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Archive for the ‘Gesichter’ Category


Am 9. November 2016 trug man in Egloffstein Oleg Popow zu Grabe, den russischen Clown, der sich mit seinem feinen Humor und seinen zärtlichen Gesten bei Zirkusfreunden auf rund um den Globus unsterblich gemacht hatte. Damals mit im Trauerzug Wjatscheslaw Kartuchin, Präsident der Wladimirer Akademie für Verwaltung und Wirtschaft, und Julia Obertreis, Leiterin des Lehrstuhls für Neuere und Neueste Geschichte mit dem Schwerpunkt Osteuropa an der Friedrich-Alexander-Universität: https://is.gd/G9mI52

Grab von Oleg Popow

Verstorben ist der Weltstar der Manege zwar auf einer Tournee in Rostow am Don, doch seine letzte Ruhestätte sollte der Botschafter des russischen Feingeistes an dem Ort finden, den er sich Anfang der 90er Jahre als Wahlheimat gewählt hatte. Für immer in der Nähe seiner Frau Gabriele, mit der seit 1991 verheiratet war.

Oleg Popow: der Blick durch den Vorhang

Noch während seine russischen Bewunderer Abschied nehmen konnten, wurde ein Wettbewerb für das Grabmal ausgelobt, den der junge Rostower Bildhauer Alexander Markin gewann. Überzeugend mit der Sonne, die der Clown immer einzufangen versucht hatte, auf dem einen Spalt breit geöffneten Vorhang, durch den Oleg Popow ins Publikum späht, dahinter die Puppe, in der man unschwer seine Gabi erkennt, und die Luftballons, die bald aufsteigen wollen zum nun nach oben offenen Zirkusdach.

Oleg Popow: hinter den Kulissen

Ein würdiges Denkmal für einen großen Russen, den die Liebe mit Deutschland verband.

Dein Licht wird bei uns sein: Oleg Popow

Am 5. Februar erhielt Oleg Popow nun wieder Besuch aus Wladimir. Das Ehepaar Herbert und Ute Schirmer hatten Wiktor Malygin, Altrektor der Universität in der Partnerstadt, zu einer Fahrt in die Fränkische Schweiz eingeladen und vorab ein Treffen mit Gabriele Popow und Altbürgermeister Christian Meier arrangiert.

Herbert und Ute Schirmer, Christian Meier, Gabriele Popow, Boris Laskin und Wiktor Malygin

Neben den Erinnerungen an den Künstler interessierte den Wladimirer Germanisten natürlich besonders das Egloffstein-Lied, komponiert und getextet von Oleg Popow, nachzulesen und vorzusingen in fränkischer Übersetzung hier: https://is.gd/0bETTV

Egloffstein: Christian Meier, Gabriele Popow, Wiktor Malygin, Ute Schirmer und Boris Laskin

Mit 28 Jahren war Oleg Popow übrigens zum ersten Mal nach Deutschland gekommen. 1957 war das. Und die Zeitungen jubelten ihm schon damals zu: „Clown Popow ist ein Wunder für sich“, begeisterte sich die „Süddeutsche Zeitung“, „denn er hat nicht seinesgleichen, ist ein famoses Monstrum, ein Unikum wie Chaplin, Grock vielleicht und Totò.“ Und die „Frankfurter Rundschau“ schrieb nach Popows Stuttgarter Premiere: „Der Ruf, der Ruhm eilen ihm voraus. Man ist gefaßt, beinahe skeptisch, weil so viel geflüstert wurde. Und dennoch wird man hingerissen. Kein Wort, keine Albernheiten, meist nur Gebärden, nur Andeutungen. Aber hellauf wie ein Feuer flackert der Beifall.“ Nachzulesen in einem Spiegel-Artikel hier: https://is.gd/gZIhlM

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Unerwartet schlechte Wetterbedingungen haben auch ihre gute Seite und können schnell den Eisbrecher zu Beginn von Gesprächen spielen. Gleich nach der Landung des Flugzeuges auf einem der Moskauer Flughäfen fielen mir die hohen Schneemaßen auf dem Gelände auf, was mich aber nicht weiter wunderte. Schließlich haben wir Januar, dachte ich. Doch schon in Gesprächen während der Fahrt vom Südosten Moskaus Richtung Innenstadt ging es vor allem um den ungewöhnlichen Schneefall. Sobald man aus dem Auto ausstieg, merkte man die Höhe der Schneemassen in den Fußgängerzonen. In den Medien war von einem Jahrhundert-Schneefall die Rede. Mir bereitete der Schneesturm jedoch keine Sorge, da ich in Moskau hauptsächliche mit der legendären Metro unterwegs war. Ich hatte aber vor, während meines Verwandtschaftsbesuches in Moskau auch Freunde in unserer Partnerstadt zu besuchen. So hatte ich während meines Aufenthaltes in Moskau einen kurzen Abstecher nach Wladimir geplant. Wie bei früheren Reisen fuhr ich auch dieses Mal mit der „Lastotschka“, einem Schnellzug, der zwischen Moskau und Nischnij Nowgorod verkehrt und in Wladimir hält.

Blick auf die eingeschneite Mariä-Entschlafens-Kathedrale in Wladimir

Als ich ohne Verspätung ankam, stellte ich fest, daß hier noch mehr Schnee fiel. Zuerst wollte ich mich mit Schamil Chabibullin treffen, der mit seiner Musikband „Metamorphis“ Ende 2017 beim Newcomer Festival im E-Werk die Herzen der Zuschauen erobert hatte (https://is.gd/i7pWzs). Nach dem Treffen mit ihm und anderen Mitgliedern der Gruppe war das kalte und ungewöhnliche Wetter kein Thema mehr für unsere Gespräche. Ich wurde sehr neugierig, als die Rockmusiker mir über ihre „Basis“ erzählten, die sie ohne jegliche Förderung unterhalten, und wollte sie unbedingt mit eigenen Augen sehen.

Schamil Chabibullin und Amil Scharifow

Nach einer kurzen Fahrt durch das eingeschneite Wladimir erreichten wir die „Basis“, die sich in einem Keller befand und aussah wie ein professionelles Musikstudio. Ich erfuhr, daß die Mitglieder der Band die Musik als Freizeitaktivität verstehen und das Studio aus eigenen Mitteln finanzieren. Für das Quartett ist Musik aber mehr als ein Hobby, sie ist Freundschaft, sie verbindet Menschen und bereitet Spaß. Einige der Rockmusiker waren schon mehrmals in Erlangen und haben dort viele Freunde und Bekannte. Die Teilnahme von Wladimirer Bands am Newcomer Festival ist ja schon zu einer guten Tradition geworden. Der Austausch leistet einen wichtigen Beitrag zur Städtepartnerschaft, und dabei spielen Menschen wie Schamil, dem unsere Kontakte sehr am Herzen liegen, eine wichtige Rolle. Mit ihm kann man nicht nur über Musik, sondern auch über gesellschaftliche und deutsch-russische Themen reden.

Amil Scharifow und Sergej Sujew

Als wir beim Spaziergang durch die Innenstadt an der einzigen katholischen Kirche vorbeikamen, stattete ich dem dortigen Pfarrer, Sergej Sujew, einem langjährigen Freund der Städtepartnerschaft, einen unangekündigten Besuch ab. Schließlich dürften die Türen des Gotteshauses offen sein, dachte ich – und wurde nicht enttäuscht. Der Geistliche war über meinen Überraschungsbesuch sichtlich erfreut und schenkte mir eine CD mit russischen spirituellen Liedern. Zugegeben, diese Lieder sind die ersten religiösen Melodien, die ich auf Russisch hören werde, und ich bin gespannt, ob sie Einfluß auf meine Weltanschauung haben.

Schamil Chabibullin in der „Basis“

Am letzten Tag meines Besuches traf ich mich mit Wladimir Tichomolow, der sich Anfang 2017 bei uns in der „Berg-WG“ aufgehalten und Erlangen sowie die nähere Umgebung per Fahrrad erkundet hatte. Über seinen Aufenthalt hat der Blog hier https://is.gd/MOyI3b berichtet. Außerdem kam ich mit Wjatscheslaw Kartuchin zusammen, der auf Wladimirer Seite das Dialogforum „Prisma“ leitet. Kurz vor der Abreise besuchte ich noch Guram Tschjotschjew, einen Landsmann von mir, der in Sachen Städtepartnerschaft ein Begriff ist. Der angesehene Orthopäde war bereits Anfang der 90er Jahre zum Austausch in Erlangen und hat da viele Freunde. Wir hatten eigentlich nur vor, zusammen Kaffee zu trinken. Dann kamen wir jedoch überein, daß sich zwei aus Georgien stammende Menschen im Ausland lieber zu einem Getränk, Tschatscha genannt, verabreden sollten, das in Heimat landestypisch ist und uns verband, bis es Zeit war, nach all dem Wiedersehen mit Freunden wieder in Zug nach Moskau zu steigen… Bis zum nächsten Mal.

Amil Scharifow

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Allmählich verlassen auch die letzten Gäste der „Russisch-Deutschen Wochen“ aus Wladimir ihre Partnerstadt. Wladislaw Kapsjonkow macht sich am Samstag auf die Heimreise – „nach Tagen voll großartiger Eindrücke von einem Land, das ich bisher nur aus den Schilderungen meiner Schwester gekannt hatte.“

Manfred Kirscher, Kristina Kapsjonkowa und Wladislaw Kapsjonkow

Begleitet von Manfred Kirscher und seiner Schwester, die seit zwei Jahren eine Ausbildung am Institut für Fremdsprachen und Auslandskunde macht, erkundete der Student der Geophysik fast zwei Wochen lang die „Bodenschätze“ der Partnerschaft und versprach gestern bei seinem Zwischenbericht im Rathaus, bald die Ergebnisse seiner Messungen und Analysen exklusiv für den Blog vorzustellen. Die Wissenschaftsredaktion bittet deshalb noch um ein wenig Geduld.

Florian Janik und Jurij Fjodorow

Derweil hat das Politikressort noch einen Nachtrag zum Besuch von Jurij Fjodorow, Staatssekretär a.D. und Mitglied der Wladimirer Regionalduma, der sich am Montag ins Gästebuch der Stadt Erlangen eingetragen hatte. Er, 1984 als stellvertretender Vorsitzender des Exekutivkomitees des Rats der Volksdeputierten der erste „Kundschafter“ Wladimirs in der Hugenottenstadt, gilt ja als „Vater der Partnerschaft“ auf russischer Seite und konnte sich nun aufrichtig über all das freuen, was in den 35 Jahren deutsch-russischen Miteinanders alles entstanden ist: „ein einzigartiges Netzwerk einer Bürgerpartnerschaft, genau das, wovon Dietmar Hahlweg und ich damals träumten. Schön, das nun während dieser ereignisreichen Tage der Begegnungen mit so vielen Menschen und bei so großartigen Veranstaltungen selbst erlebt zu haben.“

Erlangen-Haus im Schnee

Die „Russisch-Deutschen Wochen“ gehen nun, während Wladimir im Schnee versinkt, in die Faschingsferien. Aber schon am Montag, den 19. Februar. beginnt mit dem Filmabend „Hundeherz“ die zweite Staffel der Veranstaltungen, zu denen in den nächsten Tagen hier die Vorberichte erscheinen. Einstweilen also „Helau!“ – und bitte dranbleiben.

 

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Wie erst heute bekannt wurde, ist bereits am 24. Januar, neunundachtzigjährig, Inge Obermayer verstorben. Die Schriftstellerin prägte mit ihrem Wirken und Schaffen vor allem die schwierigen Anfangsjahre der Städtepartnerschaft Erlangen-Wladimir und hinterließ u.a. einen großartigen Artikel unter dem Titel „Der Drache darf nicht siegen“, erschienen am 25. Oktober 1986 in der Nürnberger Zeitung, der besser als jeder noch so bemühte Nachruf ihren unvergessenen (und nicht nur literarischen) Beitrag zu Versöhnung und Verständigung anläßlich der Erlanger Kultur- und Sporttage in Wladimir zum Ausdruck bringt.

Die Städtefreundschaft zwischen Wladimir und Erlangen soll zu Frieden und Entspannung beitragen. Sie kann nur in einer Atmosphäre des Friedens gedeihen. Das Wettrüsten und die Militarisierung des Weltraums machen den Frieden nicht sicherer, sondern gefährden ihn. Immer mehr Menschen in West und Ost fühlen sich durch diese Entwicklung bedroht. Sie fordern eine Politik, die auf Verständigung, Vertrauen und gewaltfreie Konfliktregelung gerichtet ist. Sicherheit ist nicht gegeneinander, sondern nur miteinander möglich. Wir, die Repräsentanten unserer Städte Wladimir und Erlangen, haben den festen Willen, einen Beitrag für Frieden und Verständigung zu leisten.

Das sind Ausschnitte aus der Deklaration, die im September, während in Wladimir die Erlanger Kultur- und Sporttage stattfanden, Vertreter der beiden Städte unterzeichneten. Unsere Mitarbeiterin Inge Obermayer schildert die Eindrücke, die sie während dieser Zeit in Wladimir erlebte.

Inge Obermayer, 2013, mit Büchern ihrer Autorenkollegen aus Wladimir

Die Sonne scheint, der blaue Himmel ist wolkenlos. Es ist ein Spätsommertag, die Blätter beginnen, sich herbstlich zu färben. Auf dem Hügel über der breit und träge dahinfließenden Kljasma weht ein leichter Wind.

1194 bis 1197 ließ der Großfürst Wsewolod III. hier eine Kathedrale errichten, die dem heiligen Demetrios von Saloniki geweiht wurde. Nach der Oktoberrevolution wurde die Kathedrale als Baudenkmal von besonderer historischer Bedeutung für das ganze Land unter staatlichen Schutz gestellt. Im August und September 1941, als die deutschen Truppen Richtung Moskau vorrückten, wurde der Einsturz der Demetrios-Kathedrale durch das Einziehen eines Stahlbetonringes in das gesamte Mauerwerk verhindert.

Demetrius-Kathedrale

Mit den Fingerspitzen berühre ich die alte Mauer. Über mir an den Fassaden erwürgt Herakles, aus weißem Kalkstein gehauen, das unverwundbare Ungeheuer, den Nemëischen Löwen, besingt David die Schönheit der Welt, schnäbeln sich riesige Urvögel. Unter dem Kreuz auf der goldglänzenden Kuppel ist ein Halbmond zu erkennen. Symbol für das besiegte Heidentum?

Ich gehe die paar Schritte zur Mariä-Entschlafens-Kathedrale. Sie gehört zu den beiden „offenen“ Kirchen in Wladimir, das heißt, in ihnen werden Gottesdienste abgehalten. In der Diözese sind 51 Kirchen offen. Fünf Geistliche sind an der Kathedrale tätig. Die Baptisten in Wladimir haben ein Bethaus, aber keinen ständigen Geistlichen.

Mariä-Entschlafens-Kathedrale

Die Erlanger treffen mit Vertretern der „Gesellschaft zur Förderung der Beziehung zwischen der UdSSR und der BRD“ zusammen. Die Wladimirer Abteilung wurde erst im Januar 1986 gegründet, sie hat bereits 5.000 Mitglieder. Die Erlanger berichten unter anderem über die Gruppe „Christen für den Frieden“ und deren Fragen, die sie mit auf den Weg nach Rußland gegeben haben: „Warum gibt es so viel Mißtrauen auf der Welt?“ „Wie ist der Widerspruch zwischen den Worten und Taten zu lösen?“ Freilich können an diesem Vormittag und  in dieser Runde die Probleme nicht gelöst werden. Doch die Wladimirer und die Erlanger, die sich am Tisch gegenübersitzen, sind sich einig; „Wir müssen alle viel lernen, um unser eigenes Zeitalter zu erkennen, wir müssen etwas tun für die Veränderung des Bewußtseins“.

Vom 7. bis 13. September finden hier in Wladimir die Erlanger Kultur- und Sporttage statt. Techniker, Bühnenarbeiter, Puppenspieler, Schauspieler, Schachspieler, Sportler, Maler, Fotografen, Musiker, Schriftsteller, Stadträte (der SPD, CSU, Grünen Liste, FDP/FWG), der Oberbürgermeister, der Kulturdezernent und eine Professorin bevölkern die Straße der russischen Stadt.

Es gibt Schachturniere, Schautanzen, Trampolinspringen, Volleyballspiele. Schwimmwettkämpfe (nun weiß ich, was die Erlanger für gute Schwimmer sind!). Im Kulturhaus des Traktorenwerkes bestreiten das Tanzensemble Wladimirez und der Erlanger Hausmusikkreis ein Programm. Im Kulturpalast des Chemiewerkes werden Jazz- und Rockmusikern – Nardis und E-Werk Band – nach den Konzerten ihre Schallplatten aus den Händen gerissen. Im Park vor dem neuen Stadtbrunnen bestaunen 10.000 Besucher das Feuerwerkspektakel des Mechelwinder Figurentheaters. „Mehr gelbe Lichter, mehr blaue“, rufen die Kinder begeistert und wollen nicht, daß der Drache siegt.

Im Theater gibt es viel Szenenapplaus für Helmut Ruges Hugenottenspiel „Babette“. In der Ausstellung umringt eine ganze Schulklasse den Maler Christian Manhart, im Nu sind die Kataloge vergriffen. In der Bildergalerie konzertieren Vivienne und Dirk Keilhack, das Kammernmusikensemble der „Villa Marteau“ und Werner Heider, der seine eigenen Werke, wie „Modi“, „Landschaftpartitur“ und „Adamah“ spielt.

Übrigens: In der Erlanger Kulturwerkstatt, dem Kommunalen Modellversuch zur Erschließung neuer Arbeitsfelder, herrschte bereits im August Hochbetrieb. Zwei Sattelschlepper einer russischen Speditionsfirma mußten beladen werden. Mit den Bühnenbildern für die Stücke, mit Musikinstrumenten, Feuerwerkskörpern, Trampolinen, Bildern, Werkzeugen. Allein 15 Kisten wurden gebaut, über 100 Frachtlisten erstellt.

Wladimir – der historische Kern steht unter Denkmalschutz –  ist eine Großstadt mit 360.000 Einwohnern. 50 Produktionsstätten liefern unter anderem Traktoren, Autozubehör, Elektromotoren, Möbel, Klaviere und Uhren. Die Pädagogische und die Polytechnische Hochschule besuchen insgesamt 17.000 Studenten. In den beiden Theatern proben die Schauspieler augenblicklich Stücke von Majakowskij, Tschechow und Gogol.

Hochzeitsglück unterm Goldenen Tor

Ich schlendere an den grasbewachsenen Festungswällen vorbei unter Kiefern und Birken. Meine Tage sind ausgefüllt. Vor dem Hochzeitspalast steht eine schwarze Limousine, ihr Dach ist mit zwei übergroßen goldenen Eheringen geschmückt. Die junge Braut trägt ein langes weißes Spitzenkleid, im Arm hält sie den dunkelroten Rosenstrauß. Zu den Klängen des Hochzeitsmarsches wird sie getraut.

Im „Dienstleistungsbetrieb“ ist Modenschau. Sehr beliebt, so ist zu erfahren, sei in letzter Zeit „der sogenannte sachliche Stil“, Rock, Jacke und Bluse. Die Mannequins schweben auf hochhackigen Schuhen über den Laufsteg. Chic sind sie, im wadenlangen rotweißschwarz karierten Rock. Den Männern, so heißt es, „bieten wir anstelle der traditionellen Jacken die lockere Form von Pullovern an“, und „mit dem wachsenden Wohlstand bekommen wir mehr Aufträge für Abendkleider, für Frack und Smoking“. In dem Betrieb kann man sich auch eine Datscha kaufen, mehrere stehen zur Auswahl bereit, kosten zwischen 900 und 3.000 Rubel, Lieferzeit drei Monate.

Das zehn Jahre alte Staatsgut Teplitschnyj versorgt die Stadt mit 15 Sorten Gemüse wie Gurken, Tomaten, Radieschen, Paprika, Petersilie, Weißkohl, 8.000 Tonnen pro Jahr. Seit fünf Jahren verwendet man keine Pestizide mehr, Schädlinge werden biologisch bekämpft. 600 Beschäftigte arbeiten auf dem Gut, unter ihnen 17 Agronomen und 17 Ingenieure.

Die Schüler und Schülerinnen in der Schule Nr. 25 haben gerade ihre siebte Deutschstunde. Die Buben tragen dunkelblaue Anzüge, die Mädchen dunkelbraune Kleider mit schwarzen, rüschengeschmückten Schürzen. „Auf Wiedersehen“, lachen sie alle. Die deutsche Abteilung in der Gebietsbibliothek umfaßt 6.000 Bände. Swetlana hat Paprika, Tomaten und Pilze gekocht, Fleisch gebraten. Gemütlich ist es bei ihr, ich fühle mich daheim. „Iß, iß!“ Immer mehr Süßigkeiten kommen auf den Tisch. „Gibt es wirklich soviel Türken bei euch? Warum?“, wollen ihre Freunde wissen.

„Mit zwei Jugendlichen“, sagt der selbstbewußte junge Musiker, „habe ich mich auf’m Zimmer unterhalten, einfach so über alles, über Musik, und wie wir leben und über Politik. War bisher das Tollste!“

Beeindruckt haben den Schauspieler zwei russische Touristen in der Hoteldisco. „Mit Händen und Füßen, etwas Russisch, etwas Deutsch haben wir gesprochen. Und ich bekam sogar ein Geschenk.“ Sie schenken von Herzen, die Wladimirer, eine bemalte Dose, eine Schallplatte, Parfüm oder einen Talisman, den seine Trägerin seit elf Jahren trug, ehe sie ihn der Erlangerin in die Hand gab. Immer größer, immer sicherer werden die Schritte zur Partnerschaft, die im Frühjahr 1987 in Erlangen besiegelt werden soll.

Während der Kulturtage arbeiten Erlanger und Waldimirer an einer gemeinsamen Deklaration. Manchmal wird um die richtige Formulierung gerungen. Warum, wundern sich die Russen, wollen die Erlanger nicht für den Frieden kämpfen? Sie ließen es sich erklären und verstanden, daß Hitlers „Mein Kampf“ und Goebbels „Totaler Krieg“ die Bedeutung des Wortes prägten, es unbenutzbar machten. Im Russischen heißt „kämpfen“ soviel wie „sich bemühen“, „miteinander arbeiten“, „sich für etwas einsetzen“. Man kämpft auch um eine gute Schulnote. Am Abschiedsabend verlesen die beiden Oberbürgermeister die Deklaration, und der Beifall will nicht enden.

Die Sonne scheint, der Himmel ist wolkenlos. Immer noch weht ein leichter Wind. Ein paar Saatkrähen krächzen um die weißen Mauern der Demetrios-Kathedrale.

Inge Obermayer, NZ vom 25.10.1986

Was die Großmeisterin des Worts auch familiär mit der Sowjetunion verband, ist hier in ihren Erinnerungen an den Vater nachzulesen: https://is.gd/WtYqOO

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Man konnte sie gestern abend bei der Geburtstagsfeier in den unterschiedlichsten Tonarten hören: Eine Melodie, die ins Ohr ging und deren Text davon sang, welch überragende Rolle Thomas Zwiener in seinem heimatlichen Poxdorf spielt, sei es bei der Feuerwehr, mit der es ihm gelang Kinder- und Jugendgruppen aufzubauen; beim Krieger- und Soldatenverein, wenn auch nur als „passives Mitglied“, weil er nie gedient hat; in seiner Partei, deren prominente Vertreter er immer wieder zu Veranstaltungen vor Ort einlädt; oder beim Sportverein, wo er zwar nicht mehr kickt, dafür aber organisatorisch dabei hilft, den Ball am Laufen zu halten. Thomas Zwiener, ein überall gern gesehenes und immer wieder bemühtes Faktotum, das neben seiner durchaus anspruchsvollen und anstrengenden Arbeit als Verbraucherberater und Lebensmittelkontrolleur in Erlangen ein fast schon übergroßes Maß an ehrenamtlicher Verantwortung für das Gemeinwesen in Poxdorf übernimmt. Doch damit geht dem zweifachen Vater und angehenden Großvater der Treibsatz noch lange nicht aus, denn was er an Energie und Phantasie freizusetzen versteht, ersetzt oft ein ganzes Kreativ-Team und wirkt weit über seine fränkische Heimat hinaus, bis hin zu Wladimir.

Inge und Thomas Zwiener

Als Anfang der 90er Jahre die Aktion „Hilfe für Wladimir“ startete, stand Thomas Zwiener im ersten Glied der Aktiven, organisierte in seiner Gemeinde Sammlungen, packte in der Partnerstadt selbst mit an bei der Verteilung, knüpfte freundschaftliche Verbindungen zum Tanz- und Folklore-Ensemble „Rus“, das sogar einmal in Poxdorf auftrat, und hilft bis heute mit seinen Ideen bei der Vorbereitung und Durchführung von Großveranstaltungen, übrigens auch in Sachen Jena, man denke nur an das Straßenfest vom 3. Oktober zum dreißigjährigen Jubiläum der Städtepartnerschaft. In Worten kann der Dank gar nicht gebührend Ausdruck finden für das Wirken und Schaffen des Jubilars, aber es gibt ja die Musik, die zu sagen versteht, was unmöglich zu verschweigen ist und uns doch so schwer auszusprechen ankommt. Sehen und hören wir also, was Nikolaj Litwinow, künstlerischer Leiter von „Rus“, mit seiner Sängerinnengruppe dem Geburtstagskind zuruft: https://is.gd/hUp6ut

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Die Seele groß, das Herz so weit, ein Leben für die Menschen. Er wußte, wie es um sich stand, Angehörige und Freunde hatten Zeit, sich in Gedanken und Worten von ihm zu verabschieden, und doch ging es am Ende zu schnell, viel zu schnell, und doch läßt es alle, die ihn kannten, schätzten und liebten, traurig zurück, todtraurig. Mit Wolfgang Vogel ist gestern jemand für immer gegangen, der die Zuwendung lebte, für andere da war, stets nahe und vertraut, einer dem man sich anverwandt fühlte, dem man sich mit allem anvertrauen konnte. Für ihn mit seinem Gottvertrauen, für den Brückenbauer zwischen Christen, Juden und Moslems war es sicher ein Zeichen des Heils, als sich ihm der Himmel ausgerechnet zu Beginn von Chanukka auftat.

Stadtrat Wolfgang Vogel und Oberbürgermeister Igor Schamow, Wladimir, 1999

Als er 2016 mit 66 Jahren den Erlanger Stadtrat verließ, wollte der zum Anwalt der Menschen berufene Wolfgang Vogel mehr Zeit für sich und die Seinen gewinnen, Kraft schöpfen aus seinem Lebenswerk der Verständigung zwischen Völkern, Kulturen und Religionen widmen, aus seinem Wirken für Armenien. Ganz zu schweigen von seinem Engagement für seine Stadt und seine Partei. Wollte man seine ehrenamtlich übernommenen Aufgaben alle aufzählen, könnte man gleich das Vereinsregister durchbuchstabieren; eine ganz besondere Rolle aber spielte er sicher bei ERBEŞ, wo ihn das Miteinander zwischen Deutschen und Türken gerade auch in der gemeinsamen Verantwortung gegenüber Armenien bewegte. Und genannt sei natürlich auch seine Mitgliedschaft im Förderverein Rotes Kreuz Wladimir, der sich heute abend trifft. Schließlich genoß auch diese deutsch-russische Partnerschaft seine Anteilnahme.

Die Seele groß, das Herz so weit. Wolfgang Vogel hat uns gelehrt, auf die Menschen und das Leben zuzugehen. Nun ist er von uns gegangen, nun ist es an uns, zu zeigen, was wir von diesem Lehrer des Lebens gelernt haben.

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Die Geschichte, die heute erzählt werden will, beginnt Anfang der 90er Jahre, als sich in Nördlingen, angeregt von den Aktionen Rothenburgs in Susdal, eine Initiative mit dem Ziel gründete, in Jurjew-Polskij, etwa 70 km nordwestlich von Wladimir gelegen, humanitäre Hilfe zu leisten, ganz konkret, von Mensch zu Mensch, von Familie zu Familie. Von den Behörden ließ man sich eine Liste bedürftiger Personen geben und immer im Januar besuchte dann über Jahre hinweg eine Bürgergruppe aus dem schwäbischen Bayern die 1152 von Jurij Dolgorukij, dem Gründer von Moskau, erbaute einstige Fürstenresidenz und verteilte Pakete mit vor Ort gekauften Hilfsgütern, die einen Gruß des Absenders enthielten, um der Sache die Anonymität zu nehmen. Diese Art der Hilfe, die auch in den umliegenden Dörfern geleistet und später ganz auf Geldspenden umgestellt wurde, kam gut an, und die vielen nach Nördlingen geschickten Dankesbriefe schufen ein immer engeres Netz von Freundschaften. Im Gefolge der humanitären Aktionen, unterstützt auch von der Erfahrung Erlangens, entstanden auch Verbindungen zum Roten Kreuz, zu Altenheimen und Krankenhäusern, und sogar ein Schüleraustausch kam in Gang. 1993 kam die erste Gruppe aus Jurjew-Polskij nach Nördlingen; auf Einladung von Thomas und Rosi Held auch dabei die damals fünfzehnjährige Jelena Losinskaja. Sie hatte für ihren Großvater – unter Stalin repressiert und später rehabilitiert stand er auf der Bedürftigenliste – den Dankesbrief geschrieben, und die Empfänger luden sie nun spontan ein. Die Schülerin begann, Deutsch zu lernen – übrigens auch im Erlangen-Haus -, kam wieder, die deutschen Gastgeber erwiderten die Besuche, kehrten noch mindestens sieben Mal, sogar mit den eigenen Söhnen, zurück in die Stadt am Kleinen Goldenen Ring mit 17.000 Einwohnern. Eine Freundschaft war geboren, die von Jahr zu Jahr enger wurde: Längst betrachten die Helds Jelena Losinskaja, mittlerweile selbst Mutter eines Sohnes und seit zehn Jahren in Wladimir wohnhaft, wo sie für die Moskauer Schokoladenfabrik „Krasnyj Oktjabr“ die Geldbewegungen überwacht, als ihr drittes Kind.

Thomas und Rosi Held mit Jelena Losinskaja

In den letzten Jahren reist das Ehepaar nicht mehr so viel, aber die „Adoptivtochter“ besucht die beiden ja regelmäßig. Der Austausch zwischen Nördlingen und Jurijew-Polskij hingegen ist mittlerweile zum Erliegen gekommen. Dabei sah es so vielversprechend aus: Sogar Nikolaj Winogradow, damals Gouverneur der Region Wladimir, besuchte mit einer offiziellen Delegation und Peter Steger, Erlangens Partnerschaftsbeauftragter, die ehemalige Reichsstadt, um für eine offizielle Partnerschaft zu werben, aber auf beiden Seiten wagten die Rathäuser den Sprung nicht. Ohne kommunale Strukturen und Unterstützung fehlte es auf Dauer der losen Bürgerinitiative an Kraft, viele der Aktiven wurden alt und krank, verstarben. Heute sind nur noch wenige private Freundschaften am Leben, darunter die nun schon „deutsch-russische Familie“ Held-Losinskaja, die bis heute Freud und Leid miteinander teilt und nun ein Wiedersehen in Wladimir plant. Thomas Held, der aus der humanitären Hilfe für sich den Schluß zieht, es sei schwerer zu nehmen als zu geben, meint dazu: „Nach so vielen Jahren würde es mich schon reizen, einmal wieder hinzufahren und mir Zeit zu nehmen.“ Zeit, um zu sehen, was aus den Menschen in Jurjew-Polskij geworden ist, die aus Nördlingen so viel Hilfe erfahren haben, Zeit aber auch, um zu erleben, was Jelena Losinskaja aus ihrem Leben und der schwäbischen Unterstützung gemacht hat, Zeit, um zurückzublicken auf ein gelungenes gutes Werk.

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