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Archive for the ‘Geschichte’ Category


Wieder einmal sind sie fündig geworden, die Archäologen, die in der Region Wladimir Grabungen durchführen. Dieses Mal förderten sie ein in der Art bisher einzigartiges Siegel aus dem frühen 12. Jahrhundert zu Tage, das, aus Blei gegossen, einem  bisher unbekannten Damian zuzuordnen ist. Mutmaßlich handelt es sich da um einen weltlichen oder kirchlichen Würdenträger. Der Name ist deshalb so wichtig, weil es so wenig konkret zu benennende Personen gibt, die in jener Zeit in der Umgebung von Susdal lebten, wo das Artefakt gefunden wurde. Seit einem halben Jahrhundert kam kein neuer Name aus jener Epoche hinzu.

Die Besiedlung des Gebietes um Wladimir und Susdal durch Slawen setzte erst im 10. Jahrhundert ein, wobei sich die beiden Städte und ihr Umland bis zum 12. Jahrhundert rasch zum Zentrum der Alten Rus entwickelten. In dem Umfeld mit all den Adligen und ihrem Gefolge sowie der Geistlichkeit mit ihren Würdenträgern entstand eine eigene Bürokratie mit Stempeln, Petschaften und Siegeln, mit denen man die Pergamentdokumente amtlich machte. Funde dieser hoheitlichen Attribute aus der vormongolischen Periode kommen nur selten vor und sind auch deshalb von Bedeutung, weil sie auch ohne Urkunde Rückschlüsse auf Personen und ihren gesellschaftlichen Rang zulassen. Das Siegel hat einen Durchmesser von 22 mm und ist zwei Millimeter dick. Dargestellt sind darauf zwei Heilige mit rundlich-jugendlichen Gesichtern, die keinen Bart tragen. Die linke Figur hebt die Hand zum Segen, ihr Gegenstück hält einen länglichen Gegenstand, vielleicht einen Kodex oder ein Gefäß. Auf ihren Gewändern kann man im Bereich von Brust und Schultern Faltenwurf erkennen.

Das Grabungsfeld von oben

Und schließlich sind da die Buchstaben OA im Zentrum und neben den Heiligen die Lettern KOCM bzw. ДАМИАН. Daraus läßt sich der Schluß ziehen, bei den Heiligen handle es sich um Kosma und Damian, als Märtyrer und freigebige Wunderheiler verehrt, in der byzantinischen und russischen Ikonographie gern als Paar dargestellt, häufig mit einem Kreuz und einem Gefäß für die Arzneien oder mit Federn, mit denen man im Mittelalter Salben auftrug, in Händen.

Den Besitzer des Siegels kann man schließlich dank der griechischen Inschrift identifizieren: KEBO | HYHTVS | DWLVDA | MIANO( Κ[ύρί]ε βοήϑ[ε]ί τῶ σ[ω] δ[ο]υλω Δαμίανο), übersetzt: „Herr, hilf deinem Knecht Damian“. Was wohl noch so alles an Schätzen verborgen in der Wladimirer Erde liegt? Die Archäologen suchen weiter…

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„Man muß sich beeilen, wenn man etwas sehen will, alles verschwindet“, meinte einmal Paul Cézanne. Was den französischen Maler zum Pinsel greifen ließ, ist für viele Photographen heute Antrieb, nach Orten zu suchen, wo die Vergänglichkeit alles Irdischen zerfallende Gestalt annimmt. Die sogenannten „lost places“ sind die modernen Motive der Vanitas und ersetzen die Attribute Totenschädel und Sanduhr durch den mensch- und gottverlassenen Ort.

Die Region Wladimir bietet diesem Genre ein Übermaß an Anschauungsmaterial, etwa ein ehemaliges Wasserkraftwerk an der Nerl, das, vor 65 Jahren in Betrieb genommen, einmal mit vier Turbinen und einer Leistung von 525 Kilowatt das größte von 68 seiner Art werden sollte. 30 Dörfer und vier Kolchosen erhielten von hier Strom, die bis dahin ihre Elektrizität von störanfälligen Dieselgeneratoren erhalten hatten.

Eine ganze Kaskade weiterer Wasserkraftwerke sollte an der Nerl entstehen, doch bereits Anfang der 60er Jahre stellte man in der Region hauptsächlich auf Kohle, später auf Gas um, und die Bauten blieben sich selbst überlassen.

Vor acht Jahren dann noch ein Architektenwettbewerb mit dem Vorschlag, das Ensemble zu einer Wassermühle mit Gastronomie umzubauen, doch es fand sich kein Investor.

Nur wenige Kilometer weiter, in Starodub, die Überreste einer vor einhundert Jahren gebauten Textilmanufaktur, die in den 90er Jahren aufgegeben wurde. Auch so ein Ort, den sich die Natur zurückholt. Doch bevor er verschwindet, besuchen ihn noch die Chronisten mit der Kamera. Vielleicht auch Othmar Wiesenegger, der Ende August wieder nach Wladimir aufbricht, um dort die Patina des Verfalls zu bewahren.

Vielleicht auch den Zauber der Landschaft, in dem diese verlorenen Orte liegen, wie Starodub an der Kljasma, wo 1935 ein Naturschutzgebiet zur Wiederansiedlung des Wassermaulwurfs und einige Jahre später zur Biberzucht eingerichtet wurde. Beide einst von der Ausrottung bedrohte Arten findet man heute übrigens wieder im Einzugsbereich der Kljasma. Lost places und Natur gehen eben gut zusammen.

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Mitte August lädt Rjasan, Hauptstadt der südöstlichen Nachbarregion des Gouvernements Wladimir, zum I. Internationalen Forum Alter Städte ein.  16 Staaten, darunter Bulgarien, Spanien, Italien, Griechenland, Frankreich Serbien, Estland, Serbien, Armenien, China oder die Türkei haben sich mit Kommunen angemeldet, die älter als 500 Jahre sind, um eine ganze Woche lang über Fragen zu besprechen, die historische Zentren, davon 40 aus der Russischen Föderation, betreffen. Angemeldet hat sich auch Wladimir.

Wladimir im Mittelalter

Deutschland ist auf der Tagung mit Münster und Trier vertreten, die ihrerseits zeigen wollen, wie man angesichts moderner Herausforderungen an den Städtebau und die Infrastruktur mit dem über Jahrhunderte gewachsenen Erbe umgehen kann. Wieder so eine Veranstaltung, die in Zeiten der Wirren, über die Grenzen hinweg Menschen zusammenbringt, die gemeinsam über das Stein gewordene Gedächtnis ihrer Länder sprechen, als es, um mit der „Ode an die Freude“ zu sprechen, schönre Zeiten gab als die unsern, wo es dann aber auch weitergeht mit „Wir, wir leben! Unser sind die Stunden, / und der Lebende hat recht.“ Gutes Gelingen in diesem Sinne für dieses neue Forum, das der Vergangenheit gedenkt und Gegenwart wie Zukunft gestalten will.

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Man hatte es schon lange vermutet, und jedes an der mittelalterlichen Architektur geschulte Auge konnte es sehen, doch den schlagenden Beweis erbrachten erst die Untersuchungen von Archäologen aus Moskau und Wladimir: Die Kirchen aus dem 12. Jahrhundert am Goldenen Ring haben Vorbilder in der Lombardei und in der Emilia Romagna, damals zum Heiligen Römischen Reichs gehörend. Mit dessen Herrscher, Friedrich II, stand Großfürst Andrej Bogoljubskij in engem Kontakt, von ihm, Barbarossa, erhielt der aufstrebende slawische Alleinherrscher Geschenke, wie zwei Schulterstücke, von denen eines im Germanischen Museum zu Nürnberg ausgestellt ist, der Staufer schickte aber auch seine Baumeister gen Osten, wo damals ein ganz neues Machtzentrum entstand.

Muttergottes-Geburts-Kirche in Bogoljubowo

Andrej Bogoljubskij, ein Enkel von Wladimir Monomach, nach dem die Partnerstadt benannt ist, und ein Sohn von Jurij Dolgorukij, dem Gründer von Moskau, wurde 1157 Großfürst von Wladimir. Er hatte nicht nur die wundertätige Ikone der Wladimirer Gottesmutter aus Kiew mitgebracht, die seinen Zug der Legende nach kurz vor Wladimir anhalten hieß, um ihm im Gebet zu erscheinen und ihm einzugeben, hier das Kloster von Bogoljubowo und später seine Residenz zu errichten und ihr Bildnis in die Hauptstadt der Rus zu bringen. Er hatte damit auch eine bis dahin in seinem Herrschaftsbereich ungeahnte Bautätigkeit in Gang gesetzt, die in den 50er Jahren des 12. Jahrhunderts begann, als in Bogoljubowo die der Geburt der Gottesmutter geweihte Kirche entstand, deren ursprüngliche Bauweise und vor allem auch Fundamente Wissenschaftler in den letzten drei Jahren genauer untersuchten.

Fundament mit Krallenornamenten

Vor allem die krallenartigen Ornamente am Fuß der Säulen, die man freigelegt hatte, werten die Fachleute als eindeutige Hinweise auf die romanische Architektur Norditaliens aus dem 12. Jahrhundert, wie man sie aus Modena oder Ferrara kennt. Aber auch die Halbsäulen an den Mauern der Kirche in Bogoljubowo weisen auf den katholischen Einfluß hin. Nun verfolgt man die Theorie, es habe zwei Bauabschnitte gegeben, den ersten, ausgeführt von lokalen Meistern, und den zweiten, an dem dann die Italiener mitwirkten und ihre Einflüsse geltend machten.

Der Wladimirer Künstler, Igor Tschernoglasow, und das Modell seiner Andrej-Bogoljubskij-Skulptur

Die Grabungen hat man übrigens inzwischen wieder zugeschüttet; es bleibt künftigen Generationen – und Geldgebern – vorbehalten, weitere Geheimnisse zu lüften, wenn man sich an die umfassende Erforschung der Baugeschichte machen kann. Eines ist aber deutlich schon jetzt zu Tage getreten: Die gegenseitige Durchdringung der Kulturen empfand man bereits im Mittelalter als befruchtend und belebend. Eine Mahnung an all jene, die heute allüberall auf der Welt die Abschottung und Restauration auf ihre nationalistischen Fahnen schreiben. Da halte man sich lieber an Arthur Schopenhauer:

Aber jeder erbärmliche Tropf, der nichts in der Welt hat, darauf er stolz sein könnte, ergreift das letzte Mittel, auf die Nation, der er gerade angehört, stolz zu sein: Hieran erholt er sich und ist nun dankbarlich bereit, alle Fehler und Torheiten, die ihr eigen sind, mit Händen und Füßen zu verteidigen.

 

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Noch Anfang Mai bot sich dem Besucher des Klosters der Heiligen Boris und Gleb in Kidekscha bei Susdal ein verwirrendes Bild: eine öffentliche Toilette neuester Bauart, geschlossen und ohne Zugang, seit einem Jahr.

WC in Kidekscha

Nun wird bekannt, daß dem WC, das zunächst viel näher an der Kirche stand, auch noch die Anschlüsse fehlten. Unlängst wollte man deshalb die Stromleitungen verlegen, doch offenbar ohne sich vorher die notwendige Genehmigung der Aufsichtsbehörde einzuholen. Jetzt wurden die Arbeiten nach einem Hinweis von Anwohnern eingestellt, und der Lokus bleibt vorderhand weiter geschlossen.

Boris- und Gleb-Kirche in Kidekscha

Schon merkwürdig, wenn eine derartige Unterlassungssünde ausgerechnet auf dem Gelände des ältesten erhaltenen Kirchenkomplexes der Region Wladimir begangen wird, ausgerechnet hier, wo die später heiliggesprochenen Söhne des Großfürsten Wladimir, Boris und Gleb, während des Gebets von ihrem Bruder Swjatopolk ermordet wurden, ausgerechnet hier, wo Jurij Dolgorukij, der Gründer von Moskau, zu Ehren der Märtyrer 1152 eine Kirche errichten ließ, die Aufnahme in die Liste des Weltkulturerbes der UNESCO fand und als frühes Vorbild für die späteren Sakralbauten aus weißem Muschelkalk der Wladimirer Rus gilt.

St. Stefan im Kidekscha-Ensemble

Besonders merkwürdig auch, weil an diesem geschichtsträchtigen Ort am Ufer der Nerl auch eine Siedlung aus dem siebten bis dritten Jahrhundert vor Christi und ein Dorf aus dem 11. bis 13. Jahrhundert nach Christi nachgewiesen sind, jede Grabung also Schätze der Vergangenheit zutage fördern könnte. Schon ein wenig anrüchig, wenn ausgerechnet die Museumsleitung, der die Anlage untersteht, für zwei Millionen Rubel an einem Ort eine Bedürfnisanstalt einrichtet, die wohl noch einige Zeit dem Genius loci gehörig die Nase hochgehen dürfte.

Hier spricht Kidekscha

Dennoch: Ein Besuch in Kidekscha lohnt immer. Besonders auch ein Blick in die von den Mongolen verwüstete und gleich darauf wieder renovierte Boris-und-Gleb-Kirche, die im Innern mit einzigartigen Fresken aus dem 12. Jahrhundert überrascht: zwei Vögel und ein Blumendekor mit ineinander verwundenen Stengeln und Blüten.

Der Schiefe Turm von Kidekscha

Und dann steht da ja noch der „Schiefe Turm“ von Kidekscha, mit sechs Grad Neigung schäpser als sein – hätten Sie’s gewußt – bekannteres Pendant in Pisa. Da kann man auch einmal alle Fünfe gerade sein lassen und den Ärger mit dem Spruch ausklingen lassen: „Das Örtchen ist, da darf man lachen, / ein Ort, um in Ruhe Krach zu machen.“

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„Für die guten Gaben will ich Euch alle loben, doch sollt Ihr dran denken: Der Segen kommt von oben.“ So lautet der Tagesspruch in der Herrnhuter Kirche von Sarepta in Wolgograd. Und man möchte wirklich an diesen Segen glauben, wenn man sich die gut 250jährige Geschichte der deutschen Missionare vergegenwärtigt, die zwar mit der Bekehrung der nomadisierenden Steppenvölker – sie bekannten sich bereits zum Buddhismus – nicht so recht vorankamen, dafür aber Wirtschaft, Kultur und Wissenschaft am Unterlauf der Wolga einen gewaltigen Anschub gaben.

Innenraum der Kirche von Sarepta, der Herrnhuter Gemeinde zu Wolgograd

Ein Segen ruht wohl auch auf der 1991 wiedergegründeten 200-Seelen-Gemeinde mit ihrem deutsch-russischen Pastor, die sich über die Unterstützung aus Deutschland freuen kann, etwa in Gestalt der Kirchenorgel, die gern auch für Konzertveranstaltungen genutzt wird. Dennoch, der alte Glanz ist dahin. Dort, wo noch vor dem 1. Weltkrieg etwa 6.000 Deutsche und Russen zusammenlebten, prägt heute der sowjetische Wohnungsbau das Bild, während aus der Zeit der Siedler nur noch wenige Gebäude stehen, die zum Teil erst noch restauriert werden wollen. Eine Aufgabe für die deutsch-russische Zukunft, die freilich einen guten Anfang genommen hat.

Mit dem Fahrrad zur Kirche

Auch die orthodoxe Kirche steht erst am Anfang ihres Wiedererstehens. Was die Bomben der deutschen Luftwaffe und die Straßenkämpfe während der Schlacht um Stalingrad nicht schon zerstört hatten, verfiel in der Nachkriegszeit. Dafür entstehen jetzt vielerorts Kirchen und Kapellen, sogar der Wiederaufbau der Kathedrale im Zentrum kommt rasch voran.

Parkplatz für Fahrräder

Neuerdings kommt sogar der Kirchgang per Fahrrad in Mode. Die Infrastruktur dafür macht jedenfalls Fortschritte. Ein wenig mehr Radverkehr könnte es dann aber schon sein. Allerdings nur abseits der Hauptstraßen mit ihren Abgaswolken und ungeduldigen Autofahrern, wo für Pedale noch kein Platz vorgesehen ist.

Laufen oder radeln in Wolgograd?

Und die Schilder sind bisweilen nicht ganz entschieden…

Doch besser laufen?

Dann vielleicht als Alternative doch lieber laufen, zumal die Schaufensterwerbung Lust darauf macht.

Wegweiser an der Wolga-Promenade

Verlaufen kann man sich jedenfalls nicht in Wolgograd, wo sich alles auf einem engen Streifen entlang dem Strom ausrichtet, wo auf einer Länge von 90 km knapp über eine Million Menschen leben. Allenthalben Wegweiser, wenn auch nicht überall so ganz ernst gemeint, ansonsten allenthalben offene Einheimische, die den Fremden gern weiterhelfen.

Pjotr und Fewronia aus Murom in Wolgograd

Und schon steht man vor dem Denkmal für die das heilige Paar, Pjotr und Fewronia, die in Murom als Ordensleute lebten, schließlich doch zusammenfanden und heute als Patrone der Eheleute verehrt werden: https://is.gd/11eMo4

Geschlossenes Kaufhaus über der einstigen Kommandostelle von Friedrich Paulus

Weit hat man es zu Fuß auch nicht bis zu jenem Ort, wo sich Friedrich Paulus mit seinem Stab verbarrikadiert hatte. Von hier brachte man den treuen Statthalter des Führers dann nach Susdal in die Gefangenschaft, bevor er, wenig erfolgreich, als Sprachrohr der Antifa agierte und später in die DDR entlassen wurde, wo er ebenfalls scheiterte.

Platz der Gefallenen Kämpfer, wo am 31. Januar 1943 Generalfeldmarschall Paulus mit seinem Stab in Gefangenschaft geriet.

Hätte er nur den Mut aufgebracht, sich der Order seines obersten Befehlshabers zu widersetzen! Am Verlauf des Krieges hätte es nichts geändert, aber ungezählte Menschenleben wären gerettet gewesen, unsägliches Leid wäre nie geschehen.

Architektur des Himmels über Wolgograd

Die gemeinen Gefangenen hatten es weniger komfortabel. Und sie hatten den Wiederaufbau der Stadt zu leisten. Ganze Straßenzüge zeugen noch heute von ihrer Hände Arbeit. Die Wiedergutmachung blieb Sache jener, die mitgelaufen waren, in Reih und Glied marschierten und parierten.

Herrenausstatter „Kanzler“

Über die Geschichte der Schlacht berichtete der Blog bereits ausführlich vom 5. bis 7. Juni 2016, nachzuschlagen unter https://is.gd/lp1o8y, https://is.gd/y30KT0 und https://is.gd/tba6V0. Heute deshalb zum Ausklang „nur“ ein Zitat aus einem Gedicht ohne Titel von Georgij Iwanow, übersetzt von Kay Borowsky:

Moskau und „Westfalika-Schuhe“

Rußland ist Schweigen, der Asche Spur. / Vielleicht besteht es aus Zittern nur.

Deutsche Schuhe

Ein Lagermorgen bescheint das Land, / für das die Welt keinen Namen fand.

Die „deutsche“ Weihnacht läßt grüßen

Da kommt einem wieder jener Segen von oben in den Sinn, wenn man all den Attributen des Alltags begegnet, mit denen man heute in Wolgograd Deutschland – auch – verbindet.

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Hört man den Namen „Wolgograd“, denkt man natürlich gerade als Deutscher zunächst an die gnadenlose Zerstörung einer ganzen Stadt, damals nach Stalin benannt, an unendliches Leid, das zur Wende im Zweiten Weltkrieg führte. Aber es gibt hier, am längsten Strom Europas, auch eine friedliche Geschichte des Miteinanders von Russen und Deutschen, die im grausamen Strudel des Unternehmens Barbarossa untergegangen schien.

Mutter Heimat auf dem Mamajew-Hügel in Wolgograd

Auch hier vor Ort hatte man diesen Teil des einstigen Miteinanders fast vergessen, die Gebäude dem Fraß der Zeit überlassen. Nun aber erinnert ein Museum an eine fruchtbare Zeit, die zurückreicht in die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts, als eine fünfköpfige Gesandtschaft der Herrnhuter Brüdergemeinde etwa 30 km südlich von Zarizyn, dem heutigen Wolgograd, an der Sarpe am 14. September 1765 auf Einladung von Zarin Katharina II ihre fast 7.000 ha große Kolonie gründete. Angeführt von Daniel Fick, verfolgten die deutschen Missionare zwar hauptsächlich das Ziel, die nomadisierenden Völker im Südosten des Russischen Reichs zum Christentum zu bekehren, doch die Männer in der Nachfolge von Jan Hus, die ihre Siedlung nach dem Vorbild von Herrnhut in der Niederlausitz bauten und den Ort nach dem Zitat aus dem 1. Buch der Könige nannten: „Mach dich auf, und geh nach Sarepta…“, brachten auch andere Tugenden und Errungenschaften mit in die Steppe.

Aushang am Museum

Die „Himmelsstadt“ hatte die Form eines Kreuzes, Zentrum und Friedhof waren angelegt wie der blühende Paradiesgarten, und die Gemeinschaft kannte keine Unterschiede zwischen Rassen und Klassen. Zur Grundausstattung der Herrnhuter gehörten nationale und konfessionelle Toleranz, weshalb auch rasch Kalmücken Aufnahme fanden, wenn sie denn das ihnen von Gott zugedachte Los annahmen. Dieses Geschick bestimmte auch das Eheleben, denn die Frauen wurden den Männern lange Zeit zugelost. Die Braut ging nämlich nur eine stellvertretende Ehe mit ihrem irdischen Gatten ein, das Ja-Wort gab sie eigentlich ihrem himmlischen Bräutigam, Jesus Christus. So schickte man sich denn auch in Tod eher als in ein stilles Fest, während man sein Erdendasein im Geist der Askese, des Fleißes und der Barmherzigkeit annahm. Das öffentliche Leben war streng in Gemeinschaften, Chöre genannt, geregelt, aufgeteilt nach Knaben, Mädchen, ledigen Brüdern und Schwestern, verwitweten und verheirateten Mitgliedern, die auch in der Kirche und auf dem Friedhof ihren festen Platz und sogar ihre eigenen Lieder für alle Lebenslagen hatten.

Im Zentrum von Sarepta

Das Los wollte es auch, daß die Herrnhuter an der Wolga den Bauernkrieg von 1774 ebenso überstanden wie die Überschwemmungen im Jahr 1823. Erst die Oktoberrevolution und die nachfolgenden Repressionen durch die Kommunisten setzen der Gemeinschaft ein böses Ende mit Vertreibung und Tod. Doch die Erinnerung an diese Deutschen bleibt, die Sarepta zu einem kulturellen und wirtschaftlichen Zentrum am Unterlauf der Wolga machten.

Kirche aus dem Ende des 18. Jahrhunderts

Sie brachten Senf und Kartoffeln her und begannen sogar den landesweit nördlichsten Anbau von Wein. Die hier hergestellten Produkte wie Balsam oder Pfefferkuchen fanden weit über die Region hinaus Absatz, das hier gebraute Melonenbier galt sogar als Wundermittel für Schwangere. Textilien, Ziegel, Tabak, Seife… Eine lange Liste von Artikeln ließe sich zusammenstellen, die innerhalb der heutigen Stadtgrenzen von Wolgograd produziert wurden. Hier baute man die erste Wasserleitung, den ersten Aufzug, das erste Museum, die erste öffentliche Bibliothek, den ersten Kindergarten des südlichen Teils des Zarenreichs. Sogar der Grundstein für die russische Photographie wurde hier gelegt. Nirgendwo sonst gab es so viele Gelehrte im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung, nirgendwo bessere Ärzte, nirgendwo mehr Möglichkeiten für einen Kuraufenthalt, hatte die Gemeinschaft doch in einer Pionierleistung mineralische Quellen und Schlammvorkommen erschlossen, die vor allem Aristokraten schon im 18. Jahrhundert zu schätzen wußten.

Haus der unverheirateten Frauen, erbaut Ende des 18. Jahrhunderts

Heute erinnert ein bereits 1989 aufwendig eingerichtetes Museum an jene Zeit dieser stillen und arbeitssamen Verkünder des Evangeliums, die nicht viel von lärmendem Zeitvertreib hielten und lieber singend und betend den Herrn priesen.

Stalingrad

Aber – welch ein Mißverständnis später im Dritten Reich! – die freikirchliche Gemeinschaft begrüßte in ihrer Mehrheit durchaus die Machtergreifung der Faschisten. Noch 1941 hieß es beispielsweise im Wochenblatt „Herrnhut“ zum „Geburtstag des Führers“: „Der Weg Adolf Hitlers zum Führer des deutschen Volkes und zum obersten Befehlshaber der Deutschen Wehrmacht ist so eigenartig, daß es den Generationen, die nach uns kommen […] als ein kaum faßbares Wunder erscheinen wird.“ Welch ein Irrglaube an ein Wunder, das vor 75 Jahren im gottlosen Inferno von Stalingrad endete. Welch ein kaum faßbares Wunder der Geschichte, wenn heute Deutsche und Russen wieder füreinander da sein können.

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