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Archive for 22. Januar 2020


Das Datum 22. Januar 1942 hätte in meiner Todesanzeige stehen können: „19 Jahre alt, gefallen vor Moskau für Führer, Volk und Vaterland…“ Dabei wäre ich den Heldentod gar nicht gestorben, sondern ein Opfer der NS-Propaganda gewesen. Doch ein gütiges Schicksal hatte Einspruch eingelegt!

Wolfgang Morell und Nikolaj Schtschelkonogow am 1. Dezember 2019

Noch am Vorabend hatten wir im Kameradenkreis an der Front diskutiert, ob man im Ernstfall in Gefangenschaft gehen solle. Anlaß war der Bericht eines gerade zu unserer Einheit gestoßenen Funk-Feldwebels, der um ein Haar den Partisanen in die Hände gefallen wäre. Wir alle waren uns einig in der uns immer wieder eingetrichterten Überzeugung: Die Russen machen keine Gefangenen! Schließlich habe man ja immer noch seine Waffe bei sich, mit der man Grausamkeiten durch Selbsttötung ausweichen könne!

Schon 15 Stunden später stand ich vor eben dieser Situation: Bei 42° C Kälte in etwas verstärkter Sommeruniform bezog ich nachts für zwei Stunden einen Horchposten. Da schnitt uns dreien eine Skipatrouille den Rückweg ab. Die halbe Nacht irrten wir in der eisigen Schneewüste umher, um unsere Einheit wiederzufinden.

Im Morgengrauen wurden meine beiden Kameraden von einem Trupp zu Pferde vor meinen Augen aufgegriffen. Etwa drei Stunden später bemerkte ich, wie ein Skitrupp auch meinen Spuren folgte, nun war die Zeit gekommen, sich Gedanken um die nächste – die letzte –  halbe Stunde zu machen. Die Diskussion am Vorabend war noch ganz lebendig. Flucht oder Verteidigung kamen nicht infrage. Mein Entschluß stand fest. es ging nur noch um das Wie! An meine Eltern, meine Heimat verbot ich mir, zu denken, denn das hätte mich von meinem Entschluß womöglich noch abgebracht.

Auf einer Waldlichtung trat ich mir ein Loch in den Schnee, setzte mich auf den Rand und nahm meinen Karabiner 98k nach dem Entsichern zwischen die Beine. Erst im letzten Moment, als die ersten „Russen“ ca. 5 m entfernt waren, drückte ich auf den Abzug…  Nichts… Völlige Verwirrung! Auf ein energisches „Ruki werch!“ hob ich die Hände, in der einen noch das Versager-Gewehr. Ein älterer „Mongole“ nahm es mir dann ruhig aus der Hand, legte mir seine auf die Schulter und sagte mir etwas im Tonfall Beruhigendes. Ich hatte es ausschließlich mit „Schlitzaugen“ zu tun, die bei uns für besonders grausam gehalten wurden… Ein normales Verhör mit einem Wörterbuch schloß sich an, ohne Gewaltanwendung, ohne Haß, pure Neugier, Gelächter über meine spärliche Bekleidung. Von den 25 R6-Zigaretten, die man mir abgenommen hatte, bekam ich noch etwa zehn zurück, nach Verteilung der übrigen an die Raucher! Eine wahrhaft anständige Behandlung, wie ich sie auch später noch auf weiten Strecken, besonders im Wladimirer Militärkrankenhaus und im Spezialhospital Nr. 388 für lungenkranke Kriegsgefangene in Moschga / Kasan erfuhr.

Die grauenhaften Verhältnisse an der Front, vertieft durch eklatante Mängel bei Bekleidung, Ausrüstung und Treibstoffversorgung, die abenteuerliche Art, wie ich „dem kriegerischen Geschehen entzogen worden war“ und der überraschend friedliche Empfang durch den Feind brachten mich schon nach Tagen, Wochen und Monaten der Besinnung zu Erkenntnissen, die das eingeübte Freund-Feindbild allmählich wanken ließen… In diesem Sinne hier noch einige Gedanken zum Thema „Frieden“:

In meinem ersten Kriegsgefangenenlager Krasnogorsk trat im August 1942 ein deutscher Hauptmann mit der damals noch völlig unrealistischen Forderung nach einem unverzüglichen Friedensschluß auf. Er erntete (verhaltene) Buhrufe! Welche ungeheuren Verluste wären uns und der Welt erspart geblieben, wäre es damals wirklich zu einem akzeptablen Frieden gekommen!  Doch es bedurfte erst der totalen Niederlage, weiterer Millionen Toter und ungezählter Ruinenstädte, bis uns der Friede von außen aufgezwungen wurde!

In Deutschland und in der Welt hat vor 75 Jahren der Frieden Einzug gehalten, aber nicht überall gehalten. Noch vor Verheilen der alten Kriegswunden flammen in fast allen Teilen der Welt erneut Kriege und Bürgerkriege auf, die ein erschreckendes Maß angenommen haben, auch wenn sich – selten genug, wie für Libyen – Anfangserfolge für eine Befriedung andeuten.

Wir müssen in Deutschland jetzt erleben, wie die leid- und opfervollen Erfahrungen schon bei der zweiten und dritten Generation in großem Umfang verblaßt oder vergessen sind. Hier hat die Generation der Zeitzeugen in vielen Familien im Zuge einer Verdrängung zu wenig an Erlebtem vermittelt, während dieser „Stoff“ an den Schulen oft nur halbherzig unterrichtet wird. Und tatsächlich berichtete ja auch Julia Obertreis, Professorin für Neuere und Neueste Geschichte mit dem Schwerpunkt Osteuropa, bei ihrem Vortrag zur Eröffnung der Russisch-Deutschen Woche, sie müsse in den ersten Semestern in Sachen Zweiter Weltkrieg vielfach fast bei Null beginnen.

„Ohne die Völker lassen sich Kriege nicht führen“, lautete bis heute unsere Überzeugung. So kam der „Friede in Bewegung“ und ergriff unsere Städtepartnerschaften, die all die Absurdität von Kriegen beispielhaft aufzeigen. Nun sehen wir allerdings eine Entwicklung heraufkommen, welche die Bedeutung der Volksdiplomatie in kriegerischen Auseinandersetzungen schrittweise herabsetzen wird: Cyberkrieg, Drohneneinsatz, alles Entwicklungen, die es den ja von einer elementaren Friedenssehnsucht geleitet Menschen noch schwerer machen werden, sich für die Bewahrung des Friedens zusammenzuschließen und stark zu machen. Es könnte künftig noch größerer Staatskunst bedürfen, den Frieden gegen Unvernunft, Eroberungslust, Rachgier und Raffgier zu verteidigen! An dieser Stelle möchte ich meiner gefangenen Kameraden gedenken, denen das Glück der Heimkehr nicht mehr beschieden war.

Wolfgang Morell

Siehe u.a.: https://is.gd/ZSoFyA

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