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Archive for 13. Juni 2019


Im Jahr 1157 wählte die Volksversammlung in Susdal Andrej Bogoljubskij zum neuen Herrscher über die Nordöstliche Rus. Kein überragend bedeutendes Ereignis, wie man meinen mag, aber dieses Votum sollte den Grund für die künftige russische Staatlichkeit legen. Auf der obersten Stufe der Treppe zur Macht angekommen, blieb der Fürst freilich nicht stehen. Als neuer König des Nordostens vertrieb er viele der Bojaren, die vorher noch für ihn gestimmt hatten, ebenso wie nächste Verwandte und verlegte die Hauptstadt seines Reiches von Susdal nach Wladimir, wo nie irgendwelche Volksversammlungen stattgefunden hatten. Sein Ziel bestand nicht nur darin, Alleinherrscher zu werden, sondern auch Wladimir und den Nordosten als neues politisches Zentrum anstelle von Kiew zu proklamieren. Eben zu diesem Zweck wird an der Westgrenze der Stadt ein Tor aus weißem Muschelkalk errichtet, das man Goldenes Tor nennt.
Heuer werden es genau 855 Jahre seit der Bau vollendet wurde. Einer Legende nach stürzte der Bogen just im Augenblick der Fertigstellung des Tors in sich zusammen. Zwölf Menschen sollen dabei verschüttet worden sein. Daraufhin habe Andrej Bogoljubskij angeordnet, die wundertätige Ikone der Wladimirer Gottesmutter zu bringen. Nach einem Gebet und den Aufräumarbeiten habe man die Opfer lebend und unbeschadet geborgen. In Erinnerung an das Wunder soll der Fürst befohlen haben, über dem Tor eine Kirche zu bauen, die allerdings nicht bis in unsere Zeit erhalten blieb. Im Lauf der Jahrhunderte baute man das Gotteshaus immer wieder ab und um. Die heutige Kapelle auf dem Tor wurde Anfang des 19. Jahrhunderts geweiht. Gottesdienst feierte man dort allerdings nur in Einzelfällen.
Das Goldene Tor fungierte über all diese Zeit auf unterschiedliche Weise. Seit Ende des 18. Jahrhunderts befand sich hier das Zeughaus der Feuerwehr, im 19. Jahrhundert war in einem der nicht erhaltenen Anbauten sogar eine Polizeiwache mit Haftzellen eingerichtet, und es gab die Absicht, das Denkmal zu einem Wasserturm umzuwidmen. Nach der Oktoberrevolution diente das Kirchlein auf dem Tor schließlich als Wohnung, und erst 1958 zieht hierher aus einem Haus in der heutigen Nikitsker Straße die historische Ausstellung, die bis heute im Goldenen Tor zu sehen ist, das, dem Landesmuseum angegliedert, jährlich von mehr als 50.000 Touristen besucht wird.
1238, 74 Jahre nach Abschluß der Bauarbeiten, nehmen die Mongolen Wladimir im Sturm. Allerdings gelang es den Truppen von Batu Khan nicht, durch diese Befestigung in die Stadt einzudringen. Den Chroniken zufolge überwanden die Tataren den Festungswall etwas südlicher vom Tor. So stellte auch der Künstler Jefim Deschalyt den entscheidenden Vorstoß der Belagerer auf seinem Diorama dar, das heute im Goldenen Tor zu sehen ist. Allerdings fehlen bislang für diese Version die archäologischen Belege. Es scheint nicht ausgeschlossen, daß die Einnahme Wladimirs von Norden her erfolgte. Jedenfalls fanden Archäologen hier Spuren von Kämpfen aus jener schrecklichen Epoche. Wie auch immer, das Goldene Tor hielt wohl den Attacken stand. Immerhin erreichte das Bauwerk nach Einschätzung von Forschern eine Höhe von 30 Metern. Auch die Mauern waren mehrere Meter dick. Außerdem verfügte das Goldene Tor über zwei Verteidigungsplätze, oben, auf der Höhe der Kirche, und unten im Bogen. In jener Zeit konnten die Krieger leicht vom Verteidigungswall auf den unteren Kampfplatz gelangen.

Erwähnt werden sollte dabei, daß der Durchlaß im Torbogen früher deutlich niedriger lag als der Kamm des Verteidigungswalls. Eine Reihe von Historikern behauptet, ursprünglich sei diese Stadtmauer niedriger gewesen. In der Folge aber trägt man sie ab. So gab es Anfang des 20. Jahrhunderts noch den sogenannten Nikitiner Wall sowie einen Teich als Rest des alten Grabens. Doch vor fast einem Jahrhundert beseitigte man die Erdmauer endgültig und schüttete den Weiher zu. Verschwunden sind auch die Fresken, die von außen das Goldene Tor schmückten. 1989 machte man eine sensationelle Entdeckung: Forscher fanden unter dem Bogen Spuren von Wandmalerei aus dem 12. Jahrhundert. Unter diesen Fresken des 14-Meter-Bogens hielten viele Großfürsten Einzug in Wladimir. Das Goldene Tor diente nämlich nicht nur der Verteidigung und des Glaubens, vielmehr spielte es auch die Rolle eines Paradezugangs zur Stadt. Alexander Newskij und Dmitrij Donskoj zogen hier durch, um sich in der Mariä-Entschlafens-Kathedrale zum Fürsten krönen zu lassen. Der letzte Moskauer Herrscher, der hierzu 1389 durch das Goldene Tor kam, war Wassilij I, der Sohn von Dmitrij Donskoj. Interessanterweise erinnern auch später noch die Herrscher von Moskau in ihren Titeln an Wladimir – und zwar noch vor der neuen Hauptstadt. So nannte sich der erste russische Zar, Iwan der Schreckliche, Großzar von ganz Rußland und Großfürst von Wladimir. Erst nach Wladimir folgten die weiteren Titel wie Großfürst von Moskau und Nowgorod etc. Offenbar unterstrich man damit, daß das neue Moskau in der unmittelbaren Nachfolge von Wladimir und jener Herrschaftsweise stand, die auf Andrej Bogoljubskij zurückgeht.

Warum nun aber Goldenes Tor? Diese Bezeichnung hängt mit der ideologischen Funktion zusammen. Das erste Tor mit diesem Namen baute man nämlich in Jerusalem, der Stadt, die damals die Christen für das Zentrum der Welt hielten. Nach christlicher Überlieferung wird Christus bei seiner Wiederkunft in die Stadt der Geretteten just durch dieses Goldene Tor schreiten. Einige Forscher meinen denn auch, Andrej Bogoljubskij habe Wladimir in seiner Politik der Stadtarchitektur Jerusalem, Byzanz und Kiew nachgeahmt, wo das erste Goldene Tor der Rus stand. Damit wollte er das politische Zentrum der in einzelne Fürstentümer zersplitterten Rus in den Nordosten verlegen, wo sich der Fürst nach der Vertreibung der Bojaren und Verwandten sowie die Auflösung der Volksversammlungen jene auf eine Person zugeschnittene Herrschaftsform schuf, die in der Folge den Grund für die Staatlichkeit des ganzen Landes legte.
Goldenes Tor 1
Auch wenn Wladimir seinen Hauptstadtstatus an Moskau abgeben mußte, bleibt doch das Goldene Tor in Erlangens Partnerstadt als Symbol der neuen Herrschaftsform und eines regelrechten Umbruchs in der russischen Geschichte. Eine weltliche Geschichte, die Andrej Bogoljubskij wohl bewußt mit der Heilsgeschichte verband. Das Goldene Tor sollte nämlich auch den Fürsten als Alleinherrscher und Stellvertreter Gottes symbolisieren. Dazu fügt sich das Baujahr, 1158 Jahre nach Christus im Jahr 6666 nach der Erschaffung der Welt. Die dreifache Sechs steht in der Bibel für das Tier der Apokalypse, und die Menschen lebten damals auch tatsächlich in Erwartung des Jüngsten Gerichts. Dieser Stimmung bediente sich Andrej Bogoljubskij geschickt, um seinen Anspruch auf die Rolle des ersten Fürsten unter allen übrigen Herrschern des Geschlechts der Rurikiden zu untermauern. Es ist also nicht damit getan, das Goldene Tor zu umrunden, um wieder nach Wladimir zu kommen, man sollte sich auch der vielgestaltigen Geschichte des unter dem Schutz der UNESCO stehenden Bauwerks bewußt sein, die von Jerusalem über Byzanz und Kiew bis in die Partnerstadt und weiter bis Moskau führt.
Unter Verwendung von Material des Senders TV6

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