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Archive for Dezember 2019


Heute feiert Dietmar Hahlweg seinen 85. Geburtstag. Zu den großen und bleibenden Erfolgen des Altoberbürgermeisters und Ehrenbürgers der Stadt Erlangen gehören über die kommunalpolitischen Leistungen hinaus die Begründung der Städtepartnerschaften mit Wladimir, Jena, Stoke-on-Trent und San Carlos. Dabei war dem gebürtigen Schlesier die Aussöhnung mit der UdSSR und Polen sowie die Verständigung mit der DDR im Geist der Ostpolitik während seiner segensreichen Amtszeit von 1972 bis 1996 das wohl wichtigste Anliegen.

Nikolaj Schtschelkonogow und Dietmar Hahlweg, 9. Mai 2010, Wladimir

Die Tiefenschärfe dieses Bildes mit dem heute 94jährigen Kriegsveteranen in Wladimir erschließt sich erst nach der Lektüre des folgenden Berichts, den Dietmar Hahlweg dieser Tage im Rahmen des deutsch-russischen Projekts „Kriegskinder“ (siehe auch die Erinnerungen von Ute Schirmer: https://is.gd/OpWO3J) zu Papier brachte, vorab exklusiv im Blog veröffentlicht.

Flucht der Familie Hahlweg vom 20.1. bis 10.9.1945 aus Jagdschütz, Schlesien, bis nach Lorenzreuth bei Marktredwitz in Bayern

Zum Jahreswechsel 1944/1945 lebte meine Mutter, Elisabeth Hahlweg (34), mit ihren vier Kindern, Bärbel (12), Dietmar (10), Harald (8) und Hubertus (6), im Gutshaus in Jagdschütz, Kreis Trebnitz, ca. 30 km nördlich von Breslau. Mein Vater war seit 1939 ununterbrochen im Krieg; seither führte meine Mutter den 334 ha großen Gutsbetrieb mit etwa 40 Beschäftigten alleine.

Meine Mutter ahnte, Deutschland werde den Krieg verlieren, und begann heimlich (offen durfte darüber nicht gesprochen werden, das wäre Wehrkraftzersetzung gewesen) Kisten und Koffer vorzubereiten. Wir Kinder ahnten davon nichts.

Dann kam, vermutlich von der Nationalsozialistischen Kreisleitung, am 20. Januar 1945 der sogenannte „Treck-Befehl“. Innerhalb von 24 Stunden mußte der Gutsbereich geräumt werden. Treckleiterin war meine Mutter.

24 Stunden später zog der Treck, meine Mutter mit ihren vier Kindern und allen auf dem Gut beschäftigten Familien (darunter 25 Kinder und viele ältere Menschen), auf zwei Traktoren mit Anhängern und zehn Pferdegespannen bei 20 Grad minus Richtung Westen.

In den folgenden drei  Wochen waren die Ziele 1. Etappe Penzig bei Görlitz (ca. 200 km), 2. Etappe Görlitz – Dresden  (ca. 100 km) und die 3. Etappe Dresden – Richtung Leipzig mit dem Gut Zöschau bei Oschatz (ca. 70 km), das wir am 15. Februar 1945 erreichten. Wir bewältigten also mit dem Treck in 26 Tagen insgesamt ca. 370 km.

Obwohl das im Treckbefehl vom 20. Januar 1945 angegeben Treckziel Bayreuth in Bayern lautete und meine Mutter auch von sich aus mit dem Treck ohne Unterbrechung direkt nach Bayern weiterziehen wollte, beugte sie sich höchst widerwillig dem Willen meines Vaters, der zu dieser Zeit verwundet in einem Lazarett  in der Nähe von Breslau lag und mit dem sie telefonieren konnte. Auf sein Anraten hin blieb sie mit dem Treck auf Gut Zöschau. Mein Vater hatte auf diesem Gut sein Praktikum als angehender Landwirt abgeleistet, wußte, die Gutsfamilie von Oppel werde uns gut aufnehmen und meinte zudem, von dort sei die Rückkehr nach Schlesien leichter möglich.

Mein Vater meinte es gut, aber sein dringender Rat, zunächst in Zöschau zu bleiben, sollte sich als sehr falsch erweisen.

Die US-Armee, die bei Kriegsende am 8. Mai 1945 auch Thüringen und Sachsen und damit auch Zöschau befreit hatte, zog sich wenig später im Ausgleich für einen US-Sektor in dem von der sowjetischen Armee eroberten Berlin aus Thüringen und Sachsen wieder zurück. Einheiten der Roten Armee kamen deshalb auch nach Zöschau, requirierten Traktoren und Pferde. Wir mußten aus unserer Bleibe im Gutshaus auf den Scheunenboden umziehen.

Für meine Mutter war klar: Sie wollte so schnell wie möglich mit ihren Kindern und ihrer inzwischen zu uns gestoßenen Schwägerin nach Westen, gen Bayern. Sie organisierte im Tausch gegen eine goldene Uhr drei Handwagen, und am 20. Juni 1945 brachen wir mit dem Nötigsten Richtung Grimma (40 km) auf, wo zu dieser Zeit an der Mulde die Grenze zwischen Amerikanern und Sowjets verlief. An der Mulde verbrachten wir fast zwei Wochen im Freien, weil die Amerikaner nur so viele Flüchtlinge aus dem Osten aufnahmen, wie andererseits Menschen von Westen nach Osten wechseln wollten. Schließlich gelang das Übersetzen mit einem Kahn. Von Grimma ging es dann weiter nach Hof in Bayern (ca. 180 km) und von dort Richtung Bayreuth. In Gefrees, wo wir im bergigen Gelände baten, uns beim Hinaufschieben der Handwagen zu helfen, bot uns jemand zwei Ponys an, und meine Mutter kaufte diese spontan. Jetzt zogen die beiden Ponys unsere drei Wagen, und ich war von heute auf morgen stolzer Kutscher.

Unser Fluchtweg führte uns zunächst Richtung Nürnberg – manchmal am Tag nur acht km, dann einmal sogar 38 km –, dann aber bogen wir nach 50 km in Richtung Bamberg ab, weil es dort ein milderes Klima und eine günstigere Versorgung geben sollte. Inzwischen war es August / September geworden, und wir konnten gegen Kost und Übernachtung in der Scheune beim Ernten helfen. Mein Onkel Fredi, der jüngste der drei Brüder meiner Mutter, war nach seiner frühen Entlassung aus amerikanischer Gefangenschaft schon im Juli zu uns gestoßen, begleitete uns sporadisch, schwärmte aber immer wieder aus, um nach seiner Frau, dem Treck seiner Eltern, nach unserem Vater und seinen Brüdern zu suchen. Anfang September 1945 kam Onkel Fredi freudestrahlend mit einem Brief der Eltern meiner Mutter zurück, den diese an Bekannte aus Breslau geschrieben hatten, die inzwischen in Mindelheim im Allgäu gelandet waren.

Demnach waren meine Großeltern, Pächter des Gutes Großpeterwitz, ca. 15 km westlich von Jagdschütz gelegen, mit ihrem Treck auf einer Südroute durch das Sudetenland im Juni 1945 in Lorenzreuth bei Marktredwitz gelandet und hatten dort eine kleine Hofstelle pachten können. Wir waren auf unserem Weg im Juli Richtung Bayreuth nur weniger als 50 km von Lorenzreuth entfernt und zogen nun die ca. 150 km dorthin zurück und waren glücklich, dort am 10. September 1945  die Großeltern wiederzusehen und, obwohl äußerst beengt, dort auch unterzukommen und etwas zum Essen zu haben. Dies nach fast drei Monaten auf der Landstraße, ohne ein festes Dach über dem Kopf.

Die realistische Einschätzung meiner Mutter bewahrheitete sich: Ein Zurück nach Schlesien auf unseren Gutshof gab es nicht. Mit dem Potsdamer Abkommen der Siegermächte vom August 1945 fiel Schlesien an Polen. Meine Familie gehörte zu den Deutschen, die nicht nur den Krieg, sondern auch ihre Heimat verloren hatten, im Fall meiner Eltern mit dem Gutshof auch ihre ganze Existenz. Trotzdem gab es in meiner Familie nie Kritik an Polen oder der Sowjetunion.

Es war, wie wir sahen, Hitler-Deutschland gewesen, das diesen furchtbaren Zweiten Weltkrieg „vom Zaun gebrochen“, das heißt mutwillig begonnen hatte. Und man erfuhr mehr und mehr, wie gerade die beiden Länder, Polen und die Sowjetunion, es waren, die in besonders unvorstellbarem Ausmaß unter diesem Krieg gelitten hatten. Aus diesem Wissen und der bleibenden Scham darüber war es mir in meinem Amt als Oberbürgermeister, aber auch als Mitmensch, stets ein Anliegen, bei der Aussöhnung und dem Aufbau einer guten Nachbarschaft mit Polen und Russen mitzuhelfen. Es bleibt mein sehnlichster Wunsch, daß dies dauerhaft gelinge.

Dietmar Hahlweg

P.S.: Mit den besten Wünschen für den Jubilar hier noch der Hinweis auf seine Würdigung zum 80. Geburtstag, zu finden hier im Blog unter: https://is.gd/YegSNn

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Bis ins Halbfinale der Show „Golos – Stimme“ hatte es Alana Tschotschjewa geschafft (siehe: https://is.gd/alSl7G), doch da war dann leider Endstation für die Sängerin aus Wladimir. Der große Sprung in den russischen Schlagerhimmel gelang der Studentin also nicht, noch nicht. Aber das war ja erst die Premiere, der erste Anlauf. Mit gerade einmal 18 Jahren warten noch viele Träume auf der Bühne, wenn auch, wie die Tochter des auch in Erlangen bestens bekannten Orthopäden, Guram Tschotschjew, im Interview nach dem Auftritt bekennt, das Märchen nun erst einmal zu Ende ist.

Alana Tschotschjewa als Harlekin

Alana Tschotschjewa interpretierte vor großem TV-Publikum den „Harlekin“ der russischen Pop-Diva, Alla Pugatschowa, nachzuerleben hier: https://is.gd/KZylCZ – Aber das soll kein Abgesang sein, die Interpretin läßt sicher noch von sich hören, und die Musikredaktion des Blogs hält weiter die Ohren offen für Sie.

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In gut zwei Wochen ist es schon wieder so weit: Die Biennale der Russisch-Deutschen Wochen an der Volkshochschule Erlangen – dieses Mal ganz im Zeichen von 25 Jahren Erlangen-Haus – startet am 15. Januar mit einem Vortrag der Historikerin Julia Obertreis zu 75 Jahre Kriegsende und Fragen der russischen Erinnerungskultur. Vom Puppentheater bis zum Jazz, von Ikonen bis zu Reiseimpressionen, von der russischen Kalligraphie bis zum Jubiläumsabend zeigt sich das Programm so vielfältig wie die Städtepartnerschaft insgesamt. Einen ersten Überblick gibt es hier https://is.gd/2XOEX4, aber der Blog wird natürlich noch die eine oder andere Vorstellung gesondert vorstellen.

Während bei den Russisch-Deutschen Wochen – mit Ausnahme der Sprachkurse – alle Angebote frei sind und man noch die Platzwahl hat, ist für das Konzert von Rainer Glas und seinem Ensemble Sounds of the Orient der Vorverkauf schon voll im Gang. Wer gut sitzen möchte, reserviere deshalb möglichst bald seinen Sessel im Markgrafentheater.

Im Unterschied zu den schon traditionellen Russisch-Deutschen Wochen steht das Projekt von Rainer Glas noch ganz am Anfang. Im Frühjahr trat er fulminant mit seinem Quartett in Wladimir bei einem Jazz-Festival auf, wo dann auch die Idee entstand, seinen Orient russisch erklingen zu lassen.

Andrej Schewljakow und sein Quartett

Eigens zu dem Konzert reist denn auch der Multi-Instrumentalist Andrej Schewljakow mit seinem Quartett an und eröffnet das Partnerschaftskonzert. Man darf jetzt schon gespannt sein, wie sich diese künstlerische Zusammenarbeit weiterentwickelt. Schöne Aussichten jedenfalls auf das kommende Jahr zwischen Erlangen und Wladimir.

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Schon seit dreizehn Jahren sitzt der Busfahrer Iwan Gromow in Wladimir kurz vor Neujahr als Väterchen Frost am Steuer. Sehr zur Freude nicht nur der Kinder. Aber es macht ihm wohl auch selbst viel Spaß, denn er tut alles aus Lust an der Gaudi auf eigene Kosten: die Dekoration, die kleinen Geschenke, das Kostüm.

Alfia Mambetowa und ein Behelfsschneemann aus Holz mangels Schnee

Die häufigste Frage, die dem russischen „Weihnachtsmann“ gestellt wird: „Wann gibt es endlich Schnee?“ Denn der Winter hält auch in Wladimir derzeit den Fahrplan nicht ein. Seine Antwort darauf: „Meine Helfer haben da wohl etwas durcheinandergebracht und ein Wetter angerichtet, bei dem man einen Schlitten gar nicht brauchen kann. Aber das wird schon noch. Ich habe meine Helfer angerufen und die strikte Anweisung gegeben, zu Neujahr Schnee zu streuen.“ Und dann hat er noch eine Botschaft für seine Frau Natalia und die drei Söhne in Murom, die er jetzt kaum zu sehen bekommt. „Wir sehen uns bald wieder“, verspricht das busfahrende Väterchen Frost seiner Familie.

Aber vorher braucht der Winterbote noch Verstärkung. Bisher fehlt ihm nämlich noch die Enkelin an seiner Seite, das Schneeflöckchen, die ihn in der Silvesternacht begleitet. Dieses Mädchen wird nun per TV-Aufruf gesucht. Aber sehen Sie selbst: https://is.gd/w8qot1

P.S.: Seit heute soll es in Wladimir zumindest leicht schneien, wenn auch die Temperaturen noch weit entfernt sind vom knackigen Frost.

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Die Partnerschaft und insbesondere das Dreieck Erlangen-Jena-Wladimir hat nicht nur viele Gesichter, sie nutzt auch die unterschiedlichsten Kanäle der Begegnung und des Austausches. Der Euroklub Wladimir ist da in Zusammenarbeit mit der Eurowerkstatt Jena besonders findig und nutzte am 6. Dezember, dem Internationalen Freiwilligentag die technischen Möglichkeiten des Informationszentrums für Atomenergie in der Partnerstadt zu einer Video-Konferenz.

Im Saal russische Schüler und Studenten, auf dem Bildschirm ein gemischtes Freiwilligenquartett in Jena mit dem Wladimirer Pärchen Jewgenij Sacharjewitsch und Xenia Muchajewa.

In der deutsch-russischen Tele-Diskussion ging es vor allem um die Erfahrungen, die man als Freiwilliger in Jena so macht, wie man Projekte umsetzt und was man zu tun hat, um in ein solches Austauschprogramm aufgenommen zu werden.

Wie Jelena Guskowa, die Leiterin des Euroklubs, berichtet, gab es für die Jugendlichen aus Wladimir eine kräftige Ladung positiver Energie, denn nun wissen sie alle, wie man mit dem Programm Erasmus + nach Deutschland kommen und dort als Freiwilliger arbeiten kann. Ein guter Ausblick auf das nächste Jahr. Es kann kommen – mit hoffentlich vielen neuen Freiwilligen aus Wladimir in Jena und Erlangen. Willkommen!

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Seit dem Herbst hat das für die Städtepartnerschaften und Internationalen Beziehungen zuständige Team Verstärkung aus Wladimir. Mehr noch: Die junge Frau verlängert ihren zunächst auf ein Semester begrenzten Aufenthalt bis zum kommenden Sommer. Doch lesen Sie selbst:

Ich heiße Polina Timofejewa und studiere im achten Semester an der Staatlichen Universität Wladimir. Dank meinen Studienerfolgen in diesem Jahr erhielt ich die einmalige Chance, eine Praktikum im Bürgermeister- und Presseamt, Büro für Chancengleichheit und Vielfalt, zu absolvieren.

Polina Timofejewa

Kurz zur Vorgeschichte: Seit meiner Kindheit mag ich Fremdsprachen. Ich besuchte ein neusprachliches Gymnasium, ging ans Amerikanische Haus in Wladimir… Nach der Schule entschied ich mich dafür, weiter Sprachen an der Universität zu studieren und meine Zukunft an sie zu knüpfen. Obwohl ich in der Schule Französisch hatte, wählte ich bei meiner Immatrikulation Deutsch als erste Fremdsprache. Ich hatte meine Gründe dafür und brauchte meine Entscheidung noch kein einziges Mal zu bedauern.

Ich könnte nicht sagen, das Studium einer neuen Sprache habe mir große Schwierigkeiten bereitet. Dazu trugen sehr meine Englischkenntnisse und wahrscheinlich die unglaublich sensiblen und erfahrenen Dozenten bei, die uns Tag für Tag motivierten und uns eine feste sprachliche Grundlage beibrachten.

Allerdings hätte ich mir bei der Wahl von Deutsch als mein Hauptfach nicht vorstellen können, einige Jahre später in einem Rathaus in Deutschland zu sitzen und einen Artikel über meine Erfahrung zu schreiben. Solche Möglichkeiten bieten sich nicht jedem, und ich bin unendlich glücklich und meinen Dozenten und Peter Steger dankbar für diese Gelegenheit.

Eine meiner Aufgaben ist es hier, im Büro für Chancengleichheit und Vielfalt, die Zusammenarbeit der Partnerstädte Erlangen und Wladimir zu unterstützen. Während meines Praktikums konnte ich bereits an einigen Veranstaltungen teilnehmen und beispielsweise helfen, den Empfang für einen Kriegsveteranen oder die Auftritte einer Rockband aus Wladimir zu begleiten.

Außerdem beteilige ich mich an der Herausgabe eines Buches mit Erinnerungen von „Kriegskindern“. Ich übersetze die erlebten Geschichten von Menschen, die am eigenen Leib all die Beschwernisse des Krieges durchmachten. Ich hoffe, damit meinen noch so kleinen Beitrag zum globalen Problem, der Schaffung des Friedens auf der ganzen Welt, leisten zu können.

Mein Praktikum im Erlanger Rathaus absolviere ich neben meinem Studium an der Friedrich-Alexander Universität, das sicher auch zu den Hauptzielen meines Aufenthaltes hier gehört. Das Studium in Deutschland unterscheidet sich etwas von dem an russischen Universitäten. Hier ist mehr Selbständigkeit und Aufmerksamkeit gegenüber den Details gefordert.

Die Erfahrungen, die ich hier sammle, können in ihrem Wert gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Ich lerne jede Menge Leute kennen, angefangen bei Studenten aus den unterschiedlichsten Ländern bis zum Oberbürgermeister von Erlangen. Außerdem konnte ich meine Kenntnisse im Deutschen und Englischen verbessern, verschiedene Städte und Länder bereisen, neue Freunde finden, viel Neues über die deutsche Kultur erfahren, Bratwurst und Sauerkraut probieren, das Oktoberfest besuchen, wo mich faszinierte, wie die Deutschen in Tracht auf den Tischen tanzen. Ich trank Glühwein auf dem Weihnachtsmarkt und erhielt vom Nikolaus ein Geschenk, das er mir in die Stiefel steckte…

Abschließend möchte ich betonen, wie sehr ich mich über die positiven Gefühle und die Erfahrungen freue. Und ich kann die neuen Eindrücke dieses wunderbaren Programms gar nicht erwarten!

Polina Timofejewa

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Am 10. September hatte der Blog die Generation der Kriegskinder dazu aufgerufen, an einem russisch-deutschen Projekt der Erinnerungskultur teilzunehmen: https://is.gd/v6Wgko. Dieser Tage fand sich dazu im Briefkasten der Blog-Redaktion ein handschriftlicher Bericht von Ute Schirmer über ihr Erleben des Einmarsches der amerikanischen Truppen in Erlangen. Dieses einzigartige Zeitzeugnis soll zum einen Ansporn für weitere Aufzeichnungen dieser Art sein – die Einsendefrist wurde bis Mitte Januar verlängert -, zum andern erscheinen die Zeilen heute hier auf diesen Seiten vorab, weil sich die Erinnerung wie eine Weihnachtsgeschichte liest, die darüber hinaus auch eine Erklärung dafür liefern kann, woraus Ute Schirmer ihre so elementare Kraft schöpft, Gutes zu tun, nicht nur für Polen und Russen. Wer auch nur einen kleinen Teil ihrer Wohltätigkeit kennt, weiß: Es ist, als wirke ein Engel in ihr – nicht nur zur Weihnachtszeit.

Ute Schirmer mit ihrem Mann Herbert bei der Auszeichnung mit dem „Ehrenbrief der Stadt Erlangen für besondere Verdienste auf dem Gebiet der Städtepartnerschaften“ im Jahr 2013

Es war ein warmer Sonnentag, der Sonntag am 15. April 1945. Damals wohnte ich – wie jetzt auch – am nördlichen Rand von Erlangen, am Fuß des Rathsberges.

Seit Tagen wurde darüber geredet, daß die amerikanischen Soldaten bald in Erlangen sein werden. Ich war damals zehneinhalb Jahre alt und wurde von meinem Vater als ältere der beiden Geschwister (unsere Mutter war 1941 verstorben) ausgewählt, um ein weißes, bereitliegendes Bettuch aus dem mittleren Fenster im ersten Stock zur Straße hin herunterzulassen, wenn die Amerikaner unser Haus passieren.

Gegen Mittag des 15. Aprils wurden bei uns vier Volkssturm-Mitglieder einquartiert. Sie konnten hinter dem Haus auf einer Bank ihre Mittagsration verzehren. Die Männer verlangten, daß alle Bewohner das Haus in Richtung Meilwald verlassen sollten, weil man erwartete, daß Erlangen beschossen werde.

Außer meinem Vater, meiner Schwester Hedwig und unserer Haushälterin Wilhelmine waren in unserem Haus eine Familie mit einem Säugling und einem sechsjährigen Sohn und auch Leute untergebracht, die aus anderen Städten geflüchtet waren.

Wir packten Proviant, Kleidung und alles Nötige in einen Leiterwagen. Die Sachen waren in einem abgedeckten Schacht im Garten für einen Notfall gelagert. Wir machten uns auf; mit dem Leiterwagen zogen wir in den Meilwald. Dort, wo der Wald eine ebene Fläche zur Lagerung bot, ließen wir uns nieder. Bis zum Abend harrten wir aus. Dann gingen wir zurück. Wir hatten zwar immer wieder Schüsse gehört, aber Erlangen war wohl nicht das Ziel.

Als wir auf unser Haus zugingen, sahen wir, daß am Waldrand gegenüber von unserem Haus mehrere Schutzgräben ausgehoben waren. Es wurde vermutet, daß dies die Arbeit der Volkssturm-Männer war. Sie hatten inzwischen unser Grundstück verlassen, so daß wir ungehindert in unser unbeschädigtes Haus zurückkehren konnten, ebenso kamen die übrigen Mitbewohner zurück.

Die kommende Nacht saßen wir alle in unserem Luftschutzkeller. Es war Pflicht geworden, einen dafür passenden Kellerraum mit dicken Stämmen und Balken abstützen zu lassen und als Schutzraum auszuweisen.

Einmal in der Nacht läutete es an der Haustür. Unsere Wilhelmine ging nach oben und öffnete die Haustür. Sie brachte einen völlig abgehetzten jungen Soldaten mit in den Keller. Weil er bei uns nicht bleiben konnte, wurde er durch die Kellertür an der Rückseite des Hauses und die rückwärtige Gartentüre auf einen Fluchtweg durch die angrenzenden Gärten geschickt. In unserer Gegend waren früher Verbindungstüren zwischen den Gärten eingebaut, die nicht abgeschlossen waren.

Immer wieder einmal ging jemand nach oben, um zur Straße hin aus dem Fenster zu sehen. Als es am Morgen dämmerte, konnten wir im gegenüberliegenden Wald Soldaten erkennen, die durch eine andere Form ihrer Stahlhelme auffielen. Zu hören war weiter nichts.

Eine Weile später – es war schon heller Tag – klingelte es an der Haustüre. Mit unserer Wilhelmine gingen wir zur Tür, um aufzumachen. Da standen vor uns zwei amerikanische Soldaten mit auf uns gerichteten Gewehren, dazwischen das Dienstmädchen einer Familie vom übernächsten Haus in der Rathsberger Straße 48.

Sie waren gekommen, um einen Arzt zu holen, nämlich meinen Vater. Er sollte einer Frau, die seit den frühen Morgenstunden in den Wehen lag, bei der Geburt ihres Kindes helfen. Die Soldaten verlangten, daß der Arzt nur mit einer weiblichen Begleitung aus unserem Haus kommen durfte.

Mein Vater packte seinen Geburtshilfekoffer zusammen und befestigte eine weiße Binde mit rotem Kreuz am Arm. Dann verließ er uns mit unserer Wilhelmine, begleitet von den beiden Soldaten und dem Dienstmädchen aus der Nachbarschaft.

Meine Schwester und ich waren voller Angst, daß unser Vater nicht mehr zurückkehren würde. Doch nach einiger Zeit kam Erleichterung; immerhin kehrte unsere Wilhelmine wieder zu uns zurück, allerdings mit der schlimmen Nachricht, auf der Straße liege ein toter deutscher Soldat.

Nach der glücklichen Geburt eines Mädchens kam auch unser Vater wieder heim.

Sehr lange dauerte es nicht, bis es an der Haustüre wieder läutete. Es kamen wieder zwei Soldaten, aber ohne Gewehr. Unser Vater führte sie in unser Eßzimmer, stellte drei kleine Becher auf den Tisch, die er mit Kümmelschnaps (von der letzten Weihnachtszuteilung) füllte, und bot den Amerikanern das Getränk an. Nachdem mein Vater der Aufforderung, als erster zu trinken, gefolgt war, leerten auch sie ihre Becher. Meine Schwester und ich waren nur Zuschauer. Die Soldaten hatten zu uns nicht ein Wort gesagt. Trotzdem waren wir nun völlig ohne Angst, auch bei der nun folgenden Inspektion der Räume im Haus, die gar nicht lange gedauert hat. Unser Vater führte die beiden in sein Schlafzimmer, öffnete gleich die richtige Tür seines Schrankes. Die Soldaten interessierten sich für Photoapparat und Ferngläser. Bereitwillig gab unser Vater die Sachen heraus, und damit war dann auch die Inspektion beendet, und die Soldaten zogen wieder ab.

Ute und Hedwig Ochs vor dem Haus in der Meilwaldstraße 4, 12. März 1944

So erlebte ich mit meiner Schwester Hedwig – sie war damals acht Jahre alt – die Einnahme unseres Hauses, Am Meilwald 4.

Es dauerte bis in die 80er Jahre, bis ich erfuhr, wie der 15. April 1945 in dem Haus am nördlichen Anfang der Rathsberger Straße abgelaufen ist. Frau Ljubow, die Eigentümerin, erzählte mir die Begebenheit nach dem Tod ihres Mannes, der 1980 verstorben war. Hier ihre Geschichte, wie sie mir erzählt wurde:

In Ljubows Haus waren in der Waschküche im Keller mit eigenem Ausgang in den Garten über eine Außentreppe deutsche Soldaten einquartiert. Ich meine, sie sagte, acht Personen. Am Morgen kam die Gruppe zu den Hausleuten herauf, sie wohnten im Parterre, berichteten, sie hätten von draußen fremde Stimmen gehört und sagten, sie wollten sich ergeben. Die Eheleute gingen an die Haustür, Frau Ljubow öffnete und sagte zu den ihr gegenüberstehenden amerikanischen Soldaten: „Don’t shoot, I am a Russian.“ Daraufhin kam der Vorwurf, sie sei eine Lügnerin. Aber einer der amerikanischen Soldaten stammte aus Polen und entgegnete, sie habe recht, weil sie mit ihrem Mann Russisch spreche. Sie machte dann den Amerikanern klar, daß die einquartierten deutschen Soldaten nicht schießen würden. Daraufhin wurden deren Gewehre inspiziert. Bei einem Soldaten fanden sie Schmauch am Gewehr. Er wurde später draußen erschossen. Dann begann die Inspektion des Hauses. Im ersten Stock bat Frau Ljubow darum, ein Zimmer nicht zu betreten, weil da eine Frau in den Wehen lag, und sie erbat sich die Genehmigung, einen Arzt holen zu dürfen. Deshalb kam zu uns das Dienstmädchen, begleitet von zwei Soldaten.

Nach der Inaugenscheinnahme der Räume im Haus lud das Ehepaar die Soldaten in ihre Wohnung ein und bot ihnen heißen Tee an. Unter ihnen war ein Befehlshaber, der im Gespräch nach dem Weg zur Essenbacher Brücke fragte. Frau Ljubow riet, die Rathsberger Straße hinunterzugehen, worauf die Amerikaner weiterzogen.

Für meine Schwester und mich war der erste Anblick der Soldaten der amerikanischen Armee, wie sie mit ihren Gewehren vor uns standen, sehr erschreckend. Das hat sich beim zweiten Besuch, als unser Vater sie zu einem Schluck Kümmelschnaps eingeladen hatte – wir waren nur Zuschauer – völlig gewandelt in eine freundliche Atmosphäre. Damit hatte es sich für mich auch erübrigt, das Bettuch zum Fenster hinaushängen zu müssen.

Zwischen den beiden Situationen lag die Geburt eines gesunden Kindes in der Nachbarschaft zu einer Zeit, als Erlangen immer noch die Zerstörung durch die amerikanische Armee drohte.

Der letzte Kriegstag wäre sicher nicht so friedlich für unsere Häuser verlaufen, die wohl als erste von den Amerikanern, die vom Rathsberg her kamen, aufgesucht wurden, wenn da nicht die Sprachgewandtheit von Frau Ljubow aus Rußland gewesen wäre, und wenn sich da nicht der in der amerikanischen Armee dienende Soldat aus Polen mit seinen Russischkenntnissen eingeschaltet hätte. Es sind da Menschen aus vier Nationen, den USA, Polen, Rußland und Deutschland einander helfend zusammengestanden.

Frau Ljubow stammte aus Tiflis, ihr Mann Jewgenij aus Leningrad. Das Ehepaar hatte nach schlimmen Erlebnissen im Zug der Oktoberrevolution die Heimat verlassen und war über Nürnberg in Erlangen ansässig geworden.

Im Sommer 1980 bat mich Herr Jewgenij, an sein Krankenbett zu kommen, um sich zu verabschieden. Als er nach zwei Wochen gestorben war, bat mich die Witwe zu sich. Gemeinsam warteten wir auf den Hausarzt. Später sagte sie zu mir, als es um die Bestattung ging: „Wir haben auch im Tod keine Heimat“, denn sie bekäme nur im Westen von Erlangen ein Grab. Da käme sie alleine gar nicht hin. Sie war damals 79 Jahre alt. Dieses Gespräch führte dazu, daß ich sie fragte, ob sie ihren Mann auf dem Neustädter Friedhof in unserem Familiengrab beerdigen lassen wolle. Dankbar nahm sie mein Angebot an. Als sie fühlte, daß auch auf sie das Ende zukam, stellte sie die Frage, ob auch sie in unserem Familiengrab liegen dürfe. Diese Frage hatte ich nicht erwartet, ich hatte dies für selbstverständlich gehalten. Sie starb 1986, fast sechs Jahre nach ihrem Mann.

Familiengrab mit den russischen Nachbarn

Anfang 2015 suchte ich nach dem Mädchen, das am 16. April 1945 geboren wurde. Den Familiennamen wußte ich noch, auch den Ort, wohin die Familie bald nach dem Krieg umgezogen war. Ich fand die Adresse eines älteren Bruders und damit auch die Anschrift seiner Schwester Eva im Westen von Erlangen. So konnte ich sie zu ihrem 70. Geburtstag mit einem Blumenstrauß überraschen. Inzwischen war ich wiederholt mit einem Geburtstagsstrauß unterwegs, und ich traf die Jubilarin auch jedes Mal zu Hause an. Die Geschichte der Situation bei ihrer Geburt kannte sie. Ihre Eltern hatten ihr davon erzählt.

Ute Schirmer

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