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Archive for the ‘Geschichte’ Category


Zur Eröffnung der zehnten Russisch-Deutschen Wochen sprach gestern Julia Obertreis, seit dem Wintersemester 2012 Leiterin des Lehrstuhls für Neuere und Neueste Geschichte mit dem Schwerpunkt Osteuropa an der FAU, im Großen Saal der Volkshochschule zum Thema „Erinnerungskultur und Geschichtspolitik“ in der Sowjetunion und Russischen Föderation, aber auch in der Ukraine, bezogen auf den Zweiten Weltkrieg, den „Großen Vaterländischen Krieg“, wie er auf Russisch in Fortsetzung des Sieges über Napoleon 1812 genannt wird. Nicht von ungefähr wählte die Historikerin, die in Berlin und Sankt Petersburg studiert hatte, die fast 900 Tage währende Belagerung Leningrads als Beispiel für das politisch vorgegebene Dogma des Vernichtungskriegs der Wehrmacht gerade auch gegenüber der sowjetischen Zivilbevölkerung.

Julia Obertreis mit einem der Schreckensbilder aus Leningrad

Auch wenn sicherlich Polen in der Relation als erstes großes Opfer der Aggression die meisten Opfer zu beklagen hatte, erschrecken die Zahlen doch immer wieder: 58 beteiligte Staaten mit insgesamt über 60 Millionen Toten, Zivilisten wie Militärs, davon geschätzte 25 Millionen allein in der UdSSR, gefolgt von China, von Japan überfallen, mit 15 Millionen, Deutschland mit sieben und Polen mit sechs Millionen. Zahlen und Zusammenhänge, von denen, wie die Professorin beklagt, die Studienanfänger kaum eine Ahnung haben. Kein Wunder, wenn, wie Klaus Strienz als pensionierter Lehrer weiß, der Zweite Weltkrieg in der Schule nur noch kursorisch thematisiert wird. Dieser Zustand der Ahnungslosigkeit, so könnte man weiter folgern, macht die junge Generation natürlich anfällig für Geschichtsklitterung, Verschwörungstheorien oder Mythenbildung.

Julia Obertreis

Ganz anders in der russischen Gesellschaft, wo gerade in den letzten Jahren die Erinnerung an den Sieg über den Nationalsozialismus vor 75 Jahren nachgerade als identitätsstiftend „kanonisiert“ werde, wie die Wissenschaftlerin ausführte. Allerdings – und das ist ein wichtiges Fazit, geteilt mit dem durchaus sachkundigen Publikum – tragen bei allen Unterschieden in der Erinnerungskultur die Russen den Deutschen nichts von den Schrecken und Greueln nach, streben nach Verständigung mit dem einstigen Todfeind. Ein Wunder und Geschenk der Geschichte, über das man sich nicht genug freuen kann, wenn Freude auch keine streng wissenschaftliche Disziplin sein mag.

TASS-Fenster

An dieser Bereitschaft zur Vergebung änderten auch die sogenannten Rosta- oder TASS-Fenster nichts, die als drastisches Mittel der Kriegspropaganda den Aggressor entmenschlichten, zur Bestie stilisierten oder seinen schmählichen Untergang vorhersahen. Dabei unterschied man nämlich stets – von wenigen Ausnahmen abgesehen – zwischen den Deutschen als Volk und den Faschisten als Gegner. Eine wichtige Unterscheidung der Geister schon damals, die bis heute nachwirkt.

Julia Obertreis im Gespräch mit Kurt Reiter und Klaus Strienz

So wenig hier alle Aspekte des Vortrags referiert werden können, so viele Fragen gab es im Anschluß noch an Julia Obertreis. Wäre da nicht einen weiteren Abendtermin gewesen – die Expertin besonders auch für russische Oral History wollte eine Kollegin dafür gewinnen, beim nächsten Prisma-Treffen im Juni in Wladimir am Beispiel der Hupfla deutsche Erinnerungskultur darzustellen -, hätte die Veranstaltung noch lange dauern können. Dabei blieb das tagesaktuelle Überraschungsthema Regierungsrücktritt in Moskau ganz außen vor, was manche im Saal bedauerten. Doch von einer Historikerin sollte man ja auch keine analytische Schnellschüsse erwarten. Die Geschichtswissenschaft nimmt sich Zeit, um die Dinge einzuordnen. Vielleicht liefert Julia Obertreis aber ja schon bei den nächsten Russisch-Deutschen Wochen in zwei Jahren eine erste Einschätzung der gestrigen Ereignisse, die sicher einen jetzt noch gar nicht absehbaren politischen Einschnitt zur Folge haben, während russische Witzbolde bereits scherzen, der Rücktritt der Regierung sei eine unmittelbare Folge des unnormalen, viel zu warmen Winterswetters.

März 2013, Aufbruch nach Wladimir

Mit unnormalem Wetter, wenn auch viel zu kaltem, hatte sich auch Peter Smolka herumzuschlagen, der am Gründonnerstag 2013 zu seiner Weltumradlung von Erlangen aus aufbrach und eine erste Station in Wladimir einlegte. Wer und was ihn da so alles auf der Strecke erwartete, erfahren Sie beim nächsten Vortrag im Rahmen der Russisch-Deutschen Wochen am Montag, den 20. Januar, wieder im Großen Saal der Volkshochschule bei freiem Eintritt von 19.00 Uhr bis 20.30 Uhr. Kommen und staunen!

Radweg nach Wladimir, April 2013

Ankunft in Wladimir, Mai 2013

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Am 31. Dezember schloß Walter Ross für immer die Augen. Nicht ohne wenige Wochen zuvor für das Erlangen-Wladimir-Zeitzeugenprojekt „Kriegskinder“ seine Erinnerungen von 1942 bis 1945 niedergeschrieben zu haben. Mit der russischen Partnerstadt pflegte das Mitglied des Seniorenbeirats zwar bisher keinen Kontakt – wann auch bei all seinen vielen ehrenamtlichen Verpflichtungen als Ehrensenator der Narrlangia, Freimaurer oder Vorsitzender des Freundes- und Fördervereins des Marienhospitals sowie Verbindungsmann des Karnevals zu Jena, um nur die wichtigsten Funktionen zu nennen? -, aber dieser gewinnend-zuvorkommende Conférencier des Lebens hatte fast vier Jahre lang eine ältere Ziehschwester aus der Ukraine, von der hier zu erzählen ist. Welch ein Erinnerungsschatz, den er uns da hinterließ! Wer Walter Ross kennen durfte, wird dankbar um ihn trauern.

Walter Ross, 3. v.l., beim Empfang im Rathaus Stoke-on-Trent, April 2017

Kein Märchen:
Menschenliebe und Modja.
Erlebt zwischen
a.D. 1942 und 1945,
erzählt Ende 2019
von Walter Ross.

Es war im Frühjahr 1942 in einem westlichen Vorort von Frankfurt am Main. Dem dort niedergelassenen praktischen Arzt hatte man die Sprechstundenhilfe für den Einsatz in einem Lazarett genommen. Jetzt war der Dr. R. für Sossenheim, Sulzbach, Eschborn, zwei SA-Siedlungen und 85 französische Kriegsgefangene = 10.000 Menschen zuständig und des Arztes Ehefrau mit drei Kindern (zehn, acht und vier Jahre alt) war auch noch Dr.-Assistentin. Der Dr. setzte die NSV (Nationalsozialistische Volkswohlfahrt) unter Druck, drohte mit Arbeitsstundenabrechnung und hatte einen Monat später die Zuweisung einer weiblichen Person zur Entlastung im Haushalt.

Wer da gebracht wurde, war knappe 160 cm groß, braunäugig, pausbackig, völlig verschüchtert, ohne Fremdsprachkenntnisse.

Auf dem Transportschein stand:
16 Jahre alt, Fremdarbeiterin
MODJA  KURILKO aus Dorf LEPISKE, Kreis Solotonoscha, Ukraine in der UdSSR.

Die Dr.-Kinder nahmen Modja an der Hand, führten sie in den 2. Stock des Hauses, da rechts und links je eine Stube ausgebaut war, und erklärten mit „Händ und Füß“, die rechte Stube sei allein Modjas Stube. Die 16jährige wollte das an diesem Tag nicht glauben, erst als sie die erste Nacht ganz alleine war und niemand sie zu stören kommen wollte, da nahm sie die Stube „in ihren Besitz“.

Nicht nur unsere Mutti, die Ehefrau vom Dr., hatte Modjas Bekleidung gesehen und war schon am Kleiderschrank. Die grobe, mausgraue Pferdedecke, die Modja als Rock anhatte, nur mit einer halbmetergroßen Sicherheitsnadel zugehalten, diese Pferdedecke sollte Pause haben. Modja aber hatte Verständigungsprobleme, Zutrauensprobleme, Bekleidungskulturprobleme mit eben Sprachproblemen. Doch eine Mutter von drei durchaus aufgeweckten Kindern, wo plötzlich noch ein viertes dazukam, das sie führen mußte, Mutti, aus einer Lehrerfamilie stammend, war das Lehren, Erklären, immer wieder zeigend Vormachen gewohnt, bis Modja Muttis „Mode von gestern“ als für eine strahlende Modja totschick trug und auf die, ihre neue, Unter- und Oberbekleidung mächtig stolz war.

Kaum ein halbes Jahr später hatte Modja sich eingelebt, die Küche von sich aus übernommen, prima mit Kinderhilfe Deutsch gelernt, sogar so viel, daß sie fernmündlich ebenso wie an der Praxistür für „ihren“ Dr., ihren jetzt von ihr so verehrten „Gospodin“, Arztbestellungen annehmen und aufschreiben konnte.

Da war dann Modjas auch von Mutti angelerntes Kochen, Kinderbetreuen wie eine ältere Schwester sogar mit Hausaufgabenhilfe, die die Eltern nicht bemerken sollten; Modja war die „Große“, und so war sie voll ein schwesterliches, kindgleich geliebtes Familienmitglied.

In Vaters Opel Olympia 1,5 Liter saßen halt damals bei den Familienausfahrten sechs Personen, denn Modja war immer dabei.

So dauerte Modjas glücklichste Lebenszeit wohl nur dreidreiviertel Jahre bei ihrer Dr.-Familie, bis der Befehl der US-Militärregierung zur „Repatriierung der Fremdarbeiter“ auch Modja traf.

Mit zwei großen Reisekoffern und über der Schulter eine Hängetasche mit Papieren, Paß, Adressen, Arbeitsnachweis, Zeugnissen und allem versehen, was ein Kulturmensch auch auf Reisen braucht, einschließlich einem guten Geld und etlichen teuren Schmuckstücken, mit denen man weiterkommen könnte, wo das Geld nichts mehr wert war – und dazu von der Kleidung zum Wechseln bis zur Kosmetik und Hygiene alles dabei und mitgegeben, so ausgerüstet, wurde Modja von den Amis mit Zwang abgeholt. Spätherbst 1945.

Als der LKW mit Modja und allen anderen zu Repatriiernden um die nächste Ecke war, da flossen weiter bei Modja und ihrer Dr.-Familie, ihrer Sechs-Personen-Familie, viele, viele Tränen.

Wir haben von Modja nie mehr etwas gehört, gesehen, erfahren. Auch sehr viele Nachfragen im Vermißtendienst, Nachfragen in der Ukraine, in deren Konsulat haben nichts erbracht.

So blieb und bleibt Modja Kurilko aus Dorf Lepiske, Kreis Solotonoscha, Ukraine, Ex-UdSSR, eine zu tröstende Kindertage-Erinnerung, die über und nach acht Jahrzehnten immer noch lebt. Und solange die lebt, solange lebt unsere Modja auch.

Walter Ross (13.10.1934 – 31.12.2019)

Walter Ross als Conférencier beim Empfang zum 80. Geburtstag von Otto H. Eck 1999, im Hintergrund Julia Akbari und Alexander Tichonow aus Wladimir

Walter Ross hatte einen feinen Sinn für Gesten und Symbole. Da gebührte ihm natürlich auch zusammen mit seiner Frau Beate ein Ehrenplatz im Adventskalender Ehrenamt der Stadt Erlangen, der Heilige Abend, das letzte Fenster. Und am letzten Tag des Jahres verabschiedete sich dann dieser Festredner des Lebens von uns allen: https://is.gd/zOyF57

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Heute feiert Dietmar Hahlweg seinen 85. Geburtstag. Zu den großen und bleibenden Erfolgen des Altoberbürgermeisters und Ehrenbürgers der Stadt Erlangen gehören über die kommunalpolitischen Leistungen hinaus die Begründung der Städtepartnerschaften mit Wladimir, Jena, Stoke-on-Trent und San Carlos. Dabei war dem gebürtigen Schlesier die Aussöhnung mit der UdSSR und Polen sowie die Verständigung mit der DDR im Geist der Ostpolitik während seiner segensreichen Amtszeit von 1972 bis 1996 das wohl wichtigste Anliegen.

Nikolaj Schtschelkonogow und Dietmar Hahlweg, 9. Mai 2010, Wladimir

Die Tiefenschärfe dieses Bildes mit dem heute 94jährigen Kriegsveteranen in Wladimir erschließt sich erst nach der Lektüre des folgenden Berichts, den Dietmar Hahlweg dieser Tage im Rahmen des deutsch-russischen Projekts „Kriegskinder“ (siehe auch die Erinnerungen von Ute Schirmer: https://is.gd/OpWO3J) zu Papier brachte, vorab exklusiv im Blog veröffentlicht.

Flucht der Familie Hahlweg vom 20.1. bis 10.9.1945 aus Jagdschütz, Schlesien, bis nach Lorenzreuth bei Marktredwitz in Bayern

Zum Jahreswechsel 1944/1945 lebte meine Mutter, Elisabeth Hahlweg (34), mit ihren vier Kindern, Bärbel (12), Dietmar (10), Harald (8) und Hubertus (6), im Gutshaus in Jagdschütz, Kreis Trebnitz, ca. 30 km nördlich von Breslau. Mein Vater war seit 1939 ununterbrochen im Krieg; seither führte meine Mutter den 334 ha großen Gutsbetrieb mit etwa 40 Beschäftigten alleine.

Meine Mutter ahnte, Deutschland werde den Krieg verlieren, und begann heimlich (offen durfte darüber nicht gesprochen werden, das wäre Wehrkraftzersetzung gewesen) Kisten und Koffer vorzubereiten. Wir Kinder ahnten davon nichts.

Dann kam, vermutlich von der Nationalsozialistischen Kreisleitung, am 20. Januar 1945 der sogenannte „Treck-Befehl“. Innerhalb von 24 Stunden mußte der Gutsbereich geräumt werden. Treckleiterin war meine Mutter.

24 Stunden später zog der Treck, meine Mutter mit ihren vier Kindern und allen auf dem Gut beschäftigten Familien (darunter 25 Kinder und viele ältere Menschen), auf zwei Traktoren mit Anhängern und zehn Pferdegespannen bei 20 Grad minus Richtung Westen.

In den folgenden drei  Wochen waren die Ziele 1. Etappe Penzig bei Görlitz (ca. 200 km), 2. Etappe Görlitz – Dresden  (ca. 100 km) und die 3. Etappe Dresden – Richtung Leipzig mit dem Gut Zöschau bei Oschatz (ca. 70 km), das wir am 15. Februar 1945 erreichten. Wir bewältigten also mit dem Treck in 26 Tagen insgesamt ca. 370 km.

Obwohl das im Treckbefehl vom 20. Januar 1945 angegeben Treckziel Bayreuth in Bayern lautete und meine Mutter auch von sich aus mit dem Treck ohne Unterbrechung direkt nach Bayern weiterziehen wollte, beugte sie sich höchst widerwillig dem Willen meines Vaters, der zu dieser Zeit verwundet in einem Lazarett  in der Nähe von Breslau lag und mit dem sie telefonieren konnte. Auf sein Anraten hin blieb sie mit dem Treck auf Gut Zöschau. Mein Vater hatte auf diesem Gut sein Praktikum als angehender Landwirt abgeleistet, wußte, die Gutsfamilie von Oppel werde uns gut aufnehmen und meinte zudem, von dort sei die Rückkehr nach Schlesien leichter möglich.

Mein Vater meinte es gut, aber sein dringender Rat, zunächst in Zöschau zu bleiben, sollte sich als sehr falsch erweisen.

Die US-Armee, die bei Kriegsende am 8. Mai 1945 auch Thüringen und Sachsen und damit auch Zöschau befreit hatte, zog sich wenig später im Ausgleich für einen US-Sektor in dem von der sowjetischen Armee eroberten Berlin aus Thüringen und Sachsen wieder zurück. Einheiten der Roten Armee kamen deshalb auch nach Zöschau, requirierten Traktoren und Pferde. Wir mußten aus unserer Bleibe im Gutshaus auf den Scheunenboden umziehen.

Für meine Mutter war klar: Sie wollte so schnell wie möglich mit ihren Kindern und ihrer inzwischen zu uns gestoßenen Schwägerin nach Westen, gen Bayern. Sie organisierte im Tausch gegen eine goldene Uhr drei Handwagen, und am 20. Juni 1945 brachen wir mit dem Nötigsten Richtung Grimma (40 km) auf, wo zu dieser Zeit an der Mulde die Grenze zwischen Amerikanern und Sowjets verlief. An der Mulde verbrachten wir fast zwei Wochen im Freien, weil die Amerikaner nur so viele Flüchtlinge aus dem Osten aufnahmen, wie andererseits Menschen von Westen nach Osten wechseln wollten. Schließlich gelang das Übersetzen mit einem Kahn. Von Grimma ging es dann weiter nach Hof in Bayern (ca. 180 km) und von dort Richtung Bayreuth. In Gefrees, wo wir im bergigen Gelände baten, uns beim Hinaufschieben der Handwagen zu helfen, bot uns jemand zwei Ponys an, und meine Mutter kaufte diese spontan. Jetzt zogen die beiden Ponys unsere drei Wagen, und ich war von heute auf morgen stolzer Kutscher.

Unser Fluchtweg führte uns zunächst Richtung Nürnberg – manchmal am Tag nur acht km, dann einmal sogar 38 km –, dann aber bogen wir nach 50 km in Richtung Bamberg ab, weil es dort ein milderes Klima und eine günstigere Versorgung geben sollte. Inzwischen war es August / September geworden, und wir konnten gegen Kost und Übernachtung in der Scheune beim Ernten helfen. Mein Onkel Fredi, der jüngste der drei Brüder meiner Mutter, war nach seiner frühen Entlassung aus amerikanischer Gefangenschaft schon im Juli zu uns gestoßen, begleitete uns sporadisch, schwärmte aber immer wieder aus, um nach seiner Frau, dem Treck seiner Eltern, nach unserem Vater und seinen Brüdern zu suchen. Anfang September 1945 kam Onkel Fredi freudestrahlend mit einem Brief der Eltern meiner Mutter zurück, den diese an Bekannte aus Breslau geschrieben hatten, die inzwischen in Mindelheim im Allgäu gelandet waren.

Demnach waren meine Großeltern, Pächter des Gutes Großpeterwitz, ca. 15 km westlich von Jagdschütz gelegen, mit ihrem Treck auf einer Südroute durch das Sudetenland im Juni 1945 in Lorenzreuth bei Marktredwitz gelandet und hatten dort eine kleine Hofstelle pachten können. Wir waren auf unserem Weg im Juli Richtung Bayreuth nur weniger als 50 km von Lorenzreuth entfernt und zogen nun die ca. 150 km dorthin zurück und waren glücklich, dort am 10. September 1945  die Großeltern wiederzusehen und, obwohl äußerst beengt, dort auch unterzukommen und etwas zum Essen zu haben. Dies nach fast drei Monaten auf der Landstraße, ohne ein festes Dach über dem Kopf.

Die realistische Einschätzung meiner Mutter bewahrheitete sich: Ein Zurück nach Schlesien auf unseren Gutshof gab es nicht. Mit dem Potsdamer Abkommen der Siegermächte vom August 1945 fiel Schlesien an Polen. Meine Familie gehörte zu den Deutschen, die nicht nur den Krieg, sondern auch ihre Heimat verloren hatten, im Fall meiner Eltern mit dem Gutshof auch ihre ganze Existenz. Trotzdem gab es in meiner Familie nie Kritik an Polen oder der Sowjetunion.

Es war, wie wir sahen, Hitler-Deutschland gewesen, das diesen furchtbaren Zweiten Weltkrieg „vom Zaun gebrochen“, das heißt mutwillig begonnen hatte. Und man erfuhr mehr und mehr, wie gerade die beiden Länder, Polen und die Sowjetunion, es waren, die in besonders unvorstellbarem Ausmaß unter diesem Krieg gelitten hatten. Aus diesem Wissen und der bleibenden Scham darüber war es mir in meinem Amt als Oberbürgermeister, aber auch als Mitmensch, stets ein Anliegen, bei der Aussöhnung und dem Aufbau einer guten Nachbarschaft mit Polen und Russen mitzuhelfen. Es bleibt mein sehnlichster Wunsch, daß dies dauerhaft gelinge.

Dietmar Hahlweg

P.S.: Mit den besten Wünschen für den Jubilar hier noch der Hinweis auf seine Würdigung zum 80. Geburtstag, zu finden hier im Blog unter: https://is.gd/YegSNn

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Am 10. September hatte der Blog die Generation der Kriegskinder dazu aufgerufen, an einem russisch-deutschen Projekt der Erinnerungskultur teilzunehmen: https://is.gd/v6Wgko. Dieser Tage fand sich dazu im Briefkasten der Blog-Redaktion ein handschriftlicher Bericht von Ute Schirmer über ihr Erleben des Einmarsches der amerikanischen Truppen in Erlangen. Dieses einzigartige Zeitzeugnis soll zum einen Ansporn für weitere Aufzeichnungen dieser Art sein – die Einsendefrist wurde bis Mitte Januar verlängert -, zum andern erscheinen die Zeilen heute hier auf diesen Seiten vorab, weil sich die Erinnerung wie eine Weihnachtsgeschichte liest, die darüber hinaus auch eine Erklärung dafür liefern kann, woraus Ute Schirmer ihre so elementare Kraft schöpft, Gutes zu tun, nicht nur für Polen und Russen. Wer auch nur einen kleinen Teil ihrer Wohltätigkeit kennt, weiß: Es ist, als wirke ein Engel in ihr – nicht nur zur Weihnachtszeit.

Ute Schirmer mit ihrem Mann Herbert bei der Auszeichnung mit dem „Ehrenbrief der Stadt Erlangen für besondere Verdienste auf dem Gebiet der Städtepartnerschaften“ im Jahr 2013

Es war ein warmer Sonnentag, der Sonntag am 15. April 1945. Damals wohnte ich – wie jetzt auch – am nördlichen Rand von Erlangen, am Fuß des Rathsberges.

Seit Tagen wurde darüber geredet, daß die amerikanischen Soldaten bald in Erlangen sein werden. Ich war damals zehneinhalb Jahre alt und wurde von meinem Vater als ältere der beiden Geschwister (unsere Mutter war 1941 verstorben) ausgewählt, um ein weißes, bereitliegendes Bettuch aus dem mittleren Fenster im ersten Stock zur Straße hin herunterzulassen, wenn die Amerikaner unser Haus passieren.

Gegen Mittag des 15. Aprils wurden bei uns vier Volkssturm-Mitglieder einquartiert. Sie konnten hinter dem Haus auf einer Bank ihre Mittagsration verzehren. Die Männer verlangten, daß alle Bewohner das Haus in Richtung Meilwald verlassen sollten, weil man erwartete, daß Erlangen beschossen werde.

Außer meinem Vater, meiner Schwester Hedwig und unserer Haushälterin Wilhelmine waren in unserem Haus eine Familie mit einem Säugling und einem sechsjährigen Sohn und auch Leute untergebracht, die aus anderen Städten geflüchtet waren.

Wir packten Proviant, Kleidung und alles Nötige in einen Leiterwagen. Die Sachen waren in einem abgedeckten Schacht im Garten für einen Notfall gelagert. Wir machten uns auf; mit dem Leiterwagen zogen wir in den Meilwald. Dort, wo der Wald eine ebene Fläche zur Lagerung bot, ließen wir uns nieder. Bis zum Abend harrten wir aus. Dann gingen wir zurück. Wir hatten zwar immer wieder Schüsse gehört, aber Erlangen war wohl nicht das Ziel.

Als wir auf unser Haus zugingen, sahen wir, daß am Waldrand gegenüber von unserem Haus mehrere Schutzgräben ausgehoben waren. Es wurde vermutet, daß dies die Arbeit der Volkssturm-Männer war. Sie hatten inzwischen unser Grundstück verlassen, so daß wir ungehindert in unser unbeschädigtes Haus zurückkehren konnten, ebenso kamen die übrigen Mitbewohner zurück.

Die kommende Nacht saßen wir alle in unserem Luftschutzkeller. Es war Pflicht geworden, einen dafür passenden Kellerraum mit dicken Stämmen und Balken abstützen zu lassen und als Schutzraum auszuweisen.

Einmal in der Nacht läutete es an der Haustür. Unsere Wilhelmine ging nach oben und öffnete die Haustür. Sie brachte einen völlig abgehetzten jungen Soldaten mit in den Keller. Weil er bei uns nicht bleiben konnte, wurde er durch die Kellertür an der Rückseite des Hauses und die rückwärtige Gartentüre auf einen Fluchtweg durch die angrenzenden Gärten geschickt. In unserer Gegend waren früher Verbindungstüren zwischen den Gärten eingebaut, die nicht abgeschlossen waren.

Immer wieder einmal ging jemand nach oben, um zur Straße hin aus dem Fenster zu sehen. Als es am Morgen dämmerte, konnten wir im gegenüberliegenden Wald Soldaten erkennen, die durch eine andere Form ihrer Stahlhelme auffielen. Zu hören war weiter nichts.

Eine Weile später – es war schon heller Tag – klingelte es an der Haustüre. Mit unserer Wilhelmine gingen wir zur Tür, um aufzumachen. Da standen vor uns zwei amerikanische Soldaten mit auf uns gerichteten Gewehren, dazwischen das Dienstmädchen einer Familie vom übernächsten Haus in der Rathsberger Straße 48.

Sie waren gekommen, um einen Arzt zu holen, nämlich meinen Vater. Er sollte einer Frau, die seit den frühen Morgenstunden in den Wehen lag, bei der Geburt ihres Kindes helfen. Die Soldaten verlangten, daß der Arzt nur mit einer weiblichen Begleitung aus unserem Haus kommen durfte.

Mein Vater packte seinen Geburtshilfekoffer zusammen und befestigte eine weiße Binde mit rotem Kreuz am Arm. Dann verließ er uns mit unserer Wilhelmine, begleitet von den beiden Soldaten und dem Dienstmädchen aus der Nachbarschaft.

Meine Schwester und ich waren voller Angst, daß unser Vater nicht mehr zurückkehren würde. Doch nach einiger Zeit kam Erleichterung; immerhin kehrte unsere Wilhelmine wieder zu uns zurück, allerdings mit der schlimmen Nachricht, auf der Straße liege ein toter deutscher Soldat.

Nach der glücklichen Geburt eines Mädchens kam auch unser Vater wieder heim.

Sehr lange dauerte es nicht, bis es an der Haustüre wieder läutete. Es kamen wieder zwei Soldaten, aber ohne Gewehr. Unser Vater führte sie in unser Eßzimmer, stellte drei kleine Becher auf den Tisch, die er mit Kümmelschnaps (von der letzten Weihnachtszuteilung) füllte, und bot den Amerikanern das Getränk an. Nachdem mein Vater der Aufforderung, als erster zu trinken, gefolgt war, leerten auch sie ihre Becher. Meine Schwester und ich waren nur Zuschauer. Die Soldaten hatten zu uns nicht ein Wort gesagt. Trotzdem waren wir nun völlig ohne Angst, auch bei der nun folgenden Inspektion der Räume im Haus, die gar nicht lange gedauert hat. Unser Vater führte die beiden in sein Schlafzimmer, öffnete gleich die richtige Tür seines Schrankes. Die Soldaten interessierten sich für Photoapparat und Ferngläser. Bereitwillig gab unser Vater die Sachen heraus, und damit war dann auch die Inspektion beendet, und die Soldaten zogen wieder ab.

Ute und Hedwig Ochs vor dem Haus in der Meilwaldstraße 4, 12. März 1944

So erlebte ich mit meiner Schwester Hedwig – sie war damals acht Jahre alt – die Einnahme unseres Hauses, Am Meilwald 4.

Es dauerte bis in die 80er Jahre, bis ich erfuhr, wie der 15. April 1945 in dem Haus am nördlichen Anfang der Rathsberger Straße abgelaufen ist. Frau Ljubow, die Eigentümerin, erzählte mir die Begebenheit nach dem Tod ihres Mannes, der 1980 verstorben war. Hier ihre Geschichte, wie sie mir erzählt wurde:

In Ljubows Haus waren in der Waschküche im Keller mit eigenem Ausgang in den Garten über eine Außentreppe deutsche Soldaten einquartiert. Ich meine, sie sagte, acht Personen. Am Morgen kam die Gruppe zu den Hausleuten herauf, sie wohnten im Parterre, berichteten, sie hätten von draußen fremde Stimmen gehört und sagten, sie wollten sich ergeben. Die Eheleute gingen an die Haustür, Frau Ljubow öffnete und sagte zu den ihr gegenüberstehenden amerikanischen Soldaten: „Don’t shoot, I am a Russian.“ Daraufhin kam der Vorwurf, sie sei eine Lügnerin. Aber einer der amerikanischen Soldaten stammte aus Polen und entgegnete, sie habe recht, weil sie mit ihrem Mann Russisch spreche. Sie machte dann den Amerikanern klar, daß die einquartierten deutschen Soldaten nicht schießen würden. Daraufhin wurden deren Gewehre inspiziert. Bei einem Soldaten fanden sie Schmauch am Gewehr. Er wurde später draußen erschossen. Dann begann die Inspektion des Hauses. Im ersten Stock bat Frau Ljubow darum, ein Zimmer nicht zu betreten, weil da eine Frau in den Wehen lag, und sie erbat sich die Genehmigung, einen Arzt holen zu dürfen. Deshalb kam zu uns das Dienstmädchen, begleitet von zwei Soldaten.

Nach der Inaugenscheinnahme der Räume im Haus lud das Ehepaar die Soldaten in ihre Wohnung ein und bot ihnen heißen Tee an. Unter ihnen war ein Befehlshaber, der im Gespräch nach dem Weg zur Essenbacher Brücke fragte. Frau Ljubow riet, die Rathsberger Straße hinunterzugehen, worauf die Amerikaner weiterzogen.

Für meine Schwester und mich war der erste Anblick der Soldaten der amerikanischen Armee, wie sie mit ihren Gewehren vor uns standen, sehr erschreckend. Das hat sich beim zweiten Besuch, als unser Vater sie zu einem Schluck Kümmelschnaps eingeladen hatte – wir waren nur Zuschauer – völlig gewandelt in eine freundliche Atmosphäre. Damit hatte es sich für mich auch erübrigt, das Bettuch zum Fenster hinaushängen zu müssen.

Zwischen den beiden Situationen lag die Geburt eines gesunden Kindes in der Nachbarschaft zu einer Zeit, als Erlangen immer noch die Zerstörung durch die amerikanische Armee drohte.

Der letzte Kriegstag wäre sicher nicht so friedlich für unsere Häuser verlaufen, die wohl als erste von den Amerikanern, die vom Rathsberg her kamen, aufgesucht wurden, wenn da nicht die Sprachgewandtheit von Frau Ljubow aus Rußland gewesen wäre, und wenn sich da nicht der in der amerikanischen Armee dienende Soldat aus Polen mit seinen Russischkenntnissen eingeschaltet hätte. Es sind da Menschen aus vier Nationen, den USA, Polen, Rußland und Deutschland einander helfend zusammengestanden.

Frau Ljubow stammte aus Tiflis, ihr Mann Jewgenij aus Leningrad. Das Ehepaar hatte nach schlimmen Erlebnissen im Zug der Oktoberrevolution die Heimat verlassen und war über Nürnberg in Erlangen ansässig geworden.

Im Sommer 1980 bat mich Herr Jewgenij, an sein Krankenbett zu kommen, um sich zu verabschieden. Als er nach zwei Wochen gestorben war, bat mich die Witwe zu sich. Gemeinsam warteten wir auf den Hausarzt. Später sagte sie zu mir, als es um die Bestattung ging: „Wir haben auch im Tod keine Heimat“, denn sie bekäme nur im Westen von Erlangen ein Grab. Da käme sie alleine gar nicht hin. Sie war damals 79 Jahre alt. Dieses Gespräch führte dazu, daß ich sie fragte, ob sie ihren Mann auf dem Neustädter Friedhof in unserem Familiengrab beerdigen lassen wolle. Dankbar nahm sie mein Angebot an. Als sie fühlte, daß auch auf sie das Ende zukam, stellte sie die Frage, ob auch sie in unserem Familiengrab liegen dürfe. Diese Frage hatte ich nicht erwartet, ich hatte dies für selbstverständlich gehalten. Sie starb 1986, fast sechs Jahre nach ihrem Mann.

Familiengrab mit den russischen Nachbarn

Anfang 2015 suchte ich nach dem Mädchen, das am 16. April 1945 geboren wurde. Den Familiennamen wußte ich noch, auch den Ort, wohin die Familie bald nach dem Krieg umgezogen war. Ich fand die Adresse eines älteren Bruders und damit auch die Anschrift seiner Schwester Eva im Westen von Erlangen. So konnte ich sie zu ihrem 70. Geburtstag mit einem Blumenstrauß überraschen. Inzwischen war ich wiederholt mit einem Geburtstagsstrauß unterwegs, und ich traf die Jubilarin auch jedes Mal zu Hause an. Die Geschichte der Situation bei ihrer Geburt kannte sie. Ihre Eltern hatten ihr davon erzählt.

Ute Schirmer

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Am 27. April 2015 berichtete der Blog von einer Zar Nikolaus II gewidmeten Gedenkplatte, die Wolfgang Krugel aus Berlin in seinem Familiennachlaß gefunden hatte und dem Wladimirer Landesmuseum übereignen wollte, denn die Plakette war dem Alleinherrscher zum 300jährigen Jubiläum des Hauses der Romanows in der einstigen Hauptstadt der Rus überreicht worden. – https://is.gd/bR8iSH – Lesen Sie nun, wie die Geschichte weiterging:

Es gibt ein wunderbares glückliches Ende für die Widmungsplatte aus dem Jahr 1913 zu berichten.

Ihrer kaiserlichen Hoheit, dem kaiserlichen Herrscher, Nikolaj Alexandrowitsch, als untertänigste Darreichung seitens der Wladimirer Kaufmannsgesellschaft am 16. Mai 1913.

Im September 2019 erhielt ich eine Mail vom Wladimir-Susdal-Museum mit der Bitte, die erneute Störung nach 2015 zu entschuldigen. Die „Störung“ bestand darin, daß ich nach Sankt Petersburg eingeladen wurde.  – Nie war mir eine Störung willkommener!

Hintergrund: In detektivischer Arbeit hatten die Museumsmitarbeiter herausgefunden:

Gottesmutter von Wladimir

Die Platte war ursprünglich an einer wertvollen Ikone des Motivs „Gottesmutter von Wladimir“ befestigt, die dem Zaren Nikolaus II. in Wladimir überreicht wurde. Genau dieser Moment ist sogar im Bild festgehalten.

Wladimir. Auf dem Bahnsteig des Bahnhofs. Dem kaiserlichen Herrscher wird die Abordnung der Wladimirer Kaufmannsgesellschaft vorgestellt.

Nach der Übergabe verblieb die Ikone im Alexanderpalast nahe Petersburg, einem Lieblingsort des Zaren.

Als die deutsche Militärführung im 2. Weltkrieg den Palast als Kommandozentrale besetzte, trennte man offenbar die Widmungsplatte von der Ikone. Die Ikone überstand die Kriegszeit und kam ins Museum für Religionsgeschichte in Leningrad. Die Widmungsplatte muß von einem Deutschen mitgenommen worden sein und gelangte dann in meinen Familiennachlaß. Die näheren Umstände kenne ich leider überhaupt nicht.

Die beiden Museen kamen überein, die Platte wieder an der Ikone zu befestigen und dann in Sankt Petersburg zu belassen.

Im Rahmen des VIII. Kulturforums von Sankt Petersburg fand am 15. November die feierliche Vereinigung der so lange getrennten Objekte statt: https://is.gd/yU8g9o

Damit wurde auch ein weiterreichender Kooperationsvertrag der beiden Museen besiegelt. Es war bewegend, daran teilhaben zu dürfen.

Nicht genug rühmen kann ich die Gastfreundschaft, die mir und meiner großzügigerweise mit mir zusammen eingeladenen Frau zuteilwurde. Äußeres Zeichen war schon unsere luxuriöse Unterbringung. Unvergessen wird uns jedenfalls die warme, herzliche Aufnahme bleiben, die wir als doch Fremde überall erfuhren – als weilten wir bei längst vertrauten Freunden.

Swetlana Melnikowa, Direktorin des Wladimir-Susdaler Landesmuseums und Wolfgang Krugel

Dies gilt insbesondere für die beiden Direktorinnen der Museen, meine stets hilfsbereite Ansprechpartnerin Jekaterina Wolkowa in Sankt Petersburg und die Delegation aus Wladimir-Susdal mit Olga Scheltikowa und Oleg Gurejew.

Wolfgang Krugel

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1959 erschien in der Verlagsanstalt Lentia das Buch „Den Sowjets ins Gesicht geschaut“ von Andreas Kirschhofer und Walter Pollak. Die beiden Journalisten zeichnen darin Eindrücke einer Reise in die Sowjetunion nach, die sich damals gerade erst für Touristen aus dem Westen, in diesem Fall aus Österreich, öffnete. Erstaunlich, wie vieles – mutatis mutandis – da auch heute noch, nach 60 Jahren, Gültigkeit hat und ganz aktuell klingt. Vor allem das Fazit, das deshalb in Auszügen hier zitiert und damit wohl auch zum ersten Mal digitalisiert werden soll.

Die unmittelbare Gesprächserfahrung ist demnach wenig ermutigend, wenn man von der Begegnung zweier Völker die direkte Befruchtung der friedlichen Entwicklung erwartet, wie das bei uns im Westen selbstverständlich ist. Man sieht sich, mehr oder weniger deutlich ausgesprochen, immer wieder vor die herausfordernde Frage gestellt: „Nun bekenne, welches System ist eigentlich das bessere: das sowjetische oder das Deine!“ Welche Antwort erwartet wird, ist selbstverständlich.

Trotzdem: das Gespräch sollte im Gang bleiben, oder besser: erst richtig in Gang gebracht werden. Einmal weil es uns selbst Einblicke in jenes System gewährt und also davor bewahrt, es falsch einzuschätzen. Zum andern aber, weil, auf weite Sicht gesehen, die Wechselwirkung nicht ausbleiben kann.

Der wichtige Grund aber für die Aufrechterhaltung des Gespräches, der Begegnung von Mensch zu Mensch, ist der Umstand, daß es sich dabei um einen Bestandteil der These von der Koexistenz handelt. Koexistenz, das friedliche Nebeneinander zweier verschiedener politischer und wirtschaftlicher Systeme, ist die Lieblingsformel des sowjetischen Ministerpräsidenten Chruschtschow. Sie wurde und wird im Westen meist mißverstanden. Wer sie bejahrt, wird häufig als Neutralist verschrien. Zuwenig wird die harte Frage gestellt, ob es überhaupt einen anderen Ausweg gibt, wenn man den Krieg vermeiden will. Und wer kann den Krieg schon wollen? Es handelt sich einfach darum, die Koexistenz als das zu erkennen, was sie ist, und sich richtig darauf einzustellen.

Chruschtschows Koexistenz ist keine Friedensschalmei, sondern ein Fehdehandschuh, der uns hingeworfen wurde. Er selbst hat es unverblümt ausgedrückt: er brauche und wolle keinen Krieg, denn das von ihm repräsentierte System sei das richtige und bessere, der Kapitalismus werde von selbst absterben. Frei nach Churchill variiert heißt das: „Wir lassen die Kapitalisten in ihrem Saft schmoren, bis sie sich selber auffressen.“ Nicht nur Chruschtschow, die neue sowjetische Gesellschaft braucht für ihre völlige Konsolidierung den Frieden. Wir wollen den Krieg nicht, weil wir ihn innerhalb einer Generation zweimal erlitten haben. Nehmen wir also den Fehdehandschuh der Koexistenz auf.

Dieses friedliche Nebeneinander wird ein hartes und zähes Ringen sein. Wir haben die Zeit zu nützen, um Chruschtschow und den Seinen zu beweisen, daß unser System sich nicht selbst auffressen wird. Wir werden dieses friedliche Nebeneinander bestehen, wenn wir in unserer Welt jene politischen, wirtschaftlichen und sozialen Reformen mutig in Angriff nehmen, die notwendig sind, dem letzten unserer Bürger das Bewußtsein zu geben, daß es für ihn keine bessere Welt geben kann als die, in der er lebt.

Gerade unter diesem Gesichtspunkt aber kann das Gespräch von Mensch zu Mensch, über den trennenden Graben hinweg, von großer Bedeutung sein; einfach zu beweisen, daß wir jene aggressiven Absichten nicht haben, die uns der Kreml in der russischen Bevölkerung unterschiebt. Den sowjetischen Führern ist es, insbesondere im Zusammenhang mit dem 2. Weltkrieg, gelungen, die sowjetische Bevölkerung mit Furcht und Mißtrauen zu erfüllen, der „kapitalistische Westen“ wolle ihr die „Errungenschaften des Sozialismus“ entreißen. Dieses Trauma zu zerstören, kann jedes Gespräch fördern.

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Zu Ehren der Gefallenen und Vermißten des Großen Vaterländischen Krieges entzündete man gestern auf dem Platz des Sieges in Wladimir 78 Kerzen. Tatjana Oserowa erinnerte mit folgendem Text an die Schrecken des Krieges, mit dem die Wehrmacht am 22. Juni 1941 die UdSSR überzogen hatte:

Können Sie sich vorstellen, was wir in unserer Nachkriegskindheit für Träume hatten? Alle Erwachsenengespräche drehten sich ja um ihn, um den Großen Vaterländischen Krieg, der so viele Verwandtenschicksale verkrüppelt, uns die liebsten und besten Angehörigen genommen hatte. Wir nahmen diese Familienerzählungen regelrecht mit ganzem Herzen auf. Und wenn in den Kinderspielen und Kinderzeichnungen diese Thema der Russen und Deutschen noch immer fortlebt, wenn bis heute in den Alben rotbesternte Flieger den Himmel durchkreuzen und Panzer mit dem faschistischen Hakenkreuz herumfahren, wie war das dann erst zu unserer Zeit!

Wie wir Pioniere uns da unsere Heldentaten an der Front vorstellten. Was wir uns da für Schliche einfallen ließen, um das rote Banner zu retten, den Feind in eine Falle zu locken, die Partisanen vor einer tödlichen Gefahr zu warnen. Weil einfach alle Filme, Bücher und Erzählungen in den Lehrbüchern davon handelten. Die Jungs in unserer Klasse fragten in den Büchereien ausschließlich nach Geschichten über den Krieg und Späher, es gab kein anderes Thema für sie.

Der Traum, der mich in der Kindheit verfolgte und quälte ging so. Unsere Stadt wird von den Deutschen eingenommen, alle Angehörigen sind bereits tot. Ich, das kleine Mädchen, bin alleine und verstecke mich in einem Schuppen hinter Holzscheiten, unter einem Heuhaufen. Dann kommen die Deutschen herein und prüfen mit ihren Bajonetten, ob da nicht jemand zu finden sei. Die scharfe Klinge trifft mich, aber wunderbarerweise gelingt es mir, mit einem Tuch das Blut an ihr abzuwischen. Sie gehen wieder… Ich bin gerettet, bleibe am Leben! Aber ich möchte nichts mehr, als von dort davonlaufen – mit einem wilden Schrei des unerträglichen Schreckens und Grauens.

So litten die Kinder der Kriegszeit, von den Erwachsenen Kriegsteilnehmern ganz zu schweigen. Sie blieben auch in ihren Träumen noch lange im Krieg, kämpften weiter Seit an Seit mit ihren Angehörigen, die in den Krieg gezogen waren und nicht mehr zurückkehrten.

Weltkriegsveteran Nikolaj Schtschelkonogow und Gouverneur Wladimir Sipjagin am 22. Juni 2019 im Gespräch auf dem Platz des Sieges

Eine jener wunderbaren Wendungen der Geschichte: Die Autorin heiratete später den Deutschdozenten Genrich Oserow, der die Städtepartnerschaft maßgeblich gestalten half, und ihre Tochter Natalia sollte, engstens mit Erlangen verbunden, zu einer der führenden Germanistinnen Wladimirs werden.

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