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Archive for 8. Januar 2020


Aus dem virtuellen Nirgendwo zwischen dem Absender, der Band Impvlse, und dem Empfänger, der Kulturredaktion des Blogs, tauchte erst gestern ein Tourbericht der Extraklasse auf, dessen Lektüre man sich angelegen lassen sein sollte. Das rockt richtig auch mit Worten!

Am 17. November 2018 standen wir auf der Hauptbühne im E-Werk und konnten unser Glück kaum fassen. „Der diesjährige Publikumspreis geht an – IMPVLSE!“ Dieser Satz löste in uns eine Achterbahn der Gefühle aus. Zwischen Traum und Wirklichkeit fielen wir uns in die Arme und anschließend in die unserer Liebsten. Der Publikumspreis. Eine Reise nach Wladimir, Rußland. Und damit eine Reise in ein Abenteuer.

Aber der Reihe nach: Wir sind IMPVLSE, eine Progressive Metalcore Band aus dem Großraum Nürnberg, gegründet 2017 und inzwischen schon halbwegs routiniert darin, Shows in der Region zu spielen. Im Jahre 2018 faßten wir schließlich den Entschluß, am Newcomer-Festival der Stadt Erlangen teilzunehmen. In der ersten Runde für das Finale qualifiziert, waren wir natürlich bereits total happy, wollten aber auch im Finale nochmal unser Bestes geben. Nach einer unserer besten Shows standen wir dann schließlich da: Der Publikumspreis in unseren Händen und Endorphine in den Blutbahnen. Bereit für eine Reise nach Wladimir.

Impvlse und Meloco am Flughafen Domodjedowo in Moskau

Fast ein Jahr Wartezeit mit viel Organisationsarbeit und einer Menge Durcheinander war nötig, doch dann hoben wir gemeinsam mit der Band Meloco Richtung Osten ab. Meloco hatten den Publikumspreis des Newcomer Festivals vor fünf Jahren gewonnen und durften schon damals ihre Wladimir-Reise antreten. Da sie seitdem den Kontakt zu ihren neuen russischen Freunden und Fans sowie zum Erlanger Kulturamt gehalten hatten, trugen sie die Frage an uns heran, ob es ok wäre, wenn sie sich uns für ein Wiedersehen mit allen russischen Beteiligten anschließen würden. Für uns war das kein Problem, und es sollte sich während der Reise immer wieder herausstellen, wie cool die Jungs von Meloco drauf waren und wie gut sie sich noch in Wladimir auskannten. Nun ging es also mit dem Flieger ab in Richtung Moskau. Kaum hatten wir russischen Boden unter den Füßen, wurden wir bereits herzlich von Andrej, dem Gitarristen der Band Abandoned Land, am Flughafen empfangen. Wir kannten ihn bereits flüchtig, da die Gruppe 2018 als russische Gastband nach den deutschen Finalisten beim Newcomer Festival spielen durfte. Für das ultimative „Tourgefühl“ hatte Andrej einen großen Transporter organisiert, mit dem er uns nach Wladimir bringen wollte, wo wir die nächsten Tage nächtigen würden. Während wir seinen Geschichten über Land und Leute lauschten, ging es durch russische Wälder auf holprigen Straßen raus aus dem actiongeladenen Verkehr der Hauptstadt und hinein in die beschauliche Welt von Wladimir.

Nachdem wir unsere Sachen im Hostel abgeladen hatten, war der erste Halt ein Pub, wo wir gemeinsam zu Abend aßen und die Unterhaltungen aus dem Bus vertieften. Anschließend ging es in die Bar Drugoj, in der wir am kommenden Tag unseren Gig spielen würden. Um sich darauf schon einmal einzustimmen, wurde bei ein-zwei Bierchen (oder Wodka) schon mal etwas auf der Akustikgitarre geklimpert. Bereits da bekamen wir eine leise Ahnung davon, mit wie viel Begeisterung die Russen der Musik nachgingen und mit wie viel mehr sie diese feierten. Am nächsten Tag führte uns der Weg erneut in Stadtzentrum, wo uns Ilja, seines Zeichens Frontmann der Band Metamorphis, durch Wladimir führte und uns allerhand Anekdoten über seine Heimat erzählte.

Impvlse und Meloco in Wladimir

Wladimir hat wirklich eine schöne Innenstadt mit prächtigen Kirchen und typisch russischen Fassaden, in der wir uns wie echte Touries fühlten und fleißig Bilder von uns und den Sehenswürdigkeiten machten. Zum Mittagessen suchten wir ein deutsches Restaurant auf, wo wir uns mit mäßig authentischen Spezialitäten verköstigen ließen. Danach zeigte uns Ilja noch das Tonstudio, das seine Bandkollegen und er sich aufgebaut hatten, und abends kehrten wir in die Bar vom Vortag zurück. Nachdem dort die lokale Band Bosphorus Night das Publikum schon einmal mit einer Runde energiegeladenem Glam Rock in Schwung gebracht hatte, betraten wir schließlich mit Schweißperlen auf der Stirn die Bühne. Der erste Gig fernab der Heimat. Wie würde wohl das Publikum auf uns reagieren? Würden sie unsere Musik mögen? Unseren Stil?

Impvlse auf der Bühne

Spätestens als nach den ersten Takten schon einige anfingen zu headbangen, waren diese Zweifel wie fortgeblasen. Die Anspannung fiel immer mehr von uns ab, und wir begannen, die neue Umgebung zu genießen. Nach jedem Song beteiligten sich immer mehr Leute im Publikum trotz des ungewöhnlichen Bar-Settings am Headbangen und Moshen, und als sie nach der Show dann auch noch in Scharen auf uns zukamen, um Selfies zu machen, Merch zu kaufen oder Autogramme zu holen, waren wir mehr als überrumpelt von so viel positivem Zuspruch und Akzeptanz. Der Hauch vom Rockstarfeeling des Tourlebens war perfekt. So also fühlte sich das an!

Impvlse auf der Bühne

Eine lange Nacht und viele interessante Gespräche später fuhren wir gemeinsam mit Andrej nach Murom, einer abgelegeneren Stadt, ca. 130 Kilometer südwestlich von Wladimir. Wir erhielten auch hier, wie am Tag zuvor in Wladimir, eine kleine Stadtführung von den netten Kollegen der anderen Bands und besuchten dann einen Musikstore, wo wir nach Herzenslust herumstöbern konnten. Anschließend kehrten wir zum Mittagessen ein und wärmten uns bei ein paar Suppen auf. Entgegen unserer Erwartungen war es überhaupt kein Problem, auch als Vegetarier nicht zu verhungern. Als Veganer hatte man zwar schlechtere Karten, aber man kann ja auch mal beide Augen zudrücken für ein paar Tage. Schließlich waren wir an diesem Mittag nicht das erste Mal beeindruckt von und dankbar für die russische Gastfreundschaft und die phänomenale Kochkunst. Maxim von der Band Ragged Jeans hatte seinen Lieblingswodka dabei und bestätigte ein Stückweit das russische Klischee, indem er bereits zu dieser Tageszeit munter die Schnapsgläser neben unseren Tellern füllte. Frohen Mutes ob der gefüllten Bäuche, besuchten wir anschließend die Location, in der wir an diesem Abend unseren zweiten Gig spielen sollten. Die Halle war deutlich größer und daher quasi nicht vergleichbar mit der Bar vom Vorabend. Dafür sollte dieser Abend mit insgesamt sechs Band allerdings auch randvoll gefüllt werden mit vielen verzerrten Gitarren, hingebungsvollem Gesang und gnadenlosen Drumbeats. Demzufolge gaben zuerst vier russische Locals ihre Shows zum besten und heizten der Menge bereits ab 18 Uhr ordentlich ein. Aufgrund des frühen Beginns dauerte es allerdings einige Stunden, bis das Publikum in vollem Ausmaß in den Club Empire fand – was strenggenommen eine Schande war, da alle vier heimischen Bands eine wirklich professionelle und vor allem mitreißende Show über die Bühne schmetterten. Mit der Zeit fanden aber zum Glück immer mehr Zuschauer den Weg nach drinnen und ließen sich nach Ragged Jeans, Metamorphis, Fatal Niivistrel und Abandoned Land auch von uns deutschen Bands die Horchlappen versohlen. Die größere Bühne gab diesmal deutlich mehr Bewegungsfreiheit, die wir natürlich gerne nutzten. Das Publikum war zwar nicht ganz so zahlreich wie am Vorabend, und wir hatten während der Show mit ein paar technischen Ausfällen zu kämpfen, aber wir hatten trotzdem unfaßbaren Spaß. Als wir auch in Murom unser Werk getan hatten und direkt nach der Show unser Equipment von der Bühne räumen wollten, wurde wir abermals von begeisterten Konzertgängern überrannt, die sich Unterschriften oder Selfies sichern wollten. Darüber hinaus konnten wir aber zum Glück – wie am Vortag – auch einige vertieftere Gespräche auf Englisch führen, in denen wir aus erster Hand erfahren durften, wie aufgeschlossen und wohlwollend sich das russische Volk uns Fremden mit unserer eigenwilligen Musik gegenüber zeigte. Entgegen der Empfehlung von Andrej, diese Nacht lieber etwas ruhiger angehen zu lassen, teilten wir uns nach der Rückfahrt in Kleingruppen für den Besuch diverser Bars in Wladimir auf und fanden uns erst um 2, 5 oder gar 7 Uhr morgens wieder am Hostel.

Impvlse und Meloco in Murom

Auch wenn am nächsten Tag mehr Zeit zum Ausschlafen eingeplant war, wurde also noch weniger geschlafen als zuvor. Entsprechend erschöpft begaben wir uns zur Mittagsstunde in unseren „Tourbus“ und machten uns auf den Weg zum letzten Gig in Kowrow. Nachdem wir das Ortsschild passiert hatten, wurde schnell klar: Diese Stadt war deutlich industrieller geprägt und ließ eine gepflegte, einladende Innenstadt leider vermissen. Unsere Gastgeber waren sich dessen offenbar durchaus bewußt, weshalb sie hier gar keine Stadtführung eingeplant hatten. Deswegen ging es direkt zur Location, dem Club Arsenal, wo wir, durch die Erlebnisse der vergangenen zwei Abende fast schon nostalgisch gestimmt, unser Equipment aus dem Transporter luden. Innen fanden wir eine Halle vor, die dem tristen Stadtbild draußen ein heimeliges Interieur entgegenzusetzen verstand. Die zentrale Bühne wurde umgeben von zwei Treppen, die zu Zuschauerrängen und zum Backstage-Bereich im Obergeschoß führten, einer Bar und einer Art Restaurant-Bereich mit Stühlen und Eßtischen, an denen wir uns auch sofort bewirten ließen. Während wir also gemeinsam unsere Pizza aus der clubeigenen Küche genossen, sorgten die Soundchecks der anderen Bands für eine etwas andere Art der Hintergrundmusik – so könnten wir gern jedes Mittagessen abhalten. Mit gefüllten Bäuchen waren schließlich auch wir an der Reihe und durften erfreut feststellen, daß der Mischer den Sound auf der Bühne so klar und definiert gebacken bekam, wie wir ihn schon lange nicht mehr genießen durften. Perfekte Rahmenbedingungen für eine perfekte Show also. Und die sollte es auch werden. Bevor wir aber unsere vorerst letzte internationale Show spielen konnten, traten wieder die vier russischen Bands auf die Bühne und durften sich diesmal von Anfang an über ein zahlreiches Publikum freuen. Zwischendurch hatten wir unter anderem im Backstage-Bereich genügend Zeit, uns mit den russischen Bandmitgliedern zu unterhalten und (mehrmals) auf die erfolgreichen Abende anzustoßen. Spätestens hierbei wurde uns bewußt, was für eine kleine Familie wir in der kurzen Zeit schon geworden sind. Man konnte sich quasi endlos miteinander unterhalten – nicht nur über Musik. Stand die Sprachbarriere hier manchen Bandmitgliedern im Wege, wurden ihre Kollegen auch am dritten Abend nicht müde, die nötige Dolmetscher-Arbeit zu leisten, damit sich jeder beteiligen konnte. Schon als die letzten Klänge unseres Intros verstummten und wir die ersten Noten spielten, schlugen uns die Energiewogen des Publikums entgegen, und wir spielten uns eifrig die Finger bzw. Stimmbänder wund. Die Technik blieb zuverlässig, der Sound genial und vor allem das Publikum schwer begeistert. „Gelungener Abschluß“ wäre eine Untertreibung für diesen Abend. Mit tiefster innerer Zufriedenheit begaben wir uns von der Bühne und zum Merch Stand, wo weitere tolle Gespräche und sogar eine Portion Pommes auf uns warteten, die uns ein Zuschauer ausgab. Wir ließen uns Zeit und verabschiedeten uns gebührlich von allen Beteiligten, die uns nicht mit nach Wladimir begleiten würden. Der Abend sollte aber noch lange nicht vorbei sein, denn Jason, unser Leadgitarrist, würde auf der Heimfahrt um 24 Uhr Geburtstag haben, was selbstverständlich gefeiert werden wollte. So wurden ein letztes Mal viele Bierchen und Wodkashots gekippt, und wir ließen es uns im voll besetzten Bus mit unseren russischen und deutschen Freunden gut gehen.

Meloco und Impvlse im Land des Russischen Bären

In Wladimir verabschiedeten wir uns von Ilja & Co, tauschten Handynummern aus und überreichten unsere kleinen Gastgeschenke sowie ein wenig Merch an alle, die uns in den letzten Tagen besonders unterstützt hatten. Auch im Hostel feierten wir weiter und ließen den Abend noch lange ausklingen. Am nächsten Morgen fühlten wir uns fast schon routiniert im Umgang mit der Müdigkeit, die aus den gestrigen Eskapaden resultierte. Andrej kam sogar noch einmal zum Hostel, um uns eine gute Reise zu wünschen, was den Abschied zwar nicht gerade erleichterte, aber versüßte. Nach der kurzen Wachphase, in der wir unsere Sachen sowie uns selbst in den Bus packten, folgten schläfrige vier Stunden, die sich deutlich kürzer als die Hinfahrt anfühlten. Am Moskauer Flughafen angekommen, brauchten wir erst einmal über eine Stunde für das Einchecken des Sondergepäcks, da das Personal gefühlt jeden Fehler bei der Etikettierung machte, den man sich vorstellen konnte. Daher wurde der Plan, noch schnell mit dem Zug ins Stadtzentrum zu fahren, um zumindest kurz den Roten Platz zu sehen, schnell wieder verworfen. Demnach verbrachten wir die nun ohnehin schon verkürzte Wartezeit damit, die kleinen Restaurants und Essensstände am Flughafen reich zu machen, indem wir die letzten verbleibenden Rubel gegen deren Dienstleistungen eintauschten. Im Flugzeug Richtung Heimat war die Stimmung weiterhin verschlafen – wie bereits dem ganzen Tag über. Durch das unfreiwillig komische Animationsvideo der Airline, das den Passgieren die Sicherheitshinweise näher bringen sollte, erreichte die Laune jedoch wieder ein kurzzeitiges Hoch. Darüber hinaus war der diesmal durchaus schmackhafte Flugzeugfraß der einzige Trost über die Realität, die sich langsam in unseren Köpfen breit machte: Unser Abenteuer war nun bereits vorbei. Schade eigentlich. Dennoch wäre es falsch zu behaupten, die überwiegende Emotion in diesen Momenten, die wir gute 10.000 Meter über dem Boden verbrachten, sei Ernüchterung gewesen. Natürlich wären wir gerne noch länger geblieben, aber alles, was wir durch diese Reise mitnehmen konnten, sollte die Frist unseres Aufenthalts weit überdauern. Die neu geknüpften Freundschaften und die gewonnenen Erinnerungen haben sich in unsere Köpfe und Herzen gebrannt und werden uns immer mit einem Lächeln an unsere Wladimir-Tour zurückdenken lassen.

Impvlse und Meloco vor ihrem Hostel in Wladimir

Unser tiefster Dank gilt daher allen, die dieses Abenteuer für uns möglich machten und/oder sogar selbst mit von der Partie waren. Das Amt für Soziokultur die Stadt Erlangen hat ganze Arbeit geleistet für die Organisation, ebenso wie die russischen Bandmitglieder, die dafür bestimmt nicht weniger Mühe und Zeit investiert haben. Alles hat reibungslos funktioniert, was es uns ermöglichte, uns voll und ganz auf das für uns neue Land, dessen Mentalität und vor allem auf dessen Menschen einzulassen. Was wir vorgefunden haben, war ein bodenständiges Völkchen, das interessiert, weltoffen und herzlich mit uns umging und sich wiederum unglaublich dankbar für das Interesse auf unserer Seite zeigte. Wir kommen gerne wieder nach Rußland und insbesondere Wladimir!

Impvlse

Und wer’s nicht glaubte, schlage hier nach: https://is.gd/KkF8Sg

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