Feeds:
Beiträge
Kommentare

Archive for März 2019


Vom 5. bis 8. September 2018 fand die 9. Internationale wissenschaftliche und praktische Konferenz über die „Ökologie der Einzugsgebiete von Flüssen“, veranstaltet durch die Staatliche Universität Wladimir, in Susdal statt. Der historisch bedeutsame Ort liegt circa 40 km nördlich der Partnerstadt an der Kamenka, die sich in weiten Schleifen durch das kleine Städtchen schlängelt.

Eva Gruber, Mitarbeiterin im Amt für Umweltschutz und Energiefragen in den Aufgabenbereichen Natur- und Gewässerschutz, erhielt durch die Stadt Erlangen die Möglichkeit an der Konferenz teilzunehmen und einen eigenen, kurzen Vortrag (auf Englisch) zu halten.

Obwohl die Konferenz für vier Tage angesetzt war, fanden nur am 6. und 7. September Vorträge statt. Am 5. September stand eine Stadtführung durch Susdal auf dem Programm, und der 8. September war als Abreisetag vorgesehen. Da die Stadtführung nicht verpflichtend war und zudem nur auf Russisch stattfinden sollte, wurde dieser Tag als Anreisetag gewählt und auf die Führung verzichtet.

Eindrücke aus der Metro

Von Nürnberg aus ging es über Frankfurt in Richtung Moskau, wo ein Deutschstudent aus Wladimir meinen Mann und mich bereits am Flughafen erwartete, um uns dann durch das Labyrinth der Moskauer U-Bahn bis zum Kursker Bahnhof zu lotsen. Da der nächste Zug erst einige Stunden später fahren sollte, nutzten wir die Zeit um eine Kleinigkeit zu essen. Gegen 18.30 Uhr kamen wir dann im Erlangen-Haus in Wladimir an. Die Begrüßung war herzlich, und Wolfram Howein, der gerade ebenfalls vor Ort war, gab bei einem gemeinsamen Abendessen in der Innenstadt hilfreiche Hinweise für den ersten Aufenthalt hierzulande: Restaurants mit englischen Speisekarten in Wladimir, das Überqueren von Straßen (nur an Ampeln und Zebrastreifen) und die Nutzung der öffentlichen Verkehrsmittel (Zahlung bei einer speziellen Person im Bus, nicht beim Fahrer) sowie Informationen über Wladimir, Land und Leute im allgemeinen, um nur einiges zu nennen.

Susdal

Am 6. September begann dann die 9. Internationale Gewässerkonferenz, veranstaltet von der Universität Wladimir. Mit dem Taxi ging es zum Hotel Puschkarskaja Sloboda in Susdal. Schon bei der Anmeldung stellte sich die Kommunikation auf Englisch als schwierig heraus. Alle Teilnehmer erhielten ein Buch über das Einzugsgebiet der Kljasma, an der auch Wladimir liegt. Dieser Band ist der erste seiner Art auf dem russischen Markt, wie die Autorin in ihrem Vortrag auf der Konferenz stolz erklärte. Die Tagung fand in einem eng bestuhlten Raum im Keller des Hotels statt. Dort wurde mir „meine“ Dolmetscherin vorgestellt, die für mich die Vorträge aus dem Russischen ins Englische übersetzen sollte. Nach der Begrüßung durch Vertreter der Universität begann die Konferenz mit der bereits erwähnten Vorstellung des Buches, das sich detailliert mit der Geologie, der Entstehung, der Flora und Fauna des Einzugsgebietes der Kljasma aber auch mit den Funden historischer Nachweise früher menschlicher Besiedlung sowie aktueller Nutzung durch den Menschen beschäftigt. Nach etwa eineinhalb Stunden begannen dann die eigentlichen Vorträge. Die Konferenz war dabei in verschiedene Themenblöcke aufgeteilt, wobei sich hier schon bald zeigte, wie etliche Beiträge, die erst zu einem späteren Zeitpunkt und einem anderen Thema eingeplant waren, vorgezogen wurden, da manche Referenten noch andere Verpflichtungen hatten. Leider übersetzte die Dolmetscherin ausschließlich auf Nachfrage, was ein ständiges Frage-und-Antwort-Spiel nach sich zog. Das ständige Nachhaken zum Inhalt einer Powerpoint, zu einem Referat oder dazu, warum sich die Teilnehmer nach einem Vortrag auf einmal stritten und gegenseitig anbrüllten, war auf Dauer ziemlich ermüdend, und viele interessante Inhalte gingen sicherlich verloren, da die Übersetzung oftmals sehr allgemein gehalten war. Da hatte ich mir deutlich mehr erhofft, denn die Vortragstitel klangen durchaus interessant.

Vorbereitung auf die Konferenz

Am frühen Nachmittag stand dann mein Vortrag über Biber im städtischen Umfeld am Beispiel der Stadt Erlangen auf dem Plan. Ich sagte einige Sätze zu der jeweiligen Powerpointfolie, dann war die Dolmetscherin an der Reihe, die alles ins Russische übersetzte. Die Resonanz im Nachhinein war sehr positiv. Während der anschließenden Kaffeepause fanden sich etliche Teilnehmer bei mir ein und erzählten mir von ihren ganz eigenen Biberproblemen. Ich lernte dabei unter anderem: Die Biber wandern hier abhängig von der Jahreszeit und lassen sich im Winter gerne in größeren Gruppen in der Nähe von Städten nieder, während sie sich im Sommer über das ganze Land verteilen. So ein Verhalten wurde bei Bibern in Deutschland bisher nicht beobachtet – kein Wunder, sind doch unsere Winter bei weitem nicht so kalt, rauh und lang wie in den russischen Weiten. Für uns alltägliche Lösungen wie das Anbringen von Maschendraht rund um Baumstämme, um diese vor Verbiß zu schützen, stießen gleichermaßen auf Interesse und Unverständnis. Die einen äußerten sich begeistert, weil sie nun endlich wissen, wie sie ihre Obstbäume schützen können, andere wiederum äußerten ihr Unverständnis, warum man dem Biber verwehre, seinem natürlichen Verhalten nachzugehen. Leider blieb keine Zeit für eine tiefere Diskussion darüber.

Konferenzraum

Tatsächlich zeigte sich schon sehr bald, die Zeit werde nicht für alle Vorträge reichen, denn es gab sehr viele Referate, und die Planung war sehr optimistisch gestaltet. Und obwohl noch sehr viele Vorträge fehlten, die für den Tag geplant waren, wurde die Veranstaltung tatsächlich auch noch früher beendet. Mir wurde noch gesagt, für den nächsten Tag sei keine Dolmetscherin vorhanden, allerdings werde der Mitarbeiter des Organisationskomitees, mit dem ich bereits im Vorfeld Kontakt hatte, etwas für mich übersetzen.

Blick auf Wladimir

Mit dem Taxi ging es zurück nach Wladimir – eine Fahrt, die von Raserei und riskanten Überholmanövern geprägt war und noch dazu das doppelte wie am Morgen kosten sollte. Ich war auf alle Fälle sehr froh, als ich endlich am Erlangen-Haus aussteigen konnte. Nachdem sich meine Nerven wieder etwas beruhigt hatten, ging es zu Fuß zum Abendessen in die Innenstadt, die wir aufgrund der frühen Dämmerung wie bereits am Vortag nur bei Dunkelheit besichtigen konnten.

Blick auf die Kljasma-Auen

Tag zwei der Konferenz. Wieder ging es mit dem Taxi nach Susdal, und wieder zahlte ich nur die Hälfte von dem, was mich die Rückfahrt am Tag zuvor gekostet hatte. Die Anzahl der Teilnehmer war drastisch zurück gegangen. Der Raum war nur noch halb besetzt. Obwohl mein neuer „Dolmetscher“ nicht so gut Englisch sprach wie seine Vorgängerin, übersetzte und erklärte er deutlich mehr von dem, was in den Vorträgen referiert wurde. Zugegeben, der Google-Übersetzer war dabei eine wirklich große Hilfe. Auch diesmal wurde die Veranstaltung früher geschlossen, obwohl noch knapp ein Drittel der Vorträge fehlte. Für den Nachmittag war eine Exkursion nach Wladimir und Bogoljubowo angesetzt.

Boboljubowo

Eigentlich wollten mein Mann und ich zusammen daran teilnehmen. Im Vorfeld wurde auch bestätigt, dies sei möglich. Wie sich nun aber vor Ort herausstellte war die Führung zu einem Sonderpreis geplant, der nur für Russen galt. Wir hätten teilnehmen können, hätten uns dann aber nicht unterhalten dürfen. Die Entscheidung fiel dann auch relativ leicht, nicht an der Exkursion teilzunehmen. Nach einer herzlichen Verabschiedung ging es mit dem Taxi wieder zurück nach Wladimir.

Lenin-Denkmal vor der historischen Bank auf dem Kathedralenplatz von Wladimir

Auf diese Art und Weise hatten wir nun einige Stunden Zeit, um das erste Mal seit Ankunft Wladimir bei Tageslicht besichtigen zu können, wobei wir uns erst einmal auf die Hauptstraße konzentrierten. Am nächsten Tag zogen wir gleich morgens bei herrlichem Wetter los. Es war für russische Verhältnisse zu der Jahreszeit noch sehr warm.

Die Altgläubigen-Kirche mit dem neuen Springbrunnen

Zu unserem Glück fand an diesem Tag auch ein City-Halbmarathon statt, weshalb die Straßen für Autos gesperrt waren. Insbesondere nach dem Lauf hatte man so die einmalige Gelegenheit, Bilder vom Goldenen Tor von der Straßenmitte aus machen zu können. Während unseres Aufenthalts in Wladimir waren wir abends in verschiedenen Restaurants essen. Am besten hat es uns aber im „Vegan Bro“ gefallen und geschmeckt. Das Essen war superlecker, und während vegane Restaurants in Deutschland meist relativ teuer sind, war das Essen dort auch für russische Verhältnisse sehr günstig.

Fortsetzung folgt.

Eva Gruber

Read Full Post »


Frau Holle meinte es in den letzten Wochen und Monaten gut mit Wladimir. Auch wenn die Temperaturen zumeist diesseits von dem lagen, was man vom russischen Winter glaubt, erwarten zu dürfen, fiel der Schnee in rauhen Mengen, und erst in den letzten Tagen setzte dauerhaftes Tauwetter ein, das die weiße Pracht nun überall dahinschmelzen läßt.

Hohe Zeit für Photographen wie Sergej Skuratow und Igor Gankow, aufzubrechen in jenes Zwischenreich des Abschieds vom Winter und der Vorfreude auf den Frühling.

Zeit aber auch, sich vorzubereiten auf die sprichwörtliche Weglosigkeit, auf Überschwemmungen und von der Außenwelt abgeschnittene Ortschaften. Die ersten Dörfer sind schon jetzt nur noch per Boot zu erreichen und müssen über das steigende Wasser versorgt werden.

Bald wird wohl auch Mariä Schutz an der Nerl wieder wie ein Eiland aus den Fluten ragen, aber wohl dank der künstlichen Aufschüttung aus dem 12. Jahrhundert auch heuer wieder nur nasse Füße riskieren.

Gestern dann ein Frühlingsbote im Weichselbaum des Gartens um das Erlangen-Haus, gesehen von Irina Chasowa: ein Dompfaff oder Gimpel mit einer Knospe im Schnabel. Im Russischen nennt sich der sangesfreudige Blutfink https://is.gd/eHvXqO, der bisweilen auch im Osten Erlangens gesichtet wird, снегирь, was sich von снег, Schnee, ableitet. Und dem Vogel ist ein schönes russisches Märchen gewidmet:

Es war einmal ein einsamer Vogel mit Namen Schneeling, so genannt, weil er weiß wie Schnee war und ein schwarzes Käppchen und einen schwarzen Umhang trug. Der Piepmatz war herzensgut und half immer allen, die in Not waren, teilte mit ihnen seine Beeren und Körner. Es gab viele Vögel im Wald, aber keines glich ihm, weshalb der Schneeling traurig wurde. Und als er eines Tages davonflog, weit weg, hinter die sieben Berge, traf er dort einen Vogel, der wie er selbst schneeweiß war. Die beiden Vögel freuten sich von Herzen, flogen zusammen umher, pickten Beeren im Wald, flöteten nach Herzenslust. Eines Tages aber brach über ihre kleine Welt ein schlimmer Schneesturm herein, der klirrenden Frost mitbrachte. Das ganze gefiederte Völkchen suchte sich einen Unterschlupf. Auch der Schneeling versteckte sich unter einem breiten Tannenzweig. Doch sein Freund blieb zurück. Da machte sich der Schneeling Sorgen, fragte sich, wo der Freund nur bleibe, als plötzlich ein kleiner Schneeball zu Boden fiel. Der Schneeling flog dem Schneeball nach und sah, daß es sein Freund war, erfroren und ohne Atem. Wie ihn der Schneeling auch schüttelte und rüttelte, es half alles nichts. Da weinte er lange und legte die Flügel um seinen Freund. In seiner Not wandte sich der Schneeling an die Eule um Rat. Die verriet ihm, es könne ein Wunder geschehen, wenn er dem Freund einen Tropfen seines eigenen Blutes schenke. Da pickte sich der Schneeling die Brust blutig, fing einen Blutstropfen auf und legte ihn auf die Brust des Freundes. Die ganze Brust des Freundes färbte sich sogleich purpurrot, und der Gefährte öffnete die Augen. Auch die Brust des Schneelings hatte sich vom Blut rot gefärbt. Da war die Freude der beiden Freunde groß, und die ganze Vogelwelt freute sich mit ihnen. Seither trägt der Schneeling den Namen Blutfink.

 

Michail Matjuschkin, der ein paar Kilometer vor den Toren Wladimirs wohnt, hielt bereits am 24. März die ersten Stare im Bild fest, die freilich um einiges zu früh in ihr Sommerquartier zurückkehrten. Dennoch, bald wird auch in die Partnerstadt die ganze Vogelschar zurückgekehrt sein und den Frühling besingen, während Frau Holle ihre Kissen wieder im Keller verstaut.

Read Full Post »


Wie vielfältig sich vor allem in den Geisteswissenschaften der Austausch zwischen der Friedrich-Alexander-Universität und der Staatlichen Universität Wladimir gestaltet, zeigt der Besuch von Evelina Winter Anfang des Monats in der Partnerstadt. Die in ihrer Kindheit aus Usbekistan nach Deutschland übergesiedelte Wissenschaftlerin arbeitet am Lehrstuhl für Didaktik des Deutschen als Zweitsprache und koordiniert im Bürgermeister- und Presseamt das Wi.L.D.-Projekt im Rahmen der kommunalen Sprachförderung Erlangens. Hier nun ihr Bericht.

Nach einer eher schlaflosen Nacht – die Aufregung war doch sehr groß, nach 20 Jahren wieder einmal in einer russischsprachigen Umgebung zu sein – ging es um 6 Uhr zum Nürnberger Flughafen. Der Flug verlief recht ereignislos und auch glücklicherweise ohne weitere Turbulenzen, und so landete ich am frühen Nachmittag wohlbehalten in Moskau. Voller Vorfreude begab ich mich in die Innenstadt und wurde von wunderschön erleuchteten Straßen und Plätzen eingeladen, mir die Stadt, die den Tränen nicht glaubt anzuschauen.

Evelina Winter auf dem festlichen Roten Platz

Ich war sogleich hin und weg. Nicht zuletzt dank den überall reichlich präsenten Polizisten fühlt man sich in dieser riesigen Stadt (man braucht eine Stunde vom Flughafen ins Zentrum) sehr sicher und wohl. Hier ein paar Eindrücke aus Moskau.

Mir bot sich nun die Möglichkeit, ein etwas verfrühtes Butterfest (Masleniza), den russischen Karneval, zu erleben, da die Stadt sich sehr gut auf Touristen wie mich vorbereitet hatte. So hatte ich das Vergnügen, sowohl die Eisfläche am Roten Platz bestaunen zu können (ein Überbleibsel vom Neujahrsfest) als auch gleichzeitig im Hintergrund das Masleniza-Lied zu hören, das den Frühlingsanfang einläutet.

Feststimmung auf dem Roten Platz

Auch die Dekoration in Moskau spiegelte den Übergang zwischen Neujahr und Frühling wider. Tannen, die noch mit Kugeln geschmückt sind und gleichzeitig Ergänzung durch die Sonnenbilder finden, das Symbol der Masleniza.

Nach einer zwar kurzen, aber sehr schönen Zeit in Moskau begab ich mich mit dem Zug (Strisch, Mauersegler genannt) nach Wladimir. Dort wurde ich sehr freundlich von Nadeschda Troschina, der Beauftragten für Internationale Angelegenheiten an der Staatlichen Universität, und ihrem Mann in Empfang genommen und zum Erlangen-Haus gebracht. Dieses erwartete mich in vollem Glanz, über und über bedeckt vom Schnee, der wie ich nicht müde wurde, in der folgenden Woche zu erwähnen, mir wahre Freude bereitete. Im Gegensatz zur allgegenwärtigen Meinung der Wladimirer, ich hätte mir besser eine andere Jahreszeit für meine Reise aussuchen sollen, war ich vom Wetter für meinen Besuch begeistert (trotz teilweise -15° C). Davon wissen auch die folgenden Bilder zu berichten.

Erlangen-Haus

Am nächsten Tag begann mein offizieller, seitens der Universität organisierter Aufenthalt in Wladimir. Doch zuerst lernte ich die gute Seele des Erlangen-Hauses (oder besser gesagt eine davon), die Köchin Galina, kennen und lieben, denn diese, die Liebe, geht ja bekanntlich durch den Magen. An jedem einzelnen der nachfolgenden Tage verwöhnte sie uns Hotelgäste mit allerlei leckeren Sachen, wobei sich nie ein Gericht in dieser Woche wiederholte. Auch die Lehrkräfte des Erlangen-Hauses und dessen Chefin, Irina Chasowa, lernte ich an diesem Morgen kennen und fühlte mich sehr warm willkommengeheißen.

Demetrius-Kathedrale

An diesem ersten Vormittag holte mich Natalia Safronowa am Erlangen-Haus ab und führte mich zum historischen Museum der Stadt Wladimir, wo uns eine sehr nette Dame begrüßte und in die Geschichte über die Entstehung Wladimirs informierte. Danach waren wir uns beide einig darin, wie interessant die Führung war, jedoch sollte man diese wohl öfters mitmachen, um die vielen Informationen und vor allem Namen behalten zu können. Nun erhielt ich noch von Natalia eine kleine Stadtführung, wobei wir einen Blintschik (Pfannkuchen) aßen, um uns dann in das Hauptgebäude der Universität zu begeben, wo uns bereits nicht nur die Lehrstuhlinhaberin Tatjana Tjapkina und Nadeschda Troschina, sondern auch der Vizepräsident Alexej Panfilow erwarteten. Darauf war ich an diesem Tag so gar nicht vorbereitet, dabei hätte ich es eigentlich ahnen können: Hierzulande handhabt man solche Besuche anders und wesentlich offizieller als es bei uns der Fall ist. Es entwickelte sich ein sehr angenehmes Gespräch, welches vor allem die unterschiedliche Schulbildung in unseren Ländern beinhaltete.

Das Goldene Tor

Anschließend besprachen wir der Plan für die kommende Woche, und ich machte mich auf in die Innenstadt, um diese zu erkunden und eventuell ein paar Mitbrinsel zu besorgen.

Am nächsten Tag hatte ich einen richtigen Unitag. Ich besuchte einen Kurs, beantwortete Fragen zum Leben in Deutschland und wir stellten vielfältige Vergleiche mit den Studenten an. Nach einer kleinen Mittagspause in der Mensa hielt ich eine Vorlesung zum Thema Methoden, und so neigte sich der Tag dem Ende zu. Wobei den krönenden Abschluß fast jeden Abend ein Gespräch mit der Nachtpförtnerin darstellte. Sie gab mir dann Ratschläge wie diesen: „Man sollte so schnell über das Eis rennen, daß keine Zeit bleibt, um hinzufallen!“

Der Mittwoch war ein Tag voller wunderbarer Ereignisse. So hielt ich zuerst eine weitere Vorlesung an der Uni, danach begleitete mich eine Studentin zum Hauptgebäude. Dort fand ein Konzert zu Ehren des Frauentags am 8. März statt. Dieses war wundervoll inszeniert und ließ mich vollkommen begeistert zurück.

Allerdings bleib nicht viel Zeit, um darin zu schwelgen, da mich bereits die Lehrerinnen im Erlangen-Haus erwarteten. Dort hatten wir die Möglichkeit, uns zu dem Thema Methoden und Deutschvermittlung auszutauschen und einander besser kennenzulernen. Leider war der Zeitrahmen dafür sehr begrenzt, da ich die Ehre hatte, mit der Lehrstuhlinhaberin Tatjana Tjapkina am Abend noch das Theater  zu besuchen. Das Stück „Eine etwas sonderbare Dame“ von John Patrick bereitete uns einen wunderbaren, humorvollen Abend, weshalb wir auch die anschließende Rutschpartie draußen gerne in Kauf nahmen. Ein wirklich wundervoll modern inszeniertes Stück.

Das Schauspielhaus

So flog die Zeit in Wladimir unglaublich schnell vorbei, und kaum, daß man sich versah, war es schon Donnerstag. Noch einmal begann der Tag mit einem Besuch in der Uni, bei dem ich den Studenten diesmal zu einem landeskundlichen Thema (Soziale Strukturen und Steuern in Deutschland) Rede und Antwort stand. Nach der Stunde überraschte die Gruppe nicht nur ihre Dozentin, sondern auch mich mit einem Strauß Blumen zum 8. März. Was für ein wundervoller Feiertag, der auch bei uns ganz schnell eingeführt werden sollte!

Straßenszene in Susdal

Nach dem Seminar erwartete uns (zwei Studentinnen und mich) bereits ein Auto samt Fahrer, das uns nach Susdal bringen sollte, eine der ältesten Städte des Landes und Teil des Goldenen Rings. Dort rutschten wir von einer Sehenswürdigkeit zur nächsten und genossen die beeindruckende Architektur des 11. und 12. Jahrhunderts sowie die leckeren Piroggen, die wir uns am Ende der Partie redlich verdienten, nachdem wir es geschafft hatten, uns nichts zu brechen und wohlbehalten zum Auto zurückgefunden haben.

Evelina Winter mit ihren russischen Freundinnen in Susdal

Mit einem lachenden und einem weinenden Auge sowie dem Versprechen an mich selbst, sobald wie nur möglich zurückzukommen, wurde ich von Frau Troschina am Freitag in den Zug nach Moskau gesetzt, von wo aus ich den Rückflug nach Nürnberg antrat, natürlich nicht ohne noch ein wenig die Feiertagsstimmung in Moskau mitzunehmen und in nostalgischen Erinnerungen zu schwelgen, als mich am Kursker Bahnhof die Filmmusik zu eben jenem obengenannten Streifen „Moskau glaubt den Tränen nicht“ (siehe: https://is.gd/MuBxsN) empfing.

Die Basilius-Kathedrale auf dem Roten Platz

Evelina Winter

Read Full Post »


Heute nun die Fortsetzung zum gestrigen Bericht, die wegen technischer Probleme erst jetzt im Blog erscheinen kann: eine bebilderte Zusammenfassung der Ziele und Ergebnisse einer von Alexej Aljochin, unterstützt von seiner Lehrerin, Ludmila Mironowa, Recherche auf den Spuren von deutschen Kriegsgefangenen in Lagern der Region Wladimir.

Die deutsche Seite von Kowrow und Anopino

Die Kriegsgefangenenlager

Philipp Dörr und P. Wladimir

Das Projekt “Ein Blick in die Vergangenheit”, 2008

Gewinner und Preisträger des Wettbewerbs “Kulturbrücke Rußland-Deutschland”, Dezember 2013

Besichtigung der Gedenkstätte für gefallene Sowjetsoldaten, wo Ludmila Mironowas Großvater Wasilij Fedotow 1944 beigesetzt wurde.

Ludmila Mironowa, Alexej Aljochin und Herbert Meinka in Kowrow.

ZIELE:

  1. Informationen über die Gefangenenlager in Kowrow und Anopino, Region Wladimir, zu gewinnen.
  2. Ein Bild vom Leben und dem Аlltag der deutschen Kriegsgefangenen zu erhalten, die dort während des Krieges und in der Nachkriegszeit interniert waren.
  3. Die Ereignisse in Erinnerung zu halten, um die freundschaftlichen Beziehungen zu den Bürgern des heutigen Deutschlands zu festigen.

AUFGABEN:

  1. Material aus den Büchern und der Ausstellung in Kowrow / Anopino zu sammeln.
  2. Treffen und Interviews mit Verwandten der Gefangenen sowie mit Zeitzeugen.
  3. Internetrecherche zum Thema.
  4. Zusammenfassend Informationen über diese Ereignisse zu zusammenzutragen und das Gesicht des Krieges mit den Augen der damaligen deutschen Kriegsgefangenen zu zeigen.

Arthur Mainka, Vater von Herbert Mainka.

Der alte Stadtplan von Kowrow, Region Wladimir. Das Kriegsgefangenenlager ist rot, der Weg von dort zum Bahnhof blau markiert.

Die weiße Mauer ist der letzte Rest des Lagers für Kriegsgefangene Nr. 1. Auch Arthur Mainka war hier untergebracht.

Die Kirche auf dem Gelände des Lagers ist bis heute erhalten geblieben.

Alter Bahnhof in Kowrow. Hier kamen die Kriegsgefangenen an.

Die Häuser, auf die deutsche Kriegsgefangenen ein weiteres Stockwerk, die 4. Etage, setzten.

Der sogenannte Deutsche Turm vor der Glasfabrik in Anopino, aufgenommen von Herbert Mainka.

Anopino, das Innere der Werkhalle wo Arthur Mainka als Kriegsgefangene arbeitete.

Herbert Mainka, Michail Lissow, Ludmila Mironowa und Alexej Aljochin vor einem Glasofen der neuen Fabrik.

Michail Lissow, Herbert Mainka und Ludmila Mironowa vor dem „Madrid“ genannten Gebäude der Lagerleitung.

Etwa hier befand sich der Friedhof der Kriegsgefangenen, nicht weit von Anopino.

Abschluß

Als Fazit möchte ich den Gedanken festhalten: Es ist entscheidend wichtig, immer an unsere Geschichte zu erinnern, die uns mit Menschen aus der ganzen Welt verbindet und die wir besonders mit den Deutschen teilen. Ich meine, dies ist die einzige Weise, den Frieden auf der Erde zuhalten und den Krieg zu verhindern.

Alexej Aljochin

Read Full Post »


Wegen technischer Probleme kann heute der geplante Bericht nur verspätet und ohne den Hauptteil erscheinen. Sobald das Problem behoben ist, wird der Beitrag – hoffentlich noch im Lauf des Tages – ergänzt.

Wichtigstes Ziel der Städtepartnerschaft ist und bleibt die Völkerverständigung. Nicht von ungefähr steht deshalb das Motto „Bürgerpartnerschaft“ im Zentrum. Jährlich gibt es gut einhundert Austauschprogramme auf den unterschiedlichsten Ebenen. Regelmäßig veranstaltete Bürgerreisen schaffen ein Klima der Offenheit und Verständigung über alle Grenzen hinweg. Unsere Schule nimmt auch am Austausch mit dem Emmy-Noether-Gymnasium teil. Jährlich fahren die Kinder aus unserer Schule nach Erlangen. Ich selbst war schon zwei Mal in unserer deutschen Partnerstadt. Höhepunkt dieser Kontakte sind dabei Diskussionen und Jugendabende oder sportliche Begegnungen.

Wolfgang Morell und Alexej Aljochin

Ich bin überzeugt, die Partnerschaft Erlangen-Wladimir ist der beste Beweis dafür, daß gute Taten keine Grenzen, keine Nationalität kennen. Einfache Menschen (darunter auch Jugendlichen) können vieles leisten, viele Probleme lösen. Ehrenamtliche Initiativen sind unverzichtbar für das Gelingen der Städtepartnerschaft. Als Beispiel dazu dient hoffentlich auch das Projekt ,,Ein Blick in die Vergangenheit”, das ich gemeinsam mit meiner Lehrerin Ludmila Mironowa im Jahr 2008 erstmals in Erlangen präsentierte.

Die Städtepartnerschaft ermöglichte die Begegnung deutscher und russischer Kriegsveteranen. Einst standen sie einander auf feindlichen Frontlinien gegenüber und beschossen sich gegenseitig. Jetzt sind sie in unseren Partnerstädten zu Botschaftern des Friedens geworden. 2001 erschien die erste Auflage des Buches „Rose für Tamara“. Zehn Veteranen aus ganz Deutschland, die in Wladimir in der Gefangenschaft waren, erzählten über ihre Erfahrung und erinnerten sich mit viel Liebe und Dankbarkeit an die Hände der russischen Frauen, die ihnen das Leben gerettet hatten. Das Treffen mit deutschen Veteranen und deren Erinnerungen an die menschlichen Berührungen der einstigen Kriegsfeinde war wirklich ein Ereignis für uns Schüler. Ich bin selbst der Meinung, das Gute  müsse über das Böse die Oberhand  gewinnen.

 

Alexej Aljochin

 

Read Full Post »


Eigentlich hatte Elisabeth Preuß gestern beim Empfang für die Gaststudenten der Staatlichen Wladimirer Universität im Rathaus eine fünfköpfige Gruppe erwartet. Warum dann doch nur ein Trio kam, beantwortete Heinz Römermann, Leiter der Abteilung Russisch am Institut für Fremdsprachen und Auslandskunde (IFA), mit dem Hinweis, die beiden anderen seien im Rahmen eines Erasmus-Plus-Programms für ein ganzes Semester an die Friedrich-Alexander-Universität (FAU) gekommen, gewissermaßen abgeworben, wie seine Kollegin, Oxana Löscher, ergänzte. Sollte sich da ein Wettbewerb um die künftigen Wladimirer Deutschlehrer abzeichnen, die dann doch wegen der besseren Verdienstmöglichkeiten in anderen Berufen ihr Glück suchen?

Heinz Römermann, Elisabeth Preuß, Maria Agejewa, Wladislaw Anufrijenkow, Jelena Uwarowa und Oxana Löscher

So viele sind es ja nicht mehr. Die Zahlen derer, die in Wladimir Deutsch als Lehramt studieren, gehen zurück, keine zwanzig mehr sind es in einem Jahrgang. Damit wächst aber auch die Chance, in den Genuß des mittlerweile seit 31 Jahren bestehenden Austausches mit dem Partnerinstitut zu kommen und hier drei Wochen lang – vom 20. März bis 10. April – dank der Unterbringung in Gastfamilien nicht nur den Unterrichtsbetrieb mit Fächern wie Methodik des Übersetzens, Verhandlungsdolmetschen, Fachkunde Technik, Landeskunde, Grammatik oder Wortschatz und Idiomatik zu erleben, sondern auch Land und Leute kennenzulernen – mit selbstorganisierten Ausflügen nach München, Nürnberg, Bamberg… So lernt man am besten sprechen und verstehen, um eines Tages neue Brücken zwischen Deutschen und Russen zu bauen, von denen wir ja mehr denn je brauchen. Da ist es dann auch nicht mehr so wichtig, ob man seine Erfahrungen am IFA oder an der FAU macht und ob man später als Pädagoge oder was auch immer arbeitet. Hauptsache im Dienst der Verständigung.

Read Full Post »


Percy Gurwitz wurde am 25.03.1919, im Jahr der Gründung der Universität zu Riga, in der lettischen Hauptstadt geboren. Seine Mutter, Gymnasiallehrerin, war eine Königsberger Jüdin, der Vater, Anwalt, baltischer Jude. In der Familie wurde deutsch gesprochen, und die Erziehung lag in den Händen eines deutschen Kindermädchens. Lettisch und Russisch lernte der Junge „auf der Straße“. Bis zu seinem achten Lebensjahr prägten Familie und Kindermädchen seine Bildung maßgeblich; alles was danach in der Deutschen Grundschule – und erst recht später – an ihn heran getragen wurde, bewirkte nach seiner eigenen Aussage nichts Wesentliches mehr.

Der Gymnasiast Percy war häufig mit der Mutter in Deutschland, und in den Oberklassen begann er Gedichte und drei Dramen in deutscher Sprache zu verfassen, vor denen der Zweite Weltkrieg die Verleger und Leser bewahrte, wie er einmal selbstironisch anmerkte. Noch vor Kriegsausbruch nahm er das Studium der Klassischen Philologie und der Rechte auf und schloß es kurz vor der Besetzung des Baltikums mit dem Diplom ab. Daneben belegte er je ein Semester Schwedisch und Schwedische Literatur in Göteborg sowie Internationales Strafrecht im holländischen Haag. Bereits im Alter von 16 Jahren war Percy Gurwitz der Lettländischen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (deutsche Ortsgruppe) beigetreten.

In seiner noch zu Lebzeiten Ende Dezember 2010 in Erlangen erschienenen Schrift „Die Schuld am Holocaust“ erinnert sich Percy Gurwitz an seinen Vater und dessen Erziehung:

Mein Vater ließ keine Gelegenheit ungenutzt, mir das im Baltikum so populäre Denken in Nationalitäten auszutreiben, genauer gesagt, es bei mir gar nicht erst einreißen zu lassen. Nichts sei falscher und schädlicher als allgemeine Urteile über ganze Völker (das bezog er ausdrücklich auch auf die Zigeuner); vermeiden müsse man es, von einigen und sogar von zahlreichen mißratenen Exemplaren auf ein ganzes Volk zu schließen. Es gebe weder gute, noch schlechte Völker, die Lumpen seien in jedem Volk durchschnittlich gleich dünn oder dicht gesät. Auch unterließ mein alter Herr es nie, eigens zu betonen, daß sich Juden noch mehr als alle anderen wie vor dem Schwarzen Tod gegen derartige Verallgemeinerungen über andere Völker wappnen müssen, wo sie doch zu allen Zeiten selbst derartigen Vorurteilen zum Opfer gefallen seien.

Percy Gurwitz 1

Dietmar Hahlweg, Percy Gurwitz, Robert Thaler und Rudolf Schwarzenbach

Diese Lektion hatte der Universalgelehrte fürs Leben gelernt. Vieles von seinem so überreichen Wissen, viel zu vieles, nahm er 2011 unwiederbringlich mit auf seinen letzten Weg. Seinen Respekt, seine Achtung gegenüber jedem Menschen gleich welcher Rasse oder Nationalität, welcher Schicht oder Klasse, seinen alle völkischen Grenzen überwindenden Geist der Humanität und praktizierten Kosmopolitismus hinterließ er uns aber als sein forderndes Vermächtnis. Man muß gesehen haben, mit welcher feinfühligen Aufmerksamkeit er jedem Menschen begegnete, mit wieviel Verständnisbereitschaft er sich der Not eines jeden annahm, mit was für einer Herzensgüte er sich hineindenken konnte in andere. Als Kavalier alter Schule, der keiner Frau den Handkuß versagte, bildete für ihn eine formvollendete Höflichkeit den verläßlichen Rahmen eines Menschbildes, das den andern frei nach Goethe immer als den sah, als der er gedacht war. Ihn faßte zwar der Menschheit ganzer Jammer an, von dem er am eigenen Leib so viel hatte ertragen müssen, aber es galt für ihn die Maxime des Dichterfürsten: „Kein Werk ist zu niedrig, das aus Liebe getan wird.“

Es ist diese Liebe, die sein ganzes so mannigfaltiges Lebenswerk atmet: seine Publizistik, seine literarischen Arbeiten, sein politisches Wirken, seine Pädagogik. In allem, was er tat – und er tat in seiner zwar langen und dann doch endlichen conditio humana so unendlich viel – scheint diese Liebe auf, gibt ihr ein Gepräge für die Ewigkeit, an die er als bekennender Agnostiker doch nur sehr bedingt glauben wollte. Er hielt es bei der Gretchen-Frage verschmitzt mit Heinrich Heine, der das Dritte Buch seiner Hebräischen Melodien wie folgt enden läßt: „Welcher recht hat, weiß ich nicht, – / doch es will mich schier bedünken, / daß der Rabbi und der Mönch, / daß sie alle beide stinken.“ Geglaubt freilich hat er an den Ausspruch von Else Lasker-Schüler: „Nur Ewigkeit ist kein Exil“. Geglaubt hat er aber auch an die sinnstiftende Kraft der Religionen und vor allem an den für Höheres bestimmten Menschen.

IMG_9351

Das Leben von Percy Gurwitz war geprägt von der Erfahrung des Exils. Ghetto und Gulag waren entwürdigende Stationen eines Menschen, der, wie es die Lyrikerin Hilde Domin formulierte, seinen „Wohnsitz im deutschen Wort“ hatte. Darin bestärkten ihn eher noch die Mordgesellen des Dritten Reichs, die seine ganze Familie auslöschten. Diese Fluchtburg der Sprache bot ihm aber auch Schutz gegen den inhumanen Allmachtsanspruch der sowjetischen Ideologie Stalin’scher Prägung.

Percy Gurwitz

Percy Gurwitz und Helmut Aichele, bei dem der Gast aus Wladimir während seiner Erlangen-Besuche im wohnte

Im Epilog des Romans „Land der Freien“ des amerikanischen Autors Cormac McCarthy heißt es an einer Stelle: „Der Tod eines Menschen bedeutet immer, daß ein anderer für ihn einspringt. Und da der Tod zu jedem kommt, läßt sich die Furcht vor ihm nur dadurch lindern, daß man den Menschen liebt, der für einen einspringt. Wir warten nicht darauf, daß seine Geschichte geschrieben wird. Er ist vor langer Zeit hier durchgekommen. Der Mensch, der für uns auf der Anklagebank sitzt, bis unsere Zeit kommt und wir für ihn einspringen müssen. Liebst du ihn, diesen Menschen? Wirst du den Weg ehren, den er genommen hat? Wirst du dir seine Geschichte anhören?“

Percy Gurwitz 5

Dietmar Hahlweg und Percy Gurwitz

Eingesprungen sind damals für den verwaisten Juden in den wüsten Jahren des Krieges die Mitarbeiter des Deutschen Roten Kreuzes. Ihnen bewahrte er ein ehrendes Andenken, nachzulesen in seiner Schrift „Zwei Mal Rotes Kreuz“, die er im Dezember 2009 veröffentlichte. Aus diesem Andenken heraus wuchs auch die besondere Beziehung zum BRK Erlangen-Höchstadt und seinen segensreichen Aktivitäten in Wladimir. Bereits bei seinem ersten Besuch in Erlangen 1991 verneigte sich Percy Gurwitz in Dankbarkeit vor Henri Dunant, dem Gründer des Roten Kreuzes, und erinnerte die berührten Gastgeber an seine Lebensretter. Die Aktion „Hilfe für Wladimir“ begleitete er mit klugem Rat und beherzter Tat und stattete schon 1993 in bewegten Worten dem Erlanger Stadtrat den Dank der Partnerstadt ab.

Percy Gurwitz 1

Albrecht Schröter und Percy Gurwitz

Überhaupt die Partnerschaft. Was wäre sie ohne Percy Gurwitz in den zwei Jahrzehnten seiner aktiven Beteiligung?! In seiner Rolle als Stadtrat – drei Wahlperioden lang, von 1990 bis 1999 war er selbst Abgeordneter im Wladimirer Rathaus – stellte er die politischen und finanziellen Weichen für die internationalen Beziehungen und förderte vor allem das Erlangen-Haus, das 1995 eröffnet wurde, und später die Entstehung des Rot-Kreuz-Zentrums, das 1999 die Arbeit aufnahm. Ebenfalls als Stadtrat begründete er in seiner Eigenschaft als Vorsitzender des Ausschusses für Kommunale Dienste die bis heute fortwirkenden Verbindungen zu den Erlanger Stadtwerken und der Stadtentwässerung. Die Vorträge des weltklugen Geisteswissenschaftlers im Arbeitskreis Wladimir an der VHS Erlangen sind unvergessen, ebenso seine Auftritte an Erlanger Schulen. Sehr bedauert hat Percy Gurwitz nur immer: Albrecht Schröter, den Parteifreund und Oberbürgermeister von Jena, hatte er zwar 2009 noch kennengelernt, aber dessen Einladung, im Januar 2011 nach Thüringen zu kommen, konnte er nicht mehr folgen.

Es gibt viele polyglotte Menschen, aber nur wenige, die in diesen Sprachen leben, in ihnen zu Hause sind wie das dieser Homme de lettres war. Für Statistiker seien sie aufgezählt, all die Sprachen, die er beherrschte: Deutsch, Lettisch, Russisch, Schwedisch, Niederländisch, Latein, Altgriechisch, Jiddisch, Englisch, Französisch, Turkmenisch – und Hebräisch. Er war der letzte Wladimirer Jude, der das Kaddisch rezitieren konnte. Er hat sich immer gefragt, wer das wohl nach ihm tun werde.

Percy Gurwitz 2

Melitta Schön, Irina Sokolowa, Percy Gurwitz, Josefa und Jürgen Üblacker

Es gibt auch viele belesene Menschen, aber nur wenige, die wie er noch die entlegendsten Zitate der Weltliteratur auf Zuruf parat haben, die mühelos Janis Rainis mit Rainer Maria Rilke, Boris Pasternak mit Edgar Allen Poe oder Scholem Alejchem mit Tschingis Ajtmatow verbinden konnten.  Seine Muttersprache aber war das Deutsche, die Sprache, in der er an seiner Hochschule Generationen von Studenten ausbildete, in der er selbst fühlte und träumte. Auch davon träumte er, in Deutschland morgens zum Bäcker zu gehen und zum Frühstück eine deutsche Zeitung zu lesen. Wie Heinrich Heine erging es ihm wohl manches Mal, der in seinem Gedicht Anno 1839 schrieb: „O Deutschland, meine ferne Liebe, / gedenk ich deiner, wein ich fast!“

Er hätte als Kontingentjude nach Deutschland kommen können, wollte aber nicht vorheucheln, er sehe sich in Rußland Repressalien ausgesetzt; er hätte nach Israel emigrieren können, tat es aber nicht, weil er den Judenstaat für rassistisch und illegitim hielt. Er wäre am liebsten beides gewesen: russischer und deutscher Staatsbürger. Aber ein unsinnig-obsoletes deutsches Gesetz fordert ohne Ausnahme bei der Annahme der einen die Aufgabe der anderen Nationalität eines Drittstaates. So starb er denn mit einem deutschen Paß, um den er Jahre mit Unterstützung seiner Freunde aus Erlangen gekämpft hatte, in Wladimir, der Stadt, die ihn 1999 zu ihrem Ehrenbüger gemacht hatte und die ihm Heimat blieb, vor allem auch wegen seiner Familie. Aus keiner seiner vielen Funktionen wurde er als „Vaterlandsverräter“ vertrieben. Er blieb im Rat für Menschenrechte des Gouverneurs, der auf seine Initiative geschaffen wurde, er lehrte weiter bis zum Sommer 2010 an der Staatlichen Geisteswissenschaftlichen Universität, er mischte sich unverdrossen in die öffentliche Debatte um Politik und gesellschaftliche Entwicklung ein, kämpfte bis zuletzt für ein humanes Tierrecht und verteidigte als Jurist die Interessen eines Erlanger Mittelständlers erfolgreich in allen Instanzen vor russischen Gerichten.

Percy Gurwitz 6

Percy Gurwitz und Wolf Peter Schnetz

Ab dem Spätherbst 2010 rang Percy Gurwitz mit dem Tod. Am 15. April 2011 gab er, der das KZ wie den Gulag überlebt hatte, den Kampf 92jährig auf. Still und ohne zu klagen. Es war ein erfülltes Leben, und er hinterließ seine Familie und Freunde in einem Gefühl tiefer Dankbarkeit dafür, Teil dieser Lebensfülle gewesen sein. Bei allem Schmerz machte es seine Freunde in Erlangen glücklich, dabei geholfen zu haben, noch im Dezember 2010 seine Streitschrift „Die Schuld am Holocaust“ http://is.gd/QShzZX herausgebracht zu haben, und es gereicht der Erlanger SPD zur Ehre, den Wladimirer Genossen, der fast 80 Jahre der Sozialdemokratie gedient hatte, noch zu Lebzeiten mit der Willy-Brandt-Medaille ausgezeichnet zu haben. „Die Lücke, die sein Tod reißt, ist so groß wie das, was er uns über die Jahre bedeutete und gab“, schrieb Dietmar Hahlweg in seinem Nachruf, und heute fügt er hinzu: „Percy war ein großes Geschenk für unsere Partnerschaft – Deutscher, Jude und Russe in einer Person – ein idealer Brückenbauer. Er ist und bleibt auch in Erlangen unvergessen“.

Enden wir mit einem Wort aus den Memoiren von Heinrich Heine, den der Verstorbene so sehr verehrt hat: „Es ist so schwer, sich vom Tod der Menschen zu überzeugen, die wir so innig liebten. Aber sie sind auch nicht tot, sie leben fort in uns und leben in unserer Seele.“ – Und mit dem Gedicht, das ihm ein Freund zusammen mit einem Stein aufs Grab legte:

Percy Gurwitz 4

Percy Gurwitz

Ein Stein mit Spuren alten Lebens / aus Franken, wo Du oft geweilt, /ein Stein, der weiß, daß nichts vergebens /und der den Schmerz dann doch nicht heilt.

Die Handvoll Erde aus dem Garten, / die ich Dir in das Grab gelegt, / mischt sich mit russischer, wird warten, / bis sich die Zeit nicht mehr bewegt,

Bis endlich alles still und leicht, / bis alle Worte traumvoll schweigen, / bis daß die Nacht das Licht erreicht, / bis sich die Häupter stumm verneigen

Vor jener Kraft, die Dich verschlungen / und Dich aus diesem Dasein rief. / Du hast das Leben ganz durchdrungen / Und ruhst in uns nun weit und tief.

Read Full Post »

Older Posts »

%d Bloggern gefällt das: