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Archive for 12. Januar 2019


Gestern nahm die Region Wladimir Abschied von ihrem ersten Gouverneur, verstorben am 9. Januar. Jurij Wlassow, am 22. Juni 1961 in der Nähe von Stawropol geboren, hatte 1983 in Moskau das Studium der Wirtschaftswissenschaften abgeschlossen und war, promoviert, zwei Jahre später, in die Partnerstadt gezogen, wo er zunächst an zwei Instituten arbeitete und begann, sich politisch zu betätigten. 1990 errang der Reformer bei den ersten demokratischen Wahlen einen Sitz im Stadtrat von Wladimir und wechselte ein Jahr darauf als Wirtschaftsreferent in das Kabinett von Oberbürgermeister Igor Schamow, bevor ihn kurz darauf, am 25. September 1991 Staatspräsident Boris Jelzin zum landesweit jüngsten Gouverneur ernannte. Der Aufstieg des vielversprechenden Nachwuchspolitikers war damit aber noch nicht zu Ende: 1993 wurde Jurij Wlassow in den Föderationsrat gewählt und dort kraft seines Amtes als Gouverneur im Januar 1996 bestätigt. Dann jedoch, im Dezember des gleichen Jahres, das jähe Aus, als bei den Wahlen sein kommunistischer Herausforderer, Nikolaj Winogradow, siegte, dem Jurij Wlassow auch vier Jahre später noch einmal unterlag.

Dietmar Hahlweg, Jurij Wlassow und Wladimir Panow, Mai 1995. Photo: Kurt Fuchs

Von Beginn seiner kommunalpolitischen Karriere an arbeitete Jurij Wlassow eng mit Erlangen zusammen, nahm 1991 am Verwaltungsseminar teil und holte sich manch wertvollen Rat von seinem fränkischen Kollegen, Siegfried Balleis, damals noch als Referent für Wirtschaft und Liegenschaften tätig. Auch als Gouverneur förderte der Marktwirtschaftler die Projekte der Städtepartnerschaft, insbesondere das Erlangen-Haus und den Medizineraustausch. In seine Amtszeit fällt auch die Rückgabe der Rosenkranzkirche an die wiedererstandene katholische Gemeinde.

Nicht von ungefähr fand denn auch die Aussegnung in der Darstellung-des-Herrn-Kirche statt, wo sich noch bis Anfang der 90er Jahre eine Tischlerei befunden hatte und die unter Jurij Wlassow als erstes von mehr als einhundert Gotteshäusern und 17 Klöstern wieder zur Nutzung an die Erzdiözese zurückging. Es waren Politiker wie Jurij Wlassow, die nach dem Kollaps der UdSSR und der sowjetischen Ökonomie nach ideologischen Vorgaben das Land vor dem Zusammenbruch bewahrten. Eine gar nicht zu überschätzende Leistung angesichts der damals herrschenden Not und der Notwendigkeit, innert kürzester Zeit alles komplett umzustellen. Da war es wichtig, Partner wie Erlangen an seiner Seite zu wissen, aber auch jemanden wie Wolfgang Kartte, dem es damals gelang, das Interesse der deutschen Politik und Wirtschaft für die Region Wladimir zu gewinnen, und der in seinem 1995 erschienenen Buch „Aufbruch zum Markt“ im Kapitel „Wladimir: die Probe aufs Exempel“ Jurij Wlassow mit den Worten zitiert:

Wir wollen die soziale Marktwirtschaft, und wir wollen zusammen mit Ihnen einen neuen Anfang machen.

Witwe Swetlana Wlassowa und Gouverneur Wladimir Sipjagin am offenen Sarg von Jurij Wlassow

Und sein Nachfolger im Amt, Wladimir Sipjagin, würdigte den Verstorbenen:

Den Anfang machen zu müssen, ist immer schwer, erst recht als erster Gouverneur nach den schweren Zeiten der Perestroika, als alles kaputt war und unsere Region darniederlag – ich komme ja von hier, lebte damals hier, sah alles mit eigenen Augen, verstehe, wie schwer er es hatte, diese Region aus den Ruinen zu herauszuholen und jeden Tag mit neuen Problemen konfrontiert zu werden, die er als Gouverneur zu lösen hatte. Dafür gebühren ihm Ruhm und Ehre.

Schwer hatte es Jurij Wlassow auch nach seiner Amtszeit, als ihm 1998 vorgeworfen wurde, er habe Mittel aus der Staatskasse in großem Umfang unterschlagen, unter anderem um damit eine Zahnarztrechnung zu bezahlen. Handschellen, Untersuchungshaft, Einzelzelle – und dann die Entscheidung des Gerichts, das die Anklage in allen Punkten zurückwies. Dennoch ein harter Schlag, der wohl die Rückkehr in die Politik für immer unmöglich machte.

Andrej Schochin, Oberstadtdirektor, beim Abschied von Jurij Wlassow

Die letzten zwei Jahrzehnte arbeitete Jurij Wlassow, der eine Frau und eine Tochter hinterläßt, in verschiedenen staatlichen Einrichtungen, trat aber öffentlich nicht mehr in Erscheinung, weshalb auch seine Krebserkrankung nur im Familien- und Freundeskreis bekannt war. Der Tod des Demokraten der ersten Stunde ist nun auch trauriger Anlaß, Dank zu sagen für jene wichtigen Grundlagen, geschaffen von Jurij Wlassow, auf denen die Partnerschaft sich bis heute weiterentwickelt.

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