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Archive for 6. Oktober 2019


Hätte man früher davon gewußt, wäre es nahegelegen, das Ensemble auch nach Erlangen einzuladen. So aber traten die Wladimirer Hornbläser gestern nur am Offenen Tag des Russischen Hauses in Berlin auf.

Die noch zu DDR-Zeiten an der Friedrichstraße erbaute Einrichtung – zunächst für den Wissenschaftsaustausch mit dem Bruderland Sowjetunion gedacht – bietet alles, was man sich von einem Kulturzentrum nur wünschen kann: vom Kinosaal bis zur Bibliothek, von Ausstellungsflächen bis zu Unterrichtsräumen und Spielzimmern.

Schade nur, daß man die vorhandenen Flächen nicht optimal nutzte, um die verschiedenen Interpreten und Gruppen über den Tag hinweg publikumswirksam auftreten zu lassen. Aber wer zugegen war, ließ sich davon kaum stören, jedenfalls nicht beim Auftritt des Folklore-Ensembles aus Wladimir.

Die Schalmei, das Horn oder die Flöte bläst man in der Region Wladimir schon seit Jahrhunderten, zunächst als Mittel der Verständigung von Hirten, die das Vieh auf den endlosen Wiesen etwa zwischen der Partnerstadt und Susdal weideten, später auch als eigene Kunstform.

Mitte des 19. Jahrhunderts tat sich im Kreis Kameschkowo eine Gruppe Leibeigener zusammen, die begannen, diese Volkskunst zu kultivieren und vor Publikum aufzutreten. So erfolgreich, daß die Musiker 1883 nach Sankt Petersburg eingeladen wurden, wo sie „helle Begeisterung“ auslösen, wie ein Zeitzeuge in einem Brief berichtete.

1892 in Le Monde Illustré

Und in der Zeitung stand zu lesen: Gespielt wird auf einfachen Pfeifen und Hörnern, von einem bis zu drei Fuß lang und mit mindestens vier und nicht mehr als elf Öffnungen versehen. Die Klänge ähneln derart der menschlichen Stimme, daß viele, die die Musiker selbst nicht sehen konnten, meinten, diese würden singen und nicht spielen.“

Aber sie spielten und sangen sich nicht nur in die Herzen ihrer Landsleute, sondern wurden auch in Paris gefeiert. Am 28. Februar 1882 schrieb der Figaro auf Seite 1:

Dieser Tag darf als einer der besten angesehen werden. Der gestrige „Five o’Clock“ war besser besucht als üblich, und jeder verließ die Veranstaltung unter Gelächter, interessiert, verzaubert und hingerissen. Den Abend eröffnet hatte ein Konzert der Hornbläser, jener berühmten russischen Bauern, die auf Hörnern spielen, von denen der Figaro bereits berichtet hatte und die vor ihrer Abreise aus Rußland bereits die Ehre hatten, vor dem Zarenpaar aufzutreten. Nun feiern sie, wenige Tage später, auch ihre Erfolge beim französischen Publikum. In diesem Moment streiten sich zwei Theater, deren Direktoren unter unseren Gästen waren, um den Auftritt der Musiker.

Die Geschichte endete bei allem Erfolg, der zwei Monate lang andauerte, mit einem Fiasko für die Truppe, denn ihr Leiter machte sich mit der Kasse aus dem Staub und ließ das Ensemble mittellos zurück. Zu Fuß machten sich die geprellten Musiker auf den Heimweg zu ihren Familien im fernen Wladimirer Land.

Da hat es die 1997 gegründete Gruppe natürlich leichter – als eines der kulturellen Aushängeschilder der Partnerstadt. Die musikalischen Botschafter erhalten von der Regionalverwaltung ein festes Salär und reisen als Gesandte der Folklore nicht auf eigene Rechnung oder gar auf Schusters Rappen. Klang und Auftritt ihrer Vorgänger können wir nur noch erahnen, aber das heutige Ensemble sollte man wirklich einmal erleben. Am besten natürlich in Wladimir oder vielleicht auch eines Tages in Erlangen. Die Truppe würde auch das fränkische Publikum mit ihrem frischen und fast schon rockigen Auftreten begeistern. Zumindest kann jetzt niemand mehr – nach der Lektüre des Blogs und des Facebook-Eintrags mit mehr Bildern unter https://is.gd/Dlyc6c – sagen, man habe von nichts gewußt.

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