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Archive for the ‘Gesichter’ Category


Portrait der Weltbürgerin, Annie Constance Christensen, geb. Ehrensvärd, anläßlich ihres 80. Geburtstages, vorgestellt und für den Blog bearbeitet von Natalia Oserowa-Pedersen, die aus Wladimir stammt und, auch wenn sie in Dänemark lebt, eng mit der Heimat und der Städtepartnerschaft verbunden bleibt.

Während es dämmert, bricht die Zeit für ein Gespräch an. Ich erinnere mich an die unvergeßlichen Stunden, die ich mit Annie Constance Christensen bei einer unserer Begegnungen verbrachte. Das Flair ihres gastfreundlichen Hauses in Århus läßt einen die stille Stimme der Geschichte und den Atem der Gegenwart spüren. Annie Constance Christensen unterrichtete über 38 Jahre Russisch an der Århus-Universität, schrieb zahlreiche Artikel und Lehrbücher und war Mitglied des Organisationskomitees von „The International Association of Teachers of Russian Language and Literature“.

Annie Constance Christensen

Ihr Charme und ihre Offenheit neuen Eindrücken gegenüber, ihre Fähigkeit, das Echte zu fühlen, machen unser Gespräch so intensiv und einmalig, ganz unabhängig vom Thema. Natürlich hinterlassen einen besonderen Eindruck die Erzählungen über das uralte Geschlecht ihrer Familie, die lebendige Geschichte, die uns in Gesichtern, Bildern und Farben begegnet. Annie Constances Schicksal und wissenschaftliches Wirken hat eine enge und direkte Beziehung zu Kulturtraditionen mehrerer Länder: Schwedens und Dänemarks, Finnlands und Deutschlands, Frankreichs und Rußlands.

Einer der direkten Vorfahren von Annie Constance, Jacob Hubert Ehrensvärd, kämpfte im Krieg unter Karl XII, sein Sohn, Augustin Ehrensvärd, ein hervorragender Politiker und großer Spezialist in der Fortifikation, war Feldmarschall während des Siebenjährigen Krieges. Er war es auch, der die berühmte Festung Sveaborg auf dem heutigen Staatsgebiet von Finnland errichtete. Sein Sohn, Carl August Ehrensvärd, seinerseits wurde zu einem großen Kunsttheoretiker, Kunstmaler und Architekten, war mit vielen Künstlern seiner Zeit befreundet, wie zum Beispiel Johan Tobias Sergel und Nicolai Abraham Abildgaard, der als Begründer der dänischen Kunstmalerschule gilt. Gleichzeitig war Carl August Ehrensvärd im Geiste der Familientradition Oberbefehlshaber der schwedischen Flotte.

Einer der Urgroßväter Annie Constances, Johan Hampus Furuhjelm, stand im Dienste des Russischen Imperiums. Er war Gouverneur von Russisch-Alaska, zu verschiedenen Zeiten Generalgouverneur der Region Primorje, Admiral und Befehlshaber der Sibirischen Flotte der Häfen am Ostpazifik und Stadtoberhaupt von Taganrog. Darüber erzählte Anne Constance in einem Interview in der russischen Internetzeitschrift „Topos“: https://is.gd/UL1kCF

Mein Vater ist Schwede. Die Mutter meines Vaters war Finnin, die Schwedisch sprach, und ihr Vater, mein Urgroßvater, Johan Hampus Furuhjelm, Vertreter eines finnischen Adelsgeschlechts, war Gouverneur von Russisch-Alaska. Mein Vater war selbstverständlich stolz auf seinen Vater. Sogar sehr. Er saß oft mit uns zusammen und erzählte über seinen Großvater. Natürlich war die Rede von Rußland, Finnland war ja damals ein Teil des Russischen Imperiums.

Annie Constances Interesse an Fremdsprachen begann mit dem Französischen. Die Zuneigung zur französischen Kultur und Literatur blieb für immer bestehen. In ihren Bücherregalen findet man Werke auf Französisch von Pierre de Ronsard, Pascal Quignard bis Jean Patrick Modiano. Die Zuwendung zu den neuesten Tendenzen in der Literatur und Gesellschaft war immer kennzeichnend für die Familie von Annie Constance. Die Cousine der Großmutter, Annie Fredrika Furuhjelm, war Journalistin, Schriftstellerin und Vorkämpferin für Frauenrechte, für das Recht, zur Wahl zu gehen; sie stand mit der berühmten schwedischen Schriftstellerin, Selma Lagerlöf, im Briefwechsel.

Als junge Linguistin teilte Annie Constance Christensen die Begeisterung ihres Gatten, des Germanisten Jørgen Christensen, für die deutsche Sprache, Literatur und Kultur. Noch als dänischer Germanistikstudent verbrachte Jørgen Christensen dank einem Stipendium ein Jahr in Freiburg im Breisgau.

Annie Constance Christensen, portraitiert von Tatjana Liwschiz

Annie denkt sehr gern an diese Zeit zurück: „Mein Mann verliebte sich gleich in diese Stadt mit ihrem wunderbaren Dom und der mittelalterlichen Architektur. Später besuchten wir Freiburg zusammen mit den Kindern oder allein. Wir waren auch oft in Frankfurt am Main bei unserem Freund, dem Skandinavistikprofessor, Ernst Metzner, zu Gast. Wir besuchten einander in unseren Ferienhäusern. Sie kamen zu uns nach Dänemark, und wir fuhren in ihr Ferienhaus bei Fulda. Jørgen sprach so gut Deutsch, daß man den Eindruck hatte, er sei Deutscher.“

Die Geschichte und die Sprache wählen den Menschen selbst. Die spätere wissenschaftliche und pädagogische Tätigkeit von Annie war mit der russischen Sprache verbunden. Annie Constance faszinierte die Ungewöhnlichkeit und Eigenart des Klanges der russischen Sprache im Vergleich zu anderen Sprachen. Die junge Linguistikstudentin begann, sich mit Leidenschaft die russische Sprache anzueignen. Das Russische leistete keine Gegenwehr:

Ich begann, Russisch zu studieren. Es sollte zu meinem Lebensglück werden. Die russische Sprache ist das Glück meines Lebens. Das Interessanteste und das Wichtigste in meinem Leben geschah dank der russischen Sprache.

Sogar ihren dänischen Gatten, Jørgen Christensen, traf sie dank dem Russischstudium in einem Russischkurs in Zagreb, im Herbst 1961.

Einer der interessantesten Begegnungen mit der russischen Kultur wurde die Freundschaft mit den berühmten Kunstmalerinnen und Buchillustratorinnen, Nika Golz und Tatjana Liwschiz. Die engen Freundinnen besuchten Annie und Jørgen vielmals in Århus. Annie und Jørgen waren ihrerseits oft in deren Moskauer Wohnung (gegenüber dem Kiewer Bahnhof) in einem Haus zu Gast, von Nikas Vater, dem bedeutenden Moskauer Architekten, Georgij Golz, erbaut.

Annie Constance Christensen, gemalt von Tatjana Liwschiz

Die gemeinsame Begeisterung für Kunstgeschichte, Altertum, Sprachen und Märchen brachte sie einander näher und erfüllte die Freundschaft mit der besonderen Freude an der Poesie, ausgedrückt durch Wassilij Axjonows Worte „mit dem phosphoreszierenden Aufblitzen der Reime“.  Die Seelen der Freunde wurden gereimt, dabei entstand ein neuer Einklang.

Diese Freundschaft führte sogar zu einem gemeinsamen Projekt. Annie Constance Christensen gab eine zweibändige Grammatik der russischen Sprache für skandinavische Studenten heraus. Nika Golz steuerte die graphische Gestaltung des Lehrbuchs bei, das an den skandinavischen Fakultäten für Slawistik in Gebrauch ist.

Im Jahre 2005 gab Annie Constance Christensen noch ein sehr interessantes Buch in englischer Sprache im Verlag Aarhus University Press, „Letters from the Governor´s Wife (a View of Russian Alaska 1859-1862)“, heraus. Es enthält Briefe von Annies Urgroßmutter, Anna Furuhjelm, an ihre Mutter, Ann von Schoultz. Anna Furuhjelm war Gattin des vorletzten Gouverneurs von Russisch-Alaska. Es war eine äußerst schwierige und jahrelange Arbeit, diese alten, dünnen, durchsichtigen und dichtbeschriebenen Briefseiten der Urgroßmutter zu entziffern. Diese Publikation liefert einen sehr persönlichen und vielfältigen Einblick in das Leben der russischen Kolonie.

Einige Fragmente des Buches wurden von Annie Constance ins Russische übersetzt. Sie erschienen in der Sammlung der Dokumente „Russisch-Amerikanische Kompagnie und die Studien des Pazifischen Nordens 1841-1867“ im Verlag Nauka 2010. Bei dieser Übersetzung war die Hilfe von Swetlana Schuwalowa, einer ehemaligen Russischprofessorin der Moskauer Staatlichen Universität und langjährigen Freundin und Kollegin an der Århus-Universität, unentbehrlich. In der Zeitschrift „Die Welt des russischen Wortes“, März 2010, wurde der Artikel von Annie Constance „Anna Nikolajewna und Iwan Wassiljewitsch Furugelm in Russisch-Amerika“ veröffentlicht.

Jedes Mal, wenn Annie Constance nach Rußland reist, kommt sie mit ihrer ansteckend offenen Art, ihrer Liebe und Begeisterung für Land und Leute. So empfangen sie denn auch dort alte wie neue Freunde (etwa im April vergangenen Jahres, als sie zusammen mit Natalia Oserowa in Wladimir den Band von Edith Södergran vorstellte) immer liebevoll. Die russischen Besucher wiederum genießen ihre Gastfreundlichkeit in Dänemark. Annie ist immer da, wo etwas Interessantes geschieht. Zum Beispiel nahm sie vor einem Jahr am Literaturfestival „Ordkraft“ (dänisch: „Die Kraft des Wortes“) in Ålborg teil, wo auch Olga Sedakowa, die größte russische Dichterin der Gegenwart, zwei Tage lang auftrat. Annie Constance lud die Autorin sofort zu sich nach Århus ein und zeigte ihr die alte Stadt als eine sehr erfahrener Reiseführerin.

Annie Constance Christensen im Gespräch mit Olga Sedakowa

Bekanntschaften und Treffen mit Menschen klingen durch Zeit und Umstände nach. Menschen, deren Schicksal andere prägt und deren Lebenslauf bezaubert, bleiben in deiner Seele als eine Begegnung der besonderen Art.

Ich erinnere mich noch an mein erstes Treffen mit Annie Constance in Moskau in der Turgenjew-Bibliothek im April 2016 bei der Vorstellung des Buches „Das Fenster zum Garten“ (Verlag Art Volkhonka 2016). Es handelt sich um Übersetzungen aus dem Schwedischen ins Russische der Gedichte von Edith Södergran, s. hier im Blog unter: https://is.gd/GMBQmJ. Sie trug dem russischen Publikum Edith Södergrans Gedichte im Original, auf Schwedisch, der Muttersprache der Dichterin, vor. Annie war nämlich als des Schwedischen wie des Russischen mächtige Beraterin an diesem Buch beteiligt.

Ich sehe vor meinen Augen immer noch Annie Constances gerade Haltung, ihre schlanke Figur und höre ihr eindringliches, in die Poesie versunkenes Vortragen der Södergran-Gedichte:

„ … das Glück gleitet davon in leichten Wolkenbildern / über die blauen Tiefen, / das Glück ist ein Feld, schlafend in Mittagsglut / oder des Meeres endlose Weite unter dem Brennen / lotrechter Strahlen, / das Glück ist machtlos, es schläft, atmet und weiß / von nichts…“

Aus dem Gedicht „Der Schmerz“, ins Deutsche übertragen von Christiane Grosz.

Mir war, als ob die Rezitierende nicht nur sehr tief in die Poesie Södergrans eingedrungen sei, sondern auch als hielte sie mit der finnischen Modernistin Zwiesprache.

Irina Gurskaja, Moskau

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Schon hoch in den Achtzigern, fragte ein Journalist den 1930 in der Nähe von Odessa geborenen Schriftsteller Wladimir Krakowskij einmal, welchem Umstand er wohl sein langes Leben verdanke. „Ganz einfach“, antwortete der Autor von 70 Veröffentlichungen, „ich habe immer ein Ziel, und das ist das nächste Buch.“ Gestern nun hat der große alte Mann der Wladimirer Dichtkunst und langjährige Vorsitzende des Regionalen Schriftstellerverbandes sein letztes Kapitel geschrieben und die Feder für immer zur Seite gelegt.

Wladimir Krakowskij

Literarisch zu Hause war Wladimir Krakowskij in fast allen Genres: Lyrik und Prosa in all ihren Spielarten – vom Roman bis hin zur Fabel oder zum philosophischen Traktat. Dem Altmeister des Wortes zu Ehren hier nun zwei kurze Texte, die typisch erscheinen für sein Schaffen:

Alles, was ich früher über Meister und andere gesagt habe, stimmt nicht ganz. Die Menschen lassen sich nämlich einteilen in solche, die fähig sind, Aufgaben zu stellen, und jene, die in der Lage sind, diese zu lösen. In solche, die eine Anordnung geben, und jene, die diese ausführen. In Schöpfer und Meister. Die übrigen tun hier nichts zur Sache. Schöpfer und Meister sind es, aus denen die Menschheit sich zusammensetzt. Uns beide haben sie ihren eigenen Stolz. Die einen halten den Kompaß in Händen, bei den anderen stecken die Beine in den Stiefeln. Die einen weisen den Weg, die anderen gehen ihn. Die einen zeichnen dem Pappkameraden einen Kreis ums Herz, die anderen platzieren dorthin eine Kugel. Und jeder hat seinen Stolz. Doch glücklicher sind die Meister. Sie haben eine sichere Hand, während die Kompaßnadel immer zweifelnd zittert. Meister laufen nicht aufgewühlt nachts durch die Wohnung und liegen nicht entkräftet morgens im Bett, sie starren nicht trübsinnig an die Decke. Sie springen munter auf und krempeln die Ärmel hoch, kaum daß sie ins Hemd geschlüpft sind. Jede Frau träumt davon, einen Meister zu gebären. Weil sie ihren Sohn glücklich sehen will.

Wladimir Krakowskij

 

Und jetzt noch eine Fabel! Strenggenommen ist es ja nur eine komische Geschichte, entdeckt in einer Zeitschrift, die mir jemand aus Paris mitgebracht hatte. Ich kann zwar kein Französisch, aber das hat nicht viel zu bedeuten: Wenn man langsam liest und nach jedem Wort nachdenkt, kann man jede Sprache verstehen. Jedenfalls war da von einem Henker aus dem Mittelalter zu lesen, der sich darauf verstand, den Kopf derart geschickt abzuschlagen, daß sein Beil trocken blieb. Er vollführte die Hinrichtung mit einer blitzartigen Bewegung und hob über der Richtstätte triumphierend das blitzende, von keinem Blutstropfen befleckte Beil. Die Menge klatschte dem Könner seines Fachs begeistert Beifall. Es hieß von ihm, er habe goldene Hände. 16 Dörfer und eine Stadt machten einander das Recht streitig, sich seine Heimat nennen zu dürfen. Er fragte nie, für welche Verbrechen der von ihm hingerichtete Mensch zum Tode verurteilt war. Er hatte nicht einmal ein Auge dafür, wohin der Kopf rollte. Seine einzige Sorge war es, das Beil trocken zu halten und das Gefallen der Menge zu erlangen. Derjenige hingegen, der das Urteil unterschrieb, litt unter seinen Zweifeln und weinte manchmal sogar. Er fürchtete die Rache von Spießgesellen des Hingerichteten und besonders das, was dessen Nachkommen über ihn sagen würden. Vielleicht hatte er ja gar nicht den richtigen verurteilt, und die Nachkommen würden ihn einen Schuft und Mörder schimpfen. Das machte ihm schwer zu schaffen, wenn er daran dachte. Währenddessen wußte der mit dem trockenen Beil über der Richtstätte, daß die Nachfahren nichts anderes als die Zeitgenossen sagen würden: „Was das nur für ein Meister war!“ Deshalb wollte er gar nichts weiter wissen und kennen als den Augenblick seiner Arbeit, nichts davor und nichts danach. Nicht wofür das Urteil gefällt wurde, noch wohin der Kopf rollte.

Der Blog veröffentlichte übrigens erst im August etwas zu und von Wladimir Krakowskij, nachzulesen unter: https://is.gd/w28IvE

 

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Erst im August hatte Dmitrij Makejew seinen achtzigsten Geburtstag gefeiert, nun ist er gestern verstorben. Einen sanften Mann verliert Wladimir, einen klugen Mittler des Ausgleichs, einen bedachten Historiker, der aus der Geschichte gelernt hatte, wie wichtig Versöhnung und Austausch zwischen den Völkern sind. In der Region Moskau geboren, kam der Wissenschaftler 1977 nach Wladimir, um zunächst als Dozent am Pädagogischen Institut zu lehren, wo er sich rasch zum Prorektor emporarbeitete, bevor er 1988 die Leitung der Hochschule – 1993 zur Staatlichen Pädagogischen Universität erhoben und 2011 mit der Polytechnischen Universität zur Wladimirer Staatlichen Universität verschmolzen – bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2007 übernahm.

Altrektor Dmitrij Makejew, Florian Janik und Ansor Saralidze, Rektor der Universität Wladimir, Herbst 2014

In all diesen Jahren spielte Dmitrij Makejew eine herausragende Rolle in der Geschichte der Städtepartnerschaft: Als regionaler Vorsitzender des Verbands der Völkerverständigung handelte er in einer Nachtsitzung im Hotel Kljasma mit Rudolf Schwarzenbach, dem großen Mentor dieser Kontakte, die Formulierungen für die Charta der Städtepartnerschaft aus, 1985 begann unter seiner Ägide der Austausch mit dem Institut für Fremdsprachen und Auslandskunde, und ebenfalls in diese Zeit fiel der Anfang seiner Freundschaft mit Klaus Wrobel, dem Direktor der Erlanger Volkshochschule, die er auch selbst immer wieder zu Vorträgen und Diskussionsveranstaltungen besuchte. Überhaupt war er der große Kommunikator, erklärte hier wie dort auf Podien und in Seminaren die gesellschaftlichen wie politischen Unterschiede und scheute auch vor der Herausforderung nicht zurück, 1997 mit dem Erlanger Kollegen, Michael Stürmer, russische Sorgen und Befürchtungen angesichts der Nato-Osterweiterung zu diskutieren. Dabei behielt er stets die Verdienste von Mitstreitern in der Sache der Verständigung im Blick und verlieh dem Begründer der Städtepartnerschaft und damaligen Oberbürgermeister Erlangens, Dietmar Hahlweg, 1995 die Ehrendoktorwürde; zwei Jahre später ging die Auszeichnung an Klaus Wrobel.

Wir trauern um Dmitrij Makejew

Es ist still in den letzten Jahren um den ohnehin eher in sich gekehrten Gelehrten geworden, Alter und Gesundheit forderten ihren Tribut. Aber seine besonnene Stimme bleibt hörbar als jene, die ganz zu Anfang des wissenschaftlichen Austausches zwischen Wladimir und Erlangen so vornehm-vernehmlich erklang und bis heute alle Begegnungen durchdringt, in ihnen allen schwingt. So schwer der Verlust, so traurig die Melodie der Threnodie, so beglückend das Vermächtnis: Wenn am Dienstag der Patriarch der Partnerschaft zu Grabe getragen wird, steht – welch eine Fügung des Schicksals! – in der Trauergemeinde auch eine vierköpfige Studentengruppe des Instituts für Fremdsprachen und Auslandskunde am Sarg. Ein Abschied, der verpflichtet.

Mehr zu den Leistungen des Verstorbenen hier: https://is.gd/v3BEku

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Seit einem Jahr nun schon macht Kristina Kapsjonkowa eine Ausbildung am Institut für Fremdsprachen und Auslandskunde. Jetzt, zu Beginn der Ferien, hat sie endlich Zeit, zusammen mit Manfred Kirscher, ihren Freundinnen aus Wladimir, Swetlana Sokolowa und Angelika Sergejewa, eine Woche lang ihre Wahlheimat Erlangen und andere schöne Orte in Deutschland zu zeigen.

Kristina Kapsjonkowa, Swetlana Sokolowa, Angelika Sergejewa und Manfred Kirscher

Begonnen hat der Besuch der beiden gestern morgen allerdings mit einer politisch-landeskundlichen Erfahrung in Sachen zivilgesellschaftlicher Widerstand gegen eine Kundgebung der rechtsradikalen Splitterpartei „Der III. Weg“ auf dem Rathausplatz. Während das knappe Dutzend brauner Finsterlinge, hermetisch abgeriegelt von Metallgittern und einem Polizeikordon, seine kruden Parolen gegen die „Homo-Propaganda“ absonderte, demonstrierte, organisiert von der „Aktion Courage“, eine kunterbunte Menge am Besiktasplatz Erlangens Motto „offen aus Tradition“, Toleranz und die Würde des Menschen, gleich welcher Nation, Religion oder sexuellen Neigung.

Claudia Fassina, Alice Basso, Elisa Lorenzo, Maria Chiara Maccarrone und Daria Orami mit Oberbürgermeister Florian Janik

Eingereiht hatte sich da übrigens auch die Rockband Soundscape 2.0 aus Cumiana, die heute wieder in die italienische Freundschaftsstadt zurückkehrt. Schön zu sehen und zu wissen: Europa gehört und wächst zusammen im Kampf gegen faschistoides Strandgut eines inhumanen Denkens.

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Zum 10. Todestag von Rawus Chuduschewitsch Bagirow (29.08.1939 – 08.07.2007)

Ein Beitrag von Renate Winzen

„Ich kümmere mich um sie!“ Kurz entschlossen nahm der Regisseur Rawus Bagirow sich meiner an, als ich am ersten Tag meines Praktikums beim Staatlichen Fernsehen der Region Wladimir durch verschiedene Abteilungen des Senders geführt wurde. Das war im Oktober 1994, in jenen 90er Jahren, als das Leben dort überall im Land von verfallenden Strukturen, materieller Not und alltäglichem Überlebenskampf geprägt war. Löhne wurden monatelang nicht ausgezahlt, und wenn doch, so reichten sie kaum, um den alltäglichen Lebensunterhalt zu bestreiten. Man behalf sich irgendwie, man half sich gegenseitig; so genau habe ich nie herausgefunden, woher die Leute damals ihr Essen nahmen, – und nicht allen gelang es, genug zum Essen zu haben. Das, was sie hatten, teilten sie gerne mit dem Gast – nein, sie teilten nicht, sie gaben dem Gast mehr, als sie sich selbst gönnten.

Renate Winzen (4. v.l.) mit dem TV-Team von Chefredakteur Leonid Skakunow (1. v.l.)

„Ich kümmere mich um sie!“ Gesagt – getan. Rawus Bagirow nahm mich unter seine Fittiche: Drehbuch-Konzeption, Dreharbeiten, Interviews, Filmschnitt – überall bezog er mich ein, erläuterte, lehrte, gab mir Raum für Fragen und Diskussionen. Aber da war noch mehr; manchmal sprach er mich auf Deutsch an, er interessierte sich für mein Land, die dortigen  Lebensumstände, die deutsche Kultur und Mentalität, – und er tat alles, damit ich mich im fernen russischen Ausland heimisch fühlen könne.

Er selbst hatte seine Heimat verloren, war aus akuter Gefahr geflohen vor dem Bürgerkrieg in Aserbeidschan. Unfreiwillig war er Tausende Kilometer entfernt von seiner Heimat, nicht wissend, ob er jemals zurückkehren könne, ohne eigenen Wohnraum, mit seiner Frau in einem Zimmer bei anderen Leute untergebracht… Wie anders war seine Situation hier im russischen Ausland als meine! Doch er blieb nicht bei sich stehen – leidenschaftlich setzte er sich für seine Mitmenschen ein: in seinen Filmen und in seinem Alltag.

Mitten im Zerfall gab es in diesen 90er Jahren auch Orte des Aufbruchs. Dazu gehörte das Staatliche Fernsehen Wladimir. Hier hatte man sich der Glasnost verschrieben; in engagierten Reportagen und Berichten setze man sich offen, ganz im Sinne der „Transparenz“, mit verschiedensten Themen auseinander.

Rawus Bagirow (im Vordergrund) bei Aufnahmen zur Umweltreihe „Perlenkette der Seen“

Rawus Bagirow lenkte in seinen Reportagen den Blick dahin, wo Menschen Ungerechtigkeit und Mißachtung erlebten. Es war ihm ein Herzensanliegen, Menschen die (neue?) Erfahrung von Wertschätzung und Gerechtigkeit zu ermöglichen.

Am Herzen lag im auch das, was er „den zweiten“ Blick“ nannte. Eines Tages eröffnete er mir, ich habe nun genug durch Hospitanz bei verschiedenen Filmen gelernt, es sei an der Zeit für mich, einen eigenen Film zu machen. Dafür schlug er eine Reportage über die Technische Universität Wladimir mit dem Ziel vor, Kooperationen zwischen der Hochschule und der Universität Erlangen-Nürnberg aufzubauen. Dabei regte er mich dazu an, nicht bei dem stehen zu bleiben, was sofort ins Auge fiel: armselige, veraltete Laborausrüstung;  ein Studenten- und Wissenschaftler-Alltag, in dem das Geld auch für das Essen knapp war; und das in einem Land, in dem das Leben geprägt war von ausbleibenden Lohnzahlungen, schlechter Infrastruktur und dem Kampf ums alltägliche Überleben.

Was könnte westliche Wissenschaftler dazu bringen, mit solch einer TU zusammenzuarbeiten und sich in ein solches Land zu begeben? Nein – über diesen ersten Blick hinausgehen und weiterfragen: Was sind das für Studenten, die unter solchen Bedingungen nicht aufgeben, sondern dranbleiben am Studium? Was sind das für Wissenschaftler, die der Forschung und der Studentenausbildung die Treue halten, obwohl vor allem an Hochschulen die Gehälter so niedrig sind, daß das Geld hinten und vorne nicht reicht? Welche Kraft treibt diese Studenten und diese Wissenschaftler an, – und ist nicht genau diese Kraft ein Faktor, weswegen es sich für westliche Kollegen lohnen kann, mit solchen Partnern zusammenzuarbeiten?

Rawus Bagirow wurde damit zum Initiator für den Aufbau von Kooperationen in den Ingenieur- und Naturwissenschaften zwischen der Staatlichen Universität Wladimir (ehemalige TU Wladimir) und der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Seine Strategie des „zweiten Blicks“ half immer wieder, systembedingte Wertungen und Irritationen zu überwinden.

Mit seiner freundlichen Achtsamkeit für seine Mitmenschen und mit seinem Humor und seiner Herzlichkeit hat er das Leben vieler Menschen bereichert, auch meines.

Sein Wirken umfaßt aber noch weit mehr.

Selbst heimatlos geworden, gab er anderen Heimat und das Gefühl, zu Hause zu sein.

Selbst Mißachtungen ausgesetzt gewesen, gab er anderen Respekt und Wertschätzung.

Selbst in hoch angespannter Lebenslage geraten, lag ihm das Wohlbefinden anderer am Herzen.

Dieser Weg verändert mehr als viele Protestaktionen. Dieser Weg bewirkt mehr als so manche Strukturmaßnahmen. Dieser Weg ist immer möglich, in der Städtepartnerschaft und darüber hinaus.

Danke, Rawus.

Siehe auch: https://is.gd/5QYkF7

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Dieser Tage hatte die Medizin-Delegation in Wladimir noch auf ein gnädiges Ende des schwer erkrankten Kollegen und großen Freundes des deutsch-russischen Austausches angestoßen, und nun teilte Jürgen Binder gestern mit, Walter Otto sei bereits am Dienstag verstorben.

Walter Otto, zweiter von links in der ersten Reihe, inmitten von Freunden: dem Ehepaar Heidi und Jürgen Binder, den Wladimirer Ärzten, Magir Katschabajow und Jewgenij Jaskin, sowie Helmut Schmitt, Altbürgermeister Gerd Lohwasser (beide im Vorjahr verstorben), Rita Stolz und Peter Steger

Ein großer Verlust für alle, die den lebensfrohen Allgemeinarzt kannten, ein schmerzlicher Verlust auch für die Städtepartnerschaft insgesamt, der sich das langjährige Vorstandsmitglied im Ärztlichen Bezirksverband Mittelfranken fachlich wie menschlich eng verbunden fühlte.

Jürgen Binder, Melanie Huml und Walter Otto

Welch herausragende Persönlichkeit Walter Otto war, belegt auch die Auszeichnung mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande – zusammen mit Jürgen Binder – im Oktober vergangenen Jahres bei einem Festakt in Bayreuth durch Bayerns Gesundheitsministerin Melanie Huml.

Walter Otto

Die Auszeichnung, die dem Mediziner aber sicher am wichtigsten war, bestand in der Freundschaft mit seinen russischen Kollegen und Freunden.

Mit Walter Otto ist jemand für immer gegangen, der sich stets der Verantwortung der Deutschen gegenüber den Russen bewußt war, besonders erlebbar heute, wo man von Maikop bis Murmansk den Tag der Erinnerung und der Trauer begeht, den Tag des Überfalls der Wehrmacht auf die Sowjetunion mit all dem unsäglichen Schmerz und Leid – am 22. Juni 1941. Nun tragen wir das Gedächtnis an den stets um Versöhnung werbenden Verstorbenen und die ungezählten Opfer der unbarmherzigen Kriegslogik weiter in eine Zeit, wo Menschen wie Walter Otto besonders fehlen.

 

 

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„Aber der Hauptberuf des Menschen ist doch die Seele. Und der Ertrag – Freundschaft und Kameradschaft! Ist denn das keine Beschäftigung? Menschenskinder!“ Ob Andrej Platonow mit diesen Zeilen aus seinem Roman „Unterwegs nach Tschewengur“ die Profession des Lehrers im Sinn hatte, wissen wir nicht, doch er definierte damit, worauf es ankommt – und was vor allem einem Pädagogen wie Rudolf Schloßbauer gelungen ist, der heute seinen 80. Geburtstag feiert.

Rudolf Schloßbauer und die Wladimirer Künstlerin, Natalia Britowa

Kaum auf die damals so kriegerisch-feinseligen Welt gekommen, verlor er den Vater in der Schlacht bei Stalingrad und schon wenig später auch die Heimat im Sudetenland. An der Hand der Mutter verschlug es Rudolf Schloßbauer nach Bubenreuth, wo er 22 Jahre bleiben sollte und wohin er bis heute eine innige Verbindung pflegt, bevor Erlangen und Nürnberg, Bamberg und Waischenfeld zu seiner endgültigen fränkischen Wahlheimat wurden.

Rudolf Schloßbauer und die Deutschlehrerinnen aus Wladimir

Der gelernte Lehrer hat in seiner Zeit als berufsmäßiger Schul- und Sportreferent und Stadtschulrat, später als Ehrenamtsbeauftragter sowie Co-Autor der Satzung und erfolgreicher Einwerber des Grundkapitals für die Bürgerstiftung viel Großes für das Gemeinwesen in Erlangen geleistet. Auszeichnungen wie die Verdienstmedaille des Bundesverdienstordens, das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse und die Bürgermedaille der Stadt Erlangen würdigen das vielseitige Schaffen des Jubilars. Doch die Partnerschaft mit Wladimir betrieb der leidenschaftliche Pädagoge mit besonderer Hingabe und gibt damit bis heute als Kriegswaise und Vertriebener ein grandioses Beispiel für Versöhnung. In Rudolfs Schloßbauers Amtszeit fällt schon Anfang der 90er Jahre der Ausbau des Schüleraustausches mit Wladimir. Doch dies allein genügte ihm nicht. Aus seiner Zeit als Deutschdozent in China und der Mitautorenschaft an Sprachlehrbüchern bemerkte er früh, wie wichtig gerade für die Lehrkräfte aus der russischen Partnerstadt der unmittelbare Kontakt zum Gegenstand des Unterrichts ist. Erkannt, getan: Wann immer es Rudolf Schloßbauer möglich war, organisierte er hier wie dort Deutsch-Seminare für die russischen Kollegen, Veranstaltungen, die leider mit seinem Ausscheiden aus dem Dienst im Jahr 2000 so nicht fortgesetzt wurden, obwohl von Wladimirer Seite immer wieder angeregt.

Rudolf Schloßbauer mit seinem Freund Alexander Nikolskij und seiner Frau Ingrid

Bei seinem Kernbereich ließ es Rudolf Schloßbauer freilich nicht bewenden. Begeistert für die russische Malerei und Musik freundete er sich mit Künstlern und Sängern aus Wladimir an, half tatkräftig bei der Vermittlung von Auftritten für den Kammerchor Raspew bei dessen erster Franken-Tournee 1996, wurde Mitglied des Fördervereins „Nadjeschda“ und unterstützte vor allem das Erlangen-Haus, zu dessen ersten Mietern er gehörte. Auf seine Anregung geht dort übrigens die Einrichtung einer Nachtwächterstelle zurück, denn er wies, selbst damals nicht ganz wohlauf, berechtigterweise darauf hin, was Gästen und dem Haus alles nachts passieren könnte, wenn niemand da wäre, um Hilfe zu leisten oder Alarm zu schlagen.

Ein schlechter Lehrer beschreibt, ein guter erklärt, ein ausgezeichneter zeigt und ein großer begeistert.

Wer sich so für Wladimir eingesetzt – als Lehrer, aber nie oberlehrerhaft! – und selbst neun Mal die Partnerstadt besucht hat, immer bepackt mit Unterrichtsmaterial, bleibt auch im Ruhestand jederzeit ansprechbar für die Belange des deutsch-russischen Austausches, gleich ob es um Organisatorisches geht oder um eine Zuwendung für eines der Projekte. Ehrensache deshalb auch für ihn, den Deutschlehrerinnen aus Wladimir im Vorjahr seine Erfahrungen mit der Methodik des Fremdsprachenunterrichts näherzubringen. Ein russisches Sprichwort sagt: „Verehre deine Lehrer wie deine Eltern.“ Rudolf Schloßbauer ist so ein Lehrer, der begeistern und prägen kann wie die Eltern, und er gehört zu den Eltern der Partnerschaft mit Wladimir. Wir verdanken ihm viel, und im Namen vieler dankt und gratuliert heute der Blog einem Menschen, der die Seele zu seinem Hauptberuf gemacht.

Zum Wirken von Rudolf Schloßbauer in der Partnerschaft mit Jena gibt es übrigens eine eigene Geschichte unter: https://is.gd/9vn7xv

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