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Archive for 8. März 2020


Im Rahmen des Projekts „Kriegskinder“ und passend zum heutigen Internationalen Frauentag veröffentlicht der Blog wieder einmal eine jener unglaublichen Geschichten, wie sie nur das Leben schreibt. Aber lesen Sie selbst!

Ich bin 1936 geboren und habe drei jüngere Schwestern; unsere sechsköpfige Familie wohnte seit 1939 in einem östlich gelegenen Vorort von Berlin. Dort erlebten wir die Kriegszeit, relativ unbeschadet; nur einmal trafen Brandbomben unser Haus, richteten aber zum Glück nur geringen Schaden an.

Anfang 1945 aber wurde die Situation bedrohlich – „Die Russen kommen!“ Auch wir Kinder spürten die nahende Gefahr: Meine Schwester und ich vergruben unsere kostbarsten Spielsachen zum Schutz im Garten…

Unser Vater war zu den Soldaten eingezogen, und unsere Mutter hatte unsere beiden jüngsten Schwestern bei Bekannten in einem Kinderheim im Harz in Sicherheit gebracht.

Beim Einmarsch der Sowjetarmee tat sich unsere Mutter mit einer Freundin zusammen (sie hatte zwei Töchter etwa im Alter meiner nächstjüngeren Schwester und mir) – zu sechst hockten wir nächtelang, zitternd vor Angst, im Keller, während unsere Häuser von den Soldaten geplündert und verwüstet wurden. Und eines Nachts erschien eine Schar lärmender Russen im Keller: „Frau, komm!“ Unsere Mütter weigerten sich. Und als die Situation immer bedrohlicher wurde, sagten sie schließlich in ihrer Angst und Hilflosigkeit: „Nein, wir kommen nicht. Dann erschießt erst die Kinder und dann uns!“ Da brachen wir Kinder in Todesgeschrei aus – und in meiner Erinnerung gibt es einen Filmriß…

Nächste Szene: Alles ist verändert, die Russen sitzen friedlich, deutlich gerührt an unseren Kinderbetten und zeigen uns die Bilder ihrer Kinder! Die Gefahr war gebannt.

Sabine und Barbara, Februar 1946, Ahrendsee

1946 floh unsere Mutter mit uns beiden Schwestern in den Westen in die Lüneburger Heide, wo sich unsere Familie komplett wieder zusammenfand; zuerst bei Freunden, da das aber zu eng wurde, bei einer weiteren Familie, die zwei Zimmer für uns abgab. Wir führten ein gutbürgerliches Leben. – Aber die Erinnerung an jene nächtliche tödliche Bedrohung durch die russischen Soldaten saß offenbar ganz tief in mir: Als ich etwa im Jahr 2005 unvermutet in einen auf Russisch gehaltenen Vortrag geriet, mußte ich fluchtartig den Saal verlassen – ich war von panischer Angst überschwemmt.

Einige Wochen später war mir klar: So kann und will ich nicht weiterleben! Auch Russen sind Menschen!

Über eine Einrichtung in Berlin, Kontakte – КОНТАКТ-КОНТАКТЫ e.V., die sich aktiv für Wiedergutmachung und Verständigung zwischen Deutschen und Russen einsetzt, bekam ich die Adresse eines früheren russischen Soldaten, der sich einen Briefwechsel mit jemandem aus Deutschland wünschte. So kam ich in Kontakt mit Anatolij aus Moskau. Im Lauf der Monate gewann der Briefwechsel an Herzlichkeit, wir gingen vom „Sie“ zum „Du“ über. Freilich kam in Ehrlichkeit auch gelegentlich die Vergangenheit zu Wort: Als ich Anatolij fragte, woher er seine Briefe auf Deutsch schreiben könne, antwortete er: „Habe ich Deutsch gelernt auf besondere Universität – war deutsche Kriegsgefangenschaft.“ Bewundernswert, wie er das ohne Groll schrieb; er war mit 24 Jahren in Berlin in Gefangenschaft geraten.

Allmählich wuchs in Anatolij und mir der Wunsch nach einer persönlichen Begegnung. So faßte ich für den Februar 2009 einen Besuch in Moskau ins Auge. (Mein erster und einziger Besuch in Rußland.) Mich begleitete meine Tochter, die dank ihres Slawistik-Studiums Russisch spricht. (Anm. d. Red.: Der Tochter, Uta Blumberg, verdanken wir auch diesen Bericht.)

Und dann durften wir beide einen Nachmittag lang – von 13 bis 17 Uhr – Gäste sein bei Anatolij und seiner Frau Galina. Eine unvergeßliche Begegnung! Der 88jährige Veteran und seine nur wenig jüngere Frau empfingen uns mit überwältigender Gastfreundschaft! In ihrer winzigen Wohnung, die neben Mini-Küche und WC nur aus einem einzigen Raum (zum Essen, Schlafen, Lesen!) bestand, erwarteten uns zwei üppige Mahlzeiten und liebevollste Geschenke, neben einem riesigen Pralinenkasten, zwei von Anatolij selbstgeschriebene Bücher und zwei großformatige, von Galina selbst gestaltete Wandbilder! Vertrauensvolle Gespräche waren möglich. Es herrschte eine ergreifende Atmosphäre von Freundschaft und Nähe.

Was für ein Geschenk!

Springorum 2

Anatolij und Sabine, Februar 2009, Moskau

Nach unserer Rückkehr aus Moskau setzte sich der herzliche Briefwechsel zwischen Anatolij und mir fort; er vertiefte sich noch, als seine geliebte Galina wenige Jahre später starb. Und kurz danach enthielt Anatolijs Brief den Satz: „Sabine, bitte komm nach Moskau – ich möchte Dich heiraten!“

Das habe ich natürlich freundlich abgelehnt, doch es tat dem Briefwechsel zum Glück keinen Abbruch.

Seit Anfang 2016 blieben Anatolijs Briefe aus; sein Leben wird zu Ende gegangen sein…

Aber mir bleibt die große Dankbarkeit dafür, daß ich diesen Menschen kennenlernen durfte – einen Russen, aber vor allem: einen Menschen!

Sabine Springorum, aufgezeichnet Oktober 2019

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