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Archive for the ‘Geschichte’ Category


Noch Anfang Mai bot sich dem Besucher des Klosters der Heiligen Boris und Gleb in Kidekscha bei Susdal ein verwirrendes Bild: eine öffentliche Toilette neuester Bauart, geschlossen und ohne Zugang, seit einem Jahr.

WC in Kidekscha

Nun wird bekannt, daß dem WC, das zunächst viel näher an der Kirche stand, auch noch die Anschlüsse fehlten. Unlängst wollte man deshalb die Stromleitungen verlegen, doch offenbar ohne sich vorher die notwendige Genehmigung der Aufsichtsbehörde einzuholen. Jetzt wurden die Arbeiten nach einem Hinweis von Anwohnern eingestellt, und der Lokus bleibt vorderhand weiter geschlossen.

Boris- und Gleb-Kirche in Kidekscha

Schon merkwürdig, wenn eine derartige Unterlassungssünde ausgerechnet auf dem Gelände des ältesten erhaltenen Kirchenkomplexes der Region Wladimir begangen wird, ausgerechnet hier, wo die später heiliggesprochenen Söhne des Großfürsten Wladimir, Boris und Gleb, während des Gebets von ihrem Bruder Swjatopolk ermordet wurden, ausgerechnet hier, wo Jurij Dolgorukij, der Gründer von Moskau, zu Ehren der Märtyrer 1152 eine Kirche errichten ließ, die Aufnahme in die Liste des Weltkulturerbes der UNESCO fand und als frühes Vorbild für die späteren Sakralbauten aus weißem Muschelkalk der Wladimirer Rus gilt.

St. Stefan im Kidekscha-Ensemble

Besonders merkwürdig auch, weil an diesem geschichtsträchtigen Ort am Ufer der Nerl auch eine Siedlung aus dem siebten bis dritten Jahrhundert vor Christi und ein Dorf aus dem 11. bis 13. Jahrhundert nach Christi nachgewiesen sind, jede Grabung also Schätze der Vergangenheit zutage fördern könnte. Schon ein wenig anrüchig, wenn ausgerechnet die Museumsleitung, der die Anlage untersteht, für zwei Millionen Rubel an einem Ort eine Bedürfnisanstalt einrichtet, die wohl noch einige Zeit dem Genius loci gehörig die Nase hochgehen dürfte.

Hier spricht Kidekscha

Dennoch: Ein Besuch in Kidekscha lohnt immer. Besonders auch ein Blick in die von den Mongolen verwüstete und gleich darauf wieder renovierte Boris-und-Gleb-Kirche, die im Innern mit einzigartigen Fresken aus dem 12. Jahrhundert überrascht: zwei Vögel und ein Blumendekor mit ineinander verwundenen Stengeln und Blüten.

Der Schiefe Turm von Kidekscha

Und dann steht da ja noch der „Schiefe Turm“ von Kidekscha, mit sechs Grad Neigung schäpser als sein – hätten Sie’s gewußt – bekannteres Pendant in Pisa. Da kann man auch einmal alle Fünfe gerade sein lassen und den Ärger mit dem Spruch ausklingen lassen: „Das Örtchen ist, da darf man lachen, / ein Ort, um in Ruhe Krach zu machen.“

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„Für die guten Gaben will ich Euch alle loben, doch sollt Ihr dran denken: Der Segen kommt von oben.“ So lautet der Tagesspruch in der Herrnhuter Kirche von Sarepta in Wolgograd. Und man möchte wirklich an diesen Segen glauben, wenn man sich die gut 250jährige Geschichte der deutschen Missionare vergegenwärtigt, die zwar mit der Bekehrung der nomadisierenden Steppenvölker – sie bekannten sich bereits zum Buddhismus – nicht so recht vorankamen, dafür aber Wirtschaft, Kultur und Wissenschaft am Unterlauf der Wolga einen gewaltigen Anschub gaben.

Innenraum der Kirche von Sarepta, der Herrnhuter Gemeinde zu Wolgograd

Ein Segen ruht wohl auch auf der 1991 wiedergegründeten 200-Seelen-Gemeinde mit ihrem deutsch-russischen Pastor, die sich über die Unterstützung aus Deutschland freuen kann, etwa in Gestalt der Kirchenorgel, die gern auch für Konzertveranstaltungen genutzt wird. Dennoch, der alte Glanz ist dahin. Dort, wo noch vor dem 1. Weltkrieg etwa 6.000 Deutsche und Russen zusammenlebten, prägt heute der sowjetische Wohnungsbau das Bild, während aus der Zeit der Siedler nur noch wenige Gebäude stehen, die zum Teil erst noch restauriert werden wollen. Eine Aufgabe für die deutsch-russische Zukunft, die freilich einen guten Anfang genommen hat.

Mit dem Fahrrad zur Kirche

Auch die orthodoxe Kirche steht erst am Anfang ihres Wiedererstehens. Was die Bomben der deutschen Luftwaffe und die Straßenkämpfe während der Schlacht um Stalingrad nicht schon zerstört hatten, verfiel in der Nachkriegszeit. Dafür entstehen jetzt vielerorts Kirchen und Kapellen, sogar der Wiederaufbau der Kathedrale im Zentrum kommt rasch voran.

Parkplatz für Fahrräder

Neuerdings kommt sogar der Kirchgang per Fahrrad in Mode. Die Infrastruktur dafür macht jedenfalls Fortschritte. Ein wenig mehr Radverkehr könnte es dann aber schon sein. Allerdings nur abseits der Hauptstraßen mit ihren Abgaswolken und ungeduldigen Autofahrern, wo für Pedale noch kein Platz vorgesehen ist.

Laufen oder radeln in Wolgograd?

Und die Schilder sind bisweilen nicht ganz entschieden…

Doch besser laufen?

Dann vielleicht als Alternative doch lieber laufen, zumal die Schaufensterwerbung Lust darauf macht.

Wegweiser an der Wolga-Promenade

Verlaufen kann man sich jedenfalls nicht in Wolgograd, wo sich alles auf einem engen Streifen entlang dem Strom ausrichtet, wo auf einer Länge von 90 km knapp über eine Million Menschen leben. Allenthalben Wegweiser, wenn auch nicht überall so ganz ernst gemeint, ansonsten allenthalben offene Einheimische, die den Fremden gern weiterhelfen.

Pjotr und Fewronia aus Murom in Wolgograd

Und schon steht man vor dem Denkmal für die das heilige Paar, Pjotr und Fewronia, die in Murom als Ordensleute lebten, schließlich doch zusammenfanden und heute als Patrone der Eheleute verehrt werden: https://is.gd/11eMo4

Geschlossenes Kaufhaus über der einstigen Kommandostelle von Friedrich Paulus

Weit hat man es zu Fuß auch nicht bis zu jenem Ort, wo sich Friedrich Paulus mit seinem Stab verbarrikadiert hatte. Von hier brachte man den treuen Statthalter des Führers dann nach Susdal in die Gefangenschaft, bevor er, wenig erfolgreich, als Sprachrohr der Antifa agierte und später in die DDR entlassen wurde, wo er ebenfalls scheiterte.

Platz der Gefallenen Kämpfer, wo am 31. Januar 1943 Generalfeldmarschall Paulus mit seinem Stab in Gefangenschaft geriet.

Hätte er nur den Mut aufgebracht, sich der Order seines obersten Befehlshabers zu widersetzen! Am Verlauf des Krieges hätte es nichts geändert, aber ungezählte Menschenleben wären gerettet gewesen, unsägliches Leid wäre nie geschehen.

Architektur des Himmels über Wolgograd

Die gemeinen Gefangenen hatten es weniger komfortabel. Und sie hatten den Wiederaufbau der Stadt zu leisten. Ganze Straßenzüge zeugen noch heute von ihrer Hände Arbeit. Die Wiedergutmachung blieb Sache jener, die mitgelaufen waren, in Reih und Glied marschierten und parierten.

Herrenausstatter „Kanzler“

Über die Geschichte der Schlacht berichtete der Blog bereits ausführlich vom 5. bis 7. Juni 2016, nachzuschlagen unter https://is.gd/lp1o8y, https://is.gd/y30KT0 und https://is.gd/tba6V0. Heute deshalb zum Ausklang „nur“ ein Zitat aus einem Gedicht ohne Titel von Georgij Iwanow, übersetzt von Kay Borowsky:

Moskau und „Westfalika-Schuhe“

Rußland ist Schweigen, der Asche Spur. / Vielleicht besteht es aus Zittern nur.

Deutsche Schuhe

Ein Lagermorgen bescheint das Land, / für das die Welt keinen Namen fand.

Die „deutsche“ Weihnacht läßt grüßen

Da kommt einem wieder jener Segen von oben in den Sinn, wenn man all den Attributen des Alltags begegnet, mit denen man heute in Wolgograd Deutschland – auch – verbindet.

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Hört man den Namen „Wolgograd“, denkt man natürlich gerade als Deutscher zunächst an die gnadenlose Zerstörung einer ganzen Stadt, damals nach Stalin benannt, an unendliches Leid, das zur Wende im Zweiten Weltkrieg führte. Aber es gibt hier, am längsten Strom Europas, auch eine friedliche Geschichte des Miteinanders von Russen und Deutschen, die im grausamen Strudel des Unternehmens Barbarossa untergegangen schien.

Mutter Heimat auf dem Mamajew-Hügel in Wolgograd

Auch hier vor Ort hatte man diesen Teil des einstigen Miteinanders fast vergessen, die Gebäude dem Fraß der Zeit überlassen. Nun aber erinnert ein Museum an eine fruchtbare Zeit, die zurückreicht in die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts, als eine fünfköpfige Gesandtschaft der Herrnhuter Brüdergemeinde etwa 30 km südlich von Zarizyn, dem heutigen Wolgograd, an der Sarpe am 14. September 1765 auf Einladung von Zarin Katharina II ihre fast 7.000 ha große Kolonie gründete. Angeführt von Daniel Fick, verfolgten die deutschen Missionare zwar hauptsächlich das Ziel, die nomadisierenden Völker im Südosten des Russischen Reichs zum Christentum zu bekehren, doch die Männer in der Nachfolge von Jan Hus, die ihre Siedlung nach dem Vorbild von Herrnhut in der Niederlausitz bauten und den Ort nach dem Zitat aus dem 1. Buch der Könige nannten: „Mach dich auf, und geh nach Sarepta…“, brachten auch andere Tugenden und Errungenschaften mit in die Steppe.

Aushang am Museum

Die „Himmelsstadt“ hatte die Form eines Kreuzes, Zentrum und Friedhof waren angelegt wie der blühende Paradiesgarten, und die Gemeinschaft kannte keine Unterschiede zwischen Rassen und Klassen. Zur Grundausstattung der Herrnhuter gehörten nationale und konfessionelle Toleranz, weshalb auch rasch Kalmücken Aufnahme fanden, wenn sie denn das ihnen von Gott zugedachte Los annahmen. Dieses Geschick bestimmte auch das Eheleben, denn die Frauen wurden den Männern lange Zeit zugelost. Die Braut ging nämlich nur eine stellvertretende Ehe mit ihrem irdischen Gatten ein, das Ja-Wort gab sie eigentlich ihrem himmlischen Bräutigam, Jesus Christus. So schickte man sich denn auch in Tod eher als in ein stilles Fest, während man sein Erdendasein im Geist der Askese, des Fleißes und der Barmherzigkeit annahm. Das öffentliche Leben war streng in Gemeinschaften, Chöre genannt, geregelt, aufgeteilt nach Knaben, Mädchen, ledigen Brüdern und Schwestern, verwitweten und verheirateten Mitgliedern, die auch in der Kirche und auf dem Friedhof ihren festen Platz und sogar ihre eigenen Lieder für alle Lebenslagen hatten.

Im Zentrum von Sarepta

Das Los wollte es auch, daß die Herrnhuter an der Wolga den Bauernkrieg von 1774 ebenso überstanden wie die Überschwemmungen im Jahr 1823. Erst die Oktoberrevolution und die nachfolgenden Repressionen durch die Kommunisten setzen der Gemeinschaft ein böses Ende mit Vertreibung und Tod. Doch die Erinnerung an diese Deutschen bleibt, die Sarepta zu einem kulturellen und wirtschaftlichen Zentrum am Unterlauf der Wolga machten.

Kirche aus dem Ende des 18. Jahrhunderts

Sie brachten Senf und Kartoffeln her und begannen sogar den landesweit nördlichsten Anbau von Wein. Die hier hergestellten Produkte wie Balsam oder Pfefferkuchen fanden weit über die Region hinaus Absatz, das hier gebraute Melonenbier galt sogar als Wundermittel für Schwangere. Textilien, Ziegel, Tabak, Seife… Eine lange Liste von Artikeln ließe sich zusammenstellen, die innerhalb der heutigen Stadtgrenzen von Wolgograd produziert wurden. Hier baute man die erste Wasserleitung, den ersten Aufzug, das erste Museum, die erste öffentliche Bibliothek, den ersten Kindergarten des südlichen Teils des Zarenreichs. Sogar der Grundstein für die russische Photographie wurde hier gelegt. Nirgendwo sonst gab es so viele Gelehrte im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung, nirgendwo bessere Ärzte, nirgendwo mehr Möglichkeiten für einen Kuraufenthalt, hatte die Gemeinschaft doch in einer Pionierleistung mineralische Quellen und Schlammvorkommen erschlossen, die vor allem Aristokraten schon im 18. Jahrhundert zu schätzen wußten.

Haus der unverheirateten Frauen, erbaut Ende des 18. Jahrhunderts

Heute erinnert ein bereits 1989 aufwendig eingerichtetes Museum an jene Zeit dieser stillen und arbeitssamen Verkünder des Evangeliums, die nicht viel von lärmendem Zeitvertreib hielten und lieber singend und betend den Herrn priesen.

Stalingrad

Aber – welch ein Mißverständnis später im Dritten Reich! – die freikirchliche Gemeinschaft begrüßte in ihrer Mehrheit durchaus die Machtergreifung der Faschisten. Noch 1941 hieß es beispielsweise im Wochenblatt „Herrnhut“ zum „Geburtstag des Führers“: „Der Weg Adolf Hitlers zum Führer des deutschen Volkes und zum obersten Befehlshaber der Deutschen Wehrmacht ist so eigenartig, daß es den Generationen, die nach uns kommen […] als ein kaum faßbares Wunder erscheinen wird.“ Welch ein Irrglaube an ein Wunder, das vor 75 Jahren im gottlosen Inferno von Stalingrad endete. Welch ein kaum faßbares Wunder der Geschichte, wenn heute Deutsche und Russen wieder füreinander da sein können.

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Am Wochenende nach dem westkirchlichen Osterfest hatte ich Gelegenheit, Cumiana, eine mit Erlangen seit 2001 befreundete Stadt im Piemont, Norditalien, zu besuchen. Gemeinsam mit einer offiziellen Delegation bestehend aus Stadträtin Gabriele Kopper als Vertreterin des Oberbürgermeisters Florian Janik, und ihrem Stadtratskollegen, Christian Lehrmann, sowie Manfred Kirscher als Vertreter des Erlanger Bündnisses für den Frieden folgte ich der Einladung aus Cumiana, an den diesjährigen Gedenkfeierlichkeiten für die Ermordung von 51 Männern am 3. April 1944 durch ein Wehrmachtskommando teilzunehmen.

Die Erlanger Cumiana-Delegation vor der Abreise im Rathaus: Fredi Schmidt, Christian Lehrmann, Gabriele Kopper, Kristina Kapsjonkowa und Manfred Kirscher

Im Zweiten Weltkrieg kam es in den Tälern des Piemonts zu Partisanenkämpfen. In Cumiana wurden am 3. April 1944 unter dem Befehl eines SS-Offiziers aus Erlangen 51 Männer unterschiedlichen Alters erschossen. Das jüngste Opfer war erst 16 Jahre alt! Was für eine schreckliche Zeit!

Ankunft bei den Freunden in Cumiana

Seit 2001 reisen alljährlich offizielle Vertreter und Delegierte verschiedener Organisationen aus Erlangen nach Cumiana, um die Verbundenheit mit den Angehörigen der Opfer zu zeigen. Im Laufe der Jahre hat sich zwischen Erlangen und Cumiana eine tiefe Freundschaft auf alles Ebenen  nach dem Motto entwickelt: Ohne die fürchterliche Vergangenheit zu vergessen, alles zu tun, um in Zukunft solche Verbrechen unmöglich zu machen.

Christian Lehrmann, Paolo Poggio (Bürgermeister von Cumiana) und Gabriele Kopper

Während der zwei Tage meines Aufenthaltes in Cumiana habe ich sehr viel Beeindruckendes erlebt und sehr viele interessante und nette Leute kennengelernt. Ich wurde überall überaus freundlich und herzlich empfangen und konnte die traditionelle italienische Gastfreundschaft erleben.

Schweigeminute

Gleich am ersten Abend nahm ich an der Seite einer großen Anzahl Cumianesi an einem eindrucksvollen Fackelzug zum Ort der Erschießung teil, abgeschlossen von einer Schweigeminute. Am nächsten Tag wurden Kränze am Monument auf dem Friedhof des Ortes niedergelegt – in Gegenwart von noch lebenden Zeitzeugen und Angehörigen der Opfer. Ich sah Tränen in den Augen vieler Anwesender und konnte mir die Schrecken und  Schmerzen jeder furchtbaren Zeit vorstellen. Eine der Frauen, die ich kennenlernte, verlor bei dem Massaker vier Angehörige, unter anderen ihren Vater!

Christian Lehrmann und Gabriele Kopper mit Angehörigen der Opfer

Am letzten Tag gab es in der schönen Kirche eine Messe, gefolgt von einem Konzert  junger Streicher und einer Darbietung des Chores von Cumiana. Ich war sehr überrascht, auch eine russischsprechende Lehrerin kennenzulernen.

Gedenktafel für die 51 Opfer am Ort ihrer Erschießung

Zurückblickend hat diese Reise auf mich einen sehr nachhaltigen Eindruck gemacht. Die positive Einstellung der Cumianesi zu Vergangenheit und Zukunft, deren wunderschön melodiöse Sprache, ihre unübertreffliche Gastfreundschaft, die leckeren Speisen (mindestens sechs Gänge  pro Essen) und auch die herrliche Lage am Fuße der Westalpen werde ich nie vergessen!

Paolo Poggio, Christian Lehrmann, Gabriele Kopper und Manfred Kirscher im Gedenken an die Opfer auf dem Friedhof von Cumiana

Cumiana hat mein Herz erobert!

Gedenken an die Opfer

Es hat mich sehr gefreut, daß sich trotz der Kriegsgreuel eine so tiefe Freundschaft und so ein gegenseitiges Verständnis entwickeln konnte. Als Studentin aus Wladimir würde ich mir eine Kontaktaufnahme zwischen meiner Stadt und Cumiana sehr wünschen – gibt es doch so viele Parallelen!

Kristina Kapsjonkowa

 

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Die Leibeigenschaft gehört zu den schweren Kapiteln der russischen Geschichte. Ausgerechnet unter der aufgeklärten Zarin Katharina I aus dem Fürstentum Anhalt-Zerbst nahm diese Art des Frondienstes besonders grausame Züge an, die Entrechtung der Bauern, die von ihren Gutsherren oft als Pfand bei Glücksspielen eingesetzt oder gegen Windhunde eingetauscht wurden, nahm oft skandalöse Ausmaße an und unterschied sich wohl nur noch formell von der Sklaverei mit ihrem – vor allem in der Neuen Welt – rassistischen Merkmal. Das Russische Reich schaffte unter Zar Alexander II die Leibeigenschaft als letzter Staat Europas im Jahre 1861 ab, immerhin aber noch vier Jahre vor der Aufhebung der Sklaverei in den USA.

Sergej Korowin: Vor der Auspeitschung

Nun lenkt der Wladimirer Journalist, Dmitrij Artjuch, die Aufmerksamkeit auf einige besonders unbarmherzige Fälle der Leibeigenschaft in seiner Heimatstadt, wo es vor 160 Jahren, also sozusagen am Vorabend der Bauernbefreiung, noch einmal zu unglaublichen Exzessen vor allem eines Großgrundbesitzers mit Namen Iwan Sadajewo-Kaschanskij kam. Für „rotzfreche Vergehen und nichthinnehmbares Verhalten“ schickte er ganze Familien – er hatte ja die Gerichtsbarkeit über seine Seelen inne – nach Sibirien. Dabei hatten sie sich nur geweigert, dem Befehl zu folgen, in andere Dörfer umzuziehen und dort wesentlich unfruchtbarerer Böden zu bestellen, also unter erschwerten Bedingungen die Fron zu erwirtschaften. Den weiten Weg bis Tobolsk, den Verbannungsort, mußten die Männer in Gewaltmärschen in Fußschellen, die Frauen und Kinder unter strenger Aufsicht zurücklegen, andere zwang man als Rekruten in die Armee. Vorher aber noch bekamen die „aufsässigen Bauern“ noch die Rute zu spüren. In einem seiner Dörfer hatte der Grundherr einen „Strafraum“ eingerichtet, wo die Züchtigungen vorgenommen wurden. Es heißt, die Wände seien dort rot vom Blut der Malträtierten gewesen.

Der Ukas von Zar Alexander II zur Abschaffung der Leibeigenschaft

Doch die Geschichte nimmt einen tröstlichen Ausgang. 70 Bauern im Besitz der Familie Sadajewo-Koschanskij machten sich nach Wladimir auf, um sich über die Willkür ihres Gutsherrn zu beschweren. So kurz vor der Abschaffung der Leibeigenschaft nahmen die Behörden die Klage ernst, reichten die Eingabe weiter an den Hof nach Sankt Petersburg, und dort erging am 27. Juli 1858 der Ukas des Zaren, Iwan Sadajewo-Koschanskij seines Postens als Vorsitzender des Adelsrats der Wladimirer Kreisstadt Sudogda zu entheben und die Güter seiner Familie unter die Kontrolle des Staates zu stellen. Mehr noch, die Familie mußte in ihrem Anwesen in Wladimir bleiben und durfte nicht mehr auf ihre Güter zurück und dort Bauern zur eigenen Bedienung anstellen oder auch nur Anstalten machen, sich neue Leibeigene zu erwerben. Und die Verbannten? Sie waren mittlerweile schon in Perm angekommen und brauchten nun nicht weiter bis nach Sibirien ziehen. In ihre Dörfer um Wladimir kehrten sie zwar nicht zurück, aber immerhin siedelte man sie auf Staatsgütern im Gouvernement Kurgan im Ural an, wo sich ihre Spuren verlieren, wo sie aber hoffentlich ein erträgliches Auskommen fanden.

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Längst gehört Wladimir zu den Städten, wo immer wieder Reportagen und Filme gedreht werden – am bekanntesten wohl das Meistwerk „Andrej Rubljow“ von Andrej Tarkowskij -, aber schwierig ist zu sagen, wann erstmals in der Partnerstadt die Bilder das Laufen lernten. Anfang des 20. Jahrhunderts muß es wohl gewesen sein, denn es gibt Belege für Aufnahmen, entstanden 1913 beim Besuch des Zaren Nikolaus II zum 300jährigen Jubiläum des Geschlechts der Romanows, sogar im Juni 1908 soll die Beisetzung von Erzbischof Nikon gedreht worden sein. 1922 dann entstand eine Reportage über die Feiern zum Internationalen Tag der Jugend in Wladimir, bis dann ab Mitte der 40er Jahre Motive aus der Stadt an der Kljasma regelmäßig in sowjetischen Kinochroniken auftauchten.

Wladimir im Januar/Februar 1929

Nun hat die Internetplattform Zebra-TV im Zentralen Filmarchiv Moskau einen kurzen Streifen aus der Reihe „Sowjetisches Kinojournal“ aufgekauft und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht, entstanden 1929, in der Periode der Neuen Ökonomischen Politik und einer verschärften Politik gegen Kirche und Religion. Der kaum eine Minute lange Stummfilm unter dem Titel „Eine gottesfürchtige Stadt wird gottlos“ zeigt u.a. ein Panorama, gesehen vom längst abgerissenen Feuerwachturm, sowie Szenen wohl aus dem Januar oder Februar unter dem Motto: „In der Stadt gibt es 32 Kirchen, 27 wurden auf Forderung der Arbeiter geschlossen.“

Glockenspiel

Zu sehen sind neben seltenen Szenen aus dem Straßenleben vor allem Aufnahmen von der Profanisierung und Zerstörung von Glocken, die wohl später eingeschmolzen wurden und zu St. Nikolaj am Goldenen Tor gehörten, die bereits ein Jahr später geschleift und nicht mehr wiederaufgebaut wurde. Szenen, zu denen Friedrich Schiller wohl gesagt hätte: „Nichts Heiliges ist mehr, es lösen / sich alle Bande frommer Scheu; “ der Gute räumt den Platz dem Bösen, / und alle Laster walten frei…“ Beeindruckend jedenfalls der Kontrast zwischen einer alten Frau, die nicht so ganz glücklich über das scheint, was sich da abspielt, und den Jungs, die ihren Schabernack mit den gefallenen Glocken treiben. In jedem Fall ein wertvolles Zeitzeugnis, hier zu sehen unter: https://is.gd/GJQ1JR

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In das Jahr 1628 geht die erste Erwähnung der Freitagskirche in Wladimir zurück. Das der Ikone der Gottesmutter vom Zeichen geweihte Gotteshaus, ganz im Zentrum der Stadt gelegen, hatte eine Gemeinde von gut eintausend Seelen und wurde unter den Bolschewisten 1929 geschlossen. Bis in die 50er Jahre hinein nutzte man das seines Glockenturms beraubte Gebäude für weltliche Zwecke, etwa auch als Dach für die Philharmonie.

Freitagskirche Anfang des 20. Jahrhunderts

1960 folgte dann der Abriß, und in die entstandene Lücke baute man ein sowjetisches Pfannenkuchenhaus, wo es lange vor der weltweiten Einführung des Begriffs „Fast Food“ für alle, die bei aller Eile etwas Leckeres essen wollten, Wladimirs beste Bliny zu genießen gab.

Karfreitagskirche 1958

Bis es dann, frei nach Wilhelm Buch, vor drei Jahren hieß: „Also lautet der Beschluß, daß man wieder beten muß.“ Der Abbruch des Zeugnisses sowjetischer Architektur rief zwar einigen Widerstand hervor, aber die gegenwärtige Linie, wonach – horribile dictu – auf Teufel komm raus jede Kapelle aus den Ruinen auferstehen soll, setzte sich im Frühjahr 2016 durch.

Blintschiki kurz vor dem Abriß

Doch die Baustelle ruht seit einiger Zeit, der Mäzen, ein lokaler Bauunternehmer schlägt sich derzeit mit dem Fiskus und Staatsanwalt herum, hat also ganz irdische Sorgen und offenbar auch nicht mehr das nötige Kleingeld, um die Kirche wiederzuerrichten. Und so wird man sich vorerst an die Baulücke, nur wenige Steinwürfe vom Kathedralenplatz entfernt, gewöhnen müssen.

In Erwartung des Wiederaufbaus

Unterdessen hatten sich aber im Sommer 2015 die Archäologen in die Tiefe unter den Fundamenten gegraben und brachten eine ganze Nekropole ans Tageslicht. Ihren Schatz stellten sie jetzt vor, wie Zebra-TV berichtet.

Grabungen

In der Tat gab es hier einiges zu heben und zu bergen, befand sich doch vermutlich seit der Mitte des 16. Jahrhunderts bis Ende des 18. Jahrhunderts an dieser Stelle ein Friedhof. Auf einer Fläche von 370 qm entdeckte man 112 Gräber, größtenteils aus dem 16. und 17. Jahrhundert.

Memento mori

Die Funde mit dem Vermerk „Memento mori“ lagerte man zunächst im einst so belebten und nun leergeräumten Schnellrestaurant „Blintschiki“, bevor sie in Moskau näher untersucht wurden. Ersten Ergebnissen zufolge lag in Wladimir die Lebenserwartung von Männern bei 39 Jahren, Frauen starben im Schnitt schon mit 36 Jahren, und die Kindersterblichkeit lag bei 65%. Deutlich zu erkennen auch die harten Lebensbedingungen der Menschen. Die sterblichen Überreste weisen Spuren schwerer körperlicher Arbeit ebenso auf wie Anzeichen für gutartige Geschwüre, Entzündungen, venöse Insuffizienz, behandelte Brüche des Nasenbeins oder der Extremitäten, Zahnerkrankungen und altersbedingte Gelenkveränderungen. Viel Material für neue wissenschaftliche Erkenntnisse und wohl auch die Einsicht, daß in der „guten alten Zeit“ wohl auch nicht immer alles besser war als heute in dieser besten aller Welten.

 

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