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Archive for Oktober 2019


Gestern beging man wieder in der ganzen Russischen Föderation den Tag des Gedenkens der Opfer des Terrors und der Willkür. Allein in der Region Wladimir gelten 11.520 Menschen als verfolgt und verhaftet; 1.973 von ihnen stellten die Scharfrichter an die Wand, 7.494 landeten im Gulag und 1.445 wurden in die Verbannung geschickt. Nicht enthalten in diesen Zahlen des Schreckens sind die mehr als 25.000 Angehörigen der sogenannten Kulaken (Großbauern), die ihre Gehöfte an Kolchosen und Sowchosen verloren. Etwa 700 Überlebende jener Zeit zählt man heute noch in der Partnerstadt, in der ganzen Region sollen es gut 3.000 sein. Eine Handvoll kam gestern in Wladimir zusammen, um an die Epoche der Unterdrückung zu erinnern.

Gedenkstunde für die Opfer des Stalinismus

Unterdessen ist, weitgehend unbeachtet von der deutschen Öffentlichkeit, am vergangenen Sonntag Wladimir Bukowskij in Cambridge an einem Herzinfarkt verstorben. Dabei galt der 76jährige Neurophysiologe zusammen mit Alexander Solschenizyn seinerzeit als Symbolfigur der Dissidenten und Gewissenshäftlinge der Sowjetunion. Für seine gegen die herrschende Ideologie gerichteten Ansichten saß der Autor insgesamt zwölf Jahre in verschiedenen Lagern, psychiatrischen Anstalten und Gefängnissen, darunter im Wladimirer Zentral, ab, bevor er 1976 zusammen mit seiner Mutter am Flughafen Zürich gegen Luis Corvalan, den Führer der KP Chiles, ausgetauscht wurde.

Wladimir Bukowskij

1942 in Baschkirien geboren, verwies man den „bösartigen Rowdy, der sich antisowjetisch betätigt“ mit 17 Jahren von der Schule, weil er sich an der Herausgabe einer kritischen Zeitschrift beteiligt hatte. Anfang der 60er Jahre gehörte er zu den Organisatoren von öffentlichen Lesungen verbotener Lyrik am Wladimir-Majakowskij-Denkmal in Moskau, und schon wenig später wurde der widerspenstige Geist drei Mal psychiatrisch zwangsbehandelt und inhaftiert, weil er zensierte Bücher veröffentlichte, eine Demonstration für die Dissidenten Andrej Sinjawskij und Julij Daniel vorbereitete und gegen die Verhaftung von Alexander Ginsburg protestierte.

1971 dann die vierte Verurteilung zu sieben Jahren Haft wegen „antisowjetischer Agitation und Propaganda“. Die ersten eineinhalb Jahre davon verbrachte er im Wladimirer Zentral, wo damals mehr als 80 Dissidenten einsaßen, ein Grund übrigens, warum es bei der Aufnahme der Kontakte zur späteren Partnerstadt in Erlangen und weit darüber hinaus Widerstand von Menschenrechtsgruppen gab. Wladimir Bukowskij wurde später in das berüchtigte Lager Perm-36 im Ural verlegt, bevor man ihn 1974 als „unverbesserlichen Störer der Haftordnung“ nach Wladimir zurückschickte.

Als „Mensch von unerhörter moralischer Statur“ beschrieben ihn jene, die sich für Wladimir Bukowskij einsetzten, als jemanden der „seiner Heimat ergeben und ein Mann mit Seele und geschärftem Gewissen“ sei. Im englischen Exil – während der Haft hatte er mit großer Konsequenz englische Vokabeln repetiert, um dem Stupor zu entgehen – schloß er die Universität von Cambridge ab, schrieb Bücher, betätigte sich politisch, half bei der Organisation einer internationalen antikommunistischen Initiative, kämpfte gegen die Politik von Boris Jelzin wie von Wladimir Putin und wollte sich 2007 sogar für die Präsidentschaftswahlen in Rußland aufstellen lassen, was ihm freilich verweigert wurde. Seine letzten Lebensjahre überschattete nicht nur sein schlechter Gesundheitszustand, sondern auch die Anklage der königlichen Staatsanwaltschaft, Kinderpornographie hergestellt und gespeichert zu haben. Wladimir Bukowskij wehrte sich dagegen mit einem Hungerstreik und mutmaßte, der russische Geheimdienst stecke hinter der Sache. Der Prozeß wurde schließlich wegen Erkrankung des Angeklagten eingestellt. Es gilt also: In dubio pro reo.

Modell des Wladimirer Zentralgefängnisses aus Knetgummi, hergestellt von Wladimir Bukowskij

Bleiben werden seine Schilderungen der Haft im Wladimirer Zentral, dargestellt im „Wind vor dem Eisgang“ aus dem Jahr 1978, in dem sich ein Nachbau des Gefängnisses aus Knetgummi findet. Die Internetplattform Zebra-TV zitiert ausführlich aus diesem Buch von Wladimir Bukowskij. Auszüge davon nun hier in deutscher Sprache im Blog:

Jetzt waren es gerade einmal noch um die 20.000 politische Häftlinge im Land, etwa ebensoviele wie früher in einem Winter in Norilsk ums Leben kamen. Aber im Westen ahnte man bereits, daß deren Schicksal, ihre eigene Zukunft teilweise im Wladimirer Gefängnis entschieden würde. Die westliche Presse begann, uns eine gewisse Aufmerksamkeit zu schenken, sogar in unseren Krieg mit dem Regime einzudringen, aber eben nur grammweise, graduell und zentimeterweit. Man interessierte sich plötzlich für die Menschlichkeit, ob es ein Gefängnis mit menschlichem Antlitz geben könne. Uns kam das sehr gelegen, denn mit dem Gefängnis hatten wir seit langem Bekanntschaft geschlossen, aber das menschliche Antlitz fehlte schmerzlich. Und dann kam es plötzlich vor, daß wir unseren turnusgemäßen Hungerstreik noch gar nicht hatten beenden können, als uns die Wärter schon hinter vorgehaltener Hand Einzelheiten einer Sendung der BBC oder des Senders „Swoboda – Freiheit“ zu just jenem Hungerstreik wissen ließen. Sie hatten sogar ihren Spaß an diesem Ätherkrieg.

1976 saß ich zum Beispiel in Wladimir mit einem 47jährigen armenischen Zahnarzt aus Baku ein. Er hatte Unterschlagungen und Bestechungen in seinem Arbeitsbereich bis ans Zentralkomitee der KPdSU gemeldet, aber nichts ausgerichtet. So kam er mit der Zeit zu der Überzeugung, man vertusche dort in Moskau derartige Fälle. Also schrieb er mehrfach an Leonid Breschnjew und schilderte die Machenschaften der Machthaber in Aserbajdschan. Schlußendlich verhaftete man ihn und verurteilte ihn für antisowjetische Propaganda zu drei Jahren Haft und vier Jahren Lager. Seine Schuld freilich konnte er einfach nicht einsehen. „Wen soll ich denn agitiert haben?“ fragte er vor Gericht. „Etwa Breschnjew?“ – „Wissen Sie“, antwortete man ihm. „Breschnjew hat viele Sekretäre, Mitarbeiter und Referenten. Eben jene haben Sie agitiert.“

In meiner Zelle saßen zwei weitere Häftlinge. Einer von ihnen begann, kaum daß er sich den Schlaf aus den Augen gerieben hatte, Parolen zu rufen: „Schluß mit der bolschewistischen Sklaverei! Freiheit und Amnestie für alle! Unabhängigkeit für den ukrainischen Staat!“ Den ganzen Tag über schrie er wie von Sinnen und ohne Unterlaß. Später erfuhr ich, daß er wegen „ukrainisch-bürgerlichem Nationalismus“ inhaftiert war und 17 Jahre in Wladimir einsaß, wo er irgendwann den Verstand verlor. Er wurde jeden Tag unbarmherzig geschlagen, die Wärter hatten es satt, seine Schreie zu hören. Man schloß die Tür, und sechs Mann warfen sich wie Hunde auf ihn. Am ersten Tag wollte ich noch dazwischengehen, aber ich bekam derart eins übergezogen, daß ich unters Bett flog und mit Mühe wieder hochkam. Ich konnte ihm mit nichts helfen, aber schweigend zuzusehen, wie sie ihn prügelten, hielt ich auch nicht aus.
Da ergeht also an eine übergeordnete Dienststelle neben weiteren Zahlen und Angaben, Berichten und Mitteilungen über den Fortgang des Aufbaus des Kommunismus die Meldung von 75.000 Beschwerden gegen das Wladimirer Gefängnis und gleich gegen die Haftanstalten der gesamten Region im jeweiligen Rechenschaftsperiode. Niemand hat diese Beschwerden je gelesen, aber die Zahl klingt unerhört. Sie bringt gleich die ganze Statistik durcheinander, stört diese oder jene Parameter beim sozialistischen Wettbewerb dieser oder jener Belegschaft, Behörde oder gar Regionalverwaltung. Niemand hat etwas davon: Die ganze Region fällt von den vorderen Plätzen nach hinten, das eine oder andere führende rote Banner, eine Auszeichnung oder ein Pokal werden aberkannt. Die Werktätigen sind unzufrieden, im Regionalkomitee der Partei bricht Panik aus, und in euer Gefängnis schickt man umgehend eine hochrangig besetzte Kommission.

Wladimir Bukowskij

Selbst im Exil blieb Wladimir Bukowskij ein unbequemer Kopf, der nicht nur die Politik in seiner Heimat kritisch verfolgte, sondern auch vor dem überbordenden Bürokratismus der Europäischen Union warnte. Zum Abschluß noch drei Zitate des Verstorbenen:

Die Demokratie ist kein gemütliches Haus, kein schönes Auto, kein Arbeitslosengeld, sondern zuvorderst das Recht zu kämpfen und der Wille zum Kampf.

Rußland ist ein Land der Sklaven. Die Russen hatten nie eine Demokratie und werden nie eine haben. Sie sind nicht geeignet für sie. Man braucht es gar nicht erst versuchen. Anders läuft es nicht mit unserem Volk!

Ich begriff früh, was der Tod ist. Wir wohnten in einer Kommunalka, meine Großmutter, die mir aus Schukowskij und Puschkin vorlas, starb praktisch unter meinen Augen. Ich begriff, daß auch mich das treffen wird. Dabei war ich nicht religiös, ich begriff, daß man da verschwindet. Ich werde nicht daran denken und bedauern, zu kurz gelebt zu haben, wenn ich einmal früher gehen sollte. Deshalb hatte ich auch nie Furcht vor dem Tod.

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Wieder ist eine prägende Persönlichkeit der Zusammenarbeit zwischen den Partnerstädten für immer gegangen. Klemens Stehr, von 1977 bis 1998 Direktor der Klinik mit Poliklinik für Kinder und Jugendliche der Universität Erlangen-Nürnberg, ist am 6. Oktober im Alter von 79 Jahren verstorben. Während seiner 21jährigen Leitungstätigkeit baute der Professor für Pädiatrie an seiner Wirkungsstätte die Neonatologie, Intensivmedizin, Kardiologie, Nierenkrankheiten mit Dialyse und Nierentransplantation sowie Onkologie mit Knochenmarktransplantation weiter aus. Seinem Spezialgebiet, der Infektiologie, insbesondere der Prävention durch Impfungen, und der Jugendmedizin galt sein großes Engagement. Da vor allem chronisch kranke Kinder bis zum Abschluß des Wachstums von Pädiatern betreut werden, benannte man konsequenterweise im Jahre 1985 das Erlanger Krankenhaus als erstes zusammen mit der Universitäts-Kinderklinik in Essen um in Klinik für Kinder und Jugendliche. Dies hatte Signalwirkung für viele andere Kliniken. Aber erst 1996 folgte die Deutsche Gesellschaft für Kinderheilkunde diesem Beispiel und heißt nun Deutsche Gesellschaft für Kinderheilkunde und Jugendmedizin.Seit 1989 war Prof. Stehr fast 10 Jahre Mitglied der Ständigen Impfkommission des Robert-Koch-Institutes in Berlin. Auch im Ruhestand blieb er ein gefragter Impfexperte. Für seine Tätigkeit wurde Klemens Stehr 1995 mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt. 1999 erhielt er den Bayerischen Verdienstorden als „Zeichen ehrender und dankbarer Anerkennung für hervorragende Verdienste um den Freistaat Bayern und das bayerische Volk“.

Swetlana Makarowa und Klemens Stehr, September 2018 in Erlangen

Unter der Ägide von Klemens Stehr begann 1990 die Kooperation mit dem Kindernotfallkrankenhaus Wladimir, koordiniert und vorangetrieben von Dieter Wenzel, mit all den Lieferungen an Gerät – vom Labor über die Wasseraufbereitungsanlage bis hin zu Inkubatoren und Medikamenten – sowie den Schulungsangeboten und Hospitationen für das medizinische Personal aus der Partnerstadt. Was damals seinen segensreichen Anfang nahm, wirkt bis heute nach und fand einen harmonischen Höhepunkt, als im Vorjahr Swetlana Makarowa, ärztliche Direktorin des Kinderkrankenhauses zur Verabschiedung von Wolfgang Rascher, dem Nachfolger von Klemens Stehr, nach Erlangen kam und noch einmal mit dem emeritierten Kollegen zusammentraf und für die bald dreißigjährige Unterstützung dankte.

Adolf Hüttl, Klemens Stehr und Peter Steger, April 2002 in Wladimir

Klemens Stehr zeichnete sich auch durch ein großes ehrenamtliches Engagement aus. Seit 1980 gehörte er als Gründungsmitglied dem Rotary Club Erlangen an, dem er im Jahr 2001/2002 als Präsident vorsaß. In diese Zeit fiel auch seine Reise nach Wladimir, begleitet von seinem rotarischen Freund und früherem KWU-Chef, Adolf Hüttl, mit dem Ziel, die Verbindungen zu dem damals eben erst gegründeten russischen Partnerklub auszubauen. Für seine besonderen Verdienste wurde der Kinderarzt von Rotary International die Paul-Harris-Fellow-Auszeichnung verliehen. Klemens Stehrs großer Beitrag zum Gelingen der Städtepartnerschaft bleibt unvergessen.

Einträge ins virtuelle Kondolenzbuch sind hier möglich: https://is.gd/9zBz2B

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Es wird ja immer wieder beklagt, auf der zwischenstaatlichen Ebene mangele es an Dialog. Diese Unzufriedenheit mag mit den vielen Disharmonien im Austausch zwischen Berlin und Moskau zu tun haben. Aber wer genau hinhört, kennt auch die Vielzahl von Foren und Plattformen, wo Russen und Deutsche sich austauschen, auch im Widerstreit und Dissens, aber immer mit dem Willen zur Verständigung. Davon spricht auch Dirk Wiese, seit April vergangenen Jahres, Koordinator für die zwischengesellschaftliche Zusammenarbeit mit der Russischen Föderation, Zentralasien und den Ländern der Östlichen Partnerschaft, in diesem Mitschnitt seiner Erwiderung auf Kritik seitens der AfD und der Linken an der Rußlandpolitik der Bundesregierung: https://is.gd/9IG7Ad

Harry Scheuenstuhl, Dirk Wiese, Carsten Träger und Peter Steger, gesehen von Franz Rabl

Was Dirk Wiese mit der Städtepartnerschaft Erlangen-Wladimir verbindet, ist hier nachzulesen: https://is.gd/Eo7tr2

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Inhaltlich darf man den heutigen Eintrag durchaus als Fortsetzung des gestrigen Berichts über den Besuch der beiden Erlebnispädagogik-Professoren aus Nürnberg in Wladimir verstehen. Nur Ort und Zeit stehen dazwischen und der höhere Praxisanteil.

Arina Alstut stehend, 2. v.l.

Seit 2010 gibt es eine von Jürgen Ganzmann, Leiter des Zentrums für Selbstbestimmtes Leben, und Leonhard Hirl, Gründer der WAB Kosbach, aus Erlangen sowie Jurij Katz, Gründer der Selbsthilfeorganisation Swet in Wladimir, getragene Zusammenarbeit mit dem von Bernd Schleberger, ehemaliger Leiter der  Oberbrucher Rurtal-Schule, in Pskow zusammen mit der Evangelischen Kirche im Rheinland aufgebauten Netzwerk der Sonderpädagogik. Mehr dazu ist hier zu lesen: https://is.gd/fWg0YT

Bernd Schleberger, 1. Reihe, 3. v.l. und Arina Alstut, 7. v.l.

Nach dem letzten Treffen im April in Pskow nahm nun Arina Alstut, Mitarbeiterin des Zentrums für Selbstbestimmtes Leben, vom 16. bis 21. September an der russisch-deutschen Tagung der „Baikal-Plattform für Sozialarbeit“ zum Thema „Soziale Hilfen und soziale Begleitung im Alter und bei Behinderung“ teil. Ziel der Veranstaltung mit mehr als einhundert Fachleuten war es, die Erfahrungen aus beiden Ländern anhand konkreter Fallbeispiele auszutauschen.

Arina Alstut und Bernd Schleberer, 1. Reihe, 4. u. 3. v.r.

In acht Arbeitsgruppen und bei Besuchen in Kinder- und Altenheimen sowie Einrichtungen für Behinderte näherte man sich dem Thema an, wobei Arina Alstut, im Zentrum für Selbstbestimmtes Leben zuständig für Fragen der Familie, Bildung und Sozialarbeit, Gelegenheit zu einem Vortrag über ihre Erfahrungen erhielt. Offenbar mit so viel Erfolg, daß sie bereits eine Einladung zur Folgeveranstaltung im November nach Moskau erhielt, wieder gefördert vom Bundesverband Deutscher West-Ostgesellschaften.

Arina Alstut, 1. Reihe, 2. v.l.

Schon eine besondere Auszeichnung für Erlangen und Wladimir als einziges Paar einer deutsch-russischen Städtepartnerschaft bei dem Pilotprojekt „Inititative Pskow“ der Evangelischen Kirche im Rheinland mitwirken zu können!

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Es gehört zu den Glücksfällen der Städtepartnerschaft, wenn nach einem wie auch immer bedingten Ausscheiden einer prägenden Persönlichkeit aus dem aktiven Austausch die Nachfolge gelingt. Ein leuchtendes Beispiel dafür ist die Fortsetzung der wissenschaftlichen Zusammenarbeit mit Wladimir im Bereich Erlebnispädagogik, initiiert vom mittlerweile emeritierten Werner Michl, und nun fortgeführt von Cosimo Mangione und Wolfgang Wahl. Siehe hierzu: https://is.gd/Vxfr7P

Cosimo Mangione und Wolfgang Wahl, beide Professoren an der Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Technischen Hochschule Georg Simon Ohm Nürnberg, folgten einer Einladung der Staatlichen Alexander-und-Nikolaj-Stoletow-Universität und reisten vom 15. bis 20. Oktober nach Wladimir, um an einer wissenschaftlichen Tagung teilzunehmen. Das Thema der Tagung lautete „Psychological support and social assistance of a person during crisis periods“. Tagungssprachen war Russisch und Deutsch. Die Vorträge wurden jeweils synchron übersetzt.

Cosimo Mangione am Rednerpult

Organisiert wurde die Veranstaltung von Olga Filatowa, Leiterin des Lehrstuhls für die Psychologie der Persönlichkeit und Fachpädagogik an der Universität Wladimir. Neben den Nürnberger Wissenschaftlern waren auch Kollegen aus Polen, der Tschechischen Republik, von der Hochschule Linz, aus der Schweiz und natürlich aus der Russischen Föderation selbst mit dabei. Zwei Tage lang tauschten sich die Fachleute aus Forschung und Praxis zu ganz unterschiedlichen Aspekten der Krisenbewältigung aus. Spannende Einblicke in die klinisch-psychologische Arbeit vor Ort gaben Psychologinnen der regionalen Psychiatrischen Klinik von Wladimir. Ein Teil der Tagung fand dort sowie am Zentrum für Sprachpathologie und Neurorehabilitation statt.

Die beiden Nürnberger Hochschullehrer nutzten den Aufenthalt gleichzeitig dazu, Einrichtungen der Behindertenhilfe vor Ort zu besichtigen. Jurij Katz führte durch die Räumlichkeiten von „Swjet“ in Wladimir und Susdal. Ein hoher Stellenwert wird in diesen betreuten Wohnformen auf die Selbstbestimmung der Bewohner gelegt.

Behindertengerechtes Gästehaus der Selbsthilfeorganisation Swet in Susdal

Insgesamt, so fassen beide ihre Eindrücke zusammen, sind vor allem die finanziellen und räumlichen sowie materiellen Rahmenbedingungen für soziale und psychotherapeutische Arbeit vor Ort schwieriger als in vergleichbaren Einrichtungen in Deutschland. Die Fachkräfte gleichen dies aber umsomehr mit persönlichem Engagement und Kreativität aus. Beeindruckt waren die Gäste auch von der außergewöhnlichen Gastfreundschaft und dem großen persönlichen Einsatz der Organisatoren, die das Treffen für beide zu einem ganz besonderen Erlebnis werden ließen. Zahlreiche Studenten waren den Tagungsgästen als Betreuer und persönliche Übersetzer zur Seite gestellt.

Im August 2020 ist in Wladimir und Susdal eine internationale „Sommeruniversität“ geplant, bei der unter anderen auch eine Studentengruppe aus Nürnberg teilnehmen wird.

Wolfgang Wahl

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Nach fünf Jahren sehnsüchtigen Wartens hatten wir – Meloco – über das zweite Oktoberwochenende die Möglichkeit, erneut eine kleine Tour in Rußland zu spielen. Dieses Mal begleiteten wir die Band Impvlse, die letztes Jahr den Publikums-Förderpreis beim Newcomer-Festival in Erlangen gewonnen hatte. Unsere Tournee bestand aus drei Konzerten in Wladimir, Murom und Kowrow, bei denen wir jeweils von den russischen Bands Bosphorus Night, Fatal Выstrel, Metamorphis, Abandoned Land und Ragged Jeans begleitet wurden. Die genannten Gruppen hatten neben den Konzerten ein buntes Spektrum an Sightseeing-Aktionen für uns geplant, und so konnten wir neben Stadtführungen auch beispielsweise die örtlichen Music-Stores und Restaurants besuchen.

Meloco

Vom Transport über die Tagesplanung bis hin zu den Konzerten war alles perfekt und mit viel Liebe organisiert. Wir trafen hier Menschen, die mit unglaublich viel Zeit, Geld und vor allem mit viel Leidenschaft die Partnerschaft zwischen unseren Städten und Ländern pflegen. Durch die Liebe zur Musik und die gegenseitigen Wertschätzung sind viele dieser Menschen zu guten Freunden geworden. Zwar trennen uns zweitausend Kilometer, doch ist es durch die heutige Social-Media-Welt deutlich einfacher im regelmäßigen Kontakt zu bleiben.

Tom Weinhold und eine russische Rock-Muse

Wir haben erneut ein Land und dessen Menschen kennenlernen dürfen, die wir durch die Schönheit ihrer Städte, aber vor allem auch durch ihre grandiose Gastfreundschaft nie vergessen werden.

Tom Weinhold

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Von Montag bis Donnerstag besuchte Marcus Redel, Leiter des Betriebs für Stadtgrün, Abfallwirtschaft und Straßenreinigung, die Partnerstadt, um mit seiner Expertise den Fachleuten in der Region Wladimir Anregungen bei der anstehenden Umsetzung der notwendigen Reformen zur Müllvermeidung und beim Recycling Impulse zu geben. Diese Thematik wurde bereits im Juni ausführlich im Rahmen des Diskussionsforums „Prisma“ mit Gästen aus Wladimir besprochen, und am Ende der Tagung stand der Wunsch der russischen Seite, möglichst bald jemanden aus Erlangen mit Fachwissen zu entsenden. Siehe hier https://is.gd/8qpTqT und https://is.gd/w6SQJy

Alexander Rytschkow, Wjatscheslaw Kartuchin, Marcus Redel und Marina Gedina

Der Blog berichtete immer wieder über die Dramatik der Müllfrage in der Partnerstadt, und die Internetplattform Zebra-TV, das gestern – ebenso wie der staatliche Lokalsender ausführlich über den Auftritt von Marcus Redel am Dienstagnachmittag berichtete, stellt anschaulich dar, in welcher Konstellation der Referent aus Erlangen seinen Vortrag zu halten hatte:

Die Russen können sich einfach noch nicht an die Mülltrennung gewöhnen. Eine Vielzahl von Versuchen unternahm man bereits, um bei uns ein System einzuführen, das dem in Deutschland ähnelt. Bis 2024 sollen nun nicht weniger als 60% der festen Müllmengen wiederverwertet werden. Doch die Aussichten sind durchwachsen. In der Region Wladimir fallen beispielsweise p.a. mehr als 650.000 t Abfälle an, und es ist von mehr als 1.800 illegalen Müllkippen zu rechnen, obwohl es über 70 Organisationen gibt, die in der Abfallverwertung tätig sind. Die mechanischen Prozesse zur Mülltrennung sollten mit einer vernüftig gestalteten Gesetzgebung beginnen, meint Wjatscheslaw Kartuchin:

Man kann heute folgendes sagen: Die Region Wladimir hat es versäumt, rechtzeitig ins Programm der Müllreform einzusteigen. Es liegen jetzt derart viele Entwürfe und normative Dokumente vor, daß sich darin selbst Fachleute kaum mehr zurechtfinden. Der Hauptakteur bei der Müllfrage, die Bevölkerung, befindet sich in völliger Unkenntnis von Regeln, Tarifen und Methoden der Abfalltrennung.

Und so berichten die Medien über den Besuch des Fachmanns aus Erlangen:

Marcus Redel und seine Dolmetscherin, Marina Gedina

Die Erfahrung der Kollegen aus Deutschland. Im Rahmen der Gesprächsplattform „Prisma: Erlangen-Wladimir“ und des Kommunalverbandes der Region Wladimir besprach man Fragen der Wiederverwertung von Abfällen.

Stromgewinnung aus Müll, Dünger für den Garten aus einfachen Speiseresten. Vielen mag das als irreal erscheinen. In Deutschland macht man das schon seit 30 Jahren! Bei dem Praxis-Seminar in der Wladimirer Filiale der Präsidialakademie für Verwaltung und Volkswirtschaft diskutierte man Fragen der Sammlung und Wiederverwertung von Müll.

Unsere russische Seite ist derzeit daran interessiert, dieses Problem anzupacken und zu lösen. Auf staatlicher Ebene werden diesbezüglich sehr ernsthafte Anstrengungen unternommen, und es ist sehr wichtig, allen an diesen Beziehungen beteiligten Akteuren zu verdeutlichen, was von ihnen gefordert wird.

Wjatscheslaw Kartuchin, Direktor der Akademie und stellv. Vorsitzender der Wladimirer Regionalduma

In Deutschland ist die Mülltrennung in die Wirtschaft des Landes eingebunden. Je besser die Abfälle gesammelt werden, desto höher ist der Anteil der Wiederverwertung. So macht man aus losen Blättern neue Hefte, während verschmutztes Papier einfach verbrannt wird. Die Trennung hängt von jedem einzelnen Menschen ab und ist gesetzlich geregelt, vor den Häusern stehen verschiedene Tonnen: für organische Abfälle, Papier und Karton, Plastik, Metall und sogar Elektrogeräte. Aber das war nicht immer so.

In Deutschland stand es um die Müllproblematik noch vor 30 bis 40 Jahren nicht besser als heute in der Russischen Föderation. Im Lauf dieser Zeit machten wir freilich sehr gute Erfahrungen. Das Schlüsselmoment ist das Sammeln jener Abfälle, die für das weitere Recycling verarbeitet werden können. Der Müll, der für die Wiederverwertung nicht mehr in Frage kommt, sollte thermisch behandelt und so verbrannt werden, daß er für die Umwelt keine Gefahr mehr darstellt.

Marcus Redel, zuständig bei der Stadt Erlangen für Müllverwertung und Straßenreinigung

Die Erfahrungen des Auslands zu bewerten, ist besonders wichtig. Umso mehr als unsere Region mit Verspätung die Abfallreform einleitet. Um wertvolle Ratschläge bei der Trennung und Weiterverarbeitung fester kommunaler Abfälle zu erhalten, versammelten sich die Oberhäupter von Städten und Kreisen der Region Wladimir.

Das Problem hat viele Aspekte. Wir wünschen uns nicht nur sozusagen einen Erfahrungsaustausch, sondern wir wollen konkret hören, wie man das in Deutschland anpackt, um dann etwas Gemeinsames zu finden, für sich Schlüsse zu ziehen und das eine oder andere dann auf dem eigenen Gebiet anzuwenden.

Jewgenij Rytschkow, Landrat von Murom

Das Problem zu lösen, hilft die Wiederverwertung mit einem maximalen Nutzen, wie die Erfahrung der deutschen Wissenschaftler lehrt. Allerdings genügt es nicht, richtig zu trennen und die Abfälle zu recyceln, sondern man darf auch keine unkontrollierte Zunahme von neuem Müll zulassen. Es geht darum, die „Müllfrage“ auf „intelligente“ Weise anzugehen.

Die Reportage ist zu sehen unter: https://vladtv.ru/society/103523

Im Publikum. Alle Bilder von Zebra-TV.

Für die Umsetzung des Prozesses der Wiederverwertung bezahlt man eine Abgabe, die unmittelbar von der individuell produzierten Abfallmenge abhängt. Außerdem tragen auch die Hersteller ihren Anteil zur Lösung des Problems bei, für sie lohnt sich das Recycling von Rohstoffen. Es gibt aber auch ein Problem, das, wie Marcus Redel sagt, bisher nicht gelöst ist: Man komme mit den Produzenten noch nicht bei der Einführung von Verpackungen überein, die man einfach und ohne großen Aufwand wiederverwerten könnte.

Die Kultur eines vernünftigen Konsums helfen in Deutschland Fachleute zu schaffen. So erklären beispielsweise in Kindergärten und Schulen Berater den Nutzen der Mülltrennung. Bei uns gibt es dergleichen noch nicht. Aber das ist eine Frage der Zeit. Die ausländische Erfahrung schätzten neben den Studenten auch die Leitungskräfte der kommunalen Selbstverwaltung, die das Problem unmittelbar betrifft. Deshalb bat man den Referenten auch, alles bis ins letzte Detail zu erklären. Die so vermittelten Informationen können an die Gegebenheiten der Region Wladimir adaptiert und umgesetzt werden.

Im Original nachzulesen bei Zebra-TV unter: https://is.gd/yrgm36

 

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