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Archive for 16. Januar 2020


Zur Eröffnung der zehnten Russisch-Deutschen Wochen sprach gestern Julia Obertreis, seit dem Wintersemester 2012 Leiterin des Lehrstuhls für Neuere und Neueste Geschichte mit dem Schwerpunkt Osteuropa an der FAU, im Großen Saal der Volkshochschule zum Thema „Erinnerungskultur und Geschichtspolitik“ in der Sowjetunion und Russischen Föderation, aber auch in der Ukraine, bezogen auf den Zweiten Weltkrieg, den „Großen Vaterländischen Krieg“, wie er auf Russisch in Fortsetzung des Sieges über Napoleon 1812 genannt wird. Nicht von ungefähr wählte die Historikerin, die in Berlin und Sankt Petersburg studiert hatte, die fast 900 Tage währende Belagerung Leningrads als Beispiel für das politisch vorgegebene Dogma des Vernichtungskriegs der Wehrmacht gerade auch gegenüber der sowjetischen Zivilbevölkerung.

Julia Obertreis mit einem der Schreckensbilder aus Leningrad

Auch wenn sicherlich Polen in der Relation als erstes großes Opfer der Aggression die meisten Opfer zu beklagen hatte, erschrecken die Zahlen doch immer wieder: 58 beteiligte Staaten mit insgesamt über 60 Millionen Toten, Zivilisten wie Militärs, davon geschätzte 25 Millionen allein in der UdSSR, gefolgt von China, von Japan überfallen, mit 15 Millionen, Deutschland mit sieben und Polen mit sechs Millionen. Zahlen und Zusammenhänge, von denen, wie die Professorin beklagt, die Studienanfänger kaum eine Ahnung haben. Kein Wunder, wenn, wie Klaus Strienz als pensionierter Lehrer weiß, der Zweite Weltkrieg in der Schule nur noch kursorisch thematisiert wird. Dieser Zustand der Ahnungslosigkeit, so könnte man weiter folgern, macht die junge Generation natürlich anfällig für Geschichtsklitterung, Verschwörungstheorien oder Mythenbildung.

Julia Obertreis

Ganz anders in der russischen Gesellschaft, wo gerade in den letzten Jahren die Erinnerung an den Sieg über den Nationalsozialismus vor 75 Jahren nachgerade als identitätsstiftend „kanonisiert“ werde, wie die Wissenschaftlerin ausführte. Allerdings – und das ist ein wichtiges Fazit, geteilt mit dem durchaus sachkundigen Publikum – tragen bei allen Unterschieden in der Erinnerungskultur die Russen den Deutschen nichts von den Schrecken und Greueln nach, streben nach Verständigung mit dem einstigen Todfeind. Ein Wunder und Geschenk der Geschichte, über das man sich nicht genug freuen kann, wenn Freude auch keine streng wissenschaftliche Disziplin sein mag.

TASS-Fenster

An dieser Bereitschaft zur Vergebung änderten auch die sogenannten Rosta- oder TASS-Fenster nichts, die als drastisches Mittel der Kriegspropaganda den Aggressor entmenschlichten, zur Bestie stilisierten oder seinen schmählichen Untergang vorhersahen. Dabei unterschied man nämlich stets – von wenigen Ausnahmen abgesehen – zwischen den Deutschen als Volk und den Faschisten als Gegner. Eine wichtige Unterscheidung der Geister schon damals, die bis heute nachwirkt.

Julia Obertreis im Gespräch mit Kurt Reiter und Klaus Strienz

So wenig hier alle Aspekte des Vortrags referiert werden können, so viele Fragen gab es im Anschluß noch an Julia Obertreis. Wäre da nicht einen weiteren Abendtermin gewesen – die Expertin besonders auch für russische Oral History wollte eine Kollegin dafür gewinnen, beim nächsten Prisma-Treffen im Juni in Wladimir am Beispiel der Hupfla deutsche Erinnerungskultur darzustellen -, hätte die Veranstaltung noch lange dauern können. Dabei blieb das tagesaktuelle Überraschungsthema Regierungsrücktritt in Moskau ganz außen vor, was manche im Saal bedauerten. Doch von einer Historikerin sollte man ja auch keine analytische Schnellschüsse erwarten. Die Geschichtswissenschaft nimmt sich Zeit, um die Dinge einzuordnen. Vielleicht liefert Julia Obertreis aber ja schon bei den nächsten Russisch-Deutschen Wochen in zwei Jahren eine erste Einschätzung der gestrigen Ereignisse, die sicher einen jetzt noch gar nicht absehbaren politischen Einschnitt zur Folge haben, während russische Witzbolde bereits scherzen, der Rücktritt der Regierung sei eine unmittelbare Folge des unnormalen, viel zu warmen Winterswetters.

März 2013, Aufbruch nach Wladimir

Mit unnormalem Wetter, wenn auch viel zu kaltem, hatte sich auch Peter Smolka herumzuschlagen, der am Gründonnerstag 2013 zu seiner Weltumradlung von Erlangen aus aufbrach und eine erste Station in Wladimir einlegte. Wer und was ihn da so alles auf der Strecke erwartete, erfahren Sie beim nächsten Vortrag im Rahmen der Russisch-Deutschen Wochen am Montag, den 20. Januar, wieder im Großen Saal der Volkshochschule bei freiem Eintritt von 19.00 Uhr bis 20.30 Uhr. Kommen und staunen!

Radweg nach Wladimir, April 2013

Ankunft in Wladimir, Mai 2013

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