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Archive for 24. Mai 2020


Eine weitere Folge aus dem Projekt „Kriegskinder“.

Nikolaj Schtschelkonogow und Christine Trautner, November 2019

Mit zwei Jahren erkrankte Christine Trautner, geboren 1927 als jüngstes von drei Geschwistern in Waldbreitbach an der Wied, unweit von Koblenz, an Scharlach und behielt einen Hörschaden, der ihr das ohnehin entbehrungsreiche Leben von Kindheit an noch schwerer machte. Zu ihren ersten Erinnerungen – mit vier Jahren – gehört der Tod des Großvaters, dem der Pfarrer noch die Letzte Ölung gebracht hatte.

Immerhin konnte der Vater bei der Familie bleiben. Er übte als Lkw-Fahrer für die Molkerei einen kriegswichtigen Beruf aus und wurde nicht eingezogen, während der zwei Jahre ältere Bruder an die Westfront geschickt wurde und in amerikanische Gefangenschaft geriet, die er zwei Jahre lang in den USA zubrachte.

Christine kam – wie alle in ihrem Jahrgang – zum Bund Deutscher Mädchen und mußte nach der Schule im Jahr 1941 ihr Pflichtjahr ableisten. Eigentlich wollte sie einen Beruf erlernen, aber da hieß es immer: „Zuerst müssen wir den Krieg gewinnen!“ Man vertröstete sie also, schickte sie in ein Kloster, um dort einfache Arbeiten in der Wäscherei zu verrichten und „für das Essen zu schuften“. Auch in der Kreisstadt Neuwied wollte es nicht mit einer Ausbildung zur Näherin klappen, wieder vertröstete man das Mädchen auf später und nutzte sie als billige Arbeitskraft aus.

Unterdessen rückte der Krieg näher. Die Schule geriet unter Beschuß, und im Kloster traute sich das Kind aus Angst vor den Bomben nicht auf den Dachstuhl. Und dann kamen eines Nachts die Flieger tatsächlich. Im Keller saß Christine da, der Schutt brach bis ganz nach unten durch, eine Frau kam sogar um, und das Mädchen wartete auf der Treppe bis zum Morgen.

„Man war kein richtiger Mensch damals“, erinnert sich die Zeitzeugin. „In der Kirche sollte man sich möglichst nicht blicken lassen, und man konnte weder sagen noch machen, was man wollte.“ Montags mußte man immer „beichten“, was man am Wochenende mit dem Bund Deutscher Mädchen so alles unternommen hatte, zum Beispiel all die vielen Lieder gesungen, die Christine Trautner noch heute auswendig kennt. Und natürlich haben alle mitbekommen, wie die Juden abtransportiert wurden, und man ahnte – wohin. Ansonsten blieb es „ruhig“ in dem kleinen Ort in Rheinland-Pfalz. Bis dann die Amerikaner kamen.

An einem Sonntag war das, als Christine auf den Schmittenberg wollte, wo Verwandte einer der Freundinnen wohnten, mit denen sie gerade einen Spaziergang unternahm. Zur Unzeit, denn die Wehrmachtssoldaten waren soeben im Begriff, die Flucht zu ergreifen; den Berghang hatten die ersten Einschüsse der US-Armee getroffen. Da war an den Besuch nicht mehr zu denken…

Die Truppen requirierten das Elternhaus, stellten den Herd auf den Hof und kochten dort. Den Mädels schärfte man ein, sie sollten aufpassen, besonders die blonden, die „Blitzmädchen“, doch passiert ist dann doch nichts, und nach wenigen Tagen konnte die Familie das Haus wieder beziehen, die Soldaten rückten ab. Nur eine Flasche Öl ließen sie zurück, deren Inhalt aber ranzig roch, weshalb man bei allem Hunger keinen Gebrauch davon machte.

Ihren Mann aus Franken, Alfred Trautner, lernte Christine Anfang der 50er Jahre in Neuwied kennen, und 1955 heirateten die beiden schon. Bald darauf machten sie sich in Erlangen mit einem Süßwaren- und Getränkehandel selbständig, und hier bekam die schwerhörige Neubürgerin, die bis heute viel von den Lippen abliest, endlich auch ihr erstes Hörgerät von Siemens.

Gemeinsam mit ihrem bereits 2016 verstorbenen Mann, einem Weltkriegsveteranen, pflegte sie eine Vielzahl von Freundschaften mit Familien in Wladimir. Sie weiß, wie wichtig die Völkerverständigung nach den Schrecken des Krieges ist. Umsomehr bereiten ihr die Umtriebe von Nationalisten und Rechtsradikalen Sorgen, denn „die machen immer nur Krieg“.

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