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Archive for the ‘Geschichte’ Category


Die Wladimirer Archäologie kann schon auf so manchen Fund verweisen, der in der Fachwelt für Aufsehen sorgte. Doch die Ausgrabungen, die schon seit zwei Jahren im Patriarchengarten mit Blick auf die Mariä-Entschlafens-Kathedrale im Gange sind, überbieten alle berechtigten Erwartungen, geben völlig neue Einblicke in das städtische Leben des Mittelalters in Wladimir.

2016 hatte man bereits an verschiedenen Stellen die sterblichen Überreste von Menschen aus dem 12. bis 15. Jahrhundert entdeckt, insgesamt 80 Skelette. Von besonderem Interesse dabei die vier Begräbnisstätten aus dem 12. Jahrhundert mit Fragmenten von byzantinischen Seidenkrägen mit einer Maria orans und heidnischen Greifen, gestickt mit Goldfaden. Doch mehr als die prächtigen Stoffe aus der Ferne, in die sich die prämongolische Gesellschaft Wladimirs gewandet hatte, faszinierte die Wissenschaftler Besonderheiten der Beisetzungskultur im mittelalterlichen Wladimir.

Unmittelbar über den Gräbern aus dem 12. Jahrhundert hatte man 50 Jahre später Erde aufgeschüttet und den Friedhof in einen Befestigungswall verwandelt, der entweder an die bereits bestehende Erdmauer im Westen zum Goldenen Tor hin anschließen oder eine Verteidigungsanlage zur Kljasma hin bilden sollte. Wieder einige Zeit später, im 14. und 15. Jahrhundert, also nach dem Mongolensturm, nahm man hier wieder die Bestattungen auf, ein bis zwei Schichten über den Toten aus dem 12. Jahrhundert. Über sieben Gräbern kamen nämlich behauene Platten zum Vorschein, wie sie für das 15. und 16. Jahrhundert charakteristisch sind. All diese Beisetzungen aus dem 12. bis 15. Jahrhundert weisen auf christliches Brauchtum hin, wonach die Toten mit über der Brust gekreuzen Händen in Ost-West-Richtung im Sarg liegen.

Nur wenige Meter entfernt vom „Wallfriedhof“ entdeckte man nun aber eine ganz andere Bestattungsweise. In einer Tiefe von mehr als drei Metern lagen in einem engen, 20 Meter langen Graben in mehreren Reihen zehn Särge mit Toten in Nord-Süd-Richtung, was zu der Vermutung Anlaß gibt, es habe sich dabei um Fremde, um Andersgläubige gehandelt.

Im Juni nun ein neuer Fund: wieder unter den dichten Schichten aus dem 14. bis 15. und dem 12. bis 13. Jahrhundert die sterblichen Überreste eines in Bast eingewickelten Menschen. Wie sich später herausstellte, war nicht nur die Leiche, sondern auch der Sarg mit Bast umhüllt, etwas, das einigen finno-ugrischen Stämmen eigen war, das man so aber in Wladimir noch nie ausgegraben hatte, ein Hinweis auf einen gemischten Kult. Der Leichnam nämlich liegt nach christlicher Tradition von Ost nach West, tritt aber den Weg ins Jenseits in Bast gekleidet an, also nach heidnischem Brauch der finno-ugrischen Kultur, auf die heute fast nur noch Toponyme wie Susdal oder Hydronyme wie Kljasma hinweisen.

Dann aber die wirkliche Überraschung unter drei Schichten von Bestattungen aus dem 12. bis 15. Jahrhundert die Umrisse einer Schale, die bei näherer Untersuchung eine echte Sensation bietet: verbrannte Überreste von Menschenknochen, nichts anderes als der Beweis für eine Feuerbestattung nach heidnischem Brauch. Ein ähnliches Behältnis hatte man schon im Vorjahr entdeckt, doch ohne Inhalt. Es müssen also im mittelalterlichen Wladimir verschiedene Kulturen friedlich miteinander zusammengelebt haben, die Assimilierung der finno-ugrischen Stämme war noch nicht abgeschlossen, die Slawen definierten sich wohl auch noch nicht eindeutig als Ethnie, kurzum es herrschte ein tolerantes Klima, das, was wir heute „Multi-Kulti“ nennen. Anders ist es nicht zu erklären, daß heidnische und christliche Kulte ausgerechnet dort zusammentreffen, wo es um das Allerheiligste des Menschen geht, um das Leben nach dem Tod. Schön zu sehen, daß schon damals in Wladimir jeder nach seiner Façon glücklich, nach seinem Glauben selig werden durfte.

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„Aber höher als ihr, Zaren, sind die Glocken“, lautet eine Mahung an die Mächtigen aus der Feder von Marina Zwetajewa, jener Lyrikerin, die für sich in den despotischen Jahren des Stalinismus den Ausweg im Freitod fand. Ausgerechnet in Alexandrow, der Stadt in der Region Wladimir, wo die mit Rainer Maria Rilke seelenverbundene und vom Leben zutiefst verwundete Dichterin sich von 1915 bis 1917 niedergelassen hatte und wo 1991 das erste ihr gewidmete Museum eröffnet wurde, ausgerechnet hier, wo sie mit einem weiteren Opfer der kommunistischen Tyrannei, mit dem Schriftsteller Ossip Mandelstam, zusammengetroffen war, ausgerechnet hier sollte Iwan dem Schrecklichen, jenem Altmeister des Terrors gegen das eigene Volk, ein Denkmal errichtet werden. Das zweite seiner Art landesweit nach einem ähnlichen Monument der Apotheose des Menschenschinders auf dem Zarenthron in Orjol im Herbst vergangenen Jahres.

Nicht ganz von ungefähr, denn jener Moskauer Großfürst, der sich einen Stammbaum andichten ließ, der bis zurück zu den römischen Kaisern reichte, hatte in Alexandrow von 1564 bis 1581 seine Residenz eingerichtet, um, wie er selbst sagte, jenseits von Moskau Gott näher sein zu können, was ihn freilich nicht hinderte, gegen Nowgorod ins Feld zu ziehen. Immerhin aber wurde hierher 1571 auch die landesweit einzige Druckerei – nach einem Brand in Moskau – verlegt, wo 1577 eines der seltensten Bücher der russischen Literatur entstand, ein Gebetsbuch, von dem es vermeintlich nur noch 24 Exemplare gab, bis unlängst auf einer Auktion Nummer 25 auftauchte und nun für eine wahrscheinlich nicht geringe Summe in die Heimat zurückkehrte.

Doch zurück zum Denkmal für Zar Iwan IV. Die Skulptur hatte ein Künstler in Moskau geschaffen, das Projekt wurde von einer privaten Gruppe betrieben, aber die örtlichen Behörden zeigten sich nicht allzu enthusiastisch von dem Vorhaben, das immer wieder verschoben wurde. Schließlich wurde der Bildhauer der Sache überdrüssig und kündigte an, sein Werk andernorts zu präsentieren.

Kulturell sicher ein zu verschmerzender Verlust, in jedem Fall mehr als aufgewogen durch eine Gedenktafel für Marina Zwetajewa an dem Haus, wo sie seinerzeit mit ihrer Schwester Anastasia wohnte und dichtete. Jahre später, 1925, schrieb die Vertreterin einer Weltliteratur auf Deutsch, das sie perfekt beherrschte, an Rainer Maria Rilke:

Dichten ist schon Übertragen, aus der Muttersprache in eine andere, ob Französisch oder Deutsch wird wohl gleich sein. Keine Sprache ist Muttersprache. Dichten ist Nachdichten. Darum versteh ich nicht, wenn man von französischen und russischen etc. Dichtern redet. Ein Dichter kann Französisch schreiben, er kann nicht ein französischer Dichter sein. Das ist lächerlich. Ich bin kein russischer Dichter und staune immer, wenn man mich für einen solchen hält und als solchen betrachtet. Orpheus sprengt die Nationalität, oder dehnt sie so weit und breit, daß alle (gewesenen und seienden) eingeschlossen sind.

Wie schön, sie in Alexandrow, 130 km nordwestlich von Wladimir, geehrt zu wissen, wo es im Juni alljährlich ein Zwetajewa-Lyrik-Festival gibt. Die Glocken der Dichtung sind eben doch höher als die Macht der Zaren…

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Das russische Generalkonsulat in München hatte zum feierlichen Empfang geladen. Der Nationalfeiertag heißt „Tag Russlands“. Der 12. Juni erinnert an die staatliche Unabhängigkeit und wird seit 1994 begangen. In vielen Städten des Landes feiert man der Tag parallel zum Stadtfest, so auch in Nischnij Nowgorod, wo die neue Bürgermeisterin, Jelisaweta Solomon, mich zu den Feierlichkeiten einlud, als ich vor kurzem meinem Vater dort einen Besuch abstattete.

Elisabeth Preuß in Nischnij Nowgorod im Mai 2017

Vielerlei Vergnügungen wurden geplant, so auch ein Auftritt des Theaters der Gehörlosenschule „Piano“. Wir trafen die talentierten Protagonisten bei einer Probe auf der Bühne hoch über der sommerlichen, in der Sonne glitzernden Wolga. Leider konnte ich diese Einladung nicht annehmen, da ich zu dem Zeitpunkt schon wieder seit zwei Tage zuhause im Rathaus sein würde.

Pantomimentheater „Piano“

Die Bevölkerung allerdings begeht mit viel mehr Herzblut den 9. Mai, den Tag des Sieges, jedes Jahr ein großes Fest. Zurecht gedenkt man der mehr als 50 Millionen Toten, die der von den Nationalsozialisten über die Welt gebrachte Krieg allein in der Sowjetunion kostete.

Irina Chasowa und Elisabeth Preuß, die beiden Botschafterinnen der Partnerschaft im Dezember 2015, Bahnhof Wladimir

Am 13. Juni folgten die Vertreter vieler Nationen der Einladung von Generalkonsul Sergej Ganscha nach München in den „Bayrischen Hof“, und ich nutzte diese Gelegenheit, um dem Generalkonsul von dem beeindruckenden Unterfangen „Komm wieder, aber ohne Waffen!“ zu erzählen. Das Werk von Peter Steger liegt ja seit einigen Monaten auch in russischer Übersetzung vor, der Blog hat über die Präsentation in Wladimir berichtet. Die Erzählungen, Interviews und Bilder der Veteranen unserer beider Völker, die sich einst als Feinde gegenüber standen und sich jetzt im Rahmen der Städtepartnerschaft Erlangen – Wladimir treffen: Dieses Buch ist ein Jahrhundertwerk. Ich weiß nicht, ob mir als Laie in Sachen Literatur dieses Wort zusteht, für mein Gefühl aber greift jedes andere Wort zu kurz.

Elisabeth Preuß und Sergej Ganscha

Glücklicherweise (aber nicht zufälligerweise) hatte ich bei meiner Fahrt nach München sogar je ein Exemplar der deutschen und der russischen Ausgabe dabei und konnte dies dem Generalkonsul als Geschenk überreichen. Es ging ihm wie vielen, denen ich von diesem Werk erzähle: Zuerst Staunen, dann Freude steht in den Augen des Beschenkten. Wer dieses Buch liest und verinnerlicht, für den ist Krieg zur Unmöglichkeit geworden.

Elisabeth Preuß

Wjatscheslaw Gadalow

Erlangens Botschafterin in Wladimir, Irina Chasowa, vertrat unterdessen am gestrigen Tag der Erinnerung und Trauer die deutsche Seite, als einige wenige Zeitzeugen zusammen mit vielen Kindern des Überfalls der Hitlertruppen auf die Sowjetunion vor 76 Jahren gedachten.

Gedenkstein

Ort des Gedenkens: der Freundschaftsbaum, ganz in der Nähe vom Platz des Sieges am 22. Juni 2011 im Beisein von Elisabeth Preuß und Wolfgang Morell auf Initiative von Wjatscheslaw Gadalow gepflanzt, der sich bis heute um die kleine Eiche kümmert, dem Frieden zwischen Deutschen und Russen gewidmet. Siehe: https://is.gd/QTIWH5.

22. Juni 3

Gedenken an der Friedenseiche

Hier zumindest und mit diesen Menschen ist Krieg wirklich zur Unmöglichkeit geworden.

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Der heutige Nationalfeiertag, zu dem hier nähere Angaben zu finden sind: https://is.gd/0K0ixh, bietet Gelegenheit einmal über die Namensgebung nachzudenken. Rußland hieß nämlich nicht immer Rußland. Vielmehr gab es die unterschiedlichsten Bezeichnungen, unter denen das Kontinentalreich auf den Landkarten der Welt auftauchte. Eine Auswahl davon wollen wir uns heute ansehen:

Ich liebe dich, Rußland, meine liebe Rus!

  1. Hyperborea, das von den alten Griechen ganz in den hohen Norden, in die Gegend um das heutige Murmansk oder Archangelsk verlegte Land der Mythen, wo laut Diodor von Sizilien Günstlinge Apolls lebten, so erfüllt vom Glück und Wohlergehen, daß die Menschen den Tod als Erlösung vom Überfluß des Lebens erfahren und sich selbst ins Meer stürzen müssen, weil sie sonst nie sterben würden.
  2. Sarmatien, ein Reich, das sich vom Schwarzen Meer bis zum Ural erstreckte, nach Ansicht einiger Geschichtsschreiber besiedelt von Abkömmlingen der Hyperboräer, die den Skythen die Macht entrissen hatten. Viele Geschlechter der polnischen Szlachta führen ihren adligen Stammbaum auf die Sarmaten zurück, und der erste russische Universalgelehrte, Michail Lomonosow, nach dem die Moskauer Universität benannt ist, meinte sogar, die russische Staatlichkeit gehe auf dieses Reich zwischen Weichsel und Wolga zurück. Tatsächlich gelten unter Sprachforschern und Ethnologen die Osseten im Nordkaukasus, der heute zur Russischen Föderation gehört, als direkte Nachfahren der Alanen, eines Stammes der Sarmaten.
  3. Tartarien nannte man im Mittelalter – bis ins 14. Jahrhundert – Zentraleurasien vom Dnjepr im Westen bis zum Japanischen Meer im Osten, eine Bezeichnung, die weniger mit den Tataren zu tun haben dürfte, als vielmehr mit dem Tartarus zu tun hat, mit jenem Abgrund des Hades, in dem Chronos und die anderen Titanen hausen. Lokalisiert hatten die Unterwelt just in den russischen Landen Astrologen, nach deren Berechnungen dieses Gebiet vom Planeten Saturn beherrscht werde – mit allen meist unerfreulichen Folgen. Nostradamus allerdings hatte den Untertanen Saturns prophezeit, sie erwarte am Ende das Goldene Zeitalter.
  4. Gardarike nennen die altnordischen Sagas aus Island das Land, das später als Kiewer Rus bekannt wurde. Sprachgeschichtlich ein hochinteressanter Name, bedeutet der Begriff doch so viel wie „Reich der Städte“, wobei „Städte“ immer als umfriedete Orte verstanden wurden. Aus dem indogermanischen „gard“ entwickelten sich schließlich u.a. das deutsche „Garten“ und das slawische „grad“ und „gorod“, die für „Burg“ und „Stadt“ stehen.
  5. Groß-Schweden: Der isländische Skalde Snorri Sturluson prägte Anfang des 13. Jahrhunderts diesen Begriff für die Landmasse zwischen dem Schwarzen und dem Weißen Meer, wo der Sagendichter viele verschiedene Völker und Sprachen, aber auch Riesen und Zwerge sowie blaue Menschen vermutete. Vielleicht einen Mann wie Nikolaj Stawrogin aus den „Dämonen“ von Fjodor Dostojewskij, die wohl rätselhafteste Figur der russischen Literatur, die behauptete, im Land der Geysire gewesen zu sein?
  6. As-Slawia tauften die arabischen Geographen Al Farsi und Ibn Hauqal im 10. Jahrhundert das heutige Rußland und bezogen sich damit ganz auf das slawische Element. Die Hauptstadt des Reiches versetzten sie nach Salau, nahe dem legendären Slowensk, das man heute mit Nowgorod gleichsetzt. Weitere arabische Bezeichnungen lauteten Artanien und Kujawa, wohl bezogen auf die Regionen um Rjasan und Kiew.
  7. Moskowien, ab dem 14. Jahrhundert in Westeuropa gebräuchlich als inoffizielle Bezeichung des Landes der Großfürsten von Moskau. Dabei führen einige Historiker den Begriff auf Meschech, einen Enkel von Noah, zurück, der dank allerlei Lautumwandlung zum Urvater der Moskowiter geworden sein soll. Auch wenn diese Theorie in der „Synopsis oder kurzen Beschreibung des Anfangs des russischen Volkes“ vertreten wird, die 1674 im Kiewer Höhlenkloster entstand, darf man diese Herleitung getrost zum Schatz der Apokryphen zählen.

Als gesichert darf aber gelten, daß sich Ruthenien oder Reußen, wie das Zarenreich auch genannt wurde, von einem altgermanischen Wort für „Ruderer“ herleitet. Nicht von ungefähr, denn diese auch Waräger genannten Nordmänner in Ruderbooten waren es, die auf Bitten der uneinigen Slawen – hierzu die Nestorchronik: „Unser Land ist groß und reich, doch es ist keine Ordnung in ihm; so kommt über uns herrschen und gebieten.“ – ihr Fürstengeschlecht der Rurikiden begründeten, das erst mit Iwan dem Schrecklichen erlosch und von den Romanows abgelöst wurde.

Die Zeiten, wo die Kiewer Rus nach Fremdherrschaft rief, sind vorüber. Die Russische Föderation hat in ihrer mehr als tausendjährigen Geschichte viel an Einmischung von außen erleben müssen – und überstanden. Nun feiert sie ihre Unabhängigkeit, ihre Verfassung, sich selbst – und dazu unser aller Glückwunsch!

Hier noch eine kleine Lektüreempfehlung eines Rußlandbegeisterten: https://is.gd/Kad3s4

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Was Sie noch über Wladimir wissen sollten:

Kirschendenkmal in Wladimir

16. Gespensterhaus nennt man ein Gebäude aus dem späten 18. Jahrhundert, in dem heute ein Ausstellungssaal untergebracht ist und das ursprünglich als Verwaltungstrakt geplant war, in das dann aber 1796 der Gouverneur einzog. Offenbar hatte man beim Bau gepfuscht, und so waren (sind?) „Stimmen“ aus einem Zwischenraum hinter den Wänden zu hören. Einer anderen, prosaischeren Version zufolge fühlten sich die Einheimischen von den Beamten in dem Gebäude an Gespenster erinnert, die sich wie hörbare Schatten hinter den Vorhängen der Fenster zuschaffen machten.

17. Der offiziellen Statistik zufolge ist kein einziger Fluchtversuch aus dem Wladimirer Zentralgefängnis gelungen. Allerdings gibt es eine Legende, wonach es in den 70er und 80er Jahren zwei Häftlingen gelungen sein soll, die mit Stacheldraht bewehrte Gefängnismauer zu überwinden. Doch damit waren sie statt in der Freiheit auf dem Exerzierplatz des nebenan gelegenen Juristischen Instituts gelandet und blieben von den Studenten und Dozenten nicht unbemerkt. Oft hört man auch, einer der Begründer der Roten Armee, Michail Frunse, sei aus dem Gefängnis geflohen. Die Flucht gab es tatsächlich, allerdings nicht aus dem Gefängnis, sondern aus dem Gerichtsgebäude in der Nähe des Kathedralenplatzes. Wegen der zu Zeiten der Sowjetunion hier einsitzenden Dissidenten wurden in Erlangen Überlegungen laut, die Partnerschaft gar nicht erst zu begründen. Es kam gottlob anders.

18. Als eines der Wunder von Wladimir gilt der Patriarchengarten. Dank seiner einmaligen Lage und seinem Mikroklima konnte hier eine reichhaltige Sammlung von Pflanzen gedeihen. Der Überlieferung nach wurde der Garten schon in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts von Fürst Andrej Bogoljubskij angelegt, der oberhalb davon seine Residenz erbaute.

19. In Wladimir gibt es das wohl weltweit einzige Kirschendenkmal, errichtet 2014 am Eingang zum Patriarchengarten als Symbol der Stadt mit einer alten Obstbaukultur.

20. Fürst Wladimir Monomach hatte die Kirschen (Weichselkirschen), ohne die man sich heute Wladimir gar nicht mehr vorstellen mag, aus Kiew mitgebracht und mit ihnen die Tradition, am Fürstenhof und in Klöstern Kirschgärten anzulegen. Ein Nachklang davon ist in Anton Tschechows Stück „Der Kirschgarten“ zu hören.

21. In Wladimir wurde Michail Lasarew geboren, der 1820 an jener Expedition teilnahm, die den sechsten Kontinent, die Antarktis, entdeckte.

22. Aus Wladimir stammt der Komponist Sergej Tanejew, der eine ganze Plejade von berühmten Musikern ausbildete, darunter Sergej Prokofjew, Sergej Rachmaninow und Alexander Skrjabin.

23. Im Wladimirer Priesterseminar studierten Michail Speranskij, ein großer Reformator, Gesetzgeber und Begründer der russischen Rechtswissenschaften, sowie Iwan Zwetajew, Philologe, Kunstwissenschaftler und Gründer des Puschkin-Museums in Moskau für Schöne Künste – sowie Vater der Lyrikerin Marina Zwetajewa.

24. Wladimir ist die Heimatstadt von Nikolaj Andrianow (2011 verstorben), dem absoluten Rekordhalter im Turnen mit 15 Olympischen Medaillen, wofür er einen Eintrag im Guinness-Buch der Rekorde erhielt.

25. Im Wladimirer Planetarium befindet sich landesweit das einzige Diorama, das zeigt, wie das sowjetische Raumschiff Energie-Buran aufstieg.

26. Am Steuer des ersten Autos in Wladimir – es war ein Ford – saß häufig eine Frau.

27. Die Stimme, mit der man bis heute in den Nachfolgestaaten der UdSSR die Nachrichten von der Front des Zweiten Weltkriegs verbindet, stammt aus Wladimir und heißt Jurij Lewitan und wurde wegen seiner einzigartigen Suggestivkraft von Adolf Hitler als größter Staatsfeind des Dritten Reiches betrachtet, gefährlicher noch als Josef Stalin selbst.

28. Fast alle Gewässerbezeichnungen und viele Ortsnamen in der Region gehen auf finno-ugrische Wurzeln zurück, also auf eine Zeit vor der Besiedlung durch die Slawen.

Jurij Lewitan

 

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Was Sie über Wladimir wissen sollten:

Mariä-Entschlafens-Kathedrale mit Wladimir-der-Täufer-Denkmal

  1. Wladimir und Erlangen sind 1983 das erste Partnerschaftspaar zwischen der UdSSR und Bayern.
  2. Wladimir nannte sich früher Wladimir an der Kljasma und Wladimir hinterm Wald, um Verwechslungen mit der gleichnamigen Stadt im Südwesten des Russischen Reiches, Wladimir Wolynskij, in Wolhynien (heute Ukraine) gelegen, zu vermeiden.
  3. Wladimir ist eine der ältesten russischen Städte, doch bis heute streiten sich zwei Fürsten um den Titel des Gründervaters: Wladimir der Täufer im Jahr 990 und Wladimir Monomach im Jahr 1108.
  4. Wladimir war nach dem Fall Kiews und vor dem Aufstieg Moskaus vom 12. bis 14. Jahrhundert Hauptstadt des Russischen Reiches.
  5. Am Stadtrand von Wladimir liegt Sungir mit Ausgrabungen aus dem Jungpaläolithikum (25.000 bis 30.500 Jahre v.Chr.) und ca. 70.000 Funden aus der Frühzeit des Menschen.
  6. Die Wladimirer Gottesmutter, eine wundertätige und besonders verehrte Ikone, soll Moskau vor dem Angriff Tamerlans im Jahr 1395 gerettet haben, als er mit seinem Reiterheer ohne erkennbaren Grund bei Jelzo umkehrte, ohne weiter auf die künftige Hauptstadt vorzurücken, wo sich damals das Heiligenbild befand. Seither gilt die Wladimirer Gottesmutter als Schutzpatronin des ganzen Landes und kehrte nie mehr in die alte Hauptstadt zurück. Das Original ist heute in der Tretjakow-Galerie zu sehen.
  7. Der weltbekannte Ikonenmaler Andrej Rubljow gestaltete die berühmte Mariä-Entschlafens-Kathedrale in Wladimir aus und schuf damit sein größtes zusammenhängendes Fresko, deren zentraler Teil das Jüngste Gericht darstellt, wo die traditionell so bedrohliche Szene sich in ein lichtes Fest des Triumpfes von Gerechtigkeit und Glorie verwandelt, ein Beleg für den spirituellen Wert des Menschen.
  8. Alexander Newskij, ein später heiliggesprochener Feldherr, regierte elf Jahre lang Wladimir und wurde dort auch im Weihnachtskloster begraben, bevor man seine sterblichen Überreste unter Zar Peter I nach Sankt Petersburg überführte. Der Großfürst wurde im Jahr 2008 beim Wettbewerb „Der Name Rußlands“ von Internetnutzern, Fernsehzuschauern und Radiohörern zum Sieger gewählt.
  9. Der italienische Architekt Aristotele Fioravanti baute in den 70er Jahren des 15. Jahrhunderts die Entschlafenskathedrale im Moskauer Kreml nach dem Vorbild der gleichnamigen Kirche in Wladimir.
  10. In Wladimir gab es früher fünf oder sogar sieben Tore. Heute steht nur noch das Goldene Tor, der Einlaß in das prächtige Innere der Stadt.
  11. In den 60er Jahren drehte Andrej Tarkowskij in Wladimir einen Film von Weltruf: „Andrej Rubljow“.
  12. In Wladimir gibt es drei Bauten, die zum UNESCO-Weltkulturerbe zählen: das Goldene Tor, die Demetriuskathedrale und die Mariä-Entschlafens-Kathedrale.
  13. Einzigartig an der Demetriuskathedrale – ihre dekorative Fassadengestaltung. Der gesamte obere Teil ist wie von einem Teppich von Steinmetzarbeiten bedeckt, Figuren und Gestalten, die auch nach acht Jahrhunderten noch Rätsel aufgeben. Was bedeuten die galoppierenden Reiter, was sagt uns der auf einem Thron sitzende biblische König David, warum steigt Alexander der Große in den Himmel auf, wozu zeigt Herakles hier seine berühmten Heldentaten, welche Funktion haben die die Löwen, Vögel, Greife und Fabelwesen?
  14. Das Goldene Tor in Wladimir ist das einzige Denkmal, das drei Funktionen in sich vereint: Triumphbogen, Verteidigungsanlage und Turmkirche.
  15. Eine der bekanntesten Legenden der Stadt hängt mit dem Besuch von Zarin Katharina II im Jahr 1767 zusammen, die – nach der einen Version – mit ihrer Kutsche im Goldenen Tor steckenblieb, obwohl es fünf Meter breit ist, oder – wie eine andere Überlieferung behauptet – einfach die Durchfahrt fürchtete, weil das Gebäude in einem baufälligen Zustand war. Jedenfalls befahl die Herrscherin eine Renovierung und den Abriß des Teils vom Befestigungswall, der damals noch unmittelbar bis zu den Mauern des Goldenen Tors reichte, um ungehindert in die Stadt gelangen zu können.

Mariä-Entschlafens-Kathedrale

Zusammengestellt von Jelena Ljubar und Nadja Steger. Fortsetzung folgt.

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Es wird wohl nichts mit dem geplanten Wiederaufbau des Anwesens von Wladimir Chrapowizkij in Muromzewo, Landkreis Sudogda, Region Wladimir. Weder gehen die Verantwortlichen davon aus, das einstige Schloß im neugotischen Stil mit seinen weitläufigen Gartenanlagen werde in größerer Zahl Touristen anlocken, noch glaubt man mittlerweile, fest mit den zur Restaurierung notwendigen Milliarden-Zuschüsse aus der Staatskasse rechnen zu können. Zwar hatte man 2015 eine Studie in Auftrag gegeben, um eine Bestandsaufnahme des architektonischen Juwels zu machen und Empfehlungen für dessen Erhaltung zu geben, aber die vierzehnbändige Dokumentation hat man offenbar im Ministerium für Kultur lediglich zur Kenntnis genommen, nie wurde sie Gegenstand von Anhörungen.

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Eine eigens vom Landesmuseum Wladimir einberufene Arbeitsgruppe kam zu keinem eindeutigen Ergebnis und ließ bei ihrer letzten Sitzung im Herbst 2016 die Frage offen, ob man versuchen solle, etwa drei Milliarden Rubel zu beantragen, um den Wiederaufbau anzugehen, oder ob es besser sei, mit einem wesentlich geringeren Aufwand auf weitgehend eigene Rechnung den Status quo zu konservieren. Allein die Kosten für die Erstellung eines Konzepts für die Sanierung veranschlagt man mit 150 Millionen Rubel. Das Objekt bleibt aber dennoch nicht sich selbst überlassen. Allein aus dem Pferdestall hat man bereits 35 Lastwagenfuhren Schutt entfernt, in der Voliere ist inzwischen eine Ausstellung installiert, noch im März will man damit beginnen, die Wasserspiele und große Teile des Parks wieder in Ordnung zu bringen.

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47 Objekte zählt die Anlage insgesamt, wobei zwischen den Behörden noch Eigentums- und Nutzungsfragen juristisch zu klären sind. Dennoch soll es noch in diesem Jahr eine Aussichtsplattform ganz in der Nähe des Schlosses geben, finanziert aus eigener Kraft, denn das Ministerium für Kultur verweigert der Anlage den Status „besonders wertvoll“.

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In jedem Fall fortsetzen will das Wladimirer Landesmuseum die bereits 2011 aufgenommenen Forschungen zur Geschichte des Anwesens. Bis heute weiß man ja nicht einmal, wie die Räume möbliert waren, wohin die Inneneinrichtung verbracht wurde, ob es möglicherweise noch Objekte gibt, die man rückerwerben könnte. Im Sommer erscheint nun schon der vierte Band dieser wissenschaftlichen Studien.

Vielleicht gelingt es nun zumindest, ein Ruinenmuseum in Muromzewo einzurichten. Das wäre zwar nicht ganz das, wovon man noch vor kurzem geträumt hatte, aber ähnliche Objekte gibt es überall auf der Welt, und in den englischen Gärten Europas baute man vor gut einhundert Jahren sogar künstliche Ruinen.

Mehr zur Person von Graf Wladimir Chrapowizkij und seiner Residenz ist hier zu finden: https://is.gd/JNlcD3

 

 

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