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Archive for the ‘Deutsche in Wladimir’ Category


Zwei Amtszeiten lang leitete Igor Kechter als Bürgermeister die Geschicke von Susdal und stattete der Partnerstadt Rothenburg o.d.T. zwei Besuche ab, bei denen er viel gelernt hat. Dann kehrte der 53jährige freiwillig der Politik den Rücken, um sich ohne all die Zwänge, die öffentliche Ämter so mit sich bringen, ganz neuen, kreativen Aufgaben zuzuwenden.

Gute hundert Kilometer südwestlich von Saratow gründeten seine Vorfahren den Weiler Klein-Walter. Sie stammten aus Bayern und kamen auf Einladung von Kaiserin Katharina II an die Wolga, wo die Familie bis 1941 blieb, bis nach dem Überfall der Wehrmacht auf die Sowjetunion die Rußland-Deutschen pauschal zu Volksfeinden erklärt und hinter den Ural verbannt wurden. Igor Kechters Vater, Erik Christianowitsch, war damals gerade einmal zwei Jahre und wuchs im sibirischen Tjumen auf, wo er später auch seine russische Frau aus Chanty-Mansijsk kennenlernte, mit der er unlängst die Goldene Hochzeit feiern konnte. In Wladimir, wo die Tochter bereits lebte und wohin auch Igor und sein älterer Bruder Wladimir zogen. Erst ab 1962 erhielten die verfemten Deutschen das Recht auf freie Niederlassung, konnten die Verbannungsorte verlassen, die Rehabilitation und Befreiung vom Etikett des „Volksfeindes“ erfolgte dann noch später, im Jahr 1991.

Igor und Ludmila Kechter

Wollte man einigermaßen unbehelligt mit einem deutschen Familiennamen leben, tat man gut daran, die Muttersprache nicht zu gebrauchen. Und so ist denn auch das Deutsche in der Familie nicht mehr präsent, nur die Großmutter beherrschte es noch, bereits Igor Kechters Vater wuchs ganz russischsprachig auf. Sechs Geschwister hatte er, von denen drei bei der Vertreibung ums Leben kamen. Und der Großvater, Christian Christianowitsch, kam nicht mehr aus der Arbeitsarmee zurück. Aber das ist für Igor Kechter Geschichte, mit der er sich versöhnt hat. Selbst hat er wegen seiner Herkunft keine Nachteile mehr erfahren, nur in der Kindheit war er beim Räuber-und-Gendarm-Spiel eben immer auf der anderen Seite. Abgesehen von einer Tante mütterlicherseits ist auch niemand ausgewandert oder nach Deutschland übergesiedelt. Der Großteil der mittlerweile vielköpfigen Familie lebt sogar weiterhin in Sibirien. Dennoch: Zu Deutschland besteht schon ein besonderer Bezug, den allerdings seine Ehefrau Ludmila herstellt: „Da fühlen wir uns immer wie daheim.“

1983 immatrikulierte sich Igor Kechter in der Militärakademie und brachte es bis zum stellvertretenden Leiter der Kommunistischen Partei. Dienst tat er lange Jahre ganz im hohen Norden Sibirien, an der Lena, u.a. in der Hafenstadt Tiksi. Derart urwirtlich war es da, und Lebensmittel gab es fast ausschließlich aus Konserven, so daß der Militär seine Frau mit den beiden Kindern immer in die „Sommerfrische“ nach Zentralrußland schickte. „Eine Zeit, in der ich lernen mußte, für mich selbst zu sorgen und mir ab und an eine Freude zu bereiten, indem ich kochte“, erinnert sich Igor Kechter. Damals ist dann wohl auch seine kulinarische Leidenschaft entstanden, angeregt auch vom Kontakt mit den einheimischen Völkerschaften und ihrer Küche aus Rentierfleisch und Fisch. Auf die Frage, ob er denn auch gut koche, reagiert er allerdings schweigend mit einem Blick auf die Frau, die dann auch mit Lob nicht sparen will. Besonders seine Schaschliks seien unschlagbar. Das wird er auch schon bald unter Beweis stellen können, denn dieser Tage nimmt der Hobbykoch an einer Schaschlik-Meisterschaft in Tschetschenien teil, wo er sich nicht kampflos ergeben, sondern die Jury mit einer Kreation überzeugen will, die mit kurz in Salz eingelegten Gurken als Beilage überraschen dürfte.

Auf der „Anrichte“ im Büro von Igor Kechter

Überhaupt die Gurke. Sein Restaurant „Ogurez“ in Susdal trägt den Namen des Gemüses, das wiederum seit den 80er Jahren für die ganze Stadt symbolisch steht, als man sich auf den Anbau spezialisierte und regelrechte Gurkenmillionäre hervorbrachte. Und dann der Tourismus: Als Igor Kechter 1993 seinem älteren Bruder nach Susdal folgte, begannen die beiden mit dem Aufbau eines holzverarbeitenden Betriebs, erkannten aber bald die Chancen im Fremdenverkehr. So gründeten sie mit zwei Kompagnons die AG „Heißen Quellen“, eine einzigartige Sauna- und Badelandschaft, die 2002 eröffnet wurde, von der sie sich dann aber 2013 wieder trennten, als Igor Kechter, der seit 2011 als Stadtrat tätig war, zum Bürgermeister gewählt wurde.

Nun, wieder in der Privatwirtschaft, fühlt er sich freier. Sieben Gebäude gehören ihm in Susdal, die er derzeit restauriert, und im nächsten Jahr soll in Gawrilow Possad in der Nachbarregion Iwanowo ein Museum für russische Nationalgetränke eingerichtet entstehen. Den Grundstock hat er schon in seinem Wladimirer Büro eingerichtet, eine Flaschen- und Krügesammlung mit einer Vielzahl von Unikaten. Überhaupt ist er immer auf der Suche nach dem Besonderen. Immer wieder entdeckt er alte Rezepte und entwickelt zu deren Wiederbelebung neue Konzepte, schreibt Bücher, hält Vorträge und brennt für den Fremdenverkehr, der auf drei Beinen steht, wie er meint: schlafen, sehen und essen. Ein Dreisatz, den er als stellvertretender Vorsitzender des Verbands der kleinen Touristenstädte Rußlands ebenso beherzigt wie als Impulsgeber für die gastronomische Entwicklung Susdals.

Igor Kechter

Seine „kulinarische Landkarte“ sorgt für Vielfalt und lokalen Bezug. 70% der Beschwerden von Touristen betrafen noch vor wenigen Jahren den „Einheitsbrei“ der Restaurants. Nun sollen die Gasthäuser zumindest zwei bis drei originell-originale Gerichte anbieten – und das in allen Fremdenverkehrsstädten des Gouvernements Wladimir – nach einem Qualitätsstandard und einer Zertifizierung. Eine Idee, die auch andere Regionen aufgreifen wollen und die Unterstützung der Politik in Moskau findet. Apropos Politik: Als es in den 80er Jahren darum ging, eine Kleinstadt touristisch „aufzurüsten“, kam Susdal zum Zug, weil jemand im Politbüro ein Faible für die Museumsstadt hatte und damit den Mitbewerber Gorochowez ausstechen konnte. So wurde damals alles zentral gesteuert, auch das Glück Susdals am Goldenen Ring. Für den galt übrigens auch eine kulinarische Planwirtschaft – und durchaus mit Verstand. Um den Touristen nämlich in jenen Zeiten der Mangelwirtschaft nicht immer und überall das gleiche Menü zu kredenzen, gab es Vorgaben für die Städte hinsichtlich der Auswahl von Gerichten.

Igor Kechter vor seiner Flaschensammlung

Dank Igor Kechter weiß man nun aber auch, daß der erste russische Malzkaffee in den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts in Susdal hergestellt wurde, daß es früher für jeden Monat ein eigenes Getränk gab, daß man hier sogar Bier braute und ein Monopol auf die Herstellung und den Vertrieb von Honigwein, „Medowucha“ genannt, besaß, daß die Kartoffeln hierzulande einst – wie in Deutschland und Frankreich – „Erdäpfel“ genannt wurden, ein Begriff, der aus dem heutigen Russischen gänzlich verschwunden ist…

Für das Seine brennen

Wer also mehr erfahren will über die Eß- und Trinksitten der Russen, besuche in Susdal das Restaurant „Ogurez“, trinke dort einen Kaffee mit Gurkensirup oder einen Getreidewein, spreche mit Igor Kechter oder greife zu seinem Buch, dessen Titel frei übersetzt lauten könnte: „Für das Seine brennen“, in dem es freilich nicht nur um Selbstgebranntes geht und das in Auszügen bald auch auf Deutsch im Blog erscheinen wird. Dabei geht es mehr als um die Gurke!

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Am Montag, den 7. September, eröffnet Oberbürgermeister Florian Janik gemeinsam mit Jakob Fischer um 17.00 Uhr die von der Bundesregierung geförderte neue Wanderausstellung über die Geschichte und Integration der Rußlanddeutschen unter dem Titel Spuren und Emotionen Deutsch-Russischer Verknüpfungen im Foyer des Rathauses, wo sie zu den normalen Öffnungszeiten bis zum 18. September zu sehen ist.

„Wurzeln schlagen und die Gesellschaft stärken“, so lautet der Leitgedanke der Wanderausstellung „DEUTSCHE AUS RUSSLAND. Geschichte und Gegenwart“, die von der Landsmannschaft der Deutschen aus Rußland mit Sitz in Stuttgart präsentiert wird.

Ausstellung - ERBE - Gesangs- u. Trachtengruppe aus Mayorowka, Kasachstan

ERBE – Gesangs- u. Trachtengruppe aus Majorowka

Diese Schau ist Teil eines bundesweiten Integrationsprojektes, gefördert vom Bundesministerium des Innern und vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge in Nürnberg. Zur Eröffnung hält Jakob Fischer um 17.00 Uhr im Ratssaal einen Vortrag mit Film zur Thematik, anschließend führt er als Kurator durch die Ausstellung.

Batamschinsk-1978, Schule Nr. 2, Aktjubinsk Kasachstan

Batamschinsk-1978, Schule Nr. 2, Aktjubinsk, Kasachstan

Die Grußworte sprechen Dr. Florian Janik, Oberbürgermeister der Stadt Erlangen, und  Ewald Oster, stellvertretender Bundesvorsitzender der Landsmannschaft der Deutschen aus Rußland e.V. in Stuttgart. Außerdem stehen auf dem Programm der Ausstellungseröffnung Beispiele zur Integration der Deutschen aus Rußland in Erlangen.

Jakob Fischer - Projektleiter der Ausstellung

Jakob Fischer – Projektleiter der Ausstellung

Der Projektleiter, Jakob Fischer, selbst Deutscher aus Kasachstan, führt mit einer Power-Point-Präsentation in die Ausstellung ein und zeigt auf der Großleinwand Beispiele aus der Geschichte und Integration der Deutschen aus Rußland. mit Beispielen vom Zusammenleben, vom glücklichen Ankommen, von neuen Wurzeln, von einer neuen Heimat und einem verständnisvollen Miteinander.

Berjosniki 1954, Perm am Ural, Verbannung RD

Berjosniki 1954, Perm am Ural, Verbannung RD

Darüber hinaus ist die Präsentation einer weiteren Variante der Ausstellung als Unterrichtsprojekt zum Thema Migration und Integration in Deutschland am Beispiel der Deutschen aus Rußland an einigen Erlanger Schulen geplant.

Viele Deutsche folgten dem Ruf der russischen Zarin

Die Ausstellung zeigt mit Tafeln und Schaubildern, Vorträgen und Filmen das wechselvolle Schicksal und illustriert die Historie und die kulturellen Verknüpfungen der Deutschen mit dem riesigen Rußland.

Delegation der Russlanddeutschen Oktober 1988 in Moskau

Delegation der Russlanddeutschen Oktober 1988 in Moskau

Die Ausreise der Deutschen aus verschiedenen deutschen Kleinstaaten in das Russische Reich hängt mit dem Manifest der Zarin Katharina II. zusammen, die von 1762 bis 1796 regierte. Die Auswanderung erfolgte ab 1764 / 1765 bis 1862 mit der Gründung von 3.536 deutschen Siedlungen an der Wolga, in der Ukraine, im Kaukasus, in Wolhynien und Bessarabien. Diese deutschen Kolonien wurden streng nach der Religionszugehörigkeit in den von Rußland neueroberten Gebieten der ehemaligen Weltreiche der Mongolen und Osmanen angelegt. Doch bereits im Mittelalter hatten sich Deutsche im Baltikum angesiedelt, ab dem 16. Jahrhundert leben sie in Moskau und ab 1703 in Sankt Petersburg. Die Ausstellung zeigt diese interessante Geschichte, aber auch die Kriegsfolgenschicksale der Deutschen, welchen Vorurteilen sie in Deutschland begegneten und begegnen und wie ihre Integration gelingt.

Deutsche Pädagogische Hochschule 1940 in Engels an der Wolga

Deutsche Pädagogische Hochschule 1940 in Engels an der Wolga

Deutsche in Russland: vom Vorbild zum Sündenbock

Die heimisch gewordenen und seit fast 200 Jahren hoch geachteten Wolgadeutschen, wie sie auch oft genannt werden, mußten jedoch nach dem Überfall der Wehrmacht auf die Sowjetunion im Jahr 1941 einen unbeschreiblichen Leidensweg antreten. Zigtausende verloren ihr Leben durch Deportation, Verschleppung und Ermordung, weil der sowjetische Diktator, Josef Stalin, sie kollektiv der Kollaboration mit Hitler-Deutschland verdächtigte.

Deutsches Theater Temirtau-Almaty 1985 in Kasachstan

Deutsches Theater Temirtau-Almaty 1985 in Kasachstan

Deutsche in der Sowjetunion zwischen Bleiben und Gehen.

Die Rückkehr nach Deutschland

Hunderttausende kamen in den 90er Jahren zurück in das Land ihrer Vorfahren, das für sie als Synonym für Hoffnung und Gerechtigkeit stand – Deutschland. Vorurteile und Ablehnung schlugen vielen von ihnen entgegen, hauptsächlich von Menschen, denen alles Fremde fremd ist.

Jakob Fischer führt durch die Ausstellung

Jakob Fischer führt durch die Ausstellung

Seit 1950 konnten rund 2,8 Millionen Aussiedler aus der UdSSR nach Deutschland zurückkehren, dank geduldiger Diplomatie und erfolgreicher Entspannungspolitik besonders nach 1990.

RD 1951 im Lager Kimpersai, Gebiet Aktjubinsk, Batamschinsk

RD 1951 im Lager Kimpersai, Gebiet Aktjubinsk, Batamschinsk

Die Ausstellung dokumentiert auch, wie die rußlanddeutschen Rückkehrer unter oftmals schwierigen Bedingungen in der neuen alten Heimat wieder Fuß faßten, ihre Integration in die Nachkriegsgesellschaft schafften und wie sie gerade in Bayern heute das Land in vielfacher Weise mitgestalten. Für diese Spätaussiedler, die Deutsche sind und auch als Deutsche kommen, sind andere politische, gesellschaftliche und rechtliche Voraussetzungen maßgebend, als für ausländische Zuwanderer und Flüchtlinge. Auch zu diesen Aspekten gibt die Ausstellung Auskunft.

Für Rückfragen und Anmeldung für Führungen durch die Ausstellung: Jakob Fischer, Tel. 0171 – 40 34 329, E-Mail: j.fischer@lmdr.de; www.deutscheausrussland.de; http://www.lmdr.de

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Gestern erschien in dem vor fast genau 98 Jahren von den demokratischen Parteien der Februar-Revolution gegründeten und im November 1917 dann von den Kommunisten vereinnahmten „Prisyw“ – seit 1991 ein politisch unabhängiges Blatt – ein Artikel unter der Überschrift „Deutsche Spuren in Wladimir“, der hier in Übersetzung wiedergegeben wird:

Schüler aus Wladimir suchen nach interessanten Fakten, die unsere Gouvernementshauptstadt mit Deutschland verbinden. Der Wettbewerb findet im Vorfeld des zwanzigjährigen Jubiläums des Erlangen-Hauses statt.

2015 wurde nicht nur zum „Jahr der Literatur“, sondern auch zum „Jahr der deutschen Sprache und Literatur in Rußland“ ernannt. Wladimir steht dabei nicht abseits. Unsere Schüler suchen in ihrer unmittelbaren Umgebung nach „deutschen Spuren“. Es kann sich dabei um berühmte Deutsche handeln, die in der einen oder anderen Weise Einfluß auf das gesellschaftliche oder soziale Leben Wladimir genommen haben, es kann aber auch mit Straßennamen, deutschen Unternehmen, Restaurants oder Geschäften zu tun haben… Die Ergebnisse des Wettbewerbs werden im Mai vorgestellt, zur Jubiläumsfeier des Erlangen-Hauses.

Erlangen-Haus

Erlangen-Haus

Übrigens stellt das Erlangen-Haus selbst eine der auffälligsten „deutschen Spuren“ in Wladimir dar. Es wurde 1995 nach zwei Jahren der Sanierung des ehemaligen Kaufmannshauses aus dem 19. Jahrhundert im historischen Zentrum Wladimirs unter der Adresse Frunsestraße 25 eröffnet. Die Bauarbeiten wurden von einer Baufirma und Sponsoren aus Erlangen finanziert. Gewaltige Unterstützung bei der Renovierung leisteten die Architekten, Helmut Eichler und Kira Limonowa. Die Bauarbeiten wurden von einem deutschen Team ausgeführt.

Kira Limonowa

Kira Limonowa

„Die Schwierigkeiten bei der Sanierung lagen daran, daß es sich um ein ehemaliges Wohnhaus handelte, das in ein öffentliches Gebäude umzuplanen war“, erinnert sich die Architektin Kira Limonowa. „Aber es ist gelungen: Im Obergeschoß ein Hotel, unten Räumlichkeiten für Sprachkurse. Ein gutes Beispiel dafür, wie man ein baufälliges Haus in ein modernes Gebäude umgestalten kann. In ähnlicher Weise kann man mit vielen historischen Häusern in Wladimir verfahren.“

Mit der Sanierung stehen einige bemerkenswerte Umstände in Zusammenhang. Beim Umbau fand man romantische Briefe, die der Rechtsanwalt Terskij, der Anfang des vergangenen Jahrhunderts hier wohnte, seiner Braut geschrieben hatte. Die Wände, Mauern und Decken des Hauses blieben ungeachtet der Baufälligkeit des Innenausbaus in ihrem ursprünglichen Zustand, man brauchte sie gar nicht zu ersetzen. Im Keller befindet sich eine eingemauerte Wand. Was sich dahinter verbirgt, weiß niemand.

Die erste Geschäftsführerin des Erlangen-Hauses, Tatjana Eichler, umgeben von den drei "Vätern": Igor Schamow, Alexander Rybakow und Helmut Eichler

Die erste Geschäftsführerin des Erlangen-Hauses, Tatjana Eichler, umgeben von den drei „Vätern“: Igor Schamow, Alexander Rybakow und Helmut Eichler

Das Erlangen-Haus ist zum Zentrum der Partnerschaftskontakte geworden. Das Gebäude beherbergt Büros für drei russisch-deutsche Firmen sowie ein kleines Hotel. Besondere Aufmerksam verwendet man auf die Deutschkurse, die man dank der Zusammenarbeit mit der Volkshochschule Erlangen und dem Goethe-Institut in Moskau aufgebaut hat. Jahr für Jahr erlernen im Erlangen-Haus etwa 200 Teilnehmer die Sprache von Goethe und Schiller. Im Sommer werden die Prüfungen abgelegt, und man erhält ein Diplom des Goethe-Instituts nach internationalem Standard. Wladimir ist nach Moskau und Sankt Petersburg die dritte russische Stadt, wo dies möglich wurde.

Die Goethe-Institute in der Russischen Föderation

Die Goethe-Institute in der Russischen Föderation

Aber welche weiteren „deutschen Spuren“ gibt es in Wladimir? Auf diese Frage wollen wir schon jetzt antworten und den Schülern ein wenig vorgreifen. Und so sieht unsere Sammlung aus:

Goethe-Prüflinge im Erlangen-Haus

Goethe-Prüflinge im Erlangen-Haus

Alleen der Freundschaft. Die erste, mit Eichen gepflanzt von Kriegsveteranen aus Wladimir und Erlangen am Iwanow-Boulevard im Jahr 2005 anläßlich des sechzigjährigen Jubiläums der Kapitulation des Dritten Reiches; die zweite aus Thuyabäumen vor dem Landgerichtsgebäude 2013 zu Ehren des dreißigjährigen Jubiläums der Städtepartnerschaft.

Geschäfte: In Wladimir sind die deutschen Groß- und Einzelhandelsketten Globus und Metro vertreten.

Busse: Ungefähr 200 Busse aus Erlangen bedienen die Linien innerhalb Wladimirs und der ganzen Region.

Troika des Roten Kreuzes: Bürgermeisterin Jelena Owtschinnikowa, Präsident des BRK Erlangen-Höchstadt Brüne Soltau und Geschäftsführerin des RK Wladimir Olga Dejewa

Troika des Roten Kreuzes: Bürgermeisterin Jelena Owtschinnikowa, Präsident des BRK Erlangen-Höchstadt Brüne Soltau und Geschäftsführerin des RK Wladimir Olga Dejewa

Rot-Kreuz-Zentrum: Es wurde 1999 gegründet, um der Bevölkerung medizinische und soziale Hilfe leisten zu können. Das Deutsche Rote Kreuz übernahm alle Sanierungskosten für die Räumlichkeiten in Höhe von 30.000 DM.

Katholische Gemeinde: Die Kirche wurde 1991 mit Hilfe der Katholiken aus Erlangen saniert. Hier wird Sozialhilfe für die Wladimirer geleistet.

Heizkessel für Wladimir

Heizkessel für Wladimir

Kommunale Infrastruktur: In Wladimir wurde ein Klärwerk mit Zulieferung aus Erlangen gebaut. Seit Herbst 1991 versorgt das Heizkraftwerk „Erlangen“ 1.500 Wohnungen, eine Schule und einen Kindergarten im Südwesten der Stadt.

Sozialprojekt „Lichtblick“: Umgesetzt von den Barmherzigen Brüdern Gremsdorf unter Mitwirkung des BRK, im Rahmen dessen Gebäude des Psychiatrischen Krankenhauses saniert sowie medizinisches Gerät und Spielsachen für die kranken Kinder angeschafft wurden.

Spendensammlungen: Im Mai 2000 sammelten Gemeindemitglieder aus Erlangen Spenden zur Behandlung von zwei schwerkranken Mädchen.

Hilfe für Wladimir: Begonnen 1990, in deren Verlauf Erlanger Bürger mehr als drei Millionen DM sammelten. Das BRK organisierte fünf Jahre lang die Aktion und brachte die Hilfsgüter nach Wladimir. Von 1993 bis 1997 vollzog sich ein intensiver Austausch von Fachärzten.

Ärztlicher Direktor des Rot-Kreuz-Krankenhauses, Jewgenij Jaskin, und ein Bett aus Erlangen

Ärztlicher Direktor des Rot-Kreuz-Krankenhauses, Jewgenij Jaskin, und ein Bett aus Erlangen

Kinderhilfe Wladimir: Eine Aktion des Jahres 1998 mit einem Volumen von mehr als 600.000 DM, wofür Medikamente, Lebensmittel u.a. gekauft wurden. Vor zwei Jahren half ein Erlanger Frauenklub dabei, im Wladimirer Kinderkrankenhaus einen gynäkologischen Behandlungsraum einzurichten. Das Rot-Kreuz-Krankenhaus erhielt ca. 200 Patientenbetten.

Zum Thema passend: Ein Chirurg in spe

Im Wladimirer Rot-Kreuz-Krankenhaus absolviert der Sohn des Partnerschaftsbeauftragten, Peter Steger, ein Praktikum. Dominik kennt Wladimir gut. Von Kindheit an kommt er mit seinem Papa hierher. Jetzt ist er erwachsen und studiert in Berlin Medizin.

Dominik Steger am Rot-Kreuz-Krankenhaus

Dominik Steger am Rot-Kreuz-Krankenhaus

Das Praktikum in einem Wladimirer Krankenhaus ist für mich sehr interessant, weil alles so anders ist als bei uns. Die Geräte sind zwar nicht so modern wie in deutschen Krankenhäusern, dafür haben aber die Ärzte mehr Erfahrung. Ein Unterschied besteht auch darin, daß es in Deutschland so gut wie keine Krankenzimmer mit mehr als zwei oder drei Betten gibt, während hier manchmal bis zu sechs Patienten zusammen untergebracht sind. Die Verständigung mit den Ärzten fällt mir manchmal nicht ganz leicht. Mein Russisch ist nicht ganz auf der Höhe, besonders hinsichtlich der medizinischen Fachbegriffe. Aber ich kenne ja die lateinischen Termini, was mir bei der Arbeit hilft. Ich habe gerade mein erstes Studienjahr hinter mir und weiß noch nicht so viel. Ich darf deshalb bei Operationen nur zusehen. Ich bin dem Krankenhaus für diese Möglichkeit sehr dankbar. Auf eine Fachrichtung habe ich mich noch nicht festgelegt, bisher studiere ich Allgemeinmedizin. Möglicherweise werde ich aber Chirurg.

Und hier geht es zum russischen Original: http://is.gd/wx8gB4

Anmerkung: Aufmerksame Leser werden die eine oder andere Ungenauigkeit vor allem im Zusammenhang mit dem Erlangen-Haus bemerkt haben. Hierzu sei gesagt, daß ein Buch über Geschichte und Gegenwart dieses Gemeinschaftsprojekt in Vorbereitung ist. Und für die Schüler bleiben noch viele in dem Artikel nicht verfolgte „deutsche Spuren“ zu entdecken. Auf die Ergebnisse darf man gespannt sein.

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1863 kam Pjotr Begen, ein Deutscher, zur Welt, der für Wladimir und vor allem seine Architektur von prägender Bedeutung werden sollte. Der Absolvent der Moskauer Fachhochschule für Kunst und Bauwesen in Moskau setzte seine Studien an der Akademie der Schönen Künste in Sankt Petersburg fort und arbeitete zunächst in Moskau, bis er 1895 einen Ruf nach Wladimir erhielt. Zunächst als „außerordentlicher Baumeister in der Verwaltung des Gouvernements Wladimir, ab 1901 dann als Chefarchitekt. Mit großem Erfolg und einer beeindruckend langen Liste der Gebäude, die unter seiner Planung errichtet wurden: von der Entbindungsstation, wo heute ein Kindergarten untergebracht ist, über die von den Kommunisten zerstörte Erlöserkirche bis hin zur Wodkabrennerei, dem Untersuchungsgefängnis, dem historischen Museum, dem Priesterseminar oder dem historischen Museum.

Wladalko, Wladimirer Wodkabrennerei, Pjotr Begen

Wladalko, Wladimirer Wodkabrennerei, Pjotr Begen

Auch der Umbau des Volkshauses, wo jetzt das Puppentheater untergebracht ist, geht auf Pjotr Begen zurück. Und natürlich hat er auch sein eigenes Wohnhaus entworfen, das wie seine anderen „Gebete in Stein“, wie sie ein Historiker einmal genannt hat, unter Denkmalschutz steht.

Puppentheater Wladimir, Pjotr Begen

Puppentheater Wladimir, Pjotr Begen

Nebenher hat der Baumeister auch in Nachbargouvernements seine Spuren in Form von Kirchen und Krankenhäusern hinterlassen. Bis seine Schaffenskraft erschöpft war und Pjotr Begen, wohl völlig ausgebrannt, 1907 einen Nervenzusammenbruch erlitt und seinen Rücktritt einreichte. Der Architekt ließ sich in einer Nervenklinik in Moskau behandeln und wohl auch heilen. Aber das Angebot, nach seiner Entlassung wieder auf seinen Posten nach Wladimir zurückzukehren, nahm er nicht mehr an. Er hätte wohl weiter Selbstausbeutung betrieben. Und so zog er zu seinem Bruder, dem deutschen Bürgermeister von Iwanowo, und starb dort zurückgezogen im Revolutionsjahr 1917.

Gandurin-Haus in Iwanowo, Pjotr Begen

Gandurin-Haus in Iwanowo, Pjotr Begen

Wenn er denn überhaupt notwendig wäre: ein weiterer Beleg für die engen deutsch-russischen Verbindungen auch schon lange vor der Städtepartnerschaft Erlangen – Wladimir, die es zu bewahren und fortzusetzen gilt.

 

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Wer die Wladimirer Wälder kennt, kennt Karl Türmer, den man mittlerweile sogar auf Wikipedia findet – übrigens mit Link auf die im Blog erstmals auf Deutsch erschienenen russischen Briefe des deutschen Forstwirts an Wladimir Chrapowizkij, seinen adligen Arbeitgeber, allerdings ohne Quellenangabe. Sei’s drum. Wir nehmen es da genauer und verweisen heute auf einen Film über das Wirken von Karl Türmer für die Wladimirer Wälder, produziert vom Lokalsender Wlad-TV und abzuspielen unter http://is.gd/ZnjYp3.

Karl Türmer

Karl Türmer

Natürlich helfen Russisch-Kenntnisse, die historische Dokumentation zu verstehen, aber die Bilder vom russischen Wald, den ein Deutscher so nachhaltig kultiviert hat, daß seine Schonungen aus dem 19. Jahrhundert heute als Forstdenkmäler gelten und Vorbildcharakter genießen, diese Naturansichten sprechen auch für sich. Und dann ist da noch ein Sprecher, der Germanist Wiktor Malygin, ein Sprachrohr der Städtepartnerschaft, mit den Einsprengseln auf Deutsch zu hören. Gewidmet ist der Film dem „lichten Andenken“ des früh verstorbenen Regiseurs Rawus Bagirow, der in den 90er Jahren enge Verbindungen zu Erlangen unterhielt, Mehr zu Karl Türmer und seinem Wirken hier in Ihrem Blog unter: http://is.gd/WJMcII

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Nur 35 km von Wladimir entfernt liegt in dem Weiler Maloje Borisowo bei Susdal ein zumindest im Rahmen der Städtepartnerschaft zu Unrecht noch gänzlich unbekanntes Kleinod, das zu jeder Jahreszeit zum Verweilen einlädt: ein Gästehaus, betrieben von dem russisch-deutschen Ehepaar Michail und Nadine Stern.

Willkommen im Gästehaus Stern

Nadine Stern stammt ursprünglich aus Brandenburg und hat über ihre Leidenschaft für Pferde ihren Mann fürs Leben in Michail aus Wladimir gefunden. Eine Geschichte zum Verlieben, von der die beiden auf ihrer Homepage www.pension-stern-russland.com freilich selbst am besten erzählen. Wer dort einmal angelangt ist, kommt so schnell nicht wieder los von der Idee, dort einmal einige Tage in Ruhe und Beschaulichkeit zu verbringen. Am besten gleich anfragen und den Jahresurlaub in der Sterne-Pension buchen! Oder zumindest einige Sternennächte. Und am besten natürlich in Verbindung mit dem Erlangen-Haus: www.erlangen.ru

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Philipp Schütze

Seit dem 9. Februar ist Philipp Schütze, Student an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, an der Staatlichen Universität Wladimir eingeschrieben. Noch ein halbes Jahr will er dort blieben, sein Russisch verbessern sowie Land und Leute verstehen lernen. Neben seinem Studium betreibt er Sport, unterrichtet Deutsch – und schreibt einen ausgesprochen unterhaltsam-informativen Blog mit inzwischen sechs Briefen oder Berichten an die Heimat und vielen weiteren Reportagen aus der Innenansicht eines Auslandsstudienjahrs in der Partnerstadt. Vor kurzem erst hat er, Student der Geschichte, Germanistik und Sozialkunde, einen Aufsatz über die Buddenbrooks zwischen Künstlertext und filmischer Umsetzung für die Wladimirer Universität geschrieben. All dies und noch viel mehr nachzulesen – mit besten Empfehlungen! – unter http://wobistduphilipp.wordpress.com/. Das Photo entstand Anfang Juni, als Philipp Schütze auf einem zweiwöchigen Heimaturlaub auch im Rathaus vorbeischaute. Mit wem er dann nach Wladimir zurückgekehrt ist, soll hier nicht verraten werden; das kann man in seinem Blog nachlesen. Nur so viel noch: Philipp Schütze hat auch noch einen Exklusivbeitrag für diesen Blog angekündigt. Wir wappnen uns einstweilen mit Geduld, genießen die Vorfreude und gedenken der Worte einer Hausangestellten der Buddenbrooks, die da sinnigerweise einmal sagte: „Warten Sie man bloß, Frau Konsulin, dat duert nu nich mehr lang…“

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