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Archive for the ‘Geschichte’ Category


In das Jahr 1628 geht die erste Erwähnung der Freitagskirche in Wladimir zurück. Das der Ikone der Gottesmutter vom Zeichen geweihte Gotteshaus, ganz im Zentrum der Stadt gelegen, hatte eine Gemeinde von gut eintausend Seelen und wurde unter den Bolschewisten 1929 geschlossen. Bis in die 50er Jahre hinein nutzte man das seines Glockenturms beraubte Gebäude für weltliche Zwecke, etwa auch als Dach für die Philharmonie.

Freitagskirche Anfang des 20. Jahrhunderts

1960 folgte dann der Abriß, und in die entstandene Lücke baute man ein sowjetisches Pfannenkuchenhaus, wo es lange vor der weltweiten Einführung des Begriffs „Fast Food“ für alle, die bei aller Eile etwas Leckeres essen wollten, Wladimirs beste Bliny zu genießen gab.

Karfreitagskirche 1958

Bis es dann, frei nach Wilhelm Buch, vor drei Jahren hieß: „Also lautet der Beschluß, daß man wieder beten muß.“ Der Abbruch des Zeugnisses sowjetischer Architektur rief zwar einigen Widerstand hervor, aber die gegenwärtige Linie, wonach – horribile dictu – auf Teufel komm raus jede Kapelle aus den Ruinen auferstehen soll, setzte sich im Frühjahr 2016 durch.

Blintschiki kurz vor dem Abriß

Doch die Baustelle ruht seit einiger Zeit, der Mäzen, ein lokaler Bauunternehmer schlägt sich derzeit mit dem Fiskus und Staatsanwalt herum, hat also ganz irdische Sorgen und offenbar auch nicht mehr das nötige Kleingeld, um die Kirche wiederzuerrichten. Und so wird man sich vorerst an die Baulücke, nur wenige Steinwürfe vom Kathedralenplatz entfernt, gewöhnen müssen.

In Erwartung des Wiederaufbaus

Unterdessen hatten sich aber im Sommer 2015 die Archäologen in die Tiefe unter den Fundamenten gegraben und brachten eine ganze Nekropole ans Tageslicht. Ihren Schatz stellten sie jetzt vor, wie Zebra-TV berichtet.

Grabungen

In der Tat gab es hier einiges zu heben und zu bergen, befand sich doch vermutlich seit der Mitte des 16. Jahrhunderts bis Ende des 18. Jahrhunderts an dieser Stelle ein Friedhof. Auf einer Fläche von 370 qm entdeckte man 112 Gräber, größtenteils aus dem 16. und 17. Jahrhundert.

Memento mori

Die Funde mit dem Vermerk „Memento mori“ lagerte man zunächst im einst so belebten und nun leergeräumten Schnellrestaurant „Blintschiki“, bevor sie in Moskau näher untersucht wurden. Ersten Ergebnissen zufolge lag in Wladimir die Lebenserwartung von Männern bei 39 Jahren, Frauen starben im Schnitt schon mit 36 Jahren, und die Kindersterblichkeit lag bei 65%. Deutlich zu erkennen auch die harten Lebensbedingungen der Menschen. Die sterblichen Überreste weisen Spuren schwerer körperlicher Arbeit ebenso auf wie Anzeichen für gutartige Geschwüre, Entzündungen, venöse Insuffizienz, behandelte Brüche des Nasenbeins oder der Extremitäten, Zahnerkrankungen und altersbedingte Gelenkveränderungen. Viel Material für neue wissenschaftliche Erkenntnisse und wohl auch die Einsicht, daß in der „guten alten Zeit“ wohl auch nicht immer alles besser war als heute in dieser besten aller Welten.

 

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Verbrechern sagt man nach, sie suchten früher oder später ihren Tatort wieder auf, ihnen gleich tun es offenbar auch bisweilen Gefängnisinsassen, besonders dann, wenn sie aus politischen Gründen inhaftiert waren, wie Nathan Schtscharanskij, der wegen antisowjetischer Umtriebe und Spionage 1978 seinen achtjährigen Marsch durch die Strafanstalten der UdSSR in Wladimir begann. Nun kam der einstige Dissident der Sowjetunion und spätere Politiker des Staates Israel als Privatmann zurück, um mit einem israelischen TV-Team eine Dokumentation über seine Vergangenheit in einem untergegangenen Staat zu drehen. Der Regimegegner zählte zu den Gründern der Menschenrechtsbewegung und der Helsinki-Gruppe, wofür er als „Vaterlandsverräter“ 1978 zu dreizehn Jahren Haft verurteilt wurde, von denen er das erste halbe Jahr im Wladimirer Zentralgefängnis absaß. Internationaler Druck erst bewirkte 1986 die Freilassung und Ausweisung, der darauf in Israel eine Partei der ehemaligen Sowjetbürger gründete und später verschiedene Ministerämter in der Regierung bekleidete.

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In seinem politischen Ruhestand ist Nathan Schtscharanskij heute ehrenamtlich als Vorsitzender der Agentur „Sochnut“ tätig, die gewissermaßen als bürgerschaftliches Außenministerium Kontakte zwischen Israel und jüdischen Gemeinden in der ganzen Welt unterhält.

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Der hohe Gast bekam den Trakt Nr. 2 mit dem Hof, dem Karzer und der Zelle zu sehen, wo er eingesperrt war, aber man zeigte ihm auch den renovierten Teil, wo mittlerweile europäische Standards für die Inhaftierten gelten.

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Besonders gefiel es dem Besucher aber im Museum, wo auch seine eigene Akte einzusehen ist. Wie sehr Nathan Schtscharanskij beeindruckt war, kann man herauslesen aus dem, was er im Gästebuch zum Abschied schrieb:
Ich bin all jenen dankbar, die das Gedenken an diesen einzigartigen Ort bewahren. Die ganze Geschichte des Landes ist hier versammelt, aber auch die Hoffnung auf die Zukunft findet sich hier. Es war für mich hochinteressant und bewegend, meine Vergangenheit zu besuchen. Ich habe hier viel gelernt: Wie man Verbindung zu anderen Häftlingen hält, wie man einander den Rücken stärkt und sich gegenseitig ermuntert, wie man standfest bleibt und die Hoffnung nicht aufgibt. Nochmals danke!

Quelle: https://zebra-tv.ru/novosti/jizn/izrailityanin-v-tsentrale/

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Schon erstaunlich, was man so alles an den Gestaden der Kljasma finden kann, wenn man genau hinsieht wie das der Landeskundler Jurij Koslow bei einem Sommerspaziergang unweit des Badestrandes des Dorfes Perwowo im Landkreis Wjasniki tat. Er stieß da nämlich auf eine ungewöhnlich regelmäßig gebogenes Objekt, das man, oberflächlich betrachtet, für einen alten Ast halten könnte. Sieht man freilich genauer hin, erkennt man einen Boten aus dem Pliozän, einen Stoßzahn eines Mammuts.

Jurij Koslow und sein Fund

Untersuchungen bestätigten die Vermutung des Mitglieds der Geographischen Gesellschaft, und vor kurzem präsentierte er nun auch seinen Fund der Öffentlichkeit. Im Nachhinein erst meldeten sich auch andere „Strandläufer“, die das etwa 10.000 Jahre alte und 155 cm lange Artefakt gesehen, aber nicht in seinem Wert für die Wissenschaft erkannt hatten. Und es wurde bekannt, man habe unweit jener Stelle bereits in den 80er Jahren den Stoßzahn eines Mammuts gefunden. Offenbar wäscht da die Kljasma immer wieder Schichten der Erdgeschichte aus. Mal sehen, was da noch alles zutage tritt.

Quelle: ein Bericht von Zebra-TV: https://is.gd/OiLa4Z

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Dmitrij Artjuch von der Redaktion der Wladimirer Internetplattform „Zebra-TV“ hat erstaunliches Material zum gestrigen hundertsten Jahrestag der „Oktoberrevolution“ zusammengestellt. Demnach hat  – am 25. Oktober 1917 (nach julianischem Kalender) bzw. am 7. November 1917 (nach der von den Sowjets später eingeführten gregorianischen Zeitrechnung) um 21.40 Uhr – den Befehl zum Warnschuß des Kreutzers „Aurora“ in Richtung der Winterresidenz in Petrograd, letzter Posten der bürgerlichen Regierung, ein gewisser Alexander Belyschew gegeben, geboren 1893 in Kletnjewo bei Wjasniki in der Region Wladimir und ausgebildet in Erlangens späterer Partnerstadt zum Maschinenschlosser an der Handwerksschule.

Aurora 3

Alexander Belyschew

Als Kommissar des „Revolutionären Kriegskomitees“ hatte Alexander Belyschew de facto das Schiff unter sich und handelte auf Anordnung des „Petrograder Zentralen Revolutionären Kriegskomitees“ und gab mit dem Schuß im Schein des Suchscheinwerfers den Auftakt zur Machtergreifung der Bolschewisten, die ihren Umsturz später propagandistisch zum „Sturm des aufständischen Proletariats und der Revolutionsarmee auf das letzte Bollwerk der alten Welt“ verklärten.

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Gedenktafel am 152-mm-Geschütz der „Aurora“

Fünf Jahre lang, von 1908 bis 1913, machte der spätere Herold der „Oktoberrevolution“ seine Ausbildung in Wladimir an der Lehranstalt, später als Berufsschule für Luftfahrttechnik weitergeführt und – bis 1990 – nach ihrem berühmten Abgänger benannt. Im Archiv der Fachschule findet sich noch heute ein Gruppenbild der Absolventen, wo auch Alexander Belyschew zu erkennen ist.

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Alexander Belyschew

Unmittelbar nach seinem Abschluß erhielt der junge Wladimirer seine Einberufung zur Ostseeflotte, wo er ab 1914 im Maschinenraum auf dem Kreutzer „Aurora“ diente. Als das Schiff im Februar 1917 wegen Reparaturarbeiten in Petrograd ankerte, begeisterte er sich, wie es heißt, für die revolutionären Ideen und ließ am 27. Februar den Kapitän und seinen ersten Offizier verhaften.

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Das heutige Museumsschiff „Aurora“

Einen Monat später hatte Alexander Belyschew bereits den Mitgliedsausweis der Bolschewisten, und kurz darauf war er unter der Menge, die Wladimir Uljanow alias Lenin bei seiner Rückkehr aus dem Exil in der Schweiz via Deutschland auf dem Finnischen Bahnhof in Petrograd mit Jubelrufen begrüßte. Im Sommer des gleichen Jahres wählte man den Jungkommunisten zum Vertreter seines Kreutzers im „Kollegialen Organ der Matrosenmassen“ sowie zum Vorsitzenden des „Schiffskomitees“ der „Aurora“.

Die „Aurora“

Zwei Tage vor der „Oktoberrevolution“ erhielt Alexander Belyschew, unter dem ein weiterer Kamerad aus der Region Wladimir diente, die Anordnung, das Schiff in Gefechtsbereitschaft zu bringen und weitere Befehle abzuwarten. Tagsüber am 24. Oktober ernannte ihn schließlich Jakow Swerdlow, ein Vertrauter Wladimir Lenins, zum Kommissar des „Revolutionären Kriegskomitees“ auf der „Aurora“ und sollte mit allen Mitteln den Verkehr auf der Newa im Bereich der Nikolajew-Brücke unterbinden, die von regierungstreuen Truppen gehalten wurde. Um dies zu bewerkstelligen, ließ Alexander Belyschew auch den neuen Kapitän der „Aurora“ festnehmen. Tags darauf konnte er seiner Mannschaft mitteilen, die Regierung sei zurückgetreten und habe sich im Winterpalais verschanzt. Er war es dann auch, der beschloß, die Geschützsalve zum Sturm auf die Residenz mit Übungsmunition abzufeuern. Erst bei Gegenwehr, so seine Absicht, sollte scharf geschossen werden.

Alexander Belyschew in Leningrad

Der Künder der „Oktoberrevolution“ kehrte übrigens nach dem Sieg der Bolschewiken in die Heimat zurück, doch schon 1923 zog es ihn wieder in die Stadt an der Newa, wo er in verschiedenen Betrieben arbeitete und 1974 verstarb.

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Berufsfachschule für Luftfahrtechnik, an der Alexander Belyschew ausgebildet wurde.

Schnitt und Sprung in die Gegenwart: Der Geist der „Oktoberrevolution“ wehte gestern auch noch einmal durch Wladimir, als – die Angaben der Veranstalter decken sich mit den Schätzungen der Journalisten – etwa eintausend Alt- und Jungkommunisten durch die Stadt zogen und einhundert rote Luftballons aufsteigen ließen. Gut, daß sie es dabei dann auch beließen, ohne zu schießen.

Ruhm dem Großen Oktober!

Mehr zu Alexander Belyschew in der russischen Quelle unter: https://is.gd/lvKJpV

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Neuigkeiten aus der Jungsteinzeit: Anfang Oktober erschien im Fachjournal Science eine Artikel einer Gruppe von Wissenschaftlern aus Dänemark, Portugal, den USA, der Schweiz sowie aus Rußland und anderen Staaten zu ihren Erkenntnissen über die sterblichen Überreste von sechs Personen, die man bei Ausgrabungen in Sungir bei Wladimir gefunden hatte. Ergebnisse, die ungeahnte Einblicke in das Leben des Menschen in der Umgebung der Partnerstadt vor mehr als 30.000 Jahren geben. S. Abstract unter: https://is.gd/I4Ot2q

Seit Ende der 60er Jahre glaubte man, in Sugir die Begräbnisstätte eines Geschwisterpaars, von Bruder und Schwester, gefunden zu haben. Dank neuer Untersuchungstechnik weiß man es jetzt aber besser: Es handelt sich um zwei Knaben, wohl Vettern zweiten oder gar dritten Grades. In der Nähe bestattet liegt auch der Urgroßvater einer der beiden Jungs, alle Angehörige eines Stamms, der sich später weiter in selbständige Gruppen aufspaltete.

Der Sungir-Mensch, so schließen die Forscher, lebte in großen Verbänden mit 200 bis 250 Individuen und achtete streng darauf, es nicht zu Inzucht kommen zu lassen, die als einer der Gründe für das Aussterben des Neantalers gilt. Mit diesem Nebenzweig der Menschheitsgeschichte vermischten sich die Vertreter der Sungir-Linie übrigens nur wenig: Ihre Zahl der Neandertal-Gene liegt nicht höher als beim heutigen homo sapiens in Erlangen oder Wladimir.

Begräbnisstätte des Mannes und der beiden Knaben

In den mehr als 30 Jahren der Forschungen förderte man nicht weniger als 70.000 Objekte aus der Jungsteinzeit zu Tage: Pfeilspitzen, Lanzen, Elfenbeinschmuck, Knochen, Zähne, vieles davon offensichtlich in Eile gefertigt, was auch für die Kleidung gilt. Besonders interessant das Begräbnisritual, das dem von Shanidar im Iran gleicht, wo man die Toten mit Blumen bedeckte.

Die Erkenntnisse der Anthropologen gehen so weit, daß man an den Veränderungen von Knochen glaubt ablesen zu können, womit die Menschen hauptsächlich beschäftigt waren: Ein Mann bearbeitete wohl lange Zeit Steine, Holz und Stoßzähne; ein Junge kniete offenbar immer wieder und drehte etwas mit der rechten Hand, außerdem nimmt man an, er habe auf lange Strecken schwere Lasten auf dem Kopf getragen. Der andere Junge saß wohl die meiste Zeit in der Hocke… Was sie genau taten, läßt sich natürlich nicht mehr feststellen, dafür weiß man jetzt mehr über ihren Speiseplan, der hauptsächlich aus Insekten bestand, aus Käfern und Raupen. Dabei entsprach das Klima vor 30.000 Jahren im Umland von Wladimir den heutigen Bedingungen in Jakutien mit kurzen Sommern und langen Wintern. Erstaunlich, wie man unter diesen Umständen genug Kerbtiere fand. Freilich finden sich auch Anhaltspunkte für eine Ernährung mit Fleisch, Fisch und Pflanzen, mutmaßlich auch in gekochtem Zustand, denn der Gebrauch des Feuers war längst gegeben, sogar bei den Neandertalern.

Klarheit hat man jetzt – ähnlich wie bei Ötzi – hinsichtlich der Todesursachen. Das eine Kind starb nach einem Lanzenstich in den Bauch, ob rituell oder aus anderen Gründen erfolgt, bleibt freilich dahingestellt. Der Mann kam durch einen Pfeil ums Leben, der die Schläfe traf, wohl abgeschossen aus einigen Dutzend Metern Entfernung von einem Schützen, der auf einem Hügel stand, während sein Opfer unten vorbeiging. Beim zweiten Kind ist man sich noch nicht klar, woran es starb.

Und noch etwas fand man heraus. Während man bisher davon ausging, Sugir führe zurück in eine Zeit vor 30.000 bis 32.000 Jahren, datiert man die Fundstätte nun auf 34.000 bis 36.000 Jahre. Und das ist bestimmt noch nicht der Wissenschaft letzter Schluß…

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Der Russe brauchte besonders starke Rippen und eine besonders dicke Haut, um unter der beispiellosen Last, die ihm die Geschichte auf die Schultern lud, nicht zerquetscht zu werden.

Diese Worte von Jewgenij Samjatin kamen gestern wohl vielen in den Sinn, die an den Gedenkveranstaltungen für die Opfer der Repressionen teilnahmen. Zwischen 1929 und 1953 schickte der Sowjetstaat unter dem „weisen Lehrer der Völker“, Josef Stalin, schätzungsweise 24 Millionen seiner Bürger in Straflager und ins Exil, von denen etwa vier Millionen die „Säuberungen“ nicht überlebten. Die Opfer des Terrors wurden zwar kollektiv und individuell rehabilitiert, doch eine Suche nach den Schuldigen blieb weitgehend aus, alles wurde und wird einzig dem Alleinherrscher im Kreml angelastet, von dem das Zitat stammen soll: „Der Tod eines Mannes ist eine Tragödie, aber der Tod von Millionen nur eine Statistik.“

Mauer der Trauer in Moskau

Gestern nun, 24 Jahre nach Einführung des Gedenktages, die Eröffnung der ersten zentralen Erinnerungsstätte für die Geschundenen und Ermordeten zwischen Karelien und Kamtschatka auf dem Andrej-Sacharow-Prospekt in Moskau, eine sechs Meter hohe Mauer der Trauer aus in Bronze gegossenen Figuren, die ohne Gesichtszüge ineinander übergehen, miteinander verschmelzen. Besonders eindrucksvoll die Mahnung „Erinnern wir uns“ in 23 Sprachen und die unbehauenen Steine aus 173 einstigen Straflagern.

Gedenkstätte für die Opfer der Repressionen in Wladimir

Ihren Blutzoll zu den Millionen trug auch die Region Wladimir bei: 11.298 Frauen und Männer verloren in jener Zeit, als vor 80 Jahren die Herrschaft des Schreckens ihren blutigen Höhepunkt erreichte, ihr Leben. Viele von ihnen wurden an die Mauer des Mariä-Geburts-Klosters im Wladimirer Kreml – der Geheimdienst hatte von 1918 bis 1991 das ganze Gelände für sich in Beschlag genommen –  gestellt und füsiliert, ihre Leichname an Ort und Stelle verscharrt.

Gedenkveranstaltung für die Opfer der Repressionen in Wladimir

Eine Handvoll Angehöriger gedachte gestern dieser Opfer mit Blumen und im Gebet, zu dem Martin Luther – an seinem heutigen Ehrentag sei er zitiert – meinte: „Je weniger Wort, je besser Gebet. Je mehr Wort, je ärger Gebet.“

Gedenkveranstaltung für die Opfer der Repression in Wladimir. Bilder: Wlad Sorokin

 

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Beim heutigen Festakt zum dreißigjährigen Jubiläum der Städtepartnerschaft Erlangen – Jena um 18.00 Uhr im Redoutensaal mit Roland Jahn, dem Bundesbeauftragten für die Stasiunterlagen – herzliche Einladung an alle! – wird die Dokumentation „Wege zueinander“ vorgestellt. Enthalten darin ist auch ein Artikel des Professors für Politologie, Autors und Bloggers Roman Jewstifejew aus Wladimir, der mit seinem subjektiven Blick auf die Wiedervereinigung Deutschlands hier sein Podium findet:

Roman Jewstifejew

Als jemand, der 25 Jahre in der UdSSR und 25 Jahre in Rußland lebte, insgesamt also mehr als ein halbes Jahrhundert, habe ich die Möglichkeit, darauf zurückzublicken, wie die russische Gesellschaft den Prozeß der Vereinigung der beiden Deutschlands aufnahm. Dabei kann man, wie ich meine, mindestens drei Etappen definieren, wie dieses so außerordentlich wichtige, gesamteuropäische Ereignis aus russischer Sicht gewertet wird.

Die erste Etappe von 1988 bis 1998 kann man als Übergang vom Gefühl des Mitwirkens an einem großen Ereignis hin zu einer gewissen Enttäuschung bezeichnen. Ende der 80er Jahre glaubte man in der UdSSR, die Geschehnisse in Deutschland seien nur der Auftakt zu noch bedeutenderen Ereignissen im eigenen Land. Der Glaube war groß, die Träume, die sich für die europäischen Nachbarn erfüllt haben, müßten auch zur Verwirklichung aller Sehnsüchte der Sowjetmenschen führen. Dabei träumte man von ebenso einfachen wie widersprüchlichen Dingen: Leben und Konsum sollten so sein wie im „idealen Westen“. Damals meinten die Leute, man brauche sich nur vom planwirtschaftlichen Parteisystem befreien, und dann werde sich alles von selbst ergeben. Der geheimnisvolle und unbekannte Markt werde es schon richten, wie das einst Adam Smith postuliert hatte.

Eben deshalb zeigten die Sowjetbürger Ende der 80er Jahre nicht nur viel Anteilnahme, sondern freuten sich aufrichtig mit den Deutschen über die Möglichkeit, ihren langgehegten Traum von einer geeinten Nation zu verwirklichen. Darüber hinaus konnte man diese Vereinigung für sich genommen als mächtigen außenpolitischen Schlag ins Kontor des sowjetkommunistischen Systems verstehen, dessen längst alle schon überdrüssig waren. Es bedurfte scheinbar nur noch eines Schlags von innen, um das Modell zum Einsturz zu bringen und zu erleben, wie an seiner Stelle auf wunderbare Weise eine neue staunenswerte Welt entsteht.

Bekanntermaßen vereinten sich die beiden Deutschlands, während die UdSSR zerfiel, ohne daß diese neue staunenswerte Welt entstanden wäre. Im Gegenteil: Anfang der 90er Jahre erlebte Rußland eine der tragischsten Perioden seiner Geschichte, als die Wirtschaft ebenso zusammenbrach wie das Sozialsystem oder die Bereiche Bildung und Wissenschaft. Eine gewisse Zeit verlor denn auch das Thema der Wiedervereinigung Deutschlands an Bedeutung, an seine Stelle traten die inneren Probleme des Überlebens. Doch Mitte der 90er Jahre hatten sich die Menschen ein wenig von den Erschütterungen erholt und begriffen nun, daß man die Wiedervereinigung Deutschlands insgesamt als großen Erfolg der deutschen Nation zu betrachten hatte, während es um das neue, unabhängige Rußland viel schwieriger stand. Dessen ungeachtet entwickelten sich die Beziehungen zu Deutschland damals recht freundschaftlich. Der Umstand, dass Rußland und seine Regionen Unterstützung seitens des deutschen Volks erhielten, ließ in der zweiten Hälfte der 90er Jahre in der russischen Gesellschaft ein Gefühl der Enttäuschung und sogar Verärgerung mit Blick auf die eigenen Probleme und Mißerfolge aufkommen, gerade auch vor dem Hintergrund dessen, was die europäischen Nachbarn erfolgreich zuwege brachten.

In der zweiten Etappe von 1999 bis 2008 sucht sich diese Frustration einen Ausweg und Lösungsansatz in den Bereichen Politik, Kultur und Ideologie. Allmählich – und nicht nur unter dem Einfluß der Staatsmacht – nehmen die Russen gegenüber der sie umgebenden Welt einen aggressiveren und feindseligeren Standpunkt ein. In der Gesellschaft reift ein greifbares Unbehagen wegen der Stellung, die Rußland nach der Transformation einnimmt, die doch ihrem Wesen nach den Übergang vom kommunistischen System zum demokratischen Modell hätte leisten sollen. Doch die Ergebnisse dieses Transits hatten sich für die Mehrheit der Russen als ganz unkenntlich erwiesen. In dieser Situation entwickelten sich nun bei einem Teil der Bevölkerung nicht nur eine UdSSR-Nostalgie, sondern auch recht starke Gefühle des Ressentiments an der Schwelle zum Revanchismus bei den extremen Anhängern der Wiedergeburt des Großmachtdenkens.

In diese Etappe fallen zwei bedeutende Erklärungen des Präsidenten der Russischen Föderation, Wladimir Putin. 2005 charakterisierte der den Zerfall der UdSSR als die „größte geopolitische Katastrophe des vergangenen Jahrhunderts“. Zwei Jahr später hielt er auf der Sicherheitskonferenz in München eine scharfe Rede, voller Vorwürfe an die westlichen Partner und mit der Definierung der neuen Position Rußlands in der Welt als Großmacht, die danach strebt, in dieser Welt zu einem Machtzentrum zu werden. Diese Worte gründeten nicht nur in der persönlichen Sicht des Präsidenten, sondern er brachte damit die bei einem großen Teil der Russen wiedergeborenen Großmachtgefühle zum Ausdruck.

Die dritte Etappe ab 2009 beschreitet dann festen Schrittes den Weg des Ressentiments. Dabei ist es schwierig zu sagen, wer voranging und wer den Anstoß gab: Putin der Gesellschaft oder die Gesellschaft Putin. Ihren Höhepunkt fand diese Entwicklung jedenfalls in den Ereignissen von 2014 auf der Krim. Durchaus möglich, daß eines der Motive der Kremlstrategen darin zu finden ist, eine eigene erfolgreiche „Wiedervereinigung“ zu erreichen, wie das Deutschland Ende der 80er Jahre gelungen war. Es ist dies auch die Zeit, wo die Idee vom russischen Volk als dem „zerstreutesten“ Volk dieser Welt aufkommt. Sprich, dieses durch Staatsgrenzen geteilte und zerstreute Volk müsse man im Rahmen eines Landes wiedervereinen. Und zur Lösung dieses Problems seien fast alle Mittel recht. Ich halte mir hier mit dem „fast“ ein Hintertürchen offen, denn auf offizieller Ebene beschreibt sich die Politik Rußlands als voll und ganz übereinstimmend mit dem internationalen Recht. Doch die tatsächliche Umsetzung dieser Politik versteht ebensowenig wie die die öffentliche Mehrheitsmeinung das internationale Recht als eine Instanz, die in Fragen der nationalen Wiedergeburt / Revanche eine übergeordnete Rolle spielt.

So kommt es, daß die Vereinigung einer Nation, die in der Politik Deutschlands in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine so große Rolle spielte, Anfang des 21. Jahrhunderts ihre russische Spezifik zu gewinnen beginnt. Diese Prozesse sind natürlich überlagert von wirtschaftlichen und politischen Besonderheiten Rußlands, von den eigenen Schwächen und einigen unangenehmen Zügen. Insgesamt, kann man sagen, verfestigt sich in den Köpfen der Russen in dieser Etappe die Frage danach, warum es den Deutschen – und das auch noch mit voller Rückendeckung der UdSSR – möglich war, sich zu vereinen, während dem russischen Volk dies verwehrt bleibe.

Ich weise darauf hin, daß diese Frage so noch nirgendwo formuliert wurde, vielmehr leite ich sie ab aus der gegenwärtigen Atmosphäre in der Gesellschaft, wie ich sie empfinde. Deshalb auch mein Hinweis im Titel auf den subjektiven Charakter meiner Gedanken, die keinen wissenschaftlichen Anspruch erheben. Doch eine ähnliche Idee äußerte Putin in dem Interview, das er kürzlich Oliver Stone gab: „Die Hauptsache liegt darin, daß sich nach dem Zerfall der Sowjetunion 25 Millionen Russen über Nacht im Ausland wiederfanden, und das ist wirklich eine der größten Katastrophen des 20. Jahrhunderts.“

Es ist offensichtlich, wie der Staatspräsident auf die Ereignisse am Ende des 20. Jahrhunderts abhebt, als eine Nation wieder zusammenfand, während die andere zu einem „zerstreuten“ Volk wurde. Diese Logik Putins kommt in großen Teilen einer Bevölkerung entgegen, die jene Katastrophe, die Suche nach neuer Orientierung, die Enttäuschungen, das Ressentiment und neue, bisher ganz unbestimmte Hoffnungen auf die Entstehung einer russischen Nation durchlebt hat.

Das moderne Rußland betrachtet Deutschland natürlich schon lange nicht mehr als Feind, als potentiellen Gegner, vielmehr blickt Rußland auf seiner Suche nach einem würdigen Leben unentwegt nach Westen und vergleicht seine neueste Geschichte mit den Entwicklungen der europäischen Staaten. Dabei sind die Russen sehr empfänglich für alle Fälle, die sie als Phänomene historischer Ungerechtigkeit empfinden. Ich hoffe, daß das Zusammenleben auf dem europäischen Kontinent und die aktive Zusammenarbeit uns ein besseres Verständnis füreinander und die Lösung aller schwierigen Probleme zwischen unseren Ländern ermöglichen.

Roman Jewstifejew, aus dem Russischen von Peter Steger

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