Feeds:
Beiträge
Kommentare

Archive for 16. Februar 2019


Noch liegt ja in und um Wladimir alles unter einer hohen Schneedecke, aber schon bald werden nicht nur die Bäume und Blumen austreiben, sondern auch ein unerwünschter Dauergast aus dem Kaukasus, der Riesen-Bärenklau. Kommt man mit der auch Herkulesstaude genannten Giftpflanze ungeschützt in Berührung, holt man sich teuflisch schmerzende Blasen, gegen die wiederum kein Kraut gewachsen ist. Doch nun überlegt man auf Anregung von Schülern den bisher fast aussichtslosen Kampf – der Doldenblütler hat sein Verbreitungsgebiet in der Region Wladimir in den letzten zwei Jahren um ein Drittel erweitert und gehört auch schon zur Botanik der Partnerstadt – mit der Aussaat von Topinambur antreten, ihrerseits freilich ebenfalls ein Neophyt mit all den unerwünschten Nebenwirkungen auf die heimischen Gewächse. Die Nachwuchsbotaniker erhielten, wie Zebra-TV berichtet Kenntnis von Feldversuchen in Galitsch bei Sankt Petersburg, deren Erfolg nun ja auch in Wladimir Abhilfe schaffen könnte.

Topinambur schlägt Riesen-Bärenklau, montiert von Zebra-TV

Als „Indianerkartoffel“ kam der Topinambur Anfang des 17. Jahrhunderts nach Europa und verwildert seither auch gern – mit nur wenigen Freßfeinden wie der Wühlmaus und dem Wildschwein. Doch just dieses hat man ja schon 2016/17 aus Furcht vor der Afrikanischen Schweinepest drastisch dezimiert, von 3.000 auf 800 Exemplare. Solange die Seuche noch umgeht, will man nun die Population auf diesem Stand halten – mit 0,25 Exemplaren auf 1.000 ha. Das Halali dürfte also munter weitergehen, weil immer wieder Rotten aus den Nachbarregionen Nischnij Nowgorod, Moskau oder Iwanowo herüberwechseln, an deren Grenzen man immerhin nicht, wie das die Dänen tun, Zäune bauen will.

Zum Abschuß freigegeben ist nun auch wieder in großer Zahl der Fuchs. Im Vorjahr hatte man 300 Meister Reineke erlegt, heuer hebt man das Jagdziel auf 500 Exemplare an, um der Tollwut Einhalt zu gebieten. 1.200 Rubel Prämie gibt es sogar für jeden toten Rotrock. Impfung wie in Deutschland ist in den russischen Wäldern leider nicht vorgesehen, also geht man mit der Flinte vor. Immerhin mit meßbarem Erfolg. 2015 zählte man noch 148 Fälle von Tollwut, im Vorjahr waren es nur noch 41, einer sogar tödlich für einen Menschen.

P.S.: In dem grandiosen Roman „Die Leidenschaften der Seele“ von António Lobo Antunes findet sich folgende Episode:

Mein Onkel ging mit dem Fuch an der Leine in der kleinen Stadt spazieren, setzte sich mit dem Tier ins Café zum Abenddomino, die Straßenköter kamen, vom Waldgeruch des Tieres angelockt, knurrend an die Schwelle, und die besiegten Dominopartner blickten es haßerfüllt an und beschlossen, sich ebenfalls einen Fuchs anzuschaffen, um genausoviel Glück beim Spiel zu haben. (…) Jemand hatte das Gitter des Hühnerstalls angehoben und eine Latte aus dem Gartenzaun herausgezogen, damit der Fuchs aufs freie Feld und in den Wald entkommen konnte. Mein Onkel (…) ging am Abend, nachdem er sich umgezogen hatte, zur gewohnten Stunde ins Café, setzte sich ohne das Tier an den Dominotisch, den Blick starr auf einen kleinen Weinbrand auf der Tischplatte gerichtet, mischte die Steine vor der Runde der Kameraden, die sich nicht rührten. Er verlor an diesem Abend und an allen folgenden Abenden, siebenunddreißig Jahre lang, eingeschlossen Sonn- und Feiertage, bis zu jenem Samstag, als sie ihn, der schon kein Wort mehr sagen konnte und seine Faust fest um eine Doppelsechs geschlossen hielt, auf einer Bahre ins Haus brachten.

Read Full Post »

%d Bloggern gefällt das: