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Archive for 3. April 2019


Dieser Tage erreichte die Blog-Redaktion ein Schreiben von Ursula Rappl-Göron, Mitglied der Deutsch-Russischen Gesellschaft in Passau in dem zu lesen steht:

Wo immer sich Gelegenheit bietet, erzähle ich von Ihrem großartigen Blog im Internet. Als ich ihn entdeckt habe, habe ich ihn rückwirkend bis zum Anfang und seither laufend gelesen. Immer wieder bin ich von Bild und Text gleichermaßen begeistert: Hintergründig, humorvoll, informativ, ausgewogen, sprachlich ein Genuß und noch viel Positives mehr – immer wird der richtige Ton getroffen.

Damit nicht genug: Vor einem Monat richtete die Wahlniederbayerin als Reaktion auf ein Interview mit Horst Teltschik einen Leserbrief an den Spiegel, der dort in der Nr. 11/2019 erschien, freilich nur in einer um den Blog-Anteil gekürzter Fassung. Zum Vergleich also heute beides, exklusiv das Original und als pdf der Kurzbrief:

Als Deutsche kann ich die Aussagen von Herrn Teltschik nur begrüßen und hoffen, daß sie von allen Politikern, die mit Rußland zu tun haben, beherzigt werden.

Deutschland hat sich scheinbar damit abgefunden, daß der „russische Bär“ nach Westen nur noch brummt und die Zähne fletscht. Die Diplomatie wirkt auf beiden Seiten wie im Tiefschlaf, wo sich doch schon seit Jahren ein neuer Kalter Krieg anbahnt, der alte Ängste weckt und allen nur schaden kann. Warum werden die bestehenden Kanäle, Gremien, Organisationen usw. nicht besser genutzt, um im Gespräch zu bleiben, warum wird in den Medien fast nur das „häßliche“ Rußland gezeigt und nicht seine unendlich reiche, großartige Kultur? Dieser Vielvölkerstaat hätte der Welt so viel zu bieten, aber so wenige im Westen interessieren sich dafür – vielleicht auch mangels entsprechender Information. Sicher leben viele Künstler, v.a. Musiker im Westen und künden von höchster Bildung und Kultur ihrer Heimat. Aber auf mittlerer und unterer Ebene passiert vergleichsweise wenig, da könnte von uns Deutschen viel mehr Initiative ausgehen. Ein ausgezeichnetes Beispiel für eine solche ist die Städtepartnerschaft Erlangen-Wladimir, deren Internetblog mich Tag für Tag begeistert. Mit wieviel Freude und Engagement die beiden Städte auf allen erdenklichen Ebenen Austausch betreiben, ist einfach bewundernswert. Solche Modelle sollten noch viel mehr gefördert werden. Vor allem für junge Menschen müßte es mehr Anreize geben (z.B. durch Ideenwettbewerbe, Workshops, Projektgruppen usw.), Freundschaften mit Gleichaltrigen aus Rußland zu schließen – wie einst mit Frankreich.

Auf Putin sollte die Europäische Union trotz aller Differenzen und Animositäten zugehen, ihm gesichtswahrende Alternativen zur derzeitigen Abkehr von Europa aufzeigen, ihm zu verstehen geben, daß das russische Volk sehr wohl auch einen Platz im Europäischen Haus hat. Im übrigen sollte man vielleicht auch der Gerechtigkeit halber die Ukraine mehr unter die Lupe nehmen.

Als Bezieherin  eines russischen Versandbuchkataloges mit Neuerscheinungen bin ich entsetzt, wieviel alte Verbitterung aus Weltkriegserfahrung, wieviel Ressentiments und Ablehnung alles Westlichen seit Jahren in Rußland publiziert wird. Das alles hat sich nach dem Scheitern der Perestroika und dem Zusammenbruch der Sowjetunion zu einem bedrohlichen Berg angehäuft, von Raketen und Atomwaffen ganz zu schweigen. Aber – zum Glück gibt es da noch die große Masse des russischen Volkes, das nur seinen Frieden und ein bißchen Normalität im Alltag wünscht und ohne antiwestliche Propaganda auch gewiß nichts gegen Europa hätte.

Wir Deutschen müssen und können etwas tun, damit Rußland aus seiner Erstarrung herausfindet und sich wieder mehr Europa zuwendet. Wir stehen schließlich immer noch in einer großen Verantwortung: Was wir Rußland einst angetan und was wir ihm zu verdanken haben, sollten wir nie vergessen.

Ursula Rappl-Göron

Zum Vergleich hier der Brief im Spiegel zusammen mit anderen Stimmen zu den Äußerungen von Horst Teltschik. SP_13_2019_Leserbriefe

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