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Archive for 23. Juni 2019


Zu Ehren der Gefallenen und Vermißten des Großen Vaterländischen Krieges entzündete man gestern auf dem Platz des Sieges in Wladimir 78 Kerzen. Tatjana Oserowa erinnerte mit folgendem Text an die Schrecken des Krieges, mit dem die Wehrmacht am 22. Juni 1941 die UdSSR überzogen hatte:

Können Sie sich vorstellen, was wir in unserer Nachkriegskindheit für Träume hatten? Alle Erwachsenengespräche drehten sich ja um ihn, um den Großen Vaterländischen Krieg, der so viele Verwandtenschicksale verkrüppelt, uns die liebsten und besten Angehörigen genommen hatte. Wir nahmen diese Familienerzählungen regelrecht mit ganzem Herzen auf. Und wenn in den Kinderspielen und Kinderzeichnungen diese Thema der Russen und Deutschen noch immer fortlebt, wenn bis heute in den Alben rotbesternte Flieger den Himmel durchkreuzen und Panzer mit dem faschistischen Hakenkreuz herumfahren, wie war das dann erst zu unserer Zeit!

Wie wir Pioniere uns da unsere Heldentaten an der Front vorstellten. Was wir uns da für Schliche einfallen ließen, um das rote Banner zu retten, den Feind in eine Falle zu locken, die Partisanen vor einer tödlichen Gefahr zu warnen. Weil einfach alle Filme, Bücher und Erzählungen in den Lehrbüchern davon handelten. Die Jungs in unserer Klasse fragten in den Büchereien ausschließlich nach Geschichten über den Krieg und Späher, es gab kein anderes Thema für sie.

Der Traum, der mich in der Kindheit verfolgte und quälte ging so. Unsere Stadt wird von den Deutschen eingenommen, alle Angehörigen sind bereits tot. Ich, das kleine Mädchen, bin alleine und verstecke mich in einem Schuppen hinter Holzscheiten, unter einem Heuhaufen. Dann kommen die Deutschen herein und prüfen mit ihren Bajonetten, ob da nicht jemand zu finden sei. Die scharfe Klinge trifft mich, aber wunderbarerweise gelingt es mir, mit einem Tuch das Blut an ihr abzuwischen. Sie gehen wieder… Ich bin gerettet, bleibe am Leben! Aber ich möchte nichts mehr, als von dort davonlaufen – mit einem wilden Schrei des unerträglichen Schreckens und Grauens.

So litten die Kinder der Kriegszeit, von den Erwachsenen Kriegsteilnehmern ganz zu schweigen. Sie blieben auch in ihren Träumen noch lange im Krieg, kämpften weiter Seit an Seit mit ihren Angehörigen, die in den Krieg gezogen waren und nicht mehr zurückkehrten.

Weltkriegsveteran Nikolaj Schtschelkonogow und Gouverneur Wladimir Sipjagin am 22. Juni 2019 im Gespräch auf dem Platz des Sieges

Eine jener wunderbaren Wendungen der Geschichte: Die Autorin heiratete später den Deutschdozenten Genrich Oserow, der die Städtepartnerschaft maßgeblich gestalten half, und ihre Tochter Natalia sollte, engstens mit Erlangen verbunden, zu einer der führenden Germanistinnen Wladimirs werden.

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