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Archive for 8. Oktober 2019


– ohne böse Hexe, aber mit einer guten Fee

Es war einmal im Jahre 1992. Die zwei jungen Erlanger Studenten Andrea und Stephan bekamen ein Baby. Groß war das Glück, auch wenn es mit dem Abschluß der Berufsausbildung dadurch schwieriger wurde. Aber Universität und Stadt Erlangen sorgten für ihre Schäflein und stellten Krippen- und Kindergartenplatz zur Verfügung, damit beide Eltern in Ruhe zu Ende studieren konnten. Leider wurden sie dann nach Weiden, in die tiefe Oberpfalz, versetzt, wo sie ihre Stelle antreten bzw. das Referendariat ableisten sollten.

Da geriet die kleine Familie in große Not. Wer sollte das Kind beaufsichtigen und das viele Geschirr spülen, wenn die Eltern doch so schwer arbeiten mußten? Die Mutter weinte und klagte, doch der Mann legte tröstend den Arm um ihre Schultern und sagte: „Erlangen hat uns schon einmal geholfen, Erlangen wird uns auch jetzt nicht im Stich lassen.“

Natalia Chrulnowa und ihr Schützling

Da trocknete Andrea ihre Tränen und griff zum Telefonhörer. Und siehe da, erneut sollte die Stadt Erlangen in Gestalt des gütigen Peter Steger die Rettung sein. Dieser nahm den Zauberstab und schwupp, war sie da: Natascha.  Der Partnerschaftsbeauftragte hatte die Fee direkt aus Wladimir nach Nürnberg an den Busbahnhof gezaubert, wo Andrea sie nur noch abzuholen brauchte.

Die gute Fee und ihr verzaubertes Kind

Was für herrliches Leben begann nun für die Erlanger Familie in Weiden! Die gute Fee Natascha betreute liebevoll das kleine Mädchen, las ihm geduldig viele Stunden lang Urmel-Geschichten vor, begleitete es zur Schule, überwachte die Hausaufgaben, ließ sich vortanzen, stand jeden Tag lange in der Küche, denn Geld für eine Spülmaschine war nicht vorhanden, kochte „Walfisch im Schlafsack“ (oder so ähnlich), damit alle bei Kräften blieben, und spielte bis zur Erschöpfung Kniffel.

Natalia und Alexander Grebnjew mit Stephan, Andrea und der Großfamilie

Das einzige, was die liebe, gute Fee dafür haben wollte, waren morgens zwei Scheiben verkohltes Weißbrot. Dieser Wunsch wurde ihr natürlich gerne gewährt. Und bis heute nennt die Familie diesen Toast „Nataschabrot“. Nach einem Jahr allerdings verließ das freundliche Au-pair die Familie, Weiden und die Oberpfalz, um in Erlangen ihr segensreiches Wirken fortzusetzen. In Weiden allerdings flossen keine Tränen, denn sie sind alle nicht gestorben und bis heute gute Freunde.

Stephan mit der Brautjungfer und dem Ehepaar Natalia und Alexander Grebnev

Als die gute Fee nämlich einen Prinzen gefunden hatte und sich ans Heiraten machte, war die Familie zum Hochzeitsfest in Wladimir eingeladen und durfte dort im schönen Erlangen-Haus wohnen. Schließlich wurde auch Natascha eine Mama, und nur kurze Zeit später brachte der Storch zu Andrea und Stephan zum dritten und letzen Mal ein Kindchen. Noch heute, über 20 Jahre nach Herrn Stegers Zauberei, besuchen sich die beiden Familien, und die Kinder spielen zusammen.

Da sagen wir ganz herzlich: „Danke, Erlangen! Danke, Herr Steger! Danke, Natascha!“

Andrea und Stephan

Die Zauberwelt der Natalia Chrulnowa

Faktencheck: Wie fast alle Märchen hat auch dieses einen wahren Kern und spielt in einer längst verflossenen Zeit, unwiederbringlich verloren. Damals nämlich, in den 90er Jahren, war es dem Partnerschaftsbeauftragten tatsächlich erlaubt, mit Hilfe des Erlangen-Hauses Au-pairs gebührenfrei zu vermitteln. Dutzende von Fällen sind aktenkundig, bis nach Dinkelsbühl und Weiden reichten die Verbindungen. Doch es kam wohl – wenn auch nicht zwischen Erlangen und Wladimir! – zu Mißbrauchsfällen dieser großzügigen Regelung, eines Tages jedenfalls kam die Anweisung der Deutschen Botschaft in Moskau, ab sofort sei dieser Service nur noch professionellen Agenturen vorbehalten. Eine Zeitlang arbeitete das Partnerschaftsbüro noch mit diesen zusammen, doch die bürokratischen Hürden wurden immer höher, weshalb heute der Zauberstab leider im Schrank bleibt, wenn er nicht gerade ein anderes kleines Wunder der Verständigung zwischen Russen und Deutschen wirkt. Aber das ist dann schon wieder ein neues Kapitel…

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