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Archive for 22. März 2019


Wer bisher die Berichte im Blog über den Besuch der beiden Journalistinnen, Karina Romanowa und Julia Kusnezowa, begleitet vom Leiter der Akademie für Wirtschaft und Verwaltung, Wjatscheslaw Kartuchin, verfolgte, könnte meinen, den Gästen ginge es vorrangig um den Austausch mit ihren hiesigen Kollegen von Presse, Rundfunk und Fernsehen. In der Tat stand dieses Ziel auch im Vordergrund, als vor einigen Wochen die Planung begann. Doch dann kam aus Wladimir der Wunsch, doch auch das Thema Müll mit all seinen Facetten ins Arbeitsprogramm zu nehmen. Man wolle erfahren, wie man mit diesem Problem in Erlangen umgehe, da man selbst mit der Abfallflut, die mittlerweile auch aus der Region Moskau hereinschwappe, nicht mehr zurandekomme und nach Auswegen aus der Krise suche.

Karina Romanowa, Julia Kusnezowa, Susanne Lender-Cassens, Wjatscheslaw Kartuchin und Peter Schmidt

„Gefahr erkannt, Gefahr gebannt“, sagt sich natürlich leichter, als es sich umsetzen läßt. Aber einen Anfang macht man damit immerhin, über den sich Umweltbürgermeisterin Susanne Lender-Cassens bei der Begrüßung des Trios am Montagmorgen natürlich freut. Angesichts der Dringlichkeit der Problematik in der Region Wladimir wird man sich freilich nicht wie in Deutschland weitere vierzig Jahre Anlaufzeit leisten können, die, auf vier Tage aufgeteilt, den Gästen in einem Schnellkurs vorgestellt werden: von den Müllhalden der 70er Jahre bis hin zur Wertstofftrennung, Kompostierung und Verbrennung nach aktuellem Standard.

Wertstoffhof Erlangen

Und so durchlaufen die Besucher denn auch nicht nur in der Theorie, sondern vor allem auch in der Praxis mit Peter Schmidt, zuständig für die Abfallberatung im Umweltamt, die Etappen der Trennung des Mülls in wiederverwertbare Fraktionen – bis hin zu den Resten, die nur noch verbrannt werden können.

Thomas Scharold, Gabriele Totzauer, Julia Kusnezowa, Karina Romanowa und Wjatscheslaw Kartuchin

Gabriele Totzauer, Leiterin der Abfallwirtschaft, zeigt die von ihr über vier Jahrzehnte aufgebaute Kompostieranlage und erklärt, wie man mit diesen Verfahren allein schon das Volumen des Hausmülls um ein Drittel reduzieren und mit Erlanger Kompost sogar Geld verdienen kann.

Julia Kusnezowa, Regina Meinardus und Karina Romanowa

Dazu gehört natürlich auch die Umweltbildung, die Zusammenarbeit mit Schulen und Ausbildungsstätten, wo Regina Meinardus Vorträge hält und in die komplexe Materie einführt.

Lena Jakob und Karina Romanowa

Dazu gehören auch Menschen wie Lena Jakob, die nicht nur beruflich für Klimaschutz und nachhaltiges Wirtschaften tätig sind, sondern auch privat ihren Beitrag leisten wollen, etwa durch Plastikfasten, den so weit als möglich gehenden Verzicht auf all die überflüssige Verpackung und die Vermeidung von Produkten, die Mikroplastik enthalten, das bisher von keiner Kläranlage der Welt aus dem Wasser gefiltert wird, aber auch in den Boden gelangt – mit noch ungeahnten Folgen für das gesamte Ökosystem.

Karina Romanowa und Julia Kusnezowa mit den Kids for Future

Und – ganz aktuell – eine Begegnung mit jungen Leuten, die nicht mehr warten wollen, bis die Politik in Sachen Klima und Umweltschutz in die Gänge kommt. Die Kids for Future – wenn auch von manchen angefeindet oder verspottet – schafften es ja, heute vor einer Woche rund um den Globus so viele Menschen auf die Straßen zu bringen, daß weder Gesellschaft noch Politik länger weitermachen können wie bisher. Wenn es für uns Erwachsene schon fünf vor zwölf sei, was wird dann die Uhr zeigen, wenn die jungen Leute einmal Eltern werden wollen?

Karina Romanowa, Arnd Externbrink und Julia Kusnezowa

Arnd Externbrink, technischer Betriebsleiter des Müllheizkraftwerks Bamberg, geht die Dinge mit seinem trockenen Humor nüchterner an. Zur Begrüßung sagt er gleich: „Euer Müll aus Erlangen wird gerade verfeuert.“ Die Anlage, längst am Limit angelangt, verbrennt allein vom Abfallzweckverband Erlangen-Höchstadt, der je zur Hälfte Bamberg und Coburg als Partner für die thermische Behandlung seines Restmülls beschickt, etwa 20.000 t, was 15% des Gesamtaufkommens entspricht. Gar nicht vorzustellen, wenn es den über vierzig Jahre immer weiter ausgebauten und modernisierten Komplex nicht gäbe. „Der ganze Dreck von Bamberg, Forchheim, Wunsiedel, Erlangen und Höchstadt würde auf der Kippe oder irgendwo in der Landschaft landen“, meint der Gastgeber.

Julia Kusnezowa

„So etwas brauchen wir unbedingt auch“, meinen die Gäste übereinstimmend. „Es ist an der Zeit, so kann es nicht weitergehen.“ Und sie glauben, mit ihren geplanten Sendungen zum Thema die Bevölkerung und Politik dafür gewinnen zu können, wenn sie vermitteln, wie umweltschonend diese Verfahren sind, wie wenig Schadstoffe dabei noch in die Luft gelangen, wie man sogar Geld verdienen kann mit der Gewinnung von Wärme und Strom aus der Verbrennung von Abfällen.

Karina Romanowa, Nicola-Simone Franz-Haas und Julia Kusnezowa

Schließlich treibt die Journalistinnen aber ein weiteres Thema um, das derzeit in Wladimir für heiße Debatten sorgt: die gehäuften Angriffe von Meuten verwilderter Hunde auf Menschen. Ein Phänomen, das Nicola-Simone Franz-Haas, Amtstierärztin in der Abteilung Veterinärwesen und Lebensmittelüberwachung, so aus ihrer Praxis nicht kennt. Aber gerade deshalb ist ein Erfahrungsaustausch auch zu diesem Thema von großer Bedeutung. Soll und darf man die Tiere abschießen? Wenn man sie fängt, wie lange kann man sie im Tierheim halten? Darf man sie – wie bisher in Wladimir praktiziert – nach der Kastration wieder freilassen? Wäre es sinnvoll, alle Hunde registrieren zu lassen und gar eine Steuer einzuführen? Eine erste Antwort gibt die Politik in Wladimir bereits: Abschüsse soll es nicht geben, und für die Unterbringung im Tierheim wird man 250 Mio. Rubel einsetzen.

Karina Romanowa, Wjatscheslaw Kartuchin und Julia Kusnezowa

Wenn die Gäste heute wieder die Heimreise antreten, geht damit zwar ein ungemein intensiver Aufenthalt zu Ende, aber der Abschied verspricht noch viele Begegnungen, noch viel Austausch zu den Themen Journalismus und Umwelt. Ein guter, ein sehr guter Anfang ist gemacht.

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