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Archive for 8. Juni 2019


Am Montagmorgen verstarb die 1934 in Orjol geborene Lyrikerin Julia Alexandrowa, die 1957 nach ihrem Chemiestudium in Moskau nach Wladimir zog, um hier am Forschungsinstitut für synthetische Harze zu arbeiten. 1969 promovierte die Chemikerin und verfaßte mehr als 70 wissenschaftliche Arbeiten zu polymeren Materialien. Ihr eigentlicher Stoff aber war das gebundene Wort, der Wohlklang, die Welt der Dichtung. Wer sie bei Lesungen ihrer eigenen Werke oder im Gespräch erlebte, konnte spüren, wie fein ihr Sinn für die Harmonie der Sprache entwickelt, wie untrüglich ihr Gespür für die Zwischentöne ausgeprägt war. Julia Alexandrowa konnte ihre eigene Lyrik, geschult an der russischen Klassik, über Stunden rezitieren und dabei immer wieder auch die Verse ihrer großen Vorbilder von Alexander Puschkin über Boris Pasternak bis zu Marina Zwetajewa oder Anna Achmatowa auswendig einstreuen, die den Blick weiteten und das Ohr schärften.

Julia Alexandrowa mit Igor Schamow, Eduard Sirko und Jelene Tschilimowa, Dezember 2016 im Erlangen-Haus

Ungeachtet ihrer nachlassenden Sehkraft beschäftigte sich die Dichterin bis zuletzt immer wieder gerne auch mit deutschsprachiger Lyrik, die sie mit erstaunlicher Genauigkeit zu übersetzen verstand. Eine wahre Freude war es, mit ihr darüber zu streiten, welche Übertragung des einen oder anderen Begriffs denn nun tatsächlich die treffendste sei, welches Wort den Sinn am besten wiedergebe. Wie gut sie ihr Handwerk verstand, bewies sie denn auch mit der Anthologie „Stimmen Frankens“ und dem Werk „Sommer in Winterstein“, ganz der Lyrik von Wolf Peter Schnetz gewidmet. Ihre letzte große Zusammenarbeit mit Erlangen bestand darin, die russische Fassung des Erinnerungsbandes „Komm wieder, aber ohne Waffen!“ zu lektorieren. Es heißt, Autoren leben in ihren Werken weiter. Wohl richtig. Aber wie schmerzlich ihre vertraute Stimme nun doch allen fehlt, die ihr verbunden! Es bleibt nur, ihr zu danken für die Schönheit ihrer Seele – am besten mit einem ihr gewidmeten Gedicht.

 

Julias Kleid

 

Du trugst ein feiner Worte Kleid,

in langen Nächten hell gewoben,

bestickt mit jenem frohen Leid,

das keine Grenze kennt nach oben.

 

Wie schön du warst in diesem Kleid,

mit lichten Liedern frisch gewaschen,

die klangen wie aus ferner Zeit,

verglommen in der Glut der Aschen.

 

Du schlüpftest nun aus diesem Kleid,

um es für uns zurückzulassen,

zu eng uns allen und zu weit –

wie du, für andre nicht zu fassen.

 

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