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Archive for the ‘Gesichter’ Category


Das Datum 22. Januar 1942 hätte in meiner Todesanzeige stehen können: „19 Jahre alt, gefallen vor Moskau für Führer, Volk und Vaterland…“ Dabei wäre ich den Heldentod gar nicht gestorben, sondern ein Opfer der NS-Propaganda gewesen. Doch ein gütiges Schicksal hatte Einspruch eingelegt!

Wolfgang Morell und Nikolaj Schtschelkonogow am 1. Dezember 2019

Noch am Vorabend hatten wir im Kameradenkreis an der Front diskutiert, ob man im Ernstfall in Gefangenschaft gehen solle. Anlaß war der Bericht eines gerade zu unserer Einheit gestoßenen Funk-Feldwebels, der um ein Haar den Partisanen in die Hände gefallen wäre. Wir alle waren uns einig in der uns immer wieder eingetrichterten Überzeugung: Die Russen machen keine Gefangenen! Schließlich habe man ja immer noch seine Waffe bei sich, mit der man Grausamkeiten durch Selbsttötung ausweichen könne!

Schon 15 Stunden später stand ich vor eben dieser Situation: Bei 42° C Kälte in etwas verstärkter Sommeruniform bezog ich nachts für zwei Stunden einen Horchposten. Da schnitt uns dreien eine Skipatrouille den Rückweg ab. Die halbe Nacht irrten wir in der eisigen Schneewüste umher, um unsere Einheit wiederzufinden.

Im Morgengrauen wurden meine beiden Kameraden von einem Trupp zu Pferde vor meinen Augen aufgegriffen. Etwa drei Stunden später bemerkte ich, wie ein Skitrupp auch meinen Spuren folgte, nun war die Zeit gekommen, sich Gedanken um die nächste – die letzte –  halbe Stunde zu machen. Die Diskussion am Vorabend war noch ganz lebendig. Flucht oder Verteidigung kamen nicht infrage. Mein Entschluß stand fest. es ging nur noch um das Wie! An meine Eltern, meine Heimat verbot ich mir, zu denken, denn das hätte mich von meinem Entschluß womöglich noch abgebracht.

Auf einer Waldlichtung trat ich mir ein Loch in den Schnee, setzte mich auf den Rand und nahm meinen Karabiner 98k nach dem Entsichern zwischen die Beine. Erst im letzten Moment, als die ersten „Russen“ ca. 5 m entfernt waren, drückte ich auf den Abzug…  Nichts… Völlige Verwirrung! Auf ein energisches „Ruki werch!“ hob ich die Hände, in der einen noch das Versager-Gewehr. Ein älterer „Mongole“ nahm es mir dann ruhig aus der Hand, legte mir seine auf die Schulter und sagte mir etwas im Tonfall Beruhigendes. Ich hatte es ausschließlich mit „Schlitzaugen“ zu tun, die bei uns für besonders grausam gehalten wurden… Ein normales Verhör mit einem Wörterbuch schloß sich an, ohne Gewaltanwendung, ohne Haß, pure Neugier, Gelächter über meine spärliche Bekleidung. Von den 25 R6-Zigaretten, die man mir abgenommen hatte, bekam ich noch etwa zehn zurück, nach Verteilung der übrigen an die Raucher! Eine wahrhaft anständige Behandlung, wie ich sie auch später noch auf weiten Strecken, besonders im Wladimirer Militärkrankenhaus und im Spezialhospital Nr. 388 für lungenkranke Kriegsgefangene in Moschga / Kasan erfuhr.

Die grauenhaften Verhältnisse an der Front, vertieft durch eklatante Mängel bei Bekleidung, Ausrüstung und Treibstoffversorgung, die abenteuerliche Art, wie ich „dem kriegerischen Geschehen entzogen worden war“ und der überraschend friedliche Empfang durch den Feind brachten mich schon nach Tagen, Wochen und Monaten der Besinnung zu Erkenntnissen, die das eingeübte Freund-Feindbild allmählich wanken ließen… In diesem Sinne hier noch einige Gedanken zum Thema „Frieden“:

In meinem ersten Kriegsgefangenenlager Krasnogorsk trat im August 1942 ein deutscher Hauptmann mit der damals noch völlig unrealistischen Forderung nach einem unverzüglichen Friedensschluß auf. Er erntete (verhaltene) Buhrufe! Welche ungeheuren Verluste wären uns und der Welt erspart geblieben, wäre es damals wirklich zu einem akzeptablen Frieden gekommen!  Doch es bedurfte erst der totalen Niederlage, weiterer Millionen Toter und ungezählter Ruinenstädte, bis uns der Friede von außen aufgezwungen wurde!

In Deutschland und in der Welt hat vor 75 Jahren der Frieden Einzug gehalten, aber nicht überall gehalten. Noch vor Verheilen der alten Kriegswunden flammen in fast allen Teilen der Welt erneut Kriege und Bürgerkriege auf, die ein erschreckendes Maß angenommen haben, auch wenn sich – selten genug, wie für Libyen – Anfangserfolge für eine Befriedung andeuten.

Wir müssen in Deutschland jetzt erleben, wie die leid- und opfervollen Erfahrungen schon bei der zweiten und dritten Generation in großem Umfang verblaßt oder vergessen sind. Hier hat die Generation der Zeitzeugen in vielen Familien im Zuge einer Verdrängung zu wenig an Erlebtem vermittelt, während dieser „Stoff“ an den Schulen oft nur halbherzig unterrichtet wird. Und tatsächlich berichtete ja auch Julia Obertreis, Professorin für Neuere und Neueste Geschichte mit dem Schwerpunkt Osteuropa, bei ihrem Vortrag zur Eröffnung der Russisch-Deutschen Woche, sie müsse in den ersten Semestern in Sachen Zweiter Weltkrieg vielfach fast bei Null beginnen.

„Ohne die Völker lassen sich Kriege nicht führen“, lautete bis heute unsere Überzeugung. So kam der „Friede in Bewegung“ und ergriff unsere Städtepartnerschaften, die all die Absurdität von Kriegen beispielhaft aufzeigen. Nun sehen wir allerdings eine Entwicklung heraufkommen, welche die Bedeutung der Volksdiplomatie in kriegerischen Auseinandersetzungen schrittweise herabsetzen wird: Cyberkrieg, Drohneneinsatz, alles Entwicklungen, die es den ja von einer elementaren Friedenssehnsucht geleitet Menschen noch schwerer machen werden, sich für die Bewahrung des Friedens zusammenzuschließen und stark zu machen. Es könnte künftig noch größerer Staatskunst bedürfen, den Frieden gegen Unvernunft, Eroberungslust, Rachgier und Raffgier zu verteidigen! An dieser Stelle möchte ich meiner gefangenen Kameraden gedenken, denen das Glück der Heimkehr nicht mehr beschieden war.

Wolfgang Morell

Siehe u.a.: https://is.gd/ZSoFyA

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Heute eine weitere Vorabveröffentlichung aus dem deutsch-russischen Band „Erinnerungen von Kriegskindern“, der im Mai erscheinen soll.

Tatjana und Jurij Fjodorow mit Herbert Lerche und Ursula Rechtenbacher

1934: Ursula Rechtenbacher wurde am 24. Februar in eine gutbürgerliche Familie hineingeboren. Vater: Martin Biedenbach, geb. 1910, Kaufmann bei der Württembergischen Ärztekammer in der Kriegsbergstraße in Stuttgart. Mutter: Emma-Katharina, geb. 1905, gebürtige Strobel.

Es schien, als ob eine unbeschwerte Kindheit zu erwarten wäre. Wir lebten mit der Familie des Bruders meiner Mutter, Eßlingen / Neckar, Haferstraße 4 im Haus der Großeltern mütterlicherseits.

Ursula war das erste Enkelkind der Familie Biedenbach. Der Großvater Martin war schon 1928 an Diabetes gestorben. Die Freude über das Enkelkind in der Familie war groß! Das bürgerliche Leben nahm seinen Verlauf: Urlaub am Schliersee, die Eltern regelmäßig mit ihrem Abonnement im Großen Haus des Theaters in Stuttgart, Einladungen zu Freunden, Empfänge im eigenen Haus.

1938: Geburt der Schwester Helga, die mit Hilfe eines Arztes und einer Schwester der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt im Haus zur Welt kam. Große Angst um meine Mutter! Tod von Großmutter Strobel.

1939: Sommerurlaub am Schliersee mit Großeltern väterlicherseits sowie Großtante und Großonkel aus New Jersey in den USA. Der Vater wurde zu einer „Übung“ eingezogen – tränenreicher Abschied aus Schliersee. Ich sehe heute noch, obwohl ich damals erst fünf Jahre alt war, den aus dem schönen Gebirgstal abfahrenden Zug! Beginn des Zweiten Weltkriegs! Ich hatte große Angst vor „den Polen“. Vater war einige Zeit im Frankreich-Einsatz und brachte ein kleines, struppiges Etwas mit, da er aus einem brennenden Haus gerettet hatte. Struppi gehörte ab da zur Familie. Am 28. Juli wurde meine jüngste Schwester Suse geboren.

1941: Viele Feldpostbriefe gingen zwischen dem Elternhaus und Frankreich und später Rußland hin und her. Sie sind fast in Gänze noch vorhanden. Ich glaube, meine Eltern liebten sich sehr. Bis heute konnte ich aus Gründen der Diskretion diese Briefe nicht bis ins Detail lesen. Weihnachten 2019 faßten wir, meine Tochter Birgit, ihre Kinder – zwei meiner vier Enkel, Corinna (34) und Philipp (33) und ich – uns ein Herz und öffneten Päckchen und Unterlagen, die meiner Mutter 1942 zurückgeschickt worden waren, und lasen uns unter Tränen in die Briefe hinein. Ich war froh, nicht alleine zu sein. Da wurden uns die Schreckenstage von 1942 sehr-sehr bewußt. Was haben die Kriegerwitwen damals ertragen müssen!

In meinen Erinnerungen ist aber sehr-sehr deutlich der Schmerz zu fühlen, was es hieß: Andere Männer, andere Väter kamen wieder zurück, unser Vater nicht! Unser Leben im Alltag war durch die Solidarität, die wir erfahren durften, einigermaßen gesichert. Eine fast schwerere Zeit sollte uns mit der „Nachkriegszeit“ erwarten. Doch bis zum Kriegsende war’s noch ein harter Kampf: Beim nächtlichen Fliegeralarm mußte jeder seine Siebensachen packen und entweder den Luftschutzkeller im eigenen Haus oder einen „Stollen“ im nahegelegenen Areal aufsuchen. Wenn es weit nach Mitternacht zu Ende war, gab’s Extra-Tee und eine Sonderration Butter und Marmelade auf einer Scheibe Brot, und die Schule fing eine Stunde später an. Meine Tante Berta und Onkle Eugen wurden in Stuttgart – Bad Cannstatt zweimal ausgebombt und kamen mit ihren Habseligkeiten bei uns, bei ihrer Schwester, an. Selbstverständlich rückten wir zusammen. Eßlingen blieb eher verschont, doch Lebensmittelkarten waren immer noch Teil der Haushaltsführung.

„Zusammengerückt“ mußten wir weiterhin bleiben, denn unsere Mutter hatte – trotz Brennstoff-Gasbewirtschaftung ihre Küche für vier Personen nun mit drei weiteren Parteien zu teilen. Flüchtlinge aus Ost und Nord waren aufzunehmen: ein Ehepaar aus Lettland (Riga), eine dreizehnköpfige Familie aus Sachsen, eine Dame aus Ostpreußen und ein späterer Student der Ingenieurwissenschaften aus Sachsen. Finanziell war es noch zu bewältigen bis zur Währungsreform 1948. Noch war Vermögen vorhanden, eine monatliche staatliche Rente und ein Zuschuß der Württembergischen Ärztekammer ließen uns ein Auskommen finden. Im Juni 1948 entfielen dann zunächst Rente und Zuschuß. Die Mutter wußte nicht, wie sie zum Beispiel das Schulgeld finanzieren sollte. Ich hatte der gesetzlichen Schulpflicht acht Jahre Genüge getan und mußte die Mädchen-Mittelschule verlassen. Was soll mit mir geschehen? Ein Onkel, der Schwager meines Vaters und Personalchef bei den Neckarwerken, übernahm für mich ein Jahr lang die monatlichen Zahlungen für eine private Handelsschule. So konnte ich später mit dem Beruf der Kontoristin etwas Geld für die Familie (85 Mark pro Monat) beisteuern, wobei ich fünf Mark als Taschengeld behalten durfte. Das Geld, das auf dem Sparkassenkonto lag wurde – wie allgemein üblich – bis auf 10% abgewertet.

Meine Mutter bemühte sich sehr, etwas dazuzuverdienen: durch Bügel-, Näh- und Flickarbeiten bei den Nachbarn. Das tat mir sehr weh, denn sie hatte ja einen Vier-Personen-Haushalt zu versorgen. Vom früheren Wohlstand war nicht mehr viel vorhanden. Und trotzdem blieben wir sehr gut in unserer Umgebung integriert. Vor allem von meiner Patentante Helene, der ältesten Schwester meines Vaters, erfuhren wir viel Beistand. Sie und die ganzen Biedenbach-Geschwister waren im Ruderverein Eßlingen organisiert. So kam ich als Jung-Ruderin auch zu diesem Sport, den ich aktiv, zum Beispiel auf Regatten, ausübte. Beim Abitur-Vierer auf dem Wasser lernte ich dann auch meinen Mann kennen und lieben. Mit ihm zog ich später nach Erlangen und blieb 66 Jahre lang – bis zu seinem Tod – glücklich mit ihm verheiratet.

Altbürgermeisterin Ursula Rechtenbacher

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Heute feiert Guram Tschotschjew seinen 60. Geburtstag. Der Orthopäde von Weltruf aus Wladimir war bei seinem ersten Besuch im April 1991 mit einer Ärztedelegation der jüngste in der Gruppe, aber wohl auch der lernbegierigste, der seine Deutsch-Lektionen bis heute beherrscht. Neben all dem Fachlichen – er bezeichnet sich als Vertreter der „deutschen Schule“ – lernte der gebürtige Nordossete vor allem eines: die ethische Verantwortung gegenüber dem Patienten. Sein Lehrmeister damals am Waldkrankenhaus – Dietrich Hohmann, der, damals bereits 62 Jahre alt, eine junge Frau, die sich vor einen Zug geworfen und dabei alles gebrochen hatte, was sich nur brechen läßt, 26 Stunden lang operierte und rettete. „Nur um auszutreten oder eine Tasse Kaffee zu trinken verließ der Professor den OP“, erinnert sich der russische Hospitant mit Bewunderung. „Und wie oft legen heute Ärzte schon nach zwei oder drei Stunden das Besteck beiseite und behaupten, es sei nichts mehr zu machen…“

Guramytschi

Guram Tschotschjew und Dominik Steger im Sommer 2000

Damals, in Erlangen, lernte der Hobby-Diätologe auch den Wert des Geldes schätzen. 120 DM erhielten die via Moskau und Prag per Bahn angereisten Gäste zur Begrüßung 1991 in einem Umschlag. Damals, vor fast drei Jahrzehnten, als es in Wladimir sogar Zündhölzer nur gegen Bezugsscheine gab, eine „phantastische Summe, für die alle anderen in der Gruppe kräftig einkauften.“ Guram Tschjotschjew hingegen, der sich sogar noch an die Stückelung des Betrags erinnert, schickte je einen Zehn-Mark-Schein an zwei Freunde, die bis heute die Banknoten als Talisman in ihrem Portemonnaie mit sich tragen. Und den Rest? Den steckte er in den Bau seines Hauses, in dem er heute all die Gäste aus Erlangen empfängt. Welch eine Investition in die Partnerschaft, in die Freundschaft!

Guram Tschotschjew in seiner Lieblingsrolle als Gastgeber mit Freunden

Zu seinen vielen Freunden in Erlangen und Umgebung gehören Jürgen Üblacker, seinerzeit als Geschäftsführer und Direktor des BRK Erlangen-Höchstadt Chefkoordinator der Aktion „Hilfe für Wladimir“, und seine Frau Josefa, die folgenden Gruß nach Wladimir schicken:

Lieber Guram,

wir gratulieren Dir, unserem langjährigen treuen Freund und Wegbegleiter zu Deinem Jubiläum, Deinem 60. Geburtstag.

Seit 1989 kennen und schätzen wir Dich, hast Du und Deine Familie uns bei unseren Aktivitäten in Deiner Heimat unterstützt. Wir danken Dir für Deine edle und humanitäre Arbeit, Dein hervorragendes medizinisches Wirken als hochgeschätzter und kompetenter Arzt. Wir danken Dir für Deine ehrliche Beratung und Unterstützung beim Ausbau und der Vertiefung der Partnerschaft zwischen Wladimir und Erlangen, der Partnerschaft zwischen den Rotkreuz-Organisationen von Wladimir und Erlangen.

Jürgen Ganzmann, Irina Chasowa, Guram Tschotschjew und Josefa Üblacker im Weinkeller

Ohne Deine Unterstützung, Deine Mitwirkung, Dein Engagement wären viele, über Jahrzehnte bestehende Verbindungen sowie die aktive Zusammenarbeit im ärztlichen Bereich zwischen den Partnerstädten nicht so erfolgreich und beständig verlaufen.

Besonderen Dank möchten wir Dir aber auch für Deine Offenheit anderen Menschen gegenüber sagen. Dir und Deinen Eltern war es stets eine Freude, Gäste in Deinem Haus zu empfangen und mit Köstlichkeiten zu bewirten. So denken wir stets gerne an die Begegnungen mit Dir, Deiner Familie und Deinen Eltern zurück und sagen Dank für die Stunden die wir dort verbringen durften und dadurch die einmalige Möglichkeit bekamen, Euch und Euer Land, so wie Ihr seid, kennen und schätzen zu lernen.

Jürgen Üblacker und Guram Tschotschjew

Lieber Guram, wir wünschen Dir viel Gesundheit, Glück und Zufriedenheit in der Familie, Wohlergehen und Erfolg bei all Deinen Tätigkeiten. So sind wir in Gedanken an Deinem Geburtstag bei Dir, heben unser Glas Wodka und rufen unserem guten alten Freund ein herzliches sa naschu druschbu (auf unsere Freundschaft) zu und hoffen auf ein baldiges Wiedersehen

Jürgen und Josefa

Wiedersehen mit dem Waldkrankenhaus 2018: die beiden Orthopädieprofessoren Raimund Forst und Guram Tschotschjew

Und hier ist nachzulesen, welche Laudatio der Blog zum 50. Geburtstag des Jubilars veröffentlichte: https://is.gd/l2Odig

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Beim gestrigen Empfang zum 85. Geburtstag von Altoberbürgermeister Dietmar Hahlweg im Redoutensaal sprachen für die Partnerstädte Jena und Wladimir Altoberbürgermeister Peter Röhlinger und Jurij Fjodorow, Abgeordneter des Regionalparlaments und „Vater“ der Partnerschaft auf russischer Seite. Die Rede des vormaligen stellvertretenden Bürgermeisters und Staatssekretärs liegt der politischen Redaktion des Blogs vor und möge hier als Zeugnis einer besonderen Freundschaft verstanden werden.

Sehr geehrte Damen und Herren, sehr geehrter Herr Dr. Dietmar Hahlweg,

heute haben sich in diesem Saal Ihre Freunde, Genossen und Kollegen versammelt. Sehen Sie sich nur einmal um, wie viele Menschen zusammengekommen sind, um Ihnen zu Ihrem Jubiläum zu gratulieren. Das zeugt davon, was Sie uns allen bedeuten. Für Ihre Landsleute wurden Sie zu einer Legende von Mensch, zu einem Oberbürgermeister, der Erlangen zu einer „Radfahrerstadt“, zu einer Hauptstadt des Umweltschutzes oder ganz einfach zu einer der saubersten, gepflegtesten und lebenswertesten Städte Deutschlands machte. Für uns aus Wladimir sind Sie der Diplomat, der den Grundstein für eine lange und feste Partnerschaft zwischen unseren Städten legte. Und für mich sind Sie ein enger und teurer Freund.

Jurij Fjodorow und Peter Steger

Diese Freundschaft währt nun schon viele-viele Jahre. Im Deutschen gibt es den Begriff einer „Freundschaft fürs Leben“. 37 Jahre ist es her, doch ich erinnere mich noch genau daran, wie wir uns kennenlernten, ich habe keine der Begegnungen vergessen, die später folgten, ich habe alles vor Augen, als wäre es gestern geschehen. Ich weiß noch, wie Anfang der 80er Jahre Dr. Klaus Wrobel, der damalige Direktor der VHS, eine Bürgergruppe in die Sowjetunion begleitete und dabei einen Abstecher nach Wladimir machte. Er war begeistert von unserer altehrwürdigen Stadt und berichtete auch Ihnen von seinen Eindrücken, während die Reiseteilnehmer ihre Erlebnisse natürlich auch weitererzählten. Schon damals pflanzten wir den Setzling der Liebe zu Wladimir. Oder, prosaischer, das Interesse an Wladimir war in jedem Fall geweckt.

Norbert Meyer-Venus und Thomas Fink

1983 empfingen wir die erste offizielle Delegation. Die Namen der Mitreisenden erinnere ich bis heute: Mit Ihnen zusammen kamen Heide Mattischeck, Claus Uhl und Peter Millian. Und dann folgte auch schon unsere Photoausstellung in Erlangen. Wir bereiteten uns sorgfältig darauf vor, schließlich wollten wir all das Beste zeigen, was wir hatten, und die Erlanger zumindest auf diesem Umweg mit den Menschen aus Wladimir bekanntmachen. Ich kam ganz allein mit dieser Ausstellung hierher. Ein damals durchaus unüblicher Vorgang. Ich gebe zu, aufgeregt gewesen zu sein. Wie wird man die Ausstellung aufnehmen, wird man sie verstehen, wird man sehen, was wir ausdrücken wollten? Doch die Ausstellung kam an, sie wurde gut besucht. Ich erinnere mich an einen witzigen Fall: Vor einem der Bilder versammelten sich besonders viele Leute. Ich fragte mich, was es wohl sei, das die Menschen so fesselte. Es stellte sich heraus, es war ein Photo unseres Heiz- und Stromkraftwerks, das damals noch mit Kohle befeuert wurde. Klar, es qualmte aus allen Rohren. Und das in einer Zeit, wo man sich hier in Erlangen bereits ernsthaft mit den ökologischen Problemen beschäftigte und sich um Luftreinhaltung sorgte. Während bei uns der Schornstein rauchte. Da fühlte ich mich doch ein wenig unwohl. Wozu das verbergen!

Henning Zimmermann, Fridays for Future

Ich weiß noch sehr gut, wie herzlich man mich aufnahm, wie Sie selbst mich überall herumführten, mir alles zeigten, alles erklärten. Damals begriff ich, es mit einem richtigen Stadtvater zu tun zu haben, mit jemandem, der seine Stadt aufrichtig liebt. Ich gebe zu, beeindruckt gewesen zu sein.

Die offizielle Vereinbarung über die partnerschaftlichen Beziehungen zwischen Wladimir und Erlangen unterzeichneten wir viel später, erst 1987. Aber mir scheint, alles hatte sich bereits damals entschieden. Wir sprachen viel miteinander, diskutierten die Perspektiven unserer Partnerschaft.

Tatjana Fjodorowa, Jurij Fjodorow, Florian Janik, Ursula Rechtenbacher und Dietmar Hahlweg

Ich kam mit dieser Idee nach Hause, erzählte der Leitung der Stadt davon. Der damalige Vorsitzende des Exekutivkomitees – heute würden wir Oberbürgermeister sagen –, Michail Swonarjow, hörte mir aufmerksam zu und interessierte sich für die Idee, er entbrannte sogar regelrecht dafür. Und so wurde beschlossen, eine offizielle Delegation nach Erlangen zu entsenden.

Wie es dann weiterging? – Der Austausch von Schülern, Studenten, gemeinsame Konzerte und Ausstellungen, Familienbegegnungen… Es setzte eine regelrechte „Volksdiplomatie“ ein, die „Bürgerpartnerschaft“, von der Sie immer sprachen, war geboren. Ich bin sicher, auch Sie erinnern sich noch an das großartige „Fränkische Fest“ zum zehnjährigen Jubiläum unserer Partnerschaft im Jahr 1993. 30.000 Wladimirer nahmen daran teil.

Tatjana Fjodorowa, Jurij Fjodorow, Herbert Lerche und Ursula Rechtenbacher

1995 schließlich eröffneten wir das Erlangen-Haus. Tausende Menschen aus unserer Stadt lernten und lernen dort Deutsch in Kursen, die dank der Zusammenarbeit mit der VHS Erlangen und dem Goethe-Institut in Moskau angeboten werden. Hunderte von unterschiedlichen Projekten und Austauschprogrammen in Wirtschaft, Kultur und Soziales könnte ich aufzählen. Das Wichtigste aber – die vielen deutschen und russischen Familien, die alle dank Ihnen und der Partnerschaft zueinander fanden. Hier gebührt aber auch Deinen Nachfolgern alle Ehre: Dr. Siegfried Balleis und Dr. Florian Janik. Beide ließen und lassen nicht nach in ihrem Bestreben, die Partnerschaft unserer Städte auf diesem hohen Niveau zu halten und weiterzuentwickeln – so wie das in der Nachfolge von Michail Swonarjow auch Wladimir Kusin, Igor Schamow, Alexander Rybakow, Sergej Sacharow und Olga Dejewa taten und weiter tun, immer unterstützt von den Stadträten und ihrem Team in der Verwaltung.

Stefan Barth und Jurij Fjodorow

Unsere Partnerschaft gilt als beispielhaft für andere. Ich bin stolz, zu den ersten Schwalben dieser russisch-deutschen Freundschaft zu gehören. Ich freue mich auch darüber, wie es uns gelungen ist, Rothenburg o.d.T. und Susdal zusammenzubringen. Und ich möchte fast glauben, unsere Volksdiplomatie könnte auch die deutsche Einheit befördert haben, zumal in unsere Zusammenarbeit zu meiner großen Freude Jena erfolgreich eingebunden ist.

Peter Röhlinger

Heute, zu Ihrem Jubiläum, kommt mir natürlich viel in den Sinn. Aus irgendeinem Grund vor allem Sachen zum Lachen. Da war doch zum Beispiel dieser spaßige Kasus, als wir mit Ihrer Delegation spät abends von einem Ausflug zurückkehrten und unterwegs im Wald einen Halt einlegten, um auf dem Kühler im Scheinwerferlicht des Autos ein Picknick zu veranstalten. Für uns die normalste Sache der Welt, während die Gäste, wie wir begriffen, sich einigermaßen unbehaglich fühlten. Später lachten wir alle darüber.

Aber jetzt erlaube mir, mich an Dich als Freund zu wenden:

Lieber Dietmar!

Ich sehe mir immer wieder die Photos jener Jahre an, erinnere mich und danke dem Schicksal dafür, das mir vor 37 Jahren einen so weisen und verlässlichen Freund geschenkt hat.

Ich gratuliere Dir von ganzem Herzen zu Deinem Wiegenfest! Ich wünsche Dir noch ein langes Leben, gesund, munter und glücklich. In Wladimir kennt man Dich, erinnert man sich an Dich, liebt man Dich, freut man sich zu jeder Zeit auf Deinen nächsten Besuch!

Tatjana Fjodorowa und Heidi Hahlweg mit dem Jubilar, Dietmar Hahlweg

Zu diesem Festtag beglückwünsche ich aber auch Deine bezaubernde Frau, die Dich Dein ganzes Leben lang begleitet, Dir bei all Deinen Aufgaben Hilfe leistet und Dich bis heute in allem unterstützt, die Dir, wie man bei uns sagt, den Rücken freihält. Immer wenn meine Frau Tatjana und ich Erlangen besuchten, waren wir bei Heidi und Dir eingeladen. Und jedes Mal führten wir wunderschöne und herzliche Gespräche. Glaube mir, ich weiß diese Begegnungen zu schätzen und die Erinnerung daran zu bewahren.

Liebe Heidi, als Zeichen meiner Anerkennung bitte ich Dich, diese Blumen anzunehmen.

Familie Hahlweg

Und jetzt, lieber Dietmar, gestatte mir bitte, einen wichtigen Auftrag zu erfüllen und Dir zu Deinem 85. Geburtstag die Ehrenurkunde des Regionalparlaments Wladimir zu überreichen für Deinen „großen Beitrag zur Begründung der Partnerschaftsbeziehungen zwischen Erlangen und Wladimir sowie zur Entwicklung der Volksdiplomatie“.

Lieber Dietmar, darüber hinaus überreiche ich Dir eine Grußbotschaft des Vorsitzenden unseres Regionalparlaments, Wladimir Kisseljow. Wir baten unsere berühmten Künstler aus Mstjora darum, diese Ehrenbezeigung zu gestalten. Du kennst das natürlich, aber für alle Anwesenden erkläre ich: Mstjora liegt in der Region Wladimir und gilt als das Zentrum der russischen Lackminiaturmalerei, die Weltruhm genießen.

Jurij Fjodorow und Dietmar Hahlweg

Und schließlich ganz persönlich von meiner Familie diese Ikone der Wladimirer Gottesmutter, ebenfalls aus einer Werkstatt der Meister von Mstjora.

Sehr geehrte Damen und Herren, lassen Sie uns Dr. Dietmar Hahlweg Beifall spenden!

Silvia Klein, Sabine Lotter und Altdekan Josef Dobeneck, zurecht hochzufrieden mit dem Ablauf des Abends

P.S.: Jurij Fjodorow richtete sich aber nicht nur an seinen Freund. Abweichend vom Manuskript wünschte er mit ergreifenden Worten allen Gästen des Abends ein gesundes und friedliches Neues Jahr, wo sich auch noch die innigsten und geheimsten Wünsche erfüllen sollten. Wie das gehen könnte? Indem wir einander öfter umarmen, füreinander da sind, unseren Angehörigen und Freunden unsere Zuneigung zeigen… Wenn das mehr Leute täten, dann könnte es auch auf der Welt insgesamt menschlicher zugehen. Eine Botschaft, für die der Redner mit viel Applaus und Sympathie bedacht wurde.

Bleibt nur noch, Nadja Steger für die Bilder des Abends zu danken, der mit dem Lied der Franken ausklang.

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Am 31. Dezember schloß Walter Ross für immer die Augen. Nicht ohne wenige Wochen zuvor für das Erlangen-Wladimir-Zeitzeugenprojekt „Kriegskinder“ seine Erinnerungen von 1942 bis 1945 niedergeschrieben zu haben. Mit der russischen Partnerstadt pflegte das Mitglied des Seniorenbeirats zwar bisher keinen Kontakt – wann auch bei all seinen vielen ehrenamtlichen Verpflichtungen als Ehrensenator der Narrlangia, Freimaurer oder Vorsitzender des Freundes- und Fördervereins des Marienhospitals sowie Verbindungsmann des Karnevals zu Jena, um nur die wichtigsten Funktionen zu nennen? -, aber dieser gewinnend-zuvorkommende Conférencier des Lebens hatte fast vier Jahre lang eine ältere Ziehschwester aus der Ukraine, von der hier zu erzählen ist. Welch ein Erinnerungsschatz, den er uns da hinterließ! Wer Walter Ross kennen durfte, wird dankbar um ihn trauern.

Walter Ross, 3. v.l., beim Empfang im Rathaus Stoke-on-Trent, April 2017

Kein Märchen:
Menschenliebe und Modja.
Erlebt zwischen
a.D. 1942 und 1945,
erzählt Ende 2019
von Walter Ross.

Es war im Frühjahr 1942 in einem westlichen Vorort von Frankfurt am Main. Dem dort niedergelassenen praktischen Arzt hatte man die Sprechstundenhilfe für den Einsatz in einem Lazarett genommen. Jetzt war der Dr. R. für Sossenheim, Sulzbach, Eschborn, zwei SA-Siedlungen und 85 französische Kriegsgefangene = 10.000 Menschen zuständig und des Arztes Ehefrau mit drei Kindern (zehn, acht und vier Jahre alt) war auch noch Dr.-Assistentin. Der Dr. setzte die NSV (Nationalsozialistische Volkswohlfahrt) unter Druck, drohte mit Arbeitsstundenabrechnung und hatte einen Monat später die Zuweisung einer weiblichen Person zur Entlastung im Haushalt.

Wer da gebracht wurde, war knappe 160 cm groß, braunäugig, pausbackig, völlig verschüchtert, ohne Fremdsprachkenntnisse.

Auf dem Transportschein stand:
16 Jahre alt, Fremdarbeiterin
MODJA  KURILKO aus Dorf LEPISKE, Kreis Solotonoscha, Ukraine in der UdSSR.

Die Dr.-Kinder nahmen Modja an der Hand, führten sie in den 2. Stock des Hauses, da rechts und links je eine Stube ausgebaut war, und erklärten mit „Händ und Füß“, die rechte Stube sei allein Modjas Stube. Die 16jährige wollte das an diesem Tag nicht glauben, erst als sie die erste Nacht ganz alleine war und niemand sie zu stören kommen wollte, da nahm sie die Stube „in ihren Besitz“.

Nicht nur unsere Mutti, die Ehefrau vom Dr., hatte Modjas Bekleidung gesehen und war schon am Kleiderschrank. Die grobe, mausgraue Pferdedecke, die Modja als Rock anhatte, nur mit einer halbmetergroßen Sicherheitsnadel zugehalten, diese Pferdedecke sollte Pause haben. Modja aber hatte Verständigungsprobleme, Zutrauensprobleme, Bekleidungskulturprobleme mit eben Sprachproblemen. Doch eine Mutter von drei durchaus aufgeweckten Kindern, wo plötzlich noch ein viertes dazukam, das sie führen mußte, Mutti, aus einer Lehrerfamilie stammend, war das Lehren, Erklären, immer wieder zeigend Vormachen gewohnt, bis Modja Muttis „Mode von gestern“ als für eine strahlende Modja totschick trug und auf die, ihre neue, Unter- und Oberbekleidung mächtig stolz war.

Kaum ein halbes Jahr später hatte Modja sich eingelebt, die Küche von sich aus übernommen, prima mit Kinderhilfe Deutsch gelernt, sogar so viel, daß sie fernmündlich ebenso wie an der Praxistür für „ihren“ Dr., ihren jetzt von ihr so verehrten „Gospodin“, Arztbestellungen annehmen und aufschreiben konnte.

Da war dann Modjas auch von Mutti angelerntes Kochen, Kinderbetreuen wie eine ältere Schwester sogar mit Hausaufgabenhilfe, die die Eltern nicht bemerken sollten; Modja war die „Große“, und so war sie voll ein schwesterliches, kindgleich geliebtes Familienmitglied.

In Vaters Opel Olympia 1,5 Liter saßen halt damals bei den Familienausfahrten sechs Personen, denn Modja war immer dabei.

So dauerte Modjas glücklichste Lebenszeit wohl nur dreidreiviertel Jahre bei ihrer Dr.-Familie, bis der Befehl der US-Militärregierung zur „Repatriierung der Fremdarbeiter“ auch Modja traf.

Mit zwei großen Reisekoffern und über der Schulter eine Hängetasche mit Papieren, Paß, Adressen, Arbeitsnachweis, Zeugnissen und allem versehen, was ein Kulturmensch auch auf Reisen braucht, einschließlich einem guten Geld und etlichen teuren Schmuckstücken, mit denen man weiterkommen könnte, wo das Geld nichts mehr wert war – und dazu von der Kleidung zum Wechseln bis zur Kosmetik und Hygiene alles dabei und mitgegeben, so ausgerüstet, wurde Modja von den Amis mit Zwang abgeholt. Spätherbst 1945.

Als der LKW mit Modja und allen anderen zu Repatriiernden um die nächste Ecke war, da flossen weiter bei Modja und ihrer Dr.-Familie, ihrer Sechs-Personen-Familie, viele, viele Tränen.

Wir haben von Modja nie mehr etwas gehört, gesehen, erfahren. Auch sehr viele Nachfragen im Vermißtendienst, Nachfragen in der Ukraine, in deren Konsulat haben nichts erbracht.

So blieb und bleibt Modja Kurilko aus Dorf Lepiske, Kreis Solotonoscha, Ukraine, Ex-UdSSR, eine zu tröstende Kindertage-Erinnerung, die über und nach acht Jahrzehnten immer noch lebt. Und solange die lebt, solange lebt unsere Modja auch.

Walter Ross (13.10.1934 – 31.12.2019)

Walter Ross als Conférencier beim Empfang zum 80. Geburtstag von Otto H. Eck 1999, im Hintergrund Julia Akbari und Alexander Tichonow aus Wladimir

Walter Ross hatte einen feinen Sinn für Gesten und Symbole. Da gebührte ihm natürlich auch zusammen mit seiner Frau Beate ein Ehrenplatz im Adventskalender Ehrenamt der Stadt Erlangen, der Heilige Abend, das letzte Fenster. Und am letzten Tag des Jahres verabschiedete sich dann dieser Festredner des Lebens von uns allen: https://is.gd/zOyF57

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In der Städtepartnerschaft Erlangen-Wladimir hängen die Gesetze der Physik nicht von der Zeit ab. Die einmal aufgebrachte Energie wird nicht aufgebraucht, sie bleibt vielmehr erhalten, kehrt in dieser oder jener Form wieder. Eine Formel, die immer wieder empirisch erlebbar ist. So auch gestern abend, als ein Geschenk der Wladimirer Künstlerin, Irina Arschanych, nach mehr als zehn Jahren endlich seine Bestimmung fand. Eine Kreuzigungsgruppe mit Regenbogen aus der Nähe von Gremsdorf, wo die junge Frau seinerzeit ein Praktikum bei den Barmherzigen Brüdern machte. Das Bild der russischen Photographin war damals, im Sommer 2009, im Rahmen einer Ausstellung in den Räumen des Bayerischen Roten Kreuzes, Henri-Dunant-Straße, zu sehen. Nun soll die Arbeit das Pfarrhaus von Josef Dobeneck schmücken, dessen Amtszeit als Dekan nach 25 Jahren und fünf Wahlperioden an Neujahr endete.

Josef Dobeneck und Peter Steger

Das Geschenk vereint den Karpfengrund, die Heimat des Geistlichen, der sich im August auch von seiner Gemeinde St. Kunigunde in Uttenreuth verabschieden wird, mit der Städtepartnerschaft, die Josef Dobeneck über ein Vierteljahrhundert aktiv begleitete, immer an der Seite der Rosenkranzgemeinde in Wladimir und des Jugendaustausches mit Wladimir sowie seit 2017 sogar als Vorsitzender des Fördervereins Nadjeschda. Und wenn wir schon beim Dank sind: Der Kirchenmann erfüllte darüber hinaus die Verbindungen zu Jena und Bozen mit spirituellem Leben, immer auf der Suche nach der Städtepartnerschaft Bestes…  Möge auch diese Kraft erhalten bleiben!

Und von hier stammt das Geschenk: https://is.gd/ud6bkD

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Heute feiert Dietmar Hahlweg seinen 85. Geburtstag. Zu den großen und bleibenden Erfolgen des Altoberbürgermeisters und Ehrenbürgers der Stadt Erlangen gehören über die kommunalpolitischen Leistungen hinaus die Begründung der Städtepartnerschaften mit Wladimir, Jena, Stoke-on-Trent und San Carlos. Dabei war dem gebürtigen Schlesier die Aussöhnung mit der UdSSR und Polen sowie die Verständigung mit der DDR im Geist der Ostpolitik während seiner segensreichen Amtszeit von 1972 bis 1996 das wohl wichtigste Anliegen.

Nikolaj Schtschelkonogow und Dietmar Hahlweg, 9. Mai 2010, Wladimir

Die Tiefenschärfe dieses Bildes mit dem heute 94jährigen Kriegsveteranen in Wladimir erschließt sich erst nach der Lektüre des folgenden Berichts, den Dietmar Hahlweg dieser Tage im Rahmen des deutsch-russischen Projekts „Kriegskinder“ (siehe auch die Erinnerungen von Ute Schirmer: https://is.gd/OpWO3J) zu Papier brachte, vorab exklusiv im Blog veröffentlicht.

Flucht der Familie Hahlweg vom 20.1. bis 10.9.1945 aus Jagdschütz, Schlesien, bis nach Lorenzreuth bei Marktredwitz in Bayern

Zum Jahreswechsel 1944/1945 lebte meine Mutter, Elisabeth Hahlweg (34), mit ihren vier Kindern, Bärbel (12), Dietmar (10), Harald (8) und Hubertus (6), im Gutshaus in Jagdschütz, Kreis Trebnitz, ca. 30 km nördlich von Breslau. Mein Vater war seit 1939 ununterbrochen im Krieg; seither führte meine Mutter den 334 ha großen Gutsbetrieb mit etwa 40 Beschäftigten alleine.

Meine Mutter ahnte, Deutschland werde den Krieg verlieren, und begann heimlich (offen durfte darüber nicht gesprochen werden, das wäre Wehrkraftzersetzung gewesen) Kisten und Koffer vorzubereiten. Wir Kinder ahnten davon nichts.

Dann kam, vermutlich von der Nationalsozialistischen Kreisleitung, am 20. Januar 1945 der sogenannte „Treck-Befehl“. Innerhalb von 24 Stunden mußte der Gutsbereich geräumt werden. Treckleiterin war meine Mutter.

24 Stunden später zog der Treck, meine Mutter mit ihren vier Kindern und allen auf dem Gut beschäftigten Familien (darunter 25 Kinder und viele ältere Menschen), auf zwei Traktoren mit Anhängern und zehn Pferdegespannen bei 20 Grad minus Richtung Westen.

In den folgenden drei  Wochen waren die Ziele 1. Etappe Penzig bei Görlitz (ca. 200 km), 2. Etappe Görlitz – Dresden  (ca. 100 km) und die 3. Etappe Dresden – Richtung Leipzig mit dem Gut Zöschau bei Oschatz (ca. 70 km), das wir am 15. Februar 1945 erreichten. Wir bewältigten also mit dem Treck in 26 Tagen insgesamt ca. 370 km.

Obwohl das im Treckbefehl vom 20. Januar 1945 angegeben Treckziel Bayreuth in Bayern lautete und meine Mutter auch von sich aus mit dem Treck ohne Unterbrechung direkt nach Bayern weiterziehen wollte, beugte sie sich höchst widerwillig dem Willen meines Vaters, der zu dieser Zeit verwundet in einem Lazarett  in der Nähe von Breslau lag und mit dem sie telefonieren konnte. Auf sein Anraten hin blieb sie mit dem Treck auf Gut Zöschau. Mein Vater hatte auf diesem Gut sein Praktikum als angehender Landwirt abgeleistet, wußte, die Gutsfamilie von Oppel werde uns gut aufnehmen und meinte zudem, von dort sei die Rückkehr nach Schlesien leichter möglich.

Mein Vater meinte es gut, aber sein dringender Rat, zunächst in Zöschau zu bleiben, sollte sich als sehr falsch erweisen.

Die US-Armee, die bei Kriegsende am 8. Mai 1945 auch Thüringen und Sachsen und damit auch Zöschau befreit hatte, zog sich wenig später im Ausgleich für einen US-Sektor in dem von der sowjetischen Armee eroberten Berlin aus Thüringen und Sachsen wieder zurück. Einheiten der Roten Armee kamen deshalb auch nach Zöschau, requirierten Traktoren und Pferde. Wir mußten aus unserer Bleibe im Gutshaus auf den Scheunenboden umziehen.

Für meine Mutter war klar: Sie wollte so schnell wie möglich mit ihren Kindern und ihrer inzwischen zu uns gestoßenen Schwägerin nach Westen, gen Bayern. Sie organisierte im Tausch gegen eine goldene Uhr drei Handwagen, und am 20. Juni 1945 brachen wir mit dem Nötigsten Richtung Grimma (40 km) auf, wo zu dieser Zeit an der Mulde die Grenze zwischen Amerikanern und Sowjets verlief. An der Mulde verbrachten wir fast zwei Wochen im Freien, weil die Amerikaner nur so viele Flüchtlinge aus dem Osten aufnahmen, wie andererseits Menschen von Westen nach Osten wechseln wollten. Schließlich gelang das Übersetzen mit einem Kahn. Von Grimma ging es dann weiter nach Hof in Bayern (ca. 180 km) und von dort Richtung Bayreuth. In Gefrees, wo wir im bergigen Gelände baten, uns beim Hinaufschieben der Handwagen zu helfen, bot uns jemand zwei Ponys an, und meine Mutter kaufte diese spontan. Jetzt zogen die beiden Ponys unsere drei Wagen, und ich war von heute auf morgen stolzer Kutscher.

Unser Fluchtweg führte uns zunächst Richtung Nürnberg – manchmal am Tag nur acht km, dann einmal sogar 38 km –, dann aber bogen wir nach 50 km in Richtung Bamberg ab, weil es dort ein milderes Klima und eine günstigere Versorgung geben sollte. Inzwischen war es August / September geworden, und wir konnten gegen Kost und Übernachtung in der Scheune beim Ernten helfen. Mein Onkel Fredi, der jüngste der drei Brüder meiner Mutter, war nach seiner frühen Entlassung aus amerikanischer Gefangenschaft schon im Juli zu uns gestoßen, begleitete uns sporadisch, schwärmte aber immer wieder aus, um nach seiner Frau, dem Treck seiner Eltern, nach unserem Vater und seinen Brüdern zu suchen. Anfang September 1945 kam Onkel Fredi freudestrahlend mit einem Brief der Eltern meiner Mutter zurück, den diese an Bekannte aus Breslau geschrieben hatten, die inzwischen in Mindelheim im Allgäu gelandet waren.

Demnach waren meine Großeltern, Pächter des Gutes Großpeterwitz, ca. 15 km westlich von Jagdschütz gelegen, mit ihrem Treck auf einer Südroute durch das Sudetenland im Juni 1945 in Lorenzreuth bei Marktredwitz gelandet und hatten dort eine kleine Hofstelle pachten können. Wir waren auf unserem Weg im Juli Richtung Bayreuth nur weniger als 50 km von Lorenzreuth entfernt und zogen nun die ca. 150 km dorthin zurück und waren glücklich, dort am 10. September 1945  die Großeltern wiederzusehen und, obwohl äußerst beengt, dort auch unterzukommen und etwas zum Essen zu haben. Dies nach fast drei Monaten auf der Landstraße, ohne ein festes Dach über dem Kopf.

Die realistische Einschätzung meiner Mutter bewahrheitete sich: Ein Zurück nach Schlesien auf unseren Gutshof gab es nicht. Mit dem Potsdamer Abkommen der Siegermächte vom August 1945 fiel Schlesien an Polen. Meine Familie gehörte zu den Deutschen, die nicht nur den Krieg, sondern auch ihre Heimat verloren hatten, im Fall meiner Eltern mit dem Gutshof auch ihre ganze Existenz. Trotzdem gab es in meiner Familie nie Kritik an Polen oder der Sowjetunion.

Es war, wie wir sahen, Hitler-Deutschland gewesen, das diesen furchtbaren Zweiten Weltkrieg „vom Zaun gebrochen“, das heißt mutwillig begonnen hatte. Und man erfuhr mehr und mehr, wie gerade die beiden Länder, Polen und die Sowjetunion, es waren, die in besonders unvorstellbarem Ausmaß unter diesem Krieg gelitten hatten. Aus diesem Wissen und der bleibenden Scham darüber war es mir in meinem Amt als Oberbürgermeister, aber auch als Mitmensch, stets ein Anliegen, bei der Aussöhnung und dem Aufbau einer guten Nachbarschaft mit Polen und Russen mitzuhelfen. Es bleibt mein sehnlichster Wunsch, daß dies dauerhaft gelinge.

Dietmar Hahlweg

P.S.: Mit den besten Wünschen für den Jubilar hier noch der Hinweis auf seine Würdigung zum 80. Geburtstag, zu finden hier im Blog unter: https://is.gd/YegSNn

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