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Archive for 28. April 2019


Heute, am orthodoxen Osterfest, fahren in Wladimir, wie in wohl fast allen russischen Städten, Busse kostenlos zum Friedhof. Man fragt sich, warum nur ausgerechnet am Tag der Auferstehung, der doch das Leben feiert, der Toten gedacht werden soll. Soll es ja auch gar nicht, wenn es nach der Geistlichkeit ginge, die diesen Brauch, wenn nicht ablehnt, dann doch bestenfalls duldet.

Aber Traditionen prägen das kirchliche Leben doch in vielen Fällen mehr als die reine Lehre sich das wünscht. Der Brauch des Friedhofbesuchs geht nach Ansicht von Historikern bis ins 16. Jahrhundert zurück, als die Mehrheit in Dörfern lebte, die oft zu klein waren, um eine eigene Kirche ihr eigen nennen zu können. Bis heute gibt es ihm Russischen zwei verschiedene Begriffe für das Dorf: zum einen деревня, das so viel bedeutet wie „Rodung“ und село, das man mit „Siedlung“ übersetzen kann und wo es immer auch eine Kirche gab, weshalb man dieses Wort in Übertragungen gern als „Kirchdorf“ wiedergibt. Die Landbevölkerung hatte es mitunter weit bis zum nächsten Gotteshaus mit einem Friedhof, und so verband man den Besuch der Ostermesse aus ganz praktischen Gründen mit dem Totengedenken. In der Sowjetzeit dann, als es zumindest nicht mehr opportun wurde, wenn nicht gar gefährlich, sich öffentlich zum Glauben zu bekennen, lebte der Brauch als stillschweigend toleriertes Zeichen der Verbundenheit mit der Orthodoxie fort.

Walerij Kopjnak: Kirchdörfliches Ostern

Walerij Kopnjak: Kirchdörfliches Ostern

Doch wir lassen heute die Toten ihre Toten begraben und gratulieren lieber zum Fest der Feste mit einem freudigen „Христос воскрес! Christus ist auferstanden!“ auf das die Antwort „Воистину воскрес! Wahrlich, er ist auferstanden!“ folgt, bevor man nach der vierzigtägigen Fastenzeit zur Paßcha, zum Kulitsch und zum gefärbten Ei greift.

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