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Archive for Dezember 2018


Was am Ende des Jahres herausgreifen, das stellvertretend für all die ungezählten Begegnungen in den zurückliegenden 365 Tagen zwischen Erlangen und Wladimir stehen könnte? Jede Wahl kann da doch nur willkürlich sein. Als besonders symbolisch für die enge Verbindung zwischen den Partnerstädten darf man aber zweifelsohne die Spendenaktion für die Reparatur des Tourneebusses von Igor Besotosnyj ansehen. Von den letzten Gastspielen mit dem dank der Unterstützung aus Erlangen wieder flotten Fahrzeug wohlbehalten nach Wladimir zurückgekehrt, schickte der Musiker nun ein Bild von sich und dem Spielzeugbus, den ihm Bürgermeisterin Elisabeth Preuß am 17. Dezember beim Auftaktkonzert überreicht hatte. Siehe: https://is.gd/rhKHMu – und die Vorgeschichte ist hier nachzulesen: https://is.gd/glDQmm

Igor 16

Igor Besotosnyj

35 Jahre Städtepartnerschaft mit einem ganzen Reigen von Veranstaltungen gehen heute zu Ende und versprechen für die Zukunft noch viel mehr Austausch, wohl auch in die Pflicht genommen von den Erlanger Nachrichten, die am 6. Dezember in ihrer Kritik des Festkonzertes in Herz Jesu mit dem Kammerchor Wladimir schrieben:

Sabine Kreimendahl und Tatjana Grin nach dem Festkonzert am 3. Dezember 2018

Welch’ ein Chor, welch’ ein Fest, welch’ eine Partnerschaft! Das bindet, das macht dankbar gegenüber allen Initiatoren und Helfern dieser Partnerschaft. Es ruft in die Pflicht, sich für diese Verbindung zwischen Erlangen und Wladimir einzusetzen. Das ist mehr als Eurovision, das ist humanistische Weltvision!

Dmitrij Tichonow, Eberhard Keilhack, Werner Heider, Dietmar Hahlweg und Alexander Tichonow nach dem Partnerschaftskonzert am 18. März 2018

Diese „humanistische Weltvision“ bewegte Dietmar Hahlweg vor 35 Jahren, in Zeiten des Kalten Krieges, die Versöhnung und Verständigung mit der Sowjetunion zu suchen. Er darf und soll sich heute, an seinem Geburtstag, darüber freuen, wie gut ihm und all jenen, die in seinem Geist handelten und bis heute wirken, dieses Friedenswerk gelungen ist. Ausdruck dafür ist sicher auch die Auszeichnung des vom Altoberbürgermeister inspirierten Gesprächsforums „Prisma“ und des „Wladimir-Blogs“ durch die Außenminister Heiko Maas und Sergej Lawrow am 17. September in Berlin.

Vor zwei Jahren schloß die Friedens-Apotheke aus Kundenmangel. Eingezogen in die Räume ist mittlerweile die Jugendkunstschule. Doch der erste Teil des Namenszugs blieb erhalten. Wer wohl die Idee dazu hatte? Preiswürdig und aller Ehren wert ist der Einfall ganz sicher – und das beste aller denkbaren Motive für den Jahresausklang und den Auftakt ins Neue Jahr. Dazu noch eine Erinnerung. Als im Juli 2016 zwei Jungs der U-14-Mannschaft von Torpedo Wladimir beim Partnerschaftsturnier an Masern erkrankten, wurden sie zunächst am Kinderklinikum behandelt und mit einem Rezept bedacht. Mit ihrer Betreuerin wollten sie dann die verschriebene Arznei in der Friedens-Apotheke kaufen. Doch als man dort erfuhr, die jungen Kunden seien aus Wladimir, hieß es: „Wenn die Kinder aus der Partnerstadt sind, gibt es die Medikamente umsonst.“

Mit Blick auf dieses Haus also allen Menschen – nicht nur in Erlangen und Wladimir sowie in all unseren Partnerstädten – ein friedliches und gesundes Neues Jahr.

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Das Hotel „Luise“ trauert um seinen Gründer, gedenkt des Seniorchefs, Klaus Förtsch, eines Mannes, der sich auf Gastlichkeit verstand, wie nur wenige noch in einem Gewerbe, das immer mehr von Ketten und Service von der Stange geprägt wird, eines innovativen Familienunternehmers, dem die Zukunft seines Standes ebenso ein Anliegen war, wie die beispielhafte Erhaltung unserer natürlichen Lebensgrundlagen.

Klaus Förtsch mit seinem Sohn Benjamin

Die Städtepartnerschaften verlieren mit Klaus Förtsch einen stets zugewandten Gastgeber, der auch immer wieder in seinem Haus Ausstellungen der Erlanger Fotoamateure und ihrer Freunde aus aller Welt eröffnete. Unvergessen aber besonders die Unterstützung des Erlangen-Hauses mit dem Erwerb von Bausteinen zur Finanzierung des Projekts und die vielen Sachspenden für die Gästezimmer in Wladimir. Ein Mann wie er wird fehlen, nicht nur in Erlangen. In dankbarer Erinnerung und im Namen von allen aus aller Welt, die bei ihm und in seiner „Luise“ ein heimeliges Zuhause auf Zeit fanden.

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Leider gelingt es auch der Redaktion des Blogs nicht immer, alle – in diesem Jahr waren es wieder 110 an der Zahl – Austauschmaßnahmen zwischen Erlangen und Wladimir zu erfassen. Aus den unterschiedlichsten Gründen gehen auch längst nicht zu allen Begegnungen Berichte ein, etwa zu einer wissenschaftlichen Konferenz Anfang September, wo es unter Erlanger Beteiligung um Fragen der Wechselwirkung zwischen Mensch und Umwelt am Beispiel der Gewässer im Kljasmabecken ging.

Ökologischer Atlas des Kljasmabeckens

Ein Thema dabei – der Biber und die Nebenwirkung seiner Aktivitäten auf das Ökosystem. Ähnlich wie in Bayern und ganz Deutschland war der Nager auch in der Region Wladimir und auf dem Gebiet der Sowjetunion vor allem durch Bejagung fast ausgerottet. Mit dem Biberschutz begann man in der UdSSR verstärkt ab den 70er Jahren, und seither erholt sich der Bestand merklich. Abzulesen an den Zahlen, die nach der letzten Erhebung – sie fand vom 1. Oktober bis zum 30. November landesweit statt – bei gut 17.000 Exemplaren für die gesamte Region Wladimir mit einer Gesamtfläche von 29.000 qkm liegen, etwa 2.000 mehr als im Jahr 2010.  Fast so hoch schätzt man übrigens die Biberpopulation in Bayern mit seinen gut 70.000 qkm.Und noch etwas ist nachzutragen. Just zu der Konferenz erschien ein aufwendig gestalteter Atlas zu Ökologie des Beckens der Kljasma mit dem Untertitel „Der Mensch in der Umwelt“, herausgegeben von der Wladimirer Universität in Zusammenarbeit mit der Michail-Lomonossow-Universität Moskau und der 1845 gegründeten Russischen Geographischen Gesellschaft. Auf gut 300 Seiten ist da fakten- und tabellenreich die Wechselwirkung von Mensch und Natur am Beispiel der Region Wladimir dargestellt, von der Geologie über die Hydrologie bis zu Fauna und Flora; sogar Demographie, Klima oder Brauchtum haben ihre eigenen Kapitel.

Eine Schatztruhe für alle, die alles über die Partnerstadt und ihr Umland wissen wollen. Nur ein Desiderat bleibt anzumahnen: die Übersetzung des Kompendiums zumindest ins Englische.

 

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Wer im Dezember 2016 die Gelegenheit nicht nutzen konnte, hat nun am Donnerstag, den 10. Januar 2019, um 19.00 Uhr im Kulturpunkt Bruck, Fröbelstraße 6, noch einmal die Chance, den Fahrrad-Roadmovie von Walter Költsch mitzuerleben, der selbst zu diesem Abenteuer schreibt:

Durch Eis und Schnee nach Wladimir

Trotz Reisen durch Alaska, Grönland, Spitzbergen, Tibet und viele andere kalte Länder: Diese Radtour war die eisigste Reise meines Lebens. Als meine Mitradler – Gertrud Härer, Jörg Gruner und Peter Smolka – mit mir im März 2013 aufbrachen, ahnte niemand von uns, daß dieses Frühjahr ein Jahrhundertwinter werden sollte! Schnee und Eis haben uns begleitet vom ersten bis zum letzten Reisetag…

Noch 24 km bis Wladimir – und endlich grün…

Die Radtour begann in Erlangen, führte durch Tschechien, Polen, Litauen, Lettland und Estland nach Rußland. Nach einem Umweg über Sankt Petersburg endete die Reise für drei von uns nach 4.000 Kilometern ein gutes Stück jenseits von Moskau, in Erlangens Partnerstadt Wladimir. Für den Weltumradler Peter Smolka war dies lediglich die Startetappe zu einer weiteren, vierjährigen und 80.000 Kilometer langen Weltumrundung!

Walter Költsch, Jörg Gruner, Peter Smolka und Gertrud Härer, Anfang Mai 2013 vor dem Erlangen-Haus

Ich fürchte, mein Publikum wird während dieses Vortrags nicht nur leiden müssen, sondern auch den Kopf schütteln, wenn wir uns frierend durch Schnee, Eis, Matsch und Schneegestöber quälen. Aber es wird sich auch wieder köstlich amüsieren über die in perfektem Hochfränkisch vorgetragenen Anekdoten über Begegnungen mit Menschen und Berichte über Pleiten, Pech und Pannen. Der Film lebt auch von dem Kontrast aus grandioser, einsamer Natur und weltberühmten Städten wie Riga, Talinn, Sankt Petersburg und Moskau.

Eben ein Roadmovie der anderen Art! Und wer ihn schon gesehen hat, läßt ihn sich bestimmt auch ein zweites Mal nicht entgehen.

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Heute ein Rückblick auf den Besuch des Kammerchors Wladimir, der die knappe Zeit zwischen Konzerten und Proben Ende November, Anfang Dezember auch für einen Ausflug nach Bamberg nutzte, begleitet von Sieghard Hellmann und Georg Kaczmarek, dem wir auch den folgenden Bericht verdanken.

Tatjana Grin und Sieghard Hellmann

Sieghard Hellmann vom Freundeskreis Wladimir, als ehemaliger Wahlbamberger bestens stadtkundig, übernahm die Ausflugsleitung. Ich durfte, als sein Adlatus, die mit 25 Mann und Frau starke Chorgemeinschaft begleiten. Peter Steger, der Partnerschaftsbeauftragte, ließ es sich allerdings nicht nehmen, kurz am Bahnhof zu erschienen, die Fahrkarten zu überreichen und uns allen besseres Wetter zu wünschen. Ausgerechnet an diesem Montag schüttete es nämlich sprichwörtlich wie aus Kübeln. Nach einem allgemeinen Regenschirmcheck ging es mit der Regio-Bahn auch gleich los.

Der nette Schaffner, ließ sich von Sieghard Hellmann über den Zweck der Reise, die Städtepartnerschaft mit Wladimir – Wladimir? Wo liegt denn das bitteschön? – und natürlich über den Kammerchor genauestens informieren, anstatt zu überprüfen, ob sich vielleicht ein Fremdling unter die Ausflügler gemischt hatte. Schade nur, daß die Chormitglieder im Waggon so weit verstreut saßen, sonst hätten sie bestimmt ein Liedchen für den netten Kontrolleur angestimmt, wie später an anderer Stelle geschehen.

Zu unserer großen Überraschung fruchteten die „Wetterwünsche“, und die Regenschirme durften ganztägig in den Taschen bleiben.  Bamberg zeigte sich von seiner freundlichen Seite, mit der wir eigentlich nicht gerechnet hatten. Einen ganz kurzen Schauer gab es glücklicherweise nur, während wir, übrigens sehr köstlich, in der Uni-Mensa zu Mittag speisten. An dieser Stelle vielen Dank an Peter Steger, der organisatorisch an diese Stärkung gedacht hatte.


Der Streifzug durch die Stadt begann mit der zeitsparenden Busfahrt in die Innenstadt. Dann ein kurzer Spaziergang durch die engen Gassen zum Alten Rathaus mit dem Blick auf „Klein-Venedig“ am Regnitzufer, am „Schlenkerla“ vorbei. Ein Besuch im historischen Brauereiausschank blieb uns leider versagt, da am Abend für den Chor noch ein Auftritt im Wohnstift Rathsberg auf dem Programm stand. Zum Ausgleich dafür wurde direkt gegenüber das Angebot des Andenkenladens rege in Anspruch genommen. Weiter ging es über die steile Treppe zum Domplatz und zum Dom selbst. Die Chormitglieder waren von der Innenarchitektur derartig beeindruckt, daß sie spontan beschlossen, eine kleine Gesangseinlage darzubieten.

Die Dirigentin Tatjana Grin war nicht sicher, ob man sowas im Dom überhaupt durfte. Man durfte. Zwei Lieder wurden aufgeführt, zur Freude vieler Touristen – und hier nachzuhören, einmal der Hymnus „Agni Parthene“ https://youtu.be/WXRvZg7U2bs und dann noch das der Vorweihnachtszeit angemessene „Stille Nacht“ unter https://youtu.be/ECrI4CMufEs

Über die Alte Hofhaltung war dann der Rosengarten der Neuen Residenz an der Reihe. Der Himmel hellte gerade in diesem Augenblick auf, und der Blick über die Bamberger Dächer faszinierte derart, daß unzählige Selfies und Kammeraufnahmen geschossen wurden.


Die Zeit für alle Sehenswürdigkeiten und Museumsbesuche war knapp bemessen, denn man sollte sich ja auch noch intensiv dem Shopping widmen können. Für so manche der Damen war die Zeit jedoch immer noch viel zu kurz, wie sich am Nachmittag am Sammelpunkt, der Kettenbrücke, herausstellte. Zwei Damen fehlten. Als sie schließlich doch auftauchten, erreichten wir im Affentempo gerade noch pünktlich den Bahnhof und unseren Zug, denn es dauerte eine geraume Zeit, bis die Regio-Bahn in Richtung Erlangen endlich losfuhr. Tja, auf die Bahn ist halt Verlaß, was die Unpünktlichkeit angeht.


Erlangen empfing uns mit unfreundlichem Dauerregen und mit Peter Steger am Bahngleis, der für den weiteren Transfer nach Rathsberg sorgte. Siehe dazu Blog-Bericht https://is.gd/U4vX3k

Für mich persönlich hat sich der Tagestrip mit den supernetten Gästen außerordentlich gelohnt. Danke Sieghard. In zahlreichen Gesprächen konnte ich interessante Gedanken austauschen über das Leben hüben wie drüben, über das Verhältnis zueinander und über so manche persönlichen Dinge. Und zum Schluß für mich der wichtigste Punkt. Ich wurde von den Sängern herzlichst eingeladen, Wladimir wieder zu besuchen. Das zu tun, habe ich auch hoch und heilig versprochen: Zur Einweihung des Pilgerhauses an der katholischen Rosenkranzkirche komme ich mit Bestimmtheit. Vielleicht könnte der Kammerchor sogar diesem Festakt beiwohnen. Wenn das kein guter Gedanke ist!

Peter Steger deutete es während der Jahresversammlung des „Nadjeschda-Hoffnung“-Fördervereins an, dafür eine Reise organisieren zu wollen. Aber schauen wir erst mal, was uns das kommende Neue Jahr bringt: «Поживём — увидим», wie man auf Russisch in solchen Fällen zu sagen pflegt.

Georg Kaczmarek

Max Firgau

P.S.: Siegfried Brückner, künstlerischer Impresario der Gastspielreise des Kammerchors Wladimir, übergab dieser Tage 25 CDs mit der Aufnahme des Festkonzerts vom 1. Dezember in Kirchehrenbach. Die Scheiben nimmt nun Max Firgau am Wochenende mit in die Partnerstadt. Mehr dazu unter: https://is.gd/Dlyc6c

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Auch wenn man sagen könnte „alle Jahre wieder“, ist es doch alles andere als eine Selbstverständlichkeit, wenn der Staatliche Regionalsender des Gouverneurs Wladimir auch heuer wieder am Heiligen Abend die Weihnachtsbotschaft von Sergej Sujew ausstrahlte, der nicht nur für seine insgesamt höchstens 500 katholischen Seelen spricht, wenn es im Vorspann zu Sendung heißt:

Die römisch-katholische Kirche in Wladimir

Heute feiern die Katholiken auf der ganzen Welt den Heiligen Abend. In der Katholischen Kirche zum Heiligen Rosenkranz der Allerheiligsten Jungfrau Maria ist alles bereit für das Fest: feierliche Girlanden, der Christbaumschmuck, die Weihnachtssterne, die Krippe und das Konzertprogramm. Und wenn Pfarrer Sergej Sujew dann selbst sagt:

Ich begrüße Sie alle, besonders freudig all jene Christen, die nach dem westlichen Kalender heute die Geburt Christi feiern. Heute ist Heiliger Abend, der Vorabend der Geburt Christi, und natürlich möchte ich an diesem Tag allen herzlich gratulieren und Freude sowie den Segen für dieses Freudenfest wünschen, das wir Katholiken heute auf besondere Weise begehen. Morgen dann, am eigentlichen Weihnachtsfest, am 25. Dezember, finden zwei Gottesdienste statt, um 12 Uhr mittags und für alle, die arbeiten, um 19 Uhr am Abend. Diese Tage bringen uns auch dem Neuen Jahr näher. Wir haben dazu ein herrliches Konzertprogramm vorbereitet. Am 29. Dezember gibt es gleich zwei Auftritte. Und vom 2. Januar an gibt es jeden Tag Orgel- und Kammermusikkonzerte. Ich wünsche allen Frohe Weihnachten. Ich wünsche Ihnen Gesundheit, Frieden in der Seele, Frieden auf den Straßen unserer Stadt, unseres ganzen Landes und auf der ganzen Welt. Möge Gott, der so klein und schutzlos in unsere Welt kam, uns darin bestärken und uns die Vorfreude auf etwas Heiliges und Gutes schenken.

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So wenig wir wissen, worum die beiden Hunde auf dem Kathedralenplatz zu Wladimir zanken, so wenig können wir sagen, woher die Weihnachtspost stammt, die ein Schützling des Erzengels Gabriel in den Briefkasten der Blog-Redaktion steckte. Es möge jeder seine Schüsse ziehen und Überlegungen anstellen.

Wladimir Tschutschadejew

Alles war wie immer, so kurz vor Weihnachten. Es ging von einer besinnlichen Feier zur nächsten, bis niemand mehr zur Besinnung kam. Das Lichtergefunkel blinkte so hell und grell, daß man sich nur noch ein stilles Dunkel wünschte, in dem auch wieder einmal ein Stern zu sehen sein würde. Überall auf den Plätzen und Märkten, in den Geschäften und Läden ein Gedränge und Geschiebe, damit nur ja nicht unerfüllt ein Wunsch noch bliebe. Aber auch sie gab es, jene unscheinbaren Orte der Ruhe und Einkehr: kerzenumrahmte Fenster, hinter denen stumme Gestalten zusammensaßen; Häuser, aus denen der Duft von Zimtgebäck und Kokoswürfeln drang; Kirchen, leise zitternd vor Freude am Liederklang.

Wie immer, so kurz vor Weihnachten, schlüpfte unser Nachbar in seine Gummistiefel, zog die Kapuze über den grauen Strubbelkopf  und holte aus dem Schuppen im Garten seinen Greifarm, den er zärtlich „Zapperle“ nannte. Und schon stapfte der alte Mann, die Jackentaschen von den eingesteckten Müllsäcken ausgebeult, vornübergebeugt, aber entschlossenen Schrittes über die schmale Brücke hinüber zum linken Ufer des Baches, der aus einem der namenlosen Tümpel im nahen Wald herüber in die Ausläufer der Stadt floß.

Wie immer, so kurz vor Weihnachten, regnete es, und der Wind wehte wendisch-launisch mal aus dieser, mal aus einer anderen Richtung. In der Wettervorhersage hieß es denn auch: „Für die Jahreszeit zu mild, Schneefallgrenze oberhalb 800 Meter.“ Eben wie immer, so kurz vor Weihnachten. Die wenigen Spaziergänger und Läufer, die an diesem Spätnachmittag im Advent unterwegs waren, schenkten der gebückten Gestalt am Wegrand kaum Beachtung, und der war das ja auch durchaus recht, denn was der Alte, den Blick nach unten gerichtet, mit dem sich rasch füllenden Sack in der einen und dem wie ein hungriger Schreitvogel immer wieder zupickenden Greifarm in der anderen Hand tat, vollbrachte er am liebsten im verborgenen. Lumpensammler, Müllmann, Straßenkehrer – wer wollte sich schon freiwillig diesem Berufsstand zurechnen lassen, zumal wenn er, wie das bei unserem Nachbarn der Fall war, früher einmal an der hiesigen Universität ein- und ausging und Vorlesungen aus seinen Büchern über die fränkische Sagenwelt hielt. Seit seiner Emeritierung lebte er ganz zurückgezogen und kam oft tagelang nicht aus seiner Bibliothek. Nachts freilich brach er regelmäßig zu seinen, wie er sie nannte, „Lehrgängen“ in den Wald auf, um „Feldforschung“ zu betreiben. Auf diese Exkursionen angesprochen, meinte er immer nur vieldeutig: „Nur in der Dunkelheit erkennt man das Verborgene.“ Was er damit meinte, behielt er allerdings ebenso für sich, wie die Erkenntnisse, die er bei diesen einsamen Ausflügen sammelte. Bis zu jenem Erlebnis, zu dem der Forscher im Forst dann doch nicht schweigen konnte, so sehr hatte es ihn erschüttert.

Wie immer, so kurz vor Weihnachten, sammelte also der etwas wunderliche Nachbar entlang dem Bach in Richtung Wald fein säuberlich auf, was andere so rein ohne Bedacht hinterlassen: leere Zigarettenschachteln, Tüten voller Dosen oder Hundekot, Plastikflaschen und Pappbecher, Zellophan und Styropor, verdreckte Folien und gestrandete Luftballons. „Bei jedem Schritt nimm etwas mit“, summte er vor sich hin, wenn er wieder eine bunte Schokoladenverpackung oder ein glänzendes Bonbonpapier aus dem Wasser fischte oder im Ufergestrüpp einen Klumpen Stanniol dingfest machte und traurig den Kopf schüttelte: „Wie kann man nur, das Wasser so klar, die Erde so rein – und dann dieser Abfall, so dreckig, gemein!“ Rasch füllte sich der Sack mit all dem Unrat, während der Wind mit bösen Böen blies und der Himmel nichts Gutes verhieß. Es war, als trieben sich da droben die Wolken herum, eine schwärzer als die andere, wie überladene Segelschiffe aus unbekannten Ländern, vom Kurs abgekommen, und jeden Augenblick bereit, ihre schwere Last auf hoher See zu löschen, bevor sie kentern. Cornelius Krampus, so der Name des Mannes, zog die Kapuze noch tiefer in die Stirn, während die Tropfen immer dicker und schneller herniederprasselten. Aber davon ließ sich der Alte nicht entmutigen, auch wenn die Brille beschlug und er bald alles nur noch schemenhaft-verschwommen sehen konnte. Er hatte seinen Kontrollgang ja auch fast schon abgeschlossen und wollte den Sack gerade zumachen, als er im dornenbewehrten Unterholz des Erlenbruchs, hinter dem der Wald begann, etwas entdeckte, das in der anbrechenden Dämmerung einen unmerklichen Schimmer verbreitete und sich drehte wie eine Windrose. „Was das nur wieder ist“, fragte sich Cornelius Krampus, „vielleicht so ein neumodisches Spielzeug mit LED-Leuchten? Ständig neue Sachen, die dann gleich wieder zu alt sind und weggeworfen werden.“ Als er näher herantrat, zuckte das Ding zusammen wie ein erschrecktes Tierchen und ließ sich von einem Windstoß forttragen, fast bis in das welke Kraut, mit dem das Ufer hier bedeckt war. „Warte nur“, rief da der alte Mann, „meinem Zapperle entkommt nichts, gleich haben wir dich“, und stieg vorsichtig die rutschige Böschung hinab. „Nur jetzt nicht ausrutschen und auf den Allerwertesten fallen, wo ich eh schon naß genug bin“, mahnte er sich zur Vorsicht und arbeitete sich mit Tippelschritten an das Objekt heran. „Was das nur ist?“ fragte er sich beim vorsichtigen Näherkommen. „Eben sah es noch aus wie ein mit Buntstiften beschrifteter Umschlag, jetzt gleicht es einer Scherbe, in der sich der Himmel spiegelt, jedenfalls nichts, was ein Windstoß so einfach vor sich hertreiben würde. Aber jetzt haben wir dich ja gleich und stecken dich in den Sack.“ Das war jedoch leichter gesagt als getan. Kaum daß der Greifarm zupacken wollte, platschte das Ding ins Wasser und schwamm davon, bachaufwärts, wie von einer unsichtbaren Schnur gezogen, und wechselte dabei kaleidoskopartig immer wieder die Farbe, bis es in der Röhre verschwand, durch die das Wasser unter der Straße floß, um auf der anderen Seite wieder hervorzutreten. „Potz Blitz und Grundgütiger!“ rief da Cornelius Krampus aus, „Da ist doch zwingend etwas Übersinnliches am Werk. Wer hätte das schon einmal gesehen, daß etwas mir nichts, dir nichts gegen die Strömung schwimmt.“ Wenn er nur gewußt hätte, wie richtig seine Annahme war. Ein anderer hätte sicher an eine Sinnestäuschung geglaubt, hätte sich kleinmütig die Augen gerieben und den Heimweg angetreten. Nicht so Cornelius Krampus, dessen wissenschaftliche Neugier, dessen Entdeckergeist nun geweckt war.

Wie immer, so kurz vor Weihnachten, geschehen da auch so manche merkwürdige Dinge, verschwimmen die Grenzen zwischen Himmel und Erde wie zwischen Tag und Nacht. Mittlerweile war es auch schon dunkel geworden, die Laternen mit ihren fahlen Schnittmustern auf schwarzem Grund hatte der Alte hinter sich gelassen, und nur noch vereinzelt riß der Scheinwerfer eines Autos einen grellen Schlitz in die Finsternis zwischen den Bäumen. Cornelius Krampus kannte sich aus in seinem Wald, den er gern das „Reich des Wilden Sebald“ nannte. Aber genau deshalb blieb er auch auf der Hut und sah sich vor. Wer schon kannte das Gelände besser als er, wer schon wußte besser als er, daß man sich hier nur zu leicht verirrte im Gewirr der Wege und Pfade, die einander so ähnelten. Wie oft war es ihm schon auf seinen Märschen passiert, daß er nach wenigen hundert Metern die Orientierung verlor, vor allem, wenn der Himmel bedeckt war, so wie an diesem Abend, so kurz vor Weihnachten.

Das unbekannte Objekt schien es jetzt richtig eilig zu haben. Es sprang über die Äste im Wasser als ginge es um einen Wettkampf, hüpfte überall dort wie ein Frosch, wo der Bach verlandet und zugewachsen war und ging wie ein Torpedo auf Tauchgang, wo das Bett tief genug lag. „Lange halte ich das Tempo nicht durch“, schnaufte der alte Mann, stellte den Müllsack ab und bemerkte, daß er sich schon in einem ihm ganz unbekannten Teil des Waldes befand. Aber jetzt aufgeben und wieder zurückgehen? Ausgeschlossen. Auf sein Zapperle gestützt, folgte er weiter über Stock und Stein dem glimmenden Etwas und konnte nur hoffen, daß die Jagd bald ein Ende finden würde.

Wie immer, so kurz vor Weihnachten, geben sich – wenn auch zumeist von den Menschen unbemerkt – Engel und Heilige ein Stelldichein auf der Erde, um die Geburt des Christkindes vorzubereiten. Nicht daß der alte Krampus das vergessen hätte, er hatte ja in früheren Jahren selbst immer wieder Sankt Nikolaus als Knecht Ruprecht auf dessen Visitationen in die Häuser begleitet, wo Kinder wohnen. Aber an diesem Abend waren seine Gedanken ganz bei seinem Bach, den er sauber halten wollte, als hinge davon das Wohl und Wehe der Welt ab. Und nun das. Er fand sich mitten in einer dieser Geschichten wieder, wie es sie immer nur kurz vor Weihnachten geben kann.

Als der Alte schon fast am Ende seiner Kräfte war, schien plötzlich die Ankunft am unbekannten Ziel bevorzustehen. Das wandelbare Ding wurde langsamer und begann zu strahlen wie ein wärmender Stern, erleuchtet von einem großen Feuer. Und wirklich: Dort, wo der Bach entsprang, flackerten Flammen aus einem riesigen Scheiterhaufen, der auf dem zugefrorenen Tümpel loderte. Cornelius Krampus hatte bei seinen Forschungen zur Mythologie und Sagenwelt der Franken ja schon so einiges erlebt: Burgfräulein, die den eigenen Kopf unter dem Arm trugen; Geister, die unvorsichtige Wanderer über Wurzeln stolpern ließen, um sie dann in ein Windloch zu zerren, wo sie entweder vor Schreck der Schlag traf oder wo sie am Gestank der Leichen erstickten, die vor ihnen hier zu Tode gekommen waren; von Kobolden angelegte Wege, die in die Irre führten und unvermutet im Nichts enden konnten. Aber wie sollte denn das gehen: ringsum weder Schnee noch Eis, aber der Weiher zugefroren, und darauf ein Feuer, um das her nichts tauen wollte? Es handelte sich offenbar um ein verzaubertes Leuchtfeuer, an dem sich Wesen trafen, die einem sonst nur in Träumen erscheinen. Und wirklich, es wurde nicht nur heller dort vorne, sondern auch lauter: ein Brummen und Summen, ein Flattern und Knattern, ein Knurren und Schnurren, am weiten Himmel ein Gewimmel. Wo nur hinsehen, worauf nur hören, ohne zu stören? Vielleicht doch weiter auf das Ding achten, das ihn hierhergeführt hatte, oder auf den winzigen Elf mit dem langen Faden um die Waden? Man bekommt diese heimlichen Wesen ja kaum zu Gesicht und hält sie dann meist für Falter. Doch jetzt bestand kein Zweifel mehr. Dieser Winzling hatte den alten Herrn die ganze Zeit so auf Trab gehalten und saß nun, selbst reichlich erschöpft, auf einem kahlen Ast über seiner Last, die sich, das war jetzt ganz deutlich zu sehen, als Brief herausstellte, eingeschweißt in eine glitzernde Folie mit der Leuchtstiftaufschrift „An das Christkind“, die noch das schwächste Licht widerspiegelte. Ein mächtig-prächtiger Uhu packte im Sinkflug den Umschlag und den strampelnden Elf, der den Faden noch nicht von den Waden gelöst hatte, gleich mit dazu und landete mit der Beute auf seinem Ansitz, hoch auf der Krone einer riesigen Eiche, die, wohl nach einem Blitzeinschlag, vor langer Zeit in Brand geraten war und in deren Mitte sich eine Höhle öffnete, in der eine ganze Hundertschaft von Spechten ihr Brut hätte großziehen können. Noch ehe sich Cornelius Krampus, versteckt hinter einem Gebüsch aus Eiben und Weißtannen, einen rechten Reim auf diese phantastische Szenerie machen konnte, forderten zwei aufgeplusterte Käuze, offenbar die Leibwache des Uhus, mit strenger Stimme Silentium.

„Ich danke euch allen im Namen des Allerhöchsten, der herrscht über alle, die heulen wie die Eulen, und natürlich all die andern, die auf der Erde wandern, ich danke euch allen für die Mühe“, dröhnte der Uhu, „die verirrten Kühe, pardon, die verlorenen Briefe an das Christkind einzusammeln. Es ist halt wie immer, so kurz vor Weihnachten, bei der Menge an Post geht’s rund und kommt zum Schwund. Es ist halt wie immer, nur dieses Mal noch schlimmer. So viele Sendungen wie nie zuvor flogen vom Schlitten des Heiligen Nikolaus, und unser Suchdienst kommt kaum noch nach. Aber jetzt hat ja soeben unser Elf Wirbel-Schwirbel die letzte Nachricht an den kleinen Herrn Jesus überbracht, bevor er in unbefugte Hände fallen konnte.“ – „Damit bin ja wohl ich gemeint“, dachte sich Cornelius Krampus, der den Umschlag vielleicht gar nicht geöffnet, sondern gleich in seinen Sack gesteckt hätte. Gar nicht auszudenken. – „Ich denke, wir können nun getrost die Kammer der verlorenen Briefe schließen, bis Erzengel Gabriel in der Heiligen Nacht kommt und die Wünsche der Kinder dem neugeborenen Christus vorliest.“ Mit diesen Worten nahm die Eule den Brief in den Schnabel und steckte den Umschlag – ohne den Elf, der mittlerweile den Faden von den Waden gelöst hatte – in den breiten Eingang zur Baumhöhle, um sie darauf mit seinen ausladenden Schwingen zu bedecken und beschwörend zu sprechen: „Nun schließe sich im Baum die Spalte, es glätte sich die Sorgenfalte. Und Ruhe kehre ein im Wald, dann kommt das Christkind sicher bald.“

Wie weggeblasen waren sie da alle im Nu, die sprechenden Vögel, die Kobolde und Elfen, die alle wollten helfen. Das Feuer stieg mit einem Funkensturm wie durch einen Kamin hinauf in den Himmel, und das Eis auf dem Weiher taute wie der Schnee in der Sonne. Ehe er so recht begriff, sah sich der alte Herr ganz allein hinter den Eiben und Tannen, vor ihm die Eiche, die allerdings wirkte, als flackere in ihr ein ewiges Licht wie in einer dunklen Kirche. Es dauerte eine Weile, bis Cornelius Krampus wieder zu sich kam und – immer am Bach entlang – den beschwerlichen Rückweg antrat, auf dem er noch einem Hasen begegnete, der von einem ständig „Warte nur!“ rufenden Wolf um einen Baum herum gejagt wurde, oder war es der Hase, der den Wolf vor sich hertrieb?

Als der alte Herr, müde wie er war, fast über den zurückgelassenen Müllsack stolperte, wußte er, es war nun nicht mehr weit. Noch einmal drehte er sich um und meinte, das Rauschen von Engelsschwingen zu hören. Aber es waren vielleicht doch nur die Wipfel der Bäume, die sich ihre Geheimnisse zuflüsterten.

Cornelius Krampus wurde von da an noch stiller und hatte einen unerklärlichen Schimmer in den Augen. Am Heiligen Abend zog er wieder mit seinem Zapperle und einigen leeren Säcken los zu seinem Bach.

Jetzt, viele Jahre später, ist es wieder kurz vor Weihnachten. Aber nichts ist mehr wie immer, seit der Alte verschwand. Vielleicht kommt er ja noch einmal zurück. Vielleicht auch nicht. Am Ende war es wohl doch das Rauschen von Engelsschwingen, das er gehört hatte und nicht mehr vergessen konnte.

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