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Archive for the ‘Geschichte’ Category


MItglieder der russisch-orthodoxen Gemeinde waren ebenso zur Kranzniederlegung gestern am frühen Nachmittag auf den Zentralfriedhof gekommen wie zwei Fahnenträger des Kriegerbundes Möhrendorf, der seit den 90er Jahren freundschaftliche Verbindungen zu den Veteranen aus Wladimir unterhält, das Erlanger Bündnis für den Frieden, viele Interessierte und, worüber sich Florian Janik besonders freute, mit der Frauenärztin, Natalia Denissowa, auch eine Vertreterin der russischen Partnerstadt – alle zu Ehren der hier bestatteten 271 und in Erlangen verstorbenen Kriegsgefangenen aus der Zarenarmee. Das letzte Zeugnis und Grabmal, wie der Oberbürgermeister betonte, das hier an den 1. Weltkrieg erinnert, der am Sonntag vor 100 Jahren als erster „industriell geführter Waffengang“ sein Ende fand und dann doch noch ein weit schlimmeres Morden hervorbrachte, den Zweiten Weltkrieg. „Aber Kriege“, so Florian Janik „fallen nicht vom Himmel. Sie werden von Menschen gemacht. Und Menschen können Kriege auch verhindern.“ Etwa auch mit Hilfe von Städtepartnerschaften wie mit Wladimir und Rennes. Aus der Bretagne war zwar niemand angereist, aber das dortige Friedensbündnis hatte eine Botschaft gegen den Krieg geschickt, die verlesen wurde. Wohl den Menschen, die solche Bündnisse und Partnerschaften aufbauen und pflegen. Heute und alle Tage, „damit diese Gräber die letzten sein mögen“, wie Erlangens Oberbürgermeister es ausdrückte.

Manfred Kirscher, Natalia Denissowa, Florian Janik und Pfarrer Anatolij; im Hintergrund Siegfried Beuerlein und Fritz Rösch

Oder mit den Worten des Leiters der französischen Auslandsvertretung der Ochrana, des Geheimdienstes des Russischen Reiches, die ihm Umberto Eco in seinem Roman „Der Friedhof in Prag“ in den Mund legt:

Jemand hat gesagt, der Patriotismus sei die letzte Zuflucht der Kanaillen – wer keine moralischen Prinzipien hat, wickelt sich gewöhnlich in eine Fahne, und die Bastarde berufen sich stets auf die Reinheit der Rasse. Die nationale Identität ist die letzte Ressource der Entrechteten und Enterbten. Doch das Identitätsgefühl gründet sich auf den Haß, Haß auf den, der nicht mit einem identisch ist. Daher muß man den Haß als zivile Leidenschaft kultivieren. Der Feind ist der Freund der Völker. Man braucht immer jemanden zum Hassen, um sich im eigenen Elend gerechtfertigt zu fühlen. Haß ist die wahre Ur-Leidenschaft. Liebe ist eine Ausnahmesituation. Deswegen haben sie Christus umgebracht: Er sprach wider die Natur. Man kann nicht jemanden das ganze Leben lang lieben, aus dieser unmöglichen Hoffnung entstehen Ehebruch, Muttermord, Freundesverrat… Dagegen kann man jemanden sehr wohl das ganze Leben lang hassen. Vorausgesetzt, er ist immer da, um unseren Haß zu schüren. Haß wärmt das Herz.

Wir wissen alle, der Haß ist zurück: auf den Straßen, im Internet, in den Herzen. Wir wissen, wohin das führt. Aber wir wissen auch, Freundschaft wärmt das Herz nicht minder. Wir haben die Wahl.

 

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Heute in acht Tagen jährt sich zum einhundertsten Mal das Ende des Ersten Weltkriegs. Aus diesem Anlaß legt Oberbürgermeister Florian Janik am 11. November um 14.15 Uhr an den sogenannten Russengräbern auf dem Zentralfriedhof einen Kranz nieder. Wer sich an der kleinen Gedenkfeier beteiligen möchte, ist herzlich eingeladen.

Zum Hintergrund hier einige Auszüge aus einem von Andreas Jakob, dem Leiter des Stadtarchivs, bereits vor vier Jahren publizierten Aufsatz:

Am 14. August 1914 wurde die Bevölkerung in Erlangen zum ersten Mal mit einem mahnenden, in moralisierender Weise das typische deutsche Selbstverständnis spiegelnden Aufruf auf den künftigen Umgang mit den bald erwarteten Kriegsgefangenen vorbereitet:

Es möchte im Hinblick auf manche sehr beschämende Vorkommnisse im Jahre 1870 am Platze sein, darauf hinzuweisen, daß Kriegsgefangenen gegenüber nationale Würde und Wohlanständigkeit gewahrt werden müssen. An den Fingern dieser Franzosen klebt deutsches Blut; jeder von ihnen hat wohl viel hundertmal schon auf die Herzen unserer Brüder draußen im Felde gezielt. Wir wollen dies den Kriegsgefangenen nicht entgelten lassen durch eine Behandlung, die auf Anstand und Wohlerzogenheit keine Rücksicht nimmt und zu Beschimpfung und Spott greift; denn auch sie haben für ihr Vaterland gekämpft. Aber weit entfernt müssen wir alle – Männer und Frauen, Jünglinge und Mädchen – davon sein, ihnen nachzulaufen wie Wundertieren, sie anzustaunen, ja vielleicht auch anzuschmachten, als seien sie des Mitleids und der Verehrung wert, weil sie Fremde sind – wofür der biedere Deutsche bekanntermaßen immer eine besondere Schwäche hat! Das Volk sitze peinlich zu Gericht über alle jene, die etwa nicht danach handeln. Solche Leute wären nicht wert, fürderhin von ihren Mitbürgern geachtet zu werden.

Damals gab es noch gar keine Gefangenen in Erlangen, doch als sie dann in einem im Stadtosten eigens eingerichteten Lager angekommen waren, kam es dann doch zu Freund-Feind-Begegnungen, die streng geahndet wurden:

Weil eine „Gütlerstochter von Adlitz […] mit einem russischen Kriegsgefangenen intim verkehrt hatte“, erhielt sie einen Strafbefehl über sechs Wochen Gefängnis, den das Schöffengericht Erlangen, ihren Einspruch verwerfend, bestätigte.

Auch Fluchtversuche kamen vor:

Ueber die Ergreifung der entwichenen russischen Offiziere: In der Nacht zum Pfingstmontag bemerkten einige Burschen von Windsbach (bei Ansbach), wie sich an einem Bauernhaus 2 Mannspersonen in deutscher militärischer Uniform niedergelassen hatten. Als sie sich die Fremdlinge näher ansehen wollten, ergriffen diese die Flucht. Allein sie wurden bald eingeholt und der Gendarmerie übergeben. Dort stellte sich heraus, daß die Fremden die zwei russischen Offiziere waren, die vor einigen Tagen aus Erlangen flüchtig gegangen waren

Mit dem Ende des Krieges wurden vor allem die Franzosen und Italiener bald entlassen. 1926 exhumierte man schließlich auch ihre Toten und überführte die sterblichen Überreste in die Heimat. An diese traurige Episode der Erlanger Stadtgeschichte erinnert heute nur ein 1919 auf Betreiben der in Erlangen verbliebenen Russen auf dem Zentralfriedhof aufgestelltes, 1929 durch zwei Sarkophage, die die Gebeine der 271 in Erlangen verstorbenen russischen Kriegsgefangenen und Internierten aufnahmen, ergänztes, über zwei Meter hohes Denkmal.

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Wieder einmal sind sie fündig geworden, die Archäologen, die in der Region Wladimir Grabungen durchführen. Dieses Mal förderten sie ein in der Art bisher einzigartiges Siegel aus dem frühen 12. Jahrhundert zu Tage, das, aus Blei gegossen, einem  bisher unbekannten Damian zuzuordnen ist. Mutmaßlich handelt es sich da um einen weltlichen oder kirchlichen Würdenträger. Der Name ist deshalb so wichtig, weil es so wenig konkret zu benennende Personen gibt, die in jener Zeit in der Umgebung von Susdal lebten, wo das Artefakt gefunden wurde. Seit einem halben Jahrhundert kam kein neuer Name aus jener Epoche hinzu.

Die Besiedlung des Gebietes um Wladimir und Susdal durch Slawen setzte erst im 10. Jahrhundert ein, wobei sich die beiden Städte und ihr Umland bis zum 12. Jahrhundert rasch zum Zentrum der Alten Rus entwickelten. In dem Umfeld mit all den Adligen und ihrem Gefolge sowie der Geistlichkeit mit ihren Würdenträgern entstand eine eigene Bürokratie mit Stempeln, Petschaften und Siegeln, mit denen man die Pergamentdokumente amtlich machte. Funde dieser hoheitlichen Attribute aus der vormongolischen Periode kommen nur selten vor und sind auch deshalb von Bedeutung, weil sie auch ohne Urkunde Rückschlüsse auf Personen und ihren gesellschaftlichen Rang zulassen. Das Siegel hat einen Durchmesser von 22 mm und ist zwei Millimeter dick. Dargestellt sind darauf zwei Heilige mit rundlich-jugendlichen Gesichtern, die keinen Bart tragen. Die linke Figur hebt die Hand zum Segen, ihr Gegenstück hält einen länglichen Gegenstand, vielleicht einen Kodex oder ein Gefäß. Auf ihren Gewändern kann man im Bereich von Brust und Schultern Faltenwurf erkennen.

Das Grabungsfeld von oben

Und schließlich sind da die Buchstaben OA im Zentrum und neben den Heiligen die Lettern KOCM bzw. ДАМИАН. Daraus läßt sich der Schluß ziehen, bei den Heiligen handle es sich um Kosma und Damian, als Märtyrer und freigebige Wunderheiler verehrt, in der byzantinischen und russischen Ikonographie gern als Paar dargestellt, häufig mit einem Kreuz und einem Gefäß für die Arzneien oder mit Federn, mit denen man im Mittelalter Salben auftrug, in Händen.

Den Besitzer des Siegels kann man schließlich dank der griechischen Inschrift identifizieren: KEBO | HYHTVS | DWLVDA | MIANO( Κ[ύρί]ε βοήϑ[ε]ί τῶ σ[ω] δ[ο]υλω Δαμίανο), übersetzt: „Herr, hilf deinem Knecht Damian“. Was wohl noch so alles an Schätzen verborgen in der Wladimirer Erde liegt? Die Archäologen suchen weiter…

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„Man muß sich beeilen, wenn man etwas sehen will, alles verschwindet“, meinte einmal Paul Cézanne. Was den französischen Maler zum Pinsel greifen ließ, ist für viele Photographen heute Antrieb, nach Orten zu suchen, wo die Vergänglichkeit alles Irdischen zerfallende Gestalt annimmt. Die sogenannten „lost places“ sind die modernen Motive der Vanitas und ersetzen die Attribute Totenschädel und Sanduhr durch den mensch- und gottverlassenen Ort.

Die Region Wladimir bietet diesem Genre ein Übermaß an Anschauungsmaterial, etwa ein ehemaliges Wasserkraftwerk an der Nerl, das, vor 65 Jahren in Betrieb genommen, einmal mit vier Turbinen und einer Leistung von 525 Kilowatt das größte von 68 seiner Art werden sollte. 30 Dörfer und vier Kolchosen erhielten von hier Strom, die bis dahin ihre Elektrizität von störanfälligen Dieselgeneratoren erhalten hatten.

Eine ganze Kaskade weiterer Wasserkraftwerke sollte an der Nerl entstehen, doch bereits Anfang der 60er Jahre stellte man in der Region hauptsächlich auf Kohle, später auf Gas um, und die Bauten blieben sich selbst überlassen.

Vor acht Jahren dann noch ein Architektenwettbewerb mit dem Vorschlag, das Ensemble zu einer Wassermühle mit Gastronomie umzubauen, doch es fand sich kein Investor.

Nur wenige Kilometer weiter, in Starodub, die Überreste einer vor einhundert Jahren gebauten Textilmanufaktur, die in den 90er Jahren aufgegeben wurde. Auch so ein Ort, den sich die Natur zurückholt. Doch bevor er verschwindet, besuchen ihn noch die Chronisten mit der Kamera. Vielleicht auch Othmar Wiesenegger, der Ende August wieder nach Wladimir aufbricht, um dort die Patina des Verfalls zu bewahren.

Vielleicht auch den Zauber der Landschaft, in dem diese verlorenen Orte liegen, wie Starodub an der Kljasma, wo 1935 ein Naturschutzgebiet zur Wiederansiedlung des Wassermaulwurfs und einige Jahre später zur Biberzucht eingerichtet wurde. Beide einst von der Ausrottung bedrohte Arten findet man heute übrigens wieder im Einzugsbereich der Kljasma. Lost places und Natur gehen eben gut zusammen.

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Mitte August lädt Rjasan, Hauptstadt der südöstlichen Nachbarregion des Gouvernements Wladimir, zum I. Internationalen Forum Alter Städte ein.  16 Staaten, darunter Bulgarien, Spanien, Italien, Griechenland, Frankreich Serbien, Estland, Serbien, Armenien, China oder die Türkei haben sich mit Kommunen angemeldet, die älter als 500 Jahre sind, um eine ganze Woche lang über Fragen zu besprechen, die historische Zentren, davon 40 aus der Russischen Föderation, betreffen. Angemeldet hat sich auch Wladimir.

Wladimir im Mittelalter

Deutschland ist auf der Tagung mit Münster und Trier vertreten, die ihrerseits zeigen wollen, wie man angesichts moderner Herausforderungen an den Städtebau und die Infrastruktur mit dem über Jahrhunderte gewachsenen Erbe umgehen kann. Wieder so eine Veranstaltung, die in Zeiten der Wirren, über die Grenzen hinweg Menschen zusammenbringt, die gemeinsam über das Stein gewordene Gedächtnis ihrer Länder sprechen, als es, um mit der „Ode an die Freude“ zu sprechen, schönre Zeiten gab als die unsern, wo es dann aber auch weitergeht mit „Wir, wir leben! Unser sind die Stunden, / und der Lebende hat recht.“ Gutes Gelingen in diesem Sinne für dieses neue Forum, das der Vergangenheit gedenkt und Gegenwart wie Zukunft gestalten will.

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Man hatte es schon lange vermutet, und jedes an der mittelalterlichen Architektur geschulte Auge konnte es sehen, doch den schlagenden Beweis erbrachten erst die Untersuchungen von Archäologen aus Moskau und Wladimir: Die Kirchen aus dem 12. Jahrhundert am Goldenen Ring haben Vorbilder in der Lombardei und in der Emilia Romagna, damals zum Heiligen Römischen Reichs gehörend. Mit dessen Herrscher, Friedrich II, stand Großfürst Andrej Bogoljubskij in engem Kontakt, von ihm, Barbarossa, erhielt der aufstrebende slawische Alleinherrscher Geschenke, wie zwei Schulterstücke, von denen eines im Germanischen Museum zu Nürnberg ausgestellt ist, der Staufer schickte aber auch seine Baumeister gen Osten, wo damals ein ganz neues Machtzentrum entstand.

Muttergottes-Geburts-Kirche in Bogoljubowo

Andrej Bogoljubskij, ein Enkel von Wladimir Monomach, nach dem die Partnerstadt benannt ist, und ein Sohn von Jurij Dolgorukij, dem Gründer von Moskau, wurde 1157 Großfürst von Wladimir. Er hatte nicht nur die wundertätige Ikone der Wladimirer Gottesmutter aus Kiew mitgebracht, die seinen Zug der Legende nach kurz vor Wladimir anhalten hieß, um ihm im Gebet zu erscheinen und ihm einzugeben, hier das Kloster von Bogoljubowo und später seine Residenz zu errichten und ihr Bildnis in die Hauptstadt der Rus zu bringen. Er hatte damit auch eine bis dahin in seinem Herrschaftsbereich ungeahnte Bautätigkeit in Gang gesetzt, die in den 50er Jahren des 12. Jahrhunderts begann, als in Bogoljubowo die der Geburt der Gottesmutter geweihte Kirche entstand, deren ursprüngliche Bauweise und vor allem auch Fundamente Wissenschaftler in den letzten drei Jahren genauer untersuchten.

Fundament mit Krallenornamenten

Vor allem die krallenartigen Ornamente am Fuß der Säulen, die man freigelegt hatte, werten die Fachleute als eindeutige Hinweise auf die romanische Architektur Norditaliens aus dem 12. Jahrhundert, wie man sie aus Modena oder Ferrara kennt. Aber auch die Halbsäulen an den Mauern der Kirche in Bogoljubowo weisen auf den katholischen Einfluß hin. Nun verfolgt man die Theorie, es habe zwei Bauabschnitte gegeben, den ersten, ausgeführt von lokalen Meistern, und den zweiten, an dem dann die Italiener mitwirkten und ihre Einflüsse geltend machten.

Der Wladimirer Künstler, Igor Tschernoglasow, und das Modell seiner Andrej-Bogoljubskij-Skulptur

Die Grabungen hat man übrigens inzwischen wieder zugeschüttet; es bleibt künftigen Generationen – und Geldgebern – vorbehalten, weitere Geheimnisse zu lüften, wenn man sich an die umfassende Erforschung der Baugeschichte machen kann. Eines ist aber deutlich schon jetzt zu Tage getreten: Die gegenseitige Durchdringung der Kulturen empfand man bereits im Mittelalter als befruchtend und belebend. Eine Mahnung an all jene, die heute allüberall auf der Welt die Abschottung und Restauration auf ihre nationalistischen Fahnen schreiben. Da halte man sich lieber an Arthur Schopenhauer:

Aber jeder erbärmliche Tropf, der nichts in der Welt hat, darauf er stolz sein könnte, ergreift das letzte Mittel, auf die Nation, der er gerade angehört, stolz zu sein: Hieran erholt er sich und ist nun dankbarlich bereit, alle Fehler und Torheiten, die ihr eigen sind, mit Händen und Füßen zu verteidigen.

 

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Noch Anfang Mai bot sich dem Besucher des Klosters der Heiligen Boris und Gleb in Kidekscha bei Susdal ein verwirrendes Bild: eine öffentliche Toilette neuester Bauart, geschlossen und ohne Zugang, seit einem Jahr.

WC in Kidekscha

Nun wird bekannt, daß dem WC, das zunächst viel näher an der Kirche stand, auch noch die Anschlüsse fehlten. Unlängst wollte man deshalb die Stromleitungen verlegen, doch offenbar ohne sich vorher die notwendige Genehmigung der Aufsichtsbehörde einzuholen. Jetzt wurden die Arbeiten nach einem Hinweis von Anwohnern eingestellt, und der Lokus bleibt vorderhand weiter geschlossen.

Boris- und Gleb-Kirche in Kidekscha

Schon merkwürdig, wenn eine derartige Unterlassungssünde ausgerechnet auf dem Gelände des ältesten erhaltenen Kirchenkomplexes der Region Wladimir begangen wird, ausgerechnet hier, wo die später heiliggesprochenen Söhne des Großfürsten Wladimir, Boris und Gleb, während des Gebets von ihrem Bruder Swjatopolk ermordet wurden, ausgerechnet hier, wo Jurij Dolgorukij, der Gründer von Moskau, zu Ehren der Märtyrer 1152 eine Kirche errichten ließ, die Aufnahme in die Liste des Weltkulturerbes der UNESCO fand und als frühes Vorbild für die späteren Sakralbauten aus weißem Muschelkalk der Wladimirer Rus gilt.

St. Stefan im Kidekscha-Ensemble

Besonders merkwürdig auch, weil an diesem geschichtsträchtigen Ort am Ufer der Nerl auch eine Siedlung aus dem siebten bis dritten Jahrhundert vor Christi und ein Dorf aus dem 11. bis 13. Jahrhundert nach Christi nachgewiesen sind, jede Grabung also Schätze der Vergangenheit zutage fördern könnte. Schon ein wenig anrüchig, wenn ausgerechnet die Museumsleitung, der die Anlage untersteht, für zwei Millionen Rubel an einem Ort eine Bedürfnisanstalt einrichtet, die wohl noch einige Zeit dem Genius loci gehörig die Nase hochgehen dürfte.

Hier spricht Kidekscha

Dennoch: Ein Besuch in Kidekscha lohnt immer. Besonders auch ein Blick in die von den Mongolen verwüstete und gleich darauf wieder renovierte Boris-und-Gleb-Kirche, die im Innern mit einzigartigen Fresken aus dem 12. Jahrhundert überrascht: zwei Vögel und ein Blumendekor mit ineinander verwundenen Stengeln und Blüten.

Der Schiefe Turm von Kidekscha

Und dann steht da ja noch der „Schiefe Turm“ von Kidekscha, mit sechs Grad Neigung schäpser als sein – hätten Sie’s gewußt – bekannteres Pendant in Pisa. Da kann man auch einmal alle Fünfe gerade sein lassen und den Ärger mit dem Spruch ausklingen lassen: „Das Örtchen ist, da darf man lachen, / ein Ort, um in Ruhe Krach zu machen.“

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