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Archive for 14. März 2019


Johann Wolfgang von Goethe schreibt in seinen „Wahlverwandschaften“:

Man ist niemals mit einem Portrait zufrieden von Personen, die man kennt. Deswegen habe ich die Portraitmaler immer bedauert. Man verlang so selten von den Leuten das Unmögliche, und gerade von diesen fordert man’s. Sie sollen einem jeden sein Verhältnis zu den Personen, seine Neigung und Abneigung mit in ihr Bild aufnehmen; sie sollen nicht bloß darstellen, wie sie einen Menschen fassen, sondern wie jeder ihn fassen würde. Es nimmt mich nicht wunder, wenn solche Künstler nach und nach verstockt, gleichgültig und eigensinnig werden. Daraus möchte denn entstehen, was wollte, wenn man nur nicht gerade darüber die Abbildungen so mancher lieben und teuren Menschen entbehren müßte!

Nikolaj Liwschiz

Nikolaj Liwschiz, Chefredakteur der Internetzeitung „Prisyw“, der am kommenden Montag um 19.30 Uhr mit zwei Kolleginnen aus der Partnerstadt im Club Internation der Volkshochschule zum Thema „Pressefreiheit in Wladimir“ spricht, veröffentlichte gestern auf Facebook eine Betrachtung, die wie eine Antwort auf die Klage des Romanciers aus Weimar klingt:

Projekt für einen Spielplatz im Stadtteil Kommunar von Wladimir

Wenn mir einmal in den Sinn kommen sollte, meinen Nachfahren mein Portrait zu hinterlassen (es gibt Photos, aber ein Portrait hat mehr Gewicht), werde ich mich an keinen der namhaften Künstler wenden. An keinen Maler oder Graphiker. Nicht einmal zu einem, der auf der Straße sitzt, werde ich gehen. Ich werde mich an jenen wenden, der die neuen Spielplätze im Stadtteil Kommunar projektiert hat, der nicht an Grün beim künftigen englischen Rasen spart, der großzügig Farben zwischen die Rutschbahnen, Schaukeln und Tore sprüht, der den Ort so großartig ausgestaltet, an dem ich jeden Tag vorbeigehe, wenn ich die Müllhalde links liegen lasse und mein Schuhabsatz die Glasscherben zertritt. Dieser Mensch nämlich hat eine reiche Phantasie. Er ist optimismusgeladen, er versteht, in jeder noch so verdächtigen Substanz ein Bonbon zu erkennen. Für unsere verknöcherten Realisten ist das unser Brachland, einfach Brachland, wo Hunde umhertoben und Tagdiebe Bier trinken. Für einen echten Künstler aber ist das ein paradiesisches Eck, eine Welt der Kindermärchen und der sommerlichen Muse. So einen brauche ich. So einer stellt mich als jemanden dar, wie mich noch niemand je sah: als breitschultrigen und braungebrannten Prachtkerl, einsneunzig groß mit dem Lächeln von Gagarin und den Muskeln von Schwarzenegger. „Wer ist denn das, wer ist denn das?“ werden meine Lieben mich fragen, wenn ich mit angehaltenem Atem und dem unter dem Hemd versteckten eingezogenen Bauch dieses wundervolle Portrait nach Hause bringe. „Wer das ist? Ich!“ werde ich stolz erwidern, während ich aus den abgetragenen Latschen schlüpfe und ins Zimmer zum heimischen Diwan stapfe. „Stellt das Bild neben den Spiegel zur Erbauung meiner Nachfahren!“ füge ich mit leiser Stimme hinzu und versuche meinen Leib so in die Kissen zu graben, daß die Hämorrhoiden und der Hexenschuß nicht aufwachen. „Sollen sie wissen, was ich für einer war!“ flüstere ich noch, während ich auf mein Herzrasen pfeife und meine Schweißausbrüche nicht weiter beachte…

Aber machen Sie sich selbst ein Bild von dem russischen Journalisten, der im Grunde – wohl ganz unbeabsichtigt – bestätigt, was der deutsche Dichterfürst mit anderen Worten beschrieb.

Siehe hierzu: https://is.gd/fWwZiG

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