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Archive for 4. Januar 2020


Von Jan Hindrik Beuker (15. November 1910 bis 23. Januar 1983) war hier im Blog bereits die Rede: https://is.gd/x4cxFA. Er hinterließ für 1945 bis 1948 nur ganz kurze Kalendernotizen, entziffert von seinem Großneffen, Gerrit Jan Beuker, die Hinweise auf seine Aufenthaltsorte geben und die vielleicht letzte Chance bieten, noch Zeitzeugen zu finden, die sich an den Kameraden aus Oeveringen, heute Emlichheim, bei Neuenhaus, Kreis Bentheim, auf halbem Weg zwischen Hannover und Amsterdam an der niederländischen Grenze gelegen, erinnern können. Nun hat Gerrit Jan Beuker die Biographie des Wehrmachtsoldaten zusammengestellt, deren die Gefangenschaft betreffender Teil im Blog einer größeren Leserschaft vorgestellt werden soll.

Zwantien und Jan Hindrik Beuker, Heimaturlaub, 1941

Vom 5. bis 18. Februar 1945 war Jan Hindrik noch einmal im Urlaub in Oeveringen, wie sein Jahreskalender zeigt. Er schreibt am 16. Februar 1948 aus der Gefangenschaft:

Übermorgen ist es doch drei (Jahre) her, wo wir uns zum letzten Mal sehen durften. Daß ich Euch vor Kriegsende n. wieder sehen würde war mir klar, daß es aber so lange dauern würde dagegen nicht. Umso mehr bin ich aber erfreut, Dich in voller Frische auf dem Bild sehen zu dürfen, wofür wir Gott noch dankbar sein wollen u. müssen. Der Lenker aller Geschicke möge uns doch bald wieder zusammen bringen in guter Gesundheit.

1945 Gefangenschaft

Anfang Mai 1945 befindet er sich im heutigen Tschechien in der Gegend von Neutitschein (Nový Jičín), Zwittau, (Pardubice) und Deutschbrod (Havlíčkův Brod, bis 1945 Německý Brod, eine Stadt in Ostböhmen, in der Region Vysočina, 24 Kilometer nördlich von Jihlava). Hier wird die Einheit am 8. Mai 1945 eingekesselt. Er kommt, so schreibt er am 11.05.1945 in seinen Kalender, „dem Schein nach in amerikanische Kriegsgefangenschaft“ aber die Soldaten „werden am 12.05.1945 vom Amerikaner als Gefangene dem Russen übergeben“. Am 18. Mai notiert er: „Zuführung zum Lager Rudolstadt“ (zwischen Erfurt und Plauen), am 9. Juni 45 „Lager wird Internierten-Lager. Er trifft im Lager noch mindestens fünf Grafschafter, die er namentlich notiert. Im Juli 1945 geht es vom Gefangenenlager Rudolstadt ins Quarantänelager Neubistritz (Nová Bystřice) im heutigen Tschechien und von dort südlich ins Kriegsgefangenlager Döllersheim in Niederösterreich. Dort befand sich ein „großer Truppenübungsplatz“. Am 27. Juli werden die Gefangenen „verladen in Wagons zu 45 Mann“. Es geht über Budapest (31. Juli 1945) ins „Gefangenlager Aknas Latwina bei Szlatina“, wo die Gefangenen am 7. August 1945 ankommen. Die kroatische Stadt liegt an der Grenze zu Ungarn, nahe der Drau.

Der Gefangene notiert für die letzte Augustwoche 1945 „Woche der vielen und guten Parolen“ oder für die erste Septemberwoche „Hoffen und Harren“. Offenbar hat er den September dort im Lazarett verbracht. Er schreibt am 1. Oktober 1945 „Lazarettentlassung zum Arbeitskommando in der Lazarettwäscherei“. Am 13. November 1945 geht es für ihn „vom Arbeitskommando des Lazaretts zum Hauptlager“.

1946 in die Sowjetunion

In der zweiten Woche von 1946 wird er „vom Hauptlager Maros-Ziget verladen“ und „in Annez bei Kodno ausgeladen“ für ein „Holzkommando“.  Am 1. Juni geht es von Annez zur Verladung nach Elwa-Mika, am 7. Juni „in Galatsch [vielleicht Getscha, Sakarpazka, Ukraine, nordöstl von Debrecen, HU] ausgeladen. Umgeladen von Schmalspur auf Breitspur und am 11.6.46 ging der Transport weiter nach Kiew… in Gechatz am 22.6.46 ausgeladen.“ Am 22. Oktober 1946 vermerkt er das Sterben seines Freundes, Jan Lüppen Petersen, aus Emden.

Und „Am 24.12.46 m. 130 Mann verladen und am 29.12. ins Hospital Kamenzkowo (richtig Kameschkowo) eingeliefert,  200 km östlich Moskau, 40 km von Vladimir“.

Die Stadt liegt in der Kljasma-Nerl-Niederung, etwa 40 km nordöstlich der Oblasthauptstadt Wladimir, links der Kljasma, eines linken Nebenflusses der in die Wolga mündenden Oka.

1947 Torflager und Kanalbau

Dort verbleibt der Gefangene offenbar längere Zeit. Im Januar 1947 kommt er von Stube 6 auf Stube 8, im Juni von Bau 2 nach Bau 3. Vom 10. Juli bis zum 06. August 1947 arbeitet er in der „Küche“.

Heinz Bartl in Mesinowka

Am 10. August 1947 kommt er „von Kameschkowo ins Lager 7190/III mit dem Namen Mesinowka. Mesinowka war ein Nebenlager von Gus-Chrustalnyj, das Jan Hindrik einfach nur „Gust“ nennt. Mesinowka bzw. Mesinowskij wird öfter ein „Torflager“ genannt. Auch Jan Hindrik gibt an, hier als „Torfverlader“ gearbeitet zu haben (21. Dezember 1947). S. hierzu den Bericht von Heinz Bartl: https://is.gd/JKDGov

 

Er wurde „am 11. August 47 OK (nur für leichte Arbeiten einsetzbar) geschrieben“, „am 25. August 47 Kategorie 3 geschrieben“ und war danach offenbar etwas mehr als einen Monat in zwei Küchen tätig. Er notierte „Vom 28. Oktober – 21. November W. Müller Küche, vom 23. November – 2. Dezember Garnison Küche“.

„Am 21. Dezember 47 (wurde er) Kategorie 2 geschrieben, Torfverlader, vom 22. Dezember 47 als Zweier bis 12. Januar 48 (mußte er) Torf verladen. Vom 13. bis 24. Januar 48 (war er) als Zweier (im) Kanalbau (tätig), vom 25. Januar 48 an als Dreier.“

„Am 12. März (1948 kam offenbar eine) Heimfahrer-Kommiss. durch Major, Arzt v. Wlatim“ ins Lager. Vierzehn Tage später brachte man Jan Hindrik „am 25. März von 190/ III Menowka (Richtig: Mesinowka, ein Nebenlager, siehe 10. August 1947) nach Gust (richtig: Gus-Chrustalnyj, also das Hauptlager) 190/ IV (und zwar) mit 161 Mann“. Dort mußten offenbar 47 Kameraden zurückbleiben. Jan Hindrik schreibt: „Daselbst 47 gestrichen“.

Heinz Bartl, der das Lager Wladimir – Mesinowka 2011 besuchte, schreibt darüber im Blog:

Noch schwieriger gestaltete sich die Suche nach Überresten des ehemaligen Lagers in dem großen Waldgebiet. Witalij hatte uns gesagt, er sei vor 15 Jahren schon einmal hier gewesen und habe Fundamentreste gesehen. Vom Lager selbst war nun leider nichts mehr zu finden; die Natur hatte alle Spuren menschlichen Wirkens überdeckt. Den einzigen Hinweis auf das Torflager Mesinowka stellte die letzte Ruhestätte der dort verstorbenen ungarischen Kriegsgefangenen dar, die wir an der Stelle des ehemaligen Lagers fanden und von der wir tief beeindruckt waren. Leider gab es keinen Hinweis auf die in diesem Lager verstorbenen deutschen Kameraden. Es wäre wünschenswert, dass die Deutsche Kriegsgräberfürsorge auch an unsere verstorbenen Gefangenen erinnert.

Kontakt nach Hause und Heimkehr

Im April 1947 erhielt Beuker über zwei Jahre nach dem letzten Abschied wieder ein erstes Lebenszeichen seiner Frau und seiner Mutter. So schreibt er am 2. März 1948 in der letzten erhaltenen Karte vor der Heimkehr.

Seine Frau schreibt um 1990 im Rückblick:

1945 hier schon im April, endgültig aber erst im Mai ging der Krieg zu Ende. Mein Liebster war in der Tschechei. Den ersten Tag beim Amerikaner gelandet, welche Freude, aber o weh, den nächsten Tag den Russen übergeben.

Die Soldaten dort wurden wie eine Herde Kühe zusammengejagt. Unter freiem Himmel, unter Bäumen, mußten sie übernachten. Und es war noch kalt gewesen, dazu viel Regen. Anstatt nach Hause ging es immer weiter weg. Von der Tschechei nach Rumänien in 1946. Ich blieb ohne Nachricht von ihm 2 Jahre lang. Er wurde öfters krank und (war) nicht mehr arbeitsfähig, kam aber nicht nach Hause.

Schwere tägliche Holzarbeit im Wald und nachher Torfarbeit im Lager von Smolensk nahmen seine letzten Kräfte. Endlich im März 1948 kam seine Entlassung aus dem Lager in andere Lager, wo er dann doch OK geschrieben wurde.

Am 26. April 1948 kam er dann im Durchgangslager Friedland an. Am 27. April durften wir uns wieder in die Arme nehmen, an unserem 9. Hochzeitstag. Welche Freude war das!

Zeit der Ungewißheit

Im März 1946 meldete sich ein Kamerad von Jan Hindrik bei seinen Angehörigen:

Als ich Anfang Oktober vorigen Jahres von ihm gegangen bin, war er jedenfalls wohlauf und gesund. Wir waren lange Zeit in der Gefangenschaft zusammen, erst in der Tschechei und ab Ende Juli (1945) in einem Massenlager an der rumänischen Grenze. Wir hatten unsere Adressen ausgetauscht, um den Lieben zu Hause Nachricht zu geben, falls einer eher zurück kommt als der andere. Leider hatte ich mir die Adresse, jenen Zettel von Jan (Hindrik Beuker), so gut aufgehoben, daß ich ihn erst heute durch Zufall wieder fand, sonst hätte ich schon eher geschrieben.… Jans Sorge war immer sein Zuhause und ob seinem Haus oder Ihnen noch etwas passiert sein könnte. Gerne würde ich mal erfahren, ob Jan schon zu Hause ist oder sich schriftlich gemeldet hat.

Solche Briefe vergrößerten eher die Sorge. Am 15. November 1946 konnte Jan Hindrik mit einer russisch-französisch bedruckten Postkarte von Rotem Kreuz und Russischem Halbmond ein erstes Lebenszeichen geben. Wann sie in Oeveringen ankam, ist nicht bekannt.

Drei Monate später meldete sich ein Hermann Claas aus Sonderhausen mit einer maschinenschriftlichen Postkarte mit der Nachricht:

Ein Hindrik Beuker, der in russ. Kriegsgefangenschaft ist, hat an Sie einen Brief geschrieben, der bei der Redaktion der Zeitung „Tägliche Rundschau“, Berlin No 18, Am Friedrichshain 22, lagert. Die Zeitung bittet Sie, ihr mitzuteilen, ob ihre Adresse noch die richtige ist. Schreiben Sie daher der Zeitung Ihre jetzige Adresse mit der Bitte um Sendung des Briefes.

1947 ist über das „Rote Kreuz 2989, Moskau, UdSSR“ erstmals ein geregelter Postverkehr zwischen dem Kriegsgefangenen und seinen Angehörigen möglich, anfangs noch mit großen Einschränkungen, die aber im Laufe des Jahres weniger werden. Insgesamt 66 Karten und Briefe gingen hin und her und sind bis heute erhalten geblieben. Die Gefangenen durften anfangs gerade einmal 25 Worte (!!) schreiben. Die Korrespondenz mußte mit deutlich lesbaren Druckbuchstaben erfolgen, die Jan Hindriks Mutter z.B. nicht beherrschte. Das Lager (Wladimir?) trug jetzt die Nummer 2989.

„Beförderung der Antwort nur mit klarem Text u. deutl. Schrifttinte“, mahnt ein Stempel in roter Farbe die Angehörigen! Jan Hindrik hatte fast zwei Jahre nichts von seinen Angehörigen gehört! Im Februar 1947 trafen die ersten Karten aus Oeveringen bei ihm ein.

Im März 1947 erhielt seine Frau auf ihre wiederholte Anfrage hin endlich eine Postkarte aus Osnabrück vom Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes. Darauf heißt es:

Diese Mitteilung ist vertraulich. In Nachrichten an den Kriegsgefangenen darf von ihr kein Gebrauch gemacht werden. Ihr Angehöriger befindet sich vermutlich in einem Lager im Raum: Wladimir n.o. (= nordöstlich von) Moskau.

Wladimir, nordöstlich von Moskau

Wladimir liegt 190 Kilometer östlich von Moskau, hat heute 350.000 Einwohner und ist Partnerstadt von Erlangen. Hier gab es das Kriegsgefangenenlager 190 für deutsche Kriegsgefangene des Zweiten Weltkriegs.

Zwantien hatte 1946 an viele Kameraden ihres Mannes geschrieben, soweit sie deren Adresse kannte. Viele waren vermißt, gefallen oder unbekannt verzogen.

1947 schrieb sie in der ersten Jahreshälfte praktisch jede Woche einen langen Brief. Darin erzählt sie alles, was sie erlebte, wer geheiratet hatte, krank oder verstorben war und vieles andere. Weil sie anfangs nicht wußte, welcher Brief ihn erreichte und welcher nicht, wiederholt sie manches auch zwei- oder dreimal!

Mit Juni 1947 schreibt auch Zwantien oft nur kurze Karten. Sie hat wohl die Hoffnung, diese kämen schneller durch die Zensur als lange Briefe. Und sie schreibt jetzt, wie auch ihr Mann schon seit Anfang des Jahres, in saubersten Druckbuchstaben, den Zensoren zuliebe! Ende Juli 1947 lautet die Lagernummer 190/3 oder auch 7190/3.

Ende Juli 1947 trägt Jan Hindriks monatliche Karte auch den Stempel „Briefe werden nicht befördert!“ Die Karten sind in der Zeit etwa einen Monat unterwegs.

Am 28. September 1947 gratuliert Zwantien ihrem Jan Hindrik schon einmal in der Hoffnung, Ihre Karte werde ihn bis zu seinem Geburtstag am 1. November erreichen:

Zu Deinem Geburtstag möchten wir herzlich gratulieren, sollte es Dir nicht vergönnt sein, dieses Jahr ihn noch in unserer Mitte zu feiern. Zwei Jahre war es uns nicht mal möglich, Dir einen Glückwunsch zu senden. Möchte doch nun auch bald der Tag der Freiheit für Dich anbrechen.

Heiligabend 1947 sind bei Zwantien und ihrer Mutter bestimmt Tränen geflossen. Genau an diesem Tag kam die erste und einzige bunt bemalte Karte ihres Mannes in Oeveringen an, die er am 5. Dezember 1947 geschrieben hatte. Die Karte spricht für sich, und sie war ein gutes Zeichen für die kommende Zeit.

Am 27. Dezember 1947 erbittet Jan Hindrik ein Bild seiner Lieben, weil ein Kamerad auch ein Photo seiner Familie erhalten habe. Er fragt weiter: „Wann habt Ihr 45 zum ersten Mal von meinem Leben erfahren? Oder war die Karte v. 15.9.46 die erste?“

Heimkehr 1948

Das Photo seiner Frau hat er etwa einen Monat vor seiner Entlassung, Mitte Februar 1948, erhalten. Und als Antwort auf seine obige Frage:

Die erste Nachricht von Dir erhielten wir Anfang Febr. 46. Ein kl. Zettelchen von Dir vom 11. Dez. 1945. Dann waren wir fast ein Jahr ohne Nachricht. Im Jan. 1947 erhielten wir dann die Karte vom 15.9.1946.

Er schreibt ihr am 18. Januar 1948: „In der Gefangenschaft ist es noch wie früher, jedoch hier etwas besser als in (Lager) 388“. Die letzte vorhandene Karte aus der Zeit schreibt Jan Hindrik am 2. März 1948 an seine Frau.

Genau an seinem neunten Hochzeitstag, am 27. April 1948, kam Jan Hindrik Beuker nach neun Jahren Krieg und Gefangenschaft wieder in Oeveringen an bei seiner Frau und seiner Schwiegermutter. Die gesundheitlichen Folgen dieser Jahre belasteten ihn lebenslang. „Das Schlimmste war der schreckliche Hunger“.

Gerrit Jan Beuker

 

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