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Archive for 27. März 2020


Der langjährige Leiter des Wladimirer Puppentheaters, Wladimir Mioduschewskij, der heute in Moskau lebt und seit Jahren ans Bett gefesselt, firmiert auch als Autor von Kinderbüchern und Illustrator. Weniger weiß auch der russische Leser von seinen kleinen autobiographischen Etüden, von denen eine heute in der Übertragung des Chefübersetzers der Blogredaktion zu entdecken ist.

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Wladimir Mioduschewskij und Anton Tschechow, wenn sie sich denn je begegnet wären…

Als ich klein war, hatten wir keinen Fernseher, und im Radio hörten wir uns meist nur literarische Sendungen an. Abends stand in unserer Familie, die neben mir aus meiner Mutter, der Oma und Urgroßmutter bestand, jeden Abend eine Lesung auf dem Programm.

Wir lasen verschiedene spannende Bücher, große historische Schinken ebenso wie Abenteuerromane. Dazu muß man wissen, daß meine Großmutter Schauspielerin von Beruf war, meine Mama arbeitete als Lehrerin für Russisch und Literatur, während meine Uroma mit einem bekannten Schauspieler und Regisseur verheiratet war. Die Lesungen hatten also wirklich etwas Künstlerisches. Und ungeachtet dessen, daß in diesem Kreis kaum Kinderliteratur gelesen wurde, gefielen mit die Bücher schrecklich, und ich stellte mir alles so lebendig vor, als wäre ich selbst mit den drei Musketieren, in den fernen Welt der Science Fiktion oder im russischen Mittelalter unterwegs.

Einmal lasen wir ein Buch über die Einnahme Wladimirs durch die Mongolen. Kaum daß Großmutter den Satz „Die Mongolen drangen in die Häuser ein, verschleppten die Frauen und vergewaltigten sie.“ ausgesprochen hatte, hielt sie inne und begriff, einen Fehler gemacht zu haben, denn dieser Satz war ja wohl nichts für die Ohren eines sechsjährigen Jungen. Aber schon hatte ich die Frage gestellt: „Was ist das denn – vergewaltigen?“ Es trat eine betretene Pause ein. Schließlich erklärte meine pädagogische Mama, ohne in den Mund zu nehmen, in aller Ruhe: „Das bedeutet, etwas gegen den Willen eines Menschen zu tun, mit Gewalt.“ Damit war die peinliche Situation entschärft. Alle vergaßen den Vorfall wieder. Nur ich nicht. Ich flocht gern neue Wörter in meine Rede. Und schon bald sollte sich dafür ein Anlaß bieten.

Ich war der erste in unserem Mietshaus, der ein Fahrrad geschenkt bekam, und natürlich wollte ich es auch selbst zur Probe fahren. Ich wartete, bis meine Urgroßmutter sich in der Gemeinschaftsküche um das Mittagessen kümmerte, und schob das Fahrrad still und heimlich aus der Wohnung. Nun mußte ich es nur noch vom dritten Stock hinuntertragen… Als ich im ersten Stock vorbeikam, begegnete mir unser zehnjähriger Nachbar, Witka Sasonow, weit und breit der frechste Kerl von allen. „Ein Rad!“ rief er. „Niegelnagelneu! Her damit, mit dem will ich rumkurven!“ Und schon hatte er mir das Fahrrad entrissen. Ganz gegen meinen Willen, er vergewaltigte mich also. Und so probierte ich das neue Wort aus und schrie wie am Spieß: „Ich werde vergewaltigt!“

Keine zehn Sekunden später war ich schon von lauter Erwachsenen umgeben. Und also sie erfuhren, was ich unter „vergewaltigen“ verstand, lachten sie sich halbtot. So ist das also, wenn man rechtzeitig das richtige Wort ausspricht!

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