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Archive for 22. März 2020


In Zeiten wie diesen weiß niemand, welches Vorhaben tatsächlich noch umgesetzt werden kann. Ob mit der Delegationsreise im Mai nach Wladimir anläßlich von 75 Jahren Kriegsende und 25 Jahren Erlangen-Haus auch das Buchprojekt „Kriegskinder“ abzusagen oder zumindest zu verschieben ist, vermag noch niemand zu sagen. Aber der Blog will nun vermehrt Erinnerungen der Generation 1929 bis 1945 veröffentlichen. Heute deshalb die Aufzeichnungen von Rudolf Schloßbauer, dem die Städtepartnerschaft vor allem im Schulaustausch viel zu verdanken hat:

Rudolf und Inge Schloßbauer mit Giuseppe Andolina, 2019

Kindheit ohne Vater

„Erinnerungen sind das einzige Paradies, aus dem man nicht vertrieben werden kann“, sagt Jean Paul. Waren meine Kindheitserinnerungen wirklich ein Paradies? Meinen Vater hatte ich wegen des Krieges bereits drei Jahre nicht gesehen. Familienväter mit mehreren Kindern hatten für einen kurzen Fronturlaub immer den Vorrang, und dieses Jahr besuchte ich doch schon die 1. Klasse unserer Schule in Schönbach. Meine Mutter ging den ganzen Tag arbeiten, kein Wunder, daß ich meine treusorgende Oma als Mama bezeichnete, weil sie immer für mich da war. Dann kam die traurige Nachricht, mein Vater sei seit der Schlacht um Stalingrad vermißt. Ein Bangen und Hoffen auf sein Überleben begann. Erst vier Jahre nach Kriegsende erfuhren wir von einem Heimkehrer, daß mein Vater die Schlacht mit so vielen Toten unter den Soldaten und den großen Opfern in der Zivilbevölkerung überlebt hatte, aber auf dem Kriegsgefangenentransport von Stalingrad nach dem 3.000 km entfernten Usbekistan kurz vor Taschkent verstarb. Bei einem der wenigen Zwischenhalts wurden 101 Kriegsgefangene in einem Massengrab beerdigt. Hätte er nicht noch ein wenig bis Taschkent durchhalten können, habe ich mich immer wieder gefragt.

Zurück ins Jahr 1945, als sich jeder das Kriegsende herbeisehnte. Am 8. Mai war es endlich so weit, die Kapitulation war schon lange absehbar gewesen. Kurz darauf rollten Riesenpanzer nach Schönbach hinein, begleitet von amerikanischen Soldaten, unter ihnen viele farbige, freundlich winkend und uns Kaugummis zuwerfend. Unser Haus wurde für die Quartiere der Soldaten beschlagnahmt, wir mußten zur Schwester meiner Mutter, Tante Amelie, umziehen.

An meiner Erstkommunionfeier gab es für mich eine große Überraschung, die ich nie vergessen werde. Beim Auszug aus der Kirche standen amerikanische Soldaten Spalier, die in unserem Haus Quartier bezogen hatten. Sie klatschten und steckten mir die Taschen voller Süßigkeiten. Sehen so Feinde aus? Sie freuten sich einfach mit, weil sie zu Hause auch eigene Kinder hatten.

Freud und Leid liegen oft eng beieinander. Nach Abzug der Amerikaner ging eine Nachricht unter den Sudetendeutschen um, die wir nicht für möglich hielten. Die vier Siegermächte hatten im August 1945 beschlossen, daß die Sudetendeutschen ihre Heimat verlassen müssen und „human“ nach Deutschland umzusiedeln seien. Wie der Begriff „human“ in der Wirklichkeit aussah, hat sich bei mir als Kind fest im Gedächtnis eingebrannt und wirkt bis heute nach.

Innerhalb weniger Tage mußten wir mit 50 kg für Erwachsene, Kinder die Hälfte, unser Haus verlassen. Wie schwer muß das doch für Mutter und Oma gewesen sein, zu entscheiden, was an Nötigem mitzunehmen sei! Wir wurden an einer Sammelstelle von Tschechen auf Lastwagen verfrachtet und nach einem Tag Aufenthalt in Eger auf Eisenbahnwaggons verladen. Unser Transport war der erste, der in Richtung sowjetischer Besatzungszone ging. Mutter und Oma erlebte ich damals nur heulend. Warum nur konnte man uns einfach auf solch eine Weise aus unserer Heimat vertreiben, wo schon ganze Generationen unserer Familie gelebt hatten? Das war und bleibt für mich ein Unrecht, das damals die Sudetendeutschen erleiden mußten – und das ohne ein Recht auf Wiederkehr.

Nach einer Nacht auf dem Bahnhof von Weißenfels in unserem Waggon Nr. 43 brachte man uns mit Lastautos in das Auffanglager in Teuchern: mehrere Säle in Barracken mit Stockbetten, wo man uns ausgerechnet den Platz neben den Toiletten zuwies, wo es penetrant nach Chloroform stank; den Geruch habe ich noch heute in der Nase. Nach drei Tagen holte uns ein Traktor mit Anhänger ab. Ziel: ein kleiner Ort, Wetterzeube, wo uns eine freundliche Familie aufnahm und uns ein Zimmer von ihrer Wohnung zur Verfügung stellte.

Hunger dominierte künftig den Alltag. Meine Mutter fand sofort Arbeit in der Sparkasse. Ich zog unterdessen mit meiner Oma nach der Schule auf die benachbarten Getreidefelder, wo nach der Ernte das Ährenlesen zum Pflichtprogramm gehörte. Die Lebensmittelmarken garantierten nicht mehr als den elementaren Bedarf. Bald schlich sich bei mir wegen der Mangelernährung bei mir TBC ein. Man wies mich in ein Heim in Wernigerode ein, wo man mit täglicher Mehlsuppe und schlimm schmeckendem Lebertran die TBC bald in den Griff bekam. Mit Vernarbungen an der Lunge wurde ich schließlich wieder entlassen.

Sechs Jahre sollte der Aufenthalt in der DDR dauern. Inzwischen war ich ein begeisterter Jungpionier, als mir meine Mutter eröffnete, Tante Amalie habe uns den Zuzug in den „Westen“ besorgt, wo wir in der neuentstehenden Geigenbauersiedlung in Bubenreuth 1951 unsere zweite Heimat finden sollten. Wir begegneten hier vielen Schönbachern, die mit ihrem Fleiß das Dorf bald zu einem bedeutenden und weltbekannten Standort der Herstellung von hochwertigen Musikinstrumenten werden ließen. 500 Einheimische hatte 2.000 Instrumentenbauern ein neues Zuhause gegeben. Ein gelungenes Beispiel für Integration.

Was bleibt von einer Kindheit in Zeiten des Krieges und der Nachkriegsordnung?

  • Dankbarkeit für eine kurze, glückliche Kindheit in der geordneten Umgebung des eigenen Hauses mit Garten in der Kleinstadt Schönbach, behütet von Mutter und Oma.
  • Schmerz und Enttäuschung, daß plötzlich der Vater nicht mehr da war und auch nicht mehr wiederkehrte.
  • Bleibendes Unverständnis dafür, plötzlich aus der Heimat vertrieben zu werden in eine fremde Welt ohne Chance, zurückkehren zu können.
  • Dankbarkeit für die Aufnahme nach der Vertreibung, den Neuanfang ohne Krieg, die zweite Heimat in Bubenreuth, die Schule, das Studium und den Beruf in meiner liebgewonnenen Stadt Erlangen.
  • Glaube an eine Zeit des friedlichen Miteinanders und der Versöhnung, gerade auch mit Rußland, wo mein Vater unter hohen Opfern auf beiden Seiten sein Leben ließ.
  • Die Chance, für diese Versöhnung exemplarisch mit Menschen unserer Partnerstadt Wladimir auf vielfache Weise mit kleinen Bausteinen beitragen zu können, macht mich dankbar und froh.

Rudolf  Schloßbauer, Stadtschulrat a.D.

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