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Archive for 14. Februar 2020


Am 21. April 2014 waren im Blog folgende, fast seherische Zeilen zu lesen:

Der Violonist und Tastenmann, Andrej Schewljakow, hat nämlich eine Partitur mitgebracht, von ihm selbst komponiert, die er Rainer Glas zur Begutachtung übergeben möchte. Wer weiß… Vielleicht läßt das Werk sich ja eines Tages von einem gemischten Ensemble hier und dort aufführen.

Andrej Schewljakow und Rainer Glas, gesehen von Othmar Wiesenegger

Kennengelernt hatten sich die beiden bereits ein Jahr zuvor, als der Muliinstrumentalist aus Wladimir mit seinem Ensemble Jazztring bei den Schloßgartenkonzerten auftrat. Dazwischen lagen viele weitere Begegnungen, vor allem die Auftritt des Rainer-Glas-Universal-Quaretts beim vorjährigen Jazzfestival in der Partnerstadt, wo bereits die Idee entstand für das Konzert am kommenden Sonntag um 18.00 Uhr im Markgrafentheater unter dem Motto Sounds of the Orient and Russia, für das es – dringende Empfehlung! – noch Restkarten im Internet und vielleicht an der Abendkasse gibt.

Andrej Schewljakow, gesehen von Othmar Wiesenegger

Begonnen hat es nach allgemeiner Lesart mit dem Jazz in Wladimir, als 1954, ein Jahr nach Stalins Tod, der „finnische Amerikaner“, Leo Altonen, mit seinem Saxophon nach Wladimir kam. Er scharte Musiker aus den Militärkapellen und von der Hochschule um sich, schuf eine Bigband und begründete eine Tradition, die 1987 von Nikolaj Grunskij fortgeführt wurde. Er organisierte in den 90er Jahren regelmäßig Festivals, bei denen auch Rainer Glas auftrat, er brachte seine Bigband 1996 nach Erlangen, und seine Studenten schickte er zum Jazz Workshop in die Partnerstadt. Tempi passati seit dem Tod des großen Musiklehrers 2004. Doch noch ist der Jazz in Wladimir nicht verloren. Seit 2010 bietet die Staatliche Universität auch den Studiengang „Instrumentale und vokale Unterhaltungsmusik, Jazz“, und Rainer Glas konnte schon beim ersten Treffen feststellen: „Die aus Wladimir sind richtig gut, die können spielen!“

Andrej Schewljakow und Rainer Glas

Für Andrej Schewljakow gilt das in besonderem Maß, wie er beim gestrigen Werkstattgespräch mit Musikeinlagen – und was für welchen! – zum Abschluß der zehnten Russisch-Deutschen Wochen im Historischen Saal der Volkshochschule erleben ließ. Denn der Gast stammt aus einer Musikerfamilie und „hatte keine Wahl“. Schon als Knirps griff er zur Geige und genoß die strenge russische Musikschule an der Violine wie am Klavier, zunächst ganz in der klassischen Manier, bis ihm eine Lehrerin auch die westliche U-Musik in Form eines Notenheftes näherbrachte. Seither ist er – bei aller Vorliebe für die Klassik und vor allem Johann Sebastian Bach – in beiden Welten zu Hause und beherrscht die Kunst der Improvisation, ganz, wie er sagt, in der Tradition der Meister des Barock, die sich auch regelrechte Wettbewerbe der Improvisation im Fach Fuge lieferten. Jedenfalls hatte eine Stunde am Nachmittag genügt, um Flügel, Baß und Geige so aufeinander abzustimmen, daß es die reine Freude war, den beiden inspirierenden Ausnahmemusikern in ihrem freien Spiel zuzuhören.

Igor Starowerow, Anastasia Lemper und Sergej Suworow

Aber Andrej Schewljakow ist ja vorgestern abend nicht alleine nach Erlangen gekommen, sondern mit seinem Quartett, das unterdessen ohne ihn in der Sing- und Musikschule probte. Denn auch diese Formation muß sich erst noch zusammenfinden. Während Anastasia Lemper und Igor Starowerow – u.a. bei Konzerten in Erlangen – schon aufeinander eingespielt sind, stieß der Virtuose Sergej Suworow aus Moskau erst kurzfristig als Ersatzmann ein, nachdem die ursprünglich vorgesehene Cellistin erkrankt war.

Andrej Schewljakow und Rainer Glas

Wenn man da so reinhörte, macht man sich keine Sorgen mehr um das bevorstehende Konzert. Man wird dort echte Weltmusik erleben in einer einzigartigen Besetzung, wie Rainer Glas ankündigte, wo der Jazz sich wieder einmal selbst erfindet und genau das tut, was Andrej Schewljakow gestern abend betonte: „Der Jazz löst sich vom Jazz und wird immer mehr eins mit der Avangard, mit allem, was die moderne Klassik bietet, wird zur Weltmusik.“

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