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Archive for 10. März 2020


1985 verstarb achzigjährig in Moskau der Kunsttheoretiker Michail Bachtin, dessen These von „Literatur und Karnveal“ bis heute Einfluß auf die Deutung von Prosa ausübt. Folgt man ihr, war die Karnevalszeit in allen Epochen ein kleiner Sieg über das offizielle Leben. Begleitet von Bildern aus dem Erlangen-Haus deshalb einige Zitate des Gelehrten, die etwas Ernst in die närrische Zeit bringen, die ja auch schon wieder einige Zeit hinter uns liegt.

Karneval 1

Das festtägliche Lachen des Volkes schließt nicht nur das Moment des Sieges über die Furcht vor den Schrecken des Jenseits, vor dem Geheiligten, vor dem Tod in sich ein, sondern auch das Moment des Sieges über jede Gewalt, über die irdischen Herrscher, über die Mächtigen der Erde, über alles was knechtet und begrenzt.

Karneval 2

In der Zeit wurde den Menschen bewußt und sie begriffen, daß das Lachen keine Scheiterhaufen aufrichtet, daß Heuchelei und Betrug niemals lachen, sondern eine ernsthafte Maske anlegen, daß das Lachen keine Dogmen erzeugt und keine Autorität aufrichtet, daß das Lachen nicht von Furcht, sondern vom Bewußtsein der Kraft zeugt, daß das Lachen mit Zeugungsakt, Geburt, Erneuerung, Fruchtbarkeit, Überfluß, Essen und Trinken, mit der irdischen Unsterblichkeit des Volkes, endlich mit der Zukunft und dem Neuen zusammenhängt, daß es ihnen den Weg bahnt.

Karneval 3

Die Darstellungen von Chimären, komischer Teufel, Gauklern mit ihren akrobatischen Tricks, maskierte Figuren und parodistischen Szenen.

Karneval 5

Im Grotesken wächst der Leib über sich hinaus, überschreitet er seine Grenzen; die wichtigsten Körperteile dabei sind: die Nase, der Mund, der Bauch und das Geschlechtsorgan. Zu dem grotesken Leib gehört jedoch noch viel mehr, als diese vier:

Karneval 6

Die wesentlichen Ereignisse im Leben des grotesken Leibes, sozusagen die Akte des Körper-Dramas, Essen, Trinken, Ausscheidungen (Kot, Urin, Schweiß, Nasenschleim, Mundschleim), Begattung, Schwangerschaft, Niederkunft, Körperwuchs, Alter, Krankheiten, Tod, Zerfetzung, Zerteilung, Verschlingung durch einen anderen Leib – alles das vollzieht sich an den Grenzen von Leib und Welt, an der Grenzen des alten und neuen Leibes.

Karneval 7

Es geht nicht nur um den äußeren, sondern auch den inneren Anblick des Leibes: das Blut, das Gedärm, das Herz und die anderen inneren Organe.

Karneval 8

Dem seit dem Mittelalter gültigen Bild vom völlig fertigen, abgeschlossenen, streng abgegrenzten, von außen betrachteten, unvermischten, individuell-ausdrucksvollen Leib steht der groteske Leib gegenüber, ein werdender Leib, der niemals fertig, niemals abgeschlossen ist.

Doch genug des Ernstes der Theorie. Obwohl ja auf einigen Bildern zu erkennen ist, wie ernst bei allem tollen Treiben das Lesen und Schreiben genommen werden. Eben ganz nach Bachtins Motto vom Ernst des Lachens.

 

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