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Archive for 24. Februar 2019


Kommt man nach Wladimir zu Besuch, könnte man meinen, alle Leute zahlten so gut wie alles per Karte, jedenfalls scheint es, der bargeldlose Einkauf sei dort stärker verbreitet als zu Hause. Traut man jedoch den Zahlen der Statistiker mehr als den eigenen Augen, sieht das Bild ganz anders aus, besonders in der Region Wladimir, die in dieser Hinsicht im landesweiten Schnitt konservativer agiert.

Die Nationale Agentur für Finanzforschung kommt nämlich zu dem Ergebnis, das nur 70% der Verbrauer in der Region Wladimir eine Karte nutzen, während das insgesamt landesweit im Durchschnitt 75% der Bevölkerung tut, und nur 12% zahlen auch tatsächlich bargeldlos im Kontrast zu insgesamt 16%. Bei der Nutzung von Internetbanken ein ähnliches Bild: 25% versus 31%. Da liegt auch die Frage nach dem Sparverhalten nahe. Auch da unterscheiden sich die Wladimirer von den Durchschnittsrussen, indem 20% regelmäßig etwas auf die Hohe Kante legen, wohingegen nur 17% der Gesamtbevölkerung eine derartige Vorsorge treffen, was wiederum mit der Zahl der Eröffnung von oder Einzahlung auf ein Sparkonto korrespondiert: 29% gegenüber 25%. Da verwundert es auch nicht mehr, wenn 72% der Wladimirer den Banken vertrauen, was im übrigen Land gerade einmal 64% von sich behauptet.

Nun weden sich bestimmt eines Tages Soziologen daran machen, nach den Gründen für diese Unterschiede zu suchen. Aber auch das wird die übrige Welt wohl kaum dabei weiterbringen, die ungeschriebenen Gesetze des russischen Gemeinwesens zu verstehen. Dabei helfen vielleicht einige Sprichwörter zum Thema Geld wie „Der Geizige zahlt doppelt“, „Ein Wort zählt mehr als Geld“ oder „Besser 100 Freunde als 100 Rubel“. Konkret über Geld zu sprechen, das man hat oder nicht hat, gehört sich noch immer nicht, hat etwas Unangenehmes an sich, besonders für die älteren Menschen, die einem gern sagen, Geld mache nicht glücklich oder besser einen guten Menschen an der Seite als Geld in der Tasche. Da ist dann auch der Neid nicht weit und die verbreitete Meinung, alle Reichen hätten ihre Besitztümer mit Gaunereien zusammengetragen, Wohlstand sei nur eine Folge von Spekulantentum. Diese das Geld generell eher abwertende Haltung ist Ergebnis einer jahrhundertelangen Erziehung, wo man nie lernte, selbst Geld zu machen, sondern immer das von den Vorgesetzten festgelegte und einem zustehende Gehalt erhielt. In der Sowjetzeit hatte man ja sogar mit empfindlichen Strafen zu rechnen, wenn man auf eigene Rechnung arbeitete und seinen Wohlstand mehren wollte. Doch auch in der Zarenzeit galt der erfolgreiche Kulak, der Großbauer, oder der Kaufmann eher als Ausbeuter, denn als Vorbild für eigenes Handeln. Erst mit der jungen Generation dreht sich die Stimmung: 84% der Jugendlichen meinen heute, es sei gut, mehr zu arbeiten, um auch mehr zu verdienen, und sie wissen, wenn der Rubel nicht rollt, wird es auch nichts mit der Ausbildung, mit der Kultur, mit Reisen… Aber das war ja jetzt fast schon ein Ausflug in die Soziologie.

 

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