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Archive for the ‘Gesichter’ Category


Die Geschichte, die heute erzählt werden will, beginnt Anfang der 90er Jahre, als sich in Nördlingen, angeregt von den Aktionen Rothenburgs in Susdal, eine Initiative mit dem Ziel gründete, in Jurjew-Polskij, etwa 70 km nordwestlich von Wladimir gelegen, humanitäre Hilfe zu leisten, ganz konkret, von Mensch zu Mensch, von Familie zu Familie. Von den Behörden ließ man sich eine Liste bedürftiger Personen geben und immer im Januar besuchte dann über Jahre hinweg eine Bürgergruppe aus dem schwäbischen Bayern die 1152 von Jurij Dolgorukij, dem Gründer von Moskau, erbaute einstige Fürstenresidenz und verteilte Pakete mit vor Ort gekauften Hilfsgütern, die einen Gruß des Absenders enthielten, um der Sache die Anonymität zu nehmen. Diese Art der Hilfe, die auch in den umliegenden Dörfern geleistet und später ganz auf Geldspenden umgestellt wurde, kam gut an, und die vielen nach Nördlingen geschickten Dankesbriefe schufen ein immer engeres Netz von Freundschaften. Im Gefolge der humanitären Aktionen, unterstützt auch von der Erfahrung Erlangens, entstanden auch Verbindungen zum Roten Kreuz, zu Altenheimen und Krankenhäusern, und sogar ein Schüleraustausch kam in Gang. 1993 kam die erste Gruppe aus Jurjew-Polskij nach Nördlingen; auf Einladung von Thomas und Rosi Held auch dabei die damals fünfzehnjährige Jelena Losinskaja. Sie hatte für ihren Großvater – unter Stalin repressiert und später rehabilitiert stand er auf der Bedürftigenliste – den Dankesbrief geschrieben, und die Empfänger luden sie nun spontan ein. Die Schülerin begann, Deutsch zu lernen – übrigens auch im Erlangen-Haus -, kam wieder, die deutschen Gastgeber erwiderten die Besuche, kehrten noch mindestens sieben Mal, sogar mit den eigenen Söhnen, zurück in die Stadt am Kleinen Goldenen Ring mit 17.000 Einwohnern. Eine Freundschaft war geboren, die von Jahr zu Jahr enger wurde: Längst betrachten die Helds Jelena Losinskaja, mittlerweile selbst Mutter eines Sohnes und seit zehn Jahren in Wladimir wohnhaft, wo sie für die Moskauer Schokoladenfabrik „Krasnyj Oktjabr“ die Geldbewegungen überwacht, als ihr drittes Kind.

Thomas und Rosi Held mit Jelena Losinskaja

In den letzten Jahren reist das Ehepaar nicht mehr so viel, aber die „Adoptivtochter“ besucht die beiden ja regelmäßig. Der Austausch zwischen Nördlingen und Jurijew-Polskij hingegen ist mittlerweile zum Erliegen gekommen. Dabei sah es so vielversprechend aus: Sogar Nikolaj Winogradow, damals Gouverneur der Region Wladimir, besuchte mit einer offiziellen Delegation und Peter Steger, Erlangens Partnerschaftsbeauftragter, die ehemalige Reichsstadt, um für eine offizielle Partnerschaft zu werben, aber auf beiden Seiten wagten die Rathäuser den Sprung nicht. Ohne kommunale Strukturen und Unterstützung fehlte es auf Dauer der losen Bürgerinitiative an Kraft, viele der Aktiven wurden alt und krank, verstarben. Heute sind nur noch wenige private Freundschaften am Leben, darunter die nun schon „deutsch-russische Familie“ Held-Losinskaja, die bis heute Freud und Leid miteinander teilt und nun ein Wiedersehen in Wladimir plant. Thomas Held, der aus der humanitären Hilfe für sich den Schluß zieht, es sei schwerer zu nehmen als zu geben, meint dazu: „Nach so vielen Jahren würde es mich schon reizen, einmal wieder hinzufahren und mir Zeit zu nehmen.“ Zeit, um zu sehen, was aus den Menschen in Jurjew-Polskij geworden ist, die aus Nördlingen so viel Hilfe erfahren haben, Zeit aber auch, um zu erleben, was Jelena Losinskaja aus ihrem Leben und der schwäbischen Unterstützung gemacht hat, Zeit, um zurückzublicken auf ein gelungenes gutes Werk.

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Für Dagmar Paliwal war es ein gerader Weg von Willy Brandts Ostpolitik der Aussöhnung mit den einstigen Feinden zur Partnerschaft mit Wladimir. 1980 übernahm die polyglotte Ethnologin mit einem an der berliner Schnauze geschliffenen schwäbischen Zungenschlag den Partnerschaftsbereich im Rathaus Erlangen und kümmerte sich zunächst natürlich und vornehmlich um Eskilstuna in Schweden und Rennes in Frankreich. Als dann aber Oberbürgermeister Dietmar Hahlweg die Hand in Richtung Sowjetunion ausstreckte, machte sich Dagmar Paliwal gemeinsam mit Herbert Lerche, dem späteren und mittlerweile aus dem Dienst ausgeschiedenen Leiter des Bürgermeister- und Presseamts, und unterstützt von der Schubkraft des damaligen Chefs der „Erlanger Staatskanzlei“, Helmut Schmitt, mit heißem Herzen und kühlem Verstand an die Fortsetzung des Werks der Völkerverständigung. Von Beginn an war ihr klar, daß für den Austausch mit einer Stadt in der UdSSR ganz andere Voraussetzungen bestanden als im Kontakt etwa mit den französischen Freunden. Deshalb versuchte sie auch früh, in die Austauschprogramme die Politik ebenso wie Vereine und Fachkontakte einzubeziehen, eine gute Verbindung und Mischung zu schaffen, die versprach, das zu ermöglichen, an dessen Zustandekommen in der Anfangsphase wohl auf beiden Seiten noch viele zweifelten. Doch bald sollte sich zeigen: Das wird etwas. Erlangen und Wladimir passen zusammen.

dagmar-paliwal

Selbst war die Anglistin und Romanistin allerdings nur ein einziges Mal in Wladimir, 1986, als man dort mit gut einhundert Teilnehmern aus Erlangen die Kultur- und Sporttage feierte. Immer an der Seite von Dietmar Hahlweg und Ludmila Holub, die als Dolmetscherin so charmant-gewandt dafür sorgte, daß sich Deutsche und Russen verstanden. Hier nun spürte Dagmar Paliwal hautnah die Aufbruchsstimmung, ausgehend von Perestrojka und Glasnost, erlebte Glauben und Mut der Menschen und deren Hoffnung auf eine bessere und gemeinsame Zukunft. Überwältigt war sie von den fremden Eindrücken einer Kultur, die sie bisher nicht kannte, und die ihr, wie die Völkerkundlerin bedauert, bis heute fremd geblieben sei: „Aber ich habe alles dankbar aufgesaugt, konnte nur leider nichts zurückgeben. Ich habe viel bekommen in Wladimir, und dafür bin ich sehr dankbar.“

Ein Suchbild: Dagmar Paliwal zwischen Dietmar Hahlweg, Genrich Oserow und Rudolf Schwarzenbach in einer Wladimirer Klinik. Die Losung über den Häuptern der Gruppe lautet: „Unter den sozialen Aufgaben gibt es keine wichtigere, als die Sorge um die Gesundheit der Sowjetmenschen.“

Einige Anekdoten bleiben unvergessen. Etwa wie Stadtrat Erwin Wolff, Weltkriegsveteran und in sowjetischer Gefangenschaft, der nach der Rückkehr aus Wladimir seiner CSU-Fraktion anriet, die Partnerschaft zu unterstützen, bei einer Stadtrundfahrt darauf bestand, aussteigen zu dürfen, um allein durch die Straßen zu gehen. „Man kann sich heute gar nicht mehr vorstellen, wie groß die Sorge war, er könne verlorengehen“, erinnert sich Dagmar Paliwal. „Aber er war zur vereinbarten Zeit wieder am vereinbarten Ort und wirkte später als Eisbrecher in seiner Partei.“ Oder die Erinnerung an das kleine Mädchen, das neben der Besucherin aus Erlangen stand, als das Feuertheater Mechelwind seine Schau vorführte, und rief: „Mehr blaue Sterne, rote haben wir genug!“ Auch an das Mittagessen am Abflugtag in Moskau mit Michail Swonarjow, dem Vorsitzenden des Rates der Volksdeputierten, denkt sie zurück. Auf Dagmar Paliwals Frage nach den Ingredienzien einer wunderbaren Erbsensuppe antwortete der nach einigem Zögern: „Kann ich nicht sagen, das ist eine europäische, keine russische Suppe.“ Noch heute muß die vor zehn Jahren in den Ruhestand getretene Partnerschaftsbeauftragte und Feinschmeckerin da schlucken. Und noch heute gibt es bei den Russen – leider – diese geographisch-mentale Grenzziehung – bei aller Nähe, bei all dem vielen, was uns schon immer und immer mehr eint. Dementsprechend ihre Reaktion: „Ihr seid doch auch Europäer!“ Eine Antwort, die heute mehr denn je gilt.

Dagmar Paliwal 2

Nach dieser Reise sah Dagmar Paliwal ihre Wladimir-Mission als erfüllt an, organisierte 1987 noch die „Wladimirer Kultur- und Sporttage“ in Erlangen, erstmals mit dem Verfasser dieser Zeilen als Dolmetscher an ihrer Seite, und übergab dann die Kontakte an Herbert Lerche, um sich wieder „ihren“ Städten zuzuwenden. Bald sollten ja auch Jena, Stoke-on-Trent und San Carlos hinzukommen. Sie konnte aber sicher sein, daß die Verbindung zu den Russen Bestand haben würde, auch wenn niemand voraussehen konnte, wie bald die Sowjetunion zerfallen würde und welch ungeahnte Möglichkeiten der Zusammenarbeit sich in den 90er Jahren eröffneten.

Dagmar Paliwal feiert heute einen runden Geburtstag. Anlaß zur Freude und zur Danksagung an eine Bereiterin und Begleiterin eines heute weit verzweigten Wegs der Verständigung. Danke an eine Kollegin, die allen, die mit ihr im internationalen Austausch arbeiten konnten, im Rathaus und weit darüber hinaus in aller Welt – wo die Kosmopolitin ja zu Hause ist –, sehr fehlt. Glückwunsch, liebe Dagmar, und danke für alles in allen dir geläufigen Zungen des weiten Erdenrunds!

Leicht geänderte Fassung eines Artikels der im Blog bereits vor fünf Jahren erschien.

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Gestern betrat er noch hinter dem Vorhang des Puppentheaters die Bühne, um – versteckt vor den Blicken der Kinder im Saal – während der ausverkauften Vormittagsvorstellung die jüngeren Spieler mit seiner Erfahrung zu unterstützen. Das Ende der Aufführung „Fuchs und Bär“ erlebte Pjotr Pitirimow, von seinen Freunden Petja genannt, nicht mehr, im 68. Lebensjahr erlag er einem Herzanfall, unbemerkt vom Publikum, denn das Stück wurde nicht abgebrochen.

Pjotr Pitirimow

Unvermutet kam der Tod, ohne Vorwarnung, ohne Vorerkrankung, der Notarzt konnte nicht mehr helfen. Mit Pjotr Pitirimow geht ein alter Meister von der Bühne, der als Gründungsmitglied des Staatlichen Tanz- und Folklore-Ensembles „Rus“ von 1975 bis 1998 mit seinen choreographischen Harlekinaden das Publikum verzauberte. Nach seiner Pensionierung wechselte der Tänzer zum Puppentheater, wo er auch immer wieder gern als Zauberer auftrat und von der Leiterin als „wohl gutherzigster und liebenswürdigster Mensch in unserer Truppe“ bezeichnet wird.

Pjotr Pitirimow

Pjotr Pitirimow kam vor 30 Jahren zum ersten Mal mit „Rus“ nach Erlangen und fand hier – vor allem in Eltersdorf – Freunde, mit denen er zeitlebens verbunden blieb, auch wenn er in den letzten Jahren nicht mehr aktiv am Austausch zwischen den Partnerstädten teilnahm. Nun ist der Tänzer, Puppenspieler und Zauberer von der Bühne abgegangen, die ihm das Leben bedeuteten, ohne Abschied zu nehmen, ohne Zugabe, für die er immer so gerne aus der Kulisse zurückkehrte ins Rampenlicht. Zurück läßt Petja uns sein zauberhaftes Lächeln, das jeder, der ihn kannte, für immer in sich trägt.

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Klar, im Austausch zwischen den Partnerstädten, wird nahezu täglich Geschichte geschrieben, gerichtet auf Verständigung und Miteinander über alle Grenzen hinweg. Aber es gibt doch nur selten Momente wie diesen, als bei der gestrigen Gala zum sechzigjährigen Jubiläum des Tanz- und Folklore-Ensembles „Ihna“ die vier Choreographen der Freundschaft zusammentrafen, ohne die der festliche Abend nicht hätte stattfinden können, ohne deren unschätzbaren Beitrag es die Partnerschaft zwischen Erlangen und Wladimir, wie wir sie kennen und pflegen, gar nicht gäbe.

Eike Haenel, Nina Peschkowskaja, Dietmar Hahlweg und Nikolaj Litwinow

Eike Haenel gehörte vor sechs Jahrzehnten zur ersten Besetzung der von seinen Eltern gegründeten Jugendgruppe, die sich den Tanztraditionen aus Pommern widmete, gründete schon vier Jahre später sein eigenes Ensemble „Ihna“ und reiste mit diesem 1977 als erster Botschafter der Kultur und Aussöhnung nach Polen, bevor der heutige Ehrenvorsitzende seiner Truppe 1984 als Mitglied der ersten Delegation des Stadtjugendrings nach Wladimir kam, wo er in Nina Peschkowskaja und ihrem Kollektiv „Wladimirez“ fand, wonach er immer gesucht hatte. Nach zahllosen künstlerischen Begegnungen, gemeinsamen Auftritten und Tourneen wurde Nina Peschkowskaja zu ihrem 80. Geburtstag am 20. April 2014 zum Ehrenmitglied der „Ihna“ ernannt, und nun gab sie ihren deutschen Freunden die Ehre.

Wladimirez auf der Bühne

Altoberbürgermeister Dietmar Hahlweg, Schirmherr und Laudator des Festakts in der Franconian International School, hatte damals Eike Haenel ausdrücklich ermuntert, seine kommunale Ostpolitik der Annäherung kulturell zu unterstützen. Er, der Begründer der Städtepartnerschaft, war es auch, der im Juni 1987 nach dem ersten Auftritt des Staatlichen Tanz- und Gesangsensembles „Rus“ den damaligen künstlerischen Direktor, Michail Firsow, und den Leiter des Orchesters, Nikolaj Litwinow, einlud, möglichst bald wiederzukommen. Möglich machte das wiederum Eike Haenel, indem er „Rus“ an die Konzertdirektion Schlote in Salzburg vermittelte und im Frühjahr 1989 die erste Deutschlandtournee für die Wladimirer organisierte. Was dieses Quartett noch zu Zeiten des Kalten Krieges an Bahnbrechendem zuwege gebracht hat, fordert heute nicht nur Dankbarkeit und Demut, sondern schenkt auch fortwährende Freude über die Früchte seiner Arbeit und verleiht zuversichtliche Kraft zur Überwindung gegenwärtiger und zukünftiger Fährnisse der Freundschaft. Und so durfte man denn das Geburtstagfest – großartig ausgerichtet unter der Regie von Eike Haenels Nachfolgerin, Silvia Jäger – ebenso als eine Verneigung vor den Choreographen der Freundschaft wie als Versprechen verstehen, auch die nächsten 60 Jahre in deren Geist zu gestalten.

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Unlängst ist auf dem russischen Facebook-Pendant В контакте eine Zuschrift eingegangen, die man nicht anders als ein großes Kompliment an die dort angebotenen Deutschkurse verstehen kann. Mehr noch, der seinerzeitige Schüler hat seinen Weg dank Deutsch gemacht. Und ist nicht die schönste Anerkennung für einen Lehrer der Erfolg seines Schülers?

Vom Erlangen-Haus hörte ich schon von meiner Deutschlehrerin an der Schule. Ich stellte es mit damals als das Mekka der deutschen Sprache vor, als Deutsche Botschaft in Wladimir.

Reinhard Beer, Julia Korowina, Tatjana Iwanowa und Sergej Trojnitsch im Club International der VHS Erlangen, 2014

Schon ein wenig erwachsener, als ich Deutsch bereits abgelegt hatte, erinnerte ich mich an das Erlangen-Haus und suchte es nun mit einem konkreten Ziel vor Augen auf. Vorbereitet und mit hervorkramten und noch präsenten Schulkenntnissen, stieg ich gleich beim Kurs A2 ein. Der Wunsch, weiterzumachen mit dem Lernen, kam danach von selbst. Dank der ausgezeichneten Methodik und Aufmerksamkeit der Lehrkräfte gelangen mir, wie ich meine, gute Ergebnisse im Studium der Sprache. Dabei empfand ich die Sommersprachkurse in Erlangen als ein regelrechtes Geschenk nach jedem Lehrjahr.

Wie erfolgreich das lief, möchte ich an einem konkreten Beispiel zeigen. Um mein Können zu dokumentieren, legte ich die Prüfung für das Zertifikat der Stufe B2 ab, obwohl ich doch nur B1-Plus-Niveau hatte. Mein Traum ging in Erfüllung, das Ziel war erreicht. Aber damit noch nicht genug!

Nikolaj Sakuterin, Sergej Trojnitsch und Iwan Nisowzew in Karlsruhe 2015

Im Jahr des Abschlusses half mir dieses Zertifikat sehr dabei, eine neue Anstellung zu finden. Ganz zufällig stieß ich auf eine Anzeige im Internet mit der Beschreibung all meiner Fähigkeiten plus Deutschkenntnisse. Das zeigt just, wie das Deutsche sich auf mein Leben auswirkte.

Heute arbeite ich in Moskau für eine deutsche Firma mit langjähriger Geschichte. Geschäftskorrespondenz, Telephongespräche, Dienstreisen, Treffen… Die Kommunikation in der Sprache Goethes ist mir zur Alltagsbeschäftigung geworden. Selbstverständlich habe ich nicht aufgehört, Deutsch zu lernen. Mein Motto lautet: „Vor dem Schlafen, nach dem Essen, deutsche Sprache nicht vergessen!“, ich habe den Kurs B2 abgeschlossen und mache jetzt auf dem Niveau C1 weiter. Bald besuche ich einen Fachkurs für Geschäftskommunikation in deutscher Sprache. Neue Ziele gilt es, zu erreichen.

Sergej Trojnitsch beim Jugendforum in Karlsruhe 2015

Ich möchte bei der Gelegenheit dem ganzen Team des Erlangen-Hauses dafür danken, mir die Möglichkeit gegeben zu haben, meinen Traum zum Ziel zu machen und mir dabei zu helfen, ihn wahr werden zu lassen! Mein Ziel war es, Deutsch sprechen zu können. Vielen Dank dafür!

Nikolaj Sakuterin, Iwan Nisowzew, Sergej Trojnitsch und Peter Steger vor dem Konferenzgebäude in Karlsruhe 2015

Auf dem Bild bin ich 2015 bei der Konferenz der deutsch-russischen Partnerstädte in Karlsruhe zu sehen. Ich konnte dabei dem Jugendforum die Partnerschaft Wladimir – Erlangen sowie dem Runden Tisch „Verständigung und Versöhnung“ das Buch „Komm wieder, aber ohne Waffen!“ vorstellen. Hierfür danke ich Peter Steger!

Zum Original des von Peter Steger übersetzten russischen Textes geht es hier: https://vk.com/erlangenhaus

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Erst im September hatten sie sich in Wladimir das Jawort gegeben, und nun verbrachte das frisch vermählte Paar eine Flitterwoche in Erlangen. Es muß schon eine besondere Beziehung sein, wenn man als Ziel für die Hochzeitsreise nicht Paris oder Venedig, sondern Erlangen wählt.

Kristina und Sergej

Sergej braucht man nicht lange nach Gründen zu fragen. Er war bereits als Austauschschüler hier, später als Journalist eines TV-Senders, dann als Pressesprecher des Stadtrats Wladimir oder Vermittler im Sportaustausch. Ein Kind der Partnerschaft eben. Aber auch Kristina ist nicht zum ersten Mal zu Gast und genießt die entspannte Atmosphäre und das leichte Lebensgefühl der Franken in vollen Zügen. So sehr gefällt es den beiden, daß sie Erlangen auch gleich einer befreundeten Familie aus Wladimir zeigen wollten, angereist mit ihnen im eigenen Auto. „Guten Rat und Liebe, aber keinen Kummer“, wünscht man jungen Eheleuten nach der russischen Tradition. Wir fügen hinzu: „eine sichere Heimreise und auf bald mal wieder in Erlangen oder Wladimir!“

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Portrait der Weltbürgerin, Annie Constance Christensen, geb. Ehrensvärd, anläßlich ihres 80. Geburtstages, vorgestellt und für den Blog bearbeitet von Natalia Oserowa-Pedersen, die aus Wladimir stammt und, auch wenn sie in Dänemark lebt, eng mit der Heimat und der Städtepartnerschaft verbunden bleibt.

Während es dämmert, bricht die Zeit für ein Gespräch an. Ich erinnere mich an die unvergeßlichen Stunden, die ich mit Annie Constance Christensen bei einer unserer Begegnungen verbrachte. Das Flair ihres gastfreundlichen Hauses in Århus läßt einen die stille Stimme der Geschichte und den Atem der Gegenwart spüren. Annie Constance Christensen unterrichtete über 38 Jahre Russisch an der Århus-Universität, schrieb zahlreiche Artikel und Lehrbücher und war Mitglied des Organisationskomitees von „The International Association of Teachers of Russian Language and Literature“.

Annie Constance Christensen

Ihr Charme und ihre Offenheit neuen Eindrücken gegenüber, ihre Fähigkeit, das Echte zu fühlen, machen unser Gespräch so intensiv und einmalig, ganz unabhängig vom Thema. Natürlich hinterlassen einen besonderen Eindruck die Erzählungen über das uralte Geschlecht ihrer Familie, die lebendige Geschichte, die uns in Gesichtern, Bildern und Farben begegnet. Annie Constances Schicksal und wissenschaftliches Wirken hat eine enge und direkte Beziehung zu Kulturtraditionen mehrerer Länder: Schwedens und Dänemarks, Finnlands und Deutschlands, Frankreichs und Rußlands.

Einer der direkten Vorfahren von Annie Constance, Jacob Johan Ehrensvärd, kämpfte im Krieg unter Karl XII, sein Sohn, Augustin Ehrensvärd, ein hervorragender Politiker und großer Spezialist in der Fortifikation, war Feldmarschall während des Siebenjährigen Krieges. Er war es auch, der die berühmte Festung Sveaborg auf dem heutigen Staatsgebiet von Finnland errichtete. Sein Sohn, Carl August Ehrensvärd, seinerseits wurde zu einem großen Kunsttheoretiker, Kunstmaler und Architekten, war mit vielen Künstlern seiner Zeit befreundet, wie zum Beispiel Johan Tobias Sergel und Nicolai Abraham Abildgaard, der als Begründer der dänischen Kunstmalerschule gilt. Gleichzeitig war Carl August Ehrensvärd im Geiste der Familientradition Oberbefehlshaber der schwedischen Flotte.

Einer der Urgroßväter Annie Constances, Johan Hampus Furuhjelm, stand im Dienste des Russischen Imperiums. Er war Gouverneur von Russisch-Alaska, zu verschiedenen Zeiten Generalgouverneur der Region Primorje, Admiral und Befehlshaber der Sibirischen Flotte der Häfen am Ostpazifik und Stadtoberhaupt von Taganrog. Darüber erzählte Anne Constance in einem Interview in der russischen Internetzeitschrift „Topos“: https://is.gd/UL1kCF

Mein Vater ist Schwede. Die Mutter meines Vaters war Finnin, die Schwedisch sprach, und ihr Vater, mein Urgroßvater, Johan Hampus Furuhjelm, Vertreter eines finnischen Adelsgeschlechts, war Gouverneur von Russisch-Alaska. Mein Vater war selbstverständlich stolz auf seinen Vater. Sogar sehr. Er saß oft mit uns zusammen und erzählte über seinen Großvater. Natürlich war die Rede von Rußland, Finnland war ja damals ein Teil des Russischen Imperiums.

Annie Constances Interesse an Fremdsprachen begann mit dem Französischen. Die Zuneigung zur französischen Kultur und Literatur blieb für immer bestehen. In ihren Bücherregalen findet man Werke auf Französisch von Pierre de Ronsard, Pascal Quignard bis Jean Patrick Modiano. Die Zuwendung zu den neuesten Tendenzen in der Literatur und Gesellschaft war immer kennzeichnend für die Familie von Annie Constance. Die Cousine der Großmutter, Annie Fredrika Furuhjelm, war Journalistin, Schriftstellerin und Vorkämpferin für Frauenrechte, für das Recht, zur Wahl zu gehen; sie stand mit der berühmten schwedischen Schriftstellerin, Selma Lagerlöf, im Briefwechsel.

Als junge Linguistin teilte Annie Constance Christensen die Begeisterung ihres Gatten, des Germanisten Jørgen Christensen, für die deutsche Sprache, Literatur und Kultur. Noch als dänischer Germanistikstudent verbrachte Jørgen Christensen dank einem Stipendium ein Jahr in Freiburg im Breisgau.

Annie Constance Christensen, portraitiert von Tatjana Liwschiz

Annie denkt sehr gern an diese Zeit zurück: „Mein Mann verliebte sich gleich in diese Stadt mit ihrem wunderbaren Dom und der mittelalterlichen Architektur. Später besuchten wir Freiburg zusammen mit den Kindern oder allein. Wir waren auch oft in Frankfurt am Main bei unserem Freund, dem Skandinavistikprofessor, Ernst Metzner, zu Gast. Wir besuchten einander in unseren Ferienhäusern. Sie kamen zu uns nach Dänemark, und wir fuhren in ihr Ferienhaus bei Fulda. Jørgen sprach so gut Deutsch, daß man den Eindruck hatte, er sei Deutscher.“

Die Geschichte und die Sprache wählen den Menschen selbst. Die spätere wissenschaftliche und pädagogische Tätigkeit von Annie war mit der russischen Sprache verbunden. Annie Constance faszinierte die Ungewöhnlichkeit und Eigenart des Klanges der russischen Sprache im Vergleich zu anderen Sprachen. Die junge Linguistikstudentin begann, sich mit Leidenschaft die russische Sprache anzueignen. Das Russische leistete keine Gegenwehr:

Ich begann, Russisch zu studieren. Es sollte zu meinem Lebensglück werden. Die russische Sprache ist das Glück meines Lebens. Das Interessanteste und das Wichtigste in meinem Leben geschah dank der russischen Sprache.

Sogar ihren dänischen Gatten, Jørgen Christensen, traf sie dank dem Russischstudium in einem Russischkurs in Zagreb, im Herbst 1961.

Einer der interessantesten Begegnungen mit der russischen Kultur wurde die Freundschaft mit den berühmten Kunstmalerinnen und Buchillustratorinnen, Nika Golz und Tatjana Liwschiz. Die engen Freundinnen besuchten Annie und Jørgen vielmals in Århus. Annie und Jørgen waren ihrerseits oft in deren Moskauer Wohnung (gegenüber dem Kiewer Bahnhof) in einem Haus zu Gast, von Nikas Vater, dem bedeutenden Moskauer Architekten, Georgij Golz, erbaut.

Annie Constance Christensen, gemalt von Tatjana Liwschiz

Die gemeinsame Begeisterung für Kunstgeschichte, Altertum, Sprachen und Märchen brachte sie einander näher und erfüllte die Freundschaft mit der besonderen Freude an der Poesie, ausgedrückt durch Wassilij Axjonows Worte „mit dem phosphoreszierenden Aufblitzen der Reime“.  Die Seelen der Freunde wurden gereimt, dabei entstand ein neuer Einklang.

Diese Freundschaft führte sogar zu einem gemeinsamen Projekt. Annie Constance Christensen gab eine zweibändige Grammatik der russischen Sprache für skandinavische Studenten heraus. Nika Golz steuerte die graphische Gestaltung des Lehrbuchs bei, das an den skandinavischen Fakultäten für Slawistik in Gebrauch ist.

Im Jahre 2005 gab Annie Constance Christensen noch ein sehr interessantes Buch in englischer Sprache im Verlag Aarhus University Press, „Letters from the Governor´s Wife (a View of Russian Alaska 1859-1862)“, heraus. Es enthält Briefe von Annies Urgroßmutter, Anna Furuhjelm, an ihre Mutter, Ann von Schoultz. Anna Furuhjelm war Gattin des vorletzten Gouverneurs von Russisch-Alaska. Es war eine äußerst schwierige und jahrelange Arbeit, diese alten, dünnen, durchsichtigen und dichtbeschriebenen Briefseiten der Urgroßmutter zu entziffern. Diese Publikation liefert einen sehr persönlichen und vielfältigen Einblick in das Leben der russischen Kolonie.

Einige Fragmente des Buches wurden von Annie Constance ins Russische übersetzt. Sie erschienen in der Sammlung der Dokumente „Russisch-Amerikanische Kompagnie und die Studien des Pazifischen Nordens 1841-1867“ im Verlag Nauka 2010. Bei dieser Übersetzung war die Hilfe von Swetlana Schuwalowa, einer ehemaligen Russischprofessorin der Moskauer Staatlichen Universität und langjährigen Freundin und Kollegin an der Århus-Universität, unentbehrlich. In der Zeitschrift „Die Welt des russischen Wortes“, März 2010, wurde der Artikel von Annie Constance „Anna Nikolajewna und Iwan Wassiljewitsch Furugelm in Russisch-Amerika“ veröffentlicht.

Jedes Mal, wenn Annie Constance nach Rußland reist, kommt sie mit ihrer ansteckend offenen Art, ihrer Liebe und Begeisterung für Land und Leute. So empfangen sie denn auch dort alte wie neue Freunde (etwa im April vergangenen Jahres, als sie zusammen mit Natalia Oserowa in Wladimir den Band von Edith Södergran vorstellte) immer liebevoll. Die russischen Besucher wiederum genießen ihre Gastfreundlichkeit in Dänemark. Annie ist immer da, wo etwas Interessantes geschieht. Zum Beispiel nahm sie vor einem Jahr am Literaturfestival „Ordkraft“ (dänisch: „Die Kraft des Wortes“) in Ålborg teil, wo auch Olga Sedakowa, die größte russische Dichterin der Gegenwart, zwei Tage lang auftrat. Annie Constance lud die Autorin sofort zu sich nach Århus ein und zeigte ihr die alte Stadt als eine sehr erfahrene Reiseführerin.

Annie Constance Christensen im Gespräch mit Olga Sedakowa

Bekanntschaften und Treffen mit Menschen klingen durch Zeit und Umstände nach. Menschen, deren Schicksal andere prägt und deren Lebenslauf bezaubert, bleiben in deiner Seele als eine Begegnung der besonderen Art.

Ich erinnere mich noch an mein erstes Treffen mit Annie Constance in Moskau in der Turgenjew-Bibliothek im April 2016 bei der Vorstellung des Buches „Das Fenster zum Garten“ (Verlag Art Volkhonka 2016). Es handelt sich um Übersetzungen aus dem Schwedischen ins Russische der Gedichte von Edith Södergran, s. hier im Blog unter: https://is.gd/GMBQmJ. Sie trug dem russischen Publikum Edith Södergrans Gedichte im Original, auf Schwedisch, der Muttersprache der Dichterin, vor. Annie war nämlich als des Schwedischen wie des Russischen mächtige Beraterin an diesem Buch beteiligt.

Ich sehe vor meinen Augen immer noch Annie Constances gerade Haltung, ihre schlanke Figur und höre ihr eindringliches, in die Poesie versunkenes Vortragen der Södergran-Gedichte:

„ … das Glück gleitet davon in leichten Wolkenbildern / über die blauen Tiefen, / das Glück ist ein Feld, schlafend in Mittagsglut / oder des Meeres endlose Weite unter dem Brennen / lotrechter Strahlen, / das Glück ist machtlos, es schläft, atmet und weiß / von nichts…“

Aus dem Gedicht „Der Schmerz“, ins Deutsche übertragen von Christiane Grosz.

Mir war, als ob die Rezitierende nicht nur sehr tief in die Poesie Södergrans eingedrungen sei, sondern auch als hielte sie mit der finnischen Modernistin Zwiesprache.

Irina Gurskaja, Moskau

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