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Archive for 20. Juli 2019


1959 erschien in der Verlagsanstalt Lentia das Buch „Den Sowjets ins Gesicht geschaut“ von Andreas Kirschhofer und Walter Pollak. Die beiden Journalisten zeichnen darin Eindrücke einer Reise in die Sowjetunion nach, die sich damals gerade erst für Touristen aus dem Westen, in diesem Fall aus Österreich, öffnete. Erstaunlich, wie vieles – mutatis mutandis – da auch heute noch, nach 60 Jahren, Gültigkeit hat und ganz aktuell klingt. Vor allem das Fazit, das deshalb in Auszügen hier zitiert und damit wohl auch zum ersten Mal digitalisiert werden soll.

Die unmittelbare Gesprächserfahrung ist demnach wenig ermutigend, wenn man von der Begegnung zweier Völker die direkte Befruchtung der friedlichen Entwicklung erwartet, wie das bei uns im Westen selbstverständlich ist. Man sieht sich, mehr oder weniger deutlich ausgesprochen, immer wieder vor die herausfordernde Frage gestellt: „Nun bekenne, welches System ist eigentlich das bessere: das sowjetische oder das Deine!“ Welche Antwort erwartet wird, ist selbstverständlich.

Trotzdem: das Gespräch sollte im Gang bleiben, oder besser: erst richtig in Gang gebracht werden. Einmal weil es uns selbst Einblicke in jenes System gewährt und also davor bewahrt, es falsch einzuschätzen. Zum andern aber, weil, auf weite Sicht gesehen, die Wechselwirkung nicht ausbleiben kann.

Der wichtige Grund aber für die Aufrechterhaltung des Gespräches, der Begegnung von Mensch zu Mensch, ist der Umstand, daß es sich dabei um einen Bestandteil der These von der Koexistenz handelt. Koexistenz, das friedliche Nebeneinander zweier verschiedener politischer und wirtschaftlicher Systeme, ist die Lieblingsformel des sowjetischen Ministerpräsidenten Chruschtschow. Sie wurde und wird im Westen meist mißverstanden. Wer sie bejahrt, wird häufig als Neutralist verschrien. Zuwenig wird die harte Frage gestellt, ob es überhaupt einen anderen Ausweg gibt, wenn man den Krieg vermeiden will. Und wer kann den Krieg schon wollen? Es handelt sich einfach darum, die Koexistenz als das zu erkennen, was sie ist, und sich richtig darauf einzustellen.

Chruschtschows Koexistenz ist keine Friedensschalmei, sondern ein Fehdehandschuh, der uns hingeworfen wurde. Er selbst hat es unverblümt ausgedrückt: er brauche und wolle keinen Krieg, denn das von ihm repräsentierte System sei das richtige und bessere, der Kapitalismus werde von selbst absterben. Frei nach Churchill variiert heißt das: „Wir lassen die Kapitalisten in ihrem Saft schmoren, bis sie sich selber auffressen.“ Nicht nur Chruschtschow, die neue sowjetische Gesellschaft braucht für ihre völlige Konsolidierung den Frieden. Wir wollen den Krieg nicht, weil wir ihn innerhalb einer Generation zweimal erlitten haben. Nehmen wir also den Fehdehandschuh der Koexistenz auf.

Dieses friedliche Nebeneinander wird ein hartes und zähes Ringen sein. Wir haben die Zeit zu nützen, um Chruschtschow und den Seinen zu beweisen, daß unser System sich nicht selbst auffressen wird. Wir werden dieses friedliche Nebeneinander bestehen, wenn wir in unserer Welt jene politischen, wirtschaftlichen und sozialen Reformen mutig in Angriff nehmen, die notwendig sind, dem letzten unserer Bürger das Bewußtsein zu geben, daß es für ihn keine bessere Welt geben kann als die, in der er lebt.

Gerade unter diesem Gesichtspunkt aber kann das Gespräch von Mensch zu Mensch, über den trennenden Graben hinweg, von großer Bedeutung sein; einfach zu beweisen, daß wir jene aggressiven Absichten nicht haben, die uns der Kreml in der russischen Bevölkerung unterschiebt. Den sowjetischen Führern ist es, insbesondere im Zusammenhang mit dem 2. Weltkrieg, gelungen, die sowjetische Bevölkerung mit Furcht und Mißtrauen zu erfüllen, der „kapitalistische Westen“ wolle ihr die „Errungenschaften des Sozialismus“ entreißen. Dieses Trauma zu zerstören, kann jedes Gespräch fördern.

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