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Archive for 8. November 2019

Die Übeltäter


Es begab sich anno 1885, daß ein fünfundzwanzigjähriger Arzt mit literarischen Ambitionen, tätig in einem Krankenhaus im Umland von Moskau, eine Erzählung veröffentlichte, in der ein Bauer von den Eisenbahnschienen Muttern abschraubte, um sie als Senkblei für das Angeln von Quappen zu verwenden. Geschildert wird dies alles im Dialog zwischen dem Übeltäter und dem Strafverfolger, dem es einfach nicht gelingen will, den Geständigen von der Unrechtmäßigkeit seines Handelns zu überzeugen. Warum sollte es verboten sein, sich solch einfache Hilfsmittel zu beschaffen, wenn doch gleichzeitig viel schwerer wiegende Straftaten wie die Annahme von Schmiergeld ungesühnt bleibe. Als dann klar ist, daß am Ende des Verhörs das Gefängnis wartet, erinnert sich der Antiheld auch noch seiner beiden anderen Brüder, die genau das gleiche Gewerbe betreiben, dafür aber – welch ein Unrecht! – nicht belangt werden. Die Geschichte hatte unter dem Titel „Der Übeltäter“ Erfolg bei den Lesern. Der junge Arzt hieß Anton Tschechow.

Die Jahre vergingen, erst einhundert, dann mehr als einhundertdreißig. Bis zum Sommer 2019, als in der Nähe von Murom im Gouvernement Wladimir drei dort einheimische Männer festgenommen wurden, weil sie ungefähr 200 Metallbolzen, Muttern und Scheiben mit einem Gesamtgewicht von mehr als einer halben Tonne vom Gleiskörper abgeschraubt hatten, um Geld daraus zu machen.

Ob sich das Trio auf ein literarisches Vorbild bezog, ist nicht überliefert, aber der Beleg dafür, daß Literatur über den Moment hinauswirkt, dürfte damit erbracht sein. Quod erat demonstrandum: vita brevis, ars longa.

P.S.: Zumindest in Deutschland wäre in unseren Tagen selbst der Versuch, Quappen, auch Ruppe oder Trüsche genannt, untersagt. In den Gewässern hierzulande gehört der Fisch nämlich zu den bedrohten Arten. Der Hinweis des Ertappten auf andere Schwarzangler und Wilderer dürfte da kaum verfangen.

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