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Archive for 2. Mai 2020


Je näher das Jubiläum des Kriegsendes rückt, desto drängender die Erinnerungen der Zeitzeugen an jene Epoche des Zusammenbruchs, der Befreiung, der Besatzung, der Klage über die Opfer auf allen Seiten. Heute im Rahmen des mit Wladimir initiierten Projekts „Kriegskinder“ die Rückschau von Otmar Koch aus der Wachau.

Otmar und Anni Koch mit dem „Schutzengel“ von Kirill Wedernikow im Skulpturengarten Tennenlohe, September 2019

Im Frühling 1941 in Melk an der Donau geboren, erlebte ich den Krieg nicht so dramatisch, wie er wirklich war. Einige Male gab es Fliegeralarm und da mußten wir schnell in einen nahegelegenen Keller, der einem Bauern gehörte. Meistens haben mich meine Mutter oder die Oma auf den Arm genommen, um schneller in den Keller zu kommen. Es mußte immer ganz dunkel sein, damit wir nicht entdeckt werden konnten.

Eine Kommandostelle der sowjetischen Besatzer befand sich gegenüber von unserem Wohnhaus. So hatten wir immer wieder Kontakt mit Soldaten, sie haben mit uns Kindern gespielt und gelacht. Öfters bekamen wir etwas zu essen. Einmal hatten wir Brot mit ganz dick Butter drauf und viel Zucker bekommen. Meiner Schwester und mir wurde darauf übel, und die Soldaten brachten uns achselzuckend zurück.

Wir hatten manchmal wenig zu essen, obwohl meine Mutter in die Fabrik ging und Oma bei den Bauern halbtags arbeitete, wofür sie Brot, Milch und Eier bekam.

Als meine Mutter heiratete, übersiedelten wir nach Oberösterreich. Dieses Bundesland lag damals in der amerikanischen Besatzungszone. Mein Stiefvater war in einer Brauerei beschäftigt. Die Arbeit dort war für ihn nicht zufriedenstellend, und so hatten wir auch zu Hause kein einfaches Leben. Unsere Wohnung befand sich neben einem kleinen Bach. Eines Tages standen wir Kinder (mittlerweile waren wir vier) auf einer Brücke und schauten den Amis zu, wie sie in den Bach urinierten. Wir erzählten dies zu Hause, worauf wir einige Belehrungen erhielten und dazu Hausarrest. Einige Male schenkten uns die Amerikaner Lebensmittelkonserven, dabei war auch Käse, der salzig und übelriechend war und den ich daher nicht mochte.

Ab dem 1. Schuljahr wohnte ich dann wieder in Niederösterreich bei meinem Großvater. Opa war durch eine Verletzung im Ersten Weltkrieg Invalide. Er bewirtschaftete einen kleinen Bauernhof in einem Weiler mit nur drei Gehöften am Rande eines zerstörten Militärflughafens. Zum nächsten Dorf hatten wir zwei Kilometer zu laufen. Niederösterreich war sowjetische Besatzungszone. Mehrere Wochen hindurch standen einige Panzer und andere Militärfahrzeuge, die von den Soldaten benutzt wurden, vor unserem Hof. Manchmal durfte ich in einen Panzer mit hinein, ich bekam auch öfters Süßigkeiten. Die Rotarmisten spielten immer wieder gerne mit mir, wurden meine Spielkameraden und Freunde.

Im Winter 1951/52 hingen an unseren Obstbäumen noch Äpfel, gefroren und verfault. Einige Soldaten verzehrten diese Äpfel, wodurch sie Verdauungsprobleme hatten. An diesem Abend kam der Bürgermeister zu uns und sagte, alle Frauen und Kinder müssen aus dem Haus und sich verstecken, weil der sowjetische Kommandant kommen werde wegen der Vorfälle mit den Äpfeln. Der Bürgermeister befürchtete das Schlimmste. Die Frauen und ich rannten in der Dunkelheit ins Nachbardorf. Der Kommandant kam, und Opa mußte in einem Verhör Rede und Antwort stehen, während einige Soldaten um ihn herum die Waffen im Anschlag hielten. Mein Opa war im Ersten Weltkrieg selbst Kommandant eines Militärflughafens und wußte, mit so einer schwierigen Situation umzugehen.

Es ließ sich aufklären, warum den Soldaten übel war, und so konnten wir am nächsten Tag aus unserem Versteck wieder nach Hause. Die hier stationierten Soldaten wurden abberufen und durch andere ersetzt.

Bei Feldarbeiten mit den Pferden kam es öfters durch in der Erde liegende Patronen zu Explosionen. Die Pferde sind nach so einem Knall meistens davongaloppiert. Manchmal kamen Militärkontrollen und schauten, was geschehen sei.

An einem Herbsttag bei der Zuckerrübenernte konnten die Pferde den vollgeladenen Anhänger nicht mehr aus der tiefen Erde ziehen. Vorbeikommende Soldaten versuchten zu helfen, es gelang zunächst nicht, aber sie holten Unterstützung. Ein Militärfahrzeug, mit Soldaten beladen, kam, und sie schafften es, den Anhänger mit seiner wertvollen Fracht auf den Weg zu bringen, und alle hatten ihre Freude.

So sind meine Erinnerungen an den Krieg. Ich hatte selten Angst, weder vor den Russen noch vor den Amis.

Ich war immer auf der Suche nach Informationen über meinen vermißten Vater. Vor einigen Jahren konnte ich in Erfahrung bringen, daß er in Wladimir verstorben und begraben ist.

2015 ermöglichte mir Peter Steger den Besuch von Wladimir, und ich konnte die Arbeitsstätte und das Lager meines dort verstorbenen Vaters besichtigen. Durch diese Reise nach Wladimir konnte ich einen versöhnlichen Abschluß meiner persönlichen Suche nach meinem Vater finden, den ich nie kennenlernen durfte.

Otmar Koch

Die Geschichte hinter dieser Geschichte ist hier zu lesen: https://is.gd/ZwAIeG

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