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Archive for the ‘Gesichter’ Category


Sie erinnern sich an Walerij Spiridonow? Den jungen Mann aus Wladimir mit dem Werdning-Hoffmann-Syndrom, der so verzweifelt war, daß er bereit war, sich dem umstrittenen italienischen Arzt Sergio Canavero anzuvertrauen, der eine Kopfverpflanzung in Aussicht stellte und damit weltweit für Aufsehen sorgte? Mittlerweile ist es still geworden um den Programmierer aus Wladimir. Die Operation ist abgesagt, und der verhinderte Patient lebt jetzt mit Frau und Kind in den USA. Getroffen hat er die Liebe seines Lebens auf einer Tagung, geheiratet haben die beiden als russische Staatsbürger in der Heimat, die sie auch nicht für immer verlassen wollen.

Walerij Spiridonow

Nach eigener Auskunft will der 33jährige die Kopf-OP nicht völlig ausschließen, aber er möchte nicht mehr Pionier in der Sache sein, sondern lieber abwarten, wie sich die Medizin weiterentwickelt. Bisher jedenfalls wurde der Eingriff noch nirgends vorgenommen, auch nicht in China, wo nach der Absage an Walerij Spiridonow vor etwa zwei Jahren die Premiere mit einem anderen Patienten geplant war. Mehr zum Thema unter: https://is.gd/J9Jwtx und https://is.gd/K9S1Ry

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Percy Gurwitz wurde am 25.03.1919, im Jahr der Gründung der Universität zu Riga, in der lettischen Hauptstadt geboren. Seine Mutter, Gymnasiallehrerin, war eine Königsberger Jüdin, der Vater, Anwalt, baltischer Jude. In der Familie wurde deutsch gesprochen, und die Erziehung lag in den Händen eines deutschen Kindermädchens. Lettisch und Russisch lernte der Junge „auf der Straße“. Bis zu seinem achten Lebensjahr prägten Familie und Kindermädchen seine Bildung maßgeblich; alles was danach in der Deutschen Grundschule – und erst recht später – an ihn heran getragen wurde, bewirkte nach seiner eigenen Aussage nichts Wesentliches mehr.

Der Gymnasiast Percy war häufig mit der Mutter in Deutschland, und in den Oberklassen begann er Gedichte und drei Dramen in deutscher Sprache zu verfassen, vor denen der Zweite Weltkrieg die Verleger und Leser bewahrte, wie er einmal selbstironisch anmerkte. Noch vor Kriegsausbruch nahm er das Studium der Klassischen Philologie und der Rechte auf und schloß es kurz vor der Besetzung des Baltikums mit dem Diplom ab. Daneben belegte er je ein Semester Schwedisch und Schwedische Literatur in Göteborg sowie Internationales Strafrecht im holländischen Haag. Bereits im Alter von 16 Jahren war Percy Gurwitz der Lettländischen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (deutsche Ortsgruppe) beigetreten.

In seiner noch zu Lebzeiten Ende Dezember 2010 in Erlangen erschienenen Schrift „Die Schuld am Holocaust“ erinnert sich Percy Gurwitz an seinen Vater und dessen Erziehung:

Mein Vater ließ keine Gelegenheit ungenutzt, mir das im Baltikum so populäre Denken in Nationalitäten auszutreiben, genauer gesagt, es bei mir gar nicht erst einreißen zu lassen. Nichts sei falscher und schädlicher als allgemeine Urteile über ganze Völker (das bezog er ausdrücklich auch auf die Zigeuner); vermeiden müsse man es, von einigen und sogar von zahlreichen mißratenen Exemplaren auf ein ganzes Volk zu schließen. Es gebe weder gute, noch schlechte Völker, die Lumpen seien in jedem Volk durchschnittlich gleich dünn oder dicht gesät. Auch unterließ mein alter Herr es nie, eigens zu betonen, daß sich Juden noch mehr als alle anderen wie vor dem Schwarzen Tod gegen derartige Verallgemeinerungen über andere Völker wappnen müssen, wo sie doch zu allen Zeiten selbst derartigen Vorurteilen zum Opfer gefallen seien.

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Dietmar Hahlweg, Percy Gurwitz, Robert Thaler und Rudolf Schwarzenbach

Diese Lektion hatte der Universalgelehrte fürs Leben gelernt. Vieles von seinem so überreichen Wissen, viel zu vieles, nahm er 2011 unwiederbringlich mit auf seinen letzten Weg. Seinen Respekt, seine Achtung gegenüber jedem Menschen gleich welcher Rasse oder Nationalität, welcher Schicht oder Klasse, seinen alle völkischen Grenzen überwindenden Geist der Humanität und praktizierten Kosmopolitismus hinterließ er uns aber als sein forderndes Vermächtnis. Man muß gesehen haben, mit welcher feinfühligen Aufmerksamkeit er jedem Menschen begegnete, mit wieviel Verständnisbereitschaft er sich der Not eines jeden annahm, mit was für einer Herzensgüte er sich hineindenken konnte in andere. Als Kavalier alter Schule, der keiner Frau den Handkuß versagte, bildete für ihn eine formvollendete Höflichkeit den verläßlichen Rahmen eines Menschbildes, das den andern frei nach Goethe immer als den sah, als der er gedacht war. Ihn faßte zwar der Menschheit ganzer Jammer an, von dem er am eigenen Leib so viel hatte ertragen müssen, aber es galt für ihn die Maxime des Dichterfürsten: „Kein Werk ist zu niedrig, das aus Liebe getan wird.“

Es ist diese Liebe, die sein ganzes so mannigfaltiges Lebenswerk atmet: seine Publizistik, seine literarischen Arbeiten, sein politisches Wirken, seine Pädagogik. In allem, was er tat – und er tat in seiner zwar langen und dann doch endlichen conditio humana so unendlich viel – scheint diese Liebe auf, gibt ihr ein Gepräge für die Ewigkeit, an die er als bekennender Agnostiker doch nur sehr bedingt glauben wollte. Er hielt es bei der Gretchen-Frage verschmitzt mit Heinrich Heine, der das Dritte Buch seiner Hebräischen Melodien wie folgt enden läßt: „Welcher recht hat, weiß ich nicht, – / doch es will mich schier bedünken, / daß der Rabbi und der Mönch, / daß sie alle beide stinken.“ Geglaubt freilich hat er an den Ausspruch von Else Lasker-Schüler: „Nur Ewigkeit ist kein Exil“. Geglaubt hat er aber auch an die sinnstiftende Kraft der Religionen und vor allem an den für Höheres bestimmten Menschen.

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Das Leben von Percy Gurwitz war geprägt von der Erfahrung des Exils. Ghetto und Gulag waren entwürdigende Stationen eines Menschen, der, wie es die Lyrikerin Hilde Domin formulierte, seinen „Wohnsitz im deutschen Wort“ hatte. Darin bestärkten ihn eher noch die Mordgesellen des Dritten Reichs, die seine ganze Familie auslöschten. Diese Fluchtburg der Sprache bot ihm aber auch Schutz gegen den inhumanen Allmachtsanspruch der sowjetischen Ideologie Stalin’scher Prägung.

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Percy Gurwitz und Helmut Aichele, bei dem der Gast aus Wladimir während seiner Erlangen-Besuche im wohnte

Im Epilog des Romans „Land der Freien“ des amerikanischen Autors Cormac McCarthy heißt es an einer Stelle: „Der Tod eines Menschen bedeutet immer, daß ein anderer für ihn einspringt. Und da der Tod zu jedem kommt, läßt sich die Furcht vor ihm nur dadurch lindern, daß man den Menschen liebt, der für einen einspringt. Wir warten nicht darauf, daß seine Geschichte geschrieben wird. Er ist vor langer Zeit hier durchgekommen. Der Mensch, der für uns auf der Anklagebank sitzt, bis unsere Zeit kommt und wir für ihn einspringen müssen. Liebst du ihn, diesen Menschen? Wirst du den Weg ehren, den er genommen hat? Wirst du dir seine Geschichte anhören?“

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Dietmar Hahlweg und Percy Gurwitz

Eingesprungen sind damals für den verwaisten Juden in den wüsten Jahren des Krieges die Mitarbeiter des Deutschen Roten Kreuzes. Ihnen bewahrte er ein ehrendes Andenken, nachzulesen in seiner Schrift „Zwei Mal Rotes Kreuz“, die er im Dezember 2009 veröffentlichte. Aus diesem Andenken heraus wuchs auch die besondere Beziehung zum BRK Erlangen-Höchstadt und seinen segensreichen Aktivitäten in Wladimir. Bereits bei seinem ersten Besuch in Erlangen 1991 verneigte sich Percy Gurwitz in Dankbarkeit vor Henri Dunant, dem Gründer des Roten Kreuzes, und erinnerte die berührten Gastgeber an seine Lebensretter. Die Aktion „Hilfe für Wladimir“ begleitete er mit klugem Rat und beherzter Tat und stattete schon 1993 in bewegten Worten dem Erlanger Stadtrat den Dank der Partnerstadt ab.

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Albrecht Schröter und Percy Gurwitz

Überhaupt die Partnerschaft. Was wäre sie ohne Percy Gurwitz in den zwei Jahrzehnten seiner aktiven Beteiligung?! In seiner Rolle als Stadtrat – drei Wahlperioden lang, von 1990 bis 1999 war er selbst Abgeordneter im Wladimirer Rathaus – stellte er die politischen und finanziellen Weichen für die internationalen Beziehungen und förderte vor allem das Erlangen-Haus, das 1995 eröffnet wurde, und später die Entstehung des Rot-Kreuz-Zentrums, das 1999 die Arbeit aufnahm. Ebenfalls als Stadtrat begründete er in seiner Eigenschaft als Vorsitzender des Ausschusses für Kommunale Dienste die bis heute fortwirkenden Verbindungen zu den Erlanger Stadtwerken und der Stadtentwässerung. Die Vorträge des weltklugen Geisteswissenschaftlers im Arbeitskreis Wladimir an der VHS Erlangen sind unvergessen, ebenso seine Auftritte an Erlanger Schulen. Sehr bedauert hat Percy Gurwitz nur immer: Albrecht Schröter, den Parteifreund und Oberbürgermeister von Jena, hatte er zwar 2009 noch kennengelernt, aber dessen Einladung, im Januar 2011 nach Thüringen zu kommen, konnte er nicht mehr folgen.

Es gibt viele polyglotte Menschen, aber nur wenige, die in diesen Sprachen leben, in ihnen zu Hause sind wie das dieser Homme de lettres war. Für Statistiker seien sie aufgezählt, all die Sprachen, die er beherrschte: Deutsch, Lettisch, Russisch, Schwedisch, Niederländisch, Latein, Altgriechisch, Jiddisch, Englisch, Französisch, Turkmenisch – und Hebräisch. Er war der letzte Wladimirer Jude, der das Kaddisch rezitieren konnte. Er hat sich immer gefragt, wer das wohl nach ihm tun werde.

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Melitta Schön, Irina Sokolowa, Percy Gurwitz, Josefa und Jürgen Üblacker

Es gibt auch viele belesene Menschen, aber nur wenige, die wie er noch die entlegendsten Zitate der Weltliteratur auf Zuruf parat haben, die mühelos Janis Rainis mit Rainer Maria Rilke, Boris Pasternak mit Edgar Allen Poe oder Scholem Alejchem mit Tschingis Ajtmatow verbinden konnten.  Seine Muttersprache aber war das Deutsche, die Sprache, in der er an seiner Hochschule Generationen von Studenten ausbildete, in der er selbst fühlte und träumte. Auch davon träumte er, in Deutschland morgens zum Bäcker zu gehen und zum Frühstück eine deutsche Zeitung zu lesen. Wie Heinrich Heine erging es ihm wohl manches Mal, der in seinem Gedicht Anno 1839 schrieb: „O Deutschland, meine ferne Liebe, / gedenk ich deiner, wein ich fast!“

Er hätte als Kontingentjude nach Deutschland kommen können, wollte aber nicht vorheucheln, er sehe sich in Rußland Repressalien ausgesetzt; er hätte nach Israel emigrieren können, tat es aber nicht, weil er den Judenstaat für rassistisch und illegitim hielt. Er wäre am liebsten beides gewesen: russischer und deutscher Staatsbürger. Aber ein unsinnig-obsoletes deutsches Gesetz fordert ohne Ausnahme bei der Annahme der einen die Aufgabe der anderen Nationalität eines Drittstaates. So starb er denn mit einem deutschen Paß, um den er Jahre mit Unterstützung seiner Freunde aus Erlangen gekämpft hatte, in Wladimir, der Stadt, die ihn 1999 zu ihrem Ehrenbüger gemacht hatte und die ihm Heimat blieb, vor allem auch wegen seiner Familie. Aus keiner seiner vielen Funktionen wurde er als „Vaterlandsverräter“ vertrieben. Er blieb im Rat für Menschenrechte des Gouverneurs, der auf seine Initiative geschaffen wurde, er lehrte weiter bis zum Sommer 2010 an der Staatlichen Geisteswissenschaftlichen Universität, er mischte sich unverdrossen in die öffentliche Debatte um Politik und gesellschaftliche Entwicklung ein, kämpfte bis zuletzt für ein humanes Tierrecht und verteidigte als Jurist die Interessen eines Erlanger Mittelständlers erfolgreich in allen Instanzen vor russischen Gerichten.

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Percy Gurwitz und Wolf Peter Schnetz

Ab dem Spätherbst 2010 rang Percy Gurwitz mit dem Tod. Am 15. April 2011 gab er, der das KZ wie den Gulag überlebt hatte, den Kampf 92jährig auf. Still und ohne zu klagen. Es war ein erfülltes Leben, und er hinterließ seine Familie und Freunde in einem Gefühl tiefer Dankbarkeit dafür, Teil dieser Lebensfülle gewesen sein. Bei allem Schmerz machte es seine Freunde in Erlangen glücklich, dabei geholfen zu haben, noch im Dezember 2010 seine Streitschrift „Die Schuld am Holocaust“ http://is.gd/QShzZX herausgebracht zu haben, und es gereicht der Erlanger SPD zur Ehre, den Wladimirer Genossen, der fast 80 Jahre der Sozialdemokratie gedient hatte, noch zu Lebzeiten mit der Willy-Brandt-Medaille ausgezeichnet zu haben. „Die Lücke, die sein Tod reißt, ist so groß wie das, was er uns über die Jahre bedeutete und gab“, schrieb Dietmar Hahlweg in seinem Nachruf, und heute fügt er hinzu: „Percy war ein großes Geschenk für unsere Partnerschaft – Deutscher, Jude und Russe in einer Person – ein idealer Brückenbauer. Er ist und bleibt auch in Erlangen unvergessen“.

Enden wir mit einem Wort aus den Memoiren von Heinrich Heine, den der Verstorbene so sehr verehrt hat: „Es ist so schwer, sich vom Tod der Menschen zu überzeugen, die wir so innig liebten. Aber sie sind auch nicht tot, sie leben fort in uns und leben in unserer Seele.“ – Und mit dem Gedicht, das ihm ein Freund zusammen mit einem Stein aufs Grab legte:

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Percy Gurwitz

Ein Stein mit Spuren alten Lebens / aus Franken, wo Du oft geweilt, /ein Stein, der weiß, daß nichts vergebens /und der den Schmerz dann doch nicht heilt.

Die Handvoll Erde aus dem Garten, / die ich Dir in das Grab gelegt, / mischt sich mit russischer, wird warten, / bis sich die Zeit nicht mehr bewegt,

Bis endlich alles still und leicht, / bis alle Worte traumvoll schweigen, / bis daß die Nacht das Licht erreicht, / bis sich die Häupter stumm verneigen

Vor jener Kraft, die Dich verschlungen / und Dich aus diesem Dasein rief. / Du hast das Leben ganz durchdrungen / Und ruhst in uns nun weit und tief.

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Heute vor 100 Jahren wurde Leonhard Steger in Hartenstein / Mfr. geboren

Der Frontsoldat Leonhard Steger ist nach dem Krieg nie mehr nach Rußland zurückgekehrt, aber er war bis zu seinem Tod im Jahr 2005 in Gedanken bei jeder Reise seines Sohnes Peter dabei und erlebte die Städtepartnerschaft Erlangen – Wladimir als spätes Wunder der Geschichte, an dem er selbst noch mitwirken konnte mit vielen Spenden für die humanitären Hilfsaktionen oder so symbolisch schönen Gesten wie dem Empfang für den Wladimirer Veteranenchor 1992 mit selbstgeschmierten Broten und Salz.

Leonhard Steger

Leonhard Steger

Aus Anlaß seines Jubiläums und anstelle eines Nachrufes gibt es heute im Blog leicht gekürzt das „Grußwort des Beauftragten für die Städtepartnerschaft Erlangen – Wladimir, Friedensveteran mit langjähriger Nahkampferfahrung in Freundberührung mit Rußland“ aus dem Sammelband „Rose für Tamara“ zu lesen, 2001 von Fritz Wittmann und Peter Steger herausgegeben.

Leonhard Steger mit Kamerad in russischem Dorf

Immer wieder werde ich gefragt, warum ich ausgerechnet Slawistik mit Schwerpunkt Russisch studiert habe. Je nach Situation und Fragesteller antworte ich dann mehr oder weniger lapidar, daß ich damit das Erbe meines Vaters angetreten habe.

Sacharino, September 1942, Vernichtung für Mensch und Tier!

Mein Vater, Jahrgang 1919, war in seiner Jugend rasch in den Bann der nationalsozialistischen Verführer geraten und sah schon bald in einer militärischen Laufbahn den einzigen Ausweg für sich. Seine Eltern, die einen kärglichen Bauernhof in Hartenstein, Mittelfranken, bewirtschafteten, erkannten wohl Intelligenz und Begabung des einzigen Sohnes, konnten aber nicht das Schulgeld aufbringen, um ihm den Berufswunsch Lehrer zu erfüllen. Stattdessen wurde er in das ungeliebte Metzgerhandwerk gedrängt und gezwungen, seine Bildung selbst in die Hand zu nehmen.

Soldatengräber

Persönliche Enttäuschungen sowie mangelnde Entfaltungsmöglichkeiten und Verzweiflung über die ärmlichen Lebensverhältnisse machten ihn anfällig für die Verheißungen und Aufstiegsversprechen der Reichswehr. Rasch fand er Gefallen an Disziplin und Hierarchie, bewährte sich als Ausbilder und trat der Waffen-SS bei. Als er im Elsaß vom „Unternehmen Barbarossa“ erfuhr, meldete er sich freiwillig an die Ostfront und machte zunächst als Kundschafter, später als Panzeroffizier den gesamten Feldzug bis zur Schlacht bei Kursk sowie den Rückzug mit. Sieben Verwundungen – einen Granatsplitter trägt er noch immer im Kopf – überlebte er, aber das Erschrecken und Grauen über die Grausamkeiten des Krieges wirken bis heute schmerzlich nach. Wie viele seiner Altersgenossen kam er moralisch gebrochen nach Hause, mußte sich einige Zeit vor den Alliierten verstecken und bekam erst Ende der 50er Jahre mit der Gründung einer Familie wieder Boden unter die Füße.

Leonhard Steger im Tarnanzug

Meine Kindheit ist geprägt von den Erzählungen des Vaters über die Kriegserlebnisse. Den Brjansker Wald kenne ich, als hätte ich dort selbst die Wölfe heulen hören; die Stalinorgel saust mir um die Ohren, als wäre ich selbst von ihr mit Beschuß belegt worden; ich habe den Geruch der russischen Katen in der Nase; der Geschmack der Schokolade, aus der eisernen Ration, eingetauscht gegen Tabak, hängt mir in den Zähnen; ich sehe die erhobenen Arme der Gefangenen, unter eigener Lebensgefahr wieder freigelassen; ich spüre den Todeshauch von Fleckfieber; ich sehe die brennenden Panzer und Strohdächer; ich kaue das mit Muschiks geteilte Brot; ich stehe am Grab der unbekannten Kameraden und unschuldigen Feinde. In allen Erzählungen war das Generalthema: „Die russischen Menschen sind gut; sie haben uns, die Angreifer, immer als Menschen behandelt und das wenige, das sie hatten, mit uns geteilt.“

Leonhard Steger beim Spähtrupp

Als ich dann ins Gymnasium kam, sollte ich Russisch lernen. Eine Estin aus Reval, die in einem Nachbarort lebte und zu der ich – ohne Führerschein – einmal die Woche mit dem Traktor fuhr, unterrichtete mich zwei Jahre lang mit Lehrbüchern aus der DDR, doch pädagogisches Geschick auf der einen und Lerneifer auf der anderen Seite hielten sich in engen Grenzen, so daß ich über die Anfangsgründe der Fremdsprache kaum hinausgelangte. Und als ich dann die Schule wechselte und wir später nach Hersbruck zogen, brach der Unterricht ganz ab. Dennoch hatte ich unter meinen Schulkameraden meinen Spitznamen weg: Iwan.

Leonhard Steger mit Granatsplitter im Lazarett

„Die Zukunft liegt in Rußland! Lerne Russisch, und Du hast die Zukunft!“ Diese Aufforderungen fielen in der Pubertät und Adoleszenz mit all ihren Aufbäumungen und Revolten, Irrwegen und Verwirrungen auf unfruchtbaren Boden, doch der Keim war gelegt. Als es galt, sich für ein Studienobjekt an der Universität Bamberg zu entscheiden, fiel die Wahl auf Anglistik und Slawistik. Mit dem Russischen mußte ich wieder ganz von vorne beginnen, noch unsicher, ob ich bei der Sache bleiben würde. Doch nach der ersten Sowjetunionreise 1983, ermöglich vom Vater, war für mich die Gewichtung klar: Russisch wurde mein Hauptfach, Herz und Verstand galten der Kultur, der Literatur und den Menschen der Sowjetunion. Die Entscheidung war damals nicht einfach, Slawistik galt als „Orchideenfach“ ohne Aussicht auf praktische Anwendung. Doch das konnte ich durch Begeisterung für die Sache ausgleichen.

Leonhard Steger verabschiedet einen Kameraden

1987 erfuhr ich von der Städtepartnerschaft Erlangen – Wladimir und meldete mich als ehrenamtlicher Dolmetscher. Meine Feuertaufe erlebte ich mit Michail Firsow, dem Leiter des Folklore-Ensembles RUS auf der Bühne der Stadthalle in Erlangen, wo ich dessen fünfzehnminütigen Vortrag ohne Punkt und Komma über das Programm seiner Truppe völlig unvorbereitet zu übersetzen hatte. Seither kann mich nichts mehr schrecken. Rasch wuchs ich in die Städtepartnerschaft hinein, erfuhr Förderung von den Verantwortlichen im Rathaus und trat Ende 1989 in die Dienste des Bürgermeister- und Presseamts.

Leonhard Steger

Von Beginn meiner Arbeit an habe ich mich besonders dem Gedanken der Versöhnung zwischen Deutschen und Russen verpflichtet gefühlt. Und so war es mir denn auch ein Herzensanliegen, die Veteranen der Partnerstädte zusammenzuführen. Der 50. Jahrestag des Überfalls der Hitler-Truppen auf die UdSSR erschien mir hierfür der geeignete Anlaß. Es bedurfte einer langwierigen und sensiblen Vorarbeit, um die Idee, zu diesem traurigen Jubiläum, Kriegsteilnehmer aus Erlangen nach Wladimir einzuladen, Gestalt annehmen zu lassen. In Jakow Moskwitin, einem Oberst der Sowjetarmee und dem Vorsitzenden des Wladimirer Veteranenverbands, fand ich schließlich einen Menschen, der bereit war, die Hand auszustrecken. Unter Leitung von Stadtrat Heinrich Pickel, der als einer der ersten seinerzeit über den Bug gesetzt hatte, reisten darauf zehn Veteranen aus Erlangen nach Wladimir.

Leonhard Steger, 2. v.l., beim Suppefassen

Was dort an menschlich Bewegendem geschah, hat alle Mitwirkenden und Zeugen tief beeindruckt und geprägt. Ich persönlich rechne diese Begegnungen voller Versöhnungs- und Verständigungsbereitschaft zu meinen wichtigsten Erlebnissen überhaupt und schöpfe daraus eine nie versiegende Kraft für meine weitere Arbeit. Eine Kraft, die mich darauf verpflichtet, alles in meinen Kräften Stehende daran zu setzen, das Netz der Partnerschaft zwischen den Menschen beider Städte so eng und fest zu knüpfen, daß kein Vorurteil, keine Ideologie, keine Parole es mehr würde zerreißen können.

Leonhard Steger mit Kameraden zu Pferde

Die Feinde von einst mußten erkennen, daß sie gar nichts gegeneinander hatten. Der Krieg wurde nun auch in den Köpfen und Herzen besiegt. Es kam zu Gegenbesuchen in Erlangen, der Veteranenchor aus Wladimir trat in der Partnerstadt auf, der Bayerische Soldatenbund organisierte Reisen, das Wladimirer Museum präsentierte eine Ausstellung zum Thema „Deutsche Kriegsgefange in Wladimirer Lagern“, der Veteran Nikolaj Schtschelkonogow verfaßte seine großartige „Erlangen-Hymne“, die VHS Erlangen veranstaltete eine Podiumsdiskussionen zum Unternehmens Barbarossa, es erschienen „Rose für Tamara“ und „Komm wieder, aber ohne Waffen“, im Blog gibt es eine eindrucksvolle Serie von Erinnerungen deutscher und russischer Kriegsveteranen.

Im Morast von Rumänien

Seit dem Juni 1991 trage ich voller Stolz den Ehrentitel „Junger Veteran“. Wenn ich mich also nicht glücklich nennen darf, wer dann? In dem Land, an dessen Brandschatzung mein Vater teilgenommen hatte, habe ich ungezählte Freunde, durfte das Erlangen-Haus mit aufbauen, im Auftrag der Erlanger viel Gutes tun – und das Vermächtnis meines Vaters erfüllen. Dafür danke ich allen, die mich zu dem gemacht haben, der ich bin, und denen, die mich so sein lassen, wie ich bin.

Rückzug

Unmittelbar an das Vorwort schließt sich folgendes Gedicht aus meiner Feder an:

Kapitulation

Sie kamen… / um zu siegen – / und blieben / oft nur liegen / auf jenem Feld / der Ehre, / auf daß man ihn vermehre: / den Ruhm / von Volk und Land, / des Glückes Unterpfand.

Und wer nach Haus / gekommen, / war fremd, vor Scham benommen. / Die Wunden / heilten nie, / auch wenn man / sie verzieh, / sie schmerzen immer wieder, / grad jetzt im Mai, / wo Ginster blüht und Flieder.

Die Sünden ihrer Väter / verbüßen noch viel später / die Söhne, / die nicht wissen, / was dem verweinten Kissen / vom Vater anvertraut, / dem das Gewehr war Braut.

Sie tragen keine Schuld, / doch schulden sie Geduld / sich selbst, dem Sieger / und dem Täter, / sonst werden sie Verräter / an sich und ihrer Zeit, / die endlich scheint bereit, / das Wort „vergib“ zu sprechen / und mit dem Haß zu brechen.

Danke für alles, was Du mir gegeben, mein Vater!

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Katholische Geistliche legen keinen besonderen Wert auf ihren Geburtstag. Mit der Priesterweihe oder der Konfeß erleben sie eine neue Geburt im Herrn und stehen – das gilt besonders für Ordensleute – in der Nachfolge eines Heiligen. So ist es denn auch kein Fauxpas, wenn der Blog erst heute daran erinnert, daß gestern Sergej Sujew, der sich als Priester altrussisch nach dem Heiligen Sergij nennt, seinen 50. Geburtstag feiern konnte. Deshalb hier auch keine Würdigung seiner Person, auch wenn es dafür weiß Gott genug Gründe gäbe, sondern die Pressemitteilung der Wladimirer Staatskanzlei zu einem Ereignis, das bereits am 26. November 2018 stattfand und exemplarisch zeigt, wie mustergültig sich die Katholiken auf allen Ebenen in das Miteinander von Religionen und Konfessionen der Region Wladimir eingebunden wissen.

Empfang im Weißen Haus, der Staatskanzlei der Region Wladimir, für Paolo Pezzi und Sergej Sujew

Am 26. November empfing Gouverneur Wladimir Sipjagin den Metropoliten der römisch-katholischen Erzdiözese der Gottesmutter in Moskau, Erzbischof Paolo Pezzi, der der Region Wladimir einen pastoralen Besuch abstattet. Wladimir hatte er bereits im Jahr 2011 einmal zur V. Internationalen wissenschaftlich-praktischen Mariä-Schutz-und-Fürbitt-Konferenz besucht.

Paolo Pezzi und Sergej Sujew

Bei der Begrüßung des Gastes auf dem altehrwürdigen Boden Wladimirs dankte der Gouverneur für die fruchtbare Zusammenarbeit der katholischen Kirche mit unserer Region. Dies betreffe vor allem das kulturelle Leben, bemerkte Wladimir Sipjagin. Schon seit langer Zeit werden in der Wladimirer Rosenkranzkirche Konzerte mit klassischer Musik oder Orgelwerken sowie literarisch-kulturelle und Vorträge zur Erwachsenenbildung für die Gemeindemitglieder und sonstige Interessierte veranstaltet.

Ich möchte der Wladimirer katholischen Gemeinde für die Organisation dieser Veranstaltungen danken. Sie festigt nicht nur die Spiritualität und den Glauben der Menschen, sondern hilft auch, unserer Jugend die besten Beispiele der Weltmusikkultur näherzubringen.

Paolo Pezzi und Wladimir Sipjagin

Der Gast merkte seinerseits an, die Region Wladimir gehöre zu seinen Lieblingsgegenden in dem Land, in dem er schon seit mehr als 20 Jahren lebe:

Ich bin gerne hier. Ungeachtet dessen, daß die katholische Gemeinde Wladimirs nicht besonders groß ist und nur etwas mehr als 200 Seelen zählt, ist sie, wie mir scheint, organisch und produktiv mit der hiesigen Gesellschaft verwoben. Mit Unterstützung der Regionalregierung führt man hier einen konstruktiven Dialog zwischen den verschiedenen Konfessionen.

Im weiteren Verlauf des Gesprächs diskutierte man weitere Möglichkeiten für eine Zusammenarbeit.

Rosenkranzkirche, gesehen von Wladimir Fedin

Zur Erinnerung: Die katholische Gemeinde in Wladimir wurde 1891 von Balten und Polen, meist Militärs, die hier stationiert waren, gegründet. 1892 begann man mit dem Bau der Kirche im neugotischen Stil, der Anfang 1894 schon abgeschlossen war. 1904 erhielt die Gemeinde den Autonomiestatus und zählte Anfang des 20. Jahrhunderts mehr als 1.000 Mitglieder. Nach der Oktoberrevolution im Jahr 1917 blieb die Kirche zunächst noch bis 1930 geöffnet, der letzte Pfarrer der Gemeinde, Anton Dziemszkiewicz, starb 1937 den Märtyrertod. Später nutzte man den Kirchturm als Sendemast, das Schiff u.a. als Schuhmacherei; sogar Wohnungen richtete man hier ein. Erst ab 1990 begann mit Unterstützung aus Erlangen der Wiederaufbau von Gemeinde und Kirche, die am 24. Juli 1993 mit dem italienischen Pfarrer, Stefano Caprio, neu geweiht wurde. Seit 2004 steht der aus Sankt Petersburg stammende Sergij Sujew der Gemeinde vor. Der Geistliche fungiert als Mitglied des Regionalrates für zwischennationale und interkonfessionelle Beziehungen und gehört der Regionalen interkonfessionellen Kommission sowie dem Zivilgesellschaftlichen Rat des Innenministeriums der Region Wladimir an. Die Rosenkranzgemeinde dient seit Jahren als Zentrum für den interkonfessionellen Dialog, und sowohl die Protestanten als auch die Mitglieder der Armenischen Apostolischen Kirche feiern hier Gottesdienst. Ganz zu schweigen von dem interkonfessionellen Jugendaustausch mit Erlangen und dem Bau des Pilgerhauses, Themen, von denen sicher auch hier wieder bald zu berichten sein wird.

 

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Gestern ging die Nachricht vom Tod Gudrun Lemsers aus Ebersdorf bei Coburg ein, für die, verstorben bereits am 9. Februar, die Hinterbliebenen heute die Trauerfeier ausrichten. Was der Tod der Oberfränkin mit Wladimir zu tun habe, werden Sie fragen. Vielleicht erinnern Sie sich ja an die Berichte ihres bereits am 9. Mai 2014 entschlafenen Mannes, Karl Lemser, dessen Erinnerungen sich in dem Sammelband „Komm wieder, aber ohne Waffen!“ finden, und an die Reportage „Reise unter dem Sowjetstern“ im Coburger Tageblatt aus dem Jahr 1977, als das Ehepaar für sich Wladimir entdeckte, Wladimir und Menschen, mit denen die beiden für den langen und glücklichen Rest ihres Lebens Freundschaft hielten.

Gudrun und Karl Lemser

Als dann die Städtepartnerschaft ihre ersten erfolgreichen Anläufe machte, gratulierte Karl Lemser brieflich zu dem Werk der Völkerverständigung und stellte seine Frau und sich als bereits eng mit Wladimir verbunden vor. Wozu das am Ende führte? Mittlerweile ist die Tochter einer befreundeten Wladimirer Familie in Franken verheiratet. Bürgerpartnerschaft eben, wie sie leibt und lebt. Auf Anregung der Angehörigen, die selbst einmal auf den Spuren des Ehepaars nach Wladimir reisen wollen, wird heute bei der Trauerfeier für das Kinderkrankenhaus in der Partnerstadt gesammelt. Sicher ganz im Geist dieser beiden Stifter von Freundschaft und Verständigung, die ebenso still und bescheiden wie unbeirrt und beharrlich das lebten, was sie – über den Tod hinaus – für selbstverständlich hielten: das friedvolle Miteinander von Deutschen und Russen. Danke dafür und ein bleibendes Gedenken!

Was die beiden antrieb, kann hier – mit nachdrücklicher Empfehlung! – nachgelesen werden: https://is.gd/XStxLj, https://is.gd/psoeyY und https://is.gd/XwbxHk

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Stefan Barth gehört zu den wenigen, die von Beginn der Partnerschaft an den Austausch aktiv begleiten. Damals, als 1984 Vizebürgermeister Jurij Fjodorow seinen Antrittsbesuch in Erlangen machte, begleitete der des Russischen mächtige damalige Stadtrat den Gast aus Wladimir und half, das so wichtige Klima des Vertrauens zu schaffen.

Jurij Fjodorow, Heide Mattischeck, Stefan Barth und Dietmar Habermeier sowie, halb im Bild, Ludmila Holub, Fränkische Schweiz 1984

In all den Jahren dazwischen beherbergte der Donauschwabe immer wieder Besucher aus Wladimir und lebt bis heute – ebenso unauffällig wie beharrlich – den Gedanken der Bürgerpartnerschaft.

Stefan Barth und die Noten aus Wladimir

Vor einiger Zeit nun bat der pensionierte Ingenieur um Noten russischer Lieder für seinen Kosbacher Stadlchor, der bereits 1993 zum Fränkischen Fest in Wladimir auftrat. Dieser Tage traf ein ganzes Konvolut von Werken aus der Folklore, Klassik und geistlichen Musik ein, zusammengestellt von Tatjana Grin, der Leiterin des Wladimirer Kammerchors. Man wird bald auf einer Serenade hören, welche Kompositionen Stefan Barth dem Leiter des Chors, Knut-Wulf Gradert, vorschlägt. Auch so geht Austausch.

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Wieder ist eine Stimme im großen Chor der Partnerschaft verstummt, für immer. Jelena Borsowa hatte bereits allen Grund zu glauben, ihre schwere Erkrankung besiegt zu haben, als dann doch ein Rückfall eintrat und ihr, erst knapp 58 Jahre alt, am 8. Februar die letzte Lebenskraft raubte. Ulrich Kobilke, Musiklehrer am Ohm-Gymasium im Ruhestand, erinnert sich an die Kollegin als eine begabte Chorleiterin mit der Fähigkeit, Kinder und Jugendliche zum Singen zu vereinen und zu begeistern, als eine Frau mit Selbstdisziplin und Heiterkeit im Umgang mit den Ensembles, stets bescheiden in ihrem Auftreten und liebenswürdig bei den Proben und Auftritten in Erlangen, aber auch privat, zusammen mit ihrem Mann in Etlaswind und in Wladimir beim Gegenbesuch: rührend gastfreundlich bei sich zu Hause mit den Speisen, im Sommer auf der Datscha angepflanzt und geerntet. Bis zuletzt blieben die beiden Musiker einander mit großer Dankbarkeit und gegenseitiger Wertschätzung verbunden, obwohl ihr künstlerischer Austausch schon so lange zurücklag.

Jelena Borsowa, 2005 in Wladimir, gesehen von Ute Schirmer

Im Frühjahr 2004 war es, als Jelena Borsowa mit ihrem Mädchenchor der Schule Nr. 33 per Bus den 2.500 km langen Weg nach Erlangen antrat, um am 1. April gemeinsam mit dem Chor des Ohm-Gymnasiums im Gemeindezentrum am Bohlenplatz, das heute als Kreuz+Quer firmiert, einen, wie die Erlanger Nachrichten schrieben „Streifzug durch die Musikgeschichte“ vorzustellen, der in einem „furiosen Finale“ endete, bei dem „die Schüler der beiden Partnerstädte bewiesen, wie gut sie harmonieren“. Die fast zweiwöchige Tournee mit weiteren Auftritten u.a. im Redoutensaal bei einer Wohltätigkeitsveranstaltung des Stadtverbands Kultur zu Gunsten des Erlanger Kinderklinikums wurde musikalisch und zwischenmenschlich zu einem derartigen Erfolg, daß Ulrich Kobilke und seine Kollegin Anges Paetzold im Februar des folgenden Jahres mit ihrem Schulensemble die Gegeneinladung nach Wladimir annahmen. Auch wenn es bei diesem im doppelten Sinne einmaligen Austausch blieb, rissen die Verbindungen nie ab, Verbindungen, die wesentlich durch die Vermittlung von Ute Schirmer zustande gekommen waren.

Jelena Borsowa und ihr Mädchenchor

Bereits am 20./21. September 2003 war nämlich, ebenfalls in den Erlanger Nachrichten, unter der Schlagzeile „Musik über Grenzen“ in einem Bericht zu lesen:

Ute Schirmer und Irmgard Krause sind noch immer begeistert. Die Erlangerinnen, die sich der Bürgergruppe zum zwanzigjährigen Jubiläum der Städtepartnerschaft angeschlossen hatten, haben gerade eine „erlesene Darbietung“ (wie sie sagen) hinter sich. Der Chor der Oberklassen der Mittelschule Nr. 33 hat unter der Leitung von Jelena Borsowa und mit der Pianistin Natalia Slokina nicht nur einen bunten Strauß schöner Melodien intoniert, sondern mit dem Frühlingswalzer nach Motiven von Johann Strauß die Erlanger Besucher zu wahren Begeisterungsstürmen hingerissen. Diese Begeisterung nach Erlangen zu bringen, ist seitdem ihr Anliegen – jetzt bedarf es „nur“ noch der Sponsoren, die den Chor nach Erlangen bringen.

Jelena Borsowa mit ihren Schülerinnen im November 2001

Wer Ute Schirmer kennt, weiß: Sie ruhte nicht, bis Sie genug Zusagen hatte, um die Reise für die jungen Gäste zu finanzieren, sie führte ungezählte Gespräche, bis sie genug gastgebende Familien für die Mädchen beisammen hatte, sie begleitete die Gruppe, treusorgend wie eine Großmutter, zu allen Proben und Auftritten. Nicht von ungefähr, denn zu der Schule hatte Ute Schirmer ein besonderes Verhältnis: Im Mai 2001 schon war sie dort mit ihrer Schwester eingeladen und rief darauf in Erlangen eine Spendenaktion ins Leben, um die desolate Toilettenanlage renovieren zu lassen.

Plakatgestaltung Fritz Wittmann

Was bleibt, sind nun Erinnerungen an eine Frau, die allen, die sie kannten, schrecklich fehlt, an eine lebendige Freundschaft, Bilder, Plakate, Programmhefte, Briefe – und an ein Reisetagebuch aus dem Jahr 2005, dank Jonas Eberlein, damals Mitwirkender im Chor des Ohm-Gymnasiums, hier im Blog nachzulesen in drei Teilen unter:  https://is.gd/qqEGI2, https://is.gd/Lh6SqU und https://is.gd/lYnND3 – viele Stimmen im Chor der Partnerschaft.

 

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