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Archive for 1. Januar 2019


Heute würde Pjotr Dik 80 Jahre alt. Der Künstler, als Nachfahre von einst aus Deutschland eingewanderten deutschen Mennoniten im Altai geboren, kam Ende der 60er Jahre nach Wladimir und arbeitete in der Partnerstadt als Graphiker und Bildhauer. Zu den Glücksmomenten seines Lebens, das unvermittelt am 14. August 2002 in Worpswede endete, gehört, dank der Städtepartnerschaft mit seiner Kunst in die alte Heimat zurückgekehrt zu sein.

Johann Adam Stupp, Ehrenvorsitzender des Erlanger Kunstvereins, widmete dem Mittler zwischen den Kulturen einen Artikel, veröffentlicht 2001 zur Verleihung des Rußlanddeutschen Kulturpreises an diese großartige Persönlichkeit.

Kira Limonowa, die Witwe des Künstlers, die bis heute Ausstellungen ihres Mannes kuratiert

Zur Pastellmalerei, der von ihm heute ausschließlich angewandten Technik, fand der Künstler Peter Dik erst im Laufe der Zeit. Am Anfang stand die plastische Metallbearbeitung, die er studiert und einige Jahre ausgeübt hatte. Mit der Zeit wandte er sich dann mehr der Graphik, insbesondere der Monotypie, aber auch der Lithographie zu. Von dort gelangte er zur Handhabung von Pastellfarben. Er entdeckte für sich die überraschenden Effekte, die sich durch sie erzielen lassen. Die Technik seiner Pastelle basierte mit Kohle in schweren Umrissen und in ziemlich starken Farben. Er hatte damit seine persönliche künstlerische Ausdruckssprache gefunden, eine Sprache, die es ihm ermöglichte, die Vielfalt der äußeren Eindrücke aufzunehmen und im Sinne der eigenen Vorstellungen zu realisieren; seine Bildwelt zu erschaffen.

Den großen Vorzügen des Pastellmaterials in bezug auf die Erzielung farblicher Wirkungen steht jedoch bekanntermaßen der Nachteil entgegen, daß es empfindlicher gegen mechanische Verletzungen, zum Beispiel gegen Stoß, ist, weil die Farbe nicht fest auf dem Grund haftet. Demgegenüber besitzt es andere Vorteile: Hier gibt es kein Vergilben, Bräunen und Reißen wie bei Öl. Für seine Bilder verwendet Peter Dik neben weißen sowie schwarzen Spezialpapieren auch etwas Besonderes, von anderen Künstlern nicht Benutztes, nämlich Sand- oder Schmirgelpapier. Die Rauhigkeit dieses Grundes ist Vorteilhaft, schluckt aber natürlich viel Farbe. Das Fixieren – bei Pastell immer eine besondere Schwierigkeit, weil es leicht zu Veränderungen im Farbwert führen kann – ist bei Gebrauch von Schmirgelpapier nicht empfehlenswert, ja praktisch unmöglich. Peter Dik hat seine eigene Technik entwickelt, um das Malmaterial dauerhaft anzubringen: Er trägt die Farbe mit dem Finger auf und erzielt durch kräftiges Reiben ungemein weiche, matte, samtige Töne, bei denen es mehr auf die bestechende Schönheit des Vortrags ankommt als auf peinliche Genauigkeit. Nicht, wie es der überragende Pastellmaler der Kunstgeschichte, Edgar Degas, handhabte, der sehr auf die Zeichnung achtete, setzt Peter Dik seine Farben unmittelbar ein und baut die Wirkung seiner Bilder breitmalerisch auf den kräftigen Kontrasten des reinen Oberflächenlichtes auf. Die leichte Unbestimmtheit in den Umrissen ist gewollt, sie schafft die eigentümliche, traumhaft verschwimmende Atmosphäre, die östliche Stimmungen von den klaren Konturen des Südens unterscheidet. Es sind vor allem dunkle Farbtöne, die hart entgegen den hellen, besonders gegen Weiß, stehen. Der Maler holt durch ständiges Abwägen der Farbwerte des Lichtes und des Schattens und ihrer komplementären Farbtöne in der Entgegensetzung die angestrebte Wirkung heraus. Darauf kommt es ihm an.

Peter Diks Malerei ist expressiv und, obwohl stets vom Gegenständlichen ausgehend, abstrahierend bis zur Grenze völliger Abstraktion. Seine Darstellungen zeigen keine technisch-zivilisatorischen Errungenschaften unserer Gegenwart, die eine Datierung ermöglichen würden. Seine Werke sind nicht für die Zeit bestimmt, in der sie entstehen, sondern sie sind zeitlos in dem Sinne, daß sie eine Verbindung schaffen von der Vergangenheit bis zum Heute und tendenziell darüber hinaus. Das gilt für alle Motivbereiche, in denen er arbeitet, seien es Portraits, Genreszenen, Stilleben oder Landschaften. Dieses konsequente Absehen von einer abbildenden Wiedergabe der Wirklichkeit verweist darauf, daß die Ideen, innere Bilder des Malers, ihn zu seinen Arbeiten inspirieren. In der Tat ist dies so. Der Künstler trachtet danach, Modelle auszuzeichnen, die in seiner inneren Schau auftauchen. Darum auch ist er bestrebt, die Realisierung in jeweils einem Zuge durchzuführen und abzuschließen, damit die Einheit des zugrunde liegenden Gedankens nicht auseinanderläuft und verloren geht. Seine Arbeiten bleiben im kleinen oder mittleren Format.

Die Ergebnisse dieses Bemühens tragen ihre Bedeutung in sich selbst. Sie vermitteln keine wie immer gearteten Botschaften. Sie tragen keine sekundären Bedeutungen; sie sind autonom. Die Werke Peter Diks haben ihren letzten Ursprung in der Seele des Künstlers. Sie sind bestimmt durch eine tiefsitzende Empfindung von Stille und Einsamkeit, ja auch von Schmerz und Trauer. In ihnen läßt sich der Widerhall einer großräumigen, grenzenlos weiten, melancholischen Landschaft mit langen, strengen Wintern spüren, die den Menschen ihren Charakter aufprägt. Dies drückt sich auch in der gebeugten Haltung der Gestalten aus, die allein, als „Zweiheit“, wie Dik sagt, oder zu dritt im Raum stehen oder gehen.

Auf die Frage, welche Richtungen und Schöpfungen der Kunst bei ihm selbst einen tiefgehenden Eindruck hinterlassen haben, nennt Peter Dik die mittelalterlichen Ikonen und Fresken. Diese vielen fremdartig erscheinenden Bilder strahlen eine tiefe innere Ruhe, kontemplativ verinnerlichte feierliche Geschlossenheit und Harmonie aus. Sicher trägt die Rückbesinnung auf die Traditionen der religiösen Kunst der orthodoxen Christen für den gläubigen Menschen Peter Dik programmatischen Charakter. Insofern läßt sich von einer geistigen Kontinuität als einem der bestimmenden Merkmale des Malers Peter Dik sprechen.

Wir ahnen, daß der Schicksalsweg dieses feinnervigen Künstlers durch Not und Entbehrung im Krieg und unter den Bedingungen der kommunistischen Diktatur des Schreckens kein leichter war. Peter Dik kam als Kind schwarzmeerdeutscher Mennoniten, die Stalin nach Sibirien verschleppt hatte, am 1. Januar 1939 im Dorf Gljaden, Bezirk Blagoweschtschensk, Region Altai, zur Welt. Er berichtet: „Ich bin in der Altaisteppe geboren. Ein uferloses Meer von Steppengras und ein gewaltiger Himmel. Der Wind spaziert über die Steppe, das Gras breitet sich aus wie Wellen, die über das Meer hinweglaufen. Jedes Element, das in diesem Raum auftauchte, wurde als bedeutend aufgefaßt, – ein Gefühl, gleichsam kosmischen Ursprungs. Meine Kindheit verlief im krassen Kontrast zu dem, was die Natur dieses erstaunlichen Landstrichs ausmacht. Das erste, woran ich mich aus diesen Jahren erinnere, ist der Tod meines Vaters an Tuberkulose. Damals war auch meine Mutter, entsprechend dem Befehl Stalins zur totalen Mobilisierung aller Deutschen in der UdSSR, in die Arbeitsarmee gepreßt worden. Mich, gerade drei Jahre alt, mußte meine Tante aufnehmen, die schon zwei eigene Kinder hatte. Das Leben in den ersten Nachkriegsjahren war um keinen Deut besser als während des Krieges: der gleiche Hunger, die gleiche Notwendigkeit, ums Überleben zu kämpfen. Und überdies ein Leben unter der Aufsicht der Komendantur. Meine Reaktion auf all das war ein starker Widerstand. Ich konnte nicht glauben, daß meine Eltern verschleppt worden waren, weil sie etwas Schlechtes getan haben sollten, und daß ich mich für sie und dafür schämen sollte, daß ich Deutscher war.“

Nach Beendigung der siebenklassigen Volksschule arbeitete Peter Dik als Lade-, Erd- und Steinbrucharbeiter. In der „Tauwetter-Periode“ durfte er die Kunstschule in Swerdlowsk besuchen und schließlich 1968 – 1973 an der als „Stroganowka“ bekannten Hochschule für Kunst und Industrie in Moskau studieren. Seine Arbeiten fanden freundliche Aufnahme und brachten Anerkennungen ein, so den Titel „Verdienter Künstler“. Dies ermöglichte es ihm, durch Reisen und Studienaufenthalte seinen Horizont zu erweitern, zuerst in den damaligen Sowjetrepubliken Lettland, Georgien, Armenien und Estland, ab 1992 auch in Deutschland, wo er an Ausstellungen in Erlangen, Düsseldorf, Berlin, München, St. Augustin, Hamburg und Pommersfelden teilnehmen konnte. Einzelausstellungen gab es u. a. in Moskau, Wladimir, Sankt Petersburg, London, Erlangen, Nürnberg und Bozen.

Werke Peter Diks wurden erworben von Kunstmuseen in Moskau, Sankt Petersburg, Wladimir, Orjol, Twer, Tula, Tjumen sowie von der Staatlichen Tretjakow-Galerie Moskau und den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen München.

Im Jahre 2001 wurde Peter Dik mit dem Rußlanddeutschen Kulturpreis ausgezeichnet.

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