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Archive for 4. August 2019


Das Städtepaar Wladimir-Erlangen tauscht intensiv aus: Gesang, Tanz, Sport, Sprache, Gelehrsamkeit, Kenntnisse, Erfahrungen und vieles mehr. Dazu gehören natürlich auch die Menschen, die mit all diesen Errungenschaften Handel und Wandel treiben und die Städtefreundschaft mit Leben füllen. Beide Städte verfügen über eine vielfältige Hotellandschaft, die selbstredend Teil des Austausches ist. Die Krönung aber ist und bleibt es, wenn man die Partnerschaft nicht via Hotel sondern untergebracht in einer Familie kennenlernt. Da lernt man Familienleben, Familientradition, Tagesablauf, fränkische oder die der jeweiligen Herkunft der Gastgeber entspringende Gerichte und Bräuche kennen. Man hört wirklich mal längere Zeit kein Deutsch oder Russisch und kann sich nur mit den vorher gelernten Wörtern ausdrücken.

Wenn man zum Beispiel erlebt, wie die Babuschka aus der Zwei-Zimmer-Plattenbauwohnung zu einer Bekannten zieht, damit der Gast aus Erlangen eine eigene Ecke hat; wie die Mutter schon morgens in der Küche steht und Sirniki (Quarkplätzchen) oder Blintschiki (Pfannkuchen) bäckt; wie keine Stunde zu spät und kein Weg zu weit ist, um den Gast zu holen oder und zu bringen… Dann spürt man Gastfreundschaft und Willkommen von Herzen.

Begrüßung der Gäste aus dem Erlangen-Haus am Flughafen Nürnberg. Photo Georg Kaczmarek

Umgekehrt öffnet sich für die Gäste aus Wladimir in Erlangen eine neue Welt, unabhängig, ob die Gastgeber in der Innenstadt, in Bruck oder in Frauenaurach wohnen. Sie lernen nicht nur die Familien kennen, sondern vielfach auch die Freunde der Familien, und die kommen, wie das in Erlangen üblich ist, aus aller Herren Länder.

Nicht nur den Gästen, auch den Gastgebern eröffnet sich durch die Besucher aus Wladimir eine neue Welt, ungezählt sind die langjährigen Freundschaften, die aus solchem Geben und Nehmen hervorgegangen sind. Wie bei uns auch, gibt es unter den russischen Gästen solche, die sich sofort als Teil der Gastfamilie sehen und sich nahtlos in Badezimmerfolge, Platz am Tisch und die Übernahme kleiner Hilfeleistungen im Haushalt einfügen, die – im Idealfall – aufs Fahrrad steigen und schon am zweiten Tag eine Begleitung zum Treffpunkt freundlich ablehnen. Andere bleiben schüchtern im Zimmer, bis sie zum Essen geholt werden, sprechen nur wenig, antworten am liebsten nur mit „ja“ und „nein“ und tauen erst nach einigen Tagen auf. Eines aber eint alle: Am letzten Tag, z.B. beim Abschiedsfest in der VHS, liegen sich alle in den Armen, und ein baldiges Wiederkommen bzw. ein baldiger Gegenbesuch werden (manchmal leichtfertig, denn Visa sind immer noch ein leidiges Problem) versprochen.

Gast und Gastgeberin: Jekaterina Ussojewa und Elisabeth Preuß

Die Moral von der Geschichte: Außer einem freundlichen Willkommen, einem einladenden Bett und einer Dusche mit Frühstück gibt es keine Bedingungen an die Gastgeber. Ich dachte immer, mein zeitraubender Beruf, mein früher Arbeitsbeginn und die späten Abende würden mich für diese Rolle ausschließen. Heute weiß ich, wie völlig falsch ich damit lag, und ich genieße nun mehrmals im Jahr den Besuch freundlicher Russinnen, viele von ihnen darf ich nun Freundinnen nennen. Logistische Probleme, z.B. Fahrten in die Umgebung, können immer von anderen Gastgebern mit übernommen werden. Limitierender Faktor für den Austausch sind nicht Sitzplätze in Autos, sondern Betten bei Familien in und um Erlangen.

Mit diesen wenigen Sätzen möchte ich daher alle ermutigen, die schon einmal darüber nachgedacht haben, ob sie denn nicht für ein paar Tage Gäste aufnehmen könnten. Tun Sie es, Sie werden es nicht nur nicht bereuen, sondern stets mit Freude im Herzen an die Tage mit den neuen Freundinnen und Freunden aus Wladimir zurückdenken.

Elisabeth Preuß, Bürgermeisterin der Stadt Erlangen

P.S.: Wer sich angesprochen fühlt, melde sich bitte beim ehrenamtlichen „Quartiermacher der Partnerschaft“ unter gerhard@kreitz.de

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