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Archive for 18. März 2019


Neben Cornelia Bartlau war es Thomas „Kaktus“ Grund, der den Jugendaustausch zwischen Jena und Wladimir in Gang brachte. Der mittlerweile verrentete Streetworker veröffentlichte dieser Tage auf Facebook seine Erinnerungen an jene durchaus anarchischen Pionierzeiten mit mittlerweile wohl verjährten läßlichen Sünden.

Als ich 1994 das erste Mal mit einer Gruppe Jugendlicher in Wladimir war, war auch ein Substituierter dabei, für den ich das Methadon schmuggeln mußte. Als wir ankamen, mußte ich feststellen, daß die russischen Teilnehmerinnen entsetzt waren. Tätowierte waren nur Knastbrüder und keine normalen Menschen. Die nächsten Tage verbrachten sie damit, sich mit mir photographieren zu lassen, ich war wohl doch kein Knastbruder für sie.

Thomas „Kaktus“ Grund mit Dieter Argast und Cornelia Bartlau im Hintergrund

Wir waren bei Gasteltern untergebracht. Mein Gastgeber hieß Boris, der in einer Parterrewohnung bei seiner Mutter lebte, die gerade im Krankenhaus lag. Er studierte Musik am Konservatorium. In der ersten Nacht sagte er, du darfst nicht das Fenster öffnen, nur die Tür zum Flur. Ich verstand das erst am nächsten Tag. Eine Gruppe ordentlich Zurechgetrunkener stand vorm Haus. Sie umringten mich gleich, bewunderten meine Tattoos, zeigen mir ihre verblassten Knast-Tattoos. Es gab eine Flasche lauwarmen Wodka-Fusels, ich spendierte Westzigaretten. Zum Abschied gab es Umarmungen. In dieser Nacht habe ich das Fenster geöffnet, weil klar war, ich bin jetzt ihr deutscher Freund.

Bei Freunden: Jelena Guskowa, Gennadij Stachurlow, Dieter Argast, N.N. und Cornelia Bartlau

Die nächsten Abende gab es immer viel Wodka mit Boris und seinen Freunden. Ich gab mir Mühe, zu gewinnen. Am letzten Abend war ich Sieger und mußte am Morgen Boris wachrütteln. Der rief mir dann eine Taxe, die mich zum Flughafen brachte, und wankte wieder ins Bett. Zurück schmuggelte ich russische Westzigaretten für 50 Cent die Schachtel.


Bei einer Wanderung fragte mich ein russischer Arzt, was meine Rückentattoos bedeuten. Unsere Dolmetscherin übersetzte ihm die Bedeutung nach Freud: Der Stier ist mein Ich, der durch die Mauer des Überich, über die tosenden Fluten von Lava des Unbewußten springt! Er lächelte und sagte: „Ich weiß, was das bedeutet: Anarchie.“ Da hatte er wohl recht.

Thomas „Kaktus“ Grund

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