Feeds:
Beiträge
Kommentare

Archive for 9. Februar 2020


Die Veröffentlichung eines Briefes ist immer so eine Sache. Es gilt ja gerade auch für den Blog das Fernmeldegesetz. In der Redaktion gab es deshalb durchaus kontroverse Ansichten beim Eintreffen des Schreibens des Weltkriegsveteranen, Nikolaj Schtschelkonogow. Doch bei der folgenden Epistel aus Wladimir handelt es sich um ein Zeitzeugnis, um nicht zu sagen um ein Manifest, das nicht im Ordner „Persönliches“ verschwinden sollte. Urteilen Sie selbst.

Lieber Peter!

Lassen Sie mich der Führung Ihrer herrlichen Stadt und Ihnen persönlich für die Organisation einer meiner weiteren Reisen zu Ihnen, für die Fahrt nach Erlangen, meine aufrichtige und herzliche Dankbarkeit aussprechen. Alles ereignete sich so rasch und unerwartet.

Damals bei dem Musikabend (am 6. September 2019 in Wladimir, Anm. der Redaktion) erinnerte ich einfach nur an die Absicht von Fritz Rösch, mich irgendwohin zu bringen. Aber ich hätte doch nicht im Ernst an eine solche Reise zu denken gewagt, und dann war ich ja auch ängstlich; schließlich bin ich nicht mehr der Jüngste. Seit meinem Militärdienst auf dem Gebiet der DDR sind 62 Jahre vergangen, und in Erlangen war ich zuletzt vor elf Jahren. In dieser Zeit hat sich viel verändert, eine phantastische Idee also.

Nikolaj Schtschelkonogow mit Johanna und Paul Sander vor dem Konzert

Natürlich freute ich mich über die Maßen, noch einmal die Familien derer zu besuchen, die vor ihrer Zeit aus dem Leben geschieden waren, unsere gemeinsamen Freunde wiederzusehen, all die Veteranen verschiedener Kategorien noch einmal zu treffen, mit der russischen Diaspora und den Freunden Rußlands in den vielen Städten zusammenzukommen und einen herzlichen Empfang auf allen Ebenen zu erleben.

Nikolaj Schtschelkonogow mit Fritz Rösch und Ulrich Girschner

Ihnen allen wollte ich noch einmal meine tiefe Dankbarkeit aussprechen, ihnen die besten Wünsche der Veteranen aus Wladimir überbringen, die zu vertreten ich das Glück habe. Sie hegen größte Hochachtung für das Volk Deutschlands, vor seiner Kultur, seinen Sitten und Bräuchen, vor der internationalen Autorität des Landes. Wir sind für den Frieden, für die Freundschaft, für die Sicherheit der Völker, für die Ungestörtheit und das Glück der ganzen Menschheit.

Elisabeth Wittmann und Nikolaj Schtschekonogow

Bei uns hat jetzt die aktive Vorbereitung auf die Organisation und Durchführung der Veranstaltungen zum 75. Jahrestag des Kriegsendes begonnen. Ich erinnere mich an die Maitage des Jahres 1945 und die ersten Begegnungen mit Zivilisten im Umkreis von Zerbst. Wie die Menschen da erleichtert aufatmeten, weil der Krieg endlich vorüber war. Heute komme ich jeden Tag mit Jugendlichen, Schülern und Veteranen zusammen. Sie fragen dann immer: „Wie war es denn dort, in Deutschland?“ Worauf ich vor allem auf diese erstaunlich umfangreiche Arbeit zu sprechen komme, die notwendig war, um meine Reise zu ermöglichen, die so warmherzig und gelungen verlief. Und sie wurde ja auch zu einem bezeichnenden Ereignis, einem Parameter für die Gründlichkeit, Genauigkeit und Zuverlässigkeit, angelegt im Charakter der Deutschen. Das kam schon in der Nachkriegszeit klar zum Ausdruck: „Die Hitler kommen und gehen, aber das deutsche Volk bleibt.“

Wolfgang Morell und Tatjana Jazkowa (sitzend), Hans-Joachim Preuß, Nikolaj Schtschelkongow, Elisabeth Preuß und Jekaterina Zwetkowa

Bitte übermitteln Sie nochmals allen-allen meine tiefe Dankbarkeit und Verbundenheit für die herzliche und freundschaftliche Aufmerksamkeit, die mir zuteil wurde. Offen gestanden, träumte ich nach meiner Rückkehr mehrere Nächte hintereinander von dieser Reise, und beim Aufwachen fühlte ich mich jedes Mal, als hielte ich mich noch in Deutschland auf. Erst nachdem ich mir die Augen gerieben hatte, wurde mir klar, zu Hause im Bett zu liegen. Und dank allen Heiligen bewahren wir füreinander die Freundschaft.

Ich gebe zu und sehe ein, nur ein alter Mann zu sein, ein einfacher Mensch ohne große Bedeutung. Doch wenn diese Reise auch nur ein klein wenig dazu dienen sollte, die partnerschaftlichen Beziehungen zwischen unseren beiden Städten und damit auch unserer beiden Völker, der Russen und der Deutschen, zu festigen, kann ich meinem Schicksal unendlich dankbar sein. Friede und Wohlergehen Ihnen allen und dem deutschen Volk eine blühende Zukunft.

Hochachtungsvoll, Nikolaj Schtschelkonogow (16.12.2019)

Nachzulesen ist das Protokoll der Reise des ehemaligen Rotarmisten nach Deutschland im Blog vom 28. November bis 7. Dezember 2019.

Read Full Post »

%d Bloggern gefällt das: