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Archive for the ‘Gesichter’ Category


Dieser Tage hatte die Medizin-Delegation in Wladimir noch auf ein gnädiges Ende des schwer erkrankten Kollegen und großen Freundes des deutsch-russischen Austausches angestoßen, und nun teilte Jürgen Binder gestern mit, Walter Otto sei bereits am Dienstag verstorben.

Walter Otto, zweiter von links in der ersten Reihe, inmitten von Freunden: dem Ehepaar Heidi und Jürgen Binder, den Wladimirer Ärzten, Magir Katschabajow und Jewgenij Jaskin, sowie Helmut Schmitt, Altbürgermeister Gerd Lohwasser (beide im Vorjahr verstorben), Rita Stolz und Peter Steger

Ein großer Verlust für alle, die den lebensfrohen Allgemeinarzt kannten, ein schmerzlicher Verlust auch für die Städtepartnerschaft insgesamt, der sich das langjährige Vorstandsmitglied im Ärztlichen Bezirksverband Mittelfranken fachlich wie menschlich eng verbunden fühlte.

Jürgen Binder, Melanie Huml und Walter Otto

Welch herausragende Persönlichkeit Walter Otto war, belegt auch die Auszeichnung mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande – zusammen mit Jürgen Binder – im Oktober vergangenen Jahres bei einem Festakt in Bayreuth durch Bayerns Gesundheitsministerin Melanie Huml.

Walter Otto

Die Auszeichnung, die dem Mediziner aber sicher am wichtigsten war, bestand in der Freundschaft mit seinen russischen Kollegen und Freunden.

Mit Walter Otto ist jemand für immer gegangen, der sich stets der Verantwortung der Deutschen gegenüber den Russen bewußt war, besonders erlebbar heute, wo man von Maikop bis Murmansk den Tag der Erinnerung und der Trauer begeht, den Tag des Überfalls der Wehrmacht auf die Sowjetunion mit all dem unsäglichen Schmerz und Leid – am 22. Juni 1941. Nun tragen wir das Gedächtnis an den stets um Versöhnung werbenden Verstorbenen und die ungezählten Opfer der unbarmherzigen Kriegslogik weiter in eine Zeit, wo Menschen wie Walter Otto besonders fehlen.

 

 

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„Aber der Hauptberuf des Menschen ist doch die Seele. Und der Ertrag – Freundschaft und Kameradschaft! Ist denn das keine Beschäftigung? Menschenskinder!“ Ob Andrej Platonow mit diesen Zeilen aus seinem Roman „Unterwegs nach Tschewengur“ die Profession des Lehrers im Sinn hatte, wissen wir nicht, doch er definierte damit, worauf es ankommt – und was vor allem einem Pädagogen wie Rudolf Schloßbauer gelungen ist, der heute seinen 80. Geburtstag feiert.

Rudolf Schloßbauer und die Wladimirer Künstlerin, Natalia Britowa

Kaum auf die damals so kriegerisch-feinseligen Welt gekommen, verlor er den Vater in der Schlacht bei Stalingrad und schon wenig später auch die Heimat im Sudetenland. An der Hand der Mutter verschlug es Rudolf Schloßbauer nach Bubenreuth, wo er 22 Jahre bleiben sollte und wohin er bis heute eine innige Verbindung pflegt, bevor Erlangen und Nürnberg, Bamberg und Waischenfeld zu seiner endgültigen fränkischen Wahlheimat wurden.

Rudolf Schloßbauer und die Deutschlehrerinnen aus Wladimir

Der gelernte Lehrer hat in seiner Zeit als berufsmäßiger Schul- und Sportreferent und Stadtschulrat, später als Ehrenamtsbeauftragter sowie Co-Autor der Satzung und erfolgreicher Einwerber des Grundkapitals für die Bürgerstiftung viel Großes für das Gemeinwesen in Erlangen geleistet. Auszeichnungen wie die Verdienstmedaille des Bundesverdienstordens, das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse und die Bürgermedaille der Stadt Erlangen würdigen das vielseitige Schaffen des Jubilars. Doch die Partnerschaft mit Wladimir betrieb der leidenschaftliche Pädagoge mit besonderer Hingabe und gibt damit bis heute als Kriegswaise und Vertriebener ein grandioses Beispiel für Versöhnung. In Rudolfs Schloßbauers Amtszeit fällt schon Anfang der 90er Jahre der Ausbau des Schüleraustausches mit Wladimir. Doch dies allein genügte ihm nicht. Aus seiner Zeit als Deutschdozent in China und der Mitautorenschaft an Sprachlehrbüchern bemerkte er früh, wie wichtig gerade für die Lehrkräfte aus der russischen Partnerstadt der unmittelbare Kontakt zum Gegenstand des Unterrichts ist. Erkannt, getan: Wann immer es Rudolf Schloßbauer möglich war, organisierte er hier wie dort Deutsch-Seminare für die russischen Kollegen, Veranstaltungen, die leider mit seinem Ausscheiden aus dem Dienst im Jahr 2000 so nicht fortgesetzt wurden, obwohl von Wladimirer Seite immer wieder angeregt.

Rudolf Schloßbauer mit seinem Freund Alexander Nikolskij und seiner Frau Ingrid

Bei seinem Kernbereich ließ es Rudolf Schloßbauer freilich nicht bewenden. Begeistert für die russische Malerei und Musik freundete er sich mit Künstlern und Sängern aus Wladimir an, half tatkräftig bei der Vermittlung von Auftritten für den Kammerchor Raspew bei dessen erster Franken-Tournee 1996, wurde Mitglied des Fördervereins „Nadjeschda“ und unterstützte vor allem das Erlangen-Haus, zu dessen ersten Mietern er gehörte. Auf seine Anregung geht dort übrigens die Einrichtung einer Nachtwächterstelle zurück, denn er wies, selbst damals nicht ganz wohlauf, berechtigterweise darauf hin, was Gästen und dem Haus alles nachts passieren könnte, wenn niemand da wäre, um Hilfe zu leisten oder Alarm zu schlagen.

Ein schlechter Lehrer beschreibt, ein guter erklärt, ein ausgezeichneter zeigt und ein großer begeistert.

Wer sich so für Wladimir eingesetzt – als Lehrer, aber nie oberlehrerhaft! – und selbst neun Mal die Partnerstadt besucht hat, immer bepackt mit Unterrichtsmaterial, bleibt auch im Ruhestand jederzeit ansprechbar für die Belange des deutsch-russischen Austausches, gleich ob es um Organisatorisches geht oder um eine Zuwendung für eines der Projekte. Ehrensache deshalb auch für ihn, den Deutschlehrerinnen aus Wladimir im Vorjahr seine Erfahrungen mit der Methodik des Fremdsprachenunterrichts näherzubringen. Ein russisches Sprichwort sagt: „Verehre deine Lehrer wie deine Eltern.“ Rudolf Schloßbauer ist so ein Lehrer, der begeistern und prägen kann wie die Eltern, und er gehört zu den Eltern der Partnerschaft mit Wladimir. Wir verdanken ihm viel, und im Namen vieler dankt und gratuliert heute der Blog einem Menschen, der die Seele zu seinem Hauptberuf gemacht.

Zum Wirken von Rudolf Schloßbauer in der Partnerschaft mit Jena gibt es übrigens eine eigene Geschichte unter: https://is.gd/9vn7xv

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Vor gut zwei Jahren berichtete der Blog von Walerij Spiridonow, der am Werdnig-Hoffmann-Syndrom leidet und seine Hoffnung in eine Kopftransplantation setzte, die erste weltweit, durchgeführt von dem italienischen Mediziner, Sergio Canavero, der im Kollegenkreis durchaus kontrovers diskutiert wird. Die ebenso aufwendige wie kostspielige Operation, für Ende des Jahres vorgesehen, will man nun aber nicht an dem Programmierer aus Wladimir erproben, sondern an einem Patienten aus China vornehmen, der im Unterschied zu dem Russen in Lebensgefahr schwebe.

Große Hoffnungen: Walerij Spiridonow und Sergio Canavero

Ausschlaggebend für die vorläufige Absage an Walerij Spiridonow könnte aber auch ein anderer Grund sein: Es erscheint fraglich, ob es gelingt, die fünf bis sieben Millionen Euro einzuwerben, die für das chirurgische Wagnis notwendig wären. Der Wladimirer nimmt es unterdessen sportlich, geht weiter seiner Arbeit nach, hält im In- und Ausland Vorträge über seine Erkrankung – und hofft nun, als zweiter an die Reihe zu kommen. Mehr zu seinem außergewöhnlichen Fall unter:  https://is.gd/J9Jwtx

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Bürgermeisterin Elisabeth Preuß fand in ihrer gestrigen Rede zur Verleihung des „Ehrenbriefes der Stadt Erlangen für besondere Verdienste im Bereich der Jugendarbeit“ an Jutta Schnabel wieder einmal die richtigen Worte, als sie sagte, eine Laudatio, deren Dauer eher in Minuten denn in Stunden gemessen werde, biete nicht genug Raum für alles, was ausgesprochen werden sollte. Da blieb denn auch wirklich nur Zeit, auf die wichtigsten Stationen einer erstaunlichen Biographie hinzuweisen, die im vierzehnten Lebensjahr mit der Gründung des Bubenreuther Ministrantenrats in die Öffentlichkeit trat und sich bald darauf mit der eigenen Band „Los Cravalos“ Gehör verschaffte. Im weiteren darf der Blog – mit wenigen Auslassungen – direkt aus der Laudatio zitieren:

Seit 17 Jahren kann auch der BDKJ, der „Bund der Katholischen Jugend“ auf Jutta Schnabel zählen. Im Vorstand, im Schulungs- und Organisationsteam von Freizeiten, bei religiösen Projekten sowie der Vertretung des BDKJ im Stadtjugendring setzt sie Akzente. Jutta Schnabel sitzt für den BDKJ im Dekanatsvorstand  und kann so die Belange der kirchlichen Jugend auf höchster Ebene vertreten.

Gar nicht zu überschätzen ist Juttas Engagement für den Jugend-Austausch mit unserer russischen Partnerstadt Wladimir. Im Jahr 2000 war Jutta Schnabel dabei, als zum ersten Mal eine katholische Jugendbegegnung mit Wladimir stattfand. Sie knüpfte dort die Kontakte zur katholischen Rosenkranzgemeinde, die seitdem fester und fruchtbarere Bestandteil der Städtepartnerschaft sind. Der jetzige Pfarrer, Sergej Sujew, baut seit Jahren auf Jutta Schnabel. Er war übrigens erst vor kurzem aus einem sehr traurigen Grund in Erlangen, nämlich zur Beerdigung des viel zu früh verstorbenen Rolf Bernard, auch dieser ein Urgestein des Jugendaustausches mit Wladimir. Er hätte sich über Ihre Ehrung, liebe Frau Schnabel, riesig gefreut, sein Name darf in dieser Laudatio daher nicht fehlen.

Elisabeth Preuß, Jutta Schnabel und Susanne Lender-Cassens

Seit 2007 sind Sie beim Thema Wladimir nicht nur Teilnehmerin, sondern Organisatorin und ließen sich auch nicht durch einen unfreiwilligen Termin bei der Polizei in der Partnerstadt – mit stundenlanger Befragung wegen eines angeblichen Visum-Vergehens – entmutigen. Das Ende war eine  Sanktion durch die Ausländerbehörde, oder durch den Staatsschutz, für fünf Jahre wurde Frau Schnabel die Einreise in die Russische Föderation verboten. Siehe: https://is.gd/CFfOg6

Jutta Schnabel beim Erkennungsdienst 2010

Trotz dieser Hindernisse von staatlicher Seite blieb Frau Schnabel auch von Deutschland aus die treibende Kraft für den Jugendaustausch zwischen Erlangen und Wladimir. Sie baute ein ehrenamtliches Team auf, setzte neue Impulse, um die Begegnung weiter möglich zu machen. Ohne das Engagement von Frau Schnabel, soviel ist sicher, gäbe es diesen Austausch und die so enge Einbindung der Rosenkranzgemeinde nicht.

Udo Zettelmaier, Michael Kleiner, Jutta Schnabel, Rolf Bernard und Sergej Sujew, 2015

Michael Kleiner, Leiter des Referats Weltkirche im Erzbistum Bamberg, betonte erst kürzlich, die Begegnungen zwischen dem BDKJ, der Rosenkranzgemeinde und der Universität in Wladimir seien landesweit der einzige dauerhafte und regelmäßige Austausch dieser Art. Garant für diese Dauerhaftigkeit, das kommt jetzt nicht unerwartet, ist Jutta Schnabel.

Jutta Schnabel beim Gesprächsforum „Prisma“ in Wladimir, 2017

Wenn Jutta Schnabel dann auch noch im Vorstand des Vereines Nadjeschda aktiv ist, überrascht das schon kaum mehr. Dieser, vom unvergessenen Eltersdorfer Pfarrer Konrad Wegner gegründete Verein unterstützt Projekte in Wladimir, wobei sein Name, der auf Deutsch „Hoffnung“ heißt, Programm ist.

Jutta Schnabel auf dem Weg nach Wladimir zum Jugendleitertreffen 2017

Meine sehr geehrten Damen und Herren, mit Blick auf die weltpolitische Lage, auf die Wahlen in Frankreich und in Deutschland bringe ich das Engagement von Jutta Schnabel bei Amnesty International bewußt ganz zum Schluß. Der Einsatz für Menschenrechte, für Toleranz im aktiven Sinne, gegen Rassismus und Diskriminierung, für Vielfalt in unserer Stadt ist heute wichtiger denn je.

Jutta Schnabel 2011

Wenn eine Partei, deren Vorsitzende es befürwortet, an unseren Grenzen auf wehrlose Männer, Frauen und Kinder zu schießen, deren einziges Ziel Schutz und Sicherheit ist, möglicherweise in den Bundestag gewählt wird, dann ist die Unterstützung, die aktive Mitarbeit bei Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International elementar wichtig.

Jutta Schnabel trägt mit ihrem vielseitigen Engagement dazu bei, dass Menschen in Erlangen wie in Wladimir, aber auch an vielen anderen Städten unserer Welt die Hoffnung nicht verlieren.

Jutta Schnabel bei der Jugendbegegnung mit Wladimir 2016

Bleibt nur, Jutta Schnabel auch seitens der Blog-Redaktion herzlich zu gratulieren. Ihr Wirken füllt hier Spalte um Spalte und findet vor allem vielstimmigen Wiederhall in den Erfahrungen und Erlebnissen der ungezählten Jugendlichen, die mit und dank der Physikerin – ja, sie arbeitet auch noch an einer wissenschaftlichen Laufbahn! – das interkonfessionelle und ökumenische Verständigungswerk zwischen West und Ost gestalten. Danke, liebe Jutta! In Dir vereinen sich Glaube, Liebe und Hoffnung zu einer Energie, ohne die unserer Partnerschaft mit Wladimir eine Quelle fehlen würde, aus der wir alle immer wieder Kraft schöpfen dürfen.

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Liebe Leser des Blogs Erlangen-Wladimir,

geht es Ihnen auch so wie mir? Spüren Sie auch nach dem Lesen der Beiträge von Peter Steger, die modernen Medien, auch „soziale“ Medien genannt, könnten dieses positive Adjektiv wirklich verdienen? Gerade in einer Zeit, in der die Gefahr besteht, eine rechtsextreme Partei könnte in den Bundestag gewählt werden, an dem Rednerpult, an dem Friedenspolitiker wie Hans-Dietrich Genscher für Verständigung und Gerechtigkeit argumentierten, dürften eine Frau Petry oder ein Herr Gauland sprechen, sind Blogs wie der von Peter Steger nicht mit Gold aufzuwiegen. Die Berichte über den Besuch von Oberbürgermeister Florian Janik in Wladimir und der Präsentation des Buches „Komm wieder, aber ohne Waffen!“ und dessen szenischer Darstellung durch die Schüler aus Nischnij Nowgorod sind Momente höchsten Glücks und des Verstehens, wie der technische Fortschritt der Menschheit dienen kann.

Elisabeth Preuß und Anastasia Sacharowa

Der Bericht über die Vorstellung der russischen Ausgabe dieses Kompendiums über Völkerverständigung, Geschichtslernen und Menschenliebe ruft aber auch die Bürgermeisterin in mir auf den Plan. Es drängt mich, niederzuschreiben, wie sehr auch eine Stadtverwaltung davon profitiert, wenn ihre Mitarbeiter nicht „Dienst nach Vorschrift“ machen, sondern Weitblick, Lust, Interesse und Kreativität mitbringen. Peter Steger hat keinen Job, der ihm die Miete und einen satten Bauch sichert. Peter Steger hat seine Berufung gefunden. Wir haben in ihm nicht nur einen umsichtigen Mitabeiter im Sachgebiet „Städtepartnerschaften“ sondern einen „Botschafter für Freundschaft, Kultur und Austausch“, der in Stoke-in-Trent in England ebenso wie in Cumiana im Piemont, im thüringischen Jena, in Brüx und Komotau ebenso wie in Riverside in Kalifornien und eben in Wladimir konsequent für Versöhnung arbeitet.

Irina Chasowa und Elisabeth Preuß

Wie in der Familie von Peter Steger hat jede Familie in Erlangen ihre eigene Geschichte während des Dritten Reiches, auch die mehr als 30% Familien mit einer Migrationsgeschichte, denn soviel ist sicher: Nicht jeder hat Kinder, aber alle haben Eltern, und die hatten auch wieder Eltern. Mein Vater und mein Bruder haben in Bundesarchiven geforscht und nicht nur Angenehmes über unsere Vorfahren in Erfahrung gebracht.

Anna Makarowa, Elisabeth Preuß, Irina Chasowa und Anna Selichowa

Aus der Geschichte lernen: Dazu gibt es so viele Möglichkeiten. Das wichtige ist, DASS wir lernen. Aus der eigenen Familiengeschichte ebenso wie aus Büchern, Zeitungen und Filmen.

Elisabeth Preuß, Peter Steger und Wolfgang Morell, 22. Juni 2011 in Wladimir, Platz des Sieges

Was den Blog von Peter Steger aber so unersetzlich macht, sind dessen Geradlinigkeit, Vielfältigkeit und immer wieder die Demut vor der Erkenntnis, welche unfaßbare Katastrophe die Wahl in Deutschland im Jahr 1933 über die Welt gebracht hat. Darum ist den Schlußworten von Peter Steger in seiner Wladimirer Rede vom Montag in der Karwoche 2017 nichts hinzuzufügen: Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg!

Elisabeth Preuß

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Alles begann vor zehn Tagen mit einem Kommentar zu diesem Eintrag im Blog: https://is.gd/GMBQmJ. Wenige E-Mails hin und her später war die Blog-Redaktion auf der Spur einer jener Geschichten, wie sie nur das Leben der Städtepartnerschaft schreiben kann. Zu schön, um erdacht zu sein! Aber lesen Sie selbst:

Mit 14 Jahren hat meine Mutter 1940 in dem Dorf Hoptrup in Nordschleswig den Einmarsch der deutschen Truppen in Dänemark direkt vor dem Schulhaus, in dem sie wohnte, miterlebt. Nordschleswig war seit 1920 wieder dänisch, und die nationalen Spannungen blieben 20 Jahre danach immer noch durchaus spürbar. Als ich klein war, erzählte meine Mutter mir und meinen beiden Schwestern oft von ihrer Kindheit, unter anderem wie sie als Tochter des Dorfschullehrers mit den deutschen Kindern im Dorf nicht spielen durfte. Ich nehme an, solche spannenden Geschichten weckten schon früh mein Interesse für Deutschland und nationale Fragen. Von meiner Geburtsstadt aus, etwa 120 km von der deutsch-dänischen Grenze (und 13 km von der Legostadt Billund) entfernt, machten wir in den 60er und 70er Jahren oft einen Wochenendausflug nach Deutschland und verbrachten dort auch häufig die Ferien. Dies alles führte dann später fast logischerweise dazu, daß ich an der Uni in Aarhus Germanistik studierte und später Arbeit als Deutschlehrer in einem Gymnasium fand.

Als junger Lehrer erhielt ich Ende der 70er Jahre die Möglichkeit, dänische Schülergruppen zu betreuen, die in den Sommerferien in Deutschland einen Deutschkurs an einem Gymnasium absolvierten, und in dieser Rolle verbrachte ich drei oder vier Mal in Herzogenaurach drei wunderbare Wochen. Jedes Mal hatte ich dort bei Kursleiter, Oberstudienrat Günter Blasch, und seiner Familie mein Quartier. Daraus ist eine Freundschaft entstanden, die auch fortdauerte, nachdem ich mit den Ferienkursen aufgehört hatte.

Ulrik Eskildsen mit Volker und Günter Blasch

Neben meiner Tätigkeit als Deutschlehrer unterrichtete ich auch Sport und spielte in meiner Freizeit auf höchstem nationalen Niveau Volleyball, wobei ich auch als spielender Trainer Mannschaften betreute. Als sich meine aktive Sportlerkarriere dem Ende zuneigte, bin ich einem alten Traum nachgegangen, Russisch zu lernen. Als Deutschlehrer und auch als Sportler und privat hatte ich mehrmals die DDR und andere  osteuropäische Länder besucht und dort interessante und nette Menschen getroffen, mit denen ich mich leider nicht oder nur schwerlich verständigen konnte, darunter auch Russen und andere Slawen. Ich mußte also Russisch lernen! Ein paar Jahre später, ich hatte schon den Grundkurs in Russisch an der Volkshochschule gemacht, ergab sich die Möglichkeit, an der Universität Aarhus, einen  vierjährigen Fernkurs  in Russisch zu belegen. Nach vier Jahren und vor dem letzten Examen, mündliche Sprachfertigkeit, erhielt ich von meinem Gymnasium drei Monate Urlaub und studierte an der Pädagogischen Hochschule in Wladimir Russisch. In meiner Klasse waren  außer mir zwei junge Däninnen, eine Japanerin, ein Norweger und – mit ein paar Tagen Verspätung – auch eine Chinesin, also eine kleine, interessante und internationale Gruppe.

Natalia Oserowa und Poul Flou Pedersen

Vor meiner Abreise empfahl mir die dänische Kontaktperson der PH Wladimir, mich mit einem jungen Dänen in Verbindung zu setzen, der eben einen ähnlichen Kurs in Wladimir beendet hatte. Ich fand heraus, dass ich diese Person ja schon kannte – und zwar als ehemaligen Schüler an dem Gymnasium in Aars, in Nordjütland, an dem ich meine Karriere angefangen hatte. Er klimperte oft in der großen Pause in dem Musiklokal, an dem ich auf meinem Weg in die Sporthalle vorbeikam, auf dem Flügel. Dieser junge Mann, Poul Flou Pedersen, informierte mich bestens über die Verhältnisse in Wladimir und erzählte auch davon, er habe dort eine Freundin, die er auch schon nach dem Kurs besucht habe. Sie heißt Natalia Oserowa und ist seit 1994 mit Poul verheiratet. Sie wohnen in Nørager, nur eine halbe Autostunde von meiner Stadt, Aalborg, entfernt. (Mehr darüber hier). In Wladimir wohnte ich dann bei derselben Familie wie Poul ein Jahr davor.

Ulrik Eskildsen und Xiaozheng

Recht schnell fand ich heraus, daß die Chinesin in unserer Klasse, Xiaozheng (Mascha), schon sehr gute Russischkenntnisse hatte. Später erfuhr ich, daß sie eigentlich als Dolmetscherin der Kreisadministration nach Wladimir gekommen war und schon in China Russisch studiert hatte. Ihre Stadt, Deyang, ist/war die chinesische Partnerstadt von Wladimir. An der Sprachhochschule in Chongqing hatte sie, wie auch alle anderen, die Russisch studierten, einen russischen Namen, Mascha, zugeteilt bekommen. Da es eben eine Flaute in der Arbeit bei der Administration gab, hielt sie sich in unserem Kurs sprachlich in Form. Eines Tages, sie hatte das Lehrbuch zu Hause vergessen, lud ich sie ein, in meinem Buch mit zu lesen. Soviel  ich mich erinnern kann, blieb sie dann auf diesem Platz sitzen, und wir freundeten uns allmählich an, was für mich eine fast schon übermenschliche Leistung darstellte, da meine Russischkenntnisse ja doch (noch) sehr begrenzt waren. In Wladimir machte Mascha mich mit anderen Chinesen bekannt, die dort im Studentenwohnheim lebten, aber nie studierten. Dagegen waren sie tagsüber auf dem Markplatz aktiv, wo sie vor allem selbst importierte Textilien verkauften. Das war schon eine ganz andere und noch exotischere Welt als die russische. Meine Sitznachbarin entsprach tatsächlich sehr gut dem wenigen, was ich durch Brechts “Guten Menschen von Sezuan” über Chinesinnen bereits erfahren hatte, was vielleicht nicht so verwunderlich ist, da sie eben aus der Hauptstadt Sichuans, Chengdu, stammt. Sie ist wirklich ein 四川好人 (Sichuan hao ren), ein guter Mensch aus Sichuan.

Aufführung des Brecht-Stücks unter der Regie von Jurij Ljubimow

Nach drei schnell verflogenen Monaten in Wladimir mußte ich Anfang Dezember nach Dänemark zurück und bestand in Aarhus mit Erfolg mein abschließendes Russischexamen. Examinator war unsere Grammatikdozentin, Annie Christensen.

In den Weihnachtsferien drängte es mich wieder nach Wladimir. Ich wollte herausfinden, ob meine asiatische Connection mehr als nur eine Freundschaft war. Mein Verdacht bestätigte sich, und genau neun Monate nach meiner Abreise, kurz nach Silvester, landete Xiaozheng dann in Kopenhagen, und im Oktober 1995 heirateten wir in Aalborg. Als schönen Nebengewinn brachte sie ihre fünfeinhalbjährige Tochter aus erster Ehe mit, die nach einem Jahr Vorschule in der 1. Klasse anfing und problemlos mithielt. 1997 bekamen wir einen Sohn. Unsere Tochter Momo ist seit einem halben Jahr Rechtsanwältin, und Lars studiert im vierten Semester an der Uni in Aalborg. Xiaozheng hat es geschafft, sich in Dänemark zur Krankenschwester auszubilden. Sie arbeitete 8 Jahre im Universitätskrankenhaus in Aalborg und sucht jetzt seit ein paar Jahren vorwiegend kürzere Vertretungsjobs in Krankenhäusern in Norwegen.

Lars und Momo

Das sind ja alles schon abenteuerliche Geschichten, finde ich, aber noch toller kam es, als ich entdeckte, daß meine fränkische Verbindung auch einen russischen Ableger hat. Schon in Wladimir wunderte ich mich darüber, manchmal in einem ausgedienten Erlanger Bus zur Uni fahren zu können: mit intakter Liniennummer aus Erlanger Zeiten. Bei einem Besuch in Herzogenaurach ein paar Jahre später erzählten mir die Blaschs von Besuchen russischer Tänzer aus Wladimir in Erlangen, und neulich erfuhr ich, daß Volker, der älteste der drei Blasch-Söhne, der seit seiner Kindheit in der Folklore- und Tanzgruppe Ihna in Erlangen aktiv ist, mit einer tanzenden Anastasia aus Wladimir verheiratet ist.

Anastasia und Volker Blasch

Der letzte Schnörkel in dieser verwickelten persönlichen Geschichte kam dann neulich in der Dorfkirche in Siem hinzu, wo viele der erwähnten Personen, außer den deutschsprachigen, wie durch Zufall zusammentrafen. Der Anlaß war die Präsentation des Buches von Natalia Oserowa-Pedersen mit neuen Übersetzungen aus dem Schwedischen ins Russische der modernistischen Gedichte von Edith Södergran, entstanden Anfang des 20. Jahrhunderts. Natascha trug selbst ausgewählte Gedichte auf Russisch vor, während Annie Christensen mit ihrem schwedischen Hintergrund auf Schwedisch vorlas. Annies Urgroßmutter stammte aus einer schwedisch-finnischen Familie und hatte den späteren Gouverneur Rußlands in Russisch-Amerika (Alaska) geheiratet. 2005 gab Annie Christensen 52 Briefe ihrer Urgroßmutter aus der Handschriftensammlung der Akademiebibliothek in Turku (Åbo) in kommentierter Form als Buch heraus (Letters from the Governor’s Wife, Aarhus University Press, 2005).

Nach der stimmungsvollen Poesie-Theater-Vorstellung in Siem wies mich Natalia Oserowa darauf hin, ihr Buchverlag, Арт Волхонка (Art Volchonka) in Moskau, veröffentliche auf der Webseite des Buchs Links zu Besprechungen und Rezensionen. Hier entdeckte ich u.a. Peter Stegers heute genau ein Jahr alte Besprechung mit dem Titel “Wladimir gibt Edith Södergran die russische Stimme” und setzte mich sofort mit “wladimirpeter” in Verbindung, um ihn auf diese wunderlichen und wunderbaren Fügungen des Schicksals aufmerksam zu machen.

Ja, so war’s tatsächlich.

Ulrik Eskildsen, Aalborg, Dänemark

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Gestern begleiteten Verwandte, Angehörige und Freunde eine großartig den Menschen zugewandte Frau auf ihrem letzten Weg, ganz im Geiste des Psalms „Befiehl dem Herrn deine Wege, er wird’s wohl machen“, den sie noch selbst für ihre Trauerfeier – ebenso wie die Lieder – ausgewählt hatte. Dabei machte Lieselotte Rossa, mit 92 Jahren im Kreis der Familie verstorben, sicher vieles wohl im Leben – eher im stillen und verborgenen, dafür mit ungeteilter Aufmerksamkeit und behutsamem Feingefühl, stets unterstützt vom Serviceklub „Inner Wheel“, an dessen Gründung sie 1993 mitgewirkt hatte. Vielen kam dieses Wohl zugute, in Erlangen vor allem alten Menschen, in Wladimir vornehmlich alleinerziehenden Müttern.

Lieselotte Rossa

Es war 1999, als Lieselotte Rossa, mit 20 Jahren aus der Kleinstadt Johannisburg im ermländischen Masuren vor der Roten Armee geflohen, einen Kreis von etwa einem Dutzend Familien ins Leben rief, die monatlich einer jungen Familie in der Partnerstadt einen individuell festgelegten Betrag zukommen ließen. Um gegenseitige Abhängigkeiten und Verpflichtungen zu vermeiden, vereinbarte man Anonymität, die Verteilung der Spenden übernahm der Wladimirer Kinderschutzbund je nach Bedürftigkeit. Bis heute gibt es aus diesem Kreis Überweisungen für Wladimirer Mütter in Not. Auch über ihren Tod hinaus also wirkt nach, was Lieselotte Rossa zu ihren Lebzeiten wohl gemacht. Dennoch: Der Weggang dieser Wohltäterin schmerzt – auch weil die Verstorbene jener Generation angehörte, die Krieg, Flucht und Vertreibung am eigenen Leib erlebten und dennoch in sich die Kraft fanden, nicht im Zorn zurückzublicken, sondern die Verständigung mit dem einstigen Feind zu suchen, ihm die Hand zu reichen. Dieses Vorbild, Versöhnung zu leben, wird ebenso fehlen wie der Mensch Lieselotte Rossa. Wer sie kannte, wird ihr ein dankbares Gedächtnis bewahren.

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