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Archive for 20. Februar 2019


Wer in Wladimir lebt, empfindet den Einfluß von Nichtregierungsorganisationen auf die Gesellschaft mehrheitlich als wertvoll. In einer Umfrage zu dem Thema, an der im November gut 700 Menschen teilnahmen, äußerten sich 51,5% positiv und nur 1,6% negativ zu deren Rolle, während die übrigen sich dahingehend noch keine Meinung gebildet hatten. So zumindest das Ergebnis dieser Studie, an der maßgeblich der auch in der Partnerschaft aktive Soziologe Dmitrij Petrosjan mitwirkte und die jetzt veröffentlicht wurde. Besonders in der Altersgruppe von 31 bis 50 Jahren wächst offenbar das Wissen über diese ehrenamtlich arbeitenden Organisationen, und man kennt mittlerweile die Namen und das Profil von Vereinen wie dem Roten Kreuz Wladimir oder auch der Selbsthilfegruppe Swet, die ja beide mit Erlangen zusammenarbeiten. Allerdings scheint das Wissen noch oberflächlich, denn 71% können bislang nichts mit den Namen der Organisationen anfangen. Der entscheidende Unterschied aber zu einer ersten Studie zum Thema aus dem Jahr 2002: Die Arbeit der NGOs wird überwiegend positiv gesehen.

Als wir 2002 dazu forschten, war die Ausgangslage eine ganz andere. Kaum jemand hatte eine Vorstellung von diesem ehrenamtlichen Bereich. Heute ist das – vielfach auch dank dem Internet – anders, die Leute sind besser über das informiert, was in der Gesellschaft passiert. (…) Erwartet hatten wir allerdings eine etwas ablehnendere Haltung gegenüber einer ausländischen Finanzierung von Nichtregierungsorganisationen. Auch dachten wir, die Menschen nähmen an, diese NGOs seien hauptsächlich auf das eigene Wohl und das Fortkommen ihrer Mitarbeiter aus. Diese Befürchtungen bestätigten sich nicht, die Menschen haben eine durchaus angemessene Einstellung zu den Dingen. Allerdings bringt man die NGOs auch weniger mit Politik und dem Schutz der Menschenrechte als vielmehr mit der Lösung sozialer Fragen in Zusammenhang, weil bei uns traditionell schon immer die sozialen Rechte über die politischen und Bürgerrechte gestellt wurden.

Для владимирцев социальное благо важнее политических прав

Dmitrij Petrosjan

Fragen wie Ökologie, Hilfe für Häftlinge oder Migranten, vor allem aber den Schutz der Bürgerrechte verbindet man am wenigsten mit der Arbeit dieser Organisationen. Eine Erscheinung, die offenkundig landesweit gilt. Nach Einschätzung der Soziologen ist den Russen die soziale Absicherung insgesamt wichtiger als die Verteidigung ihrer Persönlichkeitsrechte. Deshalb meinen auch die Befragten in Wladimir, NGOs sollten sich hauptsächlich um Veteranen und Rentner (68,7%), Behinderten und Familien mit behinderten Kindern (60,9%), (sozialen) Waisen und Kindern in prekären Lebensumständen (54,5%) oder kinderreichen Familien (52,1%) helfen. Weiter unten rangieren die Unterstützung für Obdachlose (16,6%), Arbeitslose (13,7%), Frauen (7,5%), Migranten (3,3%) und Strafgefangene (2,4%).

Dmitrij Petrosjan hält dieses soziale Übergewicht für ungut, wenn nur 12,7% der Befragten die Aktivitäten der NGOs mit dem Schutz der Bürger- und Menschenrechte assoziieren:

Die Menschen begreifen die Nichtregierungsorganisationen als dem Bereich der sozialen Absicherung zugehörig. Warum ich das für schlecht halte? Weil dies just jene Mißachtung gegenüber ihren eigenen, juristischen und bürgerschaftlichen Rechten zum Ausdruck bringt. Diese Einstellung wird auch auf die NGOs übertragen. Man nimmt keine ernsthafte Haltung gegenüber den Rechten ersten Ranges ein: die Freiheit des Wortes, die Gewissensfreiheit, die Unantastbarkeit der Person. Dieser Parameter ändert sich kaum, und daher rührt auch das niedrige Niveau der Entwicklung von zivilgesellschaftlichen Organisationen in unserem Land. Die Menschen glauben in nur geringem Umfang an die Möglichkeit eines effektiven Schutzes ihrer Bürgerrechte. Dabei, so ein Ergebnis der Studie, betrachtet man diese Vereine und Verbände als verlängerten Arm des Staates, der mit öffentlichen Mitteln den Schutz von sozial benachteiligten Menschen gewährleisten soll. Um dies umzudrehen bedürfte es einer rechtlichen Aufklärung, im schlimmsten Fall einer heftigen Verschlechterung der Wirtschaftslage, eines Sinkens von Lebensstandard und Einkommen sowie der Einsicht, daß die politischen Rechte an erster Stelle stehen sollten und von ihnen alles übrige abhängt. Aber diese harte Variante noch einmal durchmachen zu müssen, bleibe uns doch besser erspart.

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