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Archive for 17. Februar 2020


Im Mai vergangenen Jahres erlebte das Universal-Quartett des Baßisten, Rainer Glas, mit Gilbert Yammine am Kanun, dem Holzbläser, Hubert Winter, und der Schlagzeugerin, Carola Grey, bei ihrem ersten Auftritt beim Wladimirer Jazz-Grom-Festival, wie das so klingen kann, wenn man sich ganz spontan verstärkt von dem inspirierten Streicherduo, Andrej Schewljakow und Anastasia Lemper, sieht. Offenbar eine Erfahrung, die eine großartige Idee entstehen ließ, die nun gestern abend im vollbesetzten Markgrafentheater auf schlichtweg meisterhafte Weise künstlerische Wirklichkeit wurde.

Elisabeth Preuß und Rainer Glas

Es ist, als hätte es Rainer Glas, schon am Vorabend nach den beiden Proben geahnt: „Das wird ein ganz besonderes Konzert!“ Recht sollte dieser Schamane des Jazz behalten – und das nicht nur wegen all der Erstaufführungen, sondern weil da zwei Quartette wie magisch miteinander verschmolzen, ineinander aufgingen, einen phantastischen Klangkörper bildeten, nun ergänzt von Wladimirer Seite durch Igor Starowerow und Sergej Suworow, Violine und Cello, sowie Andrej Lobanow und Alberto Diaz, Trompete und Piano, seitens Erlangen.

Rainer Glas

So zurückhaltend man mit Hyperbeln sein sollte, hier ist, warum es nicht vorwegnehmen, kein Superlativ zu gewagt. Sagen wir es mit den Worten eines Mannes aus dem Publikum, das am Ende mit stehenden Zugaben drei Zugaben erklatschte: „Ich habe jetzt schon man ein Konzert des Ensembles Universal besucht, und ich komme ja auch immer wieder gern, aber der heutige Abend war einmalig, war definitiv der beste!“

Andrej Schewljakow, Igor Starowerow, Anastasia Lemper und Sergej Suworow

Die Ehre des Introitus gab sich das Wladimirer Quartett mit der stimmigen Einführung in das Thema des Abends: „Orient meets Russia“. Alexander Borodin und Alexander Glasunow, zwei russische Komponisten, auf deutschen Bühnen eher selten zu hören, ließen ahnen, was da noch kommen sollte. Auch wenn die Gäste da, im 19. Jahrhundert erst Atem schöpften und noch streng-gediegen klassisch zu Werke gingen, bevor es hineinging in den Jazz des 20. Jahrhunderts und den Cross-Over unserer Zeit.

Hubert Winter

Den Jazz-Ton gab dann der Wahl-Nürnberger Andrej Lobanow an, dessen Karriere in Nowosibirsk begonnen hatte. Seine Jazz-Arrangements der drei russischen Volkslieder von der einsamen Birke auf dem weiten Feld, von der unermeßlichen Steppe und einem Kutscher, der dort im Schneesturm umkommt, sowie schließlich von den Moskauer Abenden, die gern bis Mitternacht dauern, blieben immer erkennbar am Original und führten doch schon hinaus in jenes musikalische Universum, das sich nun öffnen sollte und wo man glaubt, es könne nicht mehr weitergehen, wo dann aber doch die Instrumente immer neue Räume entdecken, oft am Rand des noch Spielbaren, manchmal auch schier darüber hinaus.

Rainer Glas und Carola Grey

Nach der Kunstpause, bestens präpariert, der Block, den man insgesamt mit „Oriental Mood“, einem der Arrangements des Saitenzauberers, Gilbert Yammine, überschreiben könnte, der in Andrej Schewljakow sein kongeniales Gegenstück gefunden hatte. Was da an verzaubernden Klangscharaden zu hören war, hörte sich an, als hätten das Doppelquartett schon eine jahrelange gemeinsame Bühnenerfahrung. Dabei handelte es sich um die wichtigste Premiere dieses Abends, wie Rainer Glas voll Vorfreude ankündigte: „Wir hören uns jetzt nach zwei Proben in der Studioenge selbst zum ersten Mal im großen Saal.“ Und was da zu hören war, wird als Meisterstück in die Geschichte des musikalischen Austausches zwischen Erlangen und Wladimir eingehen. Da spielte zusammen, wer zusammengehört!

Sergej Suworow, Igor Starowerow, Anastasia Lemper, Andrej Schewljakow, Carola Grey, Hubert Winter, Rainer Glas und Gilbert Yammine

In der dritten und abschließenden, unvorbereiteten Zugabe zeigte sich das besonders. Nichts war vorher abgesprochen, keiner konnte wissen, wann sein Solo kommen würde, und dann erklang doch jede Stimme noch einmal mit unbändiger Kraft genau da, wo sie hingehörte. Weltmusik eben auf unerhörtem Niveau. Schade nur, daß der Blog nichts als dürre Worte zur Hand hat, hoffnungslos der so mit Leben aufgeladenen Musiksprache unterlegen. Aber es gibt ja die famosen Bilder von Othmar Wiesenegger, und bald schon ist das Konzert in voller Länge auf youtube nachzuhören.

Einer muß den Anfang machen: stehende Ovationen für das Ensemble, gesehen von Thorsten Hulke

Jetzt darf man hoffen, daß diese so universelle Zusammenarbeit eine Fortsetzung findet. Es bräuchte halt in Erlangen eine Akademie für Weltmusik, wo sich die Musiker nicht groß um die Finanzierung ihrer Projekte kümmern müssen. Das künstlerische Potential ist, angereichert durch die Städtepartnerschaft mit Wladimir, vorhanden. Bis dahin aber, werden die beiden Formationen sicher wieder andere Wege des Zusammenwirkens finden.

Alberto Diaz

Noch ein Nachsatz zu dem Pianisten Alberto Diaz, mit dem Rainer Glas schon lange zusammenarbeitet. „Was hat ein Kubaner mit Rußland zu tun?“ fragte er denn auch und gab gleich selbst die Antwort: „Ganz einfach, seine Musiklehrerin stammte aus der Sowjetunion, und als sich die auflöste, blieb die Pädagogin in Havanna und strietze ihren Schüler, bis der lernte, so zu spielen, wie er jetzt spielen kann.“ Da schließt sich dann auch wieder der Kreis zu Andrej Schewljakow, dessen Eltern, wie der Sohn ebenfalls Geiger, auch schon auf der Insel unterrichteten und dort die russische Schule vertraten. Besseres kann es eben kaum geben für die Musik, als diese Mischung aus strenger Disziplin und überbordender Spielfreude.

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