Feeds:
Beiträge
Kommentare

Archive for the ‘Geschichte’ Category


Eine weitere Folge aus dem Projekt „Kriegskinder“.

Nikolaj Schtschelkonogow und Christine Trautner, November 2019

Mit zwei Jahren erkrankte Christine Trautner, geboren 1927 als jüngstes von drei Geschwistern in Waldbreitbach an der Wied, unweit von Koblenz, an Scharlach und behielt einen Hörschaden, der ihr das ohnehin entbehrungsreiche Leben von Kindheit an noch schwerer machte. Zu ihren ersten Erinnerungen – mit vier Jahren – gehört der Tod des Großvaters, dem der Pfarrer noch die Letzte Ölung gebracht hatte.

Immerhin konnte der Vater bei der Familie bleiben. Er übte als Lkw-Fahrer für die Molkerei einen kriegswichtigen Beruf aus und wurde nicht eingezogen, während der zwei Jahre ältere Bruder an die Westfront geschickt wurde und in amerikanische Gefangenschaft geriet, die er zwei Jahre lang in den USA zubrachte.

Christine kam – wie alle in ihrem Jahrgang – zum Bund Deutscher Mädchen und mußte nach der Schule im Jahr 1941 ihr Pflichtjahr ableisten. Eigentlich wollte sie einen Beruf erlernen, aber da hieß es immer: „Zuerst müssen wir den Krieg gewinnen!“ Man vertröstete sie also, schickte sie in ein Kloster, um dort einfache Arbeiten in der Wäscherei zu verrichten und „für das Essen zu schuften“. Auch in der Kreisstadt Neuwied wollte es nicht mit einer Ausbildung zur Näherin klappen, wieder vertröstete man das Mädchen auf später und nutzte sie als billige Arbeitskraft aus.

Unterdessen rückte der Krieg näher. Die Schule geriet unter Beschuß, und im Kloster traute sich das Kind aus Angst vor den Bomben nicht auf den Dachstuhl. Und dann kamen eines Nachts die Flieger tatsächlich. Im Keller saß Christine da, der Schutt brach bis ganz nach unten durch, eine Frau kam sogar um, und das Mädchen wartete auf der Treppe bis zum Morgen.

„Man war kein richtiger Mensch damals“, erinnert sich die Zeitzeugin. „In der Kirche sollte man sich möglichst nicht blicken lassen, und man konnte weder sagen noch machen, was man wollte.“ Montags mußte man immer „beichten“, was man am Wochenende mit dem Bund Deutscher Mädchen so alles unternommen hatte, zum Beispiel all die vielen Lieder gesungen, die Christine Trautner noch heute auswendig kennt. Und natürlich haben alle mitbekommen, wie die Juden abtransportiert wurden, und man ahnte – wohin. Ansonsten blieb es „ruhig“ in dem kleinen Ort in Rheinland-Pfalz. Bis dann die Amerikaner kamen.

An einem Sonntag war das, als Christine auf den Schmittenberg wollte, wo Verwandte einer der Freundinnen wohnten, mit denen sie gerade einen Spaziergang unternahm. Zur Unzeit, denn die Wehrmachtssoldaten waren soeben im Begriff, die Flucht zu ergreifen; den Berghang hatten die ersten Einschüsse der US-Armee getroffen. Da war an den Besuch nicht mehr zu denken…

Die Truppen requirierten das Elternhaus, stellten den Herd auf den Hof und kochten dort. Den Mädels schärfte man ein, sie sollten aufpassen, besonders die blonden, die „Blitzmädchen“, doch passiert ist dann doch nichts, und nach wenigen Tagen konnte die Familie das Haus wieder beziehen, die Soldaten rückten ab. Nur eine Flasche Öl ließen sie zurück, deren Inhalt aber ranzig roch, weshalb man bei allem Hunger keinen Gebrauch davon machte.

Ihren Mann aus Franken, Alfred Trautner, lernte Christine Anfang der 50er Jahre in Neuwied kennen, und 1955 heirateten die beiden schon. Bald darauf machten sie sich in Erlangen mit einem Süßwaren- und Getränkehandel selbständig, und hier bekam die schwerhörige Neubürgerin, die bis heute viel von den Lippen abliest, endlich auch ihr erstes Hörgerät von Siemens.

Gemeinsam mit ihrem bereits 2016 verstorbenen Mann, einem Weltkriegsveteranen, pflegte sie eine Vielzahl von Freundschaften mit Familien in Wladimir. Sie weiß, wie wichtig die Völkerverständigung nach den Schrecken des Krieges ist. Umsomehr bereiten ihr die Umtriebe von Nationalisten und Rechtsradikalen Sorgen, denn „die machen immer nur Krieg“.

Read Full Post »


Wäre nicht die Corona-Pandemie, hielte sich derzeit Oberbürgermeister Florian Janik an der Spitze einer fünfzehnköpfigen Delegation in Wladimir auf und spräche heute auf dem Platz des Sieges. Nun, da alles anders gekommen ist, legte das Stadtoberhaupt gestern, zum 75. Jahrestag des Kriegsendes, an den sogenannten Russengräbern auf dem Zentralfriedhof einen Kranz nieder und wandte sich mit folgenden Worten an die Partnerstadt:

Peter Steger und Florian Janik (gesehen von Othmar Wiesenegger)

Liebe Freundinnen und Freunde in Wladimir,

vor fünf Jahren durfte ich auf dem Platz des Sieges zu Ihnen sprechen. Heute, am 75. Jahrestag des Kriegsendes, wende ich mich aus Erlangen an Sie alle. Auch wenn die Corona-Krise uns gegenwärtig trennt, eint uns doch in dieser Zeit die gemeinsame dankbare Erinnerung an den Sieg über den Nationalsozialismus.

Dieser Kampf gegen eine menschenverachtende Ideologie forderte besonders aufseiten der Sowjetunion einen unermesslichen Blutzoll. Kein anderes Land hatte unter dem Vernichtungsfeldzug der Wehrmacht mehr zu leiden als die UdSSR, kein Staat trug mehr zur totalen Niederlage des Deutschen Reiches bei. Und ungeachtet der schrecklichen Kriegsfolgen leistet auch niemand einen größeren Beitrag als die Russische Föderation zur friedlichen Wiedervereinigung Deutschlands vor 30 Jahren.

Ich betrachte es deshalb als ein Wunder der Geschichte, wie wir diese Bürgerpartnerschaft pflegen dürfen, die bereits 1983, noch zu Zeiten des Kalten Krieges, von weisen Menschen hier wie dort begründet wurde. Ich bin darum dankbar für die zum Frieden und zur Verständigung ausgestreckte Hand, die wir gern ergreifen. Und ich freue mich, hoffentlich schon bald wieder in Ihre wunderschöne Stadt kommen zu können.

Ich lege heute diesen Kranz an den Gräbern nieder, wo die sterblichen Überreste von 271 russischen Soldaten ruhen, die in der Folge des 1. Weltkriegs in Erlangen verstarben. Ich tue dies in ehrender Erinnerung an die vielen Kriegsveteranen aus Wladimir, die bereits an dieser Gedenkstätte standen.

Ihnen allen, die den Krieg besiegt und den Frieden geschaffen haben, gilt nicht nur heute meine besondere Verehrung. Ihnen möchte ich an diesem Tag mit dieser Geste danke sagen für die Befreiung vom Nationalsozialismus und danke für 75 Jahre Frieden zwischen unseren Völkern. Unsere Verpflichtung ist es nun, diesen Frieden zu bewahren.

Ich gratuliere Ihnen zum Tag des Sieges und wünsche Ihnen ein schönes Fest des Friedens und des Guten.

Florian Janik (gesehen von Othmar Wiesenegger)

 

Дорогие друзья во Владимире!

Пять лет назад мне выпала честь выступить с речью на Площади Победы во Владимире. Сегодня, 75 лет после окончания Второй мировой войны, я обращаюсь к Вам всем из Эрлангена. И, несмотря на то, что сейчас нас разъединяет коронавирус, нас объединяет огромная благодарость за Победу над фашизмом.

Эта борьба против идиологии, направленной на уничтожении всего человеческого, потребовала особенно со стороны Советского Союза неизмеримых потерь. Ниодна другая страна не пострадала от уничтожающего всё на своём пути плана Барбаросса больше, чем Советский Союз, ниодно государство не внесло такого вклада в уничтожение Третьего Рейха как СССР. И, несмотря на ужасные последствия войны, ниодна другая нация не внесла такой вклад в мирное Объединение Германии 30 лет назад как Россия.

Для меня стало чудом истории то, что сегодня мы можем поддерживать побратимство между нашими гражданами. Это – партнёрство, которое началось в 1983 году, ещё во времена Холодной войны, это – связи, которые были заложены мудрыми людьми здесь и там. Поэтому я так благодарен за этот мир, за это взаимопонимание между нами, за эту протянутую руку дружбы, которую мы приняли с такой радостью. И я надеюсь, что уже очень скоро снова смогу приехать в Ваш прекрасный город.

Сегодня я возлагаю венок на могилы 271 русского военнопленного, умершего в Эрлангене во время и после Первой мировой войной. Я делаю это в память о многочисленных ветеранах из Владимира, которые столько раз стояли здесь, вспоминая своих боевых товарищей. Вам всем, победившим войну и сохранившим мир, моё искреннее уважение и почтение. Этим жестом я благодарю Вас за освобождение мира от фашизма и говорю спасибо за 75 лет мира между нашими народами. Наша обязанность сегодня – сохранить его.

С Днём Победы! С праздником мира и добра!

Doch damit nicht genug. Die Partnerschaft kann COVID-19 zwar am unmittelbaren Austausch hindern, hat aber nicht das Zeug, alle Verbindungen abbrechen zu lassen, wie folgendes Projekt beweist:

Gestern hätte in Wladimir nämlich auch eine Ausstellung der Kunstvereine beider Partnerstädte mit dem Titel „Sieg über den Krieg – Erinnerungen“ eröffnet werden sollen. Nun ist sie hier wie dort und überall auf der Welt im Internet zu sehen, und Nils Naarmann stellt das Projekt im Video kurz vor:

Zu sehen ist die Ausstellung hier auf der Homepage des Kunstvereins Erlangen https://is.gd/K6cVm6 sowie des Künstlerverbands Wladimir https://izo33.ru – noch das ganze Jahr und rund um die Uhr. Eine ausführlichere Besprechung des Projekts folgt noch.

Sieg über den Krieg 1

Amil Scharifow und Nils Naarmann

Aber kein Fest ohne Lieder. Deshalb zu guter Letzt für heute noch ein Ständchen im Sitzen mit dem Weltkriegsveteranen Wolfgang Morell, der mit seiner musikalischen Einlage seine Kameraden in Wladimir grüßt.

Und noch eine Zugabe: Wolfgang Morells Freund, Nikolaj Schtschelkonogow, erwidert den musikalischen Gruß und berichtet – freilich auf Russisch – von seinen Begegnungen in Deutschland. Besser kann deutsch-russische Verständigung wohl kaum gelingen… Mit einem Klick hier https://is.gd/bVLgUH sind Sie dort in Wladimir.

Read Full Post »


Im Rahmen des mit Wladimir entwickelten Projekts „Kriegskinder“ folgen heute die Erinnerungen von Karin Günther, die als Vorsitzende der Erlanger Foto Amateure seit 1989 besonders eng mit der Partnerstadt verbunden ist und dort viele Freundschaften pflegt.

Karin Günther im Gespräch mit Peter Millian, Februar 2019, Ausstellung Kirill Wedernikow

Bauernhof, Bunker und Baracke.

An meinen Geburtsort, Komotau im Sudetenland, kann ich mich so gut wie nicht erinnern. Nur daß es mich beeindruckte, bei Bombenalarm mit dem Förderkorb in den Bergwerksschacht einzufahren und an den Schreck, als plötzlich eines Abends, kurz vor Kriegsende ein farbiger Soldat der US-Army an meinem Bett stand. Wir wohnten damals  bei meinen Großeltern, mein Vater war irgendwo an der Ostfront. Er wurde 1945, beim Rückzug, kurz vor seiner Heimatstadt von den Russen gefangengenommen.

Bald darauf zwang man meine Mutter und mich, fünf Jahre alt, in einem Viehwagen Komotau in westlicher Richtung zu verlassen. Mein Opa wurde als Werkmeister bei Mannesmann dringend gebraucht und mußte erst zwei Jahre später mit meiner Oma seine Heimat verlassen.

Nach einem kurzen Aufenthalt in einem Durchgangslager wurden wir mit anderen Ausgewiesenen per Lastwagen auf verschiedene Dörfern verteilt, meine Mutter und mich quartierte man in einem Bauernhof in der Nähe von Eltmann in den Haßbergen ein. In unserem Zimmerchen befanden sich außer einem Bett nur noch ein Stuhl, eine Holztruhe und ein Haken an der Tür. Zum hölzernen Klohäuschen mußte man über einen Steg am Misthaufen vorbei – nachts ziemlich gruselig.

Mittags aßen wir nach einem Tischgebet gemeinsam mit der Bäuerin, den beiden volljährigen Töchtern, Anna und Walli, und einem Knecht in der Küche.

„Wer nichts arbt, brauch nichts fraß!“

Meine Mutter mußte im Sommer  bei der Ernte mithelfen. Bereits um vier Uhr morgens begann man, das Getreidefeld mühsam mit der Sense zu mähen. Noch am frühen Morgen war es meine Pflicht, nachzukommen, um das Baby vom Nachbarhof zu hüten. Mein Lohn – eine Kanne Milch.

Mein ganzer Stolz war es, als ich einmal Melitta, die große Schwester, in die Schule begleiten durfte. Über eine lange Hose mußte man als Mädchen immer einen Rock anziehen und darüber noch eine Schürze. Alle Klassen waren in einem Raum untergebracht und ich vorn in der ersten Reihe.

Mit den Kindern des Dorfes genoß ich eine sorglose Freiheit. Wir streunten auf den Wiesen und Feldern umher, schürten Feuerchen, um darin Kartoffeln zu braten oder liefen in den nahen Wald, um Beeren und Pilze zu sammeln.

Im Sommer 1947 wurde ich eingeschult und lief ein Jahr bei jedem Wetter gemeinsam mit dem Sohn des Verwalters den langen Weg ins Nachbardorf .

Im Bunker

Als meine Großeltern nach zweijähriger Trennung Komotau mit dem Zug verlassen mußten, zogen wir von unserem Dorf in den Haßbergen zu ihnen nach Fürth in einen Hochbunker. Dieser diente im Krieg der Bevölkerung zum Schutz vor Bombenangriffen.

In der heutigen Zeit kann man sich kaum vorstellen, mehrere Monate in so einer ungewöhnlichen Unterkunft zu leben.

Meine Großeltern, meine Mutter und ich waren in einer Art Kabine von ca. acht qm untergebracht, ohne Fenster und mit einem Vorhang als Türe. Das Schlimmste waren die Wanzen, die nachts aus ihren Verstecken kamen.

Die zahlreichen Flüchtlingskinder, bereits erfahren mit dem Leben im Bunker, nahmen mich sofort in ihre Mitte auf. Ich besuchte die erste Klasse in der nahen Schule und fand auch dort Freunde. Nur die Schulspeisung war für uns etwas ungewohnt, verzehrt wurde trotzdem alles.

Unsere Freizeit verbrachten wir auf dem Sportplatz in Ronhof, teilweise betreut von amerikanischen Soldaten. Sie beschenkten uns mit Kleidung und den ungewöhnlichsten Spielsachen aus ihrer Heimat. Besonders beliebt waren Kaugummi und Bonbons.

Viel Spaß hatten wir Kinder, wenn jemand auszog und wir die leere Kabine als Spielzimmer in Beschlag nehmen durften.

Meine Mutter war glücklich, endlich wieder mit ihren Eltern vereint zu sein. Große Sorgen bereitete ihr die Ungewißheit über das Schicksal meines Vaters, da die Feldpostbriefe nach seiner sowjetischen Gefangennahme im Frühjahr 1945 ausblieben.

Da die meisten Flüchtlinge im Bunker aus ihrer Heimat, dem Sudetenland, vertrieben waren, wurden in kürzester Zeit enge Freundschaften geschlossen. Nach der Umsiedlung in die ehemaligen Arbeitsdienst-Baracken in Oberfürberg blieben sie noch viele Jahre bestehen.

Dank an Rudolf Mock für dieses Fundstück aus unseligen Zeiten

In der Baracke

Der Einzug in die Zweizimmerwohnung einer der ersten vier bezugsfertigen, ehemaligen Arbeitsdienstbaracken, mitten im Wald gelegen, war für uns wie ein Traum. Allerdings gab es  kein Bad und nur Gemeinschaftstoiletten. Unsere Zinkbadewanne, die einmal in der Woche zum Einsatz kam, steht heute noch im Garten unseres Wochenendhauses.

Meine im Bunker gewonnenen Freunde fanden sich nach und nach ein. Gemeinsam machten wir bis Sonnenuntergang den nahen Fürther Stadtwald unsicher. Besondere Anziehungskraft hatte der „Hexentanzplatz“, auf einem Hügel gelegen und mit Blick auf die ganze Siedlung.

Nach und nach wurden die anderen Baracken renoviert. Ein Konsum wurde eingerichtet, in dem die meisten Lebensmittel noch abgewogen wurden. Sportler und Naturfreunde bekamen ebenfalls Räumlichkeiten zugewiesen. Eine Grundschule wurde mit einfachen Möbeln ausgestattet, und man stellte ehemalige Lehrer ein. Zwei Jahre lang kam ich in den Genuß, nur wenige  hundert Meter dorthin laufen zu müssen. Die Erziehungsmaßnahmen damals unterschieden sich erheblich von der heutigen Vorstellung. Bei Ungehorsam oder Lärm in der Klasse mußten wir nach der Stunde dableiben und die schweren Stühle hochstemmen. Bei frechen Schülern kam sogar ein Stock zum Einsatz – es gab Tatzen auf die Hand.

Endlich bekam meine Mutter Nachricht von meinem Vater aus der russischen Gefangenschaft. Ende November 1949 kam er nach jahrelanger Trennung, gesundheitlich schwer angeschlagen, zu seiner Familie zurück. Für mich, inzwischen neun Jahre alt, war der Vater völlig fremd. Zum Glück fand er bald eine Anstellung als Vertreter in seinem Beruf als Elektroingenieur. Einige Monate fuhr er mit Zug und Fahrrad die ganze Woche übers Land. Bald legte er sich einen alten Pkw zu, lange der einzige in der Siedlung. Stolz durfte ich bei der Probefahrt meine Freundinnen einladen.

Mit zehn Jahren wurde ich an der Mädchenoberrealschule in Fürth angemeldet, als einzige meiner Klasse. Das hieß für mich, mutterseelenallein bei jedem Wetter die zwei km bis zum kleinen Bahnhof zu laufen.

Zwei Jahre später  wurde in Unterfürberg eine Heimkehrersiedlung mit kleinen Doppelhäusern gebaut – mit den einfachsten Mitteln und Geräten. Die ehemaligen Spätheimkehrer halfen sich gegenseitig am Abend nach Arbeitsschluß. Der Einzug gestaltete sich fast wie ein Wunder. Ich bekam ein eigenes Zimmer, es gab ein Bad und einen Garten mit Obst und Gemüse. Zum Bahnhof waren es jetzt nur noch zehn Minuten.

Trotz der schweren Zeiten, habe ich mich nach unserer Vertreibung aus dem Sudetenland immer sicher und behütet gefühlt und nun endlich nach Bauernhof, Bunker und Baracke eine zweite Heimat in Franken gefunden.

Karin Günther

P.S.: Mitte April besuchte das Flüchtlingskind von einst noch einmal den Bunker, der heute in ganz anderer Funktion genutzt wird. Hier nachzulesen: https://fanbunker.de/zeitzeugin-besuchte-die-bunker-baustelle

Read Full Post »


Das in Zusammenarbeit mit Wladimir entstandene Projekt „Kriegskinder“ setzen wir heute mit einer Folge von Hans-Joachim Preuß fort, den wir als Jungen aus Ostpreußen auf der Flucht von Schlesien bis nach Jena begleiten.

Wolfgang Morell und Tatjana Jazkowa (sitzend), Hans-Joachim Preuß, Nikolaj Schtschelkongow, Elisabeth Preuß und Jekaterina Zwetkowa, November 2019, Erlangen

Als ich sieben Jahre alt war….

 „Es ist Krieg!“ hörten wir unsere Mutter am 1. September 1939 sagen. Meine beiden Brüder und ich sahen sie verwundert an. Wir Kinder, ich war der älteste von uns dreien, spürten ihr Erschrecken und ihre Angst. „Wird Vater im Krieg sterben?“ Mutter sagte: „Nein, er ist Polizist und kein Soldat. Er muß nicht an der Front kämpfen.“ Mein Vater war schon vor einigen Monaten mit seiner Kompanie in das an Deutschland angeschlossene Österreich nach Wien versetzt worden. Damit war er weit weg von der Front, und wir brauchten uns keine Sorgen um ihn zu machen.

Mit dem Krieg änderte sich bald einiges in unserem Leben. Zum Einkaufen brauchte man jetzt nicht nur Geld, sondern auch noch Lebensmittelkarten, die monatlich beim Wirtschaftsamt abgeholt werden mußten. Lebensmittelkarten waren große Bögen mit Marken, auf denen stand, was man dafür kaufen durfte. Wenn ich Milch holen ging, schnitt die Verkäuferin im Milchladen zuerst die Marken ab, ehe sie die Milch mit dem Meßbecher aus einer großen Kanne schöpfte und mir in das Kännchen schüttete. Wenn alle Marken abgeschnitten waren, konnte man nichts mehr einkaufen. Das galt für alle Waren, für Brot, Mehl, Zucker und alle Lebensmittel, ja sogar für Kleidung und Schuhe.

In unserer Zeitung, in der ich schon manchmal zu lesen versuchte, sah ich jetzt Todesanzeigen mit Eisernen Kreuzen. Das waren Anzeigen für gefallene Soldaten, die, wie es oft hieß, „den Heldentod für Deutschland“ gestorben waren. Das machte viele Leute traurig und war nicht schön zu lesen.

Um feindlichen Flugzeugen in der Nacht keine Ziele zu bieten, mußten wir abends unsere Fenster verdunkeln. Mit Rollos aus schwarzem Papier oder mit dichten Stoffen wurden sie bedeckt, damit kein Licht nach außen drang. Ich durfte sie nachts nur aufmachen, wenn im Zimmer kein Licht brannte. Die Luftschutzwarte, das waren Männer oder Frauen, die für den Luftschutz in einem Hause verantwortlich waren, kontrollierten genau, ob man von draußen einen Lichtschein sah, und klingelten sofort, wenn dies der Fall war. Sie prüften auch, ob in jeder Wohnung ein „Luftschutzkoffer“ bereitstand, in dem sich alle wichtigen Papiere und etwas Kleidung befand. Ihn mußte man bei Fliegeralarm mit in den Luftschutzkeller nehmen. Meinen kleinen weißen Teddybären trug ich ohnehin immer bei mir.

Als ich neun Jahre alt war….

Der Krieg brachte für uns Kinder zunächst keine große Not in unser Leben. Wir waren in Breslau, der Hauptstadt Schlesiens, weit weg von den Bombenangriffen auf die Städte in Norddeutschland und im Ruhrgebiet. Meine Mutter tröstete uns: „Schlesien ist der Luftschutzkeller des Deutschen Reiches.“ Es gab auch nur wenige Luftalarme mit dem bedrohlichen Heulen der Sirenen und dem bangen Sitzen im kalten Luftschutzkeller. Wir lebten in einer Dienstwohnung in der Polizeikaserne und fühlten uns da besonders geschützt und sicher. Schade war vor allem, daß mein Vater immer weg und nur kurz mal zu Hause war, wenn er Urlaub hatte.

Im Juni 1941 kam meine Mutter eines Morgens wieder mit verstörter Stimme: „Es gibt jetzt auch Krieg mit Rußland, mit der Sowjetunion.“ Sie fragte sich, ob das gut gehen könne, aber sie war sicher: „Der Führer wird schon wissen, was er tut“. Sie meinte damit Hitler, den obersten Führer des Deutschen Reiches. Sie hatte großes Vertrauen in ihn. Mit wem sollte sie über ihre Ängste reden? Mein Vater war weit weg, so schüttete sie ihr Herz uns Kindern aus. Oder sprach mit ihrer Schwester, unserer Tante, die uns oft besuchte. Mit fremden Leuten reden, war gefährlich, wenn man nämlich etwas Falsches sagte, wurde man ins Gefängnis gesteckt. Vater war in der Zwischenzeit in das Protektorat Böhmen und Mähren versetzt worden, so hieß das Gebiet der Tschechoslowakischen Republik nach der Besetzung durch die Deutschen. Wir waren froh, daß er nicht an der Front war.

Damals standen in Breslau noch viele Litfaßsäulen. Dort tauchten Plakate auf, die Angst vor den Russen machen sollten. Ich sah Bilder von Soldaten der Roten Armee mit brutalen Gesichtern und mit auf den Betrachter gerichtetem Gewehr. Besonders erinnere ich mich an das Bild einer alten Frau, die ein Kopftuch trug, ebenso wie meine, sehr liebe Großmutter. Darunter stand etwa, genau erinnere ich mich nicht mehr: „Sie sieht aus wie eine liebe Großmutter, ist aber ein hinterhältiges Flintenweib.“ So bezeichnete die Propaganda der Nazis russische Frauen, die mit der Waffe als Partisaninnen gegen die deutschen Truppen kämpften. Da bekam ich wirklich Angst. In den Nachrichten wurde gesagt, Hitler habe uns vor den sowjetischen Untermenschen geschützt, weil er sie angriff, bevor sie Deutschland überfallen konnten. Die Deutschen siegten auch in diesem Kampf. Ganze russische Divisionen wurden eingekesselt, Zehntausende Soldaten wurden gefangengenommen. Im Kino sah ich in einer Wochenschau ein Gefangenenlager. Es war, so weit man sehen konnte, vollgestopft mit Menschen in graugrünen Uniformen.

In der Zeitung, in unseren Schulbüchern und auf Plakaten in der Stadt wurde gegen Juden gehetzt. „Der Jude ist unser Unglück!“, hieß es immer. In der Stadt sah ich manchmal Menschen mit den gelben Sternen an der Kleidung und wußte, das sind Juden. Meine Großmutter betrieb in ihrem Dorf Ober-Pomsdorf, 50 km von Breslau entfernt, einen kleinen Laden, zu dem auch jahrelang ein Jude mit einem Bauchladen gekommen war. Er verkaufte Kurzwaren, also Garne, Zwirne, Nadeln und Knöpfe. Eines Tages blieb er aus; und ich erinnere mich, wie sich Großmutter darüber wunderte, denn sie sagte: „Das war so ein guter Mensch, der niemandem etwas zuleide getan hat. Wo mag er hingekommen sein?“

Überall waren auch merkwürdige Plakate zu sehen. Eines zeigte den Kohlenklau, einen schwarzen Mann mit einem Sack. Das sollte uns zum Sparen mit Kohle, Gas und Elektrizität auffordern. Auf anderen Plakaten waren zwei Männer, die sich unterhielten. Dabei stand: „Vorsicht bei Gesprächen. Feind hört mit!“. Darüber war ich sehr erstaunt, denn wie konnte der Feind hier Gespräche mithören, so weit weg von der Front.

Es waren zwiespältige Eindrücke für mich mit meinen neun Jahren. Ich verstand nicht alles. Das Radio war voll von den Siegesmeldungen, vom Reden über Schicksalskampf und Heldenmut. Doch mein Leben lief einigermaßen normal mit Schule, Hausaufgaben und Spielen im Kasernenhof, und wir hatten genug zu essen.

Als ich elf Jahre alt war…

Das Jahr 1943 brachte einige für mich schwer begreifliche Ereignisse.

Es begann mit der Schlacht um Stalingrad, in der die 6. Armee der Wehrmacht von der Sowjetarmee eingekesselt und vernichtet wurde. In den Nachrichten und Wochenschauen, die vor jedem Film im Kino gezeigt wurden, sah ich Bilder von kämpfenden Soldaten in Schnee und Kälte, dort war von Tapferkeit und fanatischem Widerstand die Rede. Mir war aber klar: Hier hatte unsere Wehrmacht eine Kesselschlacht verloren – wie am Beginn des Krieges oft die russische Seite. Es war für mich nicht zu fassen: Unsere siegreichen Soldaten waren geschlagen worden. Bisher hatten sie immer gesiegt, so hatte ich es zumindest verstanden.

Im Sommer wurde mein Vater an die Ostfront versetzt. Wir waren sehr bestürzt, als wir erfuhren, daß er aus der sicheren Tschechei weg mußte. Er bekam zuvor noch ein paar Tage Urlaub und war bei uns. Eines Tages ging er mit mir allein in die Stadt. An einer Stelle, wo uns niemand hören konnte, sprach er leise und ernst zu mir: „Ich sage dir jetzt etwas, über das du mit niemandem sprechen darfst. Die Deutschen tun in diesem Krieg schlimme Dinge, die uns die Welt nie verzeihen wird. Auch in der Tschechei. Und was immer auch passiert, geht da nie hin.“ Ich weiß nicht mehr, wie ich reagiert habe. Ich war schockiert, denn mir war klar, was das bedeutete. Mein Vater glaubte nicht an einen Sieg Deutschlands. Für mich brach eine Welt zusammen, es schwamm alles davon. Mir dämmerte etwas Schockierendes, mein Vater war an den „schlimmen Dingen“ irgendwie beteiligt oder wußte davon. In den Nachrichten war oft die Rede von Strafaktionen der Deutschen in den besetzten Ländern. So auch in der Tschechei, als der dortige oberste deutsche Reichsprotektor Heydrich von tschechischen Widerstandskämpfern erschossen wurde.

Vielleicht half mir ein weiteres Ereignis, dieses mir Unbegreifliche zu verdrängen, denn ich kam gar nicht dazu, lange darüber zu grübeln. Wir wurden überraschend aufgefordert, die Polizeikaserne zu verlassen, weil sie als militärisches Gelände für Zivilisten zu gefährlich geworden sei. Wir zogen in das Dorf Ober-Pomsdorf, in dem meine Großmutter lebte. Dort war auch eine Tante mit ihren drei Kindern, meinen Cousins und einer Cousine. Es war der Ort, in dem wir jeden Sommer die Ferien verbrachten. Für uns Kinder war dieser Umzug eher eine Freude als ein Schrecken. Wir mieteten uns in einer kleinen Wohnung im Austraghäuschen auf einem Bauernhof ein. Ich wurde in die Oberschule in Patschkau geschickt, das lag sechs Kilometer östlich von unserem Dorf, und die Fahrt dorthin mit der Eisenbahn oder mit dem Fahrrad empfand ich eher als Abenteuer denn als Last.

Als ich dreizehn Jahre alt war …

Im Januar 1945 begann die Schule nach den Weihnachtsferien wie üblich. Die sowjetische Front lag schon weit in Polen, hier in Schlesien schien noch alles ruhig. Das änderte sich schnell, denn Mitte des Monats begann die große Offensive der Roten Armee, die rasch zum Zusammenbruch der deutschen Verteidigungslinien führte und einen Flüchtlingsstrom nach Westen auslöste. Die Züge, mit denen ich in die Schule fahren mußte, waren voller Menschen. Einmal bekam ich im Abteil für die kurze Heimfahrt keinen Platz. Ich mußte außen am Wagen auf einer Treppenstufe stehen und mich am Griff festhalten. Das war bei den Eisenbahnwagen damals möglich.

Bald wurde die Schule geschlossen. Wir hörten Tag und Nacht das dumpfe Grollen der Kanonen, das immer lauter wurde und näher rückte. Durch unser Dorf zogen jeden Tag Flüchtlinge, die aus Orten kamen, die gar nicht so weit weg von uns waren. Da ahnten wir, daß auch wir bald würden weggehen müssen. Die große Straße, die außerhalb des Ortes lag, war überfüllt von Militärfahrzeugen, von Flüchtlingstrecks, dazwischen Bäuerinnen, die Pferde und Kühe, vor sich hertrieben – es war ein unbeschreibliches Chaos. Frauen, die sich das Leben nehmen wollten, Kinder, die heulend ihre Mutter suchten, Kühe, die mit vollem Euter vor Schmerz schrien, weil sie nicht gemolken wurden, der durchdringende Todesschrei eines Pferdes, alles Eindrücke, die in mir aufsteigen, wenn ich mich an diese Tage im Januar 1945 erinnere.

Ende Januar kamen Lautsprecherwagen in unser Dorf, die uns aufforderten, in den Häusern zu bleiben und keineswegs an den Fenstern zu stehen, denn es werde ein Zug „Schwerverbrecher“ durch unser Dorf ziehen. Kurz danach sahen wir grau gekleidete Gestalten in gestreiften Kleidern vorbeilaufen. Das Getrappel der Holzschuhe und die Rufe „Hunger, Hunger“ kann ich nicht vergessen. Einmal waren wir Kinder auf den Bergen, als wir sahen, wie eine solche Kolonne aus dem Dorf kam. Wir schlichen näher an die Straße heran, versteckten uns im Gebüsch und beobachteten, was da geschah. Einer der grauen Männer fiel um. Ein Wachmann in grüner Uniform erschoß ihn mit der Pistole und ließ ihn im Straßengraben liegen. Im Dorf wurde bald erzählt, es habe sich bei den Trupps um Gefangene aus den Konzentrationslagern gehandelt. Mir kamen wieder die Worte meines Vaters von den „schlimmen Dingen, die die Deutschen in diesem Krieg tun“ in den Sinn.

Im Radio wurden noch immer Durchhalteparolen verkündet, die Deutschen hätten Wunderwaffen entwickelt, die bald zum Einsatz kämen und die Feinde aus dem Land treiben würden. Es gab Bilder von erschossenen oder erhängten Deutschen mit Schildern um den Hals: „Ich bin ein Feigling, weil ich nicht an den Sieg geglaubt habe“.

Anfang Februar war es dann so weit: Wir wurden aufgefordert, unser Dorf zu verlassen. Wir luden Koffer und Säcke mit Kleidern, Bettzeug und Essen auf einen großen Leiterwagen, den uns unsere Nachbarn gegeben hatten. Er wurde an deren eigenen Wagen gehängt. Zwei Kühe zogen das ganze Gespann.

Eine unserer Nachbarinnen wurde zur Treckführerin bestimmt. Sie bekam vom Bürgermeister den Ort genannt, in dem wir uns abends melden sollten. So zogen wir los. Auf den Wagen saßen die kleinen Kinder mit den alten Frauen und Männern, alle anderen liefen. Bald befanden wir uns in einem langen Zug von Flüchtlingen. Nach einigen Tagen überschritten wir die Grenze zur Tschechoslowakei. Dort ging es immer weiter nach Westen – weg von der sowjetischen Front, deren Donnern immer leiser wurde. Oft blieben wir einige Zeit an einem Ort, wir schliefen in Turnhallen oder Tanzsälen auf Stroh oder Heu. Essen wurde in großen Kesseln oder Gulaschkanonen für alle gekocht. Es gab fast immer Graupensuppe, mal mit, mal ohne Fleisch. Ich hatte den Eindruck, daß das Ganze einigermaßen organisiert vor sich ging: Wir erhielten immer Unterkunft und Essen und jeden Morgen das Ziel des Tages genannt, wo man uns abends schon erwartete, auch wenn es manchmal lange dauerte, bis wir unseren Schlafplatz oder das Essen bekamen. Das Warten war nach dem langen Laufen auf der Straße oft sehr lästig, denn wir waren meist sehr müde.

Wir verlebten schlimme Tage und Nächte. Oft entstand Streit um die besten Liegeplätze, es gab für die vielen Menschen zu wenig Toiletten, Kranke mußten versorgt und über Nacht Gestorbene beerdigt werden. Kühe und Pferde brachen zusammen, viele Leute verzweifelten und wollten sich aufhängen. Und dann ständig die Angst vor dem Unbekannten und die Ungewißheit, wie es weitergehen sollte. Ich hatte immer die Mahnung meines Vaters im Kopf, wir sollten nicht in die Tschechei gehen, und jetzt waren wir mitten drin!

Ende April hatte es uns in die Gegend von Beraun verschlagen, etwa 50 km von Pilsen entfernt. Da wurden wir von den deutschen Behörden aufgefordert, die Tschechei innerhalb von drei Tagen zu verlassen. Aber wohin? Die Bauern wollten zurück in die Heimat zu Haus und Hof. Für mich kam jetzt der Augenblick, an dem ich die Mahnung unseres Vaters beherzigen mußte. Ich bedrängte meine Mutter, nicht den Weg zurück nach Osten zu nehmen, sondern weiter nach Westen zu fliehen, weg von der sowjetischen Front, und erinnerte sie an die Mahnung unseres Vaters. Schließlich entschied sie sich unter Tränen, zu versuchen, mit uns allein weiterzuziehen. Die anderen wollten uns nicht folgen. Es gab einen herzzerreißenden Abschied. Wir hielten einen deutschen Militärlaster an, der meine Mutter, uns drei Kinder und meine Großmutter nach Bischofteinitz im Sudetenland mitnahm. Der Ort wurde am 5. Mai 1945 von amerikanischen Truppen besetzt, für uns war der Krieg zu Ende und damit die Angst vor Tieffliegern. Die anderen aus unserem Dorf, die nicht mit uns gekommen waren, gerieten in den Prager Aufstand, sie wurden unter schrecklichen Bedingungen in Lager gesteckt. Sie haben viel gelitten, so viel, daß sie darüber nicht sprechen konnten. Sie brachen in Tränen aus, wenn wir sie später fragten.

Mein Vater war Ende 1944 in Estland verwundet worden. Aus einem Lazarett in Ostpreußen erhielten wir den letzten Brief von ihm – danach blieb er verschollen. Er hat uns durch seine Mahnung viel Leid erspart. Dafür bin ich ihm dankbar. Ich frage mich, wie er seinen Dienst weiter leisten konnte mit dem Wissen von den „schlimmen Dingen, die die Deutschen in diesem Krieg getan haben“ und an denen er in einer mir unbekannten Weise direkt oder indirekt beteiligt war. (Von meiner Tante, seiner Schwester, erfuhr ich lange nach dem Krieg, er habe sich freiwillig zum Einsatz in der UdSSR gemeldet, weil er nicht länger gegen Frauen und Kinder kämpfen wolle.)

Von Bischofteinitz aus zogen wir auf abenteuerliche Weise mit vielen Unterbrechungen weiter nach Jena in Thüringen; dort wohnte eine Verwandte von uns. Jena, im „grünen Herzen Deutschlands“ gelegen, hatte unsere Familie zu Beginn des Krieges vorausschauend als Treffpunkt vereinbart, falls das nötig werden sollte. Hier endete unsere Flucht.

Ich war noch immer dreizehn Jahre alt – oder war ich einige Jahre älter geworden?

Hans-Joachim Preuß

Read Full Post »


Je näher das Jubiläum des Kriegsendes rückt, desto drängender die Erinnerungen der Zeitzeugen an jene Epoche des Zusammenbruchs, der Befreiung, der Besatzung, der Klage über die Opfer auf allen Seiten. Heute im Rahmen des mit Wladimir initiierten Projekts „Kriegskinder“ die Rückschau von Otmar Koch aus der Wachau.

Otmar und Anni Koch mit dem „Schutzengel“ von Kirill Wedernikow im Skulpturengarten Tennenlohe, September 2019

Im Frühling 1941 in Melk an der Donau geboren, erlebte ich den Krieg nicht so dramatisch, wie er wirklich war. Einige Male gab es Fliegeralarm und da mußten wir schnell in einen nahegelegenen Keller, der einem Bauern gehörte. Meistens haben mich meine Mutter oder die Oma auf den Arm genommen, um schneller in den Keller zu kommen. Es mußte immer ganz dunkel sein, damit wir nicht entdeckt werden konnten.

Eine Kommandostelle der sowjetischen Besatzer befand sich gegenüber von unserem Wohnhaus. So hatten wir immer wieder Kontakt mit Soldaten, sie haben mit uns Kindern gespielt und gelacht. Öfters bekamen wir etwas zu essen. Einmal hatten wir Brot mit ganz dick Butter drauf und viel Zucker bekommen. Meiner Schwester und mir wurde darauf übel, und die Soldaten brachten uns achselzuckend zurück.

Wir hatten manchmal wenig zu essen, obwohl meine Mutter in die Fabrik ging und Oma bei den Bauern halbtags arbeitete, wofür sie Brot, Milch und Eier bekam.

Als meine Mutter heiratete, übersiedelten wir nach Oberösterreich. Dieses Bundesland lag damals in der amerikanischen Besatzungszone. Mein Stiefvater war in einer Brauerei beschäftigt. Die Arbeit dort war für ihn nicht zufriedenstellend, und so hatten wir auch zu Hause kein einfaches Leben. Unsere Wohnung befand sich neben einem kleinen Bach. Eines Tages standen wir Kinder (mittlerweile waren wir vier) auf einer Brücke und schauten den Amis zu, wie sie in den Bach urinierten. Wir erzählten dies zu Hause, worauf wir einige Belehrungen erhielten und dazu Hausarrest. Einige Male schenkten uns die Amerikaner Lebensmittelkonserven, dabei war auch Käse, der salzig und übelriechend war und den ich daher nicht mochte.

Ab dem 1. Schuljahr wohnte ich dann wieder in Niederösterreich bei meinem Großvater. Opa war durch eine Verletzung im Ersten Weltkrieg Invalide. Er bewirtschaftete einen kleinen Bauernhof in einem Weiler mit nur drei Gehöften am Rande eines zerstörten Militärflughafens. Zum nächsten Dorf hatten wir zwei Kilometer zu laufen. Niederösterreich war sowjetische Besatzungszone. Mehrere Wochen hindurch standen einige Panzer und andere Militärfahrzeuge, die von den Soldaten benutzt wurden, vor unserem Hof. Manchmal durfte ich in einen Panzer mit hinein, ich bekam auch öfters Süßigkeiten. Die Rotarmisten spielten immer wieder gerne mit mir, wurden meine Spielkameraden und Freunde.

Im Winter 1951/52 hingen an unseren Obstbäumen noch Äpfel, gefroren und verfault. Einige Soldaten verzehrten diese Äpfel, wodurch sie Verdauungsprobleme hatten. An diesem Abend kam der Bürgermeister zu uns und sagte, alle Frauen und Kinder müssen aus dem Haus und sich verstecken, weil der sowjetische Kommandant kommen werde wegen der Vorfälle mit den Äpfeln. Der Bürgermeister befürchtete das Schlimmste. Die Frauen und ich rannten in der Dunkelheit ins Nachbardorf. Der Kommandant kam, und Opa mußte in einem Verhör Rede und Antwort stehen, während einige Soldaten um ihn herum die Waffen im Anschlag hielten. Mein Opa war im Ersten Weltkrieg selbst Kommandant eines Militärflughafens und wußte, mit so einer schwierigen Situation umzugehen.

Es ließ sich aufklären, warum den Soldaten übel war, und so konnten wir am nächsten Tag aus unserem Versteck wieder nach Hause. Die hier stationierten Soldaten wurden abberufen und durch andere ersetzt.

Bei Feldarbeiten mit den Pferden kam es öfters durch in der Erde liegende Patronen zu Explosionen. Die Pferde sind nach so einem Knall meistens davongaloppiert. Manchmal kamen Militärkontrollen und schauten, was geschehen sei.

An einem Herbsttag bei der Zuckerrübenernte konnten die Pferde den vollgeladenen Anhänger nicht mehr aus der tiefen Erde ziehen. Vorbeikommende Soldaten versuchten zu helfen, es gelang zunächst nicht, aber sie holten Unterstützung. Ein Militärfahrzeug, mit Soldaten beladen, kam, und sie schafften es, den Anhänger mit seiner wertvollen Fracht auf den Weg zu bringen, und alle hatten ihre Freude.

So sind meine Erinnerungen an den Krieg. Ich hatte selten Angst, weder vor den Russen noch vor den Amis.

Ich war immer auf der Suche nach Informationen über meinen vermißten Vater. Vor einigen Jahren konnte ich in Erfahrung bringen, daß er in Wladimir verstorben und begraben ist.

2015 ermöglichte mir Peter Steger den Besuch von Wladimir, und ich konnte die Arbeitsstätte und das Lager meines dort verstorbenen Vaters besichtigen. Durch diese Reise nach Wladimir konnte ich einen versöhnlichen Abschluß meiner persönlichen Suche nach meinem Vater finden, den ich nie kennenlernen durfte.

Otmar Koch

Die Geschichte hinter dieser Geschichte ist hier zu lesen: https://is.gd/ZwAIeG

Read Full Post »


Gestern vor 75 Jahren richtete sich jener selbst, der den schlimmsten Krieg aller Zeiten über die Welt und das eigene Land gebracht hatte. Doch das Morden in seinem auf ewig verdammten Namen ging noch acht Tage weiter, und die Folgen sind bis heute schmerzlich spürbar. Deshalb hier eine weitere Folge in der Serie von Erinnerungen Erlanger Kriegskinder, entstanden im Rahmen eines Projekts mit der Partnerstadt Wladimir.

Mein Name ist Hella Reinke, und ich bin 1935 im Erzgebirge geboren. Der Vorbote des Krieges war, daß viele arbeitslos wurden, so auch mein Vater. Er war vom Beruf Feinmechaniker und hat sich daraufhin mit Erfolg bei der Firma Siemens in Erlangen beworben. Somit sind meine Eltern 1937 mit mir nach Erlangen gezogen.

Ich verbrachte meine ersten Jahre mitten in der Stadt, nahe am Bohlenplatz. Dieser Ort war unser Spielplatz. Als 1939 der Zweite Weltkrieg ausbrach, war ich vier Jahre alt, und ich begriff natürlich die ganze Aufregung nicht, die die Erwachsenen verbreiteten.

Mit sechs Jahren kam ich in die Schule, dort bekamen wir Kinder schon mehr vom Krieg mit. Wir mußten, wenn wir früh zur Schule kamen, immer mit „Heil Hitler“ grüßen, was ich eigentlich nie verstand. Wir lernten auch Stricken, was sehr schwierig war, da es keine gute Wolle gab. Es wurden alte Pullover aufgetrennt und die Wolle wieder verstrickt.

Die Lebensmittel waren rationiert, und man bekam Zucker, Butter, Brot, Fleisch usw. nur auf Marken. Sonntags fuhren meine Eltern mit mir in den Wald, um Heidelbeeren, Brombeeren und Preiselbeeren zu sammeln. Auch Holz mußte gesammelt werden, wenn man nicht frieren wollte.

Um nicht hungern zu müssen, hatte meine Mutter die Idee, auf dem Land bei den Bauern bei der Ernte mitzuhelfen. Wenn wir keine Schule hatten, blieb ich manchmal auch eine ganze Woche bei den Bauern. Da es ja noch keine großen Maschinen gab, welche die Ernte einbrachten, mußten wir noch viel mit der Hand machen, wie zum Beispiel bei der Kartoffelernte. Die Erwachsenen hackten die Kartoffeln heraus, und wir Kinder lasen sie in Körben auf.

In der Schule fielen oft die Stunden aus, wegen Bombenalarm oder auch weil viele Lehrer zum Militär eingezogen und sofort an die Ostfront versetzt wurden. Auch den Bruder meiner Mutter traf es; ich weiß noch, wie unglücklich meine Mutter darüber war. Mein Onkel ist vier Wochen später gefallen.

Mein Vater, ein leidenschaftlicher Kriegsgegner, wurde erst sehr spät zum Militär eingezogen und sofort an die Ostfront geschickt.

Ich war in dieser Zeit tagsüber sehr oft allein. Meine Mutter mußte in einer Fabrik Uniformen nähen, und mein Vater war an der Front.

In dieser Zeit wurde auch Nürnberg, vor allen die Altstadt, in Schutt und Asche gelegt. Meine Tante Inge wohnte mit ihrer Familie in Nürnberg, und sie verloren in einer Nacht alles. Unsere Wohnung war auch nicht groß, aber meine Mutter hatte sofort ihr Schlafzimmer für die Tante mit Familie zur Verfügung gestellt und schlief selbst in der Wohnküche auf dem Sofa. Überhaupt hielten die Menschen in dieser Zeit viel mehr zusammen als heute.

Eine schlechte Erinnerung habe ich auch an unseren Luftschutzkeller. Er war sehr tief und unheimlich, und ich hatte immer Angst, hineinzugehen. Aber unser Hausherr war Platzwart und bestand darauf, daß alle hineingingen.

Als 1945 die ersten Amerikaner in Erlangen mit ihren Panzern einzogen, hatte ich Angst. Ich war auch sprachlos, als ich das erste Mal einen farbigen Soldaten sah. Er sprach mich ganz freundlich an und sagte „Hallo, girl“ und reichte mir Schokolade herab vom Panzer. Es war meine erste Schokolade, die ich in meinen Leben gegessen habe.

Ich kann mich gut erinnern, wie die Amerikaner ihre Wäsche den deutschen Frauen zum Waschen gaben. Im Gegenzug erhielten wir Seife, Süßigkeiten usw.

Mein Vater wurde in den letzten Kriegstagen noch schwer verwundet, er hatte einen Bauchschuß. Wir wußten gar nichts vom ihm. Aber es war wie ein Wunder, mein Vater ist ein Jahr später wieder nach Erlangen gekommen, und er ist von Polen aus zu Fuß nach Hause gelaufen.

Ich hoffe sehr, daß es niemals mehr zu einem Krieg kommen wird.

Hella Reinke

Die Blog-Redaktion dankt Stadträtin Anette Christian für die Kontakvermittlung.

Read Full Post »


Wegen der obwaltenden Umstände wird es wohl nicht mehr zur geplanten Herausgabe eines Bandes mit Erinnerungen von Kriegskindern aus Erlangen und Wladimir kommen. Die Texte aus Wladimir stehen leider noch immer aus. Deshalb heute hier im Blog exklusiv eine weitere Geschichte, die das Leben am Ende des Zweiten Weltkriegs schrieb.

Es ist Mai 1945. In der Kleinstadt Süderdithmarschen drängen sich die Flüchtlinge, denn Schleswig-Holstein war der einzige Fleck in Deutschland, wohin man noch fliehen konnte. In einem ehemaligen Badezimmer wurde für uns drei Kinder ein Platz zum Schlafen eingerichtet. Aber ich hielt die Enge nicht aus, nirgends Trost, Essen, Verständnis für eine Elfjährige, die sich ausheulen möchte. Ich lief auf die Straße.

Nirgends ein Mensch zu sehen. Nur das dumpfe Dröhnen von Panzern. Die Stadt war mir fremd, wo sollte ich hin? Plötzlich bog einer dieser Panzerungetüme um die Ecke, das Geschützrohr direkt auf mich gerichtet. Ich erstarrte vor Angst. Da öffnete sich oben eine Luke, ein Mann sah heraus. Zum ersten Mal sah ich einem Feind direkt ins Gesicht. Er sah völlig anders aus, als ich bisher gedacht hatte.

Vom Struwwelpeter her kannte ich die Geschichte vom schwarzen Buben und dem Nikolaus mit seinem großen Tintenfaß, in dem dann Ludwig, Kaspar und Wilhelm zappelten, bis sie ebenfalls schwarz wurden. Der dunkelhäutige Offizier hatte eine kleine gelbe Gurke hervorgeholt, sagte etwas, das ich nicht verstand, hielt die Gurke an den Mund und machte „hap hap hap“. Dann warf er mir die Gurke zu, ich fing sie auf. Er lachte und nickte, sah mich erwartungsvoll an.

Was sollte ich mit diesem Ding? Was war es? Ich kannte Kirschen, Äpfel, Blaubeeren, Erdbeeren, Himbeeren, Brombeeren, keine unserer von der Sonne nicht verwöhnten Früchte hatte eine Schale.

Wieder nickte der amerikanische Offizier, wurde ungeduldig, rief mir etwas zu, was energisch klang. Durfte ich dieses Geschenk eines Siegers mißachten? Würde er dann vor Wut auf mich schießen? Würde ich den Heldentod sterben? Nach den Bombenangriffen in Berlin, der Flucht durch halb Deutschland, dem Hunger, dem fehlenden Schlaf und der ewigen Angst war ich am Ende. Was es auch war, ich biß hinein.

Da passierte etwas, mit dem ich nicht gerechnet hatte. Der Mann im Panzer fing an zu lachen, lachte, daß das Weiße in seinen Augen noch weißer, seine Zähne noch blitzender und sein Mund noch größer wurde. Und je lauter er lachte, desto verbissener schluckte ich den Bananenbrei herunter. Ich konnte doch das Geschenk eines Panzerfahrers nicht ausspucken!

Immerhin hatte ich den Mut, nicht ein zweites Mal abzubeißen. Ich machte einen Knicks und lief davon. Das Dröhnen des Panzers und das Lachen des amerikanischen Offiziers habe ich mein Leben lang nicht vergessen.

Margrit Vollertsen-Diewerge

Read Full Post »

Older Posts »

%d Bloggern gefällt das: