangs erwähnten Chores Elegie bei den Auftritten 1990, Fritz Wittmann zu seinem 90. Geburtstag eine Widmung, die hier im Blog erschien: https://is.gd/N2bakX Nur wenige Tage vor seinem Tod hatte die Musiklehrerin ihren Freund noch besucht – als sein letzter Gast aus Wladimir.

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Das ganze Ensemble Rus trauert um unseren Freund, den künstlerischen Leiter der Folkloregruppe Ihna. Lange vor dem Fall des Eisernen Vorhangs und der Berliner Mauer verstand es Eike Haenel als talentierter Organisator und Persönlichkeit des öffentlichen Lebens, über den Kulturaustausch die ersten Schritte zur Aufnahme von freundschaftlichen Verbindungen zwischen unseren Völkern zu unternehmen. Wir werden nie vergessen, wie es ihm im Frühjahr 1989, ungeachtet aller seinerzeitigen Einschränkungen, gelang, eine Gastspielreise für das Ensemble Rus durch ganz Deutschland (von Cuxhaven bis München) zu organisieren. Schon der Grenzübertritt von der Tschechoslowakei in die Bundesrepublik Deutschland – wir kamen mit dem Bus aus Aussig an der Elbe, unserer böhmischen Partnerstadt – hatte es damals in sich: Das Umladen des Gepäcks und der Instrumente vom einen in den anderen Bus verlief per Hand und Pkw-Anhänger, weil es keine Einfahrtserlaubnis für die Erlanger Abholer gab. Später spielte unser Freund die entscheidende Rolle bei der Vermittlung des Kontaktes zur Konzertdirektion Schlote, mit der wir viele Jahre unsere Deutschland- und Europatourneen machten. Viel wichtiger aber als all dies: Für immer bleiben in unserem Gedächtnis das sonnige Lächeln und der vorausschauende Blick dieses lichtdurchströmten Menschen lebendig. Wir bewahren ihm ein würdiges Andenken und wünschen ihm die ewige Ruhe.

Nikolaj Litwinow, künstlerischer Leiter des Ensembles Rus

Eike Haenel, Nina Peschkowskaja, Dietmar Hahlweg und Nikolaj Litwinow, November 2017

Wladimirez und Ihna verbindet schon seit mehr als dreißig Jahren, seit 1987, eine enge Freundschaft. Wir sind Eike sehr dankbar dafür, denn er gab damals den Anstoß zu unserem Austausch. Er war ein ausgesprochen guter, anständiger und recht strenger Leiter… Wir hatten immer wieder Gelegenheit bei Proben seiner Ihna anwesend zu sein und konnten sehen, mit welcher Liebe und Warmherzigkeit die Mitwirkenden Eike begegneten. Was mich persönlich an unserem Freund immer besonders berührte, waren seine selbstlose Hingabe und Liebe zur Sache, die er erledigte. Er dachte sich keine Tänze aus, sondern er suchte sie anhand von historischem Material. Alles, was es da in der alten Zeit gab, übertrug er detailgetreu in sein geliebtes Ensemble. Auch unser Lieblingstanz, der „Schwerttanz“ wurde nach historischen Vorlagen rekonstruiert. Und dann war da noch dieser ganz eigene Wesenszug von Eike… Wenn er uns bei einer Probe zusah und ihm ein Tanz besonders gefiel, klatschte er nicht, sondern sagte still: „Noch einmal.“ Die Truppe war noch nicht zum Verschnaufen gekommen, aber er sagte es so, daß wir diese Nummer ohne zu murren wiederholten. Das konnte übrigens nicht nur bei Proben passieren, sondern geschah so sogar einmal bei einem Konzert in Erlangen. Wir werden unseren lieben Freund nie vergessen. Er war ein wirklich guter Mensch.

Mit viel Liebe für ihn, das Ensemble Wladimirez aus Wladimir

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Silvia und Landulf Jäger mit Nina Peschkowskaja, 2015 in Wladimir

Mit Eike Haenel, der einen Monat nach seinem 80. Geburtstag am vergangenen Sonntag verstarb, verliert tatsächlich nicht nur sein Ensemble den Gründer und ehemaligen Leiter, der Ihna vor 61 Jahren – in Worten: einundsechzig – zum tanzenden und klingenden Instrument der Völkerverständigung machte, sondern auch die Partnerschaft Erlangen-Wladimir hat einen Verlust zu beklagen, der schmerzt wie kaum ein anderer. Der aus Pommern stammende Impresario und Gastgeber für Ensembles aus aller Welt zeichnet zum einen verantwortlich für die – wie man heute sagen würde – Willkommenskultur des von ihm geprägten Freizeitamtes des Stadt Erlangen und nutzte zum andern bereits 1984 die Gelegenheit, mit einer Delegation des Stadtjugendrings in die noch unbekannte sowjetische Partnerstadt zu reisen. Zurück aus Wladimir kam Eike Haenel mit einer neuen Freundschaft, die ihn über drei Jahrzehnte mit Nina Peschkowskaja und deren Ensemble Wladimirez verbinden sollte, mit dem Ihna erst in diesem Jahr wieder gemeinsam auf Tournee war, dieses Mal im Baskenland. Welch ein Vermächtnis dieses großen Mannes der Aussöhnung zwischen Ost und West, welch ein Erbe, das wir antreten. Danke dafür, lieber Freund! Wir müssen es freilich erst noch erwerben, um es zu besitzen.

Die Trauerfeier findet am Freitag, den 23. November, um 15.00 Uhr im Bestattungshaus Utzmann, Marie-Curie-Str. 40, statt.

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Sie begegneten einander 2005 in Tennenlohe, der Bildhauer aus Wladimir, der in dem Erlanger Stadtteil seine Skulptur „Dialog“ schuf, bis heute südlich des Skulpturenparks zu finden, und Helmut Zeitler, der Kunstfreund mit besonderem Bezug zu Wladimir. In Verbindung bleiben die beiden bis heute über die Relaisstationen Rathaus Erlangen und Erlangen-Haus sowie gelegentliche Ferngespräche. Von Zeit zu Zeit kommt es auch zu kleineren Transporten von Kunstwerken als Freundschaftsgaben. Gestern war es wieder einmal so weit.

„Behütet“ von Igor Tschernoglasow

Eine kleine Arbeit nur, ein behütetes Paar, noch als Rohling, in den Händen von Helmut Zeitler, aber welch große Freude in den Augen des Sammlers! Und welch ein Symbol für die Partnerschaft, die ja auch immer wieder neu geschaffen, gestaltet, behauen, interpretiert werden will.

Helmut Zeitler mit der Skulptur von Igor Tschernoglasow „Behütet“

Mitgebracht hat das Kunstwerk Michail Tschischow, der weder den einen, noch den andern kennt, wohl aber als Akteur der Partnerschaft seit 1991, als er mit einer Komsomolzengruppe zum ersten Mal nach Erlangen kam, vertraut ist mit den ungeschriebenen Gesetzen des Austausches: Ein jeder sei des andern guter Bote. Auch wenn man ganz in eigener Sache unterwegs ist – wie der pensionierte Sportlehrer mit seiner Frau Nadeschda, die hier eigentlich nur ihre Freunde besuchen wollten und nun „kollateral“ mit ihrer Fracht Freude stifteten.

Michail Tschischow, Doris Höhle, Nadeschda Tschischowa und Klaus Höhle

Natürlich auch bei Klaus und Doris Höhle, mit denen das Ehepaar aus Wladimir seit fünf Jahren befreundet ist, wo die Weltenbummler bei ihren Expeditionen per Fahrrad oder Geländewagen gen Osten (der Blog berichtete ausführlich) immer einen Zwischenhalt einlegen. Möglicherweise schon im nächsten Jahr wieder, denn es gibt bereits neue Reisepläne und, wie Klaus Höhle zu betonen nicht müde wird: „Nirgendwo fühlen wir uns auf unseren vielen Fahrten durch aller Herren Länder so sicher und wohl, so herzlich aufgenommen und so entspannt wie zwischen Erlangen und Wladimir, wie auf russischen Straßen, bei Begegnungen in russischen Dörfern und Städten.“ Behütet eben. Nicht nur als Skulptur.

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Am Vorabend des Poetenfestes und zu Ehren des Germanisten Wiktor Malygin, der Anfang des Monats für einige Tage Erlangen besuchte und über den mehr hier https://is.gd/3dzq36 zu lesen ist, heute ein Auszug aus dem Poem „Zerfall des Atoms“ von Georgij Iwanow. Als eine der überragenden Gestalten der russischen Emigration vollendete der Dichter diesen Text 1937, der erst jetzt im Berliner Verlag Matthes & Seitz in deutscher Übersetzung von Alexander Nitzberg erschien. Spät, aber zeitlos aktuell in seiner verstörenden Radikalität und in so mancher Aussage, wie der folgenden, die heute wie seherisch für die Postmoderne zu lesen erscheint.

Elisabeth Preuß und Wiktor Malygin

Was gestern noch möglich war, erweist sich heute als undenkbar, unerreichbar. Wer glaubt heute an die Erscheinung eines neuen Werther, die auf einmal in ganz Europa begeisterte Schüsse von faszinierten, berauschten Selbstmördern nach sich zöge? Genauso unverstellbar wäre ein Heft voller Verse, das dem modernen Menschen, der es durchblätterte, echte spontane Tränen entlockte und ihn zum Himmel, zu demselben abendlichen Himmel in schmerzlicher Hoffnung emporblicken ließe. Unmöglich. Und zwar derart unmöglich, daß man bezweifelt, es sei überhaupt jemals möglich gewesen. Neue eiserne Gesetze, die unsere Welt wie nasses Leder hin- und herzerren, kennen keinen Trost in der Kunst. Mehr noch, diese – noch unklaren, bereits unabdingbaren – Gesetze, die in der neuen Welt geboren werden oder die neue Welt gebären, so seelenlos und so gerecht, bewirken genau das Gegenteil: Nicht nur ist es unmöglich, etwas auf geniale Weise Tröstendes zu erschaffen, es ist auch beinahe nicht mehr möglich, sich mit dem Bestehenden zu trösten. Noch gibt es Menschen, die fähig sind, Anna Kareninas Los zu beweinen. Noch stehen sie auf jenem mit ihnen zusammen schwindenden Grund, in den das Fundament des Theaters eingearbeitet ist, wo Anna, gestützt auf den Samt der Loge und leuchtend vor Schönheit und Qual, ihr Schmach erleidet. Dieses Leuchten reicht kaum noch bis zu uns. Nur noch schwache und schiefe Strahlen – als letzter Abglanz des Verlorenen oder als Bestätigung dessen, daß der Verlust endgültig ist. Bald wird alles für immer verblassen. Was bleibt, ist ein Spiel der Phantasie und des Talents, unterhaltsame Lektüre, die keinen verpflichtet, ihr Glauben zu schenken, und auch gar nicht glaubhaft ist. Eine Art „Drei Musketiere“. Was schon Tolstoj als erster geahnt hat, jene verhängnisvolle Grenze – und dahinter kein Trost von erdachter Schönheit, keine Träne um erdachtes Glück.

Alexander Markin und sein Grabmal für Oleg Popow

Wiktor Malygin ist als großer Förderer des Schauspielhauses Wladimir und der Literatur in der Partnerstadt einer, der noch auf jenem „schwindenden Grund“ steht und auch noch hinüberreicht in jene Zeit, geprägt von großen Namen wie des Clowns Oleg Popow, dessen Grab er zusammen mit Familie Herbert und Ute Schirmer besuchte – und dabei, ganz in der Gunst des Augenblicks und des Genius loci, nicht nur des Künstlers Witwe Gabriele, sondern auf dem Friedhof von Egglofstein auch den Bildhauer des Grabmals, Alexander Markin, traf, dessen „erdachte Schönheit“ sehr wohl zu trösten weiß. Aber Georgij Iwanow hätte sich sicher gern widerlegen lassen:

Wiktor Malygin und Alexander Markin

Ich will ganz einfache, ganz gewöhnliche Dinge. Ich will weinen, ich will mich trösten. Ich will in schmerzlicher Hoffnung zum Himmel emporblicken. Ich will dir einen langen Abschiedsbrief schreiben, einen beleidigenden, himmlischen, schmutzigen, den zärtlichsten Brief auf der Welt. Ich will dich einen Engel nennen, ein Biest, dir Glück wünschen und dich segnen…

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Manche Leser mögen sich noch an den Bericht über den Abschiedsabend für die Gäste aus dem Erlangen-Haus und an das Programm erinnern, zu dem auch Marina Bit-Ischo mit ihrem Blitzkurs „Keramikmalerei“ beitrug. Auffällig ihr Nachname, der so gar nicht slawisch klingt. Auf Nachfrage gab die Schwiegertochter von Semjon Bit-Ischo, des ehemaligen Leiters von „Awtopribor“, dem leider mittlerweile zerschlagenen Autozulieferbetriebs, Einblick in ihre außergewöhnliche Familiengeschichte.

Töpfermalkurs

Zunächst zum Namen, der assyrischen Ursprungs ist und so viel bedeutet wie „Jesu Haus“. Der Teil „Bit“ für „Haus“ läßt sich mehrfach in Rußland nachweisen, in der Verbindung mit „Ischo“ für „Jesus“ findet er sich offenbar nur in Wladimir. Aber wie kam die Familie mit diesem exotischen Namen in die Partnerstadt? Um das zu erkunden, muß man gute einhundert Jahre zurückblicken, als während des Ersten Weltkriegs die Türkei gegen das Russische Reich zu Felde zog und im gesamten Osmanischen Reich die christlichen Völker – man denke nur an die Armenier – schlimmsten Verfolgungen ausgesetzt waren. In der Tat waren vor allem die Assyrer eher unsichere Kantonisten, standen sie doch bei allen türkisch-russischen Kriegen auf der Seite des Zarenreichs, und so rief denn auch im April 1915 der assyrische Patriarch Benjamin Mar-Schimun sein Volk zum Aufstand gegen die Türken auf. Doch die Kräfte waren ungleich verteilt, die Erhebung wurde rasch niedergeschlagen, und die unterlegenen Assyrer flohen zum einen Teil in den heutigen Irak, damals ein von den Engländern gehaltenes Gebiet, zum andern Teil ins Russische Reich.

Marina Bit-Ischo beobachtet Tatjana Krutogolowa und Gerhard Kreitz beim Stricken am Freundschaftsschal

Über Persien, Noworossijsk und Moskau kamen die Eltern von Semjon Bit-Ischo schließlich nach Wladimir – möglicherweise, weil ihnen als Dorfbewohnern die Hauptstadt zu laut war -, wo der spätere Direktor von Awtopribor als eines von elf Kindern, von denen aber nur fünf überlebten, am 5. September 1931 getauft wurde. Die ganze Familie hatte damals noch die persische Staatsangehörigkeit, ein gelegener Vorwand für den Generalverdacht der Spionage in den Terrorjahren der Stalin-Ära. Badel Bit-Ischo, das Familienoberhaupt, wurde verhaftet und „gestand“ nach einwöchiger Folter, ein Komplott gegen das angeblich „rüstungsrelevante“ Awtopribor geschmiedet zu haben, wofür man den Flickschuster schließlich hinrichtete, ohne erklären zu können, wie der „Verschwörer“ mit seinem einfachen Beruf derlei hätte zustande bringen können. Auch sein Sohn Anatolij geriet in die Fänge der Menschenschinder, ließ sich aber nicht brechen und kam nach einem Jahr mit einem Rücken voller Narben aus der Haft frei, meldete sich im Juni 1942 an die Front, nachdem kurz vorher die ganze Familie die sowjetische Staatsangehörigkeit angenommen hatte, und fiel ein Jahr später in der Schlacht um Leningrad. Vater und Sohn wurden erst in den 50er Jahren postum rehabilitiert.

Semjon Bit-Ischo

Semjon Bit-Ischo hingegen schaffte es unter entbehrungsreichen Bedingungen nach oben. 1958 trat er die Arbeit bei Awtopribor an und leitete den Betrieb später über drei Dekaden hinweg bis Mitte der 90er Jahre. Heute lebt der Patriarch zurückgezogen, hoch geachtet – und steht für eine einzigartige Geschichte der Flucht und des hart erkämpften Erfolges im Gastland. Bedenkenswert gerade auch heute, wo so viele Menschen wie nie zuvor auf der Flucht sind und immer mehr Länder die Zugbrücken hochziehen.

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Da trafen sich gestern in Regensburg zwei große Gestalter der Städtepartnerschaft: Wolf Peter Schnetz, der als Autor und Kulturreferent schon in den 70er Jahren Kontakte zu sowjetischen Schriftstellern aufgenommen und den Kontakten zwischen Erlangen und Wladimir entscheidende Impulse gegeben hatte, und Wiktor Malygin, seinerzeit als stellvertretender Leiter des Pädagogischen Instituts Initiator des bis heute andauernden Austausches mit dem Institut für Fremdsprachen und Auslandskunde und bis heute Mitglied im Vorstand der Stiftung „Erlangen-Haus“.

Wiktor Malygin und Wolf Peter Schnetz

Nun also das Wiedersehen, um, wie der Gast aus Wladimir ankündigte, über die Situation von „Lyrik auf der Welt“ zu sprechen. Ein großes Thema, zu groß für die kurze Begegnung. Die Freunde tauschten dann doch lieber Erinnerungen aus. Wie kam die Städtepartnerschaft zustande? Was hat sich seitdem verändert? Was macht dieser und was jene? Und wie geht es Deiner Familie, wollte Wolf Peter Schnetz vom Besucher wissen. Er lebe gern den Sommer über auf seiner Datscha, umgeben von alten Bäumen, Blumenbeeten und Johannisbeersträuchern, wo er häufig von seinen drei Kindern und fünf Enkeln besucht werde, erzählte er. Wenn er sich nicht seiner Familie oder seinen Studenten widme, sei er viel auf Reisen oder er schreibe: wissenschaftliche Erörterungen, Essays, Theaterkritiken und Lyrik. „Der Dichter schafft, schreibt, liebt, träumt“, sagt Wiktor Malygin und fragt sich manchmal: „Was bleibt, was nimmt er mit?“ Ein paar Gedichte werden vielleicht bleiben, meint Wolf Peter Schnetz, Menschen, die Lyrik lieben, wird es immer geben.

Regine Arends

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Ihren Sohn Matwej hatten sie schon – noch als Schüler – alleine zu drei Besuchen nach Erlangen geschickt, nun kamen Swetlana und Eduard Grigorjew selbst zum ersten Mal für eine Woche in die deutsche Partnerstadt, von der sie so viel gehört, ohne sie je selbst gesehen zu haben. Eine Reise, die dem reiseunerfahrenen Ehepaar vor allem eines zeigte: Vorurteile und von Medien suggerierte Vorstellungen versagen im Praxistest den Dienst, fallen glatt durch.

Von all den vielen Begegnungen, die es wert wären, hier festgehalten zu werden, sei nur das eher zufällige Treffen mit dem Künstler Ingo Domdey in Rothenburg erwähnt, wo man sich auf die Feierlichkeiten zum 30jährigen Partnerschaftsjubiläum mit Susdal Anfang September vorbereitet.

Swetlana und Eduard Grigorjew

Dem Graphiker und Kunstsammler, vor drei Jahren nach Rothenburg gezogen, bleibt keine noch so unauffällige sprachliche Färbung verborgen, wenn man sich vor seinem Atelier im Dürerhaus an der Georgengasse über die von ihm gepflanzten und gepflegten Spalierbirnbäume unterhält. Dank seiner Schulzeit bei Leipzig hat er ein feines Gehör für den russischen Zungenschlag – und ein bisher ungestilltes Interesse, einmal Susdal und Wladimir kennenzulernen.

Ingo Domdey, Eduard und Swetlana Grigorjew

Dem Manne kann geholfen werden. Ehe man es sich versieht, steht man inmitten von Originalarbeiten aus der Hand von Francisco de Goya und Albrecht Dürer und erhält Einblick in das eigene Schaffen des sächsischen Künstlers. Nun gilt es, für ihn ein Pendant zu finden. Eher eine der leichteren Fingerübungen angesichts der vielköpfigen Graphikerschule, die Boris Franzusow in Wladimir wie in Susdal hinterließ. Und eine erste Bekanntschaft ist ja auch schon geschlossen.

Swetlana Grigorjewa

Auch wenn sie selbst sich da eher zurückhaltend gibt, ist Swetlana Grigorjewa mit ihren Decoupage-Arbeiten ja auch vom Fach, wenn auch eher der Richtung „angewandte Kunst“, zu der im Blog schon einmal vor sechs Jahren die Rede war unter: https://is.gd/k9T5UT Gleichviel: Wenn das Ehepaar heute wieder zurück nach Wladimir reist, haben wieder zwei Menschen mehr das Schöne gefunden, das Russen und Deutsche in dieser Partnerschaft verbindet. Ganz im Geiste des Erlanger Dichters, Friedrich Rückert: „Wahres und Gutes wird sich versöhnen, / wenn sich beide vermählen im Schönen.“

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