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Archive for 1. Mai 2020


Gestern vor 75 Jahren richtete sich jener selbst, der den schlimmsten Krieg aller Zeiten über die Welt und das eigene Land gebracht hatte. Doch das Morden in seinem auf ewig verdammten Namen ging noch acht Tage weiter, und die Folgen sind bis heute schmerzlich spürbar. Deshalb hier eine weitere Folge in der Serie von Erinnerungen Erlanger Kriegskinder, entstanden im Rahmen eines Projekts mit der Partnerstadt Wladimir.

Mein Name ist Hella Reinke, und ich bin 1935 im Erzgebirge geboren. Der Vorbote des Krieges war, daß viele arbeitslos wurden, so auch mein Vater. Er war vom Beruf Feinmechaniker und hat sich daraufhin mit Erfolg bei der Firma Siemens in Erlangen beworben. Somit sind meine Eltern 1937 mit mir nach Erlangen gezogen.

Ich verbrachte meine ersten Jahre mitten in der Stadt, nahe am Bohlenplatz. Dieser Ort war unser Spielplatz. Als 1939 der Zweite Weltkrieg ausbrach, war ich vier Jahre alt, und ich begriff natürlich die ganze Aufregung nicht, die die Erwachsenen verbreiteten.

Mit sechs Jahren kam ich in die Schule, dort bekamen wir Kinder schon mehr vom Krieg mit. Wir mußten, wenn wir früh zur Schule kamen, immer mit „Heil Hitler“ grüßen, was ich eigentlich nie verstand. Wir lernten auch Stricken, was sehr schwierig war, da es keine gute Wolle gab. Es wurden alte Pullover aufgetrennt und die Wolle wieder verstrickt.

Die Lebensmittel waren rationiert, und man bekam Zucker, Butter, Brot, Fleisch usw. nur auf Marken. Sonntags fuhren meine Eltern mit mir in den Wald, um Heidelbeeren, Brombeeren und Preiselbeeren zu sammeln. Auch Holz mußte gesammelt werden, wenn man nicht frieren wollte.

Um nicht hungern zu müssen, hatte meine Mutter die Idee, auf dem Land bei den Bauern bei der Ernte mitzuhelfen. Wenn wir keine Schule hatten, blieb ich manchmal auch eine ganze Woche bei den Bauern. Da es ja noch keine großen Maschinen gab, welche die Ernte einbrachten, mußten wir noch viel mit der Hand machen, wie zum Beispiel bei der Kartoffelernte. Die Erwachsenen hackten die Kartoffeln heraus, und wir Kinder lasen sie in Körben auf.

In der Schule fielen oft die Stunden aus, wegen Bombenalarm oder auch weil viele Lehrer zum Militär eingezogen und sofort an die Ostfront versetzt wurden. Auch den Bruder meiner Mutter traf es; ich weiß noch, wie unglücklich meine Mutter darüber war. Mein Onkel ist vier Wochen später gefallen.

Mein Vater, ein leidenschaftlicher Kriegsgegner, wurde erst sehr spät zum Militär eingezogen und sofort an die Ostfront geschickt.

Ich war in dieser Zeit tagsüber sehr oft allein. Meine Mutter mußte in einer Fabrik Uniformen nähen, und mein Vater war an der Front.

In dieser Zeit wurde auch Nürnberg, vor allen die Altstadt, in Schutt und Asche gelegt. Meine Tante Inge wohnte mit ihrer Familie in Nürnberg, und sie verloren in einer Nacht alles. Unsere Wohnung war auch nicht groß, aber meine Mutter hatte sofort ihr Schlafzimmer für die Tante mit Familie zur Verfügung gestellt und schlief selbst in der Wohnküche auf dem Sofa. Überhaupt hielten die Menschen in dieser Zeit viel mehr zusammen als heute.

Eine schlechte Erinnerung habe ich auch an unseren Luftschutzkeller. Er war sehr tief und unheimlich, und ich hatte immer Angst, hineinzugehen. Aber unser Hausherr war Platzwart und bestand darauf, daß alle hineingingen.

Als 1945 die ersten Amerikaner in Erlangen mit ihren Panzern einzogen, hatte ich Angst. Ich war auch sprachlos, als ich das erste Mal einen farbigen Soldaten sah. Er sprach mich ganz freundlich an und sagte „Hallo, girl“ und reichte mir Schokolade herab vom Panzer. Es war meine erste Schokolade, die ich in meinen Leben gegessen habe.

Ich kann mich gut erinnern, wie die Amerikaner ihre Wäsche den deutschen Frauen zum Waschen gaben. Im Gegenzug erhielten wir Seife, Süßigkeiten usw.

Mein Vater wurde in den letzten Kriegstagen noch schwer verwundet, er hatte einen Bauchschuß. Wir wußten gar nichts vom ihm. Aber es war wie ein Wunder, mein Vater ist ein Jahr später wieder nach Erlangen gekommen, und er ist von Polen aus zu Fuß nach Hause gelaufen.

Ich hoffe sehr, daß es niemals mehr zu einem Krieg kommen wird.

Hella Reinke

Die Blog-Redaktion dankt Stadträtin Anette Christian für die Kontakvermittlung.

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