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Archive for 7. März 2019


Vorgestern verstarb Klaus Kinkel. Kaum jemand weiß noch, welche Rolle der ehemalige Außenminister im Gefüge der Städtepartnerschaft spielte, als er am 18. Dezember 1993 von einem Ausflug nach Susdal mit seinem russischen Kollegen Andrej Kosyrjew mit dem Hubschrauber nach Wladimir zu einem Konzert des Kammerchors unter Leitung von Eduard Markin kam.

Manchmal geht es eben im Leben nicht ohne den Kairos, den man am Schopfe freilich nur packen kann, wenn man sich selbst in Bewegung setzt. So geschehen ganz unerwartet zwischen dem 14. und 19. Dezember 1993, als der Partnerschaftsbeauftragte eine seiner privat finanzierten Dienstreisen nach Wladimir unternahm, um die ebenfalls ehrenamtlich tätigen Monteure am Erlangen-Haus zu unterstützen.

Der Blog-Redaktion liegt nun exklusiv der interne Reisebericht von Peter Steger vor, aus dem hier das Gedächtnisprotokoll zum 18. Dezember 1993 zitiert wird, freilich, jener heute so fernen, prävirtuellen Zeit entsprechend, leider unbebildert.

Andrej Kosyrjew und Klaus Kinkel

 

Am frühen Morgen ist die Monteurgruppe abgereist. In der Hoffnung auf eine Gelegenheit zur Übergabe wurde der Vormittag darauf verwandt, Material über die Städtepartnerschaft zusammenzustellen und einen Brief an Außenminister Kinkel abzufassen. In dem Schreiben sind nicht nur die Schwerpunkte der Zusammenarbeit zwischen Erlangen und Wladimir dargestellt, sondern es wird auch hingewiesen auf die Schwierigkeiten bei der Erteilung von Visa vor allem bei Privatreisenden. (…)

Im Laufe des Nachmittags setzte außerordentlich starker Schneefall ein. Bereits zum frühen Abend war die Stadt tief verschneit. Es mußte deshalb davon ausgegangen werden, daß die beiden Außenminister gar nicht kommen würden. Gegen 18.00 Uhr ging allerdings bei Prof. Markin ein Anruf von der Miliz ein, in dem eine Verzögerung der Ankunft angekündigt wurde. Gegen 19.00 Uhr, also zum geplanten Konzertbeginn, traf ein größerer Troß von deutschen Journalisten ein. Gegen 19.30 Uhr betraten die beiden Außenminister mit ihren Gattinnen, Protokollbeamten und Dolmetschern die Georgij-Kirche, und das etwa einstündige Konzert konnte beginnen.

Der Auftritt wurde begeistert aufgenommen. Herr Kinkel stand auf uns sagte einfach nur „toll, toll“. Von der insgesamt 25köpfigen Delegation folgten etwa fünf Personen, als der engste Mitarbeiterkreis, der Einladung Herrn Markins an die Ehepaar Kinkel und Kosyrjew zu einem als kurz angekündigten Gespräch in sein Arbeitszimmer. Aus den vom Protokollchef der Regionalverwaltung zugestandenen zwei Minuten wurden deren etwa zwanzig, und es entspann sich sehr rasch ein ungezwungenes Gespräch, in dessen Verlauf nicht nur der Brief und die übrigen Unterlagen übergeben, sondern vor allem auf Bitten von Herrn Kinkel von den Erlanger Erfahrungen mit dem Kammerchor berichtet werden konnte. Herr Kinkel sagte spontan zu, sobald wie möglich dafür zu sorgen, den Chor zumindest nach Karlsruhe und Bonn zu bringen. In diesem Zusammenhang forderte er dazu auf, umgehend an ihn persönlich und vertraulich, unter Hinweis auf das Gespräch nach dem Konzert, ein „Erinnerungsschreiben“ zu richten. Es gehe ihm aber ausschließlich um diesen Chor, nicht um die ebenfalls erwähnte Tournee des Knabenchors. Erst nach einer Tasse Tee und einem Schluck Cognac (Zitat Kinkel: „Wir trinken alles, nur essen können wir nichts mehr. Die Sauna sehe ich schon dahinschwinden.“) brach die Delegation wieder auf.

Klaus Kinkel stand übrigens nach Eingang des Briefes aus Erlangen zu seinem Wort und setzte sich offenbar auch gegen Widerstand im eigenen Haus durch. Seine Verwaltung wehrte sich mit Händen und Füßen gegen den Auftrag jenseits der „Kernaufgaben“ und delegierte die Organisation der Tournee an den Deutschen Musikrat. Es wäre eine eigene Geschichte, das Gezerre um die Finanzierung zu schildern, aber Ende gut, alles gut. Im Herbst 1994 ging der Kammerchor Wladimir auf Deutschlandtournee – mit Auftritten in Karlsruhe und in Erlangen. Wer dabei war, wird dies Klaus Kinkel nicht vergessen, der schon damals zu Protokoll gab, zwischen diesen Partnerstädten tue sich offensichtlich etwas Besonderes.

Eduard Markin selbst erinnert sich wie folgt an Klaus Kinkel:

Die Tournee verlief hervorragend. Wir waren unter anderen in Bonn und Karlsruhe, wo Klaus Kinkel herstammt. Er kam eigens zum Konzert und fragte mich auf der Bühne, ob ich mich an ihn erinnere! Wie mich nicht erinnern an den Mann, der es einem Chor aus der russischen Provinz ermöglicht hatte, vor großem Publikum in Deutschland aufzutreten. Er war ein echter Außenminister, der versuchte Frieden auf der Erde mit hoher Kultur zu schaffen! Ein großer Bürger eines großen Deutschlands!

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