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Archive for April 2021


Die Eröffnung fand bereits am 22. April statt, digital natürlich in diesen Zeiten, und ob man bis zu ihrem Ende die Wechselausstellung überhaupt vor Ort betrachten kann, hängt von der Corona-Inzidenz ab. Dennoch darf der Hinweis hier nicht auf eine bemerkenswerte Werkschau im Memorium Nürnberger Prozesse fehlen, wo 30 Photographien des zweifellos bekanntesten sowjetischen Kriegsberichterstatters, Jewgenij Chaldej, zu sehen sind. Vor dem Hintergrund des anstehenden 76. Jahrestags der Befreiung vom Nationalsozialismus gelang es der Stadt Nürnberg in Zusammenarbeit mit der Russischen Föderation, Bilder an den Ort zu holen, wo die Alliierten die Kriegsverbrecher des untergegangenen Dritten Reiches anklagten und verurteilten: https://is.gd/TxyZzA

Jewgenij Chaldej, Berlin, 2. Mai 1945

Weltruhm erlangte Jewenij Chaldej mit seiner Aufnahme vom Hissen der sowjetischen Flagge auf dem Reichstag am 2. Mai 1945; viel weniger bekannt ist das Material, das er als Beobachter der Nürnberger Prozesse hinterließ, wovon dieser Artikel mit einer digitalen Führung berichtet: https://is.gd/3mWf1U

Jewgenij Chaldej, Nürnberg, 1945/46

So wie es aussieht, dürfte die Pandemie den Besuch der Ausstellungsräume verhindern; bleibt die Hoffnung auf ein zumindest digital verfügbares umfassendes Angebot. Nürnbergs berühmtester Sohn, Albrecht Dürer, ist derzeit übrigens eine Ausstellung in Moskau gewidmet, für das Publikum geöffnet und von begeisterten Gästen aus Wladimir auch schon besucht.

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Unter diesem Titel machte gestern das Nachrichtenportal „Zebra-TV“ auf und veröffentlichte einen Bericht zum jüngsten Treffen des Forums Prisma:

Das April-Treffen des russisch-deutschen Diskussionsforums „Prisma: Wladimir-Erlangen“ wollte sich thematisch den Folgen der Pandemie und dem Übergang der Städte und ihrer Einwohner zurück zur Normalität widmen. Leider ist das Corona-Virus jedoch bisher nicht weit genug unter Kontrolle, um von einem Ende der Pandemie sprechen zu können; außerdem stand eine Debatte über die Folgen der Pandemie im Zusammenhang mit den anhaltenden Corona-Virus-Beschränkungen in beiden Ländern an.

Unter den gegebenen Umständen fand das Treffen im bereits gewohnten Fernmodus unter Einsatz des Internets statt.

Am 22. April 2021 um 16:00 Uhr Moskauer Zeit gingen die Teilnehmer des Diskussionsformats „PRISMA: Wladimir-Erlangen“ auf Sendung und versuchten, offen und objektiv einzuschätzen, wie die Menschen jeweils in ihrer Stadt mit den gegenwärtigen Schwierigkeiten zurechtkommen.

Wjatscheslaw Kartuchin und Peter Steger

Wjatscheslaw Kartuchin, Leiter der Wladimirer Filiale der Russischen Akademie für Volkswirtschaft und öffentliche Verwaltung, begrüßte die Mitglieder im Namen der russischen Seite mit dem Hinweis darauf, nicht nur die Pandemie beunruhige die Russen, sondern auch die instabile internationale Lage und insbesondere die sich verschlechternden Beziehungen zwischen Rußland und den westlichen Ländern. In diesem Zusammenhang stellte Wjatscheslaw Kartuchin allen Teilnehmern die akute und sogar leicht provokante Frage: „Wollen wir etwa nach Nord Stream 2, Sputnik V auch Prisma verbieten?“

Von der deutschen Seite begrüßte Gerda Reitzenstein die Runde mit dem Hinweis auf die Bedeutung der Kontakte und Dialoge zwischen Menschen beider Länder und schlug vorausschauend vor, die von Wjatscheslaw Kartuchin gestellte Frage nach der weiteren Entwicklung unseres Diskussionsklubs später zu beantworten.

Prisma: Wimmelbild am Bildschirm

Dieses Mal freilich standen Berichte aus Wladimir und Erlangen im Vordergrund, die den Themen Bildung und Auswirkungen der Pandemie auf die Arbeitswelt widmeten.

Marina Sokolowa, Leiterin der Abteilung für Soziale und Geisteswissenschaftliche Disziplinen der Akademie, präsentierte die Ergebnisse einer Studie über die Selbstwahrnehmung von Studenten unter den Bedingungen der Pandemie und der Quarantäne. Die Studie zeigte, daß ihnen einerseits mehr Zeit für das Lernen und das Studium zur Verfügung stand, sie andererseits aber einen akuten Mangel an unmittelbaren Kontakt zu Freunden und Lehrkräften verspürten. Die gewonnenen Daten wurden von den Studenten selbst bestätigt, die an der Sitzung teilnahmen und sowohl positive Aspekte des Übergangs zum Fernstudium (Zeitgewinn, neue Möglichkeiten usw.) als auch negative Gesichtspunkte, vor allem die Abschaffung der gewohnten Formen der Kommunikation mit Gleichaltrigen, feststellten.

Alexander Illarionow, Marina Sokolowa, Roman Jewstifejew und der studentische Nachwuchs

Roman Jewstifejew, Professor der Politologie an der Akademie, hob die Auswirkungen der Pandemie auf die Arbeit und das Leben von Hochschullehrern hervor und bemerkte, die Akademie habe sich im allgemeinen der Herausforderung gestellt, indem sie den Bildungsprozeß und die Arbeit von Lehrern und Studenten ziemlich schnell ins Internet verlegt habe. Auftretende Schwierigkeiten und Probleme habe man auf technischer und organisatorischer Ebene umgehend gelöst. Gleichzeitig verursache die Umstrukturierung des Bildungsprozesses und seine Verlegung auf das Online-Format eine Reihe neuer Probleme, die mit der Erhöhung der Arbeitsbelastung der Lehrkräfte und den Veränderungen der Lehrmethoden, der Interaktionsformen und der Wissenskontrolle der Studenten zusammenhängen. Vor allem aber unterbreche der Übergang zum Fernunterricht den emotionalen und intellektuellen zwischenmenschlichen Kontakt.

Das Bild der Schwierigkeiten im deutschen Bildungssystem, gezeichnet im Bericht der deutschen Kollegin, Oxana Kirej, Dozentin am Institut für Fremdsprachen und Auslandskunde bei der Friedrich-Alexander-Universität, erwies sich als den russischen Verhältnissen erstaunlich ähnlich. Dies wurde auch von den deutschen Studierenden selbst bestätigt, die eine kurze Vorstellung ihrer Sicht gaben. Die deutschen Universitäten setzen übrigens im Gegensatz zu den russischen noch immer auf Fernstudium. Es ist  nicht verwunderlich, wenn Pädagogen und deutsche Studenten bei all den Vorteilen des Fernstudiums die Hoffnung auf eine baldige Rückkehr in die Vorlesungs- und Seminarräume äußern.

Der Vortrag von Axel Fronek, Mitarbeiter der Siemens AG, beschäftigte sich mit den Auswirkungen der Pandemie auf den Arbeitsplatz am Beispiel seiner Firma. Durch die Versetzung einiger Mitarbeiter in das sogenannte „Home Office“, konnte das Unternehmen den härtesten Restriktionen standhalten. Außerdem habe sich diese Praxis bewährt und Siemens plane, sie auch nach der Pandemie fortzusetzen und gleichzeitig die Anzahl der Arbeitstage pro Woche vor Ort im Betrieb von fünf auf drei oder vier zu reduzieren.

Roman Jewstifejew

Alle übrigen Mitglieder nahmen aktiv an der Diskussion der Berichte teil. Es gab berechtigte Hinweise auf die wichtige Rolle des Gesundheitspersonals während der Pandemie, insbesondere der Krankenschwestern, auf die Probleme der Rentner in der Zeit der Quarantäne usw. Als roter Faden zog sich durch alle Präsentationen die Hoffnung, man werde alle Schwierigkeiten überwinden werden und Möglichkeiten finden, um zum direkten Kontakt und zur direkten Kommunikation zurückkehren zu können. Natürlich erhofft man sich von der Impfung der Bevölkerung einen großen positiven Effekt, der in beiden Ländern, wie zu befürchten steht, jedoch noch nicht so schnell eintreten dürfte, wie wir es uns wünschen würden. Zum Abschluß des Treffens vermeldete Peter Steger, Partnerschaftsbeauftragter der Stadt Erlangen, übrigens die positive Nachricht, wonach der sächsische Ministerpräsident nach einem Gespräch mit dem russischen Gesundheitsminister den Kauf von 30 Millionen Dosen des russischen Impfstoffs gegen das Corona-Virus angekündigt habe.

Ein solches Beispiel der Zusammenarbeit zwischen den beiden Ländern unterstützt die Hoffnung auf eine gemeinsame positive Zukunft nach der Pandemie.

Gleichzeitig haben wir uns mit Blick auf die digitale Welt selbst verändert und verändern uns weiterhin rasant. Das Wichtigste ist, bei all den Veränderungen nicht unsere einzigartigen menschlichen Qualitäten und den Wunsch aufzugeben, uns gegenseitig zu verstehen. Dies ist es, was uns auch in der kalten und rationalen digitalen Welt erlaubt, menschlich zu bleiben.

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Am 22. und 23. April lud die Adam-Mickiewicz-Universität in Posen zu einer internationalen Wissenschaftskonferenz ein, die sich dem Thema „Die Welt im Zeitalter der Pandemie und der Postpandemie“ widmete. Virtuell trafen sich da mehr als 180 Fachleute aus Weißrußland, Deutschland, Kasachstan, Kirigisien, Moldawien, Litauen und natürlich Polen. Aus Wladimir zugeschaltet war der Politologe Roman Jewstifejew von der Akademie für Verwaltung und Wirtschaft mit seinem Beitrag in der Sektion „Aktuelle Fragen zum Komplex Städtepartnerschaften der Länder der Europäischen Union mit der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten: vor und nach der COVID-19-Pandemie“.

Roman Jewstifejew

Dabei referierte der Wissenschaftler zu den „Konstanten von städtepartnerschaftlichen Beziehungen unter Bedingungen einer globalen Instabilität am Beispiel Wladimir-Erlangen“. Wie der Professor berichtet, stießen seine Forschungsergebnisse zu der Erfahrung dieser einzigartigen und langjährigen Verbindung auf großes Interesse und weckte die Aufmerksamkeit an deren positiven Ergebnissen. „Jetzt kennt unsere Partnerschaft die ganze Welt“, kommentierte Roman Jewstifejew augenzwinkernd seinen Eindruck von dem Kongreß. Und jetzt wissen auch die Blog-Leser, daß sich die Welt der Wissenschaft der Partnerschaft annimmt und sicher noch von sich wird hören lassen. Derweil sollten wir fortfahren mit dem kleinen und bescheidenen deutsch-russischen Verständigungswerk, wohlwollend begleitet von der Forschung.


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Aus bekannten Gründen fiel die Feier zum 25. Geburtstag des Erlangen-Hauses im Vorjahr aus. Doch so ein Geburtstag kehrt ja, wenn auch nicht rund, jedes Jahr wieder, und so lädt denn das Team um Irina Chasowa am Freitag, den 7. Mai, ab 13.00 Uhr MEZ (14.00 Uhr Moskauer Zeit) zu einem virtuellen Fest ein, an dem auch Erlangens Oberbürgermeister, Florian Janik, teilzunehmen bereits zugesagt hat.

Irina Chasowa, Tatjana Kirssanowa, Natalia Korssakowa und Swetlana Schelesowa

Erwartet werden weitere Überraschungsgäste, vor allem aber auch Sie persönlich! So offen das Erlangen-Haus vor der Pandemie für alle stand und nach Corona wieder stehen wird, so offen ist die Gästeliste. Melden Sie sich einfach bis zum 5. Mai bei vladimir@erlangen.ru an und lassen Sie sich den Link für die Videokonferenz geben. Schön wäre es natürlich, wenn Sie ein virtuelles Geschenk mitbringen wollten, von einer musikalischen Einlage bis zu einem originellen Geburtstagsgruß. Ihrer Phantasie sind keine Grenzen gesetzt, und je mehr mitfeiern, umso schöner wird das Fest.

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Wer heute 50 Jahre und älter ist, erinnert sich noch genau an diesen Tag vor 35 Jahren, als die ersten Nachrichten vom Super-GAU in der Sowjetunion um die Welt gingen. Zunächst mehr gerüchtehalber und nicht überprüfbar, später zunächst von westlichen Quellen, noch später auch durch erste Angaben aus der UdSSR verifiziert. Eine Katastrophe, die indirekt auch Wladimir betraf, zwar nicht durch die Folgen der Strahlung, wohl aber wegen der aus der Partnerstadt und der ganzen Region entsandten 663 „Liquidatoren“, die bis heute, sofern noch am Leben, in einem Verein organisiert sind.

Einer der bekanntesten deutschen Berichterstatter aus der Sowjetunion und ihren Nachfolgestaaten, Johannes Grotzky, veröffentlichte 2018 einen schmalen Band zum Thema, der es freilich in sich hat. Wer die wesentlichen Fakten noch einmal nachlesen will aus einer Zeit, als es weder E-Mail noch Facebook oder Blog gab, ist bei dem Buch bestens aufgehoben. Und – ebenso empfohlen – die amerikanische Serie zum Thema ist nun auch auf Deutsch http://www.prosieben.de/tv/chernobyl zu sehen.

P.S.: Übrigens wurde Hans Geiger, dessen Zähler damals in aller Munde war, in Erlangen promoviert.

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Am Mittwoch vergangener Woche lud die Tatjana Kirssanowa den Partnerschaftsbeauftragten, Peter Steger, als Hörer in ihren Fortgeschrittenenkurs ein. Das Thema im Großen Saal des Erlangen-Hauses lautete zwar „Einkaufen und Finanzen“ mit Fragen an den Gast, die von Biolebensmitteln bis zu Währungsunterschieden reichten, aber die Unterrichtsstunde hätte auch unter dem Motto stehen können, das die tragisch-große Lyrikerin, Marina Zwetajewa, einst ausgab – „Alles reimt sich“ -, denn am Ende erhob sich Natalia Prokofjewa und trug ihre Verse in deutscher Sprache vor, die heute im Blog zum ersten Mal veröffentlicht werden.

Tatjana Kirssanowa und ihr Kurs mit Peter Steger, zugeschaltet aus dem Erlanger Rathaus
Über die Sprachen

"Liebe Mutti", sagt ein Junge,
Fragen schwebt auf meiner Zunge:
Antworte mir ohne Mache,
welche ist die Hauptsprache?"

"Antwort gibt's auf deine Frage,
ich kann dir ganz sicher sagen:
In jedem Land, auf jeder Fest -
Muttersprache ist die beste!

Jene ist die beste Sprache
aus vielen auf der Erde,
die deine Vorfahrn sprachen
und die Kinder sprechen werden.

Für Nachkommen Muttersprache
sollte allerbeste sein!
Würdig sind doch fremde Sprachen,
ebenso geschätzt wie dein'.

Alle Sprachen sind ästhetisch:
Worte können so poetisch
von Natur begabte Dichter
in die Verse, Texte dichten.

Englisch tönet so magnetisch,
und zum Singen passt phonetisch.
Beatles, Jackson, ABBAs Lieder
hören viele immer wieder.

Russisch nach Gehör klingt weich,
und mit Wörtern ist es reich.
Wir spüren, wann wir Puschkin lesen,
den Russischgeist, das Russischwesen.

Deutsch ist wunderschöne Sprache,
doch sind Regeln hier auf Wache:
Reihenfolge ist sehr wichtig,
Harmonie beherrscht mal richtig.

Italienisch klingt in Ohren
fröhlich für die dort Geboren,
und Französich auf ihr'n Blick
tönet nobel und sehr schick.

Jede Nation ist gleichwertig!
Leute, seid mit Streiten fertig!
Gott ist einig und loyal.
er schützt Menschen überall."
Natalia Prokofjewa
Beginn des Endes

Wo blieb der Winter stecken?
Polareis liegt in Flecken,
kaum frieren jetzt Nordseen,
Schnee kann man selten sehen,
Eisbärscholle schmilzt zu schnell,
heiß ist's ihm im dicken Fell...

Vögel fliegen nicht nach Süden,
weil von Hitze sie ermüden,
vom Wasser keine Spuren,
kein Leben wegen Dürren,
Erdbeben, Überschwemmung,
des Golfstromfließens Hemmung.

Alles leidet überall,
Lebensbedrohung ist global!
Mensch, komm zu dir, eventuell
wird diese Frage erst aktuell.
Kein Klang schon doch, Sturmläuter schallt!
Wär's nur Vergeltung nicht so bald...

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Seit dem 11. März befindet sich Alexej Nawalnyj auf dem Gebiet der Region Wladimir, wo er im Straflager Pokrow, auf halbem Weg nach Moskau gelegen, seine zweieinhalbjährige Haftstrafe absitzen soll. Schon bald klagte der 44jährige Jurist über die Bedingungen und gesundheitliche Probleme. Um eine angemessene medizinische Behandlung zu erzwingen, trat der Oppositionspoliter am 31. März in den Hungerstreik, den er nun allerdings gestern abbrach, nachdem er am 19. April ins Gefängniskrankenhaus Wladimir verlegt und auch in einer zivilen Klink untersucht worden war. Schon zuvor hatte der wohl neben Julian Assange derzeit weltweit bekannteste Häftling eingewilligt, sich mit Vitaminen behandeln zu lassen.

Am Abend des 21. April gingen in Wladimir zwischen 200 und 300 vor allem junge Leute auf die Straße, um ihre Solidarität mit dem auch nach Ansicht des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte zu Unrecht verurteilten Häftlings zum Ausdruck zu bringen. Die Kundgebungen waren nicht genehmigt, und es kam zu etwa einem Dutzend Festnahmen, wobei gottlob alles geordnet und friedlich verlief. Wegen Verstoßes gegen das Versammlungsrecht bzw. Aufrufs zu verbotenen Demonstrationen sitzen Mitglieder des Nawalnyj-Büros mehrtägige Strafen ab.

Protest in Wladimir, gesehen von Wladimir Tschutschadejew

Gestern nun protestierte auch die Erlanger Gruppe von Amnesty International am späten Nachmittag auf dem Rathausplatz vor der Partnerschaftsstele, nicht nur um sich den internationalen Aufrufen nach Freilassung des Kreml-Kritikers anzuschließen, sondern auch um die Verbundenheit mit den Unterstützern von Alexej Nawalnyj in Wladimir sichtbar zu machen.

Amnesty International in Erlangen

Auch wenn derzeit erfreuliche Zeichen einer Wiederannäherung erkennbar sind – Moskau und Kiew kommen unter Einbeziehung von Berlin und Paris wieder ins Gespräch, die russischen Truppen beenden schrittweise ihre Manöver an der Grenze zur Ukraine, man nähert sich in Fragen des Klimas an, und während des Besuchs des sächsischen Ministerpräsidenten wurde bekannt, Deutschland wolle 30 Millionen Impfdosen Sputnik V kaufen, sobald das Vakzin von der EU freigegeben ist – bleiben doch die zwischenstaatlichen Beziehungen leider angespannt. Als desto wichtiger erweist sich das hohe Gut der Bürgerpartnerschaft zwischen Erlangen und Wladimir mit all ihren gemeinsamen Projekten und ungezählten Freundschaften.

ErlangenKundgebung Amnesty International in

Diese Volksdiplomatie, daran sei angesichts der gegenwärtigen politischen Lage erinnert, gäbe es heute nicht, wenn Altoberbürgermeister Dietmar Hahlweg sich damals, Anfang der 80er Jahre, von seinem Versöhnungswerk hätte abbringen lassen. Seinerzeit nämlich saßen mehrere Dissidenten im Wladimirer Zentralgefängnis ein, weshalb Menschenrechtsorganisationen ebenso wie große Teile der Opposition im Stadtrat den Plänen ablehnend gegenüberstanden, mit der Stadt in der Sowjetunion in Zeiten des Kalten Krieges eine Verbindung einzugehen. Doch der weitsichtige Politiker setzte sich, inspiriert von der Ostpolitik Willy Brandts, mit der Auffassung durch: „Weder die Stadt noch die Bürger Wladimirs entscheiden über das Schicksal der Dissidenten.“ Wie gut er daran tat, sehen und erleben wir bis heute.

Der große Segen dieser Partnerschaft besteht darin, in den nun fast vier Jahrzehnten des Miteinanders stets hier wie dort erfolgreich den Konsens gesucht und gelebt zu haben: Gleich wie die politischen Konstellationen vor Ort und international aussehen mögen, der Austausch auf allen zivilgesellschaftlichen Ebenen darf darunter nicht leiden. Dieser Grundsatz gilt gerade auch heute, wo Wladimir wieder einen Andersdenkenden „beherbergt“, ohne selbst darüber entscheiden zu können, und wo die politischen Rahmenbedingungen abermals alles andere als förderlich sind. Es bleibe also dabei: Wir lassen uns nicht zu Feinden machen, wir wahren die Freundschaft!

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Heute ist wieder eine dieser unglaublichen Geschichten zu berichten, wie sie nur die Städtepartnerschaft Erlangen-Wladimir zu schreiben vermag. Da meldete sich nämlich dieser Tage eine Frau, die es vorzieht ungenannt zu bleiben, mit der Nachricht von einem Gemälde, das ein deutscher Kriegsgefangener 1948 angefertigt habe. Eingesetzt war er im Traktorenwerk, wo auch der Großvater der Wladimirerin arbeitete. Offensichtlich kannten sich die beiden Männer, vielleicht verband sie sogar eine Freundschaft. In den Schilderungen der Veteranen tauchen ja immer wieder Erinnerungen an solche Verbindungen jenseits des Stacheldrahts auf, und die Fälle sind häufiger, als man denkt, wo die einstigen Feinde wie Gäste in russischen Familien aufgenommen wurden.

Unbekannter Meister

Es ist leider zu spät, um die Geschichte hinter dem Gemälde in Erfahrung zu bringen; man wird sie der Kraft der Phantasie überlassen müssen. Aber immerhin fand die Enkelin vor etwa zehn Jahren das Bild, das lange beim Großvater an der Wand hing, in einem ungeheizten Schuppen, wo man es mangels weiterer Verwendung abgestellt hatte, und rettete die arkadische Ansicht vor der endgültigen Zerstörung durch unsachgemäße Lagerung.

An der Festtafel des Großvaters mit dem Bild des unbekannten Malers vor fast 60 Jahren, leider durch die Aufnahme verspiegelt, aber die Kolonnen und Zypressen sind zu erkennen.

Nun überlegt die Finderin, das Gemälde im Originalrahmen mit den Maßen 1 x 0,63 m restaurieren zu lassen und dem Erlangen-Haus zu übergeben. Der unbekannte Maler würde sich bestimmt freuen, denn seinerzeit war ja wohl kaum daran zu denken, es könne hier eines Tages ein solches Zentrum der deutsch-russischen Verständigung geben. Das mit der Restaurierung ist sicher machbar, schwieriger wird aber wohl sein, den Künstler zu identifizieren, denn außer seinen Initialen S. F. gibt es keine Hinweise mehr auf seine Identität.

Die Initialen rechts unten im Gemälde

Bleibt nur ein Wort des Dankes und der Freude über dieses fast verlorengegangene Zeugnis der Verbundenheit von Russen und Deutschen. Gerade in diesen Zeiten der politischen Entfremdung unserer Länder wichtiger und schöner denn je.

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Hinter der Geschichte mit den Fingerpulsoximetern, von der vorgestern hier https://is.gd/nlEdl0 die Rede war, steckt natürlich noch eine längere und ältere Geschichte, die heute Michail Mojsejantschik erzählt:

Freunde, wir leben in einer erstaunlichen Zeit. Diese herzerwärmende Geschichte dauerte mit dem ganzen bürokratischen Drahtverhau etwas mehr als vier Monate, fand dann aber doch ein gutes Ende. Heuer werden es schon mehr als dreizehn Jahre, seit ich als Ehrenamtlicher im sozialen Bereich tätig bin, und ans Aufhören denke ich noch lange nicht. Ich hatte immer wieder mit unterschiedlichen Schwerpunkten zu tun, und so konnte ich das ganze Wesen des Freiwilligendienstes en detail studieren.

Vor etwa fünfzehn Jahren lernte ich einen bemerkenswerten Menschen, Peter Steger, kennen. Es war im Sommer 2006 als ich – aus welchem Grund, das weiß ich nicht mehr – im Erlangen-Haus vorbeischaute, um etwas in Erfahrung zu bringen. Ich weiß nur noch, daß wir uns dort zum ersten Mal begegneten. Seither halten wir Freundschaft, die, wie ich hoffe, immer nur noch fester wird. In den Jahren 2008/2009 tat Peter alles zur Unterstützung unserer bescheidenen Delegation, die in der Partnerstadt Wladimirs, in Erlangen am Fraunhofer Institut für Integrierte Schaltungen hospitierte. Nach dieser „Auslandstournee“ kreuzten sich unsere Wege immer wieder bei einer Vielzahl von Veranstaltungen in Wladimir. Mal pflanzten wir Bäume, mal nahmen wir an einem Radrennen teil, oder wir trafen uns bei einer Diskussionsveranstaltung. Einmal im Jahr sahen wir uns mindestens… Doch dann kam das Jahr 2020, das so gewichtige Veränderungen in unser aller Leben brachte. Es blieb nichts übrig, als sich darauf einzurichten.

Michail Mojsejantschik und Elisabeth Preuß im Juni 2016

Das ganze vergangene Jahr über half ich älteren Menschen in Quarantäne, brachte ihnen Lebensmittel, ging für sie in die Apotheke. Ich machte wieder einen regelrechten Kopfsprung ins Ehrenamt. Ich erhielt viel Zuspruch und Dankadressen für diese – zugegeben – nicht immer ganz leichte Sache. Einer von denen, die mir schrieben, war Peter. Er ließ mich wissen, daß er wegen der geschlossenen Grenzen in Deutschland bleiben müsse, moralisch aber auch über die zweitausend Kilometer Entfernung mit den Freunden und Bekannten in Wladimir verbunden bleibe. Eines Tages machte er dann die Vorschlag, unserem Freiwilligenteam „Wir zusammen“ zu helfen. Wir nahmen gern an, und so kam die Idee in die Welt, am Vorabend der Maifeiertage vergangenen Jahres unseren hochverehrten Weltkriegsveteranen und kinderreichen Familien leckere Festessen nach Hause zu bringen. Dazu schalteten wir den Hotel- und Gaststättenverband der Region Wladimir ein. Wir kamen rasch überein und machten alle eine Freude. Noch heute bekomme ich zu hören, die Hechtsuppe sei von besonderer Qualität gewesen! Selber habe ich sie nicht probiert, allerdings stieg mir ihr Duft verführerisch in die Nase.

Michail Mojsejantschik in Aktion

Im November nahm dann diese Fernhilfe im Rahmen der Städtepartnerschaft eine neue Wendung. Peter machte damals den Vorschlag, doch auch einmal die Freiwilligen oder das medizinische Personal zu unterstützen, die ständig um das Leben der Menschen zu kämpfen hatten. Zu der Zeit kamen auch kaum noch Anfragen von Hilfsbedürftigen an unsere Einsatzleitung. Wir überlegten also gemeinsam und entschieden, Krankenhäuser in Wladimir zu unterstützen. Und jetzt ein kleiner Zeitsprung zum 15. April, als wir unsere Geschenke an die Krankenhäuser übergaben. Warum der Zeitsprung? Ich möchte jetzt nicht von all den bürokratischen Hindernissen sprechen, die wir zu überwinden hatten. Hauptsache, wir haben es geschafft. Im Ergebnis erhielten die Krankenhäuser Nr. 2, Nr. 5 und Nr. 6 je 17 Fingerpulsoximeter, wobei ich anfangs keine Vorstellung davon hatte, was das für seltsame Geräte sind. Schließlich kam ich aber dahinter. Die kleinen Dinger messen die Sauerstoffsättigung im Blut und fühlen gleichzeitig den Puls. So können die Ärzte schon bei der Erstuntersuchung und Patienten in der Ambulanz feststellen, ob eine Infizierung mit Corona vorliegt. So geht die kleine Geschichte, die eine einfache Wahrheit belegt: Wenn du jemandem helfen willst, findet sich auch eine Möglichkeit dazu – und keine Lossprechung. Wir leben halt, Freunde, wirklich in einer erstaunlichen Zeit. Und meine Freundschaft mit Peter bleibt, ungeachtet der Entfernung, bestehen. Da habe ich keinen Zweifel.

Michail Mojesejantschik

P.S.: Am 19. April wurde der Wladimir Freund Vater seines ersten Kindes, Anastasia. Angeblich kommt das Mädchen ganz nach dem Vater: Es schläft und ißt gern viel… Wir gratulieren jedenfalls herzlich!

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Heute die versprochene Fortsetzung des Berichts https://is.gd/uxwJbM von Arkadij Malygin über seine Verbindung zu Erlangen.

Und so machte ich mich denn im März 1999 im letzten Studienjahr mit meinen Kommilitonen nach Erlangen auf, um am dreiwöchigen Austauschprogramm unserer Hochschulen am Institut für Fremdsprachen und Auslandskunde teilzunehmen.

Bis heute habe ich gut in Erinnerung, wie hervorragend alles organisiert war. Untergebracht waren wir in deutschen Gastfamilien, und wir gingen jeden Tag zum Unterricht in richtige deutsche Klassen, wo wir Seit an Seit mit den dortigen Studierenden Deutschunterricht erhielten. Mich beeindruckte die technische Ausstattung des Instituts: ein modernes Sprachlabor, Filmprojektoren, Notebooks, Computer, Internet. Alles, um das Studium möglichst effektiv und interessant zu gestalten. Als Studenten der 90er Jahre konnten wir von all dem zu Hause leider nur träumen.

Die Dozentenschaft zeichnete sich durch große Vielfalt aus: die Kurse hielten mal noch ganz junge Lehrkräfte, die eben erst just jenes Institut abgeschlossen hatten, dann wieder erfahrene Fachleute mit gewaltiger Berufspraxis und Erfahrung. Natürlich gestaltete sich die allgemeine Atmosphäre im Unterricht auf europäische Weise demokratischer und, wie mir schien, auch etwas entspannter. Im Vergleich zu unserer fast militärischen Disziplin am heimischen Fremdspracheninstitut war das durchaus verblüffend. Zu Beginn frappierte uns dieser Unterschied im Lehrprozeß, dann begriffen wir aber, daß alles mit dem hohen Verantwortungsbewußtsein der Studierenden zusammenhing, die hierher mit der festen Absicht kamen, sich zu Übersetzern und Dolmetschern ausbilden zu lassen und Fremdsprachen nicht unter der Knute zu lernen, sondern weil sie ihren künftigen Beruf liebten und ihr Fach so gut wie irgend möglich beherrschen wollten.

Arkadij Malygin und Heinz Römermann (beide stehend) mit ihrer Gruppe

Unsere Gruppen und Klassen setzten sich ausgesprochen uneinheitlich zusammen: So fanden sich in meinem Kurs zum Beispiel Deutsche, Russen, Tschechen, Armenier, Niederländer, Kasachen und Bulgaren. Sie alle hatten ihre eigene Geschichte, die sie nach Deutschland geführt hatte. Das Besondere dabei: echte ethnische Deutsche, die auch in Deutschland zur Welt gekommen waren, gab es in unserer Gruppe nicht mehr als drei oder vier. Wir hatten es also mit einem regelrechten Schmelztiegel der Kulturen zu tun, in dem wir uns pudelwohl fühlten.

Auch das pralle Leben außerhalb der Klassenräume stellte ein interessantes Moment dar. Alle deutschen Kommilitonen gingen da einer Beschäftigung nach: Die eine schrieb als freie Journalistin Artikel für die Zeitung, ein anderer trieb Sport, wieder eine andere verdiente sich als Model etwas dazu. Nach dem Unterricht blieben wir oft im Wohnheim, wo das Studentenleben nie zur Ruhe kam und uns neue Bekanntschaften mit Altersgenossen aus aller Welt eröffnete: aus Spanien, aus dem Libanon, von Kap Verde, aus Georgien, aus Ägypten, aus den USA und anderen Ländern.

Abschließend möchte ich mit besonderer Dankbarkeit Heinz Römermann erinnern, der als unser Betreuer und Hauptdozent mit seinem herausragenden Unterricht und allem drum herum für einen angenehmen Aufenthalt am Institut sorgte. Ich habe viel bei ihm gelernt und denke bis heute gern an seine Kurse zurück.

Natürlich sind drei Wochen eine sehr kurze Zeit, um einen mehr oder weniger umfassenden Eindruck von einem Land, seiner Kultur und der Menschen dort zu gewinnen. Und so kam ich denn ein halbes Jahr nach dieser kurzen Reise zu zwei weiteren Semestern nach Erlangen, um ein ganzes Studienjahr in Deutschland zu verbringen, in dessen Verlauf ich sehr viel mehr Zeit haben sollte, um die Mentalität der Deutschen besser zu verstehen, neue Freunde aus verschiedenen Ländern der Erde zu finden und in das multikulturelle Studentenleben einzutauchen.

Arkadij Malygin

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