Feeds:
Beiträge
Kommentare

Archive for 5. Januar 2020


Am 31. Dezember schloß Walter Ross für immer die Augen. Nicht ohne wenige Wochen zuvor für das Erlangen-Wladimir-Zeitzeugenprojekt „Kriegskinder“ seine Erinnerungen von 1942 bis 1945 niedergeschrieben zu haben. Mit der russischen Partnerstadt pflegte das Mitglied des Seniorenbeirats zwar bisher keinen Kontakt – wann auch bei all seinen vielen ehrenamtlichen Verpflichtungen als Ehrensenator der Narrlangia, Freimaurer oder Vorsitzender des Freundes- und Fördervereins des Marienhospitals sowie Verbindungsmann des Karnevals zu Jena, um nur die wichtigsten Funktionen zu nennen? -, aber dieser gewinnend-zuvorkommende Conférencier des Lebens hatte fast vier Jahre lang eine ältere Ziehschwester aus der Ukraine, von der hier zu erzählen ist. Welch ein Erinnerungsschatz, den er uns da hinterließ! Wer Walter Ross kennen durfte, wird dankbar um ihn trauern.

Walter Ross, 3. v.l., beim Empfang im Rathaus Stoke-on-Trent, April 2017

Kein Märchen:
Menschenliebe und Modja.
Erlebt zwischen
a.D. 1942 und 1945,
erzählt Ende 2019
von Walter Ross.

Es war im Frühjahr 1942 in einem westlichen Vorort von Frankfurt am Main. Dem dort niedergelassenen praktischen Arzt hatte man die Sprechstundenhilfe für den Einsatz in einem Lazarett genommen. Jetzt war der Dr. R. für Sossenheim, Sulzbach, Eschborn, zwei SA-Siedlungen und 85 französische Kriegsgefangene = 10.000 Menschen zuständig und des Arztes Ehefrau mit drei Kindern (zehn, acht und vier Jahre alt) war auch noch Dr.-Assistentin. Der Dr. setzte die NSV (Nationalsozialistische Volkswohlfahrt) unter Druck, drohte mit Arbeitsstundenabrechnung und hatte einen Monat später die Zuweisung einer weiblichen Person zur Entlastung im Haushalt.

Wer da gebracht wurde, war knappe 160 cm groß, braunäugig, pausbackig, völlig verschüchtert, ohne Fremdsprachkenntnisse.

Auf dem Transportschein stand:
16 Jahre alt, Fremdarbeiterin
MODJA  KURILKO aus Dorf LEPISKE, Kreis Solotonoscha, Ukraine in der UdSSR.

Die Dr.-Kinder nahmen Modja an der Hand, führten sie in den 2. Stock des Hauses, da rechts und links je eine Stube ausgebaut war, und erklärten mit „Händ und Füß“, die rechte Stube sei allein Modjas Stube. Die 16jährige wollte das an diesem Tag nicht glauben, erst als sie die erste Nacht ganz alleine war und niemand sie zu stören kommen wollte, da nahm sie die Stube „in ihren Besitz“.

Nicht nur unsere Mutti, die Ehefrau vom Dr., hatte Modjas Bekleidung gesehen und war schon am Kleiderschrank. Die grobe, mausgraue Pferdedecke, die Modja als Rock anhatte, nur mit einer halbmetergroßen Sicherheitsnadel zugehalten, diese Pferdedecke sollte Pause haben. Modja aber hatte Verständigungsprobleme, Zutrauensprobleme, Bekleidungskulturprobleme mit eben Sprachproblemen. Doch eine Mutter von drei durchaus aufgeweckten Kindern, wo plötzlich noch ein viertes dazukam, das sie führen mußte, Mutti, aus einer Lehrerfamilie stammend, war das Lehren, Erklären, immer wieder zeigend Vormachen gewohnt, bis Modja Muttis „Mode von gestern“ als für eine strahlende Modja totschick trug und auf die, ihre neue, Unter- und Oberbekleidung mächtig stolz war.

Kaum ein halbes Jahr später hatte Modja sich eingelebt, die Küche von sich aus übernommen, prima mit Kinderhilfe Deutsch gelernt, sogar so viel, daß sie fernmündlich ebenso wie an der Praxistür für „ihren“ Dr., ihren jetzt von ihr so verehrten „Gospodin“, Arztbestellungen annehmen und aufschreiben konnte.

Da war dann Modjas auch von Mutti angelerntes Kochen, Kinderbetreuen wie eine ältere Schwester sogar mit Hausaufgabenhilfe, die die Eltern nicht bemerken sollten; Modja war die „Große“, und so war sie voll ein schwesterliches, kindgleich geliebtes Familienmitglied.

In Vaters Opel Olympia 1,5 Liter saßen halt damals bei den Familienausfahrten sechs Personen, denn Modja war immer dabei.

So dauerte Modjas glücklichste Lebenszeit wohl nur dreidreiviertel Jahre bei ihrer Dr.-Familie, bis der Befehl der US-Militärregierung zur „Repatriierung der Fremdarbeiter“ auch Modja traf.

Mit zwei großen Reisekoffern und über der Schulter eine Hängetasche mit Papieren, Paß, Adressen, Arbeitsnachweis, Zeugnissen und allem versehen, was ein Kulturmensch auch auf Reisen braucht, einschließlich einem guten Geld und etlichen teuren Schmuckstücken, mit denen man weiterkommen könnte, wo das Geld nichts mehr wert war – und dazu von der Kleidung zum Wechseln bis zur Kosmetik und Hygiene alles dabei und mitgegeben, so ausgerüstet, wurde Modja von den Amis mit Zwang abgeholt. Spätherbst 1945.

Als der LKW mit Modja und allen anderen zu Repatriiernden um die nächste Ecke war, da flossen weiter bei Modja und ihrer Dr.-Familie, ihrer Sechs-Personen-Familie, viele, viele Tränen.

Wir haben von Modja nie mehr etwas gehört, gesehen, erfahren. Auch sehr viele Nachfragen im Vermißtendienst, Nachfragen in der Ukraine, in deren Konsulat haben nichts erbracht.

So blieb und bleibt Modja Kurilko aus Dorf Lepiske, Kreis Solotonoscha, Ukraine, Ex-UdSSR, eine zu tröstende Kindertage-Erinnerung, die über und nach acht Jahrzehnten immer noch lebt. Und solange die lebt, solange lebt unsere Modja auch.

Walter Ross (13.10.1934 – 31.12.2019)

Walter Ross als Conférencier beim Empfang zum 80. Geburtstag von Otto H. Eck 1999, im Hintergrund Julia Akbari und Alexander Tichonow aus Wladimir

Walter Ross hatte einen feinen Sinn für Gesten und Symbole. Da gebührte ihm natürlich auch zusammen mit seiner Frau Beate ein Ehrenplatz im Adventskalender Ehrenamt der Stadt Erlangen, der Heilige Abend, das letzte Fenster. Und am letzten Tag des Jahres verabschiedete sich dann dieser Festredner des Lebens von uns allen: https://is.gd/zOyF57

Read Full Post »

%d Bloggern gefällt das: