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Archive for 7. Februar 2019


Nachdem sich der erste Bericht eher auf den Transport bezog, nun etwas mehr Inhalt. Schließlich sind die Transportmittel ja auch (aber nicht nur) Mittel zum Zwecke des Ankommens an schönen Orten.

Das Erlangen-Haus hieß uns, wie immer, herzlich willkommen, Zimmer, Frühstück und persönliche Gespräche machten es wie immer zu einem echten Zuhause auf Zeit. Wir hatten uns drei Programmpunkte vorgenommen, Wladimir selbst, Susdal und Bogoljubowo.

Zum ersten Mal war Wolfgang dabei, der zwar schon zu einem sommerlichen Besuch bei meinem Vater in Nischnij Nowgorod war, aber noch nicht in Wladimir und schon gar nicht im Winter. Entsprechend hatte er Mores und investierte in gute Schuhe, war mit warmer Unterwäsche und mehreren Schals und Mützen gut ausgerüstet. Leider ließ uns der Winter arg im Stich, die Temperaturen schwankten um den Gefrierpunkt. Auch die Sonne blieb hinter den Wolken versteckt, der Schnee war also weiß, (abseits der Straßen), nicht aber gleißend, wie im winterlichen Sonnenschein. Eines lernten wir ob des Straßenschmutzes schnell, nämlich unsere Schuhe gut abzuklopfen, ehe wir irgendwo eintraten.

Die Kathedralen, das Heimatmuseum „Altes Wladimir“ im Wasserturm, eine Ausstellung mit Schülerbildern aus dem Leben von Alexander Solschenizyn und einige Spaziergänge eröffneten Wolfgang ein gutes Bild unserer Partnerstadt. Am Abend ging es ins Konzert zum Knabenchor von Eduard Markin, allen Freunden der Partnerschaft gut bekannt. Dort hatten wir ein Erlebnis der Sorte „Die Welt ist ein Dorf“, denn wir wurden von Gabor Nemenyi aus Nürnberg, einem Mitglied des Freundeskreises Wladimir, begrüßt, der mich erkannte.

Der Chor bot wie immer eine fantastische Leistung, so manches Lied verursachte uns Gänsehaut. Lieder aus unterschiedlichsten Zeiten, manche lustig, manche fast dramatisch, und immer mit Präzision und Sangesfreude dargeboten. Nach all den Jahren erkenne ich viele Gesichter wieder, die sich vom Jungen zum jungen Mann verändert haben. Ich hoffe, es werden sich auch weiterhin begabte Jungen finden, die vor dem sicher harten Probenplan, der Disziplin und den vielen Reisen nicht zurückschrecken. Nach dem Konzert waren es  übrigens Jungs wie alle anderen auch, die sich schubsten, ihre Mobiltelefone zückten und durcheinander redeten.

Mit unserem neuen Begleiter Gabor kamen wir ins Gespräch und beschlossen, den Abend im „Wiener Café“ ausklingen zu lassen. Zu uns gesellte sich dann noch Tatjana Kolesnikowa, eine Lehrerin des Erlangen-Hauses, und wir sprachen, wie so oft, über die Rätsel und unerwarteten Wendungen der deutschen Sprache. Der Unterschied von „Entspannen“ und „Erholen“ beispielsweise wurde diskutiert und auch, wie man denn eine Fremdsprache nahezu akzentfrei lernen könne.

Wladimir hat mit seinem Kathedralenplatz ein Zentrum, das für sich stehen kann und eigentlich keine weitere „Verzierung“ braucht. Der Blick geht vom Platz über den Anstieg zum Glockenturm der Mariä-Entschlafens-Kathedrale, dem fünfkuppligen Kirchenbau selbst und weiter in den Park.

Warum dort ein wohl 15m langer Schriftzug „I❤️Wladimir“ (sic!) stehen soll, versteht wohl keiner. Warum auf diesem Platz auch noch Karussells und Buden stehen müssen, erschließt sich ebenfalls nicht. Die Weniger-ist-mehr-Puristen in der Stadtverwaltung sind wohl in der Minderheit. So nutze ich am Abend einen vorbeifahrenden Bus, der den Schriftzug wohltuend verdeckte.

Susdal stand am nächsten Tag auf dem Programm. Der Bus brachte uns bis ins Zentrum dieser märchenhaften Kleinstadt, über deren weitläufiges Areal unzählige Kirchen und Klöster verteilt sind. Und gab es irgendwo eine Baulücke, so fügte sich immer noch eine kleine Kapelle hinein. Zum ersten Mal war ich auf eigene Faust dort. Wir konnten also selber bestimmen, wohin es ging und wie lange wir vor welchem Bild stehen und staunen wollten. Auch hatten wir uns den ganzen Tag Zeit genommen.

Wolfgang Schneck und Elisabeth Preuß

Wir begannen mit einer Schlittenfahrt, ein Fehler, denn danach waren die Füße kalt, für den Beginn des Erlaufens der Klöster gar nicht gut. Wir kehrten also erstmal ein, und bei heißem Tee und Piroggen wurde uns wieder warm.

Mit warmen Füßen ging’s dann in den Kreml, wo man zwischen  Billets für „draußen“ und „draußen und drinnen“ wählen kann. Wir nahmen letztere und wurden nicht nur mit dem Inneren der wunderbaren Kirche, sondern auch mit dem Museum belohnt. Dort gab es weltliche Exponate aus der Geschichte der Stadt, wunderbare, riesige Öfen mit Delfter Glasur, die von den alten Beziehungen zwischen Holland und dem Russischen Reich erzählen. Höhepunkt aber waren die Ikonen, einige über 500 Jahre alt und in sehr gutem Zustand.

Das Freilichtmuseum war das nächste Ziel, dann wieder Aufwärmen bei Soljanka, anschließend ein Gang zum Klosterkomplex, in dem Generalfeldmarschall Paulus interniert war. Allmählich wurde es dunkel, wir gingen zurück zum zentralen Marktplatz an den Arkaden und beobachteten die Händler beim Einräumen der Waren. Anfang Februar scheint für die Händler keine gute Zeit zu sein, denn an den Ständen war es den ganzen Tag sehr ruhig. Uns kam das entgegen, weil wir die Kirchen und Klöster im winterlichen Schnee ohne Menschenmassen genießen konnten, für die Händler aber sicher eine harte Zeit.

Unser dritter und schon letzter Tag sollte uns nach Bogoljubowo führen. Ich nahm morgens wieder eine Lektion Russisch bei meiner Lehrerin Natalia Dumnowa, mittags fuhren wir dann mit einem Linienbus für 22 Rubel pro Nase nach Bogoljubowo. Da der Vorort noch zu Wladimir gehört, gilt der normale Tarif, den man auch zahlt, wenn man nur eine Haltestelle z.B. zur Post, fahren möchte.

1158 gegründet, hat das Kloster wie alle kirchlichen Bauten hier eine bewegte Geschichte, hat die Sowjetzeiten aber glücklicherweise als Museum und nicht, wie die Kathedrale in Nischnij Nowgorod, als Fischhalle überlebt. Seit ca. 30 Jahren ist es wieder Kloster und wird von Nonnen bewohnt, die in der Kirche z.B. Kerzen verkaufen und einen kleinen Souvenirladen betreiben. Da es sich nicht um ein Museum, sondern um ein aktives Kloster handelt, nimmt man keinen Eintritt. Es wird aber von den Besuchern selbstverständlich erwartet, den sakralen Charakter des Ortes zu respektieren und sich entsprechend zu verhalten, So ist es unerwünscht, die Nonnen anzusprechen, wenn sie nicht im Verkauf tätig sind.

Nach der Besichtigung ging es dann auf den ca. eineinhalb km langen Weg zum Kirchlein an der Nerl, ein Erlebnis, das zu jeder Jahreszeit beeindruckend ist. Wenn man, so wie wir, eine  Schneelandschaft vor sich hat, mit blütenweißem Schnee, der Weg nahezu verlassen, kontemplativ das Ziel dauernd vor Augen, sich Schritt für Schritt nähernd, dann ist das ein wahres Geschenk. Ich hoffe, diese kleine Wanderung noch oft machen zu können!

Und so war auch diese Reise wieder zu kurz, um all das sehen zu können, was noch zu sehen gewesen wäre. Weder Langlaufen im „Park der Freundschaft“, noch eine Fahrt im Riesenrad, noch die Gemäldegalerie im Landesmuseum konnten wir zeitlich unterbringen. Auch haben wir viele liebe Freunde nicht getroffen. All dies dann beim nächsten Mal!

Elisabeth Preuß

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