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Archive for 20. Januar 2020


Heute eine weitere Vorabveröffentlichung aus dem deutsch-russischen Band „Erinnerungen von Kriegskindern“, der im Mai erscheinen soll.

Tatjana und Jurij Fjodorow mit Herbert Lerche und Ursula Rechtenbacher

1934: Ursula Rechtenbacher wurde am 24. Februar in eine gutbürgerliche Familie hineingeboren. Vater: Martin Biedenbach, geb. 1910, Kaufmann bei der Württembergischen Ärztekammer in der Kriegsbergstraße in Stuttgart. Mutter: Emma-Katharina, geb. 1905, gebürtige Strobel.

Es schien, als ob eine unbeschwerte Kindheit zu erwarten wäre. Wir lebten mit der Familie des Bruders meiner Mutter, Eßlingen / Neckar, Haferstraße 4 im Haus der Großeltern mütterlicherseits.

Ursula war das erste Enkelkind der Familie Biedenbach. Der Großvater Martin war schon 1928 an Diabetes gestorben. Die Freude über das Enkelkind in der Familie war groß! Das bürgerliche Leben nahm seinen Verlauf: Urlaub am Schliersee, die Eltern regelmäßig mit ihrem Abonnement im Großen Haus des Theaters in Stuttgart, Einladungen zu Freunden, Empfänge im eigenen Haus.

1938: Geburt der Schwester Helga, die mit Hilfe eines Arztes und einer Schwester der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt im Haus zur Welt kam. Große Angst um meine Mutter! Tod von Großmutter Strobel.

1939: Sommerurlaub am Schliersee mit Großeltern väterlicherseits sowie Großtante und Großonkel aus New Jersey in den USA. Der Vater wurde zu einer „Übung“ eingezogen – tränenreicher Abschied aus Schliersee. Ich sehe heute noch, obwohl ich damals erst fünf Jahre alt war, den aus dem schönen Gebirgstal abfahrenden Zug! Beginn des Zweiten Weltkriegs! Ich hatte große Angst vor „den Polen“. Vater war einige Zeit im Frankreich-Einsatz und brachte ein kleines, struppiges Etwas mit, da er aus einem brennenden Haus gerettet hatte. Struppi gehörte ab da zur Familie. Am 28. Juli wurde meine jüngste Schwester Suse geboren.

1941: Viele Feldpostbriefe gingen zwischen dem Elternhaus und Frankreich und später Rußland hin und her. Sie sind fast in Gänze noch vorhanden. Ich glaube, meine Eltern liebten sich sehr. Bis heute konnte ich aus Gründen der Diskretion diese Briefe nicht bis ins Detail lesen. Weihnachten 2019 faßten wir, meine Tochter Birgit, ihre Kinder – zwei meiner vier Enkel, Corinna (34) und Philipp (33) und ich – uns ein Herz und öffneten Päckchen und Unterlagen, die meiner Mutter 1942 zurückgeschickt worden waren, und lasen uns unter Tränen in die Briefe hinein. Ich war froh, nicht alleine zu sein. Da wurden uns die Schreckenstage von 1942 sehr-sehr bewußt. Was haben die Kriegerwitwen damals ertragen müssen!

In meinen Erinnerungen ist aber sehr-sehr deutlich der Schmerz zu fühlen, was es hieß: Andere Männer, andere Väter kamen wieder zurück, unser Vater nicht! Unser Leben im Alltag war durch die Solidarität, die wir erfahren durften, einigermaßen gesichert. Eine fast schwerere Zeit sollte uns mit der „Nachkriegszeit“ erwarten. Doch bis zum Kriegsende war’s noch ein harter Kampf: Beim nächtlichen Fliegeralarm mußte jeder seine Siebensachen packen und entweder den Luftschutzkeller im eigenen Haus oder einen „Stollen“ im nahegelegenen Areal aufsuchen. Wenn es weit nach Mitternacht zu Ende war, gab’s Extra-Tee und eine Sonderration Butter und Marmelade auf einer Scheibe Brot, und die Schule fing eine Stunde später an. Meine Tante Berta und Onkle Eugen wurden in Stuttgart – Bad Cannstatt zweimal ausgebombt und kamen mit ihren Habseligkeiten bei uns, bei ihrer Schwester, an. Selbstverständlich rückten wir zusammen. Eßlingen blieb eher verschont, doch Lebensmittelkarten waren immer noch Teil der Haushaltsführung.

„Zusammengerückt“ mußten wir weiterhin bleiben, denn unsere Mutter hatte – trotz Brennstoff-Gasbewirtschaftung ihre Küche für vier Personen nun mit drei weiteren Parteien zu teilen. Flüchtlinge aus Ost und Nord waren aufzunehmen: ein Ehepaar aus Lettland (Riga), eine dreizehnköpfige Familie aus Sachsen, eine Dame aus Ostpreußen und ein späterer Student der Ingenieurwissenschaften aus Sachsen. Finanziell war es noch zu bewältigen bis zur Währungsreform 1948. Noch war Vermögen vorhanden, eine monatliche staatliche Rente und ein Zuschuß der Württembergischen Ärztekammer ließen uns ein Auskommen finden. Im Juni 1948 entfielen dann zunächst Rente und Zuschuß. Die Mutter wußte nicht, wie sie zum Beispiel das Schulgeld finanzieren sollte. Ich hatte der gesetzlichen Schulpflicht acht Jahre Genüge getan und mußte die Mädchen-Mittelschule verlassen. Was soll mit mir geschehen? Ein Onkel, der Schwager meines Vaters und Personalchef bei den Neckarwerken, übernahm für mich ein Jahr lang die monatlichen Zahlungen für eine private Handelsschule. So konnte ich später mit dem Beruf der Kontoristin etwas Geld für die Familie (85 Mark pro Monat) beisteuern, wobei ich fünf Mark als Taschengeld behalten durfte. Das Geld, das auf dem Sparkassenkonto lag wurde – wie allgemein üblich – bis auf 10% abgewertet.

Meine Mutter bemühte sich sehr, etwas dazuzuverdienen: durch Bügel-, Näh- und Flickarbeiten bei den Nachbarn. Das tat mir sehr weh, denn sie hatte ja einen Vier-Personen-Haushalt zu versorgen. Vom früheren Wohlstand war nicht mehr viel vorhanden. Und trotzdem blieben wir sehr gut in unserer Umgebung integriert. Vor allem von meiner Patentante Helene, der ältesten Schwester meines Vaters, erfuhren wir viel Beistand. Sie und die ganzen Biedenbach-Geschwister waren im Ruderverein Eßlingen organisiert. So kam ich als Jung-Ruderin auch zu diesem Sport, den ich aktiv, zum Beispiel auf Regatten, ausübte. Beim Abitur-Vierer auf dem Wasser lernte ich dann auch meinen Mann kennen und lieben. Mit ihm zog ich später nach Erlangen und blieb 66 Jahre lang – bis zu seinem Tod – glücklich mit ihm verheiratet.

Altbürgermeisterin Ursula Rechtenbacher

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