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Archive for 4. März 2020


Vorgestern hier die Suchanfrage nach Hermann Fritz Meyer zu Altenschildesche, heute die angekündigten Angaben von Wolfgang Buchert, nur leicht bearbeitet, zu den Umständen, die zu einem Rücktransport aus der Gefangenschaft führen konnten und die in Frankfurt an der Oder zu erwarten waren:

Hermann Fritz Meyer zu Altenschildesche

Ich würde Ihnen einige Informationen geben wollen. Darin fließt auch Ihre Frage zum Friedhof in den Kiesbergen ein. Zunächst zu den russischen Unterlagen:

In der fünfseitigen Kriegsgefangenen-Akte ist vom Abtransport Ihres Schwiegervaters am 15. November 1945 die Rede. An diesem Tag wurde auch mit anderer Handschrift die Akte geschlossen. Auf dem zweiseitigen Dokument ist jedoch vom Abtransport am 19. Oktober 1945 die Rede. Nach der Schrift zu urteilen, ist dieses Dokument allerdings erst am 27. Januar 1947 erstellt worden. Schlampigkeit?

Die beiden genannten Ortschaften – Gus-Chrustalnyj, Region Wladimir, und Anopino, Region Wladimir – liegen lt. Maps nur rund zwölf km voneinander entfernt. So kommen nach meiner Auffassung zumindest theoretisch zwei Abtransport-Termine in Frage. Da bei dem früheren Termin „in die Heimat“ steht, kann dies m.E. wiederum kein Versehen sein, denn beim Abtransport von einem Lager in ein anderes wäre die Lager-Nr. genannt worden. Auf dieses Problem ging der Suchdienst zumindest nicht ein.

Den Gesundheitszustand Ihres Schwiegervaters müssen Sie sich so vorstellen:

In der NKWD-Direktive Nr. 157 vom 13. September 1945 war festgelegt, daß „nur Invaliden und Geschwächte der Arbeitstauglichkeitsgruppe 4, außer SS, SD, SA und Teilnehmer an Greueltaten… nach Frankfurt an der Oder in das Lager Nr. 69 geleitet“ werden. Das heißt, erstes Kriterium für eine Entlassung der Kriegsgefangenen war die völlige Arbeitsunfähigkeit. Diese war Ergebnis der von den Gefangenen erlebten und durchgemachten „extremen Lebensverhältnisse“. Ernst-Günther Schenck, selbst bis 1955 in sowjetischer Kriegsgefangenschaft, darunter anfangs auch in Frankfurt (Oder), beschrieb diese

als ein Vegetieren unter weitestgehendem Fehlen allernotwendigster, kreatürlicher Existenzbedingungen und Existenzbedürfnisse bei höchstgradiger körperlicher und seelischer Belastung durch Mangel- und Fehlernährung, Zwangsarbeit, Krankheiten und Seuchen, klimatische Belastung und Verschmutzung, chronischer Ermüdung bis zur tödlichen Erschöpfung, Ängstigung, Entwürdigung, Hoffnungsverlust, Gemeinschaftszerfall und noch anderes mehr.

Im Mittelpunkt stand die Hungerkrankheit – die Dystrophie.

Friedrich Hassenstein, als Abiturient in sowjetische Gefangenschaft geraten, erlebte das äußere Erscheinungsbild des Dystrophikers folgendermaßen:

Sein bis auf die Knochen abgemagerter oder durch Wasser aufgeschwemmter, mit Ausschlägen, Furunkulosen oder Phlegmonen bedeckter Körper entsprach seiner geistigen und seelischen Verfassung. Sein Wille war so weit geschwächt, daß er es nicht über sich brachte, nachts seine Notdurft außerhalb der Stube zu verrichten. Viele führten ihren Zustand selbst herbei oder beschleunigten ihn. So hofften manche, schneller nach Hause abtransportiert zu werden.

Neben der Untergewichtigkeit nannte Ernst-Günther Schenck weitere Einzelheiten des körperlichen Erscheinungsbildes:

schlaff, schnell müde, verlangsamt, kraftlos, ausdrucksarm, oft abschilfernde Haut, Schweißausbrüche beim Essen, starker Harndrang, äußerste Abmagerung, kaum Muskulatur, Gesicht eingefallen, tiefe Augenhöhlen, trockene Lippen, Rippen, auch Becken stark hervorstehend, Haut in Falten weit abziehbar, – gegebenenfalls geschwollenes Gesicht, dicke Beine, Bauch aufgetrieben, oft gespannt, Gesäß geschwollen, Schwellungen auf Druck verschwindend, an anderer Stelle aufscheinend. Haut ganz blaß, manchmal krakeleeartig gemasert. – Voralterung.

Ich weiß nicht, ob Sie mit Bestimmtheit wissen, daß Ihr Schwiegervater noch lebend in Frankfurt ankam. Deshalb Folgendes auch noch.

Wenn Ihr Schwiegervater auf dem Weg nach Frankfurt bzw. bei seiner Ankunft schon verstorben war, stehen die Chancen, sein Grab oder den Sterbeort festzustellen, leider sehr schlecht. Mir ist von anderen Kriegsgefangenen bekannt, daß die Toten unterwegs einfach neben dem Bahngleis abgelegt wurden. Das kam auch noch in Frankfurt (Oder) vor. Da er keine Wehrmacht-Erkennungsmarke mehr trug, und wenn kein ihn kennender Kamerad bei seinem Tod dabei war und Angaben irgendwo machte, dann wurde er unterwegs oder in Frankfurt als unbekannter Soldat beerdigt.

Aber die Russen waren durchaus auch pedantisch: Für die Rückführung wurden Transportlisten aufgestellt. Darin verzeichneten sie jeden unterwegs Verstorbenen. Das konnten wir in einem Fall durch einen, mir bekannten russischen Professor feststellen, der eine solche Liste im Archiv durch Zufall fand und unter den transportierten Männern den Namen des Gesuchten entdeckte. Dieser war nicht unterwegs gestorben, sondern noch lebend in Frankfurt eingetroffen.

Es ist leider nicht bekannt, ob und wo solche Listen jetzt in Rußland zentral gelagert werden.

Auf dem Weg bis Frankfurt waren die Männer immer noch Kriegsgefangene. Sie kamen deshalb in Frankfurt in das russische Entlassungslager Nr. 69. Hauptsächlich war dies die ehemalige Horn-Kaserne (heute Polizeidirektion Ost, Nuhnenstraße) und ein dazu gehörendes Barackenlager. Dort wurden sie registriert und auch gesundheitlich untersucht. Waren sie gebrechlich, kamen sie in das dortige Lagerhospital oder in das russische Spezialhospital Nr. 1762. Starben sie, wurden sie auf dem unter russischer Verwaltung stehenden Kriegsgefangenenfriedhof (= Nuhnenfriedhof), schräg gegenüber vom Lager Nr. 69 (heute teilweise Kriegsgräberstätte auf Privatgelände), beerdigt und dabei auch namentlich erfaßt. Eine Liste mit 3.265 Namen beim Suchdienst bezieht sich auf die auf dem Nuhnenfriedhof Beerdigten.

Sieht man sich die Sterbejahre der Liste an, so fällt auf, daß für 1945 ein äußerst minimaler Teil an Toten genannt wird, obwohl in diesem Jahr die meisten Toten zu beklagen waren. Ich bezweifle deshalb, daß die genannte Liste komplett ist. Interessant ist aber, daß ich in einigen Kriegsgefangenen-Akten sogar zwei Protokolle fand. Auf dem einem wurde der Tod protokolliert, auf dem anderen die Beerdigung auf dem Nuhnenfriedhof, der gegenüber vom Lager 69 lag und unter russischer Verwaltung stand.

Ob eine Registrierung für alle ankommenden Kriegsgefangenen aus der Sowjetunion für 1945 tatsächlich vorgenommen wurde, ist ungeklärt. Ich habe Erinnerungsberichte, nach denen die Männer direkt aus den Waggons entlassen wurden und sie sich den Weg zum Frankfurter Bahnhof selbst suchen mußten. Der russische Professor zur Aktenlage in einem Vortrag bei uns:

Aus den Dokumenten wissen wir genau, daß das Arbeitsarchiv des Lagers 69 und auch die Materialien der Kriegsgefangenenabteilung der Gruppe der sowjetischen Streitkräfte in Deutschland und des Sonderhospitals 1762 im September 1947 den Umfang eines Eisenbahnwaggons hatten. Alle Dokumente wurden in mit Eisen beschlagene Kisten eingepackt, verplombt und mit Vorhängeschloß verschlossen. Es ist sogar bekannt, daß die Kistengrößen während der Entladung Probleme verursachten, da sie durch keine Tür des Archivs paßten. Der Zug mit diesem Archiv verließ Frankfurt an der Oder am 9. September 1947. Die Endstation war das Archiv der Hauptverwaltung für Kriegsgefangene und Internierte in der Stadt Susdal, die 220 km nordöstlich von Moskau liegt. Die Materialien des Lagers 69, die Dokumente des Innenministeriums der Gruppe der sowjetischen Streitkräfte in Deutschland und des Sonderhospitals 1762 im Umfang von 733 Akten in 80 Verzeichnissen wurden vom Archiv am 12. September 1947 komplett aufgenommen. Unter den Dokumenten waren auch operative Materialien der Abteilung für Kriegsgefangene der Gruppe der sowjetischen Streitkräfte in Deutschland, die bis heute geheim sind.

In Susdal sollen sie jetzt nicht mehr sein.

Ob für alle im Lager 69 verstorbenen Männer Sterbe- und Beerdigungsprotokolle angefertigt wurden, scheint unwahrscheinlich, denn sie sind nicht in allen Kriegsgefangenen-Akten enthalten. So lange man nicht an die entsprechenden russischen Archive herankommt, wird dies nicht endgültig klärbar sein.

Die im russischen Spezialhospital verstorbenen Männer sind teilweise in der besagten 3.000er-Liste erfaßt. Da das Sanitätspersonal zum Großteil Deutsche waren, hat dieses Angehörige benachrichtigt, sofern die Adressen bekannt waren. Eine offizielle Meldung an deutsche Stellen erfolgte meines Wissens nicht. Anders war es, wenn die Männer in einem Frankfurter Behelfskrankenhaus oder -lazarett verstarben. Diese wurden erfaßt und auf dem städtischen Heimkehrerfriedhof in den Kiesbergen bzw. Hauptfriedhof beerdigt. Sofern Adressen bekannt waren, wurden Angehörige informiert. Deshalb käme noch eine Anfrage bei: Stadtarchiv Frankfurt (Oder), Collegienstr. 8-9, 15230 Frankfurt, E-mail: stadtarchiv@frankfurt-oder.de in Frage. Dort befinden sich meines Wissens die Frankfurter Sterbebücher.

Bezüglich Gräberlisten bei: Friedhofsverwaltung, Am Hauptfriedhof 1, 15236 Frankfurt, E-mail: friedhof@frankfurt-oder.de

Der Friedhof in den Kiesbergen war extra für verstorbene Heimkehrer angelegt worden. Hier bestattete man 3.700 Heimkehrer zwischen dem 23. September 1945 und dem 6. September 1946. Listen davon, obwohl umgebettet, müßten sich in der Friedhofsverwaltung befinden. Verstarb der Mann 1945 auf dem Weg zum Bahnhof am Straßenrand, hätte er mindestens einen russischen Entlassungsschein (Sprawka) mit seinem Namen dabeigehabt. Diese Männer wurden auch auf den Frankfurter Friedhöfen beerdigt, dürften also eigentlich nicht namenslos sein.

Gräber mit unbekannten Soldaten bzw. Heimkehrern gibt es auf dem Frankfurter Hauptfriedhof u.a. auf der Zentralen Kriegsgräberstätte. Details müßten Sie ebenfalls bei der Friedhofverwaltung anfragen. Von den Russen angelegte Massengräber sind meines Wissens bisher nicht gefunden worden, obwohl es sie vermutlich gab.

Aber ich hatte kürzlich einen Fall. Da suchte der Sohn seinen Vater. In Frankfurt war er nicht zu finden. In diesem Fall hatte der Mann Frankfurt noch lebend zum nächsten Heimkehrer-Durchgangs- bzw. Quarantänelager verlassen, das in der Nähe seiner Heimatstadt lag. Dort starb er; sein Grab ist sogar noch erhalten. Nach so vielen Jahren konnte noch ein Schicksal geklärt werden. Dies könnte natürlich auch für Ihren Schwiegervater zutreffen. Das würde aber bedeuten, daß er eine neue Adresse von Angehörigen hatte. Aber Sie schrieben ja, dass er in Frankfurt an der Oder verstarb.

Wo es überall in Deutschland solche Zwischenlager gab, kann ich Ihnen nicht sagen. Damit habe ich mich nicht beschäftigt. Vielleicht hilft diese Webseite: http://www.die-feldpost-2-weltkrieg.org/index.php?topic=2718.0

Das ist leider alles, was ich für Sie tun kann.

In der Hoffnung, daß Sie doch noch irgendwo Erfolg haben, verbleibe ich

Mit freundlichen Grüßen

Wolfgang Buwert

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