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Archive for Januar 2020


Es ist jenes besondere Licht, das die Ikonen von Andrej Rubljow zum Erstrahlen bringt, ein Leuchten, das tief von innen kommt und das der russische Wandermönch ebenso wie sein deutscher Bewunderer, der evangelische Pfarrer und Jenas Oberbürgermeister, Albrecht Schröter, auf den Schöpfer, auf Gott zurückführt. Eine innig-transzendente Verbindung zu Wladimir ist da vor fast genau sechs Jahren entstanden, die schon in der Studienzeit des Theologen gründet, als der spätere Politiker zu der russischen Sakralkunst forschte. Und dann dem Geheimnis der göttlichen Schönheit gegenüber, in Wladimir, in der Mariä-Entschlafens-Kathedrale, in einem Augenblick der Zurückgezogenheit, außerhalb des Protokolls und Programms seines offiziellen Besuchs. Das hält zusammen. Über Ämter und Fristen hinaus.

So im Blog am 7. April 2015 zum 60. Geburtstag von Albrecht Schröter zu lesen, einen Monat vor seiner zweiten Reise in die Partnerstadt, und nun auf „Wiedervorlage“ zum Rückblick auf den gestrigen Vortrag des Altoberbürgermeisters von Jena im gut gefüllten Großen Saal der Erlanger Volkshochschule im Rahmen der Russisch-Deutschen Wochen zum Thema „Ikonen – ein Schlüssel zum Verständnis“.

Albrecht Schröter

Der gelernte Krankenpfleger, dem als Kind einer bekennend religiösen Familie der direkte Weg zum Studium verbaut war – Albrecht Schröters Vater kam vor genau 70 Jahren zum Theologiestudium nach Erlangen – ließ sich am „Institut für Konfessionskunde der orthodoxen Kirchen“ an der Universität seiner Heimatstadt Halle an der Saale, geprägt von dessen Gründer, Konrad Onasch, vom Geist der Ikonen ergreifen. Wobei es in den sechs Jahren neben der Wissenschaft vor allem eines zu begreifen galt: Die Seminare, Vorlesungen und Forschungen sind wichtig und geben das Rüstzeug zum Verständnis. Verstehen wird man das Bild, von dem das orthodoxe Christentum so geprägt ist, aber erst bei der Betrachtung mit dem Blick der Liebe.

Albrecht Schröter und Elisabeth Preuß

Und so ist denn auch der Schlüssel zum Verständnis, den der Gast mitbringt, die innere Haltung, weniger der rationale Ansatz einer Interpretation, als vielmehr der emotionale Zugang zur Darstellung. Denn es geht bei allen Ikonen, gleich aus welchem Jahrhundert, gleich ob für den liturgischen, privaten oder öffentlichen Raum geschaffen, gleich ob im Herrgottswinkel klappbar aufgestellt oder bei Prozessionen mitgetragen, immer um das eine: das liebende Auge.

Andrej Rubljow: Wladimirer Gottesmutter

Bis weit zurück in den Bilderstreit der Ikonodulen und Ikonoklasten, bis zum Propheten Daniel und seinem „Alten an Tagen“, wie Gott da bezeichnet wird, führt der Vortrag zurück und zieht die Linie von der Kaiserverehrung der Römer bis zu der in Byzanz entstanden Gottesmutter, die ihren Weg bis nach Wladimir und schließlich in die Tretjakow-Galerie in Moskau fand. Technik und Stil, Aufbau und Deutung, Perspektiven und Motive – nichts kommt zu kurz in dieser Stunde voller Wirklichkeit des Jenseits, in dieser Einführung in die heiligen Bilder, die Himmel und Erde verbinden, das Fenster zu Gott öffnen, durch das der Höchste seinerseits den Menschen anblickt – in wechselseitiger Liebe und Zuwendung.

Andrej Rubljow: Dreifaltigkeit

Eine Stunde kann nicht genug sein für die Fülle der Ewigkeit, für die Vielfalt der Ikonen. Mancher im Publikum hätte sich denn auch gewünscht, länger bei der einen oder anderen Ikone zu verweilen. Desto dankbarer war man dann für die eingehende Betrachtung der Dreifaltigkeit von Andrej Rubljow mit ihrer feinsinnigen Wahl der Farbgebung und der Komposition des dreifachen Kelches oder der Schilderung des Acheiropoieton, des nicht von Menschenhand geschaffenen Urbilds der Ikonographie.

Albrecht Schröter im Gespräch

Eine Wissenschaft für sich, könnte man sagen, die gestern abend aber vor allem eines schaffte: Herzensbildung und – Albrecht Schröter sei Dank! – einen spirituellen Höhepunkt der Russisch-Deutschen Wochen, die zum ersten Mal in ihrer zehnten Auflage das Geheimnis der Ikonen thematisierten, ohne es zu profanisieren.

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Heute vor zehn Jahren erschien im Blog eine Ode an die heutige Jubilarin, Irina Chasowa, wo noch jedes Wort Gültigkeit behält https://is.gd/4ka8Kt und nur der einen oder anderen Aktualisierung bedürfte. Doch viel besser als dies die Redaktionsleitung vermag, können das die beiden Zuschriften von Bürgermeisterin Elisabeth Preuß sowie dem Ehepaar Dieter und Angelika Wenzel, stellvertretend für die vielen anderen, die sich den Glückwünschen anschließen.

Natalia Pawlowa, Irina Chasowa und Elisabeth Preuß

Ein Hotel ist ein vielschichtiges Gebilde, Fachleute werden den Vergleich mit einem komplexen Organismus sicher nicht als abwegig bezeichnen.

Eine Sprachenschule ist mehr als eine Schule, da nicht nur Kinder und Jugendliche, sondern auch Erwachsene mit ganz anderen Anforderungen beschult werden, pädagogisches Geschick; generationenübergreifendes Denken und Personalführungskompetenz sind für die Leitung unerläßlich.

Ein Zuhause für Freunde und Gäste aus der Partnerstadt  zu betreiben, damit es sich eben nicht als Hotel, sondern als Zuhause auf Zeit anfühlt, verkompliziert die Aufgabe noch weiter; hierfür ist Fingerspitzengefühl und interkulturelle Kenntnisse grundlegend.

Bindeglied, besser noch Gelenk zwischen dem Rathaus Erlangen und der Stadtverwaltung in Wladimir zu sein, erfordert zusätzlich zu den Managementfähigkeiten diplomatisches Geschick sowie Kenntnisse darüber, wie Verwaltung hüben wie drüben tickt.

Und schließlich fungiert das Erlangen-Haus als Vermittler für alle Erlanger Vereine, Organisationen, Schulen, Initiativen und Privatpersonen, die in Wladimir einen Partner suchen. Um dies zur Zufriedenheit aller zu erledigen, braucht man nicht mehr und nicht weniger als einen Tausendsassa.

Zusammengefaßt: fünf Jobs und eine Frau, Irina Chasowa.

Wobei „Job“ hier das völlig falsche Wort ist. Wer die Leitung einer Institution wie des Erlangen-Hauses als „Job“ bezeichnet, dem fehlt genau das, was es braucht, um zwischen Funktionieren und Pulsieren, zwischen ordnungsgemäßem Betrieb und einem Kaleidoskop im Kontext von Sprache, Austausch und Verständigung zu unterscheiden. Es geht nicht um Zimmerbuchung, Sprachkurs-Organisation und Personalführung, sondern um Freude am Spracherwerb, um Leben mit zwei Sprachen, um Brückenbau, um wirtschaftliche Zusammenarbeit und immer wieder, gerade heute muß das dick unterstrichen werden, um Arbeit für Frieden, um Verständnis füreinander und Freundschaft miteinander.

Irina Chasowa und Elisabeth Preuß

All dies schafft Irina Chasowa nun schon seit mehr als einem Vierteljahrhundert. Ira lebt und arbeitet für unsere Städtepartnerschaft.

Diese ideenreiche, zuverlässige, vertrauenswürdige und humorvolle Frau wird heute 50 Jahre.

Liebe Ira, ich wünsche Dir alles Liebe und Gute, bleib gesund und guter Dinge. Ich bin stolz und glücklich, Dich meine Freundin nennen zu dürfen.

Deine Freundin Elske

Angelika und Dieter Wenzel mit Irina Chasowa in der Leitung

Liebe Ira,

zwei langjährige Freunde aus Erlangen, Angelika und Dieter, gratulieren Dir von ganzem Herzen zu Deinem runden Geburtstag oder, besser noch, zum Eintritt ins neue Jahrzehnt.

Laß Dich feiern! Wir schätzen an Dir deine Fröhlichkeit, Deine Ernsthaftigkeit im Gespräch, Dein Wissen, Deine Hilfsbereitschaft, Deine Zuverlässigkeit. Bleib gesund, damit Du Deine interessanten Aufgaben im Erlangen-Haus mit vollem Einsatz erledigen kannst. Das wünschen wir Dir.

Wir blicken auf eine fast dreißigjährige Freundschaft zurück, die entstanden ist durch die enge Zusammenarbeit mit Dieter und seinem Engagement für die Kinderklinik in Wladimir. Hierbei warst du immer eine zuverlässige Organisatorin und Dolmetscherin.

Eure russische Gastfreundschaft ist uns ein Beispiel ebenso wie die Geborgenheit im Erlangen-Haus, das immer unser bestes Hotel bleibt!

Wir empfinden es als GLÜCK, Dich als Freundin zu wissen!

Viele gemeinsame Erlebnisse und gemeinsame Reisen prägen unsere Freundschaft.

Wir leben mit dir wirklich eine russisch-deutsche Partnerschaft!

Dieter Wenzel, Irina Chasowa und Olga Dejewa

Ganz besondere Treffen gibt es immer mit Deinen Eltern auf der Datscha. Dort werden Steinpilze gesammelt in den weiten Wäldern, bis wir uns sogar mal verlaufen haben. Danach genießen wir Eure Sauna, um dann bei Wodka und Pilzsuppe mit Piroggen den Tag mit viel Lachen, ausklingen zu lassen.

Wir freuen uns schon wieder auf Deinen Aufenthalt im Sommer bei uns.

Angelika und Dieter Wenzel

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Alle Jahre wieder kann man im Internet im Rahmen des Projekts „Stadt Rußlands – die nationale Wahl“ für die nach eigenem Dafürhalten attraktivste und am besten wiedererkennbare Stadt abstimmen. Mit Stand vom heute, 29. Januar, 3.45 Ortszeit, liegt Wladimir mit 19.940 Stimmen auf dem ersten Platz, gefolgt von Smolensk mit gut 1.000 Zählern Abstand. Den letzten Rang der insgesamt 83 Verwaltungszentren nimmt mit gerade einmal 40 Stimmen Jakutsk ein.

Ökumene der Kirchtürme: katholische Rosenkranzkirche und orthodoxe Mariä-Entschlafens-Kathedrale

Aber den Sekt sollte man noch nicht aus dem Kühlschrank holen, wir stehen ja noch ganz am Anfang der Wahl der schönsten russischen Stadt mit Potential, als Symbol für das ganze Land zu gelten. Im Vorjahr siegte Tscheboksary, die Metropole von Tschuwaschien, die derzeit auf Platz 19 liegt. Wladimir schaffte es 2019 nur auf Rang 45. Aber: Neues Jahr, neues Glück, das auch in Ihren Händen liegt. Ein Klick hier https://is.gd/O4CGW5 – und Wladimir bleibt vorne. Ausgezählt wird freilich erst am 30. Dezember 2020.

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Bevor das „Theater aus dem Koffer“ gestern wieder die Heimreise nach Wladimir antrat, gaben Irina Ponomarjowa-Rjaschtschenko und Denis Malinin noch einmal das „Märchen vom gestohlenen Lied“ für die erste und zweite Klasse der Heinrich-Kirchner-Schule. Eine echte Wohltätigkeitsveranstaltung, denn die Kleinen hatten ja im Advent einen Pausenverkauf für das Kinderkrankenhaus in der Partnerstadt veranstaltet – mit einem erstaunlichen Ergebnis: 300 Euro kamen zusammen.

Irina Ponomarjowa-Rjaschtschenko und Denis Malinin, gesehen von Igor Rjaschtschenko

Doch dabei blieb es nicht, gleich entstand auch noch eine neue Idee, nämlich im Mai, wenn eine offizielle Delegation zu den Gedenkveranstaltungen 75 Jahre Kriegsende und 25 Jahre Erlangen-Haus nach Wladimir reist, im Kinderkrankenhaus eine Vorstellung des Puppentheaters einzuplanen und dabei das Geld zu übergeben. Ein Vorschlag, der vom ganzen Klassenzimmer einstimmig und einmütig angenommen wurde.

Fragestunde in der Heinrich-Kirchner-Schule mit dem Theater aus dem Koffer mit Peter Steger, Irina Ponomarjowa-Rjaschtschenko, Andrej Malinin und Helga Corpus, gesehen von Igor Rjaschtschenko

Besonders erfreulich aber: Nicht nur den Kindern, sondern auch den beiden Lehrerinnen, Helga Corpus und Ulrike Rascher, gefiel das Stück – mit anschließender Fragestunde – so gut, daß gleich die Bitte kam, bei der nächsten Spendenübergabe in einem Jahr, wieder das Klassenzimmer zur Bühne zu machen. Das kann natürlich heute noch niemand versprechen, auf jeden Fall aber wird es auch im nächsten Advent wieder – wie in einem Fortsetzungsmärchen – einen Pausenverkauf für das Kinderkrankenhaus in Wladimir geben. Wie all die 20 Jahre zuvor schon. Siehe: https://is.gd/Wp9YK6

Wolfram Howein und Hans Gruß mit Kaviar und der Fünf-Minuten-Torte

Und wo wir schon beim Rückblick sind: Am Sonntag galt wieder einmal beim Russischen Brunch das Motto „Partnerschaft geht durch den Magen“. Mitglieder des Freundeskreises tischten zum Gabelfrühstück im ausgebuchten Club International auf, was Leib und Seele verbindet, und der Frauenchor des deutsch-russischen Vereins Brücken gab auch noch ein vielbeklatschtes Ständchen. Das Ensemble sucht übrigens Verstärkung. Stimmen, vor allem auch männliche, die sich berufen fühlen, melden sich bitte unter: http://bruecken-erlangen.de

Frauenchor von Brücken e.V., gesehen von Othmar Wiesenegger

Die zehnten Russisch-Deutschen Wochen sind damit freilich noch lange nicht am Ende: Am kommenden Donnerstag spricht Albrecht Schröter, Altoberbürgermeister von Jena und evangelischer Theologe, der über die russische Orthodoxie promovierte, ab 19.00 Uhr im Großen Saal (nicht, wie im Programm ausgedruckt, in der Aula!) der Volkshochschule zum Thema „Ikonen – ein Schlüssel zum Verstehen“ – wie bei allen Veranstaltungen dieser Reihe bei freiem Eintritt.

Albrecht Schröter, Sergej Sujew und Sergej Minin, 2015 nach dem ökumenischen Gottesdienst in der Rosenkranzkirche, Wladimir

Und dann, am Freitag, wieder ab 19.00 Uhr, im gesamten ersten Stock der Volkshochschule, Friedrichstraße 19, der „Russische Abend“, sicher der Höhepunkt – wenn auch noch lange nicht der Abschluß – des Veranstaltungsreigens, gedacht für alle Freunde der russischen Sprache, Kultur und Kulinarik, umrahmt von sanften Flötentönen der Sing- und Musikschule sowie harten Riffs von zwei Newcomer-Bands mit Wladimir-Erfahrung. „Kommet zuhauf!“ kann man nur rufen, denn mit einem Vortrag von Wolfram Howein und Peter Steger sowie zwei Dozentinnen vom Sprachlernzentrum Erlangen-Haus wird an dem Abend der 25. Geburtstag der „deutschen Botschaft“ in Wladimir gefeiert – mit Bürgermeisterin Elisabeth Preuß und hohen Gästen aus dem Russischen Generalkonsulat in München. Ohne jetzt schon alles verraten zu wollen – ein paar Überraschungen sind bestimmt noch eingebaut -, sei noch auf das Jubiläumsquiz hingewiesen, bei dem es wieder viele attraktive Preise zu gewinnen gibt. Aber natürlich nur für die, denen am Freitag kein Weg zu weit ist zum „Russischen Abend“.

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Nach dem persönlichen Dank https://is.gd/UBkVKg kam gestern bei der offiziellen Verabschiedung von Josef Dobeneck aus dem Amt des Dekans, das er 25 Jahre bekleidete, das Vergelt’s Gott aus Moskau und Wladimir für all das Gute, das der Geistliche für die Städtepartnerschaft wirkte:

Lieber Pfarrer Dobeneck,
von Pfarrer Sergej Sujew über Ihr Ausscheiden aus dem langjährigen Amt des Dekans unterrichtet, nutze ich die Gelegenheit, Ihnen meine Dankbarkeit für all das zum Ausdruck zu bringen, was Sie für die Unterstützung der katholischen Gemeinde in Wladimir geleistet haben. In vielerlei Hinsicht ist die Stabilität dieser Gemeinde ein Verdienst Ihrer Amtszeit als Dekan von Erlangen, der Partnerstadt von Wladimir. Mich freut besonders, die Freundschaft zwischen der Jugend der Wladimirer Pfarrgemeinde und der Jugend aus Erlangen zu sehen. Besonders danken möchte ich Ihnen und all den anderen, die einen nicht unerheblichen Anteil an der Sammlung von Mitteln für den Bau des Pilgerzentrums der Rosenkranzgemeinde haben. Ich hoffe, wir können schon bald das Ergebnis dieser Bemühungen sehen!

Bitte nehmen Sie meine besten Wünsche für Ihre Gesundheit, ein langes Leben und Freude am Dienst für Gott und die Menschen entgegen!

Im Gebet verbunden
Ihr
Erzbischof Paolo Pezzi
Metropolit der Erzdiözese der Gottesmutter in Moskau

Peter Steger und Josef Dobeneck

Hochwürdiger und in Christo geliebter Pfarrer Josef,

gestatten Sie mir, mich in die Vielzahl der Gratulationen oder, genauer gesagt, in die Vielzahl der Danksagungen für Ihren langjährigen seelsorgerischen Dienst für Gott und die Menschen einzureihen!

Wir sind Ihnen unendlich dankbar für diese Jahre, in denen Sie in Ihrem Herzen und Gedanken einen Platz für die katholische Gemeinde in Wladimir fanden! Dank Ihrer Anteilnahme schlossen wir eine echte Freundschaft und gewannen die Unterstützung vieler Menschen in Erlangen und Bamberg! All diese Anteilnahme ermöglichte es unserer Gemeinde, in den Jahren des Werdens und Entstehend auf die Beine zu kommen.

Dank dem Verein „Nadjeschda“ schöpften wir Hoffnung auf Hilfe und Unterstützung. In diesen Jahren ging der Jugendaustausch nun schon in der zweiten Generation weiter. Die von uns begonnene Sache lebt also und entwickelt sich weiter…

Dies alles sind die guten Früchte Ihres Dienstes! Gute und erfreuliche Früchte!

Wir allen hoffen, noch viele solcher Früchte und Ergebnisse Ihrer Anteilnahme zu sehen. So hoffen wir etwa im bald fertiggestellten Pilgerzentrum ein weiteres Beispiel auch und gerade Ihrer Anteilnahme und Sorge erblicken zu können!

Lieber Pfarrer Josef, wir beten zu unserem Herrn um Gesundheit für Sie, um die Fülle des Segens, der auf all Ihren guten Werken ruhen möge, um Frieden und Freude für Ihr Herz! Unser FREUND lebe hoch!

Im Namen der katholischen Gemeinde Wladimir

Ihr dankbarer Freund, Sergej Sujew, Gemeindepfarrer

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Heute beginnt mit dem Russischen Gabelfrühstück um 11 Uhr im Club International der Volkshochschule die zweite Halbzeit der 10. Russisch-Deutschen Wochen. Grund genug, noch einmal zurückzublicken auf das, was bereits hinter uns liegt.

Jakow Orlowskij

Nach den Vorträgen von Julia Obertreis und Peter Smolka, von denen hier bereits die Rede war, entführte der seit 22 Jahren in Erlangen lebende Landvermesser Sibiriens, Jakow Orlowskij, sein begeistertes Publikum im überfüllten Historischen Saal auf eine Zeitreise. Begleitet oft nur von einem Theodolit aus Jena, zog der Geodät aus Leningrad jahrzehntelang durch die Taiga und Tundra Sibiriens, um die unendlichen Weiten des Landes festzuhalten und eine Karte anzufertigen, die erst 1985 fertig wurde und heute in Zeiten von GPS als obsolet gilt.

Jakow Orlowskij und sein Theodolit

Vergnüglich-unterhaltsam schilderte das älteste Mitglied der Jüdischen Gemeinde in Erlangen seine Forschungsreisen voller Anekdoten. Nur ein Beispiel von vielen: Der Forschertrupp sieht in einem Fluß einen Bären, der sich an den Fischen gütlich tut. Ein Mitarbeiter des Sammlers der Geodaten meint zu wissen, wie man das Raubtier auch ohne Gewehr unschädlich machen könne: Man brauche nur viel Lärm zu machen. Davon bekomme der Bär Durchfall und anschließend einen Herzinfarkt. Die Probe aufs Exempel folgte, doch das Experiment verlief nicht nach Plan. Anstatt sich in die Büsche zu schlagen, um seinen Darm zu entleeren und anschließend dort zu verenden, stürmte der Bär auf die Störenfriede zu, die nun ihrerseits Reißaus nahmen, Fersengeld gaben, sich die Hosen vollmachten und sich gerade noch auf eine Anhöhe retten konnten, die zu besteigen dem Tier wohl nicht der Mühe wert schien.

Das Forschungsboot „Der Schrecken von Tschukotka“

Kurzum: Es hatte niemand zu kommen bereut, und dies war sicher nur der erste und nicht der letzte Vortrag des Landstreichers von Sibirien, wie er sich in einem Telegramm an seine Tochter selbst nannte.

Reinhard Beer und Othmar Wiesenegger

Dann die Impression von Othmar Wiesenegger, Vorsitzender des Foto- und Videokreises Siemens und Wladimir-Freund, dem die Blog-Redaktion eine Vielzahl von Bildern verdankt, übrigens auch in diesem Beitrag. Seine Freundschaft mit dem Kollegen aus der Partnerstadt, Wladimir Fedin, währt zwar erst drei Jahre, mündete aber schon in einer persönlichen Ausstellung mit Arbeiten des Erlangers in Wladimir und bietet einen Fundus, aus dem sich ein kurzweiliges Abendprogramm zusammenstellen läßt: angefangen von seinen geliebten „lost places“ bis hin zu Kirchen und Klöstern, Kindern und kyrillischen Buchstaben, die es ihm besonders angetan haben.

Mastermind der Russisch-Deutschen Wochen, Reinhard Beer, Othmar Wiesenegger und Bürgermeisterin Elisabeth Preuß, die sich kaum eine Veranstaltung entgehen lassen will

Dann gestern das große Experiment für die Kleinen. Zum ersten Mal in der Geschichte der Russisch-Deutschen Wochen findet sich auch etwas für Kinder im Programm: zwei Märchen aus dem Koffer von Irina Ponomarjowa-Rjaschtschenko, ein Geschenk ihrer Großmutter, in dem all die Geschichten leben, die diese vor langer Zeit auf ihren Reisen durch die weite Welt von guten Leuten geschenkt bekommen hatte. Wie würde das ankommen? Würde überhaupt jemand kommen?

Irina Ponomarjowa-Rjaschtschenko und Denis Malinin, gesehen von Thorsten Hulke

Die Generalprobe hatte bereits im Kinderkrankenhaus stattgefunden, in ganz kleiner Runde: zwei Jungs, eine Mutter, ein Vater und eine Krankenschwester. Ganz nach dem Geschmack der Gäste, denn zu Hause treten sie auch gern im Familienkreis auf. „Je weniger Distanz zwischen Bühne und Zuschauern, desto besser“, so lautet das künstlerische Credo der Puppenspielerin, die erst vor drei Jahren – nach einer Kariere als TV-Journalistin – ihre Berufung entdeckte und nun mit Denis Malinin, der Bongo und das Tamburin schlägt, die Flöte, Maultrommel und die Balalaika spielt, ihre Premiere in Deutschland erlebt.

Irina Ponomarjowa-Rjaschtschenko und Denis Malinin, gesehen von Othmar Wiesenegger

Gestern morgen dann im Club International zunächst auch noch ein überschaubares Publikum, ein knappes Dutzend einschließlich der drei Kinder. Gut zum Aufwärmen bei dem Märchen aus dem hohen Norden Rußlands, wo der schwarze Rabe den Vogeleltern ihr einziges Wiegenlied raubt, ohne das ihr Küken nicht einschlafen kann. Gut zum Warmspielen, wenn der Vogelpapa, mit Pfeil und Bogen bewaffnet, nach beschwerlicher Reise über das Eismeer den musikalischen Schatz zurück ins Nest holt, bevor sich dann bei der Nachmittagsvorstellung mit dem Märchen von der kleinen Waise Findling, die ein alter Jäger bei sich aufnimmt und die als einzige den Hirsch mit dem silbernen Zauberhuf zu Gesicht bekommt der Saal bis auf den letzten Platz füllt. Wie von Zauberhand. Der Bann ist gebrochen.

Irina Ponomarjowa-Rjaschtschenko und Denis Malinin

Nicht nur bei den Kindern, die am Ende des Stücks Frage um Frage stellten! Eine Großmutter besuchte sogar beide Vorstellungen und erkundigte sich nach Geschichte und Herkunft der Instrumente und Märchen, andere freuten sich über die Filzstiefelchen, die Irina Ponomarjowa-Rjaschtschenko nach dem „Vorhang“ verteilte. Interaktiv, diese Märchen, präsentiert, wie das bisher niemand in Wladimir macht.

Peter Steger, Irina Ponomarjowa-Rjaschtschenko und Denis Malinin, gesehen von Othmar Wiesenegger

Aber die Gäste aus Wladimir saßen auch selbst einmal im Publikum, gestern abend im Theater Kuckucksheim bei We are the Champions – Mir senn die Größdn, eine fränkische Viecherei von Helmut Haberkamm. Es soll ja in Erlangen noch Leute geben, die noch nie von diese Musentempel in der Scheune gehört haben, obwohl es hier, in Heppstädt, hinter Hemhofen, seit 30 Jahren Schauspiel für Kinder und Erwachsene gibt, das man nur als unbeschreiblich-einzigartig bezeichnen kann. Die russischen Gäste meinen denn auch, sie brauchten noch mindestens 27 Jahre, um dieses Niveau zu erreichen: „Uns fehlen nicht nur die deutschen, sondern sogar die russischen Worte“, so ihr Urteil unisono, „um auszudrücken, wie begeistert wird sind. Unglaublich!“

Irina Ponomarjowa-Rjaschtschenko, Benjamin Seeberger, Denis Malinin, Lukas Seeberger und Stefan Kügel

Aber Stefan Kügel, Gründer und Kopf von Kuckucksheim, der zum 30jährigen Jubiläum der Partnerschaft mit seinem Familienensemble schon einmal in Wladimir gastierte, hat ja seinerzeit auch klein angefangen, mit einem ganz ähnlichen Koffer voller Geschichten, Gedichten, Flausen und Einfällen. Und jetzt freut sich der Altmeister der Bühne darüber, daß in Rußland auch eine freie Szene entsteht, wie er sie kennt, sogar, wie die Besucherin aus der Partnerstadt erzählt, mit internationalen Festivals und mit einem wachsenden Publikum – zumindest in den großen Städten, wo es eine Gegenbewegung zu den großen staatlichen Kultureinrichtungen gebe.

Stefan Kügel, Denis Malinin, Irina Ponomarjowa-Rjaschtschenko, Lukas und Benjamin Seeberger

Auch wenn es Stefan Kügel – er hatte am Vormittag noch eine Kindervorstellung – nicht mehr schaffte, eines der beiden Märchen aus Wladimir zu sehen, hat sich da eine künstlerische Freundschaft ergeben, auf deren weitere Entwicklung man gespannt sein darf.

Igor Rjaschtschenko, Irina Ponomarjowa-Rjaschtschenko und Denis Malinin

Und nun ist es an der Zeit, Irinas Mann zu danken. Igor Rjaschtschenko besuchte im Sommer des Vorjahrs mit der Gruppe aus dem Erlangen-Haus den Deutschkurs an der Volkshochschule und erwähnte im Gespräch die Profession seiner Frau. Da war es dann nicht mehr weit zur Idee, ihr „Theater aus dem Koffer“ zu den Russisch-Deutschen Wochen einzuladen, zu einer Premiere. Zu einer gelungenen!

Peter Steger, Irina Ponomarjowa-Rjaschtschenko und Denis Malinin, Aufnahme: Othmar Wiesenegger

Der Vorhang ist übrigens noch nicht endgültig gefallen: Für Kurzentschlossene gibt es noch Restplätze beim deutsch-russischen Brücken e.V. in der Luitpoldstr. 45 um 15 und 16 Uhr, und dann ist da noch morgen exklusiv ein Auftritt um 10.00 Uhr in der Heinrich-Kirchner-Schule. Wo es den Koffer halt so hinträgt…

Kontakt: https://www.facebook.com/rusfairytale

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„Heute fiel Schnee, ansonsten nichts Neues“, vermeldete der Meister des knappen Wortes, der Autor Anatolij Gawrilow, gestern. Und in der Tat, es ist eine Nachricht wert in diesem Winter, der auch in Wladimir keiner werden will, wo das bißchen Weiß, wie Sergej Skuratow, dem wir die Bilder verdanken, denn auch anmerkt, die kalte Pracht sei schon wieder am Tauen und Schmelzen. Freuen wir uns also am nächtlichen Augenblick, den er festgehalten.

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Inklusion ist schon lange kein Fremdwort mehr in Wladimir. In fast allen Bereichen des öffentlichen Lebens praktiziert man die Einbeziehung von Menschen mit Einschränkungen und Behinderungen. Nun schließt sich dieser Entwicklung auch das Schauspielhaus in der Partnerstadt an. Das erste Stück mit Audiodeskription für Blinde ging vor kurzem bereits über die Bühne, dieser Tage folgt eine Aufführung mit Gebärdendolmetscher. Schon länger ist die Homepage des Theaters barrierefrei, und dank Rampen und speziellem Aufzug kann man den Musentempel auch mit dem Rollstuhl gut erreichen. Eine Hürde bleibt freilich – zumindest für die „Stummen“, wie man uns Deutsche in den meisten slawischen Sprachen nennt – bestehen: Das Repertoire sieht vorerst alles exklusiv auf Russisch vor.

Dies gilt zwar auch für die beiden Märchen, die am Samstag um 10.00 Uhr und um 14.00 Uhr im Club International – bei freiem Eintritt für Kinder wie Erwachsene – im Rahmen der Russisch-Deutschen Wochen an der Volkshochschule zu sehen sind, aber gemach: Es ist für Simultanübersetzung gesorgt. Auch eine Art von Inklusion. Probieren Sie es aus mit oder ohne Kinder und Enkel. Mehr zu dem Puppentheater aus Wladimir auf seiner ersten Gastspielreise in Erlangen unter: https://is.gd/8g0nos

Puppenspielerin Irina Ponomarjowa-Rjaschtscheko

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Der Moskauer Künstler, Pawel Otdelnow, ist bekannt für seine Industriebilder, zeigte während der 8. Internationalen Biennale für Moderne Kunst „Lokale Orientierung“ in der Tretjakow-Galerie eine Arbeit mit dem Titel „Mülldeponie Alexandrow“. Aufmerksam gemacht hatten den Maler auf das Thema die vielen Meldungen in den Medien, die von der Abfallflut Moskaus berichten, unter der mittlerweile ganz Zentralrußland bis hinauf ans Nordmeer leidet.

Besonders die Region Wladimir mit der Müllkippe bei Alexandrow, die mittlerweile die Höhe eines zehnstöckigen Hauses erreicht haben soll. Auf die Spur der Deponie brachte den Pawel Otdelnow ein GPS-Sender, den er in seinem Hausmüllsack versenkte und dessen Signal er dann bis zum Ziel verfolgte. Die Aktion hielt der Künstler auf Video fest und meint dazu:

Das Problem der Wiederverwertung von Abfall und – noch wichtiger – das Sortieren schon beim Entsorgen, wenn wir den Müll in die Tonne werfen, halte ich für bedeutend. Früher oder später werden wir wohl dazu übergehen, den Müll zu trennen. Doch um darüber nachzudenken, sollte man sich erst einmal vor Augen führen, was wir hier sehen: rundherum Wald, eine noch ziemlich wilde Natur. Und mitten in dieser großartigen Landschaft eine neue Mülldeponie, von denen es so viele gibt, und von denen es noch mehr geben wird, je länger wir vergessen und nicht darüber nachdenken, was mit unserem Abfall passiert. Das Problem wird wachsen wie ein Schneeball bis wir uns selbst unter dem eigenen Hausmüll begraben haben. Mein Müll ist also hier gelandet, und Ihrer auch.

Die Anwohner in den Dörfern Babanino und Boldino an der Grenze der Landkreise Sobinka und Petuschki, erzählen, hier habe es bereits zu Sowjetzeiten eine weitere Müllhalde gegeben. Ab 1991 verfrachtete man hierher auch hochtoxische Industrieabfälle bis 1999 die Deponie nach einer Volksabstimmung geschlossen wurde. Doch zehn Jahre später rollten die Müllautos wieder auf die 20 ha große Fläche, die mehrfach den Betreiber wechselte. Eigentlich sollte ja ein Recyclinghof entstehen, stattdessen kommt immer mehr unsortierter Müll aus der Hauptstadt hier an, Anlaß für viele Protestaktionen, juristische Auseinandersetzungen, politische Ranküne. Doch das Gesetz des Mülls ist stärker, es folgt der Gravitationskraft Richtung Deponie…

Dort tun sich derzeit erstaunliche Dinge: Wegen der nach wie vor ganz und gar nicht winterlichen Witterung kommt es auf der Deponie bei Alexandrow zu Gärungs- und Fäulnisprozessen mit den ihnen eigenen olfaktorischen Effekten. Es stinkt wohl zum Himmel, um es deutlich auszusprechen. Und man fürchtet eine Massenvermehrung von Nagern und Insekten.

Also überzieht man den Müllberg mit einer grün gefärbten Lösung, die zu 98% aus Zellulose und 2% Sulphatammonium besteht, feuerfest und, wie der Betreiber der Deponie versichert, ökologisch unbedenklich. Aber das Kernproblem, von dem auch der Künstler sprach, bleibt ungelöst. Gerade auch in Wladimir, wo nach der Müllreform paradoxerweise die 230 Container für Plastik, die 150 Container für Glas und die 60 bzw. 20 Annahmestellen für Altpapier und Altkleidung verschwunden sind, die man 2013 aufgestellt hatte. Der alte Entsorger hatte die Behältnisse mitgenommen; nun soll die Trennung des Mülls in der Partnerstadt ab der zweiten Jahreshälfte wieder möglich sein. Bis dahin dürfte die Halde weiter wachsen – und nicht nur in der Region Wladimir.

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Das Datum 22. Januar 1942 hätte in meiner Todesanzeige stehen können: „19 Jahre alt, gefallen vor Moskau für Führer, Volk und Vaterland…“ Dabei wäre ich den Heldentod gar nicht gestorben, sondern ein Opfer der NS-Propaganda gewesen. Doch ein gütiges Schicksal hatte Einspruch eingelegt!

Wolfgang Morell und Nikolaj Schtschelkonogow am 1. Dezember 2019

Noch am Vorabend hatten wir im Kameradenkreis an der Front diskutiert, ob man im Ernstfall in Gefangenschaft gehen solle. Anlaß war der Bericht eines gerade zu unserer Einheit gestoßenen Funk-Feldwebels, der um ein Haar den Partisanen in die Hände gefallen wäre. Wir alle waren uns einig in der uns immer wieder eingetrichterten Überzeugung: Die Russen machen keine Gefangenen! Schließlich habe man ja immer noch seine Waffe bei sich, mit der man Grausamkeiten durch Selbsttötung ausweichen könne!

Schon 15 Stunden später stand ich vor eben dieser Situation: Bei 42° C Kälte in etwas verstärkter Sommeruniform bezog ich nachts für zwei Stunden einen Horchposten. Da schnitt uns dreien eine Skipatrouille den Rückweg ab. Die halbe Nacht irrten wir in der eisigen Schneewüste umher, um unsere Einheit wiederzufinden.

Im Morgengrauen wurden meine beiden Kameraden von einem Trupp zu Pferde vor meinen Augen aufgegriffen. Etwa drei Stunden später bemerkte ich, wie ein Skitrupp auch meinen Spuren folgte, nun war die Zeit gekommen, sich Gedanken um die nächste – die letzte –  halbe Stunde zu machen. Die Diskussion am Vorabend war noch ganz lebendig. Flucht oder Verteidigung kamen nicht infrage. Mein Entschluß stand fest. es ging nur noch um das Wie! An meine Eltern, meine Heimat verbot ich mir, zu denken, denn das hätte mich von meinem Entschluß womöglich noch abgebracht.

Auf einer Waldlichtung trat ich mir ein Loch in den Schnee, setzte mich auf den Rand und nahm meinen Karabiner 98k nach dem Entsichern zwischen die Beine. Erst im letzten Moment, als die ersten „Russen“ ca. 5 m entfernt waren, drückte ich auf den Abzug…  Nichts… Völlige Verwirrung! Auf ein energisches „Ruki werch!“ hob ich die Hände, in der einen noch das Versager-Gewehr. Ein älterer „Mongole“ nahm es mir dann ruhig aus der Hand, legte mir seine auf die Schulter und sagte mir etwas im Tonfall Beruhigendes. Ich hatte es ausschließlich mit „Schlitzaugen“ zu tun, die bei uns für besonders grausam gehalten wurden… Ein normales Verhör mit einem Wörterbuch schloß sich an, ohne Gewaltanwendung, ohne Haß, pure Neugier, Gelächter über meine spärliche Bekleidung. Von den 25 R6-Zigaretten, die man mir abgenommen hatte, bekam ich noch etwa zehn zurück, nach Verteilung der übrigen an die Raucher! Eine wahrhaft anständige Behandlung, wie ich sie auch später noch auf weiten Strecken, besonders im Wladimirer Militärkrankenhaus und im Spezialhospital Nr. 388 für lungenkranke Kriegsgefangene in Moschga / Kasan erfuhr.

Die grauenhaften Verhältnisse an der Front, vertieft durch eklatante Mängel bei Bekleidung, Ausrüstung und Treibstoffversorgung, die abenteuerliche Art, wie ich „dem kriegerischen Geschehen entzogen worden war“ und der überraschend friedliche Empfang durch den Feind brachten mich schon nach Tagen, Wochen und Monaten der Besinnung zu Erkenntnissen, die das eingeübte Freund-Feindbild allmählich wanken ließen… In diesem Sinne hier noch einige Gedanken zum Thema „Frieden“:

In meinem ersten Kriegsgefangenenlager Krasnogorsk trat im August 1942 ein deutscher Hauptmann mit der damals noch völlig unrealistischen Forderung nach einem unverzüglichen Friedensschluß auf. Er erntete (verhaltene) Buhrufe! Welche ungeheuren Verluste wären uns und der Welt erspart geblieben, wäre es damals wirklich zu einem akzeptablen Frieden gekommen!  Doch es bedurfte erst der totalen Niederlage, weiterer Millionen Toter und ungezählter Ruinenstädte, bis uns der Friede von außen aufgezwungen wurde!

In Deutschland und in der Welt hat vor 75 Jahren der Frieden Einzug gehalten, aber nicht überall gehalten. Noch vor Verheilen der alten Kriegswunden flammen in fast allen Teilen der Welt erneut Kriege und Bürgerkriege auf, die ein erschreckendes Maß angenommen haben, auch wenn sich – selten genug, wie für Libyen – Anfangserfolge für eine Befriedung andeuten.

Wir müssen in Deutschland jetzt erleben, wie die leid- und opfervollen Erfahrungen schon bei der zweiten und dritten Generation in großem Umfang verblaßt oder vergessen sind. Hier hat die Generation der Zeitzeugen in vielen Familien im Zuge einer Verdrängung zu wenig an Erlebtem vermittelt, während dieser „Stoff“ an den Schulen oft nur halbherzig unterrichtet wird. Und tatsächlich berichtete ja auch Julia Obertreis, Professorin für Neuere und Neueste Geschichte mit dem Schwerpunkt Osteuropa, bei ihrem Vortrag zur Eröffnung der Russisch-Deutschen Woche, sie müsse in den ersten Semestern in Sachen Zweiter Weltkrieg vielfach fast bei Null beginnen.

„Ohne die Völker lassen sich Kriege nicht führen“, lautete bis heute unsere Überzeugung. So kam der „Friede in Bewegung“ und ergriff unsere Städtepartnerschaften, die all die Absurdität von Kriegen beispielhaft aufzeigen. Nun sehen wir allerdings eine Entwicklung heraufkommen, welche die Bedeutung der Volksdiplomatie in kriegerischen Auseinandersetzungen schrittweise herabsetzen wird: Cyberkrieg, Drohneneinsatz, alles Entwicklungen, die es den ja von einer elementaren Friedenssehnsucht geleitet Menschen noch schwerer machen werden, sich für die Bewahrung des Friedens zusammenzuschließen und stark zu machen. Es könnte künftig noch größerer Staatskunst bedürfen, den Frieden gegen Unvernunft, Eroberungslust, Rachgier und Raffgier zu verteidigen! An dieser Stelle möchte ich meiner gefangenen Kameraden gedenken, denen das Glück der Heimkehr nicht mehr beschieden war.

Wolfgang Morell

Siehe u.a.: https://is.gd/ZSoFyA

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