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Archive for 9. Mai 2019


Heute feiert man in Wladimir – wie im ganzen Land – den 74. Jahrestag des Sieges mit Reden, Aufmärschen und der Erinnerung an die Helden, Versehrten und Opfer des Großen Vaterländischen Krieges. Alles richtig und wichtig. Der Blog begeht dieses Datum der Befreiung Deutschlands vom Faschismus mit einem stillen Gedächtnis der Wladimirer Autorin Tatjana Oserowa, deren Onkel seit Dezember 1941 als vermißt gilt, mit dem Titel „Der Koffer“.

Ich kannte damals das Erwachsenenwort „Archiv“ noch nicht als Ort, wo man verschiedene Unterlagen aufbewahrt. Aber wir hatten daheim hinter dem Vorsprung aus Ziegelsteinen zum Liegen auf unserem Ofen einen kleinen Koffer mit alten Papieren und Bildern, Briefen und Telegrammen aus der Kriegszeit, geschrieben auf Zeitungspapier. Meine Schwester und ich taten kaum etwas lieber, als von Zeit zu Zeit die weinroten Stimmkarten des Vaters durchzusehen, der an der einen oder anderen Parteikonferenz teilgenommen hatte. Wir kannten viele Lieder und Verse aus der Kriegszeit auswendig. Zur Weiterverbreitung druckte man sie damals auf einzelnen Blättern aus Hartpapier mit Noten und kleinen Zeichnungen und Illustrationen. Häufig sangen wir bei unseren Hauskonzerten im Türrahmen zwischen den Stores, die als Theatervorhang fungierten, unsere Lieblingslieder: „Die schlanke Eberesche“, „Das kleine Licht“, „Dunkle Nacht“, „Da kommen die Soldaten“, „Die Nachtigallen“, „Wo seid ihr nur jetzt, ihr Waffenbrüder?“ usw. Dann setzten wir uns an den großen Tisch und betrachteten zusammen mit den Eltern die Bilder aus dem Koffer. Von den Photos sahen uns ihre Freunde an, junge Offiziere mit einer wallenden Haarpracht oder kurzgeschnittenen Frisur, mit einem breiten Lächeln oder mit einem strengen Blick. Einige auf den Gruppenaufnahmen waren mit einem kleinen Kreuz über dem Kopf gekennzeichnet, was bedeutete, daß der Freund ums Leben gekommen war.


Unter diesen Papieren und Bildern fanden sich auch besondere Schächtelchen, wo Vaters Orden aufbewahrt wurden. Darin lagen auch zusammengefaltete Todesanzeigen, die tragischen Benachrichtigungen über Verwandte und Angehörige: „Ihr Ehemann…, Bruder…, kam um oder starb den Tod der Tapferen…“ Vaters Medaillen und Orden lagen in der obersten Schublade der alten Kommode, weil sie nach dem Krieg nur noch selten jemand trug. Am Orden des Roten Sterns fehlte ein Strahl, das Emaille war aus irgendeinem Grund abgesprungen.

Zärtlich streichst du mit der Kinderhand über die Auszeichnung des Vaters und denkst, denkst an diese und stellst dir seine Heldentat vor – und seinen Sieg…

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