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Archive for 11. August 2019


Mein Wladimir-Abenteuer begann eigentlich schon auf dem Weg hierher. Da ich vorher in Weißrußland war, konnte ich nur von Minsk aus nach Moskau fliegen (der belarussisch-russische Grenzübertritt auf dem Landweg ist für Deutsche verboten). Vom Flughafen aus machte ich mich auf den Weg zum Bahnhof Kurskaja, von wo mein Zug nach Wladimir abfahren sollte. Alles klappte fabelhaft; ich hatte dort sogar noch Zeit, mir eine russische SIM-Karte zu besorgen. Ging also in Ruhe zum Bahnsteig, ließ entspannt noch eine dieser ungezählten Gepäckkontrollen über mich ergehen, um den Zug betreten zu dürfen – und bemerkte in dem Moment, als ich einsteigen wollte, daß mein Paß verschwunden war. Schock. Blitzschnell schoß mir durch den Kopf, daß ich den Ausweis wohl in dem Laden, wo ich die SIM-Karte gekauft, liegen gelassen hatte. Hoffentlich – wenn er stattdessen aus meiner Tasche gefallen war… Lieber nicht drüber nachdenken. Und noch weniger darüber, daß in zehn Minuten mein Zug abfahren würde; höchstwahrscheinlich ohne mich, da ich, um in den Bahnhof hinein- und wieder herauszukommen wieder Gepäckkontrollen vor mir hatte, ganz zu schweigen von der Suche nach dem Laden in diesem Chaos von Menschenmassen… Es war 21 Uhr, um 23 Uhr erwartete mich Irina, die Krankenschwester, bei der ich wohnen würde – der gegenüber ich eh schon wegen der späten Verbindung ein schlechtes Gewissen hatte. All diese Gedanken liefen zum Glück nur in meinem Hinterkopf ab, mein Frontalkortex schaltete dagegen auf „Machen“. Ich also rein in den Bahnhof, verirrt, wieder raus, anderer Eingang. Nach unten, in den Laden gestürmt, peinlich betretener Verkäufer überreicht mir meinen Paß. Schaue auf die Uhr: 21:07 – 21:08 Abfahrt des Zuges. Hoffnungslos. Nur um es zumindest probiert zu haben, renne ich mit letzter Kraft nach oben auf den Bahnsteig. Und da geschieht das Wunder: Der Mann an der Gepäckkontrollstation tritt einfach zur Seite und ruft mir „Renn!!“ hinterher. Der Schaffner, der gerade zur Abfahrt pfeifen will, zieht mich in den Zug, die Türen schließen sich hinter mir. Eine andere Schaffnerin neben mir lächelt mich an, gemeinsam atmen wir erleichtert auf. Ich kann nicht fassen, daß es tatsächlich noch geklappt hat – ich sitze im Zug nach Wladimir!

Dort angekommen, erwartete mich direkt eine Überraschung: Statt, wie erwartet, schon am nächsten Morgen mit der Arbeit anzufangen, eröffnete mir Irina, diese unglaublich herzliche Frau, daß wir morgen zu ihrem Mann auf die Datscha fahren, weil sie das immer so macht am Wochenende. Die Datscha… Was hatte ich nicht schon für unzählige Geschichten gelesen und gehört über diesen angeblich russischsten aller russischen Orte! Und ich kann wahrhaftig nicht sagen, enttäuscht worden zu sein. Gleich am Abend ging es in die Banja (russische Sauna), zum Schluß Abklopfen mit Birkenzweigen. Nachdem der Kreislauf so ordentlich in Schwung gekommen war, wartete ein fürstliches Essen mit Freunden auf uns, wobei ein wenig Wodka und eingelegte Gurken natürlich nicht fehlen durften… Am nächsten Tag gab es gleich noch ein Festgelage; zwischendurch durfte ich den traumhaften Garten von Irina und ihrem Mann bestaunen. Wer immer beim Stichwort „Osteuropa“ Plattenbauten vor Augen hat, denen sage ich: Besucht eine Datscha, und Eure Vorstellung wird sich um 180 Grad wenden. Schönheit ist gar kein Wort dafür. Ehrlich.

Nun aber zum Hauptgrund meines Aufenthaltes hier: Mein Praktikum im Rotkreuz-Krankenhaus. Schon seit vielen Jahren gibt es einen regen Austausch zwischen diesem Krankenhaus und Erlangen. Michail Tjukarin, der Arzt, der meinen Aufenthalt hier organisiert, erzählte mir, er sei schon 1989 zum ersten Mal in die deutsche Partnerstadt gereist! Das Rot-Kreuz-Krankenhaus ist ein Haus der Akutversorgung – hier werden keine elektiven Operationen durchgeführt, sondern man kann sich hier melden, wenn dringend eine Behandlung benötigt wird. Ich bin jetzt mittlerweile seit einer Woche auf der gynäkologischen Abteilung. Hierher kommen zum Beispiel Patientinnen, die eine Eileiterschwangerschaft haben oder wegen eines Myoms (gutartiger Muskeltumor) in der Gebärmutter an Blutverlust und Schmerzen leiden. Insgesamt arbeitet ein elfköpfiges Ärzteteam auf der Station, von denen ca. vier in einer Schicht arbeiten.

Gesa Baum mit „ihrem Kind Natascha“ in Minsk

Neu für mich: Jeder Morgen beginnt mit einer Konferenz, zu der sich alle Mediziner des Krankenhauses versammeln und verlesen, welche Neuaufnahmen und Entlassungen es auf ihren Stationen gab. Danach geht es an den meisten Tagen in den OP: Der Großteil der Operationen wird laparoskopisch (wenige kleine Löcher in den Bauch, durch die Kamera und Instrumente gesteckt werden) durchgeführt. Praktisch für mich: Ich kann bequem im Sitzen auf dem Bildschirm verfolgen, was geschieht und mir in Ruhe Fragen an die Fachleute überlegen, die stets bereitwillig antworten. Überhaupt bin ich überrascht, wie sehr man sich um mich kümmert: Gefühlt alle zwei Minuten werde ich gefragt, ob ich heute denn genug gegessen habe (habe ich – ich mußte mir schon Turnschuhe kaufen, um dem Kalorienüberfluß wenigstens ein bißchen einzudämmen) und sowohl das Pflegepersonal als auch die Ärzte sind immer offen für einen kleinen Plausch – egal, ob es dabei um bei mir zu füllende medizinische Wissenslücken, deutsche Flüchtlingspolitik oder um die Frage geht, warum Russen in der Öffentlichkeit eigentlich nie lächeln.

So viel also zu meiner ersten Woche in Wladimir. Wie man hoffentlich aus diesem Bericht merkt, fühle ich mich sehr wohl und bin immer wieder baff über die Gastfreundschaft und Herzlichkeit, die mir entgegengebracht wird. Ich freue mich schon auf den kommenden Monat und bin gespannt, was ich noch entdecken werde: Im Krankenhaus, auf Ausflügen – aber vor allem bei den Menschen.

Gesa Baum

P.S.: Mehr zu Gesa Baum ist hier zu lesen: https://is.gd/0uxwaV, und zu den Urgründen der Medizinkontakte mit Michail Tjukarkin geht es da zurück: https://is.gd/R0NBBa

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