Feeds:
Beiträge
Kommentare

Archive for 4. Mai 2021


Es gibt auf russischer Seite viele Väter der Städtepartnerschaft, aber nur eine Mutter, die von Beginn an für das freundschaftliche Miteinander zwischen Wladimir und Erlangen sorgte. Lesen Sie heute den ganz persönlichen Rückblick vom 19. April d.J. aus der Feder von Margarita Malachowa, der langjährigen Vorsitzenden des Wladimirer Stadtrats, auf diese heute so ferne Zeit exklusiv im Blog. Dank an Wjatscheslaw Kartuchin für die Übermittlung der Erinnerungen.

Margarita Malachowa und Siegfried Balleis tanzen ins neue Jahrtausend hinein, gesehen von Sergej Uchin.

Danke für die Einladung, meine Erinnerungen für den Blog aufzuschreiben.

Ich gehöre wohl zu den wenigen noch lebenden Teilnehmern, die am Anfang der Entwicklung der freundschaftlichen Beziehungen zwischen Wladimir und Erlangen standen. Die Initiative ging von deutscher Seite, von Dieter Hahlweg, aus. Das Kooperationsabkommen ist seit fast 40 Jahren in Kraft, aber ich beginne mit dem Moment, als die Partnerschaftsurkunde 1987 nach fünf Jahren der „Verlobung“ unterzeichnet wurde.

Der damalige Oberbűrgermeister hieß Dietmar Hahlweg, ein sehr angesehener Mann, der Maßstäbe setzte und dieses Amt damals schon seit 1972 innehatte. Er war ein Vertreter der Sozialdemokraten.

Wir kamen damals mit einer offiziellen Delegation nach Erlangen. Ihr Leiter war Michail Swonarjow, Vorsitzender des Exekutivkomitees der Stadtdeputierten. Zur Delegation gehörten Alexander Nemontow, Held der sozialistischen Arbeit und Direktor des Technikbetriebs WZPO, Dmitrij Makejew, Rektor des Pädagogischen Instituts, meine Wenigkeit, Alissa Axjonowa, Leiterin des Landesmuseums Wladimir-Susdal, und die Journalistin Natalia Kondratenko. Beteiligt waren auch Sport- und Kulturgruppen wie zum Beispiel das Folklore-Ensemble Rus.

Der Besuch war eine wichtige Sache, und wir trafen uns mit vielen Leuten.

Für Dietmar Hahlweg war es sehr wichtig, die Vereinbarung einstimmig verabschieden zu können. Und das mit mehreren Parteien im Stadtrat. Die Sozialdemokraten hatten die Mehrheit, doch in der Oppositionspartei, der CSU, gab es einen leitenden örtlichen Polizeibeamten. Er hat uns irgendwie „genauer unter die Lupe genommen“. Manchmal spürte man beim Gehen seinen Blick auf dem Hinterkopf. Du drehst dich um, und er wendet sich ab. Das bemerkte auch Alissa Axjonowa. Ja, es war ein wenig unangenehm, aber auch wieder ganz natürlich: Da waren Leute aus einem feindlichen Land gekommen. Da herrschten ganz andere Einstellungen. Ich erinnere mich vor allem an die Pressekonferenz, die unsere offizielle Delegation für die Öffentlichkeit abhielt. Auch hier gab es unterschiedliche Auffassungen. Offensichtlich wurde ich als schwächstes Glied ausgewählt, und so richteten sich die Fragen hauptsächlich an mich: „Frau Malachowa, könnten Sie bitte folgende Frage beantworten: Wie ist Ihre Einstellung zu der Tatsache, daß Ihre Soldaten in Afghanistan sind?“ Ich verstehe Deutsch recht gut, aber ich brauchte Zeit, um eine Antwort zu finden. Also beantwortete ich mit einer Gegenfrage: „Was halten Sie davon, daß Ihre wunderbaren, schönen Straßen von amerikanischen Stiefeln zertrampelt werden?“ Ich war am Abend zuvor in der Stadt unterwegs und sah amerikanische Soldaten. Und wissen Sie, die eine Gruppe grummelte (anscheinend gefiel ihnen meine Antwort nicht), und der andere Teil applaudierte. Das heißt, es gab unterschiedliche Stimmungen. Dann folgten noch viele weitere Fragen, aber ich denke, daß wir sie angemessen beantworteten und diese Pressekonferenz erhobenen Hauptes verließen.

Margarita Malachowa

Aber das Interessanteste ist, daß der Besuch unserer Delegation in die Zeit fiel, als Matthias Rust auf dem Roten Platz landete. Und so sprach man uns beim Mittagessen in einem netten Restaurant darauf an: „Was halten Sie davon, daß unser Pilot auf dem Roten Platz gelandet ist?“ Ich antwortete: „Wissen Sie, das ist großartig! Ihr habt uns, wir haben ihn… Aber wir haben ein Geschwader, und Ihr habt ein schönes Flachdach auf dem Rathaus. Nächstes Mal werden unsere Piloten auf Eurem Rathaus landen.“ Nur so konnte man derart knifflige Fragen parieren.

Wir hatten mehrere Treffen vor der Unterzeichnung des Abkommens, und dieser Stadtrat versuchte immer wieder, uns in Verlegenheit zu bringen und zu provozieren. Ich war damals Parteifunktionärin, weshalb er mir gegenüber recht mißtrauisch gestimmt war. Ich spürte das natürlich, obwohl äußerlich alles ganz nett aussah. Ich griff deshalb zu den Waffen einer Frau und schmeichelte ihm, ließ mich von ihm umwerben.

Der Tag der Vertragsunterzeichnung kam. Der Konsul, ein Vertreter unserer Botschaft, war anwesend. Die Deutschen saßen nicht wie wir im Konferenzraum, ihre Tische waren in einem großen Viereck aufgestellt, einander vis-à-vis. Unsere Delegation saß auf der einen Seite. Dietmar Hahlweg leitete die Sitzung sehr souverän, wie es sich gehört. Er erklärte, wozu der Vertrag diente: zur Stärkung der wirtschaftlichen, kulturellen und sportlichen Beziehungen zwischen unseren Städten. Als die Abstimmung begann, beschlossen Alissa Axjonowa und ich, ohne vorherige Absprache, unseren weiblichen Blick zu nutzen und nahmen den CSU-Stadtrat ins Visier. Wir fragten uns: „Wird er mit Ja abstimmen – wird er die Sache ablehnen?“. Es gab eine lange, lange Pause, und dann hob er langsam die Hand, gefolgt von den anderen vier Vertretern seiner Fraktion. Die Abstimmung fiel einstimmig zu Gunsten des Vertrags aus. Applaus kam auf.

Dieser Vertrag ist nun über drei Jahrzehnte alt.

Margarita Malachowa, Angelika und Siegfried Balleis, Alexander Rybakow, Igor Schamow, Sergej Sacharow und Jelena Owtschinnikowa,Mai 2013 in Wladimir

In der für unser Land so schwierigen Zwischenzeit haben uns die Deutschen sehr geholfen. Vor allem mit Wärme. Wir lebten zwar nicht in Wladiwostok, aber die Winter waren eiskalt. Natürlich hatten wir Probleme, aber nicht so, daß die Leute erfroren wären. Das Erlanger Kesselhaus ist noch immer in Betrieb.

Und wie sehr sie unseren Ärzten, unseren Krankenhäusern geholfen haben! Zum Beispiel dem Notfallkrankenhaus. Wir wurden Zeuge, wie sie Geld sammelten, Hilfsgüter sammelten… Und dann holten wir die humanitäre Hilfe sogar selbst in Erlangen ab. Und das viele, viele Male.

Sie halfen den Kindern sehr, etwa vielen hörgeschädigten Kindern. Eines Tages bekamen wir dank Peter Steger zehn Hörgeräte von Siemens, vermittelt durch den Kinderschutzbund Erlangen, und eröffneten eine Klasse in der Schule Nr. 14 mit Alexander Mordassow als Leiter. Diese Kinder – sechs oder sieben Jahren alt – brauchten nicht mehr nach Kowrow gebracht zu werden, wo es eine Sonderschule gab. Als wir die Eltern einluden und ihnen sagten, ihre Kinder könnten nun deutsche Hörgeräte benutzen, die ihnen nicht in den Ohren wehtun, und daß sie außerdem nicht mehr von ihren Familien getrennt werden müssen und in Wladimir zur Schule gehen können – da hätten Sie die Augen der Eltern sehen sollen, ihre Freude darüber, daß ihre Kinder bei ihnen bleiben konnten!

Unsere Kulturensembles kamen bei den Deutschen immer sehr gut an. Immer wieder traten „Wladimirez“ unter Leitung von Nina Peschkowskaja oder der Knabenchor von Eduard Markin in Erlangen auf. Ich erinnere mich an den Besuch von Wladimir Putin in unserer Stadt, als er unser Ministerpräsident war. Er hörte sich Markins Chor an und lud ihn (als einen von wenigen) zur Teilnahme am Petersburger Dialog in Weimar 2001 ein.

Vieles gäbe es noch zu erwähnen. Zum Beispiel hatten wir einen Vorsitzenden des Veteranenrates, Oberst Jakow Moskwitin, einen großen Patrioten unseres Landes. Ich sagte zu ihm: „Die Deutschen, die Veteranen, wollen wirklich Kontakte herstellen.“ Er gab zunächst zurück: „Wie kommen Sie denn auf so etwas? Wir haben den Krieg mitgemacht…“ Doch ich gab nicht nach: „Es sind andere Zeiten, die jungen Leute wollen die Wahrheit über unseren Sieg wissen…“ Mit der Zeit war das Eis gebrochen, und es wurden auch Kontakte zu Veteranen geknüpft. Mehrmals besuchte unser verehrter Veteran, unser Ehrenbürger, Nikolaj Schtschelkonogow, Deutschland. Ihm zuzuhören war immer ein Vergnügen, und die deutsche Jugend begegnete ihm mit Respekt.

Bei all den vielen Begegnungen taute auch das Eis in den Beziehungen. Der CSU-Stadtrat hörte auf, uns als Feinde wahrzunehmen, wurde neutral. Seine Kollegen und er, der uns damals in Erlangen so besonders kritisch unter die Lupe genommen hatte, kamen nach Wladimir. Wir trafen uns mit ihnen in der damaligen Polizeistation, und es wurden persönliche Kontakte geknüpft. Ich glaube, es kam dann zu einem fruchtbaren Erfahrungsaustausch.

Während einer Führung durch Nürnberg kam einmal ein hochbetagter Mann auf Alissa Axjonowa und mich zu und fragte, woher wir kämen. „Aus Wladimir“, antworteten wir. „Oh, Wladimir, Susdal… Ich war dort… Eine russische Frau rettete mich vor dem Tod. Ich war ein junger Kerl, gefangengenommen, schon halbtot, und die Frau brachte mir kleine Milchflaschen unterm Hemd. Nur dank der Fürsorge dieser Frau habe ich überlebt“. Er erinnerte sich an diese Frau, die ihn gerettet hatte, sehr herzlich, buchstäblich mit Tränen in den Augen.

Dietmar Hahlweg und Margarita Malachowa, 2005

Ich erinnere mich mit großem Respekt an Dieter Hahlweg, der viel für unsere guten Beziehungen leistete.

Delegationen aus Erlangen kamen recht häufig in ganz unterschiedlicher Zusammensetzung nach Wladimir. Die Deutschen interessierten sich für alles, angefangen vom Verkehr, der Wasser- und Wärmeversorgung bis hin zu den Wohnhäusern, den kulturellen Veranstaltungen und der Entwicklung der Unternehmen.

Mein letzter Freundschaftsbesuch in Erlangen fand mit Igor Schamow statt. Ich glaube, er hat einen großen Anteil daran, daß diese Kontakte bestehen blieben. Igor Schamow ist ein echter Intellektueller, der einst das Labor im Chemiewerk leitete, dessen Mitarbeiter schon zu Sowjetzeiten viele wissenschaftliche Kontakte mit der deutschen Seite unterhielten. Und als Stadtoberhaupt pflegte er nun die internationalen Beziehungen auf kommunaler Ebene, besonders zu Erlangen mit seinem vielen Grün und all seinen interessanten Plätzen.

Margarita Malachowa, Jurij Fjodorow, Siegfried Balleis, Igor Schamow und Peter Steger im Russischen Dorf, Wladimir, 2000, gesehen von Karin Günther

In Erlangen waren wir immer im Hotel Bayerischer Hof untergebracht. Ein exzellentes, komfortables Hotel mit alter Tradition, im Herzen der Stadt gelegen, in einem Gebäude aus dem 19. Jahrhundert, mit einem herzlichen Gastgeber, der uns zuvorkommend behandelte, mit Respekt. Abends waren die Tische immer für uns gedeckt, und wir saßen dort noch bei einer Tasse Kaffee zusammen. Er war damals schon älter, etwa 80 Jahre. Er hatte eine Tochter, die nicht in das Geschäft einsteigen wollte, und der Besitzer machte sich große Sorgen, was aus dem Hotel werden sollte. Unsere Schulkinder, die Erlangen besuchten, wohnten während ihres Besuchs bei deutschen Familien.

Leider hat sich die Einstellung gegenüber Rußland in letzter Zeit geändert und nicht zum Besseren. Aber ich denke, daß die Menschen in Wladimir und Erlangen weiterhin einander etwas zu sagen haben, etwas gemeinsam unternehmen können, denn nichts ist wichtiger als der Friede. Der Krieg ist eine zerstörerische Macht – für das Leben, für ganze Länder, für überhaupt alles Menschlichen. Die Volksdiplomatie muß präsent bleiben. Und ich denke, daß wir mit der Unterzeichnung des Kooperationsabkommens zwischen Wladimir und Erlangen damals einen großen Beitrag zu dieser Volksdiplomatie leisten konnten. Nicht umsonst wurde die Partnerschaft zwischen Wladimir und Erlangen immer wieder mit verschiedenen Preisen ausgezeichnet.

Ein großes Dankeschön an Peter Steger, der in all den Jahren ein Motor und Antreiber all unserer Kontakte war. Peter, Gott schenke Dir Gesundheit und noch viele Jahre!

Peter Steger und Margarita Malachowa, 2005

Ich habe jede Menge Dokumente aus diesen Jahren aufbewahrt – Zeitungsausschnitte, meine Notizen, Aufenthaltsprogramme von Delegationsreisen… Einen Teil davon habe ich dem Erlangen-Haus übergeben, und zu Hause liegen noch weitere Bilder.  Auf einem davon tanze ich mit Siegfried Balleis.

Ich denke, die jetzige Stadtverwaltung Wladimir und das Erlangen-Haus sollten all die guten Dinge aus früheren Zeiten nicht vergessen. Es lohnt sich nämlich, etwas zu tun, um die Zusammenarbeit fortzusetzen und die verlorenen Kontakte einigermaßen wiederherzustellen. Ja, es gibt neue Leute und neue Einstellungen in der Führung der Stadt, aber es gibt etwas noch Wertvolleres: Die zwischenmenschlichen Beziehungen müssen erhalten bleiben!

Margarita Malachowa

Read Full Post »

%d Bloggern gefällt das: