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Archive for the ‘Gesichter’ Category


Heute vor 100 Jahren wurde Leonhard Steger in Hartenstein / Mfr. geboren

Der Frontsoldat Leonhard Steger ist nach dem Krieg nie mehr nach Rußland zurückgekehrt, aber er war bis zu seinem Tod im Jahr 2005 in Gedanken bei jeder Reise seines Sohnes Peter dabei und erlebte die Städtepartnerschaft Erlangen – Wladimir als spätes Wunder der Geschichte, an dem er selbst noch mitwirken konnte mit vielen Spenden für die humanitären Hilfsaktionen oder so symbolisch schönen Gesten wie dem Empfang für den Wladimirer Veteranenchor 1992 mit selbstgeschmierten Broten und Salz.

Leonhard Steger

Leonhard Steger

Aus Anlaß seines Jubiläums und anstelle eines Nachrufes gibt es heute im Blog leicht gekürzt das „Grußwort des Beauftragten für die Städtepartnerschaft Erlangen – Wladimir, Friedensveteran mit langjähriger Nahkampferfahrung in Freundberührung mit Rußland“ aus dem Sammelband „Rose für Tamara“ zu lesen, 2001 von Fritz Wittmann und Peter Steger herausgegeben.

Leonhard Steger mit Kamerad in russischem Dorf

Immer wieder werde ich gefragt, warum ich ausgerechnet Slawistik mit Schwerpunkt Russisch studiert habe. Je nach Situation und Fragesteller antworte ich dann mehr oder weniger lapidar, daß ich damit das Erbe meines Vaters angetreten habe.

Sacharino, September 1942, Vernichtung für Mensch und Tier!

Mein Vater, Jahrgang 1919, war in seiner Jugend rasch in den Bann der nationalsozialistischen Verführer geraten und sah schon bald in einer militärischen Laufbahn den einzigen Ausweg für sich. Seine Eltern, die einen kärglichen Bauernhof in Hartenstein, Mittelfranken, bewirtschafteten, erkannten wohl Intelligenz und Begabung des einzigen Sohnes, konnten aber nicht das Schulgeld aufbringen, um ihm den Berufswunsch Lehrer zu erfüllen. Stattdessen wurde er in das ungeliebte Metzgerhandwerk gedrängt und gezwungen, seine Bildung selbst in die Hand zu nehmen.

Soldatengräber

Persönliche Enttäuschungen sowie mangelnde Entfaltungsmöglichkeiten und Verzweiflung über die ärmlichen Lebensverhältnisse machten ihn anfällig für die Verheißungen und Aufstiegsversprechen der Reichswehr. Rasch fand er Gefallen an Disziplin und Hierarchie, bewährte sich als Ausbilder und trat der Waffen-SS bei. Als er im Elsaß vom „Unternehmen Barbarossa“ erfuhr, meldete er sich freiwillig an die Ostfront und machte zunächst als Kundschafter, später als Panzeroffizier den gesamten Feldzug bis zur Schlacht bei Kursk sowie den Rückzug mit. Sieben Verwundungen – einen Granatsplitter trägt er noch immer im Kopf – überlebte er, aber das Erschrecken und Grauen über die Grausamkeiten des Krieges wirken bis heute schmerzlich nach. Wie viele seiner Altersgenossen kam er moralisch gebrochen nach Hause, mußte sich einige Zeit vor den Alliierten verstecken und bekam erst Ende der 50er Jahre mit der Gründung einer Familie wieder Boden unter die Füße.

Leonhard Steger im Tarnanzug

Meine Kindheit ist geprägt von den Erzählungen des Vaters über die Kriegserlebnisse. Den Brjansker Wald kenne ich, als hätte ich dort selbst die Wölfe heulen hören; die Stalinorgel saust mir um die Ohren, als wäre ich selbst von ihr mit Beschuß belegt worden; ich habe den Geruch der russischen Katen in der Nase; der Geschmack der Schokolade, aus der eisernen Ration, eingetauscht gegen Tabak, hängt mir in den Zähnen; ich sehe die erhobenen Arme der Gefangenen, unter eigener Lebensgefahr wieder freigelassen; ich spüre den Todeshauch von Fleckfieber; ich sehe die brennenden Panzer und Strohdächer; ich kaue das mit Muschiks geteilte Brot; ich stehe am Grab der unbekannten Kameraden und unschuldigen Feinde. In allen Erzählungen war das Generalthema: „Die russischen Menschen sind gut; sie haben uns, die Angreifer, immer als Menschen behandelt und das wenige, das sie hatten, mit uns geteilt.“

Leonhard Steger beim Spähtrupp

Als ich dann ins Gymnasium kam, sollte ich Russisch lernen. Eine Estin aus Reval, die in einem Nachbarort lebte und zu der ich – ohne Führerschein – einmal die Woche mit dem Traktor fuhr, unterrichtete mich zwei Jahre lang mit Lehrbüchern aus der DDR, doch pädagogisches Geschick auf der einen und Lerneifer auf der anderen Seite hielten sich in engen Grenzen, so daß ich über die Anfangsgründe der Fremdsprache kaum hinausgelangte. Und als ich dann die Schule wechselte und wir später nach Hersbruck zogen, brach der Unterricht ganz ab. Dennoch hatte ich unter meinen Schulkameraden meinen Spitznamen weg: Iwan.

Leonhard Steger mit Granatsplitter im Lazarett

„Die Zukunft liegt in Rußland! Lerne Russisch, und Du hast die Zukunft!“ Diese Aufforderungen fielen in der Pubertät und Adoleszenz mit all ihren Aufbäumungen und Revolten, Irrwegen und Verwirrungen auf unfruchtbaren Boden, doch der Keim war gelegt. Als es galt, sich für ein Studienobjekt an der Universität Bamberg zu entscheiden, fiel die Wahl auf Anglistik und Slawistik. Mit dem Russischen mußte ich wieder ganz von vorne beginnen, noch unsicher, ob ich bei der Sache bleiben würde. Doch nach der ersten Sowjetunionreise 1983, ermöglich vom Vater, war für mich die Gewichtung klar: Russisch wurde mein Hauptfach, Herz und Verstand galten der Kultur, der Literatur und den Menschen der Sowjetunion. Die Entscheidung war damals nicht einfach, Slawistik galt als „Orchideenfach“ ohne Aussicht auf praktische Anwendung. Doch das konnte ich durch Begeisterung für die Sache ausgleichen.

Leonhard Steger verabschiedet einen Kameraden

1987 erfuhr ich von der Städtepartnerschaft Erlangen – Wladimir und meldete mich als ehrenamtlicher Dolmetscher. Meine Feuertaufe erlebte ich mit Michail Firsow, dem Leiter des Folklore-Ensembles RUS auf der Bühne der Stadthalle in Erlangen, wo ich dessen fünfzehnminütigen Vortrag ohne Punkt und Komma über das Programm seiner Truppe völlig unvorbereitet zu übersetzen hatte. Seither kann mich nichts mehr schrecken. Rasch wuchs ich in die Städtepartnerschaft hinein, erfuhr Förderung von den Verantwortlichen im Rathaus und trat Ende 1989 in die Dienste des Bürgermeister- und Presseamts.

Leonhard Steger

Von Beginn meiner Arbeit an habe ich mich besonders dem Gedanken der Versöhnung zwischen Deutschen und Russen verpflichtet gefühlt. Und so war es mir denn auch ein Herzensanliegen, die Veteranen der Partnerstädte zusammenzuführen. Der 50. Jahrestag des Überfalls der Hitler-Truppen auf die UdSSR erschien mir hierfür der geeignete Anlaß. Es bedurfte einer langwierigen und sensiblen Vorarbeit, um die Idee, zu diesem traurigen Jubiläum, Kriegsteilnehmer aus Erlangen nach Wladimir einzuladen, Gestalt annehmen zu lassen. In Jakow Moskwitin, einem Oberst der Sowjetarmee und dem Vorsitzenden des Wladimirer Veteranenverbands, fand ich schließlich einen Menschen, der bereit war, die Hand auszustrecken. Unter Leitung von Stadtrat Heinrich Pickel, der als einer der ersten seinerzeit über den Bug gesetzt hatte, reisten darauf zehn Veteranen aus Erlangen nach Wladimir.

Leonhard Steger, 2. v.l., beim Suppefassen

Was dort an menschlich Bewegendem geschah, hat alle Mitwirkenden und Zeugen tief beeindruckt und geprägt. Ich persönlich rechne diese Begegnungen voller Versöhnungs- und Verständigungsbereitschaft zu meinen wichtigsten Erlebnissen überhaupt und schöpfe daraus eine nie versiegende Kraft für meine weitere Arbeit. Eine Kraft, die mich darauf verpflichtet, alles in meinen Kräften Stehende daran zu setzen, das Netz der Partnerschaft zwischen den Menschen beider Städte so eng und fest zu knüpfen, daß kein Vorurteil, keine Ideologie, keine Parole es mehr würde zerreißen können.

Leonhard Steger mit Kameraden zu Pferde

Die Feinde von einst mußten erkennen, daß sie gar nichts gegeneinander hatten. Der Krieg wurde nun auch in den Köpfen und Herzen besiegt. Es kam zu Gegenbesuchen in Erlangen, der Veteranenchor aus Wladimir trat in der Partnerstadt auf, der Bayerische Soldatenbund organisierte Reisen, das Wladimirer Museum präsentierte eine Ausstellung zum Thema „Deutsche Kriegsgefange in Wladimirer Lagern“, der Veteran Nikolaj Schtschelkonogow verfaßte seine großartige „Erlangen-Hymne“, die VHS Erlangen veranstaltete eine Podiumsdiskussionen zum Unternehmens Barbarossa, es erschienen „Rose für Tamara“ und „Komm wieder, aber ohne Waffen“, im Blog gibt es eine eindrucksvolle Serie von Erinnerungen deutscher und russischer Kriegsveteranen.

Im Morast von Rumänien

Seit dem Juni 1991 trage ich voller Stolz den Ehrentitel „Junger Veteran“. Wenn ich mich also nicht glücklich nennen darf, wer dann? In dem Land, an dessen Brandschatzung mein Vater teilgenommen hatte, habe ich ungezählte Freunde, durfte das Erlangen-Haus mit aufbauen, im Auftrag der Erlanger viel Gutes tun – und das Vermächtnis meines Vaters erfüllen. Dafür danke ich allen, die mich zu dem gemacht haben, der ich bin, und denen, die mich so sein lassen, wie ich bin.

Rückzug

Unmittelbar an das Vorwort schließt sich folgendes Gedicht aus meiner Feder an:

Kapitulation

Sie kamen… / um zu siegen – / und blieben / oft nur liegen / auf jenem Feld / der Ehre, / auf daß man ihn vermehre: / den Ruhm / von Volk und Land, / des Glückes Unterpfand.

Und wer nach Haus / gekommen, / war fremd, vor Scham benommen. / Die Wunden / heilten nie, / auch wenn man / sie verzieh, / sie schmerzen immer wieder, / grad jetzt im Mai, / wo Ginster blüht und Flieder.

Die Sünden ihrer Väter / verbüßen noch viel später / die Söhne, / die nicht wissen, / was dem verweinten Kissen / vom Vater anvertraut, / dem das Gewehr war Braut.

Sie tragen keine Schuld, / doch schulden sie Geduld / sich selbst, dem Sieger / und dem Täter, / sonst werden sie Verräter / an sich und ihrer Zeit, / die endlich scheint bereit, / das Wort „vergib“ zu sprechen / und mit dem Haß zu brechen.

Danke für alles, was Du mir gegeben, mein Vater!

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Katholische Geistliche legen keinen besonderen Wert auf ihren Geburtstag. Mit der Priesterweihe oder der Konfeß erleben sie eine neue Geburt im Herrn und stehen – das gilt besonders für Ordensleute – in der Nachfolge eines Heiligen. So ist es denn auch kein Fauxpas, wenn der Blog erst heute daran erinnert, daß gestern Sergej Sujew, der sich als Priester altrussisch nach dem Heiligen Sergij nennt, seinen 50. Geburtstag feiern konnte. Deshalb hier auch keine Würdigung seiner Person, auch wenn es dafür weiß Gott genug Gründe gäbe, sondern die Pressemitteilung der Wladimirer Staatskanzlei zu einem Ereignis, das bereits am 26. November 2018 stattfand und exemplarisch zeigt, wie mustergültig sich die Katholiken auf allen Ebenen in das Miteinander von Religionen und Konfessionen der Region Wladimir eingebunden wissen.

Empfang im Weißen Haus, der Staatskanzlei der Region Wladimir, für Paolo Pezzi und Sergej Sujew

Am 26. November empfing Gouverneur Wladimir Sipjagin den Metropoliten der römisch-katholischen Erzdiözese der Gottesmutter in Moskau, Erzbischof Paolo Pezzi, der der Region Wladimir einen pastoralen Besuch abstattet. Wladimir hatte er bereits im Jahr 2011 einmal zur V. Internationalen wissenschaftlich-praktischen Mariä-Schutz-und-Fürbitt-Konferenz besucht.

Paolo Pezzi und Sergej Sujew

Bei der Begrüßung des Gastes auf dem altehrwürdigen Boden Wladimirs dankte der Gouverneur für die fruchtbare Zusammenarbeit der katholischen Kirche mit unserer Region. Dies betreffe vor allem das kulturelle Leben, bemerkte Wladimir Sipjagin. Schon seit langer Zeit werden in der Wladimirer Rosenkranzkirche Konzerte mit klassischer Musik oder Orgelwerken sowie literarisch-kulturelle und Vorträge zur Erwachsenenbildung für die Gemeindemitglieder und sonstige Interessierte veranstaltet.

Ich möchte der Wladimirer katholischen Gemeinde für die Organisation dieser Veranstaltungen danken. Sie festigt nicht nur die Spiritualität und den Glauben der Menschen, sondern hilft auch, unserer Jugend die besten Beispiele der Weltmusikkultur näherzubringen.

Paolo Pezzi und Wladimir Sipjagin

Der Gast merkte seinerseits an, die Region Wladimir gehöre zu seinen Lieblingsgegenden in dem Land, in dem er schon seit mehr als 20 Jahren lebe:

Ich bin gerne hier. Ungeachtet dessen, daß die katholische Gemeinde Wladimirs nicht besonders groß ist und nur etwas mehr als 200 Seelen zählt, ist sie, wie mir scheint, organisch und produktiv mit der hiesigen Gesellschaft verwoben. Mit Unterstützung der Regionalregierung führt man hier einen konstruktiven Dialog zwischen den verschiedenen Konfessionen.

Im weiteren Verlauf des Gesprächs diskutierte man weitere Möglichkeiten für eine Zusammenarbeit.

Rosenkranzkirche, gesehen von Wladimir Fedin

Zur Erinnerung: Die katholische Gemeinde in Wladimir wurde 1891 von Balten und Polen, meist Militärs, die hier stationiert waren, gegründet. 1892 begann man mit dem Bau der Kirche im neugotischen Stil, der Anfang 1894 schon abgeschlossen war. 1904 erhielt die Gemeinde den Autonomiestatus und zählte Anfang des 20. Jahrhunderts mehr als 1.000 Mitglieder. Nach der Oktoberrevolution im Jahr 1917 blieb die Kirche zunächst noch bis 1930 geöffnet, der letzte Pfarrer der Gemeinde, Anton Dziemszkiewicz, starb 1937 den Märtyrertod. Später nutzte man den Kirchturm als Sendemast, das Schiff u.a. als Schuhmacherei; sogar Wohnungen richtete man hier ein. Erst ab 1990 begann mit Unterstützung aus Erlangen der Wiederaufbau von Gemeinde und Kirche, die am 24. Juli 1993 mit dem italienischen Pfarrer, Stefano Caprio, neu geweiht wurde. Seit 2004 steht der aus Sankt Petersburg stammende Sergij Sujew der Gemeinde vor. Der Geistliche fungiert als Mitglied des Regionalrates für zwischennationale und interkonfessionelle Beziehungen und gehört der Regionalen interkonfessionellen Kommission sowie dem Zivilgesellschaftlichen Rat des Innenministeriums der Region Wladimir an. Die Rosenkranzgemeinde dient seit Jahren als Zentrum für den interkonfessionellen Dialog, und sowohl die Protestanten als auch die Mitglieder der Armenischen Apostolischen Kirche feiern hier Gottesdienst. Ganz zu schweigen von dem interkonfessionellen Jugendaustausch mit Erlangen und dem Bau des Pilgerhauses, Themen, von denen sicher auch hier wieder bald zu berichten sein wird.

 

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Gestern ging die Nachricht vom Tod Gudrun Lemsers aus Ebersdorf bei Coburg ein, für die, verstorben bereits am 9. Februar, die Hinterbliebenen heute die Trauerfeier ausrichten. Was der Tod der Oberfränkin mit Wladimir zu tun habe, werden Sie fragen. Vielleicht erinnern Sie sich ja an die Berichte ihres bereits am 9. Mai 2014 entschlafenen Mannes, Karl Lemser, dessen Erinnerungen sich in dem Sammelband „Komm wieder, aber ohne Waffen!“ finden, und an die Reportage „Reise unter dem Sowjetstern“ im Coburger Tageblatt aus dem Jahr 1977, als das Ehepaar für sich Wladimir entdeckte, Wladimir und Menschen, mit denen die beiden für den langen und glücklichen Rest ihres Lebens Freundschaft hielten.

Gudrun und Karl Lemser

Als dann die Städtepartnerschaft ihre ersten erfolgreichen Anläufe machte, gratulierte Karl Lemser brieflich zu dem Werk der Völkerverständigung und stellte seine Frau und sich als bereits eng mit Wladimir verbunden vor. Wozu das am Ende führte? Mittlerweile ist die Tochter einer befreundeten Wladimirer Familie in Franken verheiratet. Bürgerpartnerschaft eben, wie sie leibt und lebt. Auf Anregung der Angehörigen, die selbst einmal auf den Spuren des Ehepaars nach Wladimir reisen wollen, wird heute bei der Trauerfeier für das Kinderkrankenhaus in der Partnerstadt gesammelt. Sicher ganz im Geist dieser beiden Stifter von Freundschaft und Verständigung, die ebenso still und bescheiden wie unbeirrt und beharrlich das lebten, was sie – über den Tod hinaus – für selbstverständlich hielten: das friedvolle Miteinander von Deutschen und Russen. Danke dafür und ein bleibendes Gedenken!

Was die beiden antrieb, kann hier – mit nachdrücklicher Empfehlung! – nachgelesen werden: https://is.gd/XStxLj, https://is.gd/psoeyY und https://is.gd/XwbxHk

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Stefan Barth gehört zu den wenigen, die von Beginn der Partnerschaft an den Austausch aktiv begleiten. Damals, als 1984 Vizebürgermeister Jurij Fjodorow seinen Antrittsbesuch in Erlangen machte, begleitete der des Russischen mächtige damalige Stadtrat den Gast aus Wladimir und half, das so wichtige Klima des Vertrauens zu schaffen.

Jurij Fjodorow, Heide Mattischeck, Stefan Barth und Dietmar Habermeier sowie, halb im Bild, Ludmila Holub, Fränkische Schweiz 1984

In all den Jahren dazwischen beherbergte der Donauschwabe immer wieder Besucher aus Wladimir und lebt bis heute – ebenso unauffällig wie beharrlich – den Gedanken der Bürgerpartnerschaft.

Stefan Barth und die Noten aus Wladimir

Vor einiger Zeit nun bat der pensionierte Ingenieur um Noten russischer Lieder für seinen Kosbacher Stadlchor, der bereits 1993 zum Fränkischen Fest in Wladimir auftrat. Dieser Tage traf ein ganzes Konvolut von Werken aus der Folklore, Klassik und geistlichen Musik ein, zusammengestellt von Tatjana Grin, der Leiterin des Wladimirer Kammerchors. Man wird bald auf einer Serenade hören, welche Kompositionen Stefan Barth dem Leiter des Chors, Knut-Wulf Gradert, vorschlägt. Auch so geht Austausch.

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Wieder ist eine Stimme im großen Chor der Partnerschaft verstummt, für immer. Jelena Borsowa hatte bereits allen Grund zu glauben, ihre schwere Erkrankung besiegt zu haben, als dann doch ein Rückfall eintrat und ihr, erst knapp 58 Jahre alt, am 8. Februar die letzte Lebenskraft raubte. Ulrich Kobilke, Musiklehrer am Ohm-Gymasium im Ruhestand, erinnert sich an die Kollegin als eine begabte Chorleiterin mit der Fähigkeit, Kinder und Jugendliche zum Singen zu vereinen und zu begeistern, als eine Frau mit Selbstdisziplin und Heiterkeit im Umgang mit den Ensembles, stets bescheiden in ihrem Auftreten und liebenswürdig bei den Proben und Auftritten in Erlangen, aber auch privat, zusammen mit ihrem Mann in Etlaswind und in Wladimir beim Gegenbesuch: rührend gastfreundlich bei sich zu Hause mit den Speisen, im Sommer auf der Datscha angepflanzt und geerntet. Bis zuletzt blieben die beiden Musiker einander mit großer Dankbarkeit und gegenseitiger Wertschätzung verbunden, obwohl ihr künstlerischer Austausch schon so lange zurücklag.

Jelena Borsowa, 2005 in Wladimir, gesehen von Ute Schirmer

Im Frühjahr 2004 war es, als Jelena Borsowa mit ihrem Mädchenchor der Schule Nr. 33 per Bus den 2.500 km langen Weg nach Erlangen antrat, um am 1. April gemeinsam mit dem Chor des Ohm-Gymnasiums im Gemeindezentrum am Bohlenplatz, das heute als Kreuz+Quer firmiert, einen, wie die Erlanger Nachrichten schrieben „Streifzug durch die Musikgeschichte“ vorzustellen, der in einem „furiosen Finale“ endete, bei dem „die Schüler der beiden Partnerstädte bewiesen, wie gut sie harmonieren“. Die fast zweiwöchige Tournee mit weiteren Auftritten u.a. im Redoutensaal bei einer Wohltätigkeitsveranstaltung des Stadtverbands Kultur zu Gunsten des Erlanger Kinderklinikums wurde musikalisch und zwischenmenschlich zu einem derartigen Erfolg, daß Ulrich Kobilke und seine Kollegin Anges Paetzold im Februar des folgenden Jahres mit ihrem Schulensemble die Gegeneinladung nach Wladimir annahmen. Auch wenn es bei diesem im doppelten Sinne einmaligen Austausch blieb, rissen die Verbindungen nie ab, Verbindungen, die wesentlich durch die Vermittlung von Ute Schirmer zustande gekommen waren.

Jelena Borsowa und ihr Mädchenchor

Bereits am 20./21. September 2003 war nämlich, ebenfalls in den Erlanger Nachrichten, unter der Schlagzeile „Musik über Grenzen“ in einem Bericht zu lesen:

Ute Schirmer und Irmgard Krause sind noch immer begeistert. Die Erlangerinnen, die sich der Bürgergruppe zum zwanzigjährigen Jubiläum der Städtepartnerschaft angeschlossen hatten, haben gerade eine „erlesene Darbietung“ (wie sie sagen) hinter sich. Der Chor der Oberklassen der Mittelschule Nr. 33 hat unter der Leitung von Jelena Borsowa und mit der Pianistin Natalia Slokina nicht nur einen bunten Strauß schöner Melodien intoniert, sondern mit dem Frühlingswalzer nach Motiven von Johann Strauß die Erlanger Besucher zu wahren Begeisterungsstürmen hingerissen. Diese Begeisterung nach Erlangen zu bringen, ist seitdem ihr Anliegen – jetzt bedarf es „nur“ noch der Sponsoren, die den Chor nach Erlangen bringen.

Jelena Borsowa mit ihren Schülerinnen im November 2001

Wer Ute Schirmer kennt, weiß: Sie ruhte nicht, bis Sie genug Zusagen hatte, um die Reise für die jungen Gäste zu finanzieren, sie führte ungezählte Gespräche, bis sie genug gastgebende Familien für die Mädchen beisammen hatte, sie begleitete die Gruppe, treusorgend wie eine Großmutter, zu allen Proben und Auftritten. Nicht von ungefähr, denn zu der Schule hatte Ute Schirmer ein besonderes Verhältnis: Im Mai 2001 schon war sie dort mit ihrer Schwester eingeladen und rief darauf in Erlangen eine Spendenaktion ins Leben, um die desolate Toilettenanlage renovieren zu lassen.

Plakatgestaltung Fritz Wittmann

Was bleibt, sind nun Erinnerungen an eine Frau, die allen, die sie kannten, schrecklich fehlt, an eine lebendige Freundschaft, Bilder, Plakate, Programmhefte, Briefe – und an ein Reisetagebuch aus dem Jahr 2005, dank Jonas Eberlein, damals Mitwirkender im Chor des Ohm-Gymnasiums, hier im Blog nachzulesen in drei Teilen unter:  https://is.gd/qqEGI2, https://is.gd/Lh6SqU und https://is.gd/lYnND3 – viele Stimmen im Chor der Partnerschaft.

 

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Mit 82 Jahren ist am 18. Januar mit Gerhard Mischel jemand verstorben, der ganz ohne Schlagzeilen weit über die Städtepartnerschaften hinaus das internationale Leben Erlangens prägte, in seinem Berufsleben als langjähriger Leiter des Akademischen Auslandsamtes der Friedrich-Alexander-Universität ebenso wie im Ruhestand als Mitglied der Partnerschaftsvereine ERBEŞ und Rotes Kreuz Wladimir. Gleich ob es um den Internationalen Ferienkurs oder um eine Promotion ging, die Tür für wissenschaftliche Gäste aus aller Herren Länder zu seinem Büro mit dem großartigen Blick auf den Schloßgarten stand immer offen, und gleich ob es sich um die Kontakte zu Rennes, Stoke-on-Trent, Beşiktaş oder Wladimir handelte, er nahm bis zuletzt immer regen Anteil an dem Austausch.

Auch wenn er sich immer eher zurücknahm, öffentliches Amt und persönliche Art machten Gerhard Mischel zu einem überaus geschätzten Botschafter in der akademischen Welt Erlangens. Sein ebenso stilles wie beharrlich dem Guten und Schönen verpflichtetes Wesen und Schaffen werden fehlen, schmerzlich.

 

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Gestern nahm die Region Wladimir Abschied von ihrem ersten Gouverneur, verstorben am 9. Januar. Jurij Wlassow, am 22. Juni 1961 in der Nähe von Stawropol geboren, hatte 1983 in Moskau das Studium der Wirtschaftswissenschaften abgeschlossen und war, promoviert, zwei Jahre später, in die Partnerstadt gezogen, wo er zunächst an zwei Instituten arbeitete und begann, sich politisch zu betätigten. 1990 errang der Reformer bei den ersten demokratischen Wahlen einen Sitz im Stadtrat von Wladimir und wechselte ein Jahr darauf als Wirtschaftsreferent in das Kabinett von Oberbürgermeister Igor Schamow, bevor ihn kurz darauf, am 25. September 1991 Staatspräsident Boris Jelzin zum landesweit jüngsten Gouverneur ernannte. Der Aufstieg des vielversprechenden Nachwuchspolitikers war damit aber noch nicht zu Ende: 1993 wurde Jurij Wlassow in den Föderationsrat gewählt und dort kraft seines Amtes als Gouverneur im Januar 1996 bestätigt. Dann jedoch, im Dezember des gleichen Jahres, das jähe Aus, als bei den Wahlen sein kommunistischer Herausforderer, Nikolaj Winogradow, siegte, dem Jurij Wlassow auch vier Jahre später noch einmal unterlag.

Dietmar Hahlweg, Jurij Wlassow und Wladimir Panow, Mai 1995. Photo: Kurt Fuchs

Von Beginn seiner kommunalpolitischen Karriere an arbeitete Jurij Wlassow eng mit Erlangen zusammen, nahm 1991 am Verwaltungsseminar teil und holte sich manch wertvollen Rat von seinem fränkischen Kollegen, Siegfried Balleis, damals noch als Referent für Wirtschaft und Liegenschaften tätig. Auch als Gouverneur förderte der Marktwirtschaftler die Projekte der Städtepartnerschaft, insbesondere das Erlangen-Haus und den Medizineraustausch. In seine Amtszeit fällt auch die Rückgabe der Rosenkranzkirche an die wiedererstandene katholische Gemeinde.

Nicht von ungefähr fand denn auch die Aussegnung in der Darstellung-des-Herrn-Kirche statt, wo sich noch bis Anfang der 90er Jahre eine Tischlerei befunden hatte und die unter Jurij Wlassow als erstes von mehr als einhundert Gotteshäusern und 17 Klöstern wieder zur Nutzung an die Erzdiözese zurückging. Es waren Politiker wie Jurij Wlassow, die nach dem Kollaps der UdSSR und der sowjetischen Ökonomie nach ideologischen Vorgaben das Land vor dem Zusammenbruch bewahrten. Eine gar nicht zu überschätzende Leistung angesichts der damals herrschenden Not und der Notwendigkeit, innert kürzester Zeit alles komplett umzustellen. Da war es wichtig, Partner wie Erlangen an seiner Seite zu wissen, aber auch jemanden wie Wolfgang Kartte, dem es damals gelang, das Interesse der deutschen Politik und Wirtschaft für die Region Wladimir zu gewinnen, und der in seinem 1995 erschienenen Buch „Aufbruch zum Markt“ im Kapitel „Wladimir: die Probe aufs Exempel“ Jurij Wlassow mit den Worten zitiert:

Wir wollen die soziale Marktwirtschaft, und wir wollen zusammen mit Ihnen einen neuen Anfang machen.

Witwe Swetlana Wlassowa und Gouverneur Wladimir Sipjagin am offenen Sarg von Jurij Wlassow

Und sein Nachfolger im Amt, Wladimir Sipjagin, würdigte den Verstorbenen:

Den Anfang machen zu müssen, ist immer schwer, erst recht als erster Gouverneur nach den schweren Zeiten der Perestroika, als alles kaputt war und unsere Region darniederlag – ich komme ja von hier, lebte damals hier, sah alles mit eigenen Augen, verstehe, wie schwer er es hatte, diese Region aus den Ruinen zu herauszuholen und jeden Tag mit neuen Problemen konfrontiert zu werden, die er als Gouverneur zu lösen hatte. Dafür gebühren ihm Ruhm und Ehre.

Schwer hatte es Jurij Wlassow auch nach seiner Amtszeit, als ihm 1998 vorgeworfen wurde, er habe Mittel aus der Staatskasse in großem Umfang unterschlagen, unter anderem um damit eine Zahnarztrechnung zu bezahlen. Handschellen, Untersuchungshaft, Einzelzelle – und dann die Entscheidung des Gerichts, das die Anklage in allen Punkten zurückwies. Dennoch ein harter Schlag, der wohl die Rückkehr in die Politik für immer unmöglich machte.

Andrej Schochin, Oberstadtdirektor, beim Abschied von Jurij Wlassow

Die letzten zwei Jahrzehnte arbeitete Jurij Wlassow, der eine Frau und eine Tochter hinterläßt, in verschiedenen staatlichen Einrichtungen, trat aber öffentlich nicht mehr in Erscheinung, weshalb auch seine Krebserkrankung nur im Familien- und Freundeskreis bekannt war. Der Tod des Demokraten der ersten Stunde ist nun auch trauriger Anlaß, Dank zu sagen für jene wichtigen Grundlagen, geschaffen von Jurij Wlassow, auf denen die Partnerschaft sich bis heute weiterentwickelt.

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