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Archive for the ‘Geschichte’ Category


1959 erschien in der Verlagsanstalt Lentia das Buch „Den Sowjets ins Gesicht geschaut“ von Andreas Kirschhofer und Walter Pollak. Die beiden Journalisten zeichnen darin Eindrücke einer Reise in die Sowjetunion nach, die sich damals gerade erst für Touristen aus dem Westen, in diesem Fall aus Österreich, öffnete. Erstaunlich, wie vieles – mutatis mutandis – da auch heute noch, nach 60 Jahren, Gültigkeit hat und ganz aktuell klingt. Vor allem das Fazit, das deshalb in Auszügen hier zitiert und damit wohl auch zum ersten Mal digitalisiert werden soll.

Die unmittelbare Gesprächserfahrung ist demnach wenig ermutigend, wenn man von der Begegnung zweier Völker die direkte Befruchtung der friedlichen Entwicklung erwartet, wie das bei uns im Westen selbstverständlich ist. Man sieht sich, mehr oder weniger deutlich ausgesprochen, immer wieder vor die herausfordernde Frage gestellt: „Nun bekenne, welches System ist eigentlich das bessere: das sowjetische oder das Deine!“ Welche Antwort erwartet wird, ist selbstverständlich.

Trotzdem: das Gespräch sollte im Gang bleiben, oder besser: erst richtig in Gang gebracht werden. Einmal weil es uns selbst Einblicke in jenes System gewährt und also davor bewahrt, es falsch einzuschätzen. Zum andern aber, weil, auf weite Sicht gesehen, die Wechselwirkung nicht ausbleiben kann.

Der wichtige Grund aber für die Aufrechterhaltung des Gespräches, der Begegnung von Mensch zu Mensch, ist der Umstand, daß es sich dabei um einen Bestandteil der These von der Koexistenz handelt. Koexistenz, das friedliche Nebeneinander zweier verschiedener politischer und wirtschaftlicher Systeme, ist die Lieblingsformel des sowjetischen Ministerpräsidenten Chruschtschow. Sie wurde und wird im Westen meist mißverstanden. Wer sie bejahrt, wird häufig als Neutralist verschrien. Zuwenig wird die harte Frage gestellt, ob es überhaupt einen anderen Ausweg gibt, wenn man den Krieg vermeiden will. Und wer kann den Krieg schon wollen? Es handelt sich einfach darum, die Koexistenz als das zu erkennen, was sie ist, und sich richtig darauf einzustellen.

Chruschtschows Koexistenz ist keine Friedensschalmei, sondern ein Fehdehandschuh, der uns hingeworfen wurde. Er selbst hat es unverblümt ausgedrückt: er brauche und wolle keinen Krieg, denn das von ihm repräsentierte System sei das richtige und bessere, der Kapitalismus werde von selbst absterben. Frei nach Churchill variiert heißt das: „Wir lassen die Kapitalisten in ihrem Saft schmoren, bis sie sich selber auffressen.“ Nicht nur Chruschtschow, die neue sowjetische Gesellschaft braucht für ihre völlige Konsolidierung den Frieden. Wir wollen den Krieg nicht, weil wir ihn innerhalb einer Generation zweimal erlitten haben. Nehmen wir also den Fehdehandschuh der Koexistenz auf.

Dieses friedliche Nebeneinander wird ein hartes und zähes Ringen sein. Wir haben die Zeit zu nützen, um Chruschtschow und den Seinen zu beweisen, daß unser System sich nicht selbst auffressen wird. Wir werden dieses friedliche Nebeneinander bestehen, wenn wir in unserer Welt jene politischen, wirtschaftlichen und sozialen Reformen mutig in Angriff nehmen, die notwendig sind, dem letzten unserer Bürger das Bewußtsein zu geben, daß es für ihn keine bessere Welt geben kann als die, in der er lebt.

Gerade unter diesem Gesichtspunkt aber kann das Gespräch von Mensch zu Mensch, über den trennenden Graben hinweg, von großer Bedeutung sein; einfach zu beweisen, daß wir jene aggressiven Absichten nicht haben, die uns der Kreml in der russischen Bevölkerung unterschiebt. Den sowjetischen Führern ist es, insbesondere im Zusammenhang mit dem 2. Weltkrieg, gelungen, die sowjetische Bevölkerung mit Furcht und Mißtrauen zu erfüllen, der „kapitalistische Westen“ wolle ihr die „Errungenschaften des Sozialismus“ entreißen. Dieses Trauma zu zerstören, kann jedes Gespräch fördern.

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Zu Ehren der Gefallenen und Vermißten des Großen Vaterländischen Krieges entzündete man gestern auf dem Platz des Sieges in Wladimir 78 Kerzen. Tatjana Oserowa erinnerte mit folgendem Text an die Schrecken des Krieges, mit dem die Wehrmacht am 22. Juni 1941 die UdSSR überzogen hatte:

Können Sie sich vorstellen, was wir in unserer Nachkriegskindheit für Träume hatten? Alle Erwachsenengespräche drehten sich ja um ihn, um den Großen Vaterländischen Krieg, der so viele Verwandtenschicksale verkrüppelt, uns die liebsten und besten Angehörigen genommen hatte. Wir nahmen diese Familienerzählungen regelrecht mit ganzem Herzen auf. Und wenn in den Kinderspielen und Kinderzeichnungen diese Thema der Russen und Deutschen noch immer fortlebt, wenn bis heute in den Alben rotbesternte Flieger den Himmel durchkreuzen und Panzer mit dem faschistischen Hakenkreuz herumfahren, wie war das dann erst zu unserer Zeit!

Wie wir Pioniere uns da unsere Heldentaten an der Front vorstellten. Was wir uns da für Schliche einfallen ließen, um das rote Banner zu retten, den Feind in eine Falle zu locken, die Partisanen vor einer tödlichen Gefahr zu warnen. Weil einfach alle Filme, Bücher und Erzählungen in den Lehrbüchern davon handelten. Die Jungs in unserer Klasse fragten in den Büchereien ausschließlich nach Geschichten über den Krieg und Späher, es gab kein anderes Thema für sie.

Der Traum, der mich in der Kindheit verfolgte und quälte ging so. Unsere Stadt wird von den Deutschen eingenommen, alle Angehörigen sind bereits tot. Ich, das kleine Mädchen, bin alleine und verstecke mich in einem Schuppen hinter Holzscheiten, unter einem Heuhaufen. Dann kommen die Deutschen herein und prüfen mit ihren Bajonetten, ob da nicht jemand zu finden sei. Die scharfe Klinge trifft mich, aber wunderbarerweise gelingt es mir, mit einem Tuch das Blut an ihr abzuwischen. Sie gehen wieder… Ich bin gerettet, bleibe am Leben! Aber ich möchte nichts mehr, als von dort davonlaufen – mit einem wilden Schrei des unerträglichen Schreckens und Grauens.

So litten die Kinder der Kriegszeit, von den Erwachsenen Kriegsteilnehmern ganz zu schweigen. Sie blieben auch in ihren Träumen noch lange im Krieg, kämpften weiter Seit an Seit mit ihren Angehörigen, die in den Krieg gezogen waren und nicht mehr zurückkehrten.

Weltkriegsveteran Nikolaj Schtschelkonogow und Gouverneur Wladimir Sipjagin am 22. Juni 2019 im Gespräch auf dem Platz des Sieges

Eine jener wunderbaren Wendungen der Geschichte: Die Autorin heiratete später den Deutschdozenten Genrich Oserow, der die Städtepartnerschaft maßgeblich gestalten half, und ihre Tochter Natalia sollte, engstens mit Erlangen verbunden, zu einer der führenden Germanistinnen Wladimirs werden.

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für uns, auch für Sie – so lauteten am 22. Juni 1941 um 4.30 Uhr in Moskau die Worte von Wjatscheslaw Molotow an Friedrich-Werner Graf von der Schulenburg, den deutschen Außenminister in Moskau, nachdem dieser dem damaligen Vorsitzenden des Rats der Volkskommissare und späteren Außenminister die Mitteilung gemacht hatte, der Führer habe befohlen, der durch die UdSSR und England bestehenden Bedrohung „mit allen zur Verfügung stehenden Machtmitteln entgegenzutreten“. Da hatte der größte Vernichtungs- und Eroberungskrieg aller Zeiten bereits begonnen.

Niemand mache mehr den Fehler, die Worte von Faschisten und Nationalsozialisten nicht ernst zu nehmen. Adolf Hitler hatte alles schon in „Mein Kampf“, und 1939 verkündete er öffentlich:

Alles was ich unternehme, ist gegen Rußland gerichtet; wenn der Westen zu dumm und zu blind ist, um dies zu begreifen, werde ich gezwungen sein, mich mit den Russen zu verständigen, den Westen zu schlagen, und dann nach seiner Niederlage mich mit meinen versammelten Kräften gegen die Sowjetunion zu wenden.

Alles, was wir heute unternehmen, muß auf den Frieden gerichtet sein. Nie mehr ein so großes Unglück!

Am 22. Juni 2011 sprach Wolfgang Morell, der soeben seinen 97. Geburtstag feierte, als erster deutscher Kriegsteilnehmer in Wladimir auf dem Platz des Sieges bei der Gedenkfeier zum Überfall der Wehrmacht auf die UdSSR und wandte sich in russischer Sprache mit folgenden Worten an die in den frühen Morgenstunden versammelten Menschen:

Wolfgang Morell, Iwan Mochow, Sergej Sacharow, Andrej Schochin, Nikolaj Schtschelkonogow und Elisabeth Preuß, 22. Juni 2011

Liebe Wladimirer, liebe Freunde,

als letzter wendet sich an Sie ein deutscher Zeitzeuge jenes verhängnisvollen Tages vor 70 Jahren, der uns den Anlaß für diese Gedenkstunde gibt. Ich hatte damals gerade das Gymnasium abgeschlossen und wartete auf meine Einberufung. Ich erinnere mich noch ganz klar an den 22. Juni 1941. Es war ein strahlender Sonntag, noch früh am Morgen, als mich meine Mutter mit dem Ausruf weckte: „Jetzt greifen die Unseren Rußland an.“

Ein lastendes Gefühl ergriff die ganze Familie… Ungefähr gegen 8.00 Uhr trat unser Propagandaminister Goebbels im Radio auf und behauptete, die Wehrmacht sei mit ihrem Angriff nur einer sowjetischen Aggression zuvorgekommen. Viele Deutsche – ich meine sogar die Mehrheit – glaubte ihm. Wir, meine Familie, wir glaubten ihm nicht! Warum?

Mein Bruder, damals Soldat bei der Artillerie an der deutsch-sowjetischen Grenze in Ostpreußen, hatte unter anderem die Aufgabe, das Schußfeld im Osten zu dokumentieren. Wir waren also informiert über den Gang der Dinge… Doch was ich damals noch nicht ahnen konnte, war, daß ich ein halbes Jahr später in Kriegsgefangenschaft geraten würde. Die Gefangennahme war für viele Soldaten an der Ostfront, so auch für mich, etwas, das man sich in den dramatischsten Farben ausmalte. Ich verdanke mein Leben nur dem Versagen meines Karabiners!

Ich blieb am Leben, erkrankte aber schon bald. Zu meinem Glück brachte man mich ins Militärhospital nach Wladimir, das damals in der Lunatscharskijstraße lag. Hier pflegte man mich innerhalb von sechs Monaten wieder gesund, als wäre ich einer von den eigenen Leuten, ein Rotarmist. Deshalb sage ich voller Überzeugung: In Wladimir hat man mir das Leben zurückgegeben! Hier vollzog sich auch die Kehrtwende – von Mißtrauen und Feindschaft hin zu Verständigung, Partnerschaft und Freundschaft. Für mich liegt ein tiefer Sinn darin, daß ausgerechnet die Stadt, deren Bewohnern ich für immer zu Dank verpflichtet bleibe, eine Partnerschaft mit meiner Heimatstadt Erlangen pflegt.

Wir haben hier voll der Achtung der Opfer gedacht, die jener unglückselige Krieg auf beiden Seiten forderte. Bitte lassen Sie uns an dieser Stelle gerade auch besonders der Kameraden beider Seiten gedenken, die in Gefangenschaft ums Leben kamen und jetzt die ewige Ruhe gefunden haben. Danke!

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Im Jahr 1157 wählte die Volksversammlung in Susdal Andrej Bogoljubskij zum neuen Herrscher über die Nordöstliche Rus. Kein überragend bedeutendes Ereignis, wie man meinen mag, aber dieses Votum sollte den Grund für die künftige russische Staatlichkeit legen. Auf der obersten Stufe der Treppe zur Macht angekommen, blieb der Fürst freilich nicht stehen. Als neuer König des Nordostens vertrieb er viele der Bojaren, die vorher noch für ihn gestimmt hatten, ebenso wie nächste Verwandte und verlegte die Hauptstadt seines Reiches von Susdal nach Wladimir, wo nie irgendwelche Volksversammlungen stattgefunden hatten. Sein Ziel bestand nicht nur darin, Alleinherrscher zu werden, sondern auch Wladimir und den Nordosten als neues politisches Zentrum anstelle von Kiew zu proklamieren. Eben zu diesem Zweck wird an der Westgrenze der Stadt ein Tor aus weißem Muschelkalk errichtet, das man Goldenes Tor nennt.
Heuer werden es genau 855 Jahre seit der Bau vollendet wurde. Einer Legende nach stürzte der Bogen just im Augenblick der Fertigstellung des Tors in sich zusammen. Zwölf Menschen sollen dabei verschüttet worden sein. Daraufhin habe Andrej Bogoljubskij angeordnet, die wundertätige Ikone der Wladimirer Gottesmutter zu bringen. Nach einem Gebet und den Aufräumarbeiten habe man die Opfer lebend und unbeschadet geborgen. In Erinnerung an das Wunder soll der Fürst befohlen haben, über dem Tor eine Kirche zu bauen, die allerdings nicht bis in unsere Zeit erhalten blieb. Im Lauf der Jahrhunderte baute man das Gotteshaus immer wieder ab und um. Die heutige Kapelle auf dem Tor wurde Anfang des 19. Jahrhunderts geweiht. Gottesdienst feierte man dort allerdings nur in Einzelfällen.
Das Goldene Tor fungierte über all diese Zeit auf unterschiedliche Weise. Seit Ende des 18. Jahrhunderts befand sich hier das Zeughaus der Feuerwehr, im 19. Jahrhundert war in einem der nicht erhaltenen Anbauten sogar eine Polizeiwache mit Haftzellen eingerichtet, und es gab die Absicht, das Denkmal zu einem Wasserturm umzuwidmen. Nach der Oktoberrevolution diente das Kirchlein auf dem Tor schließlich als Wohnung, und erst 1958 zieht hierher aus einem Haus in der heutigen Nikitsker Straße die historische Ausstellung, die bis heute im Goldenen Tor zu sehen ist, das, dem Landesmuseum angegliedert, jährlich von mehr als 50.000 Touristen besucht wird.
1238, 74 Jahre nach Abschluß der Bauarbeiten, nehmen die Mongolen Wladimir im Sturm. Allerdings gelang es den Truppen von Batu Khan nicht, durch diese Befestigung in die Stadt einzudringen. Den Chroniken zufolge überwanden die Tataren den Festungswall etwas südlicher vom Tor. So stellte auch der Künstler Jefim Deschalyt den entscheidenden Vorstoß der Belagerer auf seinem Diorama dar, das heute im Goldenen Tor zu sehen ist. Allerdings fehlen bislang für diese Version die archäologischen Belege. Es scheint nicht ausgeschlossen, daß die Einnahme Wladimirs von Norden her erfolgte. Jedenfalls fanden Archäologen hier Spuren von Kämpfen aus jener schrecklichen Epoche. Wie auch immer, das Goldene Tor hielt wohl den Attacken stand. Immerhin erreichte das Bauwerk nach Einschätzung von Forschern eine Höhe von 30 Metern. Auch die Mauern waren mehrere Meter dick. Außerdem verfügte das Goldene Tor über zwei Verteidigungsplätze, oben, auf der Höhe der Kirche, und unten im Bogen. In jener Zeit konnten die Krieger leicht vom Verteidigungswall auf den unteren Kampfplatz gelangen.

Erwähnt werden sollte dabei, daß der Durchlaß im Torbogen früher deutlich niedriger lag als der Kamm des Verteidigungswalls. Eine Reihe von Historikern behauptet, ursprünglich sei diese Stadtmauer niedriger gewesen. In der Folge aber trägt man sie ab. So gab es Anfang des 20. Jahrhunderts noch den sogenannten Nikitiner Wall sowie einen Teich als Rest des alten Grabens. Doch vor fast einem Jahrhundert beseitigte man die Erdmauer endgültig und schüttete den Weiher zu. Verschwunden sind auch die Fresken, die von außen das Goldene Tor schmückten. 1989 machte man eine sensationelle Entdeckung: Forscher fanden unter dem Bogen Spuren von Wandmalerei aus dem 12. Jahrhundert. Unter diesen Fresken des 14-Meter-Bogens hielten viele Großfürsten Einzug in Wladimir. Das Goldene Tor diente nämlich nicht nur der Verteidigung und des Glaubens, vielmehr spielte es auch die Rolle eines Paradezugangs zur Stadt. Alexander Newskij und Dmitrij Donskoj zogen hier durch, um sich in der Mariä-Entschlafens-Kathedrale zum Fürsten krönen zu lassen. Der letzte Moskauer Herrscher, der hierzu 1389 durch das Goldene Tor kam, war Wassilij I, der Sohn von Dmitrij Donskoj. Interessanterweise erinnern auch später noch die Herrscher von Moskau in ihren Titeln an Wladimir – und zwar noch vor der neuen Hauptstadt. So nannte sich der erste russische Zar, Iwan der Schreckliche, Großzar von ganz Rußland und Großfürst von Wladimir. Erst nach Wladimir folgten die weiteren Titel wie Großfürst von Moskau und Nowgorod etc. Offenbar unterstrich man damit, daß das neue Moskau in der unmittelbaren Nachfolge von Wladimir und jener Herrschaftsweise stand, die auf Andrej Bogoljubskij zurückgeht.

Warum nun aber Goldenes Tor? Diese Bezeichnung hängt mit der ideologischen Funktion zusammen. Das erste Tor mit diesem Namen baute man nämlich in Jerusalem, der Stadt, die damals die Christen für das Zentrum der Welt hielten. Nach christlicher Überlieferung wird Christus bei seiner Wiederkunft in die Stadt der Geretteten just durch dieses Goldene Tor schreiten. Einige Forscher meinen denn auch, Andrej Bogoljubskij habe Wladimir in seiner Politik der Stadtarchitektur Jerusalem, Byzanz und Kiew nachgeahmt, wo das erste Goldene Tor der Rus stand. Damit wollte er das politische Zentrum der in einzelne Fürstentümer zersplitterten Rus in den Nordosten verlegen, wo sich der Fürst nach der Vertreibung der Bojaren und Verwandten sowie die Auflösung der Volksversammlungen jene auf eine Person zugeschnittene Herrschaftsform schuf, die in der Folge den Grund für die Staatlichkeit des ganzen Landes legte.
Goldenes Tor 1
Auch wenn Wladimir seinen Hauptstadtstatus an Moskau abgeben mußte, bleibt doch das Goldene Tor in Erlangens Partnerstadt als Symbol der neuen Herrschaftsform und eines regelrechten Umbruchs in der russischen Geschichte. Eine weltliche Geschichte, die Andrej Bogoljubskij wohl bewußt mit der Heilsgeschichte verband. Das Goldene Tor sollte nämlich auch den Fürsten als Alleinherrscher und Stellvertreter Gottes symbolisieren. Dazu fügt sich das Baujahr, 1158 Jahre nach Christus im Jahr 6666 nach der Erschaffung der Welt. Die dreifache Sechs steht in der Bibel für das Tier der Apokalypse, und die Menschen lebten damals auch tatsächlich in Erwartung des Jüngsten Gerichts. Dieser Stimmung bediente sich Andrej Bogoljubskij geschickt, um seinen Anspruch auf die Rolle des ersten Fürsten unter allen übrigen Herrschern des Geschlechts der Rurikiden zu untermauern. Es ist also nicht damit getan, das Goldene Tor zu umrunden, um wieder nach Wladimir zu kommen, man sollte sich auch der vielgestaltigen Geschichte des unter dem Schutz der UNESCO stehenden Bauwerks bewußt sein, die von Jerusalem über Byzanz und Kiew bis in die Partnerstadt und weiter bis Moskau führt.
Unter Verwendung von Material des Senders TV6

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Wladimir verlor nach dem Mongolensturm und dem Aufstieg Moskaus nicht nur seine Bedeutung als Hauptstadt der vorzaristischen Rus und Sitz des Patriarchen, sondern verschwand regelrecht in der provinziellen Bedeutungslosigkeit. Öffentliche Aufmerksamkeit erlangte die Partnerstadt nach allgemeinem Dafürhalten erst wieder mit Alexander Herzen, der 1838 als Verbannter die Erlaubnis erhielt sich in Wladimir niederzulassen, wo er heiratete, Vater eines Sohnes wurde und die Lokalzeitung leitete. Kurz darauf zog der Publizist schon wieder weiter nach Moskau und überließ Wladimir wieder der Bedeutungslosigkeit, wie der Politologe Roman Jewstifejew meint.

Doch der Dozent an der Akademie für Verwaltung und Wirtschaft läßt sich gern eines Besseren belehren. Das Buch der amerikanischen Historikerin Susan Smith-Peter „Imagining Russian Regions, Subnational Identity and Civil Society in Nineteenth-Century Russia“, erschienen 2018, nämlich bezeugt ein Wladimir auch ohne Alexander Herzen mit dem Bild auf dem Umschlag „Wladimir an der Kljasma“ von Andrej Martynow aus dem Buch „Eine Reise in Gemälden von Moskau bis zur chinesischen Grenze. Sankt Petersburg, 1819“, entstanden also vor genau 200 Jahren.

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Sie erkennen auf dem Bild unser Wladimir nicht wieder? So könnte es aber heute aussehen, wenn die Pläne von Moskauer Architekten in den 60er Jahren Stein geworden wären. Der damaligen städteplanerischen Ideologie folgend, sollte auch die einstige Hauptstadt der Rus ein neues, ein sozialistisches Antlitz erhalten. Weg mit der alten Bausubstanz aus Holz und Stein und her mit fünf- bis neunstöckigen Wohnblöcken aus Glas und Beton. Ganze Straßenzüge wollte man umgestalten, ein Zirkus war vorgesehen, ein Wolkenkratzer unweit vom Goldenen Tor schwebte den Planern vor.

Zukunftspläne für Wladimir in den 60er Jahren

Warum dann doch alles anders kam? Dafür gibt es wohl zwei Gründe. Zum einen erhob sich erheblicher Widerstand seitens der lokalen Historiker und Stadtarchitekten, zum andern machte die rasche industrielle Entwicklung es notwendig, neue Stadtteile zu bauen, weshalb die Umgestaltung des Zentrums zunächst hintangestellt und später ganz aufgegeben wurde. Beinahe aber hätte Wladimir, im Zweiten Weltkrieg hinter der Frontlinie gelegen und so vor Zerstörung bewahrt geblieben, sein Wesen an die vermeintlich lichte Zukunft des architektonischen Sozialismus verloren. Manchmal meint es die Geschichte eben auch gut mit Städten und Menschen.

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Anders als der Zweite Weltkrieg, im Russischen „Großer Vaterländischer Krieg“ genannt (der „Vaterländische Krieg“ wurde gegen Napoleon geführt), ist der zehnjährige Afghanistankrieg weitgehend aus dem öffentlichen Bewußtsein verschwunden. Ähnlich wie die anderen 38 Kriege – von Angola bis Vietnam -, an denen sowjetische Soldaten in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts beteiligt waren. Jetzt, wo sich der Rückzug vom Hindukusch zum dreißigsten Mal jährt, erinnert man sich überall im Land der Opfer und gedenkt jener Tage, als auch die Region Wladimir 3.000 Mann an die Front schickte, von denen 78 fielen und 180 verwundet, 116 als Invaliden in die Heimat zurückkehrten. Und man hört ihnen zu. Einer von ihnen erinnert sich, wohl im Namen von vielen:

Ehrenwache an den Trauernden Engeln, dem Denkmal für die Gefallenen der Region Wladimir im Afghanistankrieg

Im Krieg ist wirklich alles schlimm: keine Hygiene, schlechte Verpflegung. Einmal schob ich mehr als 30 Tage und Nächte lang Wache. Dabei gestand man mir pro Tag nur zwei Stunden Schlaf zu. Und dann noch die Schikanen der Dedowschtschina. Die „Großväter“ drangsalierten die Jungspunde. Aber bei den Kampfeinsätzen gingen sie vorneweg, verteidigten uns, als wären sie unsere älteren Brüder. Kaum zurück bei der Einheit jedoch ging es wieder zu wie vorher, als herrschte Krieg im eigenen Lager. Vor dem Tod hatten wir seltsamerweise keine Angst. Ich ging einmal mit einer Mine hoch, Freunde von mir kamen dabei ums Leben. Aber Todesangst kam erst einen Monat vor der Heimkehr auf, die Angst, im letzten Moment noch getötet zu werden. (…) Die erste Reaktion, als ich von meinem Einsatz in Afghanistan erfuhr, war: „Ich will nicht!“ Ein richtiger Schock für einen achtzehnjährigen Mann. Das Gefühl, als ob man dir das Leben zerstört. Ich träume noch oft vom Krieg. Uns „Afghanen“ hat man vergessen. Alles, was wir bekommen, sind 2.000 Rubel im Monat.

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